KTMThemenstarter185 Beiträge · seit 201007. Jan. 2025 ·
4. November:
Morgendlicher Ausblick aus unserem Zelt
In der Früh schäle ich mich ziemlich gerädert aus dem total nassen, weil vom Tau beschlagenen Zelt. Mein Kopfweh von gestern ist zwar verflogen, aber ich friere bis Mittag und habe ziemlich starke Kreuzschmerzen, die leider den ganzen Tag anhalten. Erst als wir zuhause in Deutschland unsere Fotos der Wildkamera anschauen können, werden wir feststellen, dass in dieser Nacht ein Tier an unserem Zelt vorbeispaziert ist, das wir weder als Hauskatze oder Haushund identifizieren können, auch nicht als Fuchs oder Marder – was mag es wohl gewesen sein?
Wir verabschieden uns von diesem wunderbaren Schlafplatz und zuckeln vorsichtig nach Tabuk zurück, immer auf der Suche nach einer Werkstatt, die auch geöffnet hat und die vor allem auf unserer Straßenseite steht. Das ist durch das komische saudische U-Turn-System schwieriger als gedacht und bringt uns letztlich wieder zurück ins Stadtzentrum. Schließlich finden wir einen freundlichen jungen (asiatischen) Mechaniker, der unsere Reifen wieder auf zwei Bar bringt – Geld will er keines dafür. Vielleicht freut er sich über den Kaffee, den wir zuviel gekauft haben? Wir wissen es nicht. Trinkgeld und kleine Geschenke im Service kennt man hier wohl gar nicht.
Jetzt können wir wieder beruhigt fahren, Dietmar muss aber höllisch auf die kamikaze-artigen Aktionen der anderen Verkehrsteilnehmer achtgeben. Da braucht es oft wirklich tausend Schutzengel.
Wenn wir schon die ST3-Tour aus der Pistenkuh-App nicht zur Gänze fahren konnten, so möchten wir doch von der anderen Seite kommend an deren anderes Ende fahren, um den eindrucksvollen Al Shaq Canyon zu sehen. Dieser Abstecher lohnt sich sehr, wieder eine überwältigende Landschaft! Wir machen direkt an der Abbruchkante Rast und halten ein frühes Mittags-Picknick.
Die Strecke zurück zur Teerstraße ist nicht besonders weit, aber sehr steinig, felsig und für Dietmar schwierig zu fahren. Na hoffentlich ist da am Auto nichts kaputt gegangen.
Nun fahren wir rund 230 km ins Wadi Disah, und zwar mit dem festen Vorsatz, offroad-mäßig nichts zu riskieren. Und daran halten wir uns auch: Das Tal ist atemberaubend schön, also besonders die umgebenden, steil aufragenden Felswände, aber nach der dritten tiefen Wasserquerung haben wir keine Lust mehr auf Auto versenken und kehren um.
Auf unserer Fahrt heute kommen wir immer wieder durch trostlose, völlig heruntergekommene Orte. Oft haben sie unheimlich tolle, von Palmen und Kunstrasen gesäumte Einfahrten, Straßenlaternen wie am Champs Elysee, aber menschenleer und verlassen. Investitionsruinen, Geschäftsideen, vermüllte, leerstehende Gewerbeeinheiten, kaum Wohnhäuser und praktisch keine Menschen, höchstens Autos. Die Tankstellen sind auch in verschiedenen, desaströsen Zuständen, die zahlreichen Moscheen ungepflegt und nicht gewartet.
Kreisverkehr
Als wir heute unterwegs einmal anhalten, werden wir von einem Schafhirten angesprochen. Er kommt näher und will etwas. Diese Situation kennen wir hundertfach aus Afrika, aber hier läuft es so anders! Der junge fesche Mann wahrt Distanz und will nicht, Hauptsache irgendetwas, sondern konkret Wasser. Wie in Afrika wollen wir ihm einen Kanister schenken, aber nein, er hat eine leere Wasserflasche dabei und bittet darum, sie aufgefüllt zu bekommen. Sonst will er nichts, wirklich sehr anders als in Afrika!
An derselben Stelle radelt übrigens plötzlich ein schwerbeladener Franzose vorbei. Er hält nicht an, aber vermutlich durchquert er Saudi Arabien oder ist er etwa sogar in Frankreich gestartet?
Durch die gebirgige Landschaft gestaltet sich die heutige Zeltplatz-Suche gar nicht einfach. Das Gelände ist entweder abschüssig oder so von Geröll und spitzen Steinen übersät, dass wir nicht einmal ein paar Quadratmeter Liegefläche finden. Im schönsten Abendlicht präsentiert sich uns eine grandiose Landschaft, die uns entfernt an manche Nationalparks in den USA erinnert. Die beleuchteten Berge sind herrlich anzusehen und wunderschön, und schließlich finden wir auch ein Plätzchen nicht weit (und trotzdem uneingesehen) von der Teerstraße. Es liegt ganz nett, ist aber ziemlich vermüllt. Es scheint wieder eine sehr kalte Nacht zu werden und nicht allzu weit weg bellen Hunde. Na, da entscheide ich mich heute lieber für eine Nacht im Auto. Mein Kreuz wird sich vielleicht auch über eine weichere Unterlage freuen.
ja, genau in diesem Laden waren wir! Er war riesig, aber es gab dort wirklich kein einziges Buch. Vielleicht hätte man dort aber welche bestellen können. Auch in anderen Filialen von Jarir haben wir keine Bücher gesehen. Aber es mag schon sein, dass es irgendwo in Saudi Arabien Buchgeschäfte gibt, wir haben ja nur einen Teil des Landes gesehen und auch nicht speziell nach Büchern gesucht. Unserem Eindruck nach scheint Lesen aus Büchern nicht die erste Freizeitbeschäftigung der Saudis zu sein 😄 Liebe Grüße, Dietmar
Hallo Dietmar, ich bin weiterhin sehr interessiert dabei, finde es unglaublich was sich in diesem Land tut. Ja, immer noch Mittelalter, aber wenn man bedenkt, dass es sich erst seit ein paar Jahren für den Tourismus geöffnet hat.
Ich habe mir das Buch "Frühling in Saudi Arabien" gekauft und finde es sehr interessant zu lesen. Die Autorin beschreibt u.a. auch einen "Ausflug" in einen Buchladen, zuerst die herbe Enttäuschung im Erdgeschoß nur iphones, Drucker, Kaffeemaschinen, Fernseher usw usw usw. Dann im ersten Stock die Offenbarung, Bücher in arabisch und englisch. Von Greta Thunberg über Michele Obama, von Mein Kampf zu Orwell und Nitsche. Alles da. Daher meine Frage 🙂
Freue mich, dass es hier so regelmäßig was zu lesen gibt!
viele Grüße Elke
Menschen, mit denen man lachen und weinen kann, sind die Menschen, die das Leben ausmachen.
KTMThemenstarter185 Beiträge · seit 201008. Jan. 2025 ·
Hallo Elke,
Du hast recht, wir waren gar nicht oben. Die Fülle an Angebot hat uns gar nicht erkennen lassen, dass es eine erste Etage geben könnte.
Vielen Dank für den Buchtip! Nachdem unsere Reisevorbereitung ja viel zu dürftig war, nehmen wir das gerne als Anregung für die Nachbereitung.
Liebe Grüße, Dietmar
KTMThemenstarter185 Beiträge · seit 201009. Jan. 2025 ·
5. November:
Es war vielleicht nicht der allerromantischste Platz unserer bisherigen Saudi Arabien Reise, aber doch geschützt, mit schöner Aussicht und nicht allzu weit von der Teerstraße. Und es war eine kluge Entscheidung, gleich im Auto zu übernachten, denn man merkt immer noch die Nähe zum Gebirge. Es wird so kalt, dass wir selbst mit Extra-Decken und Schlafsack im Auto frieren.
Heute starten wir schon vor Sonnenaufgang um 6.45 Uhr mit bester Reiselaune und herrlicher Stimmung. Wir sind neugierig, was uns der Tag Schönes bringen wird. Und er tut es reichlich: Zuerst führt unsere Route weiter über abwechslungsreiche Gebirgspässe mit immer wechselnden, immer anders schönen Landschaften. Teils rot, dann schwarz, die Berge oft spitz, dann massiv. Einzelne Felsen wie Skulpturen, Gebirgszüge, so weit das Auge reicht. Oft spröde, dann mit Sanddünen durchzogen. Wir kommen aus dem Staunen gar nicht heraus, wissen gar nicht, wo zuerst hinschauen und haben irgendwann das Gefühl, dass unsere Augen (zu) voll sind.
Irgendwann nähern wir uns wieder Al Ula, die Landschaft wirkt angenehm vertraut, aber nicht minder schön als vor einigen Tagen.
Unser Ziel ist heute der Harrat-Viewpoint. Letzte Woche hat die Zeit nicht gereicht, heute passt es uns gut ins Programm. Die Paßstraße auf den Berg ist gratis, aber angeblich erst ab 10 Uhr geöffnet. Als wir die merkwürdig direkt gerade hinauf gebaute Straße bewältigt haben, stellt sich aber heraus, dass oben alles „under construction“ ist. Vor der Baustelle ist ein junger Saudi platziert, um nur genau das mitzuteilen. Man sagt, der Tourismus in Saudi stecke noch in den Kinderschuhen, aus unserer Sicht eher in Babysöckchen.
Dietmar und ich unterhalten uns auf dem Berg mehr über dieses Thema und die damit verbundenen skurrilen Absurditäten, die wir erleben, beobachten und sehen, als über die Aussicht, die wir hier oben genießen. Links und rechts der Baustelle dürfen wir ins weite Tal blicken. Ja, großartig, aber wir sind ehrlich gesagt schon etwas übersättigt. Wir lachen und staunen eher über die enorme Vermüllung hier oben und auch sonst; über aus dem Westen kopierte, aber sinnlose Einrichtungen wie z.B. kilometerlange, zweispurige Radwege durch die Wüste, die im Nirgendwo enden; über sehr schöne, aber leider unerreichbare Picknickplätze; über viel zu enge und zu steil gebaute Serpentinen; …
Wir staunen auch über neun(!) Angestellte im Visitor Center am überdimensionierten „Winterpark“-Parkplatz (was für ein Name!), die augenscheinlich alle nichts zu tun haben. Aber so ist es hier eben, und wir dürfen in der edel designten Lobby unsere Handys laden. Bei Kaffee und Datteln sitzen wir auf feinen Lounge-Möbeln und suchen uns über Booking ein Hotel in Dschidda. Auch bezüglich Riad überlegen wir, sind uns aber noch nicht sicher über den Zeitraum usw.
Die Handys haben getankt, jetzt haben auch wir Hunger und machen uns auf Restaurantsuche in der neuen Stadt Al Ula. Wie immer wählen wir auch heute ein ganz einfaches Lokal, wieder werden wir sehr nett empfangen. Wieder bin ich die einzige Frau, wieder schmeckt das Essen ausgezeichnet! Es gibt Kapsah mit Fisch oder Rind, wir wählen Fisch und es ist für mich das bisher beste Essen der Reise. Man kredenzt uns eine riesige Menge Reis mit herrlicher, gelber Knofisauce, dazu etwas Erdäpfel und ganz, ganz wenig Hendl-Deko, es gibt Zitronen, Gurken und Pfefferoni als „Salat“ sowie eine exzellente Fischsauce mit uns unbekanntem Gemüse und köstlichem Fisch!
Die jungen Männer im Restaurant unterhalten sich sehr nett mit uns. Sie helfen uns beim Übersetzen, sie kümmern sich um unsere Handyladung. Einer bietet uns an, sein Rindergericht und ein gebratenes Ei von seinem Teller zu probieren. Als er merkt, dass es uns schmeckt, bestellt er es einfach noch einmal für uns. Unglaublich, man stelle sich das in Europa vor! Jemand bringt uns ungefragt zwei Wasserflaschen. Ein junger Schmied aus Bangladesch war zuletzt in South Africa stationiert, bis es ihm dort zu kriminell wurde... Was für ein Mittagessen, es macht uns den ganzen Nachmittag über glücklich!
Gleich neben unserem Restaurant befindet sich ein schicker Kaffee- und Süßigkeitenladen. Wir werden dort auf einen kleinen Kaffee und Dattelkekse eingeladen, ohne dass wir das Gefühl haben, wir sollten doch bitte auch etwas kaufen.
Bei der Ausfahrt aus Al Ula finden wir dann noch die Krönung unseres fürstlichen Mahls: Wir lassen uns in einem Juice-Shop, die wir schon im Oman sehr zu schätzen gelernt haben, zwei gemischte Säfte pressen. Vom Granatapfel bis zur Schokolade ist da alles drin und die Drinks haben vermutlich doppelt soviel Kalorien wie unser Mittagessen.
Derartig gestärkt (auch unser Auto bekommt noch Diesel) fahren wir noch rund 250 km hinaus bis zur Abzweigung unserer geplanten Wüstentour. Diese „Einsteigertour“ hat ca. 160 km, wir sind gespannt, was uns erwartet. Recht früh und unkompliziert finden wir heute einen herrlich idyllischen Platz für die Nacht, etwas geschützt und mit traumhaft schönem Blick.
Wir verrichten nun schon eingespielt unsere Abendaufgaben, die Nacht verspricht warm zu werden, hoffentlich legt sich der Wind, und das Wetterleuchten zieht weiter. Wir hören in der Ferne zwei komische Geräusche, das eine ist vermutlich ein Fuchs, das andere bleibt ein Rätsel. Wir freuen uns sehr über diesen tollen Urlaubstag und hoffen auf eine ruhige Nacht.
abendlicher Ausblick aus unserem Zelt
KTMThemenstarter185 Beiträge · seit 201009. Jan. 2025 ·
6. November:
Heute Nacht haben wir es angenehm warm, aber teilweise leider auch recht windig. Schon 20 Minuten vor dem Wecker bin ich wach und beschwingt, und fröhlich absolvieren wir noch im Dunkeln unsere Morgenroutine. Pünktlich um 6 Uhr starten wir noch im Morgengrauen: Die Landschaft ist pittoresk und erinnert mit den sandigen Tälern zwischen den Bergen an Szenerien in Afrika.
Nach ca. 30-minütiger Fahrt erreichen wir einen großen Beduinenlagerplatz. Die Menschen schlafen scheinbar noch, auch die Kamele und Schafe sind noch eingepfercht, aber die drei Hunde betreiben Morgensport, indem sie versuchen, unserem Auto hinterher zu schwatteln. Nach weiteren ca. 30 Minuten Fahrt wird das Gelände felsig, steinig und schroff und ich überlege mir, ob ich das nun für die nächsten acht Stunden weiter so haben möchte. Die Strecke scheint für uns zwar bewältigbar, wir entscheiden aber, dass es nicht dafür steht und uns keinen Mehrwert bringt und kehren daher um.
Im Beduinenlager ist Betrieb eingekehrt, unter einer schönen Akazie frühstücken Kamele, unter einer anderen Dietmar. Etwas später sind wir zurück auf der Teerstraße und gondeln gemütlich in Richtung Medina.
Ich unterhalte Dietmar mit Infos aus dem Bradt-Guide, und wir staunen auch heute über schöne Landschaften, absurde Ortseinfahrten und trostlose, leerstehende Baracken neben der Straße. Je weiter wir uns auf Medina zu bewegen, desto größer, opulenter und häufiger werden die Moscheen.
Mein Bild von Medina als hässliche Stadt bestätigt sich bei der Einfahrt. Ich bewundere Dietmar, wie er uns bei extremem, grausam gefährlichem Verkehr zuerst über den dritten, dann über den zweiten Ring bis zum Bahnhof Hejaz Medina Railway Station kutschiert. Weiter dürfen wir als Nicht-Moslems nicht, zumindest glauben wir das zu diesem Zeitpunkt noch.
Bahnhof Hejaz Medina Railway
Wir möchten uns zuerst ein Mittagessen suchen und dann das Museum im Bahnhof besichtigen. Auf Empfehlung des Bradt-Guide trage ich heute wieder Abaya und zusätzlich noch ein dunkles Kopftuch. Ich fühle mich passend gekleidet für den Anlass, bei 35 Grad ist es aber nicht gerade ein Spaß.
Dietmar und ich möchten auf unserer Mittagessen-Suche nur um einen Block spazieren, aber einige Passanten – alle Moslems – laden uns ein, mit ihnen durch eine Unterführung in den inneren Bezirk zu kommen. Wir gehen mit, bleiben dann aber nur recht kurz, denn dieser Teil ist, so meinen wir, den Moslems vorbehalten. Wir wollen das respektieren und sehen für uns auch keinen Sinn darin, länger zu bleiben. Zurück in der Heimat werden wir erfahren, dass es nicht-Moslems nun schon offiziell erlaubt ist, sich im inneren Bezirk aufzuhalten. Hätten wir es damals schon gewußt, wären wir natürlich länger geblieben. Die Propheten-Moschee bleibt nach wie vor nur Moslems zugänglich.
Was uns hier und gleich danach beim Essen aber extrem interessiert, ist der Spirit der Pilger, der hier herrscht. Wir empfinden den Duft der großen weiten Welt, in diesem Falle halt der muslimischen. Wir beobachten Leute und Pilger aus aller Herren Länder, auffallend viele alte Menschen sind dabei und oftmals besonders schön gewandet. Je nach Herkunft oft in den buntesten und prächtigsten Gewändern, das betrifft alle: Frauen, Männer und Kinder.
Es gibt hier unzählige Hotels, die Stadt wirkt sehr reich, viele Restaurants und im Vergleich zu dem bisher in Saudi Arabien Gesehenen wirkt vieles auch recht touristisch. Man wird z.B. von Restaurantbetreibern aktiv aufgefordert, ausgerechnet ihr Lokal zu besuchen, es gibt bebilderte(!) Speisekarten, die Speisen sind einheitlicher und liebloser als sonst zubereitet, und es gibt allerlei religiöse und weniger religiöse Souvenirs für die Pilger …
Wir essen Chicken Biryani und vier Chicken Samosas. Das Wasser bringt man ungefragt und wir bezahlen fünf Euro für alles zusammen. Die Qualität des Essens von heute kann man nicht annähernd mit der gestrigen vergleichen, aber wir genießen es sehr, von unserem Tisch aus das Treiben zu beobachten. Wir versuchen, den Vibe von Medina aufzunehmen und sind glücklich, dass uns das hier gelingt.
Wir spazieren noch ein wenig umher und sehen all die Menschen mit ihrer verschiedenen Herkunft. Auch viele Frauen sind dabei und im Vergleich zu den saudischen wirken alle lockerer, lebendiger und emanzipierter.
Schließlich gelangen wir wieder zum Museumsbahnhof, doch der hat jetzt leider geschlossen. Entweder Gebetszeit oder was auch immer, und natürlich keinerlei Info, wann wieder geöffnet sein wird. Tourismus in den Kinderschuhen halt.
Wir fahren weiter: Bei Panda in einer nahen Shoppingmall kaufen wir Trinkwasser-Kanister und Datteln. Auch hier öffnen und schließen die einzelnen Läden nach für uns undurchsichtigem Muster. Es gibt aber eh nicht besonders viele Kunden, am meisten Betrieb herrscht in der schrecklichen Pling-Pling-Spielhöhle für Kinder: Lauter laute, bunte Automaten, wie wir sie schon aus dem Oman kennen.
Dietmar schafft es, uns wieder heil aus Medina hinaus zu bringen. Ich schaue vor Angst besser gar nicht auf die Straße. Etwas außerhalb der Stadt gönnen wir uns heute einen Nachmittagskaffee aus unserer Bordbar. Dann fahren wir weiter bis ans Rote Meer. Nachdem wir die Gebirge hinter uns gelassen haben, fahren wir plötzlich durch eine Landschaft aus riesigen, hellen Sanddünen und kurz darauf endet auch dieses Naturschauspiel abrupt.
Vor uns liegt eine unwahrscheinlich riesige, flache Ebene und ganz weit in der Ferne sehen wir zum ersten Mal das Meer. Eine Weile fahren wir auf der Autobahn auf Mastorah zu und zweigen rund 20 km vorher aufs Geratewohl irgendwo ab, in der Annahme und mit der Absicht, wir könnten ja kurz schauen, ob es am Meer einen geeigneten Schlafplatz für uns gäbe.
Da haben wir uns aber ganz schön getäuscht: Unsere Augen suggerieren uns, das Meer wäre ganz nah, aber je näher wir heranfahren, desto weiter rückt es wieder in die Ferne. Mit wachsendem Unwohlsein fahren wir auf dünner Piste immer weiter. Rundum sehen wir nichts als eine endlose, sandfarbene Weite. Kein Gebäude, kein Mensch, kein Auto, keine Vegetation – weit und breit in alle Himmelsrichtungen wirklich nichts außer einer unendlich weit wirkenden, weißen Fläche! Irgendwann meinen wir doch, in der Ferne einige Büsche auszumachen und fahren dorthin. Diese Büsche sind dann aber nicht wie erhofft am Strand, sondern gehören zu einer riesigen Lagune. Wir wollen an der Lagune vorbei ans Meer, welches wir immer noch nicht sehen können und laut GPS, das wir uns kurz gönnen (Strom sparen!), immer noch 10 km vom Meer entfernt ist.
Beim Umfahren der Lagune bemerken wir, dass der Boden unter der harten Salzkruste weich ist und nachgibt. Relativ zügig und leicht panisch versuchen wir, unser Auto in sicheres Terrain zu bringen, wissen wir doch aus Makgadikgadi, wie gefährlich so etwas sein kann. Wir suchen und finden schließlich einen festen Weg ans Meer, das wir gerade erreichen, als die Sonne romantisch im türkisblauen Wasser versinkt. Rundherum nur Leere, Weite, einige Büsche, das Meer vor uns, eine unermesslich große und flache Ebene hinter uns und Tonnen von Plastikmüll im sehr seichten Uferbereich.
Es fühlt sich unwirklich skurril an, in dieser für uns so fremden Landschaft. Noch fremdeln wir mit allem hier, auch mit der Atmosphäre, beschließen aber, für die Nacht zu bleiben, weil wir hier ungestört sind und es ohnehin gleich finster wird. Wir untersuchen also gründlich den Boden, finden einen verhältnismäßig weichen Liegeplatz nahe der Hauptpiste, an dem unser Auto über Nacht nicht versinkt und bauen bei heißem, sehr starkem Wind das Zelt auf.
Gerade als wir damit fertig sind, nähert sich ein Auto. Wo kommt das eigentlich her?? Ein äußerst freundlicher Saudi, der sogar etwas Englisch kann, heißt uns sehr herzlich willkommen. Er arbeitet für die Ölfirma Aramco, wohnt im benachbarten, aber dennoch sehr weit entfernten Ort und wenn wir etwas bräuchten, könnten wir uns jederzeit an ihn wenden. 🙂 Er freut sich sichtlich darüber, dass uns Saudi Arabien und das Rote Meer gefallen und hat eine lebendige, angebundene Taube auf dem mit Teppichen ausgelegten Armaturenbrett sitzen, die während unseres Gesprächs nervös wirkt und dabei die hübschen Teppiche vollkackt. Auf unsere Frage, ob dieser Schlafplatz denn sicher sei, versichert er uns: „Auf jeden Fall, hier gibt es bestimmt keine Schlangen!“ Andere Gefahren (die Flut z.B.) scheinen ihm gar nicht in den Sinn zu kommen. Prima!
Von ihm erfahren wir auch, dass die Grenzschutzpolizei auf jeden Fall zu uns kommen wird und uns dann möglicherweise auf die andere Seite der großen Piste schicken wird. Wir wussten schon von diesen Patrouillen und dass man 100 Meter Abstand zur Küste halten muss. Wir haben natürlich darauf geachtet und sind jetzt schon wesentlich weiter von der Küste weg. Wir bedanken uns für seinen Hinweis und entscheiden uns vorsichtshalber jetzt, wo wir noch etwas Tageslicht haben, unseren Lagerplatz auf eine geeignete Stelle auf der anderen Seite der Piste zu verlegen. Wir wollen bei einer möglichen Polizeikontrolle auf der „sicheren Seite“ sein!
Wir wissen nach Einbruch der Dunkelheit nicht so recht. wann wir am besten duschen sollen, um nicht von der Polizei gestört zu werden. In der ewigen Weite ist kein einziges Auto zu sehen, doch prompt, als ich nackt in der Dusche stehe, nähert sich ein Wagen. Ich werfe mir schleunigst die Abaya über, das Auto bremst kurz ab, fährt nach freundlichem Gruß aber weiter. Nach der dann ungestörten Dusche kommt wirklich die Grenzschutz-Polizei: Unsere Pässe und Visa werden gar nicht kontrolliert, aber der Fahrer kann etwas Englisch und übersetzt: Unser Platz für die Nacht sei ok, alles in Ordnung.
Einige Zeit später besuchen uns dann die, die uns vorher so freundlich gegrüßt haben, noch einmal. Sie seien die Security, wir hätten einen guten Platz für die Nacht gefunden, versichert man uns. Woher wir kommen? Austria, Australia, Germany, Europe – ja genau, alles eins und sehr nah bei Amerika, wie immer auf dieser Reise... Sie schenken uns aber die bestimmt zwanzigste Wasserflasche auf dieser Tour und freuen sich über die von uns angebotenen Datteln.
Derartig nun von allen Seiten bewacht und abgesichert schlafen wir schon um 21 Uhr tief und fest und sehr beruhigt trotz der großen Hitze ein. Mitten im tiefsten Schlummer werden wir dann zweieinhalb Stunden später unsanft durch grelle Scheinwerfer und lauten Motorenlärm aus dem Schlaf gerissen. Wir sind völlig erschrocken und wissen erst gar nicht, was los ist. Dietmar, der fast nackt schläft, muss sich erst ankleiden, dann geht er hinaus zur Polizei.
Inzwischen war bei dieser nämlich Schichtwechsel und den beiden jungen Officern sind wir ein Dorn im Auge. Wegen der „Safety“ könnten wir hier unter keinen Umständen bleiben. Auch der Boden sei hier nicht gut genug zum Campen… Was für ein ausgemachter Blödsinn und was für eine Zumutung, uns jetzt mitten in der Nacht bei immer noch großer Hitze alles abbauen und anderswo (ja, wo eigentlich?) wieder aufbauen zu lassen!
Dietmar versucht via Google Translate zu verhandeln, aber keine Chance – die beiden sind stur, und aus reiner Willkür wollen sie, dass wir jetzt sofort umsiedeln. Dass ihre Kollegen am Abend mit dem Platz einverstanden waren, wird einfach ignoriert.
Dietmar lässt sich von dem einen Wichtikus zeigen, wo denn nun ein geeigneter Schlafplatz wäre. Dafür wandern die beiden mit einer Taschenlampe unvorstellbar weit in die stockdunkle Nacht und Weite hinein und verschwinden dabei komplett aus meinem Blickfeld. Währenddessen bleibe ich versteckt und nur mit meinem kurzen Nachthemd bekleidet im Zelt zurück, immer im Scheinwerferlicht des Polizeiautos und unter Beobachtung des zweiten Typs, der noch im Auto sitzt. Den Motor der laut knarrenden Karre haben die beiden natürlich nicht abgestellt und tun dies auch nicht, während wir nach Dietmars Rückkehr unsere Sachen packen und verschwinden müssen.
Eigentlich haben wir erwartet, dass sich die Polizei verdrückt, während wir alles abbauen, aber nein, sie bleibt total provokant und wartend stehen. Obwohl es bestimmt immer noch mindestens 25 Grad hat, muss Dietmar mir zuallererst meine Abaya aus dem Auto holen. Als ich dann mit meinem mittlerweile stinkenden schwarzen Fetzen aus dem Zelt krabble, weicht das Polizeiauto doch ein paar Meter zurück. Hilfe, eine Frau! Diskretion! Und der ganze Blabla…
Wir sind total angefressen und beeilen uns nicht gerade mit dem Zelt ausräumen und abbauen. Als wir endlich dann doch irgendwann fertig sind, fahren wir etwas provokant hinter den beiden jungen Machthabern her, bis sie uns eine Stelle zeigen, die zum Schlafen angeblich in Ordnung wäre. Ab und zu will man uns durch Blinken anzeigen, dass wir hier oder da bleiben könnten. Das ignorieren wir. Die beiden Feiglinge sollen sich ruhig von uns verabschieden und nicht einfach so aus dem Staub machen können. Irgendwann springen sie aus dem Auto und erklären uns, dass genau hier der ideale Platz für die Nacht wäre.
Diese völlig idiotische, nächtliche kreuz und quer-Fahrt bringt uns weit von der Küste weg, irgendwo hinein in diese unendliche Weite. Wir haben dabei natürlich komplett die Orientierung verloren. Weil wir Entenschnattern hören, vermuten wir wieder die Lagune in unserer Nähe… Es ist stockdunkel und es gibt nicht einen einzigen Anhaltspunkt für uns. Keine Ahnung, darum müssen wir uns morgen früh kümmern.
Jetzt müssen wir erst wieder einmal alles aufbauen und versuchen zu schlafen. Das ist gar nicht so einfach, weil wir total aufgebracht, verschreckt und auch verschwitzt sind. Dort wo wir sind, ist der Boden zum Schlafen zu hart und wir müssen ihn erst einmal von vielen spitzen Steinen und scharfen Muscheln befreien. Während wir arbeiten, patrouilliert die Polizei immer noch in unserer Gegend, gerne auch mit den Scheinwerfern gegen uns. Sie kommt zum Glück aber nicht mehr direkt an unseren Platz.
Irgendwann beruhigen wir uns etwas und können auch wieder einschlafen. Wir sind aber in der Früh noch immer verärgert ob dieser komplett sinnlosen Willkür!
Hallo ihr beiden, das ist eine tolle Reise 😘 und wir planen auch schon seit 2 Jahren ..., aber es kamen immer andere Ziele dazwischen. Vor genau 20 Jahren haben wir unsere 1. Reise in die Wüste des Omans unternommen. Damals gab es nur in Muscat den Carrefur Supermarkt und keine touristische Infrastruktur. In den Jahren bis 2013 waren wir 5x im Oman und mussten die rasanten Veränderungen im Land miterleben. Nun wollen wir es mit Saudi-Arabien versuchen, bevor der Touristenboom eindringt, aber vielleicht ist es auch schon zu spät? Eurem Bericht entnehme ich, dass es möglich ist, überall zu übernachten. Auch von anderen Reisenden haben wir einiges über das Land und nur Positives gehört. So eine Aktion wie mit der Polizeikontrolle in der Nacht, war nicht dabei. 🙁 Das ist schade! Alle uns bekannten Personen waren mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs. Derzeit schaue ich täglich die Rally Dakar, nicht der Fahrzeuge wegen, nein, nur wegen der grandiosen Landschaften und der Berichte über Land und Leute. Mein Problem wird das Tragen der Abaya sein, mal schauen! 😏 Gelesen habe ich schon viele Bücher über das Land und bin eigentlich bei eurem Bericht sehr aufgeregt. Jetzt muss ich meinen Mann noch überzeugen, der eigentlich nach Taiwan möchte. Bei SIXT gibt es Toyota Fortuner oder ähnliche Fahrzeuge, habt ihr jemanden getroffen, der ein Auto dort gemietet hat oder habt ihr etwas darüber gehört? Ich bin ein bisschen verwundert, dass ihr den Wagen eines Freundes, Freundes usw. genommen habt. In Usbekistan waren wir 2019 die ersten Touristen, die bei SIXT einen Wagen gemietet und bekommen haben. Das lief sehr gut! Nun warte ich eure weiteren Berichte ab und plane!
Ich hoffe, es kommen noch viele Fotos. Vielen Dank für eure Mühe!
KTMThemenstarter185 Beiträge · seit 201010. Jan. 2025 ·
Hallo Biggi,
vielen Dank für Dein Interesse! Es freut uns, wenn unser Reisetagebuch Euren Traum von Saudi Arabien näher rücken lässt!
Es ist natürlich immer ein Entscheidungsprozess, bis man sich auf ein neues Reiseziel festgelegt hat, aber Ihr braucht keine Sorge zu haben, es ist bei weitem nicht zu spät. Zu spät schon allein deshalb nicht, weil Saudi Arabien auch bisher nicht vom Tourismus unberührt war. Das Land hat einen sehr starken Pilgertourismus aus der ganzen Welt, und das schon seit sehr langer Zeit. Und die Saudis selbst reisen innerhalb ihres Landes auch sehr viel. Der künftig geplante Touristenboom aus dem "Westen" wird sich jedenfalls auf die Touristenhotspots konzentrieren, die Saudi gerade gestaltet und ausbaut. Abseits davon werden die unendlich weiten Wüsten sicherlich weiter einsam und relativ unberührt bleiben! Man darf wirklich überall übernachten.
Die Kleidungsfrage sollte auf die Entscheidung, ob Saudi Arabien oder nicht, keinen Einfluss haben. Die Abaya zu tragen ist definitiv nicht Pflicht. Wie schon beschrieben fühlte sich meine Frau einfach wohler damit und sehr oft sehr passend gekleidet.
Es spricht absolut nichts gegen die Firma Sixt. Wie ebenfalls schon geschrieben, waren uns die großen, internationalen Anbieter schlichtweg zu teuer, sie haben meist das dreifache, manchmal sogar noch mehr gekostet. Key Car ist aber eine seriöse und dort sehr bekannte arabische Mietwagen-Firma. Man kann Saudi Arabien übrigens problemlos mit einem normalen und weitaus günstigeren PKW bereisen, wenn man nicht vorhat, so wie wir tiefer ins Gelände einzudringen. Wir haben auf der kompletten Reise keine Individualtouristen ohne Guide getroffen, abgesehen von Pilgern, Einheimischen und einem Schweizer Expeditions-LKW.
Ein schönes Wochenende und viel Freude beim Lesen unseres Aufenthalts in Dschidda!
Liebe Grüße, Dietmar
KTMThemenstarter185 Beiträge · seit 201010. Jan. 2025 ·
7. November:
In der Früh werden wir immer noch mit etwas Abstand von der Polizei observiert. Die beiden Ungustln rattern ständig mit ihrer lauten Karre über die weite Ebene und stören den Gesang der letzten Lagunenvögel, die noch nicht am vielen Plastikmüll erstickt sind. Bevor die beiden Polizisten auf die Idee kommen, uns noch einmal ihre Aufwartung zu machen, verdrücken wir uns besser von hier.
Landschaftlich war es bestimmt der schönste und geeignetste Platz und auch der interessanteste zwischen Yanbu und Dschidda, aber er wird uns in zwiespältiger Erinnerung bleiben. Von hier wieder weg zu finden, ist übrigens gar nicht so einfach: Alles sieht gleich aus, in jede Richtung; alles, das Meer, die Teerstraße, … ist sehr weit weg. Überall führen Spuren irgendwo hin und immer wieder lauern Sümpfe und Lagunen, die man oft auf sehr feuchtem Boden umschiffen muss. Wir sauen uns das Auto kräftig mit Schlamm ein und sind erleichtert, dass wir nach etwa zweistündiger, rumpeliger Fahrt doch irgendwann die Teerstraße erreichen.
Diese bringt uns durch hässliche Industrie und verbaute Landschaft nach Dschidda. Unterwegs sehen wir tausende LKW, Ölfabriken, den ersten und einzigen Zug unserer Reise mit gigantischen, futuristischen Bahnhöfen im Nirgendwo. Wir bestaunen die erste und einzige Solaranlage unserer Reise, wir sehen riesige Umspannwerke und wundern uns schon gar nicht mehr über zwölfspurige Autobahnen und andere überdimensionierte Grässlichkeiten.
Das wird alles nicht unbedingt besser, als wir am Vormittag dann Dschidda erreichen. Die Stadt ist ein Verkehrsmoloch, dem man sich als Ausländer nur todesmutig und betend fügen kann. War Riad diesbezüglich schon furchtbar, aber jetzt sehne ich mich direkt dorthin zurück. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie schlecht, aggressiv, unhöflich, regellos und gefährlich hier gefahren wird.
Dietmar fährt so defensiv wie nur möglich und bringt uns irgendwann zum Al Tayebat Museum. Im Bradt Guide steht, man müsse es gesehen haben, um es zu glauben, und das stimmt. In mehr als 300(!!) Räume hat man Zeugs gesteckt, von dem irgendwer einmal dachte, man könne es irgendwann irgendjemandem zeigen. Völlig irre, enorm und absurd!
Wir schlendern von Raum zu Raum, wissen nicht, welcher der schrecklichste ist, und besichtigen nur das Museum als solches, nicht seine Inhalte. Auf einer Sitzbank schläft Dietmar zwischendurch vor autofahrerischer Erschöpfung und musealem Overkill kurz ein – wen wunderts? Das Museumspersonal, das muss man aber zugestehen, ist freundlichst und tut alles, um uns abzuholen. Eine junge Frau führt uns herum und erzählt und erklärt dies und das, um uns den Einstieg in dieses Mega-Sammelsurium zu erleichtern. Auf ein versteinertes Krokodils-Gebiss ist man wohl besonders stolz, und die Frau hebt es als besonders sehenswert aus Millionen anderen Ausstellungsstücken hervor. Auf meine verwunderte Frage, wo in Saudi Arabien es denn einst Krokodile gegeben hätte, erklärt sie: Nein, dieses besondere Stück wurde extra aus Brasilien angekauft, um es hier zu zeigen! 🙂 Der gereichte Kaffee und die Süßigkeiten helfen uns, hier drinnen durchzuhalten.
Auch ein anderer äußerst sympathischer Museumswärter nimmt sich um uns an. Er kann Austria von Australia unterscheiden und zeigt uns einen ausgestellten Maria Theresien-Taler, der hier einstens als Währung diente.
Um 12 Uhr schließt das Museum dann. Mit unserer Eintrittskarte dürften wir aber gerne heute Abend oder an einem anderen Tag wieder hereinkommen. Zeitgleich mit uns sind gerade auch eine italienische Reisegruppe und eine Frau aus Bonn mit privatem Guide da. Die alte Dame ist in Saudi Arabien, um ihren Sohn zu besuchen, der für den Flughafen arbeitet.
Als wir zu unserem Auto zurückkehren, hat es dort drinnen bestimmt 60 Grad, außerhalb 37. Auf der Fahrt zu unserem Hotel wollen wir kurz beim Hyper LuLu auf ein warmes Mittagessen vorbeifahren. Liegt alles recht nah und auf unserem Weg, ist aber unendlich schwierig, abenteuerlich und gefährlich zu erreichen. Abgesehen von den wild gewordenen saudischen Autofahrern und dem extrem starken Verkehr kann nie im voraus wissen, wo man z.B. links abbiegen könnte und wo es U-Turns gäbe. Jedes Einfädeln auf eine falsche Spur führt zu vielen weiteren, kilometerlangen Umwegen. Wir haben uns so sehr auf Dschidda gefreut, aber diese Verkehrshölle erschwert einem fast manche Unternehmung.
Zuallererst retten wir uns jetzt einmal in unser Hotel. „Luxury Mirage Hotel“ klingt für uns nach all den Zeltnächten wie eine Verheißung und hält tatsächlich, was es verspricht. Mit Lage und Preis/Leistung hätten wir es nicht besser treffen können. Sauber, praktisch, mit großer, funktionierender Dusche! Wir bekommen sogar ein Upgrade auf ein Kingsize-Bed Zimmer!
Wir lassen uns das Essen schmecken und ich wasche ausführlich meine Haare, gerade noch rechtzeitig, bevor sie von alleine abbrechen. Es gibt endlich genug Strom für alle Handys und ein richtiges Bett für uns – herrlich!!!
Total sauber und erfrischt brechen wir gegen Abend dann auf, um die UNESCO-Erbe Altstadt „Balat“ zu besuchen. Wie so oft auf dieser Reise ist die Realität meist anders, als wir es uns vorgestellt haben. Tourismus und Kinderschuhe und so. Überhaupt: Je länger diese Reise dauert, desto stärker spüren wir, WIE fremd uns dieses Land und diese Kultur eigentlich sind und immer bleiben werden. Und auch wie konservativ und anders das Leben hier funktioniert.
In der touristischen Altstadt werden wir mit einem Parkplatz im amerikanischen Stil empfangen. Auf den Parkplatz-Begrenzungen gibt es üppige Blumen und Pflanzen und man muss für Saudi Arabien unvorstellbare 1.20 Euro Parkgebühr pro Stunde bezahlen. Das Klo wird erst gebaut und die Unterführung zur Altstadt leider auch.
Und so irren wir erst ein wenig herum und trauen uns alleine nicht, den großen Kreisverkehr vor der Altstadt zu überqueren, bis uns ein saudisches Pärchen den Weg weist. Die jungen Leute gehen mit uns einfach schnurstracks über den 5-spurigen Kreisverkehr, wo alle mit 90km/h einher preschen. Ich habe Todesangst und drüben angekommen keine Ahnung, wie ich am Ende des Abends jemals wieder zum Auto kommen soll.
In der Altstadt dann sind viel weniger (westliche) Touristen als erwartet, dafür viel mehr Saudis und echtes Markttreiben in den Souks. Es wird noch viel renoviert und gebaut, und das muss man wegen der großen Hitze natürlich nachts machen. Es gibt auch viele (zu viele) streunende Katzen und für diese eigene, große, moderne Futterstationen, sowas haben wir nie zuvor irgendwo gesehen. Katzen werden immer gut behandelt und geschätzt, Hunde hingegen gelten als unrein und werden meistens nur als Hirtenhunde gehalten. Aber auch das ändert sich gerade und es gibt ganz selten schon Hunde als Lifestyle Accessoire.
In den Souks werden Stoffe, Schmuck, Gewürze, Datteln und Düfte verkauft, auch Plastikklumpert-Spielzeug für die Kinder. Heute Abend sehen wir für uns zum ersten Mal sogar einen E-Dreiradler.
Die Verkäufer sind freundlich, aber unaufdringlich. Viele alte Häuser sind schon renoviert, von den historisch und architektonisch bedeutenden ist aber kaum eines zugänglich. Das hier könnte wirklich ein ernstzunehmender Touristenhöhepunkt nach westlichem Muster werden.
Uns wurde die Marke „Nouk“ empfohlen: In diesem angesagten modernen Café gibt es alles vom Kamel, und Dietmar kauft sich Kamelmilch mit Kardamom. Ich suche mir bei einem anderen hippen Streetfood ein warmes Kichererbsengericht mit Sesam und Gurken aus. Eine sehr nette junge Frau bittet uns, an einer Umfrage teilzunehmen zum Thema „Wie können wir im Tourismus noch besser werden?“ Wir helfen gerne. Die Atmosphäre ist sehr schön hier und die Temperaturen jetzt am Abend schön langsam recht angenehm.
Trotzdem wollen wir dann zurück zu unserem Hotel, doch wie über die Straße kommen? Wir stehen am Straßenrand und ich traue mich einfach nicht, mich in den starken, fließenden Verkehr hinein zu werfen. Schon gar nicht nachts mit meiner schwarzen Abaya. Wir bitten einen Uniformierten – ist es ein Polizist oder ein Security-Mann? – um Hilfe. Er ist überaus hilfsbereit und freundlich, außerdem mutig und zwei Meter groß, obendrein recht breit, und er rettet uns, indem er einfach den Verkehr für uns anhält. Er führt mich über die Straße wie einst Moses die Israeliten aus dem roten Meer! Ich bin gerettet und diesem Mann unendlich dankbar, der freundliche Herr spricht sogar ein klein wenig Englisch.
So, bis ins Auto hätten wir es nun geschafft, jetzt noch die letzte Etappe für heute zurück zum Hotel. Irgendwie haben wir Glück und finden ohne größere Dramen und vor allem heil zum Hotel zurück. Wir sind etwas überrascht darüber, denn die Hinfahrt hat sich viel schwieriger und mühsamer und mit mehr Staus gestaltet.
Ein anstrengender, aber wunderschöner und interessanter Tag geht zu Ende, wir sinken in weiche(!!!), saubere, weiße Betten – was für ein Genuss!!!
KTMThemenstarter185 Beiträge · seit 201011. Jan. 2025 ·
8. November:
Endlich einmal gut ausgeschlafen! Heute ist Freitag, das heißt am Vormittag hat alles geschlossen und ein extrem heißer Tag ist es obendrein. Wir tun also gut daran, uns in der Klimaanlage unseres angenehmen Hotelzimmers zu erholen. Wir planen den restlichen Teil unserer Reise und versuchen, in Riad eine Unterkunft zu buchen. Es ist echt praktisch, dass wir hier WLAN haben und genug Strom für die Handys.
Kreisverkehr
Nach einem gemütlichen Vormittag starten wir dann erfrischt zu neuen Besichtigungen. Eigentlich habe ich richtig Sorge vor jeder neuen Autofahrt, aber zu unserer großen Freude und Erleichterung ist heute am Freitag kaum etwas los auf Dschiddas Straßen, und so können wir relativ entspannt einige der berühmten Kreisverkehre (für die vor einigen Jahren ein eigener Kunstwettbewerb ausgeschrieben war) besichtigen.
Kreisverkehr
Wir fahren langsam zum Yachtclub neben der Formel 1-Strecke, auf die die Saudis so stolz sind, parken in der Nähe das Auto und spazieren dann in der größten Hitze zur berühmten „Floating Al-Rahmah-Mosque“. Nach der blumigen Beschreibung und mit unseren Erfahrungen aus Muscat haben wir hier etwas ganz anderes erwartet. Die Moschee ist hübsch, ja, und sie ist über dem Wasser gebaut, ja, aber viel kleiner und weniger spektakulär als in unserer Vorstellung. Dass sie dann samt Toiletten (!) auch noch geschlossen ist, passt ins Bild. Tourismus und Kinderschuhe und so…Wäre dies doch eine der wenigen Moscheen im Land, in die wir als Nicht-Moslems hinein dürften.
Gleich neben dieser berühmten Moschee hat im Mai ein Premium Hotel der Marriot-Kette eröffnet. Man freut sich dort über unseren Besuch, hofiert uns wie Staatsgäste, zeigt uns alles voller Stolz, und ich habe das bestimmt schönste Klo dieser Reise.
Kreisverkehr
Jetzt wollen wir erst einmal etwas zum Essen suchen. An einem Freitag von der Autobahn aus ist das gar nicht so einfach. Nach vielen Fastfood-Ketten, auf die wir keinen Appetit haben, entdecken wir dann einen hinter einer Baustelle versteckten Laden. Er hat geöffnet, aber es sind keine Gäste da. Während ich im Auto warte, weil der Wagen ziemlich illegal geparkt ist, erkundigt sich Dietmar, was es denn zu essen gibt. Wegen der fehlenden gemeinsamen Sprache darf er einfach von Falafel, Hummus und Gurkenjoghurt probieren. Als Dietmar dann allerdings wieder verschwindet, glauben die Inhaber, es schmecke ihm nicht und sind ganz enttäuscht. Umso größer dann die Wiedersehensfreude bei seiner Rückkehr, und er hat sogar noch die Frau mitgebracht! Auch die darf sich zuerst durch das komplette Buffet kosten, sodass sie schon fast satt ist, als sie sich an den Tisch setzt!
Wir bestellen eine gemischte Platte für zwei, bekommen eine für sechs und noch zwei Suppen dazu, und noch zwei Wasser… Wir verputzen, soviel wir nur können und lassen uns dieses – wie wir dann erfahren – ägyptische Essen für insgesamt 12 Euro sehr gut schmecken. Die Schalen und Teller, die wir zuerst verdrücken, werden übrigens unaufgefordert und auf Kosten des Hauses neu befüllt. Wir können bei weitem nicht alles aufessen und lassen uns den Rest einpacken.
Unsere vollen Bäuche und die Hitze machen uns müde und wir verbringen den restlichen Nachmittag an der langen, berühmten Corniche. Wir bummeln dort und da, wir staunen über dies und das und wundern uns über so manches: Über wunderbar einladende Badestellen mit allen dazugehörigen Einrichtungen z.B., besonders aber über die davor aufgestellten, riesengroßen roten Tafeln, die das Schwimmen aus Sicherheitsgründen (!?) verbieten.
Wir sehen wie überall im Land auch hier viele betende Menschen. Wer nicht seinen eigenen Gebetsteppich dabei hat, geht zu einer dieser großen, ausrollbaren Teppichstationen und betet dort zusammen mit anderen.
Überhaupt erfreut uns das Beobachten der vielen interessanten Menschen am meisten. Immer wieder fahren wir einige Kilometer entlang dieser 30 km langen Corniche, bis wir an einen sehr beliebten Strandabschnitt vor dem Crowne Plaza kommen. Dort tun wir es den anderen gleich: Nachdem wir unser Auto wie alle anderen im Parkverbot abgestellt haben, sitzen wir, Kekse und Pommes naschend, auf unseren Zelt-Bodensitzen und bestaunen den Sonnenuntergang. Der kommt angeblich gleichzeitig mit der rund 200m hohen Fontäne, die aus einem beleuchteten, überdimensionierten Weihrauchgefäß spritzen soll. Ab und zu kommt dieses berühmte Wahrzeichen der Stadt auch erst um 20 Uhr. Leider scheint ausgerechnet heute so ein Tag zu sein und so warten wir drei lange Stunden lang. Schließlich wollen wir diese berühmte Sehenswürdigkeit der Stadt erleben.
Die Rast im Rasen, die etwas kühlere Temperatur und das Beobachten der vielen Familien tun uns gut. Eine Gruppe von fünf jungen Männern lagert in unserer Nähe. Die Burschen wollen ziemlich cool abhängen und haben dafür jeder eine Wasserflasche und gemeinsam eine große Fanta-Flasche. Als sie wieder aufbrechen, schenken sie uns einfach zwei von ihren Wasserflaschen. Zum x-ten Mal auf unserer Reise bekommen wir wieder etwas geschenkt, einfach nur, weil wir Fremde sind.
Kurz nach 20 Uhr tut sich immer noch nichts in Sachen Fontäne und wir erfahren, dass das heute wohl nichts mehr wird. Vielleicht morgen, inschallah! Das ärgert nicht nur uns, sondern auch ein junges Expat-Pärchen aus England. Wir kommen ein wenig ins Gespräch und erfahren, dass die beiden als Lehrer und Krankenschwester für drei Jahre hier in Dschidda arbeiten. Was die beiden zu erzählen haben, ist äußerst interessant für uns, zumal die Frau im königlichen Krankenhaus tätig ist.
Nach einer Weile verabschieden wir uns wieder, jetzt sind wir müde und wollen ins Bett. Nach der wie üblich schwierigen aber zum Glück unfallfreien Fahrt zum Hotel geht ein schöner Tag zu Ende!
Die ausrollbaren Teppichstationen sind ja der Hit 😁
Und auch weiterhin....eine irre Reise, die ihr da macht!
Danke und Salü Mabe
KTMThemenstarter185 Beiträge · seit 201012. Jan. 2025 ·
Hallo Mabe,
ja, die ausrollbaren Gebetsteppiche fanden wir auch sehr interessant. Danke für Deinen sehr freundlichen Kommentar! Als kleinen Dank für die treu begleitenden Danke-Buttons von Dir und anderen mitreisenden Fomis gibt es hier noch ein weiteres Bild eines Gebetsteppichs, sowie die Fortsetzung der Reise 🙂 !
Liebe Grüße, Dietmar
KTMThemenstarter185 Beiträge · seit 201012. Jan. 2025 ·
9. November:
Wieder schlafen wir wunderbar gut und fest in unseren weichen, weißen Hotelbetten. Nur leider etwas kurz, da der Abend gestern für uns unerwartet lang geworden ist. Wir packen unsere Siebensachen zusammen und verlassen dieses erquickliche Luxury Mirage Hotel.
Bevor wir nun auch Dschidda verlassen werden, müssen wir noch dringend in eine Mall, um für Dietmar eine Hose und auch einen Pyjama zu kaufen. Seine Sachen stehen schon vor Dreck und die Wetterbedingungen auf der Reise sind anders als erwartet. Die bisherigen Zeltnächte z.B. waren im Schnitt viel kälter als wir dachten. Bei der Kleidung werden wir auch recht schnell und sehr günstig fündig. An die enormen Dimensionen dieser Hyper-Mega-XXL-Superior Malls haben wir uns fast schon gewöhnt.
Auf 14-spurigen Autobahnen geht es dann hinaus aus der Stadt. Nur langsam dünnt der Verkehr aus, richtig ruhig haben wir es dann auf der Autobahn, die in weitem Bogen Mekka umfährt. Diese „Christian Bypass“, die wir verpflichtet sind zu nehmen, umfährt die heilige Stadt der Moslems so weiträumig, dass wir von Mekka nichts sehen, ja nicht einmal ahnen können, dass dort eine Stadt liegt.
Die Landschaft wird nach und nach gebirgiger und führt irgendwann über eine hohe Paßstraße hinauf auf ca. 2000 Meter. Auch hier sind wir mit unseren Erwartungen wieder falsch: Die Paßstraße ist riesig, vierspurig mit Pannenstreifen, brachial in die Felswände gestemmt. Trotz herrlichster Aussicht gibt es auf der gesamten langen, spektakulären Fahrt keinen einzigen Viewpoint! Das lange schon zu sehende Gebäude am Sattel, in dem wir ein Aussichtsgasthaus vermuten und zu dem sogar eine Gondelbahn führt, entpuppt sich letztlich als Krankenhaus. Die dazugehörige Stadt lebt vom Frischluft- und Regentourismus und bietet ansonsten vor allem brachliegende, zuckerlrosa Vergnügungsparks.
Auf dem Weg ins Gebirge treffen wir ab und zu auf Paviane am Straßenrand. Die rotarschigen Affen sind nicht hübsch anzusehen, aber lustig zu beobachten.
Wir wundern uns wie jeden Tag auch heute über die vielen Bau- und Geschäftsruinen, über den extremen Leerstand, der hier herrscht und über die mangelnde Unterhaltung von praktisch allen Gebäuden.
Um die Mittagszeit erreichen wir Taif. Leider schließt gerade bei unserer Ankunft der Souk für die nächsten vier Stunden. Trotzdem bietet uns diese Mittagsrast ein ganz besonderes Reiseerlebnis. Bei indischen Samosas und Eierfladen mit Ketchup beobachten wir Heerscharen von Pilgern aus allen Teilen der muslimischen Welt. Sie sind ins Land gekommen, um nach Mekka zu pilgern, buchen dann aber Busausflüge in die Rosenstadt Taif, in die Berge, wo die Luft und das Wetter viel angenehmer sind als im ganzjährig heißen Mekka. Wir sehen Chinesen, Afrikaner, Indonesier, Jemeniten, Pakistani und viele, viele mehr. Viele Menschen sind alt, vielleicht haben sie ein Leben lang auf diese Reise gespart?
Manche Pilgergruppen sind mit „Mannschaftskleidung“ ausgestattet, um als Gruppe erkennbar zu sein. Wir sehen hier alle Formen von Schleiern, Abayas, Burkas, Kopftüchern, männlichen Kleidern, gestickten und verzierten Kappen und zehn verschiedene Arten, die Kopftücher zu binden. Ich trage heute das lange, geblümte Sommerkleid mit einer weiten blauen Bluse darüber und erhalte für dieses Outfit so manches Kompliment.
Dietmar und ich sind die einzigen westlichen, nicht-muslimischen Menschen und fallen natürlich extrem auf. Niemand aber stört sich an uns, im Gegenteil: Als Exoten werden wir ziemlich hofiert. Der indische Koch schenkt uns ständig Chicken- und Käse-Samosas, alle unterhalten sich sehr nett mit uns, eine pakistanische Familie bittet um Fotos zusammen mit uns, niemand wirkt so verkrampft wie die Saudis selbst.
Dietmar und ich durchstreifen auch eine Weile den Souk, der derzeit halt recht nachmittäglich ruhig ist. Es gibt das übliche: Datteln, Stoffe, Kleidung, Lederwaren, Düfte, Shops für die „Arafat-Tücher“, Lesepulte für den Koran, Schmuck, kleine Cafés, streunende Katzen und vieles mehr.
Bestimmt herrscht hier abends eine sehr lebendige Atmosphäre, aber das ganz besondere für uns hier sind die Pilger. Eine äußerst freundliche und interessante Mittagspause!
Nun fahren wir weitere 240 km auf diesem hochgelegenen Gebirgsplateau. Viele Villen und Wohnhäuser stehen auf einzelne Hügel verteilt, aber auch hier sehen wir mehr Bauruinen und brachliegende Geschäftszeilen als lebendiges Straßen- oder Stadtleben. Im gesamten Land sind im öffentlichen Raum kaum Menschen zu sehen. Sie sind alle hinter Mauern, hinter Vorhängen oder eben im verdunkelten Auto. Frauen trifft man sowieso nur in Shoppingmalls, Souks oder beim Picknicken mit Familie und Kindern.
Rechtzeitig vor Sonnenuntergang erreichen wir den angesteuerten Nationalpark. Der Name aus dem Bradt Guide stimmt nicht mehr und wieder haben wir etwas anderes erwartet: Etwas Großes mit Landschaft und Natur zum Beispiel. Stattdessen finden wir ein recht kleines Gelände vor, das im amerikanischen Stil mit Straßen, Rasen, Kinderspielplätzen und überdachten Picknickplätzen gestaltet wurde. Es sind auch einige Gäste da, ebenso wie Katzen, Hunde, abgeschlossene Klos und reichlich Müll.
Etwas abseits im Gelände finden wir dennoch einen geschützten Platz für die Nacht. Wir haben sogar Flutlicht und einen Blick auf die Stadt Bahah. Mit heißen Suppen und viel Kleidung bereiten wir uns auf eine vermutlich sehr kalte Nacht vor.
KTMThemenstarter185 Beiträge · seit 201013. Jan. 2025 ·
10. November:
Obwohl wir heute Nacht einen recht versteckt liegenden Platz haben, kommt um Mitternacht plötzlich ein Auto mit vier saudischen Männern. Sie breiten rund 20 m vor uns einen Teppich auf dem Asphalt der dort abgesperrten Straße aus und schlafen ohne Zelt darauf in ihren Schlafsäcken.
Etwas nah sind sie für mein Gefühl, aber nett und sie lassen uns in Ruhe. Außerdem bin ich müde und schlafe bald wieder weiter, bis Dietmar mich um 5 Uhr weckt. Die Nacht war kalt und windig und wir frieren auch während unserer Morgenroutine.
Schon um 6.30 Uhr fahren wir in das morgendlich, kalte Al-Bahah, diese „Perle“ der Gebirgsstädte. Bei der erstbesten Tankstelle wollen wir Diesel tanken, aber offenbar gibt es ein Problem. Wegen der Sprachbarriere erfahren wir nicht mehr und fahren einfach ein paar Hundert Meter weiter zur nächsten Tankstelle. Auch dort erhalten wir keinen Diesel, weil unser Chip beim Tankeinlass kaputt sei! Wir wussten gar nicht, dass wir so etwas haben, auch nicht, was das eigentlich ist und schon gar nicht, wie man es eventuell ruiniert oder repariert. Der Tankwart empfiehlt, die Autovermietung anzurufen, das aber möchten wir wirklich nur zur allergrößten Not tun. Die haben eine dermaßen schlechte Service-Hotline und dann noch auf Arabisch – nein, lieber nicht.
Angeblich können wir mit unserem verbleibenden Diesel noch ca. 250 km fahren, und so fahren wir wie geplant zuerst einmal die wunderbare Gebirgsstraße hinunter nach Thee al Ain. Die ca. 20 km lange Paßstraße bietet im Morgenlicht tolle und spektakuläre Ausblicke ins Tal und auf die massiven Berge.
Noch schlafen die meisten Saudis und so haben wir es verhältnismäßig ruhig auf dieser schönen Fahrt. Etwas versteckt im Tal mit einer üppigen, vorgelagerten Oase liegt nun dieses berühmte historische Dorf sehr homogen auf einem Hügel und fügt sich pittoresk in die umliegende Landschaft. Eine Seltenheit in diesem Land!
Der Charme dieser Sehenswürdigkeit umfängt mich sofort, und ich freue mich, dass wir unsere Reiseroute bis hierher ausgedehnt haben und auch darüber, dass wir jetzt hier sind. Im kleinen Ort wird gerade das zweite Visitor Center gebaut, vermutlich in der Hoffnung, für diese Sehenswürdigkeit den Unesco-Welterbe Titel zu bekommen.
Bei unserem Besuch ist alles noch recht locker. Es sind ganz wenige, einheimische Touristen hier und man bezahlt keinen Eintritt. Dietmar und ich machen einen ausgedehnten Spaziergang durch die halbwegs gut renovierte Anlage und erfreuen uns an verschiedenen Aus- und Einblicken in die alten Häuser und Befestigungen. Wir besuchen auch die kleine Moschee und die romantische Quelle zur Oase.
Nachdem wir alles ausführlich erkundet haben, versucht Dietmar mit unserem viel zu kleinen Trichter aus dem Kanister zu tanken. Wir wollen aber nicht den schönen neuen Parkplatz des Visitor Centers beschmutzen und verschieben die Aktion lieber auf eine Tankstelle. Zunächst müssen wir wieder die imposante Paßstraße nach Bahah zurück. Viele enge Kurve, Tunnels, doppelte Sperrlinien, zahlreiche Warnschilder, 50 Überholverbotsschilder, … bewirken rein gar nichts bei den Saudis. Sie starten und absolvieren die waghalsigsten Überholmanöver und fahren wie die Irren. Man kann gar nicht drastisch genug beschreiben, wie schrecklich hier gefahren wird. Dietmar und ich haben Glück und Geschick und gondeln gemütlich im Schutz eines Klein-LKWs die schöne Strecke hinauf.
Oben führt unser erster Weg zu einer Tankstelle (die gar keinen Diesel verkauft). Ein netter Inder organisiert einen alten, großen Trichter und entleert den ersten Reserve-Dieselkanister in unser Auto. Theoretisch könnten wir nun mit dieser Methode bis nach Riad ans Ende unserer Reise kommen. Wir versuchen unser Glück aber bei der nächsten Diesel-Tankstelle noch einmal und siehe da, der junge, nette Bangladeschi tankt uns problemlos voll. Hurra, das Thema ist fürs erste gelöst!
Nun fahren wir die Strecke über die Hochebene zurück nach Taif. Sie gefällt uns heute fast besser als gestern, was auch am schönen Sonnenlicht liegen dürfte.
Zurück in Taif wählen wir heute ein relativ großes, belebtes Restaurant, in dem außer mir wieder keine einzige Frau speist. Das Angebot hier ist riesig, die Portionen auch. Was wir gewählt haben, kommt zusammen mit Wasser, Salat, Suppe und Brot, wir schlagen uns also wieder einmal die Bäuche voll. Besonders Dietmar schmeckt es ausgezeichnet, für mich dürfte es auch stärker gewürzt sein. Zum Schluss gönnen wir uns noch zwei frisch gepresste Säfte, dann fahren wir zum Souk-Eingang von gestern zurück, um bei „unserem“ Inder Chicken-Samosas für das Abendessen zu kaufen. Alle Mitarbeiter samt Chef erkennen uns sofort wieder, die Freude über unseren erneuten Besuch ist riesig und wir werden mit Wasser, extra Samosas und Süßigkeiten beschenkt. Fotos werden gemacht, und am liebsten würden sie mit uns essen gehen.
Seit dem Mittagessen haben unsere Handys wieder Saft und so können wir endlich ein Hotel für die letzten Tage der Reise in Riad buchen. Wir erfreuen uns auch heute wieder an den bunten Pilgergruppen aus der ganzen Welt, werden oft angelächelt, ab und zu auch angesprochen. Ein Mann aus Sri Lanka bräuchte z.B. einen klappbaren Rollstuhl für seinen behinderten Sohn. Ein junger Saudi aus Mekka mag sich nur im Auto oder Flugzeug fortbewegen, erzählt er uns. Er ist begeistert, dass Dschidda jetzt eine Formel 1-Strecke hat und er hätte persönlich nichts dagegen, wenn wir als Nicht-Moslems in seine Heimatstadt Mekka kämen. Ganz kann er sowieso nicht verstehen, warum wir keine Moslems sind. Er ist zum Honig kaufen nach Taif gekommen, ein weiterer Bewegungsradius von mehr als 100 km außerhalb seiner Heimatstadt würde ihn überfordern, sagt er.
Gerne würden wir noch länger in Taif bleiben, aber es ist schon 15 Uhr und wir wollen noch ein gutes Stück fahren. Auf unserem Weg außerhalb der Stadt passieren wir den Souk Oqaz. Angeblich einer der berühmtesten und bedeutendsten in der gesamten islamischen Welt – da müssen wir hin! Die 20 km Umweg nehmen wir gerne in Kauf.
Wie so oft auf dieser Reise auch hier: Unsere Erwartungshaltung und die Realität divergieren stark! Eine achtspurige, leere Autobahn führt zu einem gigantischen leeren Parkplatz, ein verwahrlostes, brachliegendes, Vergnügungspark-ähnliches Veranstaltungsgelände steht dort, wo vor hunderten von Jahren einmal ein Souk war. Uns bleibt vor Staunen der Mund offen und es ist trotzdem irgendwie gut, dass wir hier waren!
Jetzt aber fahren wir auf abseitigen „Nebenstraßen“ in Richtung Wahbah Krater. Unterwegs gibt es auf einer riesigen, wüstig verbuschten Ebene zwei kleine Seen, die auf der Karte mit einem Stern gekennzeichnet sind. Dort möchten wir übernachten, aber auch hier: Das Gelände ist großräumig umzäunt, abgeschlossen und von im Schatten liegenden Polizisten bewacht. Schade! Eine Infotafel informiert über diesen besonderen Platz auf dem Hadsch nach Mekka und die Drohnenbilder aus dem Internet zeigen, wie schön es dort ist.
Wir müssen uns also einen Nächtigungsplatz in der Nähe suchen. Wegen des nahen Wassers gibt es hier viele Stechmücken, ich bin müde und reisemüde und möchte eine erholsame, ungestörte Zeltnacht erleben.
Lagerplatz für die Nacht
KTMThemenstarter185 Beiträge · seit 201014. Jan. 2025 ·
11. November:
Und wirklich: Die Nacht verläuft angenehm ruhig und ungestört und es ist sogar halbwegs warm. Das ganze in freundlichem Halbmondlicht – man kann nix sagen! Obwohl wir nicht hudeln (zu deutsch: unnötig hektisch beeilen), sind wir um 6.40 Uhr schon wieder unterwegs, kommen durch deprimierend desolate Orte, ein entgegen rasender Klein-LKW schleudert uns einen Stein in die Windschutzscheibe, diese hat jetzt ein Cut.
Wir stocken unsere Essensvorräte bei einem schundigen (zu deutsch: abgeranzten) Dorfgreißler mit gelangweiltem Inhaber auf. Der spricht zwar sonst nichts mit uns, erklärt uns aber, fast entschuldigend, dass der lokale Honig, den wir auch erstehen, zwar eine gute Wahl sei, gegenüber unserem sonstigen Einkauf aber deutlich zu Buche schlägt.
Wir erreichen schon um 9.30 Uhr den Wahbah Krater. Eine geteerte, flutlichtbeleuchtete Zufahrt, ein großer Parkplatz und ein recht neues Visitor Center erwarten uns. In diesem Empfangsgebäude scheint die Lösung all unserer Anliegen (Toilette und Handy laden) zu liegen. Aber wie so oft in Saudi Arabien: So einfach ist das nicht. Die Office ist dauerhaft geschlossen, samt Sanitäranlagen natürlich und wird nun angeblich von der Polizei genützt. Hmm?
Ein äußerst bemühter, übereifriger, fast einsam wirkender Beduinen-Saudi steht uns stattdessen zur Verfügung. Leider spricht er nur rudimentärstes Englisch, deutscht uns aber aus, dass wir überall hingehen und -fahren dürfen. Wir könnten hier sogar übernachten, aber auf keinen Fall dürften wir in den Krater hinabsteigen. Das sei wegen giftiger Gase einfach zu gefährlich. Das haben wir verstanden, trotzdem erklärt es uns der alte Herr immer wieder gerne aufs Neue.
Indes beschäftigt uns die Toilettenfrage wesentlich dringender. Also steckt mir der Besucherbetreuungs-Nomade einen Schlüssel zu und schickt mich mit arabischen Anweisungen los. Überall, wo ich ein Klo vermute, passt entweder der Schlüssel nicht oder der Alte pfeift mich zurück. Schließlich versteht er, dass ich kein Wort verstehe, begleitet mich und führt mich und Dietmar zu seinem etwas entfernt und umzäunt liegenden Wohncontainer. Er lässt uns auf dem Gelände sein Privatklo benutzen und in seiner Wohnung sogar das Handy chargen. Niemals hätte ich vermutet, dass der mitgegebene Schlüssel dort passt.
Dietmar und ich machen nun einen gemütlichen Spaziergang entlang des Kraterrands. Wir sind ganz begeistert, so einen implodierten Krater haben wir noch nie irgendwo gesehen, kennen es allerhöchstens von Bildern. In den letzten Tagen muss es hier geregnet haben und so steht sogar etwas Wasser im salzigen Kratersee – wunderschön!
Das gefällt auch den Einheimischen. Sie ignorieren Parkplatz wie Visitor Center und fahren mit ihren Autos bis an den Kraterrand heran, damit sie nur ja keinen Schritt gehen müssen. Dietmar und ich wandern von Shelter zu Shelter und treffen dabei auf eine Gruppe von 6 Jugendlichen. Sie haben gemütlich einen Teppich ausgebreitet und sind hier, um Karten zu spielen. Für uns packen sie ihre fünf Wörter Englisch aus und laden uns zu Kaffee und Datteln ein, wobei ganz saudisch: Der Mann wird immer zuerst bewirtet. Sie sind unheimlich nett und aus europäischer Sicht total brav. Als Dietmar und ich dann wieder weiter spazieren, hören wir sie noch hinter uns her kudern (zu deutsch: kichern).
Die Betreuung durch den alten Beduinen ist vorzüglich. Er erzählt z.B., dass viele Touristen hierher kommen. Aus Frankreich z.B., und aus Italien, aus Tschechien auch. Es kommen Deutsche, Schweizer, Engländer, Spanier und dann noch die mit den platt gedrückten Nasen. Er zeigt es einfach vor 😊!
Jetzt wollen wir weiter, und zwar auf die Pistenkuh-Tour SN1 zu einem weiteren Krater. Die Fahrt dorthin ist für Dietmar und mich wie so oft durch die offroad-Challenge etwas stressig, aber die Route ist landschaftlich reizvoller als erwartet. Traumhaft schöne Landschaft, die letzten felsigen Hürden nehmen wir, indem wir die großen Steine der Zufahrt in den Krater händisch aus dem Weg räumen.
Während unserer Mittagsjause beschließen wir, an diesem besonderen Ort auch gleich die Nacht zu verbringen, weil es uns hier so gut gefällt. Dietmar erklimmt den Kraterrand hinter unserem Lagerplatz, dann erholen wir uns bei einem extra Käffchen auf dem gemütlichen Teppich und unseren landestypischen Sitzen im Schatten. Wir besprechen wieder den Ablauf der verbleibenden Reise und haben es angenehm und gemütlich.
Gegen Abend nimmt Dietmar mich mit hinauf auf den Berg. Eine fantastische Krater-im-Krater Landschaft erwartet mich, noch nie zuvor habe ich so etwas gesehen. Dieser romantische Platz gehört heute ganz uns alleine. Da wir nirgendwo auch nur das kleinste Stückchen Müll entdecken, schließen wir daraus, dass auch sonst kaum jemand hierher kommt. Wir genießen diesen ruhigen, gemütlichen und einsamen Platz sehr. Wir beobachten einige Vögel, später die Sterne. Sogar eine Sternschnuppe fällt für uns vom Himmel und im weichen Mondlicht verputzen wir einen großen Topf Nudeln. Ein Traumplatz und einer der schönsten dieser Reise!
KTMThemenstarter185 Beiträge · seit 201015. Jan. 2025 ·
12. November:
Eine der gemütlichsten und angenehmsten Zeltnächte unserer Saudi-Reise! Dietmar büselt (zu deutsch: schläft) von 20 Uhr bis 5 Uhr fest durch, ich bin nicht ganz so müde und pausiere eineinhalb Stunden. Noch im Stockdunkeln packen wir uns rasch zusammen, schließlich haben wir heute einen weiten Weg vor uns.
Wir kommen auch gut voran. Zwar verfahren wir uns um ein paar Hundert Meter beim Suchen der Ausfahrt aus dieser Kraterlandschaft, wodurch wir am frühen Morgen bedauerlicherweise einen Beduinen durch unseren Autolärm aufwecken, als wir irrtümlich an seinem Lager vorbeifahren. Bald aber düsen wir zuerst auf rumpeliger Piste, dann ca. 700 km auf der Autobahn Richtung Riad.
Selbstverständlich erleben wir auch heute den täglichen Geisterfahrer, wildgewordene Rechtsüberholer und Zuwischneider (zu deutsch: ??), aber wir kommen Gott sei Dank unfallfrei an. Unterwegs treffen wir tausende LKW, oft beladen mit ausrangierten Containern aus Europa, z.B. DB Schenker, Edeka, Fritz Meister Austria, … und andere. Die Landschaft ist heute schöner und abwechslungsreicher als erwartet, Gebirge und rote wie gelbe Dünenkämme wechseln sich oft attraktiv ab. Immer wieder sehen wir weidende Kamele.
Auf einer Autobahn-Tankstelle kehren wir für ein Mittagessen ein. Chicken in köstlicher Sauce, Salat, viel und gut gewürzter Reis, danach ein Mango- bzw. Erdbeer-Juice. Es schmeckt uns wieder vorzüglich in diesem wieder sehr traditionellen Restaurant. Auch ich darf zum Glück im Gastraum essen, obwohl es auch einen ausgewiesenen Family Room gäbe. Vor den Frauen, die dort versteckt essen, bleibe ich nicht unentdeckt, und sie lugen verstohlen abwechselnd alle paar Minuten hinter einem Vorhang hervor, um mich zu beobachten. Ich muss für sie sehr exotisch wirken mit meinem bunt geblümten Rock und mit meinem Benehmen im Herrenbereich. Dort ist es für mich wie immer recht interessant. Dietmar und ich schauen gerne, was so bestellt wird und wer aller hier einkehrt.
Nur wenige Kilometer nach diesem guten Mahl fahren wir von der Autobahn ab, um die „Graffiti-Rocks“ zu besichtigen. Es ist für uns die Gelegenheit auf unserer Route, neolithische Felsgravuren zu sehen, von denen es mehrere im Land gibt.
Und wieder: Tourismus in den Kinderschuhen! Schon von weitem sehen wir, dass die Felsengruppe umzäunt ist, natürlich abgeschlossen und ohne Personal. Die Toilette ist baufällig und wir verstehen, dass es diesen Zaun braucht, denn leider wurden viele der alten Zeichen und Gravuren von den saudischen Touristen zerstört, die meinen, sich dort auch verewigen zu müssen. Gut also, dass man nicht mehr an die Felsen herankommt.
Dietmar und ich spazieren um die kleine Felsengruppe herum, entdecken immer wieder die historischen Einritzungen und Tierdarstellungen, sehen dann aber auch, dass der Zaun an der Rückseite total kaputt und an manchen Stellen ganz weg ist. Sehr sinnvoll!
Von hier aus führt ein Trail auf einen kleinen Tafelberg. Er scheint seit Jahren nicht begangen, aber Dietmar und ich sind neugierig und unsere Neugierde wird belohnt! Oben auf der Anhöhe finden wir nämlich Steine, die in der Steinzeit in ganz bestimmter Form abgelegt wurden, sogenannte Schlüsselloch-Monumente. Auch die gibt es an anderen Stellen im Land, wo sie für uns auf unserer Route aber nicht erreichbar waren. Jetzt haben wir sie doch noch gefunden und darüber freuen wir uns!
Der Aufstieg auf den Berg bei großer Hitze, der austrocknende Wind, vor allem aber durch zu viel Essen und zu wenig Trinken geht es mir plötzlich nicht mehr gut. Ich muss dringend in den Schatten. Dietmar bringt mir eilig Wasser aus dem Auto, daraufhin wird mir allerdings schlecht und der Schädel fängt an zu brummen. Erst als ich mich in der Klimaanlage des Autos etwas hinlege, geht es mir langsam besser.
Als wir nach einer Stunde Fahrzeit dann unser heutiges Ziel, den Karrarah Nationalpark erreichen, bin ich wieder fit. Schon in den letzten Kilometern vor dem Nationalpark grüßen uns rote, riesige, wunderschöne Dünen, auf jeder eine oder mehrere ebenso riesige, protzige und gar nicht so wunderschöne Villen. Als wir dann im Park ankommen, sind wir geschockt: Das hier ist ein richtiger Dunebashing-Abenteuerspielplatz! Laut, stinkend und vermüllt.
Hunderte, vom Überdrehen des Motors geschwärzte Autos gasen wie verrückt durch die Landschaft und finden es äußerst lustig, wenn sie Beinaheunfälle verursachen. Wir haben uns von diesem Park echt nicht viel erwartet, dass er aber so hässlich, so zerstört, so ungepflegt und vor allem so extrem vermüllt ist, überrascht uns dann doch. Wir sind so erstaunt, ja fast geschockt, dass wir die nächsten zwei Stunden nur staunen und von nichts anderem reden können.
Wir versuchen, einen annehmbaren Platz für die Nacht in dieser Mülldeponie zu finden. Dafür fahren wir durch den ausgetrockneten See bis fast ans Ende dieses Nationalparks in der Hoffnung, dass es doch noch besser wird. Der Müll ist dort wie da, aber die Landschaft weitet sich, sodass wir einen Platz finden, wo wir hoffentlich nachts nicht überfahren werden. Wir haben diesbezüglich tatsächlich noch Sorge vor den wildgewordenen Dunebashing-Fahrern und wählen nun ein leicht erhöhtes Lager zwischen zwei Betonpfosten, die uns etwas Schutz bieten. Auf einer Seite soll unser Auto eine Barriere bilden, vor uns platzieren wir einen sehr schweren Betonpfeiler, den wir im Müll finden. Weitere große und schwere Gegenstände werden um unser Lager gestellt – alles hilft!
Schon aus der omanischen Wahiba-Wüste wissen wir, dass die Dunebasher auch noch nachts und mit Flutlicht völlig irre herumfetzen. Bei unserer Ankunft hier im Karrarah Nationalpark habe ich richtig Angst vor den Autos, die mit Vollgas irgendwohin mit Karacho hingasen und gerne auch Pirouetten im Sand machen… Ursprünglich hatten wir angedacht, hier auch morgen noch einmal zu nächtigen, darauf ist uns gehörig die Lust vergangen.
Gerade als wir damit fertig sind, unseren Lagerplatz vom Müll zu befreien, die schützende Festung überprüft wurde, das Zelt aufgebaut ist und wir es uns darin gemütlich gemacht haben, hören wir merkwürdige Geräusche von unserem Auto: eine Müllkatze durchstreift unser Areal – wie idyllisch!
Als dann auch das geklärt ist und wir eigentlich einschlafen wollen, besucht uns ein wild gewordener Toyota Hilux: Drei aufgedrehte saudische Jugendliche wollen irgendetwas von uns. Das einzige englische Wort, das sie können: "Nastrowje!" 😄 Na das kann ja eine gemütliche Nacht werden!
Euer Bericht ist weiterhin wundervoll und so informativ. Ich kann zwar nicht sagen, dass das Land nun ganz oben auf meiner bucketlist ist, aber es ist super spannend, Eure Reise mitzuerleben. Erneut lieben Dank dafür.
Viele Grüße Sanne
"Der letzte Beweis von Größe liegt darin, Kritik ohne Groll zu ertragen." Victor Hugo