Vertreibung und Vernichtung der Ovaherero und Nama

106 Antworten · 9’337 Aufrufe · gestartet 23. Okt. 2023 von freshy
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1’222 Beiträge · seit 201007. Juni 2024 ·
Danke Pollux,
auch Leute wie Walter Nuhn haben diese alten amtlichen Dokumente als Vorlage genommen und seine eigenen Interpretationen hinein gesetzt.
Speziell in diesem Fall halte ich mich an die Original-Militärdokumente die innerhalb 2-3 Jahren veröffentlicht wurden, wo nahezu alle Teilnehmer der Einsätze noch lebten. Vieles wurde mir als Jugendlicher von alten Schutztrupplern erzählt, worüber ich froh bin.
Das Wissen und Kenntnis entschwinden mit dem Tod der Zeitzeugen, aber dann werden leider immer wieder die Märchenerzähler aktiv mit wildesten Interpretationen alter Dokumente, weil niemand dem mehr widersprechen kann.
Die Bücher gibt es auch neu aufgelegt in Freiburg aus dem Jahre 2017, Habe sie soeben nochmals erworben aus Antiquariaten für € 65,-- pro Band. Werde sie gelegentlich mal querprüfen ob sie wie die Originale sind.
Grüsse
H.
*Wer einen Fehler begeht und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten! (Konfuzius)
35 Beiträge · seit 201908. Juni 2024 ·
Das aus meiner Sicht umfassendste Buch zum Thema ist "Der Wahrheit eine Gasse" des Historikers R. Schneider-Waterberg. Es handelt sich dabei zwar um eine Sammlung von Vorträgen, Leserbriefen und Beiträgen, die Schneider-Waterberg über viele Jahre zusammengetragen hat. Das buch ist meines Wissens über Namibia zu beziehen.
Viele Grüße
Wolfgang
1’288 Beiträge · seit 200608. Juni 2024 ·
na ja, die Geschichtsforschung ist ja seit Zeiten der Nicht-Historiker aber Aktivisten Zeller und Zimmerer deutlich weiter gekommen.

Das meiner Ansicht nach dichteste aktuelle Buch am Thema für die Hereros mit mehreren innovativen Ansätzen ist von Dr. Matthias Häußler "Der Genozid an den Herero"
https://www.hsozkult.de/review/id/reb-28348
(Diese Rezension ist nicht ganz auf den Punkt, bietet aber bereits eine gute Einführung in das Buch).

Er war einer der ersten, der die von Trotha - Tagebücher auswerten durfte.
Zusammen mit dem Historiker Dr. Andreas Eckl werden gerade die Tagebücher und das Photoalbum von General von Trotha herausgebracht. Das Photoalbum enthält mehr als 200 größtenteils von Trotha selbstangefertigte Bilder, wobei sich nur drei der 35 Seiten dem Herero-Feldzug widmen.
Hier eine mögliche Bezugsquelle:
https://www.amazon.de/Lothar-von-Trotha-Deutsch-S%C3%BCdwestafrika-1904-1905/dp/3111127990
Hier eine .pdf Zusammenfassung
https://namibian-studies.com/index.php/JNS/article/view/207/207

Und hier ein Beispiel für eine sehr gut gemachte Presseinformation der RuhrUni Bochum zu dieser Veröffentlichung.
https://news.rub.de/presseinformationen/wissenschaft/2022-03-09-kolonialgeschichte-tagebuecher-des-voelkermoerders-lothar-von-trotha-werden-veroeffentlicht

Wie schwierig es für Journalistendarsteller ist, die aktuelle wissenschaftliche Forschung einzuordnen, hier am Beispiel der doch eher renomierten Zeitschrift National Geographic:
https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2022/06/genozid-in-namibia-so-dachte-der-erste-deutsche-voelkermoerder
Vom Text her kann man das sicher so machen, aber bei den Photos merkt der Autor nicht, dass auch der spätere General von Lettow-Vorbeck mit auf zwei Photos zu sehen ist, und auf dem Photo mit den Kriegsgefangenen "Hereros" ist nicht ein Herero mit drauf.

Ein erfrischender, spannender Historiker aus Namibia ist Dr. Wolfram Hartmann.
Er hat auf youtube eine aktuelle Podcast Reihe mit folgenden Themen

Jetzt aber mal ehrlich! / Folge 01_100 Jahre Maharero-Tag
https://www.youtube.com/watch?v=99Ifzr0zB5k

Jetzt aber mal ehrlich!/ Folge 02_Kriegsbeginn Januar 1904

Bei YouTube ansehen ↗

Jetzt aber mal ehrlich! /03_Ein Brief von Omuhona Sam. Maharero an Omuhonge Aug. Kuhlmann-Mrz 1904
https://www.youtube.com/watch?v=Yfp3tKupJ3s

Alles nur geklittert? Namibische Geschichtsschreibung–Historiographie, Geschichtsbilder, Weltbilder
https://www.youtube.com/watch?v=IQygrhtgsUQ

Mit sonnigen Grüßen aus Omaruru
Carsten Möhle
zuletzt bearbeitet 08. Juni 2024
4’388 Beiträge · seit 201508. Juni 2024 ·
2x Dankebutton geht leider nicht!!
Gruß
Friederike
https://www.namibia-forum.ch/forum/22-reiseberichte/305239-2-froestelnde-senioren-cufs-in-botswana-august-24.html https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/299590-namibia-2008-cufscher-verbindungsstresstest.html https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/285307-cuf-in-botswana-2013.html https://www.namibia-forum.ch/forum/30-reiseberichte/285473-cuf-im-ktp-und-moremi-juli-august-2014.html https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/287481-cuf-maeandern-durch-den-norden-namibias-v-o-nach.html?start=0 https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/294392-cufs-8woechige-antiviruskur-erfolgreich-oder-nicht.html https://www.namibia-forum.ch/forum/22-reiseberichte/300961-cufs-6-wo-haengemattenauszeit-v-covid19-in-bots-nam.html https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/298077-kurz-trocken-skelettenkueste-suedwaerts-april-mai-19.html?start=0 https://www.namibia-forum.ch/forum/10-reiseberichte/303543-62-tage-auf-der-entschleunigungsspur-nam-bots-nam.html
808 Beiträge · seit 201809. Juni 2024 ·
Lieber Carsten,

Ich kann Friederike nur zu 100% beipflichten!

.....Leider geht die mehrfache Betätigung des besagten Knopfes nicht.....!

Besten Gruß,
busko
Der Übergang vom Affen zum Menschen sind wir! - Konrad Lorenz
6’404 Beiträge · seit 201110. Juni 2024 ·
Hoi zämä

Nach etlichen Wochen in denen ich in diesem Thema nicht mehr mitgelesen habe hab ichs mal wieder gewagt...
Es ist ja nicht so dass ich mich in dem Thema gut auskennen würde aber bei gewissen Aussagen stellen sich mir gewisse Fragen, zum Beispiel bei der hier:
Swakop52 schrieb:Deren Aufbau des Landes hat bei 0 begonnen, und sie hatten nichts als ihre Hände zu arbeiten.
Dann sind also die Siedler und die Soldaten in Deutschland nackig ins Meer gestiegen und mal kurz runter nach Südwestafrika geschwommen, um dort wohl bei einem Loch oder sogar einem Vakuum aus dem Meer zu steigen, keinesfalls aber an Land zu gehen, denn das musste ja erst aufgebaut werden...nur mit Händen, ohne Schiffe, Maschinen, Werkzeuge, Waffen usw...was waren das für Helden!!! 🤩

Zurück zum Ernst: Wenn ich solch pathetische Schreiberei wie in dem Zitat lese kann ich den Schreiber wirklich nicht mehr ernst nehmen.
Gruss, Picco B) Meine Reiseberichte: Nord- und Süd-Tansania, Kenya, Ruanda, Uganda, Botsuana/Sambia, DR Congo, und als ausserafrikanische Gebiete: Costa Rica und Mt. Everest BC (klick hier)
1’222 Beiträge · seit 201010. Juni 2024 ·
Danke Picco. Von Null Ahnung kann man auch nicht mehr erwarten.
H.
*Wer einen Fehler begeht und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten! (Konfuzius)
zuletzt bearbeitet 10. Juni 2024
6’404 Beiträge · seit 201110. Juni 2024 ·
Swakop52 schrieb:Danke Picco. Von Null Ahnung kann man auch nicht mehr erwarten.
H.
Nichts zu danken, Hajo.
Es gibt durchaus Themen von den ich Ahnung habe, denn ich glaube nicht dass ich die Honorarzahlungen für meine Arbeit nur aus Goodwill bekomme...und immerhin kann ich davon leben.. 😉
Wenn ich aber von etwas Ahnung habe brauch ich keinen so übertriebenen Pathos zur Argumentation wie du ihn eingesetzt hast.
Du offenbar schon.
Warum?
Sind deine Argumente auch in deinen Augen nicht überzeugend genug dass du da so nachhelfen musst?
Gruss, Picco B) Meine Reiseberichte: Nord- und Süd-Tansania, Kenya, Ruanda, Uganda, Botsuana/Sambia, DR Congo, und als ausserafrikanische Gebiete: Costa Rica und Mt. Everest BC (klick hier)
392 Beiträge · seit 202110. Juni 2024 ·
Swakop52 schrieb:Allen lieben Teilnehmern stelle ich hiermit einen Link ein, wo man sich zeitgenössische amtliche Dokumente des Herero- und Namaaufstandes als PDF´s kostenlos herunter laden kann von der Webseite der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen.
Inwieweit diese Scans vollständig sind, habe ich nicht geprüft.

Ich besitze diese Dokumente zwar im Original, bin aber dankbar dafür daß der Ehemann einer Forenteilnehmerin mir diesen Link freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. So kann man selbst nachlesen und ein eigenes Urteil fällen ohne Märchenstunde der Zeitgeister.

https://brema.suub.uni-bremen.de/dsdk/content/titleinfo/1843541

Grüsse
H.
Unter diesem Link befinden sich 2 Bücher. Das erste Buch "Der Feldzug gegen die Hereros", Berlin 1906, bearbeitet vom Generalstab, habe ich in den letzten Tagen von vorne bis hinten gelesen.

Das zur Verfügungstellen des Links durch Hajo erinnert mich an die Haarprobe von Christoph Daum...

Die Schlussfolgerung aus diesem Buch kann nur sein, dass das Ziel der deutschen Truppen von vornherein die Vernichtung des Hererovolks war, und dass dieses Ziel auch erreicht wurde. Diese Zielerreichung steht auch explizit auf den letzten Seiten des Buches. In späteren Jahren wurde dies dann richtigerweise als Völkermord gewertet.

Auch die Größenordnung der Herero-Toten war den deutschen Truppen bekannt, so dass man aufgrund des Buches auf eine Anzahl von 35 bis 45 tausend Tote kommt. Viele starben durch Verdursten durch aktives Hineintreiben in die Omaheke und Besetzen aller Wasserlöcher durch deutsche Truppen. Die deutschen Truppen sind sowohl auf Verdurstende im August 1904 als auch auf menschliche Überreste im Frühjahr 1905 gestossen, so dass der Generalstab die richtige Schlussfolgerung zog: "Die Masse des Volkes mußte mithin bei der Flucht durch die Omaheke zugrunde gegangen sein" - Seite 212. Hajo's Einlassungen vom 21. Mai sind also ein aktiver Versuch, durch falsche Unterstellungen wider besseren Wissens uns Mitgliedern hier Zweifel am vorherrschenden Geschichtsbild zu streuen.

Das Buch schliesst übrigens mit folgenden Worten: "Das Strafgericht hatte sein Ende gefunden. Die Hereros hatten aufgehört, ein selbständiger Volksstamm zu sein." – Seite 214
1’222 Beiträge · seit 201011. Juni 2024 ·
Danke für Deinen Kommentar. Meinen Respekt, daß Du Dir die Mühe gemacht hast. Zu empfehlen wäre, auch das zweite Buch zu lesen. Beide gehören zusammen. Denn auch hier war die britische Verlinkung und britische Waffenlieferungen im gleichen Zeitraum.

Es geht um Tatsachenauflistung, nicht um persönliche Schlußfolgerungen und Thesen.

Zum Gesamtbild gehören außerdem historische Gegebenheiten (u.a. die Rolle der Briten), geografischem und entwicklungstechnischem Stand des Gebietes um 1904, und ethnischen Besonderheiten der Herero.

Diese verlinkten Bücher sind ein Teil des Gesamtbildes.
Lies das nochmals z.B. in Verbindung mit dem Buch von Schneider-Waterberg, der auch den engen Kontakt zu den Herero hatte. Dieses Buch ist mehr wert als sämtliche Geschichtenerzählungen, besonders jene aus der Giftküche der SED-Regierungszeit.

Empfehlenswert sind auch die Aufzeichnungen des Missionars Dr. Heinrich Vedder, der in der Zeit sehr eng mit den Herero liiert war
(siehe unten)

Und: Wir reden hier über das Jahr 1904, und nicht über die moralisierende Weltanschauung im Jahre 2024.

Ich weiß, daß die "Likes" sich die Mühe das Nachlesens nicht gemacht haben. Aber auch das ist OK.
So haben wir eine unterschiedliche Meinung. Vielleicht bringt die Diskussion uns näher zueinander.

Gruß,
H.

EinfuehrungindieGeschichte.jpg
*Wer einen Fehler begeht und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten! (Konfuzius)
zuletzt bearbeitet 11. Juni 2024
1’144 Beiträge · seit 202218. Juni 2024 ·
Jetzt habe ich das Waterbergkapitel in
Die Kämpfe der deutschen Truppen in Südwestafrika
Der Feldzug gegen die Hereros

auch gelesen und sehe das genauso (und erst recht, weil schon vorher mM) wie oben von JP K geschrieben. Die Vernichtungs- und Ausrottungsabsicht wird in zahlreichen Textstellen zum Ausdruck gebracht. Entweder in den Gefechten um den Waterberg oder, nachdem sich die Herero der Einkesselung dort entzogen hatten, durch Abdrängen in das Sandveld und Verfolgung dort: „Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten : die Vernichtung des Hererovolkes“.

Die Ausrottungsabsicht Trothas selber ist sowieso dokumentarisch belegt, womit PS:17:10 nicht nur der "Schießbefehl" gemeint ist.

Einen großen qualitativen oder inhaltlichen Unterschied zu den abqualifizierten romanartigen Behandlungen sehe ich nicht.

Das Buch ist mE bestenfalls eine populärhistorische Chronologie der militärischen Aufstellungen, Bewegungen und Gefechte, abgefasst als „Narrativ“, weitgehend ohne Quellenangaben und –Zitate udgl. Da von der Generalität selber verfasst, ist es logischerweise auch eine Selbstbeweihräucherung deutscher militärischer Tugenden und Leistungen.

Lesen sollte man das unbedingt (alleine schon um den „Zeitgeist“ zu verstehen), das aber zu einer „objektiven“ Darstellung der Ereignisse zu erklären, wäre dann wirklich die hier schon öfters bejammerte Geschichtsklitterung.

mM
zuletzt bearbeitet 18. Juni 2024
1’144 Beiträge · seit 202218. Juni 2024 ·
PS @ Oberst Deimling
Dieser hat ja bekanntlich vermasselt, dass aus der Einkesselung und geplanten Vernichtungsschlacht direkt am Waterberg nix wurde und die Herero ausgebrochen sind.
Hier,
https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-3519/1519.pdf
im Kapitel III gibt es Interessantes über Zeitgeist, Person und Denke Deimlings und das damalige totale Fehlen eines Unrechtsbewusstseins über die physische Ausrottung militärisch bereits Besiegter und von Zivilisten.

Das führt zum „Zeitgeist“ in welchem das geschah:

Zur Deutung und Rechtfertigung der Ereignisse ausschließlich aus dem Zeitgeist heraus, sollte man schon auch wissen und be- und mitdenken, dass es auch damals schon und trotzdem gegenteilige Ansichten gab, die die totale Vernichtung der Hereros für falsch bis verbrecherisch hielten. Von Leutwein vor Ort über die Zivilgesellschaft bis zu Politikern.

Jeder der alt genug ist, hat übrigens die Fortsetzung dessen in unsere eigene Lebenszeit und dessen Protagonisten und Äußerungen in persönlicher Erinnerung und kennt das aus eigener Erfahrung. Warum sollte das die paar Jahrzehnte früher in den Kolonien anders gewesen sein?
zuletzt bearbeitet 18. Juni 2024
392 Beiträge · seit 202118. Juni 2024 ·
ich sehe das mit der Selbstbeweihräucherung ebenso, der Generalstab musste sich ja rechtfertigen für die Geschehnisse. Zwar habe ich keinen Zweifel, dass es die einzelnen Gefechte an den Orten und Zeiten so gegeben hat wie beschrieben, aber das Ausschmücken mit den heroischen Dialogen von den Sterbenden scheint mir frei erfunden. Vielmehr sollten die Soldaten insgesamt als Helden dargestellt werden, auch wenn einzelne eher nicht gut im Buch weggekommen sind. Das spürt man immer dann, wenn das Buch eher distanziert über einige Motive der Handelnden schreibt.

Ebenso könnten Zweifel bestehen, ob die Truppen die Herero lieber im Kampf stellen wollten (wie vom Generalstab an vielen Stellen behauptet), oder ob die Vertreibung in die Wüste nicht das Ziel von Anfang an war, wie ich aufgrund der Umkreisung der Herero mit Öffnung des Kreises Richtung Omaheke vermuten würde.

Man erahnt auch ansatzweise, dass die Feuerkraft der deutschen Maschinengewehre der der Gewehre, die die Hereros zur Verfügung hatten, massiv überlegen gewesen sein musste. Ein Kampf war für die Herero aussichtslos, ich wäre an deren Stelle auch sofort geflüchtet.

Ein vorher formuliertes Kriegsziel wurde nicht angegeben, ausser die Vormachtstellung in Namibia wiederherzustellen. Über Gefangene wurde auch kaum berichtet. Erst in der Zeit nach v.Trotha schien es nennenswerte Anzahl von Gefangene zu geben, die dann ja interniert wurden.
zuletzt bearbeitet 19. Juni 2024
Gast19. Juni 2024 ·
Wenn ich dazu mal etwas gegen den Strich bürsten darf...
JP K schrieb:ich sehe das mit der Selbstbeweihräucherung ebenso, der Generalstab musste sich ja rechtfertigen für die Geschehnisse. Zwar habe ich keinen Zweifel, dass es die einzelnen Gefechte an den Orten und Zeiten so gegeben hat wie beschrieben, aber das Ausschmücken mit den heroischen Dialogen von den Sterbenden scheint mir frei erfunden.
Also Du hältst Teile des Buches für frei erfunden, für pure Lügen. Aber die Teile des Buches, die zu Deiner schon feststehenden Meinung passen, sind für Dich gleichzeitig der ultimative Beweis, dass ein Völkermord beabsichtigt war und auch durchgeführt wurde (siehe vorheriger Kommentar von Dir). Ich weiß nicht, wie man das intellektuell unter einen Hut bekommen kann?

Das Buch wurde explizit auf Basis des amtlichen Materials geschrieben, dass der Kriegsgeschichtlichen Abteilung I des Generalstabs damals zur Verfügung stand und das für das Buch noch nicht mal vollständig gesichtet wurde. Die Intention des obigen Buches ist es laut Vorwort des Buches ausdrücklich, die Leistungen der deutschen Schutztruppe in Südafrika herauszuarbeiten und zu würdigen - und zwar nach damaligen Wertmaßstäben, was ja auch Tacitus herausarbeitet. Also eine Glorifizierung der heldenhaften deutschen Truppen, keine neutrale, objektive, wissenschaftliche Beschreibung der damaligen Ereignisse.

Was heißt "Amtliches Material" konkret? Frontberichte u.ä. die von General von Trotha oder Untergebenen von General von Trotha auf Anweisung von General von Trotha verfasst und nach Berlin geschickt wurden. Die Historiker wissen heute gesichert, dass Lothar von Trotha ein Ekel von einem Mensch war. Ein Angeber, ein gewissenloser Prahler, der immer damit posen wollte, was für ein großartiger, erfolgreicher Feldherr er war. Weil er das nicht erst im damaligen Südwestafrika geworden ist, gab es bekanntermaßen schon bei seiner Ernennung zum Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika starken Widerstand.

Wenn also von Trotha im Wesentlichen immer nach Deutschland hat melden lassen, welche "genialen Moves" er wieder gemacht hat und wie er alle Gegner, auf die er traf, ein ums andere Mal geschlagen hat, dann muss das nicht die Realität spiegeln. Dann ist das erst mal nur die Selbstdarstellung und Prahlerei von Trothas.

Es gibt anscheinend aus der damaligen Zeit Briefe einfacher Soldaten, die eher ein gegensätzliches Bild zeichnen. Die Schutztruppe war demnach von Malaria und anderen Widrigkeiten so geschwächt, dass sie nach der Schlacht am Waterberg gar nicht mehr in der Lage war, die Herero in die Omaheke zu jagen. Andere Quellen besagen, dass die Herero vor der Schlacht am Waterberg mit den Briten die Flucht durch die Omaheke ins Betschuanaland abgeklärt hatten. Die Gegenerzählung ist also ganz grob, dass die Herero selbst eine fatale strategische Entscheidung getroffen haben, die viele Hereros mit dem Leben bezahlt haben und das von Trotha den Fehler des Gegners anschließend als eigene militärische Leistung verkauft hat.

Ich denke, auch im Wissen um die 2. Seite des viel zitierten Schießbefehls, die diesen etwas relativiert, kann man unterstellen, dass von Trotha aus heutiger Perspektive den Willen und die konkrete Absicht hatte, einen Völkermord an den Herero zu vollziehen. Ob das Geschehen dann wirklich als Völkermord zu bewerten ist, weiß ich nicht. Also kein rhetorisches "weiß ich nicht" im Sinne einer Negierung der Völkermord-These, sondern ich weiß es wirklich nicht, habe mir dazu immer noch keine abschließende Meinung gebildet, bin nicht überzeugt.

Von Trotha hat viel Material hinterlassen, das eine attraktive Quelle für Historiker ist. Aber ich finde es schwierig, wenn sich die Einstufung als tatsächlicher Völkermord vor allem auf den Schießbefehl und die Aufzeichnungen und Berichte von von Trotha stützt. Das ist eine höchst subjektive, verfärbte Quelle. Wenn Historiker den Zustand der USA im Jahre 2020 beschreiben wollten, dann würden sie sich dabei auch nicht primär auf Aussagen von Donald Trump stützen.

Es kann gut sein, dass das, was einzelne Soldaten in Briefen von der Front berichtet haben, ein Fake ist, nicht objektiv und vor allem nicht repräsentativ ist. Es kann gut sein, dass man das damalige Geschehen aus heutiger Sicht als Völkermord bewerten muss. Aber da fehlt mir noch etwas Einordnung, mehr Entkräftung der Gegenthese, die sich dann nicht primär auf Material von von Trotha stützt. Völlig klar ist, dass die Deutschen in Südwestafrika Verbrechen begangen haben. Eben so klar ist, dass die Herero ohne deutsche Kolonialisten und Schutztruppen nie durch die Omaheke geflohen wären, die Deutschen also so oder so eine Mit-Verantwortung tragen.

Wenn man das "Label Völkermord" recht freizügig oder selektiv verteilt, entwertet das auch die Einzigartigkeit des Holocausts - der war dann am Ende nur noch einer von vielen Völkermorden in der Geschichte. Ich tue mich aber auch schwer damit, wenn z.B. die Verbrechen gegen die Rohingya (ca. 10.000 von 2-3 Millionen Rohingya getötet) als Völkermord gewertet werden. Im ersten Golfkrieg wurden u.a. mit Giftgas 250.000-500.000 von damals 40 Mio. Iranern getötet und Hussein ging es ausdrücklich auch darum, dass sich insbesondere in Chuzestan das Arabische gegen das Persische durchsetzt, der sunnitische Islam gegen den schiitischen Islam. Das zählt heute nicht als Völkermord? Weil Iran seit 45 Jahren (also seit der Revolution) nicht mehr so gut angesehen ist, keine Würdigung erfahren soll?

Grüße
392 Beiträge · seit 202119. Juni 2024 ·
ich halte den Schiessbefehl v.Trothas nicht für die Grundlage des Völkermords. Die Kämpfe am Waterberg waren Mitte August, die Flucht in die Omaheke setzte unmittelbar danach ein zumindestens für einen Grossteil der Herero, der Schiessbefehl ist am 2. Oktober erlassen. Nach menschlichem Ermessen müssen die geflüchteten Herero bis zum 2. Oktober schon größtenteils verdurstet gewesen sein. Deshalb wohl auch die ständigen Einwendungen, der Schiessbefehl sei doch kaum vollstreckt worden. Der Schiessbefehl kann doch daher nur als eine Drohung an evtl. Überlebende verstanden werden, ja nicht wieder zurückzukehren. Anscheinend hat man ja den Nachzüglern in die Omaheke den Schiessbefehl in Papierform mitgegeben, damit er sich bei den evtl. Überlebenden herumspricht und niemand auf die Idee kommt, sich nochmal auf deutschem Territorium blicken zu lassen - meine Interpretation.

Ich selber bin kein Geschichtswissenschaftler, sondern habe das Urteil der Experten zum Völkermord übernommen. Es stecken ja zigtausende von Arbeitsstunden von wohl Hunderten von Wissenschaftlern über Jahrzehnte dahinter, und die Original- und Sekundärliteratur umfasst wohl eine Seitenzahl, die ich in meinem verbleibenden Leben nicht mehr durcharbeiten möchte. Ich halte das Thema für ausdiskutiert. Ich habe mir nur ansatzweise einen Überblick verschafft, weil es hier im Forum jemanden gab, der die Arbeit der Geschichtswissenschaftler immer wieder ins Lächerliche zog und verunglimpft hat und damit geprahlt hat, er sei im Besitz von tollen Originalunterlagen, die unbeachtet geblieben seien, weil die Experten alle verblendet seien. Aus diesem kleinen Überblick habe ich für mich gefolgert, dass es keinen Grund für die Annahme gibt, die Geschichtswissenschaftler hätten ein nicht zu rechtfertigendes tendentiöses Urteil zum Völkermord an den Herero in die Welt gesetzt. Mehr kann ich nicht beitragen zum Thema.
zuletzt bearbeitet 19. Juni 2024
1’144 Beiträge · seit 202219. Juni 2024 ·
Beitrag gelöscht
bei Interesse an dem Artikel bitte ein PN schicken
zuletzt bearbeitet 20. Juni 2024
1’144 Beiträge · seit 202208. Aug. 2024 ·
Am Ende des 4. Teils von „Jetzt aber mal ehrlich!“ von Hartmann (siehe Hinweis von Carsten Möhle und Links auf S. 14) wird eine „nächste Folge“ angekündigt, ich kann aber im www keine finden. Für einen Hinweis bin ich dankbar.

Bei der Suche bin ich auf dieses ältere Interview mit Hartmann gestoßen
https://www.spiegel.de/geschichte/namibia-entschaedigungen-fuer-koloniale-verbrechen-herr-steinmeier-kann-nur-um-verzeihung-bitten-a-e339b554-693e-4935-b145-3f1f61b066e9
zuletzt bearbeitet 08. Aug. 2024
1’222 Beiträge · seit 201019. Aug. 2024 ·
Ein ganz liebes altes irisches Ehepaar aus Durban lehrte mich vor Jahrzehnten folgendes irisches Sprichwort:
"Take it from whom it comes.
From a pig you cannot expect more than a grunt".
*Wer einen Fehler begeht und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten! (Konfuzius)
16,9k Beiträge · seit 201219. Sept. 2024 ·
Repatriierung aus Botswana

Rückkehr von 98 Herero auf 245 000 Ha Land gesichert
Eine Gruppe von knapp 100 Herero wird am Freitag aus Botswana zurück nach Namibia kehren. Diese Menschen werden nahe der Ortschaft Gam ein neues Zuhause finden und können mitsamt ihrem Eigentum und ihrem Vieh steuerfrei das Land betreten. Beinahe eine Viertelmillion Hektar Land wird ihnen zur Verfügung gestellt. ...


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