Hallo Yana,
nein, ich glaube, du verstehst meinen eigentlichen Kritikpunkt leider nicht. Du schreibst, man wisse zwar vorher über die langen Distanzen und den Linksverkehr Bescheid, aber erst vor Ort merke man, wie belastend das alles tatsächlich sei. Wenn ich mir allerdings deine Reiseroute anschaue, frage ich mich schon, ob deine Schlussfolgerungen nicht etwas zu pauschal sind.
Bei deinen 2,5 Wochen Urlaub komme ich überschlägig auf ungefähr fünf wirkliche anstrengende Fahrtage, wobei ich die Fahrt vom Etosha zur Okonjima Lodge und weiter Richtung Windhoek ausgeklammert habe, da diese über gut ausgebaute Asphaltstraßen führt. Auch die Fahrten von Camp zu Camp im Etosha würde ich nicht unbedingt als besonders anstrengende Überlandfahrten bezeichnen. Eigentlich könnte man auch die Strecke von Swakopmund zur Spitzkoppe abziehen, denn sie ist kürzer als 200 Kilometer und verläuft ebenfalls größtenteils über Asphalt. Aber die lasse ich dir mal.
Natürlich können auch fünf Fahrtage oder Fahrten auf Asphalt anstrengend sein. Das bestreite ich überhaupt nicht. Trotzdem finde ich es bemerkenswert, dass du deine Reise als eine Art permanenten Kampf gegen Straßen, Distanzen und Zeitdruck beschreibst, obwohl deine Route viele Möglichkeiten zur Erholung bot.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich beim Lesen deiner Schilderungen den Eindruck gewonnen, dass du im Alltag möglicherweise eher wenig Auto fährst. Sollte das so sein, ist dir hoffentlich klar, dass eine solche Selbstfahrerreise mit teilweise langen Strecken und wechselnden Straßenverhältnissen für dich nicht die passende Urlaubsform ist. Das ist keine Abwertung, sondern schlicht eine Frage der persönlichen Vorlieben und Erfahrung.
Auch beim Thema Wellblechpisten sehe ich es etwas anders. Du warst mit einem Toyota Hilux unterwegs, also mit einem für solche Bedingungen grundsätzlich geeigneten Geländewagen. Natürlich hängt die optimale Geschwindigkeit immer vom tatsächlichen Zustand der Piste, der Sicht, dem Fahrzeug und der Beladung ab. Ich vermute allerdings, dass du möglicherweise sehr langsam gefahren bist und dadurch das Wellblech besonders stark gespürt hast.
Auf geeigneten, übersichtlichen Wellblechpisten kann es durchaus sinnvoll sein, eine angemessene, gleichmäßige Geschwindigkeit zu fahren, statt unnötig langsam über jede einzelne Unebenheit zu rollen. Das bedeutet ausdrücklich nicht, mit 120 km/h über Schotter zu rasen!
Auch der Reifendruck spielt eine Rolle. Das kann den Fahrkomfort verbessern und die Belastung auf bestimmten Pisten reduzieren.
Deine drei konkret geschilderten persönlichen Zwischenfälle waren die gestohlenen Campingstühle, die sich lösenden Schrauben am Dachzelt und die beschädigte Leiter. Der Diebstahl ist eine absolute Frechheit, und auch die technischen Probleme sind ärgerlich. Wenn sich durch Erschütterungen Teile lösen oder beschädigt werden, kann das durchaus gefährlich werden. Das will ich überhaupt nicht kleinreden. Allerdings wurden die technischen Probleme nach deiner Schilderung durch den Vermieter schnell behoben. Auch diesen Umstand sollte man fairerweise berücksichtigen. Aus solchen Vorfällen allein würde ich jedenfalls nicht ableiten, dass Namibia grundsätzlich eine psychologische Stressfalle ist.
Was mich besonders an deiner Argumentation stört, ist dein Umgang mit dem Thema Massentourismus.
Du kritisierst, dass es an der Spitzkoppe zur Zeit des Sonnenuntergangs am Rock Arch voll ist und dass sich im Sossusvlei zum Sonnenaufgang die Touristenkolonnen bilden. Gleichzeitig bist du selbst während der Hauptreisezeit unterwegs und besuchst genau diese bekannten Sehenswürdigkeiten zu den Zeiten, zu denen möglichst viele andere Reisende ebenfalls dort sein möchten.
Was erwartest du denn?
Wenn man in der Hauptreisezeit zu einem der bekanntesten Fotomotive Namibias fährt, um dort den Sonnenuntergang zu erleben, ist es doch keine große Überraschung, dass man dort nicht allein ist. Dasselbe gilt für das Deadvlei zum Sonnenaufgang. Das sind nun einmal die klassischen Hotspots zu den klassischen Hotspotzeiten.
Wir waren beispielsweise nicht zum Sonnenaufgang im Deadvlei, sondern später am Vormittag. Dort waren wir mit ungefähr 20 anderen Menschen gefühlt fast allein. Den Sonnenuntergang am Rock Arch haben wir ebenfalls ausgelassen und waren stattdessen zu einer anderen Zeit dort. Ergebnis: Wir waren mit gerade einmal einem anderen Pärchen vor Ort, konnten den Spot genießen und wunderschöne Bilder machen.
Auch wir haben wunderschöne Sonnenauf- und Sonnenuntergänge erlebt, teilweise sogar völlig allein. Man muss eben nicht zwingend zur beliebtesten Uhrzeit am beliebtesten Fotomotiv stehen, nur weil es in den Hochglanzprospekten und auf Instagram genau so gezeigt wird.
Natürlich kann man nicht jeden Besucherandrang vermeiden. Und selbstverständlich sind nicht die einzelnen Touristen allein für den Massentourismus verantwortlich. Aber wenn man sich bewusst für die Hauptreisezeit und die bekanntesten Sehenswürdigkeiten zu den beliebtesten Uhrzeiten entscheidet, sollte man sich zumindest darauf einstellen, dass man dort anderen Menschen begegnet.
Du beschreibst diese Situationen, als würde das Land selbst dir die ersehnte Naturerfahrung verwehren. Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten, die bekannten Orte anders zu erleben. Genau das haben wir gemacht, ohne auf schöne Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge oder die berühmten Landschaften verzichten zu müssen.
Du schreibst außerdem, niemand fliege für 5.000 Euro nach Namibia, um dann drei Tage in einem unbekannten, ereignislosen Dorf zu verbringen. Das sehe ich ähnlich, wenn es darum geht, dass man auf einer solchen Reise natürlich etwas erleben und die bekannten Sehenswürdigkeiten besuchen möchte. Aber zwischen einem unbekannten Dorf und dem absoluten Hotspot zur beliebtesten Uhrzeit gibt es noch sehr viel Spielraum. Man muss nicht jede Reise so gestalten, wie es die Instagram-Bilder vorgeben.
Und genau hier sehe ich einen wesentlichen Unterschied zwischen unseren Sichtweisen: Du beschreibst die vollen Hotspots als Beleg dafür, dass Namibia den Hype nicht verdient. Ich sehe darin zunächst einmal die Konsequenz daraus, dass sehr viele Menschen dieselben bekannten Orte zu denselben beliebten Uhrzeiten besuchen möchten.
Das ist ein reales Problem des Tourismus. Aber es ist nicht zwangsläufig ein Problem des gesamten Landes.
Ich will dir deine persönliche Erfahrung nicht absprechen. Du hast Namibia als stressig und enttäuschend erlebt. Das ist deine Erfahrung und dein gutes Recht. Ich finde nur, dass du daraus sehr weitreichende Schlussfolgerungen ziehst und dabei zu wenig berücksichtigst, welchen Einfluss die eigene Reiseplanung, die Wahl der Besuchszeiten und die persönlichen Erwartungen haben.
Vielleicht ist Namibia schlicht ein Reiseziel, das nicht zu jedem Reisenden passt. Das wäre für mich eine vollkommen legitime Schlussfolgerung. Daraus aber abzuleiten, dass der Traum von Namibia für andere eine Marketing-Illusion ist, halte ich für übertrieben.
Viele Grüße chriboehm