Wenn ich dazu mal etwas gegen den Strich bürsten darf...
JP K schrieb:ich sehe das mit der Selbstbeweihräucherung ebenso, der Generalstab musste sich ja rechtfertigen für die Geschehnisse. Zwar habe ich keinen Zweifel, dass es die einzelnen Gefechte an den Orten und Zeiten so gegeben hat wie beschrieben, aber das Ausschmücken mit den heroischen Dialogen von den Sterbenden scheint mir frei erfunden.
Also Du hältst Teile des Buches für frei erfunden, für pure Lügen. Aber die Teile des Buches, die zu Deiner schon feststehenden Meinung passen, sind für Dich gleichzeitig der ultimative Beweis, dass ein Völkermord beabsichtigt war und auch durchgeführt wurde (siehe vorheriger Kommentar von Dir). Ich weiß nicht, wie man das intellektuell unter einen Hut bekommen kann?
Das Buch wurde explizit auf Basis des amtlichen Materials geschrieben, dass der Kriegsgeschichtlichen Abteilung I des Generalstabs damals zur Verfügung stand und das für das Buch noch nicht mal vollständig gesichtet wurde. Die Intention des obigen Buches ist es laut Vorwort des Buches ausdrücklich, die Leistungen der deutschen Schutztruppe in Südafrika herauszuarbeiten und zu würdigen - und zwar nach damaligen Wertmaßstäben, was ja auch Tacitus herausarbeitet. Also eine Glorifizierung der heldenhaften deutschen Truppen, keine neutrale, objektive, wissenschaftliche Beschreibung der damaligen Ereignisse.
Was heißt "Amtliches Material" konkret? Frontberichte u.ä. die von General von Trotha oder Untergebenen von General von Trotha auf Anweisung von General von Trotha verfasst und nach Berlin geschickt wurden. Die Historiker wissen heute gesichert, dass Lothar von Trotha ein Ekel von einem Mensch war. Ein Angeber, ein gewissenloser Prahler, der immer damit posen wollte, was für ein großartiger, erfolgreicher Feldherr er war. Weil er das nicht erst im damaligen Südwestafrika geworden ist, gab es bekanntermaßen schon bei seiner Ernennung zum Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika starken Widerstand.
Wenn also von Trotha im Wesentlichen immer nach Deutschland hat melden lassen, welche "genialen Moves" er wieder gemacht hat und wie er alle Gegner, auf die er traf, ein ums andere Mal geschlagen hat, dann muss das nicht die Realität spiegeln. Dann ist das erst mal nur die Selbstdarstellung und Prahlerei von Trothas.
Es gibt anscheinend aus der damaligen Zeit Briefe einfacher Soldaten, die eher ein gegensätzliches Bild zeichnen. Die Schutztruppe war demnach von Malaria und anderen Widrigkeiten so geschwächt, dass sie nach der Schlacht am Waterberg gar nicht mehr in der Lage war, die Herero in die Omaheke zu jagen. Andere Quellen besagen, dass die Herero vor der Schlacht am Waterberg mit den Briten die Flucht durch die Omaheke ins Betschuanaland abgeklärt hatten. Die Gegenerzählung ist also ganz grob, dass die Herero selbst eine fatale strategische Entscheidung getroffen haben, die viele Hereros mit dem Leben bezahlt haben und das von Trotha den Fehler des Gegners anschließend als eigene militärische Leistung verkauft hat.
Ich denke, auch im Wissen um die 2. Seite des viel zitierten Schießbefehls, die diesen etwas relativiert, kann man unterstellen, dass von Trotha aus heutiger Perspektive den Willen und die konkrete Absicht hatte, einen Völkermord an den Herero zu vollziehen. Ob das Geschehen dann wirklich als Völkermord zu bewerten ist, weiß ich nicht. Also kein rhetorisches "weiß ich nicht" im Sinne einer Negierung der Völkermord-These, sondern ich weiß es wirklich nicht, habe mir dazu immer noch keine abschließende Meinung gebildet, bin nicht überzeugt.
Von Trotha hat viel Material hinterlassen, das eine attraktive Quelle für Historiker ist. Aber ich finde es schwierig, wenn sich die Einstufung als tatsächlicher Völkermord vor allem auf den Schießbefehl und die Aufzeichnungen und Berichte von von Trotha stützt. Das ist eine höchst subjektive, verfärbte Quelle. Wenn Historiker den Zustand der USA im Jahre 2020 beschreiben wollten, dann würden sie sich dabei auch nicht primär auf Aussagen von Donald Trump stützen.
Es kann gut sein, dass das, was einzelne Soldaten in Briefen von der Front berichtet haben, ein Fake ist, nicht objektiv und vor allem nicht repräsentativ ist. Es kann gut sein, dass man das damalige Geschehen aus heutiger Sicht als Völkermord bewerten muss. Aber da fehlt mir noch etwas Einordnung, mehr Entkräftung der Gegenthese, die sich dann nicht primär auf Material von von Trotha stützt. Völlig klar ist, dass die Deutschen in Südwestafrika Verbrechen begangen haben. Eben so klar ist, dass die Herero ohne deutsche Kolonialisten und Schutztruppen nie durch die Omaheke geflohen wären, die Deutschen also so oder so eine Mit-Verantwortung tragen.
Wenn man das "Label Völkermord" recht freizügig oder selektiv verteilt, entwertet das auch die Einzigartigkeit des Holocausts - der war dann am Ende nur noch einer von vielen Völkermorden in der Geschichte. Ich tue mich aber auch schwer damit, wenn z.B. die Verbrechen gegen die Rohingya (ca. 10.000 von 2-3 Millionen Rohingya getötet) als Völkermord gewertet werden. Im ersten Golfkrieg wurden u.a. mit Giftgas 250.000-500.000 von damals 40 Mio. Iranern getötet und Hussein ging es ausdrücklich auch darum, dass sich insbesondere in Chuzestan das Arabische gegen das Persische durchsetzt, der sunnitische Islam gegen den schiitischen Islam. Das zählt heute nicht als Völkermord? Weil Iran seit 45 Jahren (also seit der Revolution) nicht mehr so gut angesehen ist, keine Würdigung erfahren soll?
Grüße