(Meist) im Zelt durch Saudi Arabien!

Reisebericht 82 Antworten · 9'634 Aufrufe · gestartet 27. Dez. 2024 von KTM
1'068 Beiträge · seit 201331. Dez. 2024 · #21
Danke für deine Erläuterungen und auch das prompte Weiterschreiben.
Die Schilderungen und die Bilder sind einzigartig...mir gefällt die Gestaltung des Kreisverkehrs 😄

Ich glaube, ich hätte in der Abbaya schon so meine Schwierigkeiten ...das Bild ohne Kopfbedeckung ist wahrscheinlich entstanden als weit und breit ohnehin niemand zu sehen war, oder? In Gesellschaft wohl unmöglich...

Solche Szenen wie in dem Restaurant meinte ich mit "falsch machen" oder sich einfach komplett fehl am Platze zu fühlen.

Klasse auch das Erlebnis mit dem Campen am Kinderspielplatz...und dann bringt auch noch jemand Tee/Kafee und Datteln vorbei- unglaublich 😮

Was da noch kommen mag....

Guten Rutsch euch
Themenstarter185 Beiträge · seit 201001. Jan. 2025 · #22
Hallo Mabe,

meine Frau hat außer in Medina auf der ganzen Reise kein Kopftuch oder Schleier getragen, und das war auch überhaupt kein Problem. Sie hat ihr Haar auf der Reise allerdings auch nie offen getragen.

Seit nicht allzu langer Zeit besteht in Saudi Arabien keine Kopftuchpflicht mehr. Trotzdem haben bestimmt 98% der saudischen Frauen, die wir getroffen haben, ein Kopftuch und sehr viele davon auch einen Niqab (Gesichtsschleier) getragen.
Die Kopftuchfrage ist im Iran wesentlich gewichtiger als in Saudi Arabien.

Ja, die saudische Gastfreundschaft empfanden wir auch als überwältigend und Dein "unglaublich" haben wir auf der Reise auch sehr, sehr oft ausgesprochen! In dieser Form haben wir Gastfreundschaft sonst noch nie erlebt.


Dir und Euch lieben Fomis allen wünschen wir noch einmal ein glückliches neues Jahr! Zu diesem gibt es jetzt gleich die nächste Etappe in unserem Reisetagebuch.

Liebe Grüße,
Dietmar
Themenstarter185 Beiträge · seit 201001. Jan. 2025 · #23
29. Oktober:

Ich schlafe entspannt, tief und fest, bis mich um 1.15 Uhr lautes, extrem wildes und sehr nahes Hundegebell weckt. Ich wecke Dietmar und flüchte sofort ins Auto. Die wilden Hunde sind also wirklich gekommen, es müssen einige sein und große, und so manche beängstigende Silhouette sehen wir im Flutlicht über den Platz streunen. Mein Herz schlägt bis zum Hals, ich kehre ganz sicher heute Nacht nicht mehr in dieses Bodenzelt zurück!

Dietmar scheint keine Angst zu haben und bleibt im Zelt, während ich für den Rest dieser Nacht gut, warm und gemütlich im Auto schlafe, bis um 5.20 Uhr der Wecker läutet. Wir staunen darüber, dass gestern um 5.40 Uhr alles total hell war und heute 20 Minuten früher finsterste Nacht herrscht. Macht nichts, wir haben ja Flutlicht!

Und wir haben feinsten, noch immer sehr heißen Kaffee mit Kardamom. Die Hunde sind auch ein Stück weiter gezogen und es beginnt ein äußerst vergnüglicher Morgen. Langsam beginnen wir unser Tagewerk. Während wir gemütlich unseren Kaffee genießen, wundern wir uns über ein plötzliches, unbekanntes Rauschen,vermuten kurz Vögel im benachbarten Baum, als Dietmar schreit: „Die Bewässerung!“ Und schon sprudelt es los: Auf dem gesamten Platz wachsen Düsen aus dem Boden und in Sekundenschnelle steht das gesamte Areal unter Wasser. Dietmar reißt in letzter Sekunde unser Zelt vom Rasen, bevor es rundum abgeduscht ist. Die Szene wirkt wie in einer sehr lustigen Komödie ganz nach meinem Geschmack und ich kann für die nächste halbe Stunde gar nicht mehr aufhören zu lachen. Zuerst finden wir hier das einzige gemütliche Stück weichen, grünen Rasens zwischen dem Persischen Golf und dem Roten Meer; rund um uns Wüste, Steine, Sand und Trockenheit, und wir gelernte Mitteleuropäer verschwenden natürlich nicht einen einzigen Gedanken daran, wie so ein Fleckchen Grün eigentlich gedeihen könnte.

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Diese für uns so lustige Szene erheitert uns den ganzen restlichen Tag und bringt uns mit Schwung und Fröhlichkeit nach Hail. Die schöne Tasche mit der Kristalldose und den Spezereien hängen wir vor den Hunden geschützt an einen Baum, zusammen mit einem netten Brief und einigen Süßigkeiten für unsere Gastgeber. Wir nehmen also Abschied vom so gastfreundlichen Ort Tiraqu, zu dessen Ambiente eine gut genährte und gepflegte Katze, die uns heute Nacht Gesellschaft geleistet hat, beiträgt.

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Auf der Weiterfahrt wird die Landschaft nach und nach schöner und abwechslungsreicher, und hinter Hail erhebt sich schon imposant das Gebirge der Mawqaq Mountains, in das wir heute noch hineinfahren wollen. Obwohl wir die Stadt bei freundlichstem Sonnenschein erreichen, muss es kurz vor unserer Ankunft gerade heftig geschüttet haben. So sehr, dass wir mitten im Stadtzentrum ein River-Crossing machen müssen, weil alles überflutet ist.

Zuerst wird getankt, dann stocken wir bei Panda unsere Vorräte auf und entscheiden uns bei Mac Donalds für ein frühes Mittagessen. Es ist bei weitem nicht das beste Essen unserer bisherigen Reise, aber der Besuch selbst ein Erlebnis und äußerst interessant. Es gibt z.B. getrennte Eingänge: eine Glastür für „Singles“ (euphemistisch für „Männer“), und eine Milchglastür, durch die man nicht sehen kann, dann für „Family“ (d.h. „Frauen“ bzw. Gruppen, die eine Frau beinhalten). Klar bleibt uns nur die zweite Option.

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Von der Bestellung bis zur Toilette ist nun alles räumlich strikt getrennt. Wir bekommen den Männerbereich gar nie zu sehen. Der Gastraum sieht dann natürlich so aus, wie er bei Mac Donalds auf der ganzen Welt aussieht, aber jeder Esstisch kann mit Vorhängen zu einer fest geschlossenen Kabine umgewandelt werden. Die dort speisenden Frauen machen davon auch alle Gebrauch. Wenn der Kellner mit den Speisen kommt, klopft er an, bevor der Vorhang geöffnet wird, damit alle Frauen sich wieder hinter ihrem Niqab verstecken können. Für mich interessant, aber äußerst befremdlich.

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Was hier aber total gängig und normal ist, ist unsere ewige Frage nach dem Handy chargen. Mein vorsintflutliches Samsung Telefon wird stets nur milde belächelt, auch weil man zum Laden noch einen steinzeitlichen Stecker verwenden muss. Dietmars Dienst-Iphone kann man da schon viel praktischer direkt auf dem Esstisch auf eine Induktionsladefläche legen. Macht jeder.

Gestärkt geht es nun hinaus ins Gebirge, dessen wunderbare Schönheit uns sofort umfängt. Die herrliche Landschaft mit den interessanten Felsformationen gefällt nicht nur uns. Auch die Saudis zieht es heute hierher. Einerseits um an den vielen kleinen Wasserstellen, die der heutige Regen gebracht hat, zu picknicken (und um anschließend den Müll in die Landschaft zu werfen), und andererseits um wie wild geworden durch Gebirgsbäche zu rasen, um auszutesten, was so ein Auto im Gelände alles kann. Ich hege schon länger meine Zweifel, dass die vorgeschlagene Tour aus Pistenkuh – einmal quer durch das Gebirgstal – für uns geeignet sei, aber heute mit dem vielen Wasser und den zahlreichen Flussquerungen ist schon nach wenigen Kilometern klar, dass wir das sicher nicht machen werden.

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Die Saudis aber haben größten Spaß daran, ihre Fahrzeuge zu schrotten und in den Flüssen zu versenken. Unsere zaghaft vorgebrachten Empfehlungen zu möglichst sicheren Wasserdurchfahrten, wie wir sie in Afrika gelernt haben, werden schnöde abgewiesen. Diese überdrehten Reichen haben ihre größte Freude daran, wenn mitten im Fluss motortechnisch nichts mehr geht. Abschleppen versucht man höchstens mit einer Wäscheleine, angeschoben wird auch nicht, da könnte man sich schmutzig machen. Frauen steigen nie aus dem Auto aus, dann könnte man sie sehen und gegenseitige Hilfe ist eher selten. Soll doch jeder sehen, wie er weiterkommt - „etwas übersättigt“ das Ganze! Unseres ist das nicht. Wir lernen aber später, dass es „River Bashing“ genannt wird.

Wir machen kehrt und haben dadurch heute noch Zeit für das traumhaft schöne Tal von Tuwarim. Bei der Einfahrt finden sich noch ein paar Ruinen früherer Völker, der Talschluss selbst begeistert uns sehr. Schon bald suchen wir den für uns romantischsten Platz für die Nacht.

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Ein kurzes Stück gehen wir auch zu Fuß, bis Dietmar später das Auto nachholt. Bei diesem kurzen Spaziergang fallen wir natürlich sofort als Ausländer auf, woraufhin jedes zweite Auto anhält, uns freundlichst willkommen heißt, Mitfahrgelegenheiten anbietet und mal dieses, mal jenes Geschenk aus dem Wagen reicht (Wasserflaschen, Nüsse, ...). Ich bin richtig froh, als Dietmar mich später mit dem Auto wieder einsammelt, beinahe hätte man mich hier adoptiert!

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Auch wenn wir im Wagen sitzen, fallen wir auf, und die arabische Gastfreundschaft macht vor uns im Auto nicht halt. Als wir an einer Stelle wenden müssen, werden uns von zwei jungen Männern kleine, gekühlte Wasserflaschen hereingereicht. Wir sollten doch unbedingt aussteigen und uns zu ihnen gesellen. Wir werden sofort auf die schönen Teppiche gebeten und man reicht uns Kaffee und Datteln. Wie gut, dass einer der beiden freundlichen Männer etwas Englisch kann, so entspinnt sich eine nette Unterhaltung. Die beiden sind aus Riad, einer arbeitet im Labor eines Krankenhauses, der andere in der Immobranche. Auf seine Frau, die Hebamme ist, ist er äußerst stolz, er besitzt ein Pferd und wir werden für Expats gehalten. Eine dreiwöchige Reise nach Saudi Arabien um des Landes wegen kommt in ihrer Gedankenwelt nicht vor. Wir haben das auch bei verschiedenen Smalltalks in den vergangenen Tagen immer wieder erfahren.

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Die beiden Männer lassen sich gerne fotografieren. Sie kochen übrigens gerade einen Kamelfleisch-Eintopf, wir möchten doch unbedingt zum Essen bleiben! Nein? Aber doch wenigstens probieren und den Koch loben! Es schmeckt wirklich sehr, sehr gut, aber wir wollen weiter zu unserem Platz für die Nacht.

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Die zwei Burschen fahren heute noch hinaus aus diesem schönen Tal. Niemals könne man hier drinnen übernachten, schließlich sei das Gelände unübersichtlich und es gäbe Wölfe. Aaahh!!?? Wenn das genau so wahr wird wie die gestrige Ankündigung der wilden Hunde... - na dann gute Nacht!

Ansonsten ist unser Platz für diese Nacht traumhaft – genauso habe ich mir Zelten in Saudi Arabien immer vorgestellt!
zuletzt bearbeitet 01. Jan. 2025
298 Beiträge · seit 200701. Jan. 2025 · #24
Hallo Ihr beiden,

zuerst noch ein gutes und gesundes neues Jahr 2025 mit vielen schönen Reisen.

Ich bin mehr als begeistert von eurem Bericht. Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, alleine nach Saudi Arabien zu reisen, obwohl ich ein Fan bin von Wüstenländern. Euer Bericht ist ja mehr als spannend. Ich hätte auch vor allem Angst, dass man wegen kleiner Verstösse gleich mal im Gefängnis landet. So ist unsere Einstellung eben, wenn man von Saudi-Arabien hört. Wir waren letztes Jahr auch im Oman, wo es ja nicht so strenge Regeln gibt.,

Ich bin sehr gespannt, was ihr noch alle erlebt habt und freue mich auf die Fortsetzung.

Herzliche Grüße aus Bayern
Silvy
549 Beiträge · seit 201601. Jan. 2025 · #25
Hallo Ihr Beiden,
ich lese hier auch sehr interessiert mit, fand ich den Orient immer schon anziehend. Eure Reise finde ich bisher mega spannend, weil so anders. Der Iran ist bzw. war immer ein Wunschland, aber für mich nicht zu bereisen. Saudi Arabien hatte ich überhaupt nicht im Blickfeld umso toller, dass ihr da einen Einblick gewährt. So eine Reise könnte ich mir durchaus vorstellen. Wobei wir wohl zuerst den Oman bereisen werden. Aber wer weiß... Pläne sind ja immer schnell geändert 😄

viele Grüße
Elke
Menschen, mit denen man lachen und weinen kann, sind die Menschen, die das Leben ausmachen.
128 Beiträge · seit 202401. Jan. 2025 · #26
KTM schrieb:Seit nicht allzu langer Zeit besteht in Saudi Arabien keine Kopftuchpflicht mehr.
Im März 2018 hat MBS die Kopftuchpflicht aufgehoben. Es sind also schon fast 7 Jahre. Bei den meisten Deutschen sind diese Veränderungen aber bis heute noch nicht angekommen. Von "Diesel-Dieter" darf man sich immer noch belehren lassen, dass er ja niemals nach Saudi-Arabien reisen würde, weil Frauen dort "Burka" tragen müssen. Viele kennen auch nicht den Unterschied zwischen Burka und Abaya. Abayas gibt es schon lange in vielen Farben, mit Verzierungen und auch teils mit eher engen, körperbetonenden Schnitten, die zu High Heels getragen werden.
KTM schrieb:Ja, die saudische Gastfreundschaft empfanden wir auch als überwältigend und Dein "unglaublich" haben wir auf der Reise auch sehr, sehr oft ausgesprochen! In dieser Form haben wir Gastfreundschaft sonst noch nie erlebt.

Das ist (war) in der Region eben das gesellschaftlich verankerte "Normal". Vor 15-20 Jahren gab es diese für uns Deutsche extreme Gastfreundschaft auch noch im Oman und Katar. Ich habe hier vor Kurzem einen Reisebericht gelesen, in dem man den Oman in 2024 noch als "Geheimtipp" verkaufen wollte. Nur ist der Oman schon lange kein Geheimtipp mehr. Das war er vor 20 Jahren. Die Touristenzahlen haben sich verzigfacht und natürlich lässt sich ein solches Maß an traditioneller Gastfreundschaft gegenüber Horden an Touristen nicht aufrecht erhalten. Das wird auch in Saudi-Arabien schnell verschwinden. Weil es zu viele Touristen sind und weil sie auch zunehmend negative Erfahrungen mit ignoranten Touristen machen werden.

Landschaftlich und historisch hat Saudi-Arabien viel mehr zu bieten als die UAE (Dubai) und auch als der Oman. Was dort an gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Transformation abläuft, ist einzigartig und finde ich sehr, sehr interessant. Bin wirklich gespannt, ob Projekte wie "The Line", "New Murabba" usw. wirtschaftlich funktionieren werden. Ebenso gespannt bin ich, ob deren Tourismusansatz, mit der Konzentration auf das Ultra-Luxus-Segment funktionieren wird. Meine aktuelle Erwartung ist, dass deren derzeit umgesetzte Tourismusstrategie kolossal gegen die Wand fährt, aber es ist ja auch möglich, dass ich das falsch einschätze. So Camping-Touristen wollen die ja eigentlich gar nicht.

Lese weiter interessiert mit, wie es Euch ergangen ist.

Viele Grüße
Themenstarter185 Beiträge · seit 201002. Jan. 2025 · #27
Guten Morgen, liebe Elke,

es ist uns eine Freude, dass wir auch Dich zu einem bisher noch nicht so vertrauten Land inspirieren dürfen! 🙂

In Deinem und so manchem anderen Kommentar hören wir die Überlegung "Oman oder Saudi Arabien" heraus. Und so schreiben wir für Euch hier unsere Gedankensammlung zum Thema, wie sich aus unserer persönlichen Sicht die Unterschiede zwischen diesen beiden Ländern als Reisende dargestellt haben.

Wir haben es folgendermaßen erlebt:
Oman ist das kompaktere Reiseland, alleine schon von den geographischen Dimensionen, aber auch der Dichte an Sehenswürdigkeiten. Er ist auch architektonisch und kulturell dichter.
Der Oman bedient die Klischees aus 1001 Nacht viel mehr, Saudi Arabien ist da etwas spröder.
Die Küste Omans, die Wahiba Wüste, die Rub al Khali und die Berge und Wadis sind total sehenswert; die Fels- und Wüstenlandschaften Saudis aber auch immens imposant und aus unserer Sicht genauso sehenswert.
Der Oman bietet mehr touristische Themen, an denen man sich abarbeiten kann, z.B. Viehmärkte, den Weihrauch, prächtige Moscheen, super renovierte Burgen oder die Duftkultur.
Wir fanden den Oman viel feiner und gewachsener, hier macht sich die 50-jährige Regentschaft und gelungene Modernisierung des feinsinnigen Sultan Kabus bemerkbar.
Saudi Arabien ist bestimmt das modernere Land. Es ist auch wesentlich mehr im Umbruch begriffen als Oman.
Wir haben beide Länder als äußerst gastfreundlich empfunden, je nach Region äußert sich das in verschiedenen Gepflogenheiten. Die Diskrepanz zwischen den gesellschaftlichen Traditionen und dem modernen Erscheinungsbild ist in Saudi Arabien deutlich größer (was auch an der unterschiedlichen religiösen Ausrichtung der beiden Länder liegen mag).
Die von der Bevölkerung gepflogene Kleiderordnung war in Saudi Arabien deutlich konservativer. Meine Frau hat im Oman nie eine Abaya getragen, aus Respekt allerdings weite Kleidung, die Arme und Beine bedeckt hat.
Bezüglich Selbstfahrer-Reisen: Campieren ist in beiden Ländern ähnlich einfach, der Oman bietet mittlerweise equipped Dachzelt-Mietautos an, und der Autoverkehr ist in Saudi Arabien stressiger.
Die Englisch-Kenntnisse im Oman waren auch überraschend schlecht, insbesondere in abgelegenen ländlichen Gebieten Richtung Jemen (Dhofar), aber in Saudi Arabien ist Englisch außerhalb der großen Städte und Touristenzentren praktisch nicht vorhanden.

Weil wir den Eindruck hatten, dass es manche von Euch interessiert, haben wir gestern für Euch dieses Interview aus dem Netz gefischt. Was die Journalistin sagt, deckt sich genau mit unseren Erfahrungen.
https://www.welt.de/reise/Fern/article253830138/Saudi-Arabien-Urlaub-Das-muessen-Touristen-und-speziell-Frauen-beachten.html


Damit beenden wir unseren kleinen Exkurs und kehren zurück zu unserem persönlichen Reisetagebuch. 😄 😁

Liebe Grüße,
Dietmar
2'462 Beiträge · seit 200602. Jan. 2025 · #28
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so gespannt auf die Fortsetzung eines Reiseberichts gewartet habe, aber Eure Reise ist für mich so spannend, Eure Eindrücke so interessant, dass ich es kaum abwarten kann, was Ihr noch in Saudi Arabien erleben werdet. Ganz lieben Dank dafür! 🙂
"Der letzte Beweis von Größe liegt darin, Kritik ohne Groll zu ertragen." Victor Hugo
Themenstarter185 Beiträge · seit 201002. Jan. 2025 · #29
30. Oktober:

Vieles hier erinnert an Afrika: Teilweise sieht es aus wie im Erongo, der Platz liegt still und idyllisch, der schöne Sternenhimmel (sogar eine Sternschnuppe fällt für uns vom Himmel 😁 ), der abendliche Gesang der Zikaden, und im Schein der Taschenlampe leuchten uns die Augen eines kleinen Tierchens, vermutlich eine Art Marder, entgegen.

Und doch ist es ganz anders: Am Himmel sind viel mehr Flugzeuge, die abendliche Stille wird vom weit entfernten Muezzin-Ruf unterbrochen und wechselt sich mit dem Geschrei von nahen Eseln ab (klanglich ist das für uns kaum zu unterscheiden 🙂 ). Und wir essen Börek statt Gegrilltem.

Obwohl es sternenklar ist, bilden wir uns ein, ab und zu Blitze wahrzunehmen, und siehe da: Wir bilden es uns doch nicht ein, denn um 1 Uhr nachts werden wir von starkem Wind geweckt, der an den Zeltwänden ruckelt, und es blitzt jetzt oft und regelmäßig. Ein Gewitter in der Nachbarschaft sorgt für dieses Wetterleuchten, und wir überlegen eine Weile, ob wir vorsichtshalber lieber ins Auto ziehen sollten. Dietmar bereitet vorsorglich alles für einen möglichen schnellen Umzug vor, wir bleiben aber im Zelt und schlafen dort auch noch tief und fest, bis um 5.20 Uhr dann der Wecker läutet.

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Wieder sind wir vom harten Untergrund etwas gerädert, freuen uns aber auf diesen neuen Tag. Wir genießen die Fahrt hinaus aus dem Tal im Morgenlicht, staunen erneut über die imposanten Felsformationen und einige Kilometer lang darüber, wie sich die Landschaft langsam in Wüste verwandelt. Wir sind nun am Rande der Nefud-Wüste angelangt und wollen nicht einfach die geteerte Fernstraße in Richtung Al Ula nehmen. Es gibt einen Umweg durch die Dünen. Die Straße ist erst noch geteert, später geht es auf einer geschobenen Piste durch die Wüstenlandschaft.

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30.000 km² ist sie groß, die Nefud und hoffentlich nicht überall so vermüllt wie hier am südlichen Rand. Die schönen Sicheldünen tragen alle Narben vom Dune bashing und Quadbike fahren. Immer wieder sehen wir Behausungen und Umzäunungen von Beduinen, ab und zu auch Kamele. Obwohl auf unserer Karte nicht eingezeichnet, finden wir eine Verbindungsstrecke zur Teerstraße und später auf die Fernstraße 70.

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eine Moschee

Unsere Saudi Arabien Reise gefällt uns bis jetzt jedenfalls recht gut. Wir haben übrigens nicht erwartet, in Saudi Arabien entlang der Straßen so viele derart heruntergekommene, scheinbar verlassene Straßendörfer, brach liegende Tankstellen, Bauruinen, geplatzte Immobilienträume und leerstehende und verfallene Gewerbehütten – ähnlich zu vielen Straßensituationen in Afrika (nur eben ohne Leben) – zu sehen. Von der extremen Vermüllung und den ungepflegten Moscheen fangen wir gar nicht erst an.

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In einer dieser trostlosen Aneinanderreihungen von traurig wirkenden Buden finden wir in einem Fernfahrerlokal ein recht frühes Mittagessen. Weder sind wir schon besonders hungrig, noch hatten wir ursprünglich vor, überhaupt so oft essen zu gehen, aber unsere fehlende Lademöglichkeit für die Handys (das Navi können wir leider auch vergessen) zwingt uns dazu.

Diese Notwendigkeit beschert uns im Gegenzug landestypisches, recht schmackhaftes Essen und interessante Begegnungen mit der Bevölkerung. Also leider nur mit den Männern. Auch heute werde ich hier als Frau angestarrt wie eine Außerirdische. Dass ich meine Abaya trage, hilft hier auch kaum. Zwar wird nur mit Dietmar gesprochen, aber man ist äußerst gastfreundlich zu uns. Erst wird der junge Mann geholt, der zwei, drei Brocken Englisch kann, dann dürfen wir in der Küche in alle Töpfe hineinschauen, um uns etwas auszusuchen. So bekomme ich heute endlich einmal ein Gemüsegericht und Dietmar Leber, die er doch so gerne isst.

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Man ist erfreut, als wir uns entschließen, das Essen nicht einpacken zu lassen, sondern gleich vor Ort zu speisen. Wie so oft auf dieser Reise gibt es auch hier eine dünne Plastikfolie als Tischtuch, die nach jedem Gast entfernt wird und mitsamt etwaiger Speisereste, Servietten etc. im Müll landet, und wir wehren uns mit Erfolg, in einer der Kabinen verschwinden zu müssen. Da hier normalerweise nur mit den Fingern gegessen wird, holen wir der Einfachheit halber unser Besteck aus dem Auto. Der Wirt schenkt uns noch zwei Wasserflaschen, wir bekommen Salat und frisches Fladenbrot gereicht, und alle sind äußerst freundlich und um uns bemüht.

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Zwei Inder kehren nach ihrem Essen extra noch einmal ins Lokal zurück, um uns um ein gemeinsames Foto mit ihnen zu bitten. 🙂

So ein opulentes Mittagessen kostet für uns beide ca. 5 Euro und ist immer eine leckere und lustige Angelegenheit. Gestärkt und mit etwas mehr Handysaft setzen wir die Reise fort. Das Wetter wird immer windiger und teilweise weht es ganze Sandschwaden über die ganze Fahrbahn, die die Sicht trüben.

Nicht nur deshalb verpassen wir die Abzweigung zum Mahajah Arch – kein Schild, keine Abfahrt, nichts. Irgendwann finden wir die gesuchte Piste und sind gleich beeindruckt von den landschaftlichen Reizen dieser Tour (Nr. SH1 aus Pistenkuh). Wir halten für ein Foto, doch als Dietmar wieder weiterfährt, nehme ich ein Geräusch wahr, das ich sofort als Patschen (zu deutsch: Platten) erkenne. Und so ist es leider auch.

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Unser rechtes Hinterrad hat gar keine Luft mehr und darum sind die nächsten drei Stunden geprägt von Auto ausräumen, Werkzeug suchen, Reservereifen von der Bodenplatte lösen, Autoreifen wechseln, schließlich 20 Kilometer zur nächsten Werkstatt zurückfahren, Autovermietung informieren, Reifen reparieren und wieder wechseln lassen... - das ganze bei großer Nachmittagshitze, vor allem aber bei extremem Wind, der schon eher ein kleiner Sandsturm ist. Wir und das Auto sind sandgestrahlt, Sand haben wir sogar in den Zähnen.

Glücklicherweise kommen auch zwei Autos mit hilfsbereiten, plattenerfahrenen Beduinen vorbei. Der eine reist mit seinem hübschen, wollig braunen Schaf, der andere mit Frau und Kindern. Aus dem Auto aussteigen darf nur der kleine Sohn. Mit mir spricht natürlich niemand, Geld für ihre Hilfe wird vehement abgelehnt, die Zuckerl sowohl für Kinder als auch Erwachsene aber gerne genommen.

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Unsere Autovermietung steckt kundentechnisch noch in der Steinzeit, wir werden über die Hotline mit jemandem verbunden, der nur arabisch spricht. Irgendwann gelingt es Dietmar, unseren Mechaniker mit Ahmed von „Key Car“ zu verbinden. Wir wissen natürlich nicht, was die beiden am Telefon besprochen haben, auch die arabische Rechnung können wir nicht lesen. Wir bezahlen umgerechnet 7,50 Euro, haben dafür einen geflickten, gut montierten Reifen und ein aufgepumptes, gut befestigtes Reserverad, sowie ein in der Werkstatt geladenes Handy. 🙂

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Das war natürlich alles etwas mühsam und ungeplant, ich bin aber heilfroh, dass wir keinen Unfall hatten. So, jetzt aber hinaus in die Wüste und hinein in die Pistenkuh-Tour! Die Landschaft ist überwältigend schön, die Strecke teilweise recht anspruchsvoll und so suchen wir uns auch heute frühzeitig einen Platz für die Nacht. Das Gelände ist teils tiefsandig, teils felsig und recht uneben. Wir finden aber ein erreichbares, sehr idyllisches Plätzchen mit Blick in die Weite.

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Bei unserer Ankunft windet es so stark, dass wir zuerst eine Nacht im Auto einplanen. Mit dem fast kitschig schönen Sonnenuntergang legt sich aber der Wind und Dietmar baut unser Zelt auf. Heute auf weichsandigem Untergrund und hoffentlich nicht zu nah bei den vielen Ameisenstraßen, die wir hier sehen.

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Die Dusche tut uns gut, der ruhige Abend auch. Ein traumhafter Sternenhimmel und sehr viele Motten. Es gibt heute keine singenden Zikaden und essenstechnisch begnügen wir uns mit den inzwischen zähen, labbrigen Brotfladen von heute Mittag.

Ein Weilchen genießen wir noch die Stille und den zauberhaften Sternenhimmel. Wir beobachten Flugzeuge und Satelliten und so manches Licht, das wir uns nicht erklären können, und schlafen um 21.00 Uhr dann tief, fest und entspannt in dieser außergewöhnlich windstillen Nacht, bis um 5.30 Uhr der Wecker läutet.
zuletzt bearbeitet 24. Jan. 2025
1'003 Beiträge · seit 200802. Jan. 2025 · #30
gelöscht
zuletzt bearbeitet 11. Jan. 2025
Themenstarter185 Beiträge · seit 201003. Jan. 2025 · #31
Liebe Sanne,

auch wir waren auf der Reise immer total gespannt, was der nächste Tag wohl mit sich bringen mag, und danken Dir von Herzen, dass Du an unserer Tour so begeistert Anteil nimmst! 😁
Das motiviert - halte Dich fest, es geht weiter! 😄

Liebe Grüße,
Dietmar
zuletzt bearbeitet 03. Jan. 2025
Themenstarter185 Beiträge · seit 201003. Jan. 2025 · #32
31. Oktober:

Weltspartag! Es ist wirklich das Erste, was ich heute denke, und ich hätte große Lust, Papa einen Gruß zukommen zu lassen.

Ein herrlicher Morgen, wir sind gut ausgeschlafen, einige Vögel bezwitschern unser Lager, rund um uns nur Stille, Weite und herrliche Szenerie! Wir packen gemütlich zusammen und Dietmar kocht extra etwas Wasser für meine längst überfällige Haarwäsche auf. Ich entscheide mich heute mal gegen die Abaya, so selbstreinigend sie auf magische Weise auch sein mag, und werde sehen, wie ich in Zivil durch den Tag komme.

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Der Tag entwickelt sich wunderschön: Mit viel Ruhe, vor allem aber viel Umsicht und Geschicklichkeit bewältigt Dietmar die oft anspruchsvolle offroad-Strecke. Bei bestem Morgenlicht zeigt sich uns eine bizarre, eindrucksvolle und immer wieder anders geformte Wüsten- und Steinlandschaft. Dietmar und ich freuen uns so sehr darüber, dass wir erleben dürfen, wie schön die Welt ist!

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Bevor wir zu den berühmten Mahajah Felsen kommen, möchten wir einen kleinen Abstecher zu einer auffälligen Felsengruppe in Hanglage machen. Da es dort recht tiefsandig ist, lassen wir das Auto vorsichtshalber stehen und begeben uns auf eine kleine Morgenwanderung zu dem Aussichtspunkt. Dabei trocknen meine Haare im Wind und etwas Bewegung tut auch gut.

Nach diesem Abstecher erreichen wir schon nach wenigen Minuten schließlich den Mahajah Felsen. Die mächtige Gesteinsformation hat etwas imposant Kathedralenhaftes. Wir sind beeindruckt davon, was die Natur und das Wetter bzw. die Winde samt Sand in Jahrmillionen geformt und hervorgebracht haben. Einfach großartig! Schade, dass hier alles so extrem vermüllt ist und die Felsen so viele Aufschriften und Einritzungen der saudischen Touristen tragen.

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Wir testen auch die auffallende Akustik und ich habe meine Freude am Pianissimo-Singen. Auch als wir die Felsgruppe schon eine Weile verlassen haben, bietet sie uns aus der Ferne ein prächtiges Fotomotiv.

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Aber nicht nur sie: Wir wissen gar nicht, welche Felsen und Gebirgszüge uns am besten gefallen. Wir kommen aus dem Staunen gar nicht heraus und wissen schon jetzt, dass unsere Fotos niemals die hier gesehenen Naturschönheiten adäquat wiedergeben können.

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So schlängeln wir uns beeindruckt und beglückt durch diesen Teil der Nefud-Wüste. Für Dietmar ist diese Strecke aber überraschend herausfordernd. Tiefsandige Passagen wechseln sich ständig mit Geröll oder steinigem Untergrund ab und nicht selten muss Dietmar auf dem nackten, glatten Felsen fahren. Gerade an diesen Stellen ist oft nicht ersichtlich, wo der Weg eigentlich weiterführt, zumal er sich x-fach verzweigt und niemals eine Hauptspur auszumachen ist. GPS oder die App können wir aus bekannten Stromspargründen nur im Notfall mitlaufen lassen, und diese Notfälle treten immer häufiger ein.

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Ab und zu verenden wir irgendwo im Nirgendwo, müssen umkehren oder uns selbst eine Route suchen. Das kann je nach Bodenbeschaffenheit auch gefährlich werden. Auf dieser Tour, für die wir ca. 10 Stunden Fahrzeit (gestern und heute) brauchen, begegnet uns kein einziges anderes Auto. Wir treffen lediglich ab und zu auf Kamele und zweimal auf einsame Nomadenhirten mit ihren Schafherden.

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Als wir heute in der Früh starten, entdecken wir in unserer gestern frisch gezogenen Sandspur frische Pfotenabdrücke. Wir vermuten z.B. einen Fuchs. Einige Stunden später haben wir nun das Riesenglück, einen solchen tatsächlich zu sehen! Leider ist er scheu und verschwindet gleich in einer Felsengruppe, noch bevor wir ihn fotografieren könnten, aber er sieht gesund und hübsch aus, mit seinem buschigen Schwanz! Welch ein Sichtungsglück!

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Auch unsere Mittagsrast mit Suppe, Bananen und Kaffee, sowie Kamelbesuch gestaltet sich recht erquicklich, kurz danach läuft es dann nicht mehr ganz so rund: An einer recht tiefsandigen Stelle bleiben wir stecken. Auch mein rückwärtiger Anschiebeversuch scheitert. Jetzt heißt es für Dietmar buddeln, mit den Händen natürlich, klar. Schaufeln oder gar Sandbleche haben wir natürlich nicht. Wir bestellt liegen aber ganz in der Nähe flache, geeignete Steine in der Landschaft, Dietmar legt sie unter die Reifen und zusammen mit meinem Anschieben sind wir bald wieder mobil. Schade um das frische Hemd, das Dietmar sich heute gegönnt hat.

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Es ist aber nicht der erste „Verlust“ auf dieser Reise, Dietmars Lesebrille z.B. hat schon seit einigen Tagen nur mehr einen Bügel und bringt mich regelmäßig zum Lachen. Außerdem hat Dietmar einen komplett nagelneuen Expander auseinandergerissen, ich wusste gar nicht, dass mein Mann solche Kräfte hat. Ja, und Dietmars Fernglas hat sich auch verabschiedet. Nach 15 Jahren und vielen, vielen Reisen ist der Gucker einfach in zwei Hälften zerbrochen...

Nach unserem kleinen ungeplanten Halt im Sand können wir zwar wieder fahren, die letzten 20 km bis zur Teerstraße plagen uns aber gewaltig und verlangen viel Aufmerksamkeit, Kreativität, Ausdauer und Optimismus. Irgendwann ist es geschafft und wir haben „nur noch“ 150 km bis Al Ula.

Nach einigen gleichförmigen, langweiligen Kilometern verändert sich die Landschaft wieder und wird zauberhaft schön. Leider steigt aber auch der „Reisedruck“: Wo sollen wir heute schlafen? Sollen wir überhaupt bis Al Ula fahren oder besser nach Hegra? Und wo können wir irgendwie unsere so leeren Geräte aufladen?

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Als wir an einem Gate zu einem großen umzäunten Gebiet vorbeikommen, erscheint uns dies die Lösung all unserer Probleme. Wir bitten um Einlass in ein riesiges Landschaftsgelände (wir vermuten ein Reservat für wiederangesiedelte ausgerottete Antilopen), um für eine Nacht zu bleiben. Aber leider nimmt man uns nicht auf.

Wir fahren also weiter Richtung Al Ula, aber alles wird irgendwie verkrampfter: Uns läuft die Zeit davon, es wird bald finster (dunkel), wir wissen nicht so recht, wohin mit uns und vor allem nicht, wo wir chargen sollen. Wir haben Ideen und verwerfen sie, Dietmars Stimmung wird immer schlechter.

Schließlich entscheiden wir, ca. 30 km wieder zurück zu fahren zu besagtem vorigen Gate, um dort zumindest unsere Telefone für eine Nacht abzugeben. Dann hätten wir wenigstens dieses Problem gelöst. Auf diesem Weg zurück hat mein Handy nur mehr 13% Saft, ich will aber heute Papa (ein ehemaliger Bankmitarbeiter) unbedingt zum Weltspartag schreiben. Und so nützen wir den letzten Strom meines Telefons, um genau das zu tun.

Während wir am Straßenrand halten, um ihm zu schreiben, zieht erst ein gewaltiger Sandsturm und später ein heftiges Gewitter inklusive Hagel auf. Dietmars Stimmung ist am Tiefpunkt, als die Officer am Gate auch unseren Handys für diese Nacht keine Herberge geben. Ich versuche vieles, um Dietmar aufzumuntern, es will mir gar nicht recht gelingen. Der Hagel und die schlechte Sicht beim Fahren machen alles noch unangenehmer (die Einheimischen machen übrigens Fotos von diesem Wetterphänomen und nach unserer Rückkehr aus Saudi Arabien werden wir erfahren, dass man sogar in Europa über Schnee in Saudi Arabiens Wüste berichtet hat – wir haben uns zu diesem Zeitpunkt in den Ausläufern dieses Wetterphänomens befunden).

Als Dietmar mich hinter einen großen Felsen kutschiert, weil die Blase dringend, aber bitte versteckt entleert werden will, werden wir schon von der Polizei beobachtet. Langsam fallen wir auf und trauen uns jetzt nicht mehr, die allgegenwärtigen Camping-Verbote, die in dieser Gegend herrschen, zu ignorieren. Obwohl es inzwischen stockdunkel ist, fahren wir weiter nach Hegra. Ich schlage vor, ein Hotel zu suchen, Dietmar will das nur als allerletzte Option.

Auf dem Weg nach Hegra kommen wir zu allem Übel auch noch an einem Autounfall vorbei... Wir sind beide müde und bedrückt und möchten einfach nur irgendwo ankommen. Und schließlich tun wir das auch: Das Touri-Office von Hegra schließt zwar gerade, als wir ankommen, aber man erlaubt uns, für diese Nacht einfach auf dem Parkplatz zu bleiben. Das Gewitter ist vorbei und unsere Reise für heute zu Ende.

Die sehr gepflegte, neue, warme Toilette, in der wir uns mit dem arabischen Kloschlauch duschen können, fühlt sich für mich nach Wellness-Resort an. Der romantisch beleuchtete Felsen und die Gehwege erzeugen Lodge-feeling. Ich bin glücklich und sehr zufrieden mit diesem Platz für die Nacht und jetzt konzentriere ich mich darauf, Dietmar wieder aufzumuntern. Ach, und auf dem super Klo können wir auch alle unsere Akkus aufladen – alles bestens!

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Zum Abendessen reichen uns ein paar salzige Kekse und Dietmar lässt sich sein Halwa schmecken. Inzwischen ist es komplett windstill geworden, sodass wir problemlos in unserem Zelt neben dem Auto schlafen können. Zur Sicherheit platziert Dietmar noch zwei große Wasserkanister davor, damit nachts nicht versehentlich ein Fahrzeug über unsere Köpfe rollt. Dann schlafen wir wunderbar tief, fest und gemütlich!

Diese Wonne findet um 1 Uhr nachts ein jähes Ende, als zwei Männer wie wild auf die Motorhaube unseres Autos klopfen und mit grellen Taschenlampen unser Zelt bestrahlen. Dietmar springt mutig und verschlafen hinaus und erfährt von irgendeinem wichtigen Vorzeigebeamten, dass wir hier unmöglich schlafen könnten, dass wir sofort hier weg müssten und dass es „verrückt“ gewesen sei (Zitat!), dass uns am Abend diese Erlaubnis erteilt worden sei. Die Männer lassen nicht mit sich reden und so macht Dietmar sich daran, unsere Behausung wieder abzubauen und ins Auto zu packen. Wir beide sind sauer auf diesen Beamten, der sich nur wichtig macht. Weit und breit ist niemand, wen soll unser Zelt hier stören?

Während wir müde und verschlafen und ziemlich genervt alles zusammenpacken, kommt noch ein anderer Security-Typ in seinem SUV und gibt uns mit Google Translate zu verstehen, dass diese Aktion nicht sein Wille war. Na wenigstens hat einer ein schlechtes Gewissen! Ich bin total tramhappert (zu deutsch: schlaftrunken), mir fällt aber immerhin ein, diese Schlafunterbrechung für den Handywechsel am Klo zum Laden zu nutzen. Hat also auch was Gutes...

Wir beschließen, den Rest der Nacht einfach 70 m weiter hinten auf dem Parkplatz zu verbringen und zwar im Auto. Die verbleibenden Stunden schlafen wir dort bestens, den Wecker ignorieren wir souverän und hängen noch eine weitere Stunde dran. Darin tun wir gut, denn statt wie angekündigt um 6 Uhr trudeln die netten, aber gelangweilt und dümmlich wirkenden Damen der Ticketoffice erst um 8 Uhr ein!
Themenstarter185 Beiträge · seit 201004. Jan. 2025 · #33
1. November:

Dietmar gelingt es, für uns eine Tour um 12.30 Uhr zu buchen, dabei haben wir richtig Glück, denn es sind die letzten freien Plätze für den ganzen Tag. Die Zeit bis dahin wollen wir für andere touristische Highlights der Region nutzen. Gleich am Morgen fahren wir zum berühmten Elefant-Rock. Der riesige Elefant ist gut erkennbar und weithin sichtbar. Der Eintritt, um hinter die Umzäunung zu gelangen, wäre frei, wie uns der freundliche indische Officer erklärt, aber die Site ist erst ab 16 Uhr zugänglich, dafür aber bis Mitternacht geöffnet.

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Wir schleichen also von allen Seiten außerhalb des Geländes herum und machen fleißig Fotos. Warum wir nicht einfach hineingehen können und warum erst ab 16 Uhr, verstehen wir natürlich nicht, es steckt bestimmt ein ganz ausgeklügeltes Tourismus-Konzept dahinter. Uns ist es aber auch egal, wir haben gesehen, was wir wollten und ja, der Tourismus steckt noch in den Kinderschuhen in Saudi Arabien und gibt sich besonders in und um Al Ula eher verkrampft.

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Dietmar und ich fahren also weiter und freuen uns darauf, das bekannte Konferenzzentrum und Konzerthalle Maraja mit der verspiegelten Fassade in der Wüste anzuschauen. Die Fahrt dorthin durch eine grüne, bewohnte Oase mit den unvorstellbar großen, glatten und massiven Felsblöcken im Hintergrund ist sehr eindrucksvoll. Wir kommen aus dem Staunen gar nicht heraus, so eine Landschaft haben wir noch nie zuvor gesehen.

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Gespannt biegen wir auf das Maraja-Gelände ab, wir erhalten aber ohne Reservierung keinen Einlass und diese Reservierung bekommen wir nur bei „mytable“ in Al Ula. Kein Problem, wollen wir doch sowieso in die Altstadt von Al Ula, ein bisschen umständlich wird es dem geneigten Touristen aber schon gemacht.

Tja, Al Ula: Was auch immer wir uns von der bekannten und beworbenen Altstadt erwartet haben, das sicher nicht! Es handelt sich unserer Meinung nach nämlich um ein künstliches Arabien-Disney mit vielen Klischees aus Tausendundeiner Nacht. Überteuerte Klischees, wohlgemerkt.
Hippe, seelenlose und natürlich überteuerte, meist leere Restaurants, ein totes Viertel mit Souvenirläden, Souvenirs, die nichts damit zu tun haben, was uns auf unserer bisherigen Reise und auch später im restlichen Saudi Arabien begegnet wäre: Tonwaren, Kleidung, Parfums, Bilder, Teppiche, oft auch chinesischer Plastikkitsch. Die alte Burg und die Ruinen der alten Stadt sind wegen Renovierungs- bzw. Errichtungsarbeiten gerade geschlossen. Das wäre aber bestimmt interessant gewesen und fügt sich von außen extrem gut in die umliegende Landschaft ein. Es gibt auch ein schickes, neues Galeriezentrum (bildende Kunst), das uns interessieren würde: geschlossen...

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Dietmar und ich kommen aus dem Staunen gar nicht heraus, nicht etwa, weil es uns gefällt, sondern weil alles so seelenlos leer ist. Ein bisschen so, wie sich Saudis vorstellen, was Amis gerne sehen möchten. In der Touristeninfo – die gibt es immerhin auch – lädt Dietmar die mytable App herunter. Um endlich an eine Maraja-Reservierung zu kommen, muss man aber in einem der Banyan Restaurants mit einer Mindestkonsumation von 40-60 Dollar pro Person(!) buchen. Uns ist das zu teuer, die meisten Termine sind ohnehin ausgebucht – wir verzichten.

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In Al Ula will Saudi Arabien der Welt zeigen, wie Tourismus geht; wir beide sind sicher nicht die Zielgruppe. Es gibt aber auch Positives: Schließlich hat man sich ein Verkehrskonzept überlegt. Damit man die 200 m vom Parkplatz nicht etwa zu Fuß gehen muss, gibt es modernste, ferngesteuerte E-Busse. Die Fahrt dauert 3.30 Minuten in eine Richtung. Sollte man seinen Bus gerade einmal verpasst haben, helfen Autotaxis aus, alles unentgeltlich.

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Wir fahren eine Strecke mit diesen futuristischen Bussen und zurück im Autotaxi gemeinsam mit zwei Saudis, die so tun als wären wir nicht da. Bei dem leisen Versuch, die kurze Strecke bis zur Altstadt zu Fuß zu gehen, werden wir übrigens sofort zurückgepfiffen: viel zu heiß, viel zu weit, viel zu anstrengend...

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Heute muss ein schnelles Mittagessen reichen. In der Imbissbude im modernen Al Ula nehmen wir uns drei mit Leber bzw. Gemüsen und Ei mit Käse gefüllte heiße Teigtaschen mit und essen sie auf dem Parkplatz, während wir auf unsere 2-stündige Hegra Tour warten.

Was wir auf dieser Tour dann zu sehen bekommen, ist kulturell, geschichtlich und landschaftlich höchst interessant. Mir persönlich sind zwei Stunden für diesen Reisehöhepunkt zu wenig und die Informationen unserer Reiseleiterin zu dünn, zu oberflächlich und auch zu wenig. Michelle spult ihre auswendig gelernten Sätze nur herunter, viel zu schnell, viel zu desinteressiert und reagiert sogar genervt auf Nachfragen aus der Gruppe.

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An vier Stellen des Geländes werden wir alle aus dem Bus gelassen. Beim letzten Halt kommen wir mit einem Deutschen ins Gespräch, der für ein Architektenbüro aus Neapel Ausstellungsdesign für Saudis liefert. Er ist also aus beruflichen Gründen hier. Wie er die Zusammenarbeit mit den Saudis erlebt und wie er das Land sieht, ist äußerst interessant für uns und bestätigt unsere Eindrücke. Ein Volk, das sich erst finden muss, oder wie ich es immer ausdrücke, ein Land in der „Pubertät“ mit viel „ICH“. Auch mit viel Wollen, aber teils oberflächlich und recht uneigenständig.

Für den Schmuck der Nabatäer-Gräber wurden auch vor über 2000 Jahren schon die kulturellen Zeichen der Griechen, Römer und Ägypter „zusammengestohlen“, statt selbst etwas zu schaffen. Ein Muster, das sich heutzutage zu wiederholen scheint. Das eigene wird völlig ignoriert oder vernichtet, stattdessen wird alles aus USA, China, Korea und teilweise Europa kopiert bzw. zusammengekauft.

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Auch unserer Michelle-Guide ist das Handy näher als das Thema, zu dem sie erzählen soll. Von dem freundlichen deutschen Busgefährten erfahren wir auch, dass es sehr hochfliegende Pläne zum touristischen Ausbau von Hegra und Al Ula gibt. Na bravo. Uns ist das hier jetzt schon alles zu touristisch und aufgeblasen. Und mit 25 Euro pro Person empfinde ich auch die Bustour für das, was geboten wird, überzogen. So sehr ich mich auf Al Ula gefreut habe und so wunderschön die Landschaft und natürlich die Gräber auch sind, so sehr bin ich froh, bald wieder ins „normale“ Saudi Arabien zu entkommen.
Übrigens wäre meine Abaya in Al Ula vollkommen lächerlich gewesen. Männliche und weibliche Touristen sind hier so freizügig gekleidet wie in USA und Europa.

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Wir fahren also weg aus Al Ula, hinaus aus dieser prächtigen Felsenlandschaft, hinein in neue, wieder anders eindrucksvolle Gesteinsgebilde. Rund 40 km außerhalb zweigen wir ab, um einen recht bekannten großen, wirklich sehenswerten Bogenfelsen zu besuchen.

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Wir haben noch Zeit und so reisen wir weiter bis zum Abzweig einer weiteren Pistenkuh-Route. Gleich neben der Teerstraße beginnen die großartigen, skulpturalen Felsnadeln. Es werden immer mehr, aber für mich bleibt gar keine Zeit und Ruhe, diese faszinierende Szenerie aufzunehmen, schließlich geht es jetzt um die heutige Lagerplatz Suche. Und die ist heute eine unnötig ernste Angelegenheit. Ich fühle mich bei jeder Abzweigung unter Druck gesetzt, spontan und intuitiv den romantischsten, schönsten, windstillsten, erhöhten aber ebenen Campingplatz für die Nacht zu finden. Dietmar will helfen und nimmt einfach den nächstbesten bzw. halt irgendeinen.

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Schon nach kurzer Zeit auf diesem Platz stellt sich aber heraus, dass das paarpsychologische Karma für uns dort nicht stimmt 🙂 , und so fahren wir lieber noch ein Stückchen weiter. Wir haben jetzt einen wunderschönen Platz im Windschatten einer Felswand gefunden, trotzdem pfeift ein sehr starker Wind. Wir verzichten heute auf unsere Duschkabine und wagen eine outdoor-Dusche und hoffen dabei sehr, dass Allah nicht vom Himmel fällt, wenn er uns so nackig sieht.

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Wegen des extrem starken Windes entscheiden wir uns heute für eine Nacht im Auto und gegen das Zelt. Es ist so stürmisch, dass wir sogar auch im Auto essen müssen. Dann nützen wir diesen widrigen Abend für die weitere Reiseplanung. Ab und zu erwägen wir, doch im Zelt zu schlafen, das viele Wetterleuchten und Geblitze rundherum lässt uns aber dann lieber im Auto bleiben. Ich schlafe schlecht in meinem Autositz und vermisse die Bewegungsfreiheit des Zelts. Nachts regnet es einmal kurz – ist das normal? Oder ist das doch der Klimawandel?

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zuletzt bearbeitet 04. Jan. 2025
Themenstarter185 Beiträge · seit 201005. Jan. 2025 · #34
2. November

Am frühen Morgen haben sich die Gewitter verzogen und es gibt ein wunderbares Morgenrot. Leider braut sich nun aber zwischen Dietmar und mir ein Gewitter zusammen. Wir sind beide jeweils auf unsere Art reisegestreßt und kommen nach einem unnötigen Morgenzwist zu dem Schluß, dass eine Pause in Form eines Ruhetags her muss. Wir durchstreifen ab 7 Uhr früh dieses schöne Felsnadel-Gelände und lassen uns dann schon um 9.15 Uhr auf einem gemütlichen Sandplatz mit herrlicher Rundum-Sicht nieder. Das Zelt schützt angenehm vor der Sonne und bei einem zweiten Frühstückskaffee kommen wir zu einer versöhnlichen Ruhe.

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Der Vormittag verläuft himmlisch entspannt mit Tagebuch schreiben, ruhen, in die Landschaft schauen, Route planen und genießen. Unser Zelt spendet angenehmen Schatten und wir sind froh um unsere schöne saudische Teppich-Matratze mitsamt den praktischen, landestypischen und bequemen Sitzmatten.

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Mittags haben wir heute ausreichend Zeit zum Kochen. Wir schlagen uns mit einem großen Topf Arrabiata-Nudeln mit viel Knofi unsere Bäuche voll, zum Kaffee gibt’s Zimtkekse und eine Orange. Nach dem üppigen Mahl bin ich so müde und möchte nur noch schlafen. Ich versuche es tapfer und immer wieder schlafe ich ein, aber der sehr starke Wind reißt und zerrt unentwegt an den Zeltwänden. Dies will leider den ganzen Nachmittag nicht enden, im Gegenteil: Der Wind wird eher stärker, er treibt dunkle, schwere Gewitterwolken vor sich her, kurz regnet es sogar einmal. Bei freundlichstem Sonnenschein übrigens.

Über diese windigen Stunden wird das ewige Wehen und Sausen für uns recht anstrengend. Wir freuen uns trotzdem über diesen „freien“ Tag und informieren uns im Bradt-Guide über einige Reisethemen zu Saudi Arabien.

An ein romantisches Lagerfeuer ist bei diesem stürmischen Wind heute zwar auch nicht zu denken, wir hoffen aber immer noch, dass sich der Wind am Abend legt. Dietmar parkt unser Auto direkt neben dem Zelt, dennoch prasseln ganze Sandwolken gegen die Zeltwände. Gegen Abend beobachten wir eine Herde Kamele auf dem Weg zu ihren Nomaden – sehr idyllisch!

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Als es dunkel genug ist, wagen wir eine Dusche ohne Sichtschutz. Ausgerechnet als ich nackt beim Auto stehe und mich der erste Wasserschwall trifft, tauchen in dieser einsamen Gegend Autoscheinwerfer auf. Gerade noch rechtzeitig werfe ich mich ins Zelt und die Abaya über mich. Das Auto kommt dann tatsächlich geradewegs auf uns zu, es ist ein Nomade auf der letzten Kontrollfahrt vor der Nacht. Schließlich fährt er einfach weiter und ich kann endlich duschen. Bei dem starken Wind ist das übrigens recht unangenehm. Wir haben aber Glück: Während wir Ölsardinen mit salzigen Keksen essen, wird es langsam ruhiger, und als wir uns heute schon um 20 Uhr aufs Ohr legen, ist es bei wunderschönem Sternenhimmel praktisch windstill. So friedlich und ruhig bleibt es die ganze Nacht, in der ich herrlich fest, lange und ungestört schlafe.

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zuletzt bearbeitet 05. Jan. 2025
Themenstarter185 Beiträge · seit 201006. Jan. 2025 · #35
3. November:

Nach erquicklichen Träumen starten wir bei schönstem Morgenlicht fröhlich in den Tag. Wir genießen die Szenerie der bizarren Felsmonolithen und stellen auch bei der Ausfahrt aus dem Nature Reserve fest, dass heute mit anderem Licht alles wieder anders aussieht. Vorbei an einer Hirtensiedlung verlassen wir nun endgültig diesen Abschnitt der Reise und fahren auf der Teerstraße weiter in Richtung Tabuk.

Unterwegs finden wir eine interessante Autowerkstatt mit erstaunlich freigeistigen Sprühkunstwerken an den Wänden (etwas, was wir sonst im ganzen Land nicht zu sehen bekommen). Ein junger Mann saugt uns den ärgsten Dreck, Staub und Sand von den Sitzen und vom Boden des Autos. Chef und Gehilfe sind dann beide entsetzt darüber, dass wir dafür bezahlen möchten. Auch der Kaffee, den wir stattdessen anbieten, wird abgelehnt.

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Auf der Weiterfahrt fährt Dietmar plötzlich relativ spontan von der Autobahn ab, als er in nicht allzu weiter Entfernung ein Kamelrennen entdeckt. Dort müssen wir hin, das müssen wir sehen! Geschätzt 60 bis 100 Kamele rennen die bestimmt 10 Kilometer lange, recht modern wirkende Rennbahnanlage entlang. Das allein wäre für uns schon exotisch und interessant genug, wirklich skurril wirkt aber für uns die mehrspurige Fahrbahn beiderseits der eigentlichen Rennstrecke, auf der nun bestimmt 80 weiße SUVs mit rund 80 km/h hinter ihrem jeweiligen Rennkamel hinterherfahren, um es zu betreuen, anzufeuern, anzutreiben und vor allem, um ganz nah dran zu sein. Ehe wir uns bewusst dafür entscheiden, sind auch wir mitten in diesem Pulk, von allen Seiten donnern aufgeregte, wild gewordene Kamelbesitzer an uns vorbei. Richtig schlimm wird es, als die ersten, also die von den schnellsten Rennkamelen, wieder wenden. Da kommt eine weiße Geisterfahrer-Verkehrslawine auf uns zu! Wir verlassen dringend diesen Rennkamel-Highway und ziehen uns eilig ins Schotterbett zurück. Alles sehr schräg und skurril, aber auch halt landestypisch!

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Auf unserer Fahrt Richtung Tabuk kommen wir immer wieder an ehemaligen Bahnstationen vorbei. Diese Eisenbahnlinie wurde vor ca. 120 Jahren zwischen Damaskus und Medina/Mekka gebaut, im ersten Weltkrieg aber schon aufgegeben. Diese hübschen, teilweise erhaltenen Bahnhöfe scheinen gut renoviert, sie sind aber umzäunt und abgeschlossen, meist ohne Zufahrtsweg und immer ohne Info. Diese könnte man sich, wie fast überall im Land, über einen Barcode herunterladen. Wir müssen Strom sparen.

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Apropos: Bei der Einfahrt nach Tabuk gibt es ein riesiges, neues Einkaufszentrum mit ausschließlich westlichen Marken (Geox, H&M, Sketchers, …) und einem großen LuLu Hypermarket. Bevor wir dort einkaufen, geben wir unsere Telefone im großen „Bookstore“ ab. Schon oft haben wir dieses Label im Land gesehen, zu kaufen gibt es dort aber kein einziges Buch (außer dem Koran gibt es nämlich praktisch keine Bücher im Land), sondern ausschließlich Elektronik-Zeug.

Wir versuchen, einen Solarcharger zu erstehen, um stromunabhängiger zu werden, aber leider ohne Erfolg. Während unsere Telefone also geladen werden (letztlich leider nur meines, bei Dietmar funktioniert es nicht), kaufen wir uns ein herrlich schmeckendes, üppiges Mittagsmahl bestehend aus arabisch gewürztem Fisch, Reis, Gemüse(!) und scharfen Erdäpfeln, und einem köstlichen Kokospudding als Nachspeise. Heute ist schließlich Sonntag (oder?) und wir kaufen auch gleich noch eine reichhaltige „arabische Jause“ (Labneh, Hummus, Taboulé, Oliven, Gurkendip, …) mit französischem(!) Baguette für den Abend.

Bevor wir diese in unserem Zelt gemütlich genießen werden, vergehen noch einige recht intensive Stunden. Unser Mittagsmahl verzehren wir übrigens im Schatten einiger Bäume eines immens großen, komplett neu angelegten Parks mit Spielplätzen, Spazierwegen, Joggingrouten, Klos, Bewässerungsanlagen, Turngeräten, … Obwohl ganz neu, wirkt die Anlage jetzt schon verwahrlost, vor allem aber ist sie menschenleer. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie selbstverständlich von mehreren sechsspurigen Straßen umgeben, nur mit Auto und keinesfalls zu Fuß erreichbar ist – keine Chance.

Unser Nachmittag beginnt mit einem Museumsbesuch. Dietmar kutschiert uns zur historischen Bahnstation von Tabuk. Dort gibt es auch ein kleines Museum mit einer historischen Lokomotive, historischen Ausstellungsstücken und bunten Schautafeln, sogar auf Englisch. Und reichlich Steckdosen für unsere Handys gibt es auch! Ein freundlicher Saudi begrüßt uns, zeigt uns alles und ermuntert uns sichtlich stolz, alles genau anzuschauen. Wir sind auch wirklich interessiert und genießen diese Abwechslung.

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Dann fahren wir wieder hinaus in die Wüste. „Kathedralen im Sand“, so heißt die Pistenkuh-Tour aus unserem offroad Buch. Schwierigkeitsgrad 2 und genau das Verbindungsstück, das wir brauchen. Schon bei der Anfahrt verstehen wir, warum diese Strecke so heißt: unglaublich massive Felsblöcke ragen aus den hohen, roten Sanddünen auf. Wirklich großartig anzuschauen! Wir freuen uns auf die 74 km Route, auf der wir unterwegs übernachten wollen.

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Dieser schöne Plan hat nur einen Haken: Die Sanddünen sind sehr hoch und an allen Stellen extrem tiefsandig. Trotzdem nimmt Dietmar die erste große Düne mit Schwung, Mut und Bravour. Er zögert kurz vor der zweiten und schon stecken wir tief im Sand fest. Dietmar buddelt uns frei und ich schiebe in meiner Abaya kräftig nach rückwärts unten an. Mit vereinten Kräften schaffen wir es und Dietmar fährt rund 50 m bevor er wieder steckt – also alles von vorne. Das kostet Zeit und Energie. Steine zum Unterlegen gibt es in dieser Gegend keine, also reduziert Dietmar weiter den Reifendruck, natürlich ohne entsprechendes Werkzeug, sondern mit einer zweckentfremdeten Funktion seines Taschenmessers. Nachdem Dietmar auch dieses Mal mit bloßen Händen tapfer den Wagen freigeschaufelt hat – er liegt dabei fast unter dem Auto, und er sandet sich rundherum ein, die Sonne brennt unerbittlich und wir wissen nicht, ob wir Erfolg haben – starten wir einen neuen Versuch.

Dass wir diese Tour unmöglich fahren können, steht schon fest, seit Dietmar von einem zwischendurch zu Fuß erklommenen Hügel aus gesehen hat, dass die Fahrt in dieser Weise weiter gehen soll. Dietmars Plan ist es, die Düne wenigstens rückwärts hinunter zu gelangen, an Umdrehen ist nicht zu denken. Dietmar startet also wieder, ich schiebe aus Leibeskräften an. Das Auto fährt, aber leider nur eine Wagenlänge lang. Und erneut heißt es schaufeln. Dietmar ist erschöpft und ich bin auch keine richtige Schaufelhilfe, und wir erwägen, einen benachbarten Beduinen um Hilfe zu bitten.

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Vorher starten wir einen letzten Versuch alleine: Dietmar buddelt und hat den genialen Einfall, in Ermangelung von Sandblechen oder Steinen, die Scheite unseres Lagerfeuer-Holzes, das wir auf dieser Reise eh scheint's nie brauchen werden, zu verwenden. Und siehe da: Das Holz verschwindet zwar komplett im Sand und ich muss in meiner Abaya mehrere Hundert Meter die Düne hinunter und hinterher nachkommen, aber es hat funktioniert und wir können wieder fahren. Zurück auf Teer ist unser Reifendruck zwar zu schwach, aber darum kümmern wir uns morgen.

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Für heute heißt es, einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Wir sind beide erleichtert, dass wir nicht mehr feststecken, aber auch erschöpft von der Aufregung und der Anstrengung. Nach einigen Kilometern haben wir den richtigen Riecher und finden einen herrlich schönen und einsamen Platz mit weiter, grandioser Aussicht in Stille und Ungestörtheit. Unsere Zeltdusche verwenden wir trotzdem – sicher ist sicher – und Dietmar duscht eh gerne ohne Wind.

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Im herrlich kitschigen Abendrot entdeckt Dietmar den zartesten Neumond, den wir je gesehen haben, und bald lassen wir uns gemütlich in unserem Zelt nieder, um wie die Saudis am Boden sitzend unsere Jause zu genießen. Anschließend schlafen wir recht gut, Dietmar die ganze Nacht, ich nur bis um 2.45 Uhr. Danach friere ich und habe Probleme mit dem harten Boden. In so kalten Nächten kommt mein Schlafsack an seine Grenzen, zum Glück haben wir zusätzliche Fleecedecken mit.

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zuletzt bearbeitet 06. Jan. 2025
549 Beiträge · seit 201607. Jan. 2025 · #36
Schon oft haben wir dieses Label im Land gesehen, zu kaufen gibt es dort aber kein einziges Buch (außer dem Koran gibt es nämlich praktisch keine Bücher im Land)
Seid ihr da sicher?
Es gibt wohl eine Kette "Jarir Bookstore" und da scheint es eine Menge Bücher zu geben.

viele Grüße
Elke
Menschen, mit denen man lachen und weinen kann, sind die Menschen, die das Leben ausmachen.
Themenstarter185 Beiträge · seit 201007. Jan. 2025 · #37
Hallo Elke,

ja, genau in diesem Laden waren wir! Er war riesig, aber es gab dort wirklich kein einziges Buch. Vielleicht hätte man dort aber welche bestellen können.
Auch in anderen Filialen von Jarir haben wir keine Bücher gesehen. Aber es mag schon sein, dass es irgendwo in Saudi Arabien Buchgeschäfte gibt, wir haben ja nur einen Teil des Landes gesehen und auch nicht speziell nach Büchern gesucht.
Unserem Eindruck nach scheint Lesen aus Büchern nicht die erste Freizeitbeschäftigung der Saudis zu sein 😄

Danke übrigens für Deine begleitenden, ermunternden "Danke"-Likes 🙂 !

Liebe Grüße,
Dietmar
1'068 Beiträge · seit 201307. Jan. 2025 · #38
Hallo KTM,
ich bin schon immer sehr gespannt, wie es weitergeht. Lass mich/uns nicht zu lange zappeln 🙂

Ich glaube an vielen Dingen, di du beschriebst, hätte ich nicht so meine Freude: die ständige Ungewissheit bei der Schlafplatzsuche, die beschriebene Vermüllung, Schlafen im Auto oder auf unbequemer (sieht zumindest so aus) Teppichunterlage...geschweige denn einige an den Tag gelegt Verhaltensweisen....
Aber die Bilder der Landschaft und die Gastfreundschaft sind ja wirklich toll. Da reise ich auf jeden Fall zumindest virtuell weiter mit

Viele Grüße
Mabe
10 Beiträge · seit 202107. Jan. 2025 · #39
Hallo Dietmar (und Frau),
ich bin schwer beeindruckt! Von Eurem Reiseziel, der Art des Reisens ("da miet ich mal ne olle Karre, bei der nichts funktioniert und fahr mal so drauf los..."), den Erlebnissen, an denen Ihr uns teilhaben lasst, und den grandiosen Fotos! Mit Text und Bildern gelingt es Euch ganz wunderbar, mich mitzunehmen in diese mir völlig fremde Welt.

Ich kann mich nur Mabe anschließen: lass mich nicht so lange zappeln!
1001 x Danke sagt
Kirsten
Themenstarter185 Beiträge · seit 201007. Jan. 2025 · #40
Hallo Mabe und Kirsten,

ja, nicht alles war so bequem, und mehrere Zeltnächte hintereinander im freien Gelände sind immer etwas anstrengend. Aber wir erfreuen uns an den traumhaften Landschaften, und in diesen immens großen und schönen Weiten zu übernachten bereichert uns.

Vielen Dank für Eure begeisterten Kommentare, es ist schön, dass Ihr so interessiert mitreist!
Bei so viel Zuspruch und damit Euer Zappeln für heute ein Ende hat 🙂 , laden wir Euch und alle Mitlesenden ein auf die nächste Portion Saudi Arabien.

Liebe Grüße,
Dietmar
zuletzt bearbeitet 07. Jan. 2025