THEMA: Fifty Shades of Green - Costa Rica zur Regenzeit
17 Aug 2022 18:27 #649546
  • H.Badger
  • H.Badgers Avatar
  • Beiträge: 1435
  • Dank erhalten: 6670
  • H.Badger am 17 Aug 2022 18:27
  • H.Badgers Avatar
1. Kapitel: San José

San José ist keine besonders schöne Stadt.

Das sehen wir noch nicht, als wir am frühen Abend bei einsetzender Dunkelheit in Costa Rica landen. Sehr freundlich gestaltet sich der Empfang: Bei der Passkontrolle werden wir von Mitarbeitern aus der Schlange gewunken, da man hier Familien mit Kindern Vorzug gewährt. Nach dem langen Tagflug sind wir dafür dankbar. Auch die Beamtin an der Einreisekontrolle ist äußerst freundlich. Man fühlt sich willkommen.
Nach der Einreise werden wir direkt von einem Chauffeur erwartet – wir sind es überhaupt nicht gewohnt, dass ein Pappschild unseren Namen trägt. Aber nach der anstrengenden Anreise ist dieser Service wunderbar und wir sind froh, jetzt keinen Mietwagen mehr übernehmen zu müssen. Wir verstauen unser Gepäck im nicht weit entfernt geparkten Kleinbus und werden über dunkle Straßen und durch einsetzenden Regen zu unserem Hotel gefahren, das in recht ruhiger Lage einen guten Fußmarsch entfernt vom Zentrum San Josés entfernt liegt.

Wir können das Hotel Auténtico, in dem wir zwei Nächte verbracht haben, unbedingt weiterempfehlen. Bereits am Empfang werden wir überaus herzlich begrüßt. Schnell können wir unser geräumiges Zimmer beziehen, das aus einem Wohn- und einem Schlafbereich besteht, die durch eine Wand voneinander getrennt sind. Alles hier ist recht frisch renoviert und in gutem Zustand. Es gibt einen kleinen Pool und ein gutes Restaurant.



Um die Ecke liegt ein recht großer Supermarkt, dem wir einen kleinen Besuch abstatten, um uns mit Proviant einzudecken.
Und dann geht es auch schon ins Bett. Von der langen Reise sind wir ziemlich fertig.

Am kommenden Morgen sind wir früh wach und genießen das gute Hotelfrühstück. Das Wetter zeigt sich von seiner milden und sonnigen Seite und so lassen wir den Tag nicht zu alt werden, bevor wir ins Zentrum San Josés spazieren.
Schnell wird klar: Besonders schön ist der Weg nicht. Viel befahrene und breite Straßen, gesichtslose Flachbauten – nothing to write home about. :P

Nach einer Weile erreichen wir das verkehrsberuhigte Zentrum der Stadt. Die Straßen sind von vielerlei Läden gesäumt – so früh am Tag verstecken diese sich jedoch mehrheitlich noch hinter verschlossenen Rolltoren.



Unser Ziel ist die Plaza de la Cultura, an der das Nationaltheater und das Goldmuseum liegen. Diese beiden Orte haben wir uns im Vorfeld für unser San José Besichtigungsprogramm ausgesucht.



Als wir ankommen, sind die Kultureinrichtungen noch geschlossen und so genießen die Kinder den großen Platz und tollen herum. Außerdem kehren wir bei Pop’s ein. Dies ist eine Eiscafé-Kette, die in Costa Rica weit verbreitet ist. Hier bekommt man sagenhaft gutes Eis und tolle Shakes und Smoothies. Unser Fahrer hatte uns den Laden gestern Abend empfohlen und wir können diese Empfehlung unbedingt weitergeben.

Als dann das Goldmuseum schließlich seine Pforten öffnet, sind wir unter den ersten Gästen. Der Gebäudekomplex befindet sich unter der Plaza. Über einige Treppen steigt man quasi in einen großen Tresorraum hinab, denn hier werden die mitunter wichtigsten Kulturschätze des Landes aufbewahrt und ausgestellt.





Reist man durch Costa Rica, bekommt man auf den ersten Blick wenig von vergangenen Kulturen mit und so ist dieses Museum ein guter Ort, um sich zu informieren und wirklich beeindruckende Schätze der präkolumbianischen Ära anzusehen. Zahlreiche Tierfiguren und Schmuckscheiben aus purem Gold, die mit großer Kunstfertigkeit gestaltet sind, machen den rund einstündigen Rundgang zu einer sehr lohnenswerten Sache.







Nach dem Museumsbesuch beginnt sogleich unsere Führung durch das nicht weit entfernt liegende Nationaltheater – ein Gebäude, das durch seinen europäischen Charme aus seiner Umgebung deutlich heraussticht.



Ende des vorletzten Jahrhunderts wurde es von den Kaffee-Baronen Costa Ricas finanziert, um eine repräsentative Stätte für kulturelle Veranstaltungen in der Hauptstadt zu haben, die mit dem vorherrschenden Provinzialismus bricht. Man sagt, dass der Auslöser des Baus die Absage einer italienischen Operndiva war, die sich weigerte, in San José aufzutreten, da es dort keine adäquate Bühne gäbe. Ein solcher Schlag ins Gesicht der aufstrebenden Oberschicht sollte sich wohl nicht wiederholen.
Und so entstand der Prachtbau beinahe ausschließlich aus europäischen Zutaten und unter europäischer Federführung. Nur ein (damals sehr umstrittenes) Kunstwerk eines Costa Ricaners findet sich im Eingangsbereich: Die Statue – Die Helden des Elends – sollte nach Ansicht vieler keinen Platz inmitten dieses Kulturprunks haben.



Die Führung durch das Gebäude ist tatsächlich außergewöhnlich. Abwechselnd führen uns zwei Schauspieler durch Zuschauerbereich und Bühnenraum, die immer wieder in unterschiedliche Rollen und Kostüme schlüpfen, um als Architekt, Regisseur und Staatspräsident durch die Historie des Hauses zu leiten. Das ist erfrischend lebendig und hebt sich von ähnlichen Führungen im deutschsprachigen Raum ab. Wir übersetzen den Kindern für sie interessante Punkte und so haben wir alle vier eine gute Zeit im Nationaltheater.





Auf dem Rückweg ins Hotel schauen wir noch in der Markthalle der Stadt vorbei. Enge Wege werden von bunten Läden und Sodas – einfachen Restaurants – flankiert.





Bald darauf öffnen sich erstmals die Schleusen des Himmels in vollem Umfang. Ein beeindruckender Platzregen flutet die Straßen. Schnell suchen wir Zuflucht unter dem Vordach einer Kirche und warten, bis die Flut etwas nachlässt. Dann werden Ponchos und Regenjacken angezogen und es geht durch den anhaltenden Regen zurück zum Hotel.

Dort ist für die Kinder Pool-Zeit angesagt. Es ist schließlich warm genug, dass man auch bei strömendem Regen Spaß im Schwimmbecken haben kann. Auch ein erster Vogel – ein Rufous-collared Sparrow – findet heute noch seinen Weg auf unsere Speicherkarte. Das ist schön an einem neuen Reiseland: Man freut sich auch über Allerweltsvögel.



Als sich das Licht des Tages gegen 18 Uhr verabschiedet (die Sonne hat das schon eine ganze Zeit früher getan…), essen wir im Restaurant lecker zu Abend und fallen bald darauf müde in die Betten.
Früh am nächsten Morgen – ich glaube, es war gegen sechs Uhr – werden wir von einem Reisebus abgeholt, der uns gen Tortuguero bringen soll.

Rückblickend sind wir froh, zwei Nächte in San José eingebaut zu haben, auch wenn die Stadt sicherlich nicht zu den Orten auf der Welt gehört, die man gesehen haben muss. Denn der Aufenthalt hat unseren Reisebeginn wohltuend entschleunigt: In der ursprünglichen Planung wären wir direkt nach der ersten Nacht nach Tortuguero weitergereist. Das wäre sehr stressig gewesen. Und außerdem setzt der Aufenthalt einen schönen Kontrapunkt zu dem ansonsten doch SEHR naturlastigen Rest der Reise. So haben wir wenigsten einige flüchtige Eindrücke von Kultur und Geschichte des Landes sammeln können.

Im nächsten Kapitel geht es mit Pauschalurlaubsanwandlungen, schönen Dschungellandschaften und vielfältigem Getier weiter.
Aktuell: Kruger 10.23 www.namibia-forum.ch...nacht-im-kruger.html

SA, Namibia, Mauritius 2016 / Kruger NP 2016, 2018, 2021, 2023 / Namibia 2017 / Sri Lanka 2018 / Namibia und Botswana 2019 / Costa Rica 2022 / Namibia 2022
Alle Reiseberichte unter: www.namibia-forum.ch...r-reiseberichte.html
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.
Folgende Benutzer bedankten sich: Pascalinah, tigris, casimodo, maddy, Kiboko, Champagner, speed66, picco, urolly, franzicke und weitere 11
19 Aug 2022 09:19 #649677
  • H.Badger
  • H.Badgers Avatar
  • Beiträge: 1435
  • Dank erhalten: 6670
  • H.Badger am 17 Aug 2022 18:27
  • H.Badgers Avatar
2. Kapitel: Auf nach Tortuguero!

Früh klingelt unser Wecker, denn bereits kurz nach sechs Uhr werden wir für unsere Weiterreise nach Tortuguero abgeholt.
Ziemlich pünktlich steht dann auch ein großer Reisebus vor der Hoteltür und unser Guide für die kommenden Tage – Mario – stellt sich uns vor.
Etwas müde steigen wir in den noch leeren Reisebus, der uns die nächste gute Stunde durch die Straßen San Josés schaukeln wird, um noch weitere Tortuguero-Besuchende aufzusammeln. Immer wieder halten wir also eine gefühlte Ewigkeit vor diversen Hotels und an wenig malerischen Straßenecken. Eine solche Art zu reisen sind wir nicht mehr gewohnt und so fremdeln wir etwas mit der Fremdbestimmung dieses Pauschalarrangements, das jedoch den bei weitem einfachsten Weg darstellt, um in den Tortuguero Nationalpark zu gelangen und dessen Buchung deshalb für uns der attraktivste Weg war. In der Theorie wussten wir also (auch durch Reiseberichte hier im Forum) bereits im Vorfeld, was uns heute erwarten wird. :whistle:

Das Prozedere zieht sich in die Länge. Immer mehr Menschen steigen nach und nach zu und so ist der Bus am Ende seines Zickzackkurses durch die Hauptstadt gut gefüllt. Ich werde unruhig, da ich zu Beginn der Reise noch dem Reiseführer-Mantra Glauben schenke, dass es zur Regenzeit in Costa Rica morgens sonnig und trocken sei und ab der Mittagszeit heftiger Regen fallen würde. Unsere Erfahrungen der kommenden Wochen werden jedoch kaum geeignet sein, diesen Grundsatz zu stützen…

Irgendwann verlassen wir die Stadt und das Central Valley, indem wir den Braulio Carillo Nationalpark auf einer gut ausgebauten Straße durchfahren. Die Blicke aus den Busfenstern sind für uns Costa Rica-Neulinge spektakulär: Regenbewaldete Berghänge, überall dichtestes Grün – unterbrochen nur von Flüssen in ihrem natürlichen Bett. Im Vorbeifahren flüchtige Blicke auf Tukan, Brüllaffen und Faultier. Wie gern wären wir hier schon ausgestiegen – aber der Wagen, der rollt.

Das visuelle Erleben wird untermalt von sehr ausführlichen zweisprachigen Erklärungen Marios. Auf Spanisch und Englisch werden die Businsassen mit durchaus interessanten Fakten über Costa Rica und seine Natur versorgt – aber eben leider in gefühlter Dauerschleife. Dieser Informationsservice aus Lautsprecherboxen ist uns eher fremd und wir wundern uns gerade nicht, dass wir seit 2005 keine Großgruppenreise mehr unternommen haben. :P

Das Fremdeln mit der Gesamtsituation wird durch die Mittagsrast in Guapiles im ersten Moment nicht gerade gelindert. Auch hier wussten wir schon in groben Zügen, was auf uns zukommen wird. Der Bus hält an einem kleinen Restaurant am Wegesrand, das nur dafür da zu sein scheint, Transfergruppen auf dem Weg von und nach Tortuguero zu versorgen. Alle sind hier durchaus nett, trotzdem fühlt es sich nach Massenabfertigung an und auch die Qualität des Essens ist eher durchschnittlich.
Aber dann entwickelt dieser Stopp doch noch seinen Reiz. Und das hat zwei Gründe. Erstens ist nahe des Restaurants ein kleiner Pfad durch den Regenwald angelegt, der nur wenige hundert Meter lang ist und zu einem malerischen Fluss führt. Das Eintauchen in diese für uns neue Welt mit ihren fantastischen Pflanzen und intensiven Geräuschen ist ein tolles Erlebnis. Schnell vergessen wir das „Hummeldumm-Arrangement“ und genießen die kleine Entdeckungstour.









Den zweiten Grund der Stimmungsaufhellung liefern uns zwei Sodatenaras, die ich zuerst recht weit entfernt in einem hohen Baum entdecken kann. Gleich so früh auf der Reise hatten wir uns nicht erträumt, diese seltenen Vögel zu Gesicht zu bekommen. Und als sie dann auch noch in einen viel näheren Baum wechseln, sind wir mit der Mittagspause sehr zufrieden. Als Zugabe zeigt sich uns noch ein Broad-winged Hawk. Also alles gut.







Bald geht es dann weiter im Reisebus. Durch flache Weidelandschaft fahrend, nähern wir uns dem Flusshafen von Pavona. Und noch immer scheint die Sonne!

Der Ausstieg hier grenzt an einen Schock. Die schwüle Hitze, die uns beim Verlassen des klimatisierten Busses empfängt, ist schier unerträglich. Zu allem Überfluss wird sie noch durch die Abgase der hier zahlreich eintrudelnden Busse und Individualfahrzeuge gewürzt. Mein erster Gedanke ist, dass ich das hier wohl nicht schaffen werde…
Wir raffen unser umfangreiches Gepäck zusammen (zwei große Trolleys, zwei Erwachsenenrucksäcke, zwei Kinderrucksäcke, eine Provianttasche, zwei große Objektivköcher) und bahnen uns den Weg runter zum Fluss. Rutschig und matschig ist es hier und die Aktion erfordert Kraft, Geschick und etwas Glück…



Nach kurzer Irritation entdecken wir Mario auf einem der Boote. Meine Güte – was ist das hier für ein Gewusel!
Wir verstauen das Gepäck auf einem Transportboot und besteigen selbst ein anderes und schon bald beginnt unsere erste Fahrt über die Kanäle des Nationalparks.

Ganz schnell sind der Stress des Flusshafens und die Länge der Anreise vergessen. Die Landschaft, die uns empfängt, ist einfach wunderschön. Das Wasser des Kanals ist ruhig, gesäumt wird er von Grün und unterschiedlichsten Formen und Schattierungen. Um solche Eindrücke zu erleben, sind wir nach Costa Rica gereist.







Als sich dann auch noch erste Tiersichtungen einstellen, sind wir sehr glücklich. :)

Wir können unseren ersten (recht kleinen) Brillenkaiman entdecken, wie er in typischer Weise unbeweglich an einem kleinen Stamm ruht.



Auch ein erstes (und auch recht kleines) Spitzkrokodil lässt sich ebenfalls klassisch-unbewegt beobachten.





Ein Ringed-Kingfisher zeigt sich im besten Gegenlicht – Fotos haben es hier nicht in die Auswahl geschafft.

Und dann folgt unser Highlight: Ein Dreifinger-Faultier in der dichten Ufervegetation. Und dazu noch ein aktives! Für uns ist das ein Traum – die Kinder sind begeistert, das Attribut „süß“ mit ganz vielen „ü“ wird immer wieder ausgerufen.



Es ist gar nicht so leicht, von dem stets in Bewegung bleibenden Boot dieses zugegebenermaßen nicht allzu schnelle Tier zu fotografieren – das muss noch geübt werden. Davon unbenommen verabschieden wir uns mit einem breiten Lächeln von dieser Begegnung. Familienwunschsichtung: Check! :)

Ein grüner Leguan ist unser letzter Stopp auf der Anreise. Was sind diese großen Echsen, die in den kommenden Tagen zur Grundausstattung gehören werden, doch beeindruckend.



Zufrieden erreichen wir schließlich die Laguna Lodge, in der wir die kommenden zwei Nächte verbringen werden.



Dem Rest des Tages (inklusive der Erkundung der Lodge, einem Ausflug ins Tortuguero Village und einer nächtlichen Meeresschildkrötenbeobachtung) ist das nächste Kapitel gewidmet.
Aktuell: Kruger 10.23 www.namibia-forum.ch...nacht-im-kruger.html

SA, Namibia, Mauritius 2016 / Kruger NP 2016, 2018, 2021, 2023 / Namibia 2017 / Sri Lanka 2018 / Namibia und Botswana 2019 / Costa Rica 2022 / Namibia 2022
Alle Reiseberichte unter: www.namibia-forum.ch...r-reiseberichte.html
Letzte Änderung: 19 Aug 2022 09:24 von H.Badger.
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.
Folgende Benutzer bedankten sich: Pascalinah, tina76, tigris, panther, casimodo, maddy, Champagner, picco, franzicke, Old Women und weitere 9
21 Aug 2022 10:31 #649752
  • H.Badger
  • H.Badgers Avatar
  • Beiträge: 1435
  • Dank erhalten: 6670
  • H.Badger am 17 Aug 2022 18:27
  • H.Badgers Avatar
Die Laguna Lodge ist ein kleines Paradies.

Nach dem Ankommen werden wir mit leckeren Säften als Willkommensdrink begrüßt und in der Lobby über inkludierte (alle Mahlzeiten, Dorfausflug, eine Kanalfahrt) und fakultative Aktivitäten (weitere Kanalfahrten, Wanderung zu einem Aussichtspunkt, Beobachtung der Meeresschildkröteneiablage) informiert. Ich höre nur mit halbem Ohr zu, denn an den Wänden des Raums rasten zahlreiche Fledermäuse, die meine Aufmerksamkeit weit mehr binden können als unser Guide Mario.





Nach kurzer Familienabsprache beschließen wir, bereits heute Abend eine Meeresschildkröten-Tour zu buchen. Wir wollen nicht alles auf eine Karte setzen und uns die Möglichkeit offen halten – sollten wir heute keine Schildkröte zu Gesicht bekommen – am nächsten Tag eine weitere Tour zu buchen. Außerdem buchen wir eine zweite Kanalfahrt zum Sonnenaufgang. In unserem Paket ist nur eine Ausfahrt inkludiert und die findet erst nach dem Frühstück statt. Wir wollen unsere Zeit hier aber so gut wie möglich nutzen.

Bis zum obligatorischen Ausflug ins Tortuguero Village am frühen Nachmittag haben wir noch Zeit und so beziehen wir unser kleines und einfaches Viererzimmer (vier Betten, ein Regal, eine (geteilte) Veranda mit Schaukelstuhl, ein kleines Bad – that’s it). Mit ihren über hundert Zimmern ist die Laguna Lodge die mit Abstand größte Unterkunft, die wir auf dieser Reise besuchen werden. Doch die Größe der Anlage sollte nicht abschrecken, denn die als kurze Reihenhausriegel angelegten Zimmer sind über ein sehr weitläufiges Gartenareal angeordnet, so dass sich die Gästemenge sehr gut verteilt und wir nie das Gefühl hatten, dass es hier richtig voll war. Und überhaupt: Der sattgrüne Garten ist ein Paradies für Tiere unterschiedlicher Art. In einem hohen Baum nisten Montezuma Oropendolas, ihr charakteristischer Balzgesang wird unsere Tage in Tortuguero prägen. An vielen Orten lassen sich außerdem gut getarnte Grüne Leguane ausmachen.



Im großen Restaurant, das direkt am Kanal liegt, essen wir lecker zu Mittag (auch kann man hier die eigenen Wasserflaschen immer kostenlos auffüllen) und gehen dann auf Entdeckungstour über das Lodgegelände und an den angrenzenden Strand.
Die Kinder entdecken Hängematten und Pool und sind begeistert. Meiner Frau und mir begegnen ein erster Stirnlappenbasilisk, mit der Green-breasted Mango unsere erste Kolobri-Art und ein imposantes Brüllaffenmännchen – unsere einzige Bodensichtung dieser Spezies. Wir sind alle sehr zufrieden. Es scheint eine gute Idee gewesen zu sein, hierher zu kommen.







Gegen 14 Uhr besteigen wir ein kleines Boot der Lodge und setzen zum nahen Tortuguero-Village über. Alles hier findet in der Kleingruppe statt und so bekommen wir in einer Menschentraube stehend ein paar Informationen über das Dorf. Bald löst sich die Ansammlung aber auf und man kann das Dorf außerhalb der Gruppenformation ansehen.
Wir machen als erstes Halt an einer Schule: wie jede Schule im Land bläulich gestrichen und am frühen Nachmittag bereits menschenleer. Mit professionellem Interesse werden die Klassenräume gemustert – vor allem wird unsere Aufmerksamkeit aber von einem Käfer gigantischen Ausmaßes gefesselt.



Der weitere Gang über die „Hauptstraße“ des Dorfes fällt unter die Kategorie „kann man machen“.



Der Weg ist gesäumt von kleinen Läden, Bars und Unterkünften. Das Fischerdorf hat unverkennbar eine alternative Geldeinnahmequelle gefunden. Wir finden es völlig okay, dass auch die Lodgegäste hierher gefahren werden, damit die lokale Community auch von diesen profitieren kann und so essen wir an Straßenständen und kaufen ein wenig im Supermarkt ein. So richtig Sehenswertes begegnet uns auf dem Ausflug aber nicht. Immerhin können wir hoch in den Bäumen unsere ersten Klammeraffen entdecken – wenn auch nur sehr suboptimal fotografieren.



Außerdem zeigen sich während des Dorfrundgangs bereits Keel-billed Toucan und Chestnut-mandibled Toucan in akzeptabler Fotodistanz. Auch ein Social Flycatcher lässt sich ablichten. Das sind für uns die eigentlichen Höhepunkte des Ausflugs.







Zurück in der Lodge spazieren wir am wilden Karibikstrand, der so gar nicht dem Klischeebild in unserem Köpfen entsprechen will.



Und bald wird es dann auch bereits dunkel. Nach dem guten Abendessen im Restaurant treffen wir uns an der Lobby mit unserem Guide für die heutige Meeresschildkröten-Tour. Von der Nationalparkverwaltung bekommt jede Kleingruppe einen Strandabschnitt zugeordnet, an dem sie ihr Glück versuchen kann. Zu Beginn gibt es ein ausführliches Briefing über Verhaltensregeln. Es wird hier sehr ernst genommen, dass die Tiere möglichst wenig gestört werden. So ist es z.B. absolut verboten, Mobiltelefon, Taschenlampe oder Kamera mit auf die Tour zu nehmen. Jede unkontrollierte Lichtquelle soll vermieden werden.

Wir besteigen ein Boot und fahren in absoluter Dunkelheit über den Hauptkanal zu unserem Strandabschnitt. Kurz nach dem Aussteigen heißt es dann erstmal abwarten. Ein Ranger ist am Strand unterwegs und prüft, ob Schildkröten an dieser Stelle heute an Land kommen. Wir warten und warten in absoluter Finsternis. Anfangs weiß unser Guide noch dies und das zu erzählen, aber irgendwann ist jeder Gesprächsstoff aufgebraucht und wir lassen uns erschöpft auf dem Boden nieder. Die Kinder sind beinahe eingeschlafen (oder waren sie es tatsächlich bereits?), als es irgendwann heißt, dass am Strand neben der Laguna Lodge – unserer Lodge! – Schildkröten gesichtet wurden und wir nun die Erlaubnis hätten, diesen Abschnitt aufzusuchen. Also wieder rein ins Boot und in Windeseile durch die Schwärze der Nacht zurück zur Lodge. Das wird immerhin die Heimreise am Ende der Tour für uns verkürzen.

Und tatsächlich: Circa fünfzig Meter Luftlinie hinter unserem Zimmer (!) können wir nun eine Grüne Meeresschildkröte bei ihrer Eiablage beobachten. Meine Güte – ist das Tier riesig!
Das Prozedere der Beobachtung läuft extrem ritualisiert und diszipliniert ab. Als wir ankommen, ist die Schildkröte gerade dabei, ihre Eier in eine zuvor gegrabene Sandkuhle zu legen. Bis auf ca. einen Meter dürfen wir uns leise dem Ort des Geschehens nähern – immer unter dem wachsamen Augen der Ranger. Unser Guide strahlt mit einem matten Rotlicht den hinteren Teil der Meeresschildkröte an – ihren Kopf werden wir nie wirklich zu sehen bekommen. Störungsprävention hat hier glücklicherweise eine hohe Priorität.
Mit angehaltenem Atem stehen wir da und sind von dem, was wir sehen, total fasziniert. Nach etwa zwei Minuten müssen wir den Ort verlassen und uns „hinten anstellen“: Eine neue Kleingruppe darf nun zusehen. Wir sind dankbar für jeden Augenblick, den wir miterleben durften.
Wir stellen uns nun immer wieder an und können den Prozess der Eiablage auf diese Weise begleiten. Nachdem sämtliche Eier ihren Weg in die Grube gefunden haben, beginnt das Muttertier das Loch zu schließen und in einem weiteren Schritt durch wilde Schläge der Flossen und dadurch aufgewirbelten Sand zu tarnen. Das macht die Grüne Meeresschildkröte mit enormem Engagement: Man sollte auf seine Augen achten – der Sand fliegt mit enormer Kraft hoch durch die Luft. Dass irgendwann der unvermeidliche Regen einsetzt, stört uns gar nicht: Ponchos, Wärme und Faszination sei Dank!
Während wir anstehen, entdecken wir noch eine weitere Schildköte, die sich gerade auf dem Weg zurück ins Meer befindet – die Ausmaße dieser Tiere sind wirklich beeindruckend!

In unseren Köpfen haben wir ganz viele Bilder abgespeichert, als wir todmüde zu unserem Zimmer zurückkehren. Ein extrem intensiver Tag liegt hinter uns. Dass wir heute Morgen noch in San José erwacht sind, können wir uns gar nicht richtig vorstellen.

Nach einigen Stunden der Erholung (gut, dass es Ventilatoren gibt...) geht es dann im Morgengrauen auf die Kanäle. Wir sind gespannt.
Aktuell: Kruger 10.23 www.namibia-forum.ch...nacht-im-kruger.html

SA, Namibia, Mauritius 2016 / Kruger NP 2016, 2018, 2021, 2023 / Namibia 2017 / Sri Lanka 2018 / Namibia und Botswana 2019 / Costa Rica 2022 / Namibia 2022
Alle Reiseberichte unter: www.namibia-forum.ch...r-reiseberichte.html
Letzte Änderung: 17 Sep 2022 17:15 von H.Badger.
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.
Folgende Benutzer bedankten sich: Pascalinah, tina76, casimodo, maddy, Kiboko, Champagner, speed66, picco, Old Women, Daxiang und weitere 10
22 Aug 2022 21:42 #649880
  • H.Badger
  • H.Badgers Avatar
  • Beiträge: 1435
  • Dank erhalten: 6670
  • H.Badger am 17 Aug 2022 18:27
  • H.Badgers Avatar
Kapitel 3: Tortuguero-Safari

Kurz vor Sonnenaufgang müssen wir raus aus den Federn – das ist vor allem für die jüngere Hälfte der Familie eine echte Überwindung, nachdem der Tag gestern doch recht lang geworden ist.
Aber es hilft nichts: In aller Herrgottsfrühe legt unser Boot zur ersten Kanal-Safari ab und wir sind gespannt, was uns im noch jungen Licht des Tages vor die Linse kommen wird. Das Wetter präsentiert sich glücklicherweise von seiner trockenen Seite und immer wieder zeigt die Sonne ihr Gesicht. Das ist in Tortuguero – unabhängig von Regen- oder Trockenzeit – keine Selbstverständlichkeit und daher sind wir froh.
Gleich neben dem Bootsanleger entdeckt unser Skipper einen Stirnlappenbasiliken im dichten Ufergrün. Regungslos und perfekt getarnt wäre er unseren ungeübten Augen sicherlich entgangen.



Und dies ist tatsächlich bei den meisten der heute folgenden Sichtungen der Fall: Ohne erfahrene Guides hätten wir wenig gesehen.
Wir müssen nicht lange fahren, bis wir auf einen Anhinga treffen, die mittel- und südamerikanische Version des afrikanischen Schlangenhalsvogels. Etwas kleiner als dieser, aber insgesamt ein vertrauter Anblick.



Weitere Sichtungen folgen in kurzen Zeitabständen: Ein kleiner Green Heron macht den Anfang.



Dann können wir einen weiteren Stirnlappenbasilisken entdecken – auch dieses Mal gut getarnt.



Ein Dreifinger-Faultier zeigt sich uns als Fellkugel – kein vorzeigbares Foto.
Ein Ringed Kingfisher hat seinen Ansitz wenig fotogen auf Stromleitungen gewählt.



Und natürlich lässt auch ein Grüner Leguan nicht lange auf sich warten.



Am Eingang zum Nationalpark machen wir fest und müssen eine Weile warten, bis unser Guide den Eintritt geregelt hat.
Und kurz darauf folgt auch schon unser erstes Tageshighlight: Direkt am Ufer und gar nicht mal sehr weit über unseren Köpfen bahnt sich pitschnass und äußerst zottelig unser erstes Zweifinger-Faultier seinen frühmorgendlichen Weg. Dass dieses Exemplar ziemlich ungewöhnlich gefärbt ist, merken wir erst im Nachhinein, weil wir zu diesem Zeitpunkt noch gar keinen Vergleich haben. Wie Bolle freuen wir uns über diese Sichtung: Solche Erlebnisse hatten wir uns erhofft. Sie nun Realität werden zu sehen, ist eine ganz großes Geschenk.





Weiter geht es über eher breite Kanäle – die wirklich kleinen Wasserwege sind nur mit Kajaks zu befahren und das war uns in der aktuellen Familienkonstellation etwas zu abenteuerlich.



Die nächste Phase der Ausfahrt ist fest in Vogelhand: Ein Fasciated tiger heron ist unsere nächste Sichtung.



Gefolgt von juvenilen Northern Jacanas und einem Green Kingfisher.





Ein Brillenkaiman schleicht sich in den Vogelreigen, um direkt von einem Green Ibis abgelöst zu werden.







Und dann entdecken wir meine neuen Lieblingsreiher, die uns etwas an den Schuhschnabel Afrikas erinnern: Boat-billed Heron, zu Deutsch: Kahnschnabel.





Auf der Rückfahrt zur Lodge begegnen wir erneut unserem Zweifinger-Faultier. Es hat sich an exponierter Stelle in einen Baum gehängt, um vielleicht endlich mal trocken zu werden. Das zufriedene Lächeln beim Sonnenbad ist unbezahlbar.





Zurück in der Laguna Lodge machen wir nur eine kurze Frühstückspause, um dann wieder das Boot zu besteigen.

Die zweite Ausfahrt führt uns über andere Kanäle und verläuft sichtungstechnisch etwas ruhiger.
Wir können gut getarnt einen Yellow-crowned Night-Heron entdecken und außerdem einige Golden Orb Spiders ablichten – was vom Boot aus gar nicht so einfach ist, aber wir wissen ja noch nicht, wie oft wir die Tiere noch zu Fuß vor unserer Nase haben werden.





Ein weiterer Helmbasilisk – unsere Lieblingsechse Costa Ricas: Dieser Kamm, diese Farbe, der starre Blick – einfach sehr schön anzusehen.



Auf dieser zweiten Ausfahrt befahren wir kleinere und sehr malerische Kanäle. Über unseren Köpfen schließt sich das Regenwalddach, alles ist in grünes Zwielicht getaucht. Das Wasser des Kanals steht beinahe still und wird zum Spiegel. Dazu das gar nicht so ferne Kreischen der Weißschulterkapuziner. Eine wunderbare Stimmung.



Kurz setzt Regen ein und hört so plötzlich, wie er begonnen hat, auch wieder auf. Und dann entdecken wir ein Brüllaffen-Gruppe. In der dichten Ufervegetation wird geturnt und geschmaust. Fast immer sind die Affen in Bewegung, häufig sind sie halb durch große Blätter verborgen. Für den Fotografen ist es da nicht immer ganz einfach, scharfe und unverstellte Fotos zu machen.







Nach einiger Zeit lösen wir uns von dem Treiben der Brüllaffen und entdecken einige Zeit später ein Dreifinger-Faultier. Dieses ist zwar wach, aber durch das dichte Laub, in dem es sich bewegt, nur schwer zu beobachten. Immerhin gelingt ein Erinnerungsportrait durch eines der seltenen Vegetationslöcher - eine Herausforderung bei dem sich ständig bewegenden Boot...



Bald darauf finden wir erneut Brüllaffen – und dieses Mal sehen wir sie nicht nur, sondern können aus kurzer Distanz erfahren, warum niemand auf die Idee kam, die Tiere „Flüsteraffen“ zu nennen.



Das Finale der Tour wird von einem Klammeraffen übernommen, der über unseren Köpfen herumturnt und sein spätes Frühstück einnimmt. Bei dieser Sichtung kann ich die Erfahrung, ein dunkles Motiv gegen den hellen Himmel fotografieren zu müssen, richtig schön auskosten… Costa Rica stellt in dieser Hinsicht großzügig Übungsanlässe zur Verfügung…







Recht schnell geht es dann mit dem Boot zurück zur Lodge – wir haben einen weiten Weg vor uns und entsprechend schnell wird gefahren. Auf der Rückfahrt geht es dann nur noch um Strecke und nicht mehr um Sichtungen – das finden wir etwas schade.

Trotzdem sind wir mit dem Morgen des heutigen Tages sehr zufrieden. Tortuguero weiß zu begeistern.
Den weiteren Tag werden wir ganz profan auf dem Lodgegelände verbringen – das tut aber dem Wildlife-Erlebnis überraschenderweise gar keinen Abbruch.
Von unserer "Walking-Safari" im Garten und am Strand handelt das nächste Kapitel.
Aktuell: Kruger 10.23 www.namibia-forum.ch...nacht-im-kruger.html

SA, Namibia, Mauritius 2016 / Kruger NP 2016, 2018, 2021, 2023 / Namibia 2017 / Sri Lanka 2018 / Namibia und Botswana 2019 / Costa Rica 2022 / Namibia 2022
Alle Reiseberichte unter: www.namibia-forum.ch...r-reiseberichte.html
Letzte Änderung: 17 Sep 2022 17:14 von H.Badger.
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.
Folgende Benutzer bedankten sich: tina76, tigris, maddy, Kiboko, Champagner, speed66, picco, Old Women, Daxiang, sphinx und weitere 5
22 Aug 2022 22:07 #649881
  • Flori
  • Floris Avatar
  • Beiträge: 761
  • Dank erhalten: 513
  • Flori am 22 Aug 2022 22:07
  • Floris Avatar
Hallo,

wir können vieles bestätigen ( bisher)
San José ist ganz nett, aber muss nicht sein, außer vl authentische Restaurants erleben.

In Tortguero waren wir auch von der Laguna Lodge begeistert. :) Inclusive Rotaugenfrosch. ;)

LG Doro

P.S. Ich werde deinen Bericht gern weiter verfolgen, bin aber zunächst in Island unterwegs.
~ Africa is a feeling ~
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.
Folgende Benutzer bedankten sich: H.Badger
22 Aug 2022 23:43 #649884
  • CuF
  • CuFs Avatar
  • Beiträge: 4037
  • Dank erhalten: 7385
  • CuF am 22 Aug 2022 23:43
  • CuFs Avatar
Guten Abend, Sascha,
Dir ist sicher der „Basiliskenblick“ ein Begriff…
Mir ist er beim Betrachten Deiner Fotos ins Hirn geschlichen und ich habe ein wenig wikipediasiert - sehr interessant- genau wie Dein schöner Bericht. Ich bewundere neben den Sichtungen besonders die Ausdauer Eurer Töchter :whistle: und freue mich auf mehr!
Grüße
Friederike
Letzte Änderung: 23 Aug 2022 07:54 von CuF.
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.
Folgende Benutzer bedankten sich: H.Badger