Prolog
Am Anfang stand der Wunsch, einmal Lemuren in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Von dem, was Madagaskar darüber hinaus ausmacht, hatten wir zu diesem Zeitpunkt tatsächlich nur eine vage Vorstellung.
Das war vor etwa einem Jahr.
Und nun sind wir seit gestern wieder zurück von unserer dreiwöchigen Reise durch Madagaskar – randvoll beladen mit den unterschiedlichsten Eindrücken.
Der zweitgrößte Inselstaat der Welt ist ein Land voller Extreme. Vielleicht erlebten wir dort in mancher Hinsicht die intensivste Reise, die wir bis heute gemeinsam als Familie mit unseren nunmehr elf und vierzehn Jahre alten Töchtern gemacht haben.
Auf der einen Seite ist da die absolut faszinierende Natur der Insel mit ihren zahlreichen endemischen Tier- und Pflanzenarten. Natürlich allen voran die vielfältigen und zauberhaften Lemuren. Darüber hinaus aber noch so viel mehr an ganz besonderem Tierleben: Chamäleons in allen möglichen Größen und Farben, putzige Tenreks, seltene Votsotsas und schließlich die elegante und schwer zu beobachtende Fossa. Und auch die Vogelwelt der Insel lockte dem im Vorfeld fleißig studierten Wildlife-Guide sei Dank mit so manch interessanter Art. Wir waren also gespannt, was wir so alles im Rahmen unserer drei Wochen entdecken würden, wollten die Erwartungen aber möglichst flach halten, denn auf dem „achten Kontinent“ würde fast jede Sichtung eine Erstsichtung und damit etwas Besonderes für uns sein.
Eng mit dieser fantastischen Natur ist aber auch unübersehbar deren akute Bedrohung verknüpft. Weite Teile der nur hier existierenden Tierwelt sind vor allem durch den noch immer um sich greifenden Verlust von Lebensraum vom Aussterben bedroht. Madagaskar hat bereits rund 90 Prozent seiner Waldflächen durch Brandrodung und Ackerbau verloren. Wo es keine Bäume gibt, da gibt es auch keine Lemuren mehr.
Ein weiteres Extrem Madagaskars, das eng mit der Umweltzerstörung verknüpft ist, findet sich in der Lebenssituation weiter Teile der Bevölkerung. Mehr als drei Viertel der Menschen leben in extremer Armut – ihnen stehen weniger als 2,15 US-Dollar am Tag zum Leben zur Verfügung. Elektrizität und ein einfacher Zugang zu sauberem Wasser sind in den Ballungsräumen, vor allem aber auf dem Land alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Der Index der menschlichen Entwicklung (HDI) listet Madagaskar auf Platz 183 von 193 Staaten auf. Der Welthunger-Index beschreibt die Lage auf der Insel als sehr ernst und stuft Madagaskar auf Platz 120 von 123 ein. Fast die Hälfte aller Kinder bis fünf Jahre ist chronisch mangelernährt. Vor diesem Hintergrund ist es nur allzu nachvollziehbar, dass die Wälder der Insel von weiten Teilen der Bevölkerung vor allem als lebensnotwendiger Brennstoff gesehen werden.
Im Angesicht dieser Härten hat uns die ehrliche Freundlichkeit, Offenheit und Lebensfreude der Madagassen immer wieder fasziniert.
Politisch ist nach dem Militärputsch im letzten Jahr wieder Ruhe eingekehrt. Korruption und schwache Staatlichkeit sind aber noch immer an der Tagesordnung. Die Infrastruktur auf „Grande Terre“ ist in einem äußerst schwierigen Zustand. Die Pisten (aka Nationalstraßen) sind (vor allem im ländlichen Westen) das Abenteuerlichste, das wir bisher befahren haben. Ohne einen versierten Fahrer (und verständigen Führer) würden wir hier nicht unterwegs sein wollen. Eine Strecke von rund einhundert Kilometern kann je nach Region leicht etwa zehn Fahrstunden verschlingen, wird aber durch die Landschaft und Dörfer trotzdem kaum langweilig. Durch die Verlangsamung ist man nah dran am Leben und beginnt zu erahnen, was die Zahlen der internationalen Statistiken wirklich bedeuten.
Und auch das Gesundheitssystem ist (sogar in der Hauptstadt Antananarivo) keinesfalls entfernt mit europäischen Standards vergleichbar. Wir sind sehr froh darüber, dass wir uns auf der Reise nicht verletzt haben oder ernsthaft krank geworden sind. Eine prall gefüllte Reiseapotheke sollte unserer Ansicht nach auf keiner Madagaskar-Reise fehlen.
Im Kontrast dazu stehen viele der Unterkünfte, in denen wir genächtigt haben – für den zahlungskräftigen Reisenden (darunter auch immer wieder madagassische Familien) gibt es hier oft den Komfort, der den allermeisten Menschen auf der Insel fremd bleiben wird.
Mit all seinen unübersehbaren Herausforderungen, den wunderbaren Menschen und der einzigartigen und oft spektakulären Natur ist Madagaskar (vielleicht mit Ausnahme der vorgelagerten Inseln, die im Juli/August vor allem italienische Badeurlauber anziehen) zwar kein Entspannungsreiseziel erster Güte, aber eben wahnsinnig reizvoll und erlebnisreich. Für uns haben die drei Wochen dort den Blick auf unsere Welt noch einmal merklich geweitet. Gern möchten wir unsere Erlebnisse hier in der Rückschau mit euch teilen. Naturgemäß wird dabei die fantastische Tierwelt Madagaskars eine Hauptrolle spielen. Am Ende aber hat die Reise so viel mehr ausgezeichnet.
Die Tour war grob in drei etwa gleich lange Etappen geteilt, die extrem kontrastreich angelegt waren und im Vorfeld sehr sorgfältig mit Hilfe einer lokalen Agentur organsiert worden sind:
1) Die Hauptstadt Antananarivo und der Osten der Insel mit seinen grünen Regenwäldern und deren Bewohnern
2) Der Westen der Insel mit seinen Baobabs, dem Trockenwald von Kirindy und den Tsingys de Bemaraha
3) Die Insel Nosy Be mit ihren vorgelagerten Inseln
Die Transfers zwischen den drei Segmenten haben wir mutig in die Hände von Madagascar Airlines gelegt – im Volksmund wegen ihrer immer wieder mangelhaften Zuverlässigkeit gern als „Air Maybe“ bezeichnet.
Über interessierte Mitfahrerinnen und Mitfahrer, die es nicht scheuen, stundenlang über raue Pisten zu holpern und einer drohenden Nackenstarre zum Trotz in den Baumwipfeln nach Lemuren zu spähen, freuen wir uns sehr!
In den nächsten Tagen werden wir uns ans Sichten der mal wieder sehr zahlreichen Fotos machen und dann kann die Reise hier bald nochmal virtuell losgehen.
Ich bitte daher noch um etwas Geduld, denn – wie man auf Madagaskar immer wieder hört – „Mora, mora!“ Eine Einstellung, von der ich gern etwas in meinen Alltag hinüberretten möchte.
