THEMA: Reisebericht: Drei Wochen Äthiopien mit dem Rotel
19 Jan 2020 16:05 #577768
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Am Nachmittag erreichen wir unseren schönsten Standplatz dieser Reise im weitläufigen, parkähnlichen Gelände des United Africa Group Hotel in Awassa. Awassa liegt im Siedlungsgebiet der Sidama. Schon bei der Einfahrt sehen wir eine Gruppe Mantelaffen ( Colobusaffen ) in den Bäumen. Wir haben diese Affen in anderen Teilen Afrikas als recht scheu erlebt. Hier können wir sie lange Zeit aus wenigen Metern Entfernung beobachten. Das Hotelgelände bietet aber auch vielen Vogelarten eine Heimat: Von Hammerkopf über Marabus bis zu Geiern ist alles vertreten.
Das Hotel liegt direkt am Awassa-See. Durch eine Gartentür kommen wir auf die Seepromenade. Hier machen auch viele wohlhabende Äthiopier Urlaub. Der Uferbereich ist abgesperrt. Man bleibt ungestört. Keine Verkäufer, Bettler etc. Aber viele Vögel sieht man nicht im Uferbereich, dafür einigen Plastikmüll am Ufer und im Wasser. Schnell kehren wir wieder zurück auf das viel schönere Hotelgelände.












Silberwangenhornvogel


Hammerkopf


Immer wieder beeindruckend: Das Riesennest des Hammerkopf




Schwarzkielralle ?








Kappengeier ?

Wir erfahren, das der Hotelbesitzer ein Tigray ist. Die Tigray sind eine kleine christliche Ethnie ganz im Norden Äthiopiens. Damit sind wir wieder bei der politischen Situation in Äthiopien angelangt. Der vorherige Präsident Meles Zenawi war ein Tigray. Und hat natürlich nach seinem Amtsantritt 1995 zunächst mal dafür gesorgt, das es „seinen“ Leuten gut ging. Viele Tigray erhielten lukrative Posten und kamen zu Besitz. Die Korruption blühte. Als der jetzige Präsident Abiy 2018 an die Macht kam, ging er als erstes gegen die Korruption vor, sprich gegen viele Tigray. Etliche wurden verhaftet, einer davon als er gerade mit Koffern voller US-Dollar das Land verlassen wollte. Dem Besitzer unseres Hotel gelang die Flucht nach Kenia. Jetzt wird das Hotel von einem Manager vom Volk der Wolaytta verwaltet. Auch alle Angestellten sind Wolaytta. Einer Minderheit hier in Awassa. Und auch diese sind besorgt, denn auch in Awassa ist zur Zeit der Notstand ausgerufen. In der Region brodelt es bereits seit längerem, da die Sidama eine eigene Region für sich fordern.
Aktuell wurde der Notstand ausgerufen, da ausgerechnet heute (!) das mehrfach verschobene Referendum zur Schaffung einer eigenen Region „Sidama“ stattfindet und die Behörden Unruhen befürchten.

Wer mehr zum Ausgang des Referendums und den Folgen lesen möchte, kann dies im Februar-Newsletter des deutsch-äthiopischen Vereins ab Seite 6 tun:
share.deutsch-aethio...php?f=15e6b859059069


Also sorgen nicht nur die Oromo für Unruhe in Äthiopien. Die Situation ist sehr viel komplexer.
Denn das es auch bei den Tigray im Norden brodelt, da sie den Machtverlust nach dem Sturz „ihres“ Präsidenten Meles Zenawi noch nicht verwunden haben, werden wir im späteren Verlauf unserer Reise zu spüren bekommen. Aber davon ahnen wir jetzt zum Glück noch nichts...
Letzte Änderung: 01 Mai 2020 15:33 von CrocV.
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19 Jan 2020 16:23 #577771
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21.11. Besuch auf dem Fischmarkt
Am Morgen fahren wir zum Fischmarkt von Awassa. Ganz hinten am Strand, an dem die Fischer gerade ihre Netze wieder in die Boote laden, steht eine langgezogene Holzhalle, in der die Fische sofort ausgenommen werden. Der Geruch war so „einladend“, das wir auf das Betreten dieser Halle verzichtet haben. Natürlich fanden sich am Strand auch viele Pelikane, Marabus und Reiher ein, um den einen oder anderen Happen abzubekommen. Wir konnten hier mitten durch diese großen Vögel spazieren.










Asienmittelreiher ???


Rosa Pelikan

Wir kommen mit einigen Studenten der örtlichen Uni ins Gespräch, die sich gerade ihre gekauften Fische ausnehmen und in kleine mundgerechte Happen filetieren lassen.



Dazu kaufen sie noch einige Limetten und schon ist ihr Frühstück fertig, zu dem sie uns auch einladen. Da wir aber gerade erst gefrühstückt haben, verzichten wir dankend und ziehen uns lieber unter einen großen Baum zurück, wo Kaffee auf einem Feuer frisch zubereitet wird.







Während sich meine Frau einen Kaffee gönnt, versuche ich eine im Baum herum hüpfende Meerkatze zu fotografieren.



Irgendwann zieht diese sich auf das Dach der Kaffeehütte zurück und belauert die darunter sitzenden Äthiopier. Eine Frau isst dort ein Fladenbrot. Als sie kurz abgelenkt ist, schlägt der kleine Räuber blitzschnell zu. Ich beobachte ihn noch einige Zeit, wie er wieder auf dem Dach sitzend mit dicken Backen seine Beute futtert.



Bezeichnend auch mal wieder die Reaktion der Einheimischen. Ein kurzes Lachen, eine ärgerliche Handbewegung – und fertig. Niemand kommt auf die Idee den Affen etwa mit Steinwürfen zu vertreiben. Wie würden wir in Deutschland wohl reagieren ? Gift auslegen ? Fallen aufstellen ? Affe erschießen ?

Am Eingang des Fischmarktes gab es auch Fisch zu essen. Aber wir kamen ja gerade vom Frühstück...






Straßenverkehr in Awassa
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19 Jan 2020 16:37 #577773
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Danach fahren wir weiter nach Norden. Zurück ins Oromogebiet. Nochmals durchqueren wir Shashemene. Im gesamten Oromogebiet fallen uns immer wieder Frauen auf, die komplett verschleiert sind. Ein Phänomen, das es laut unserer Reiseleiterin so vor 5 Jahren in Äthiopien kaum gab.
Bei der Weiterfahrt auf der A7 sehen wir ab Arsi Negele zunächst viele große Maisfelder, dann große Weinfarmen und zuletzt bis kurz vor Ziway endlose Reihen riesiger Gewächshäuser.


Endlose Gewächshäuser kilometerlang. Mindestens 10 Reihen hintereinander.

Laut unserer Reiseleiterin waren hier bis vor wenigen Jahren überall kleine Gehöfte von Bauern, die sich in Subsistenzwirtschaft selbst versorgten. Nun sehen wir hier die Auswirkungen des in ganz Afrika grassierenden „Land Grappings“ . Große Flächen werden von der Regierung an ausländische Investoren verkauft und die dort teils seit Generationen lebenden Menschen einfach vertrieben. Besitztitel oder gar ein Grundbuch gibt es nicht. Die Menschen sind rechtlos. Und da sich in einer wahren Bevölkerungsexplosion die Anzahl der Äthiopier von 40 Millionen in den 80er Jahren auf heute über 110 (!) Millionen erhöht hat, gibt es für die so Vertrieben auch nirgends mehr freie, für die Landwirtschaft nutzbare Flächen. Wir sehen neben großen Feldern vor allem auch endlose Reihen von Gewächshäusern, in denen meist Blumen (!) für den europäischen Markt angebaut werden. Etliche Schilder weisen auf französische und holländische Firmen hin.
Andererseits versucht der Staat aber auch die Landflucht Richtung der Städte einzudämmen. Denn wenn Landbewohner in die Städte ziehen, landen diese fast automatisch in Elendsquartieren am Stadtrand. Um diese Verelendung zu verhindern, möchte der Staat mit viele Projekten „die Stadt aufs Land bringen“. Überall in Äthiopien sehen wir große Neubausiedlung, oft mitten auf dem Land im Nirgendwo. Teilweise bewohnt, oft noch im Bau befindlich. Der Gedanke dahinter ist: Die Landbewohner sollen in ihrer Gegend bleiben und weiter ihre Felder bestellen. Dennoch können sie durch diese neuen Siedlungen auch städtische Vorzüge genießen. Die neuen Häuser sind massiv aus Stein gebaut mit Blechdächern. Anders als die bisherigen Hütten aus Eukalyptusstangen mit einem Lehm/Dung-Verputz. Der äthiopische Staat plant anscheinend, bis zu 8000 solche Siedlungen im Land zu bauen.

Mittags erreichen wir unser bereits bekanntes Hotel in Ziway am See.
Wir genießen einen Kaffee samt Weihrauch.



Dann bemerken wir plötzlich über das Dach einige Meerkatzen heranpirschen. Das ungewohnte Rotel lockt sie an.



Als ich um das Rotel rumlaufe, sehe ich gerade noch eine Meerkatze von einem offenen Fenster der Fahrgastkabine wegspringen. Zum Glück war jemand im Bus, so das der freche Räuber sich doch nicht getraut hat, rein zuklettern. Nach und nach schließen alle ihre Kabinenfenster, denn die „Belauerung“ durch die Meerkatzen geht noch einige Zeit weiter. Danach laufen wir alle zum See und sehen dort wieder viele Vögel.
Einige unternehmen spontan einen Bootsausflug auf eine Insel, wo es ein altes Kloster mit Bibliothek gibt.
Aber ob das Kloster offen ist, wisse der örtliche Guide nicht. Wir verzichten daher. (Gut so. Das Kloster war geschlossen.)
Auf der größten der fünf Inseln (Tullu Gudo) im Ziway-See soll nach der Zerstörung der Stadt Axum einige Zeit die Bundeslade in Sicherheit gebracht worden sein. Über die Geschichte des axumitischen Reiches und der Bundeslade werden wir noch mehr hören, wenn wir im späteren Verlauf der Reise die Stadt Axum erreichen - was aber leider deutlich schwieriger werden würde, als wir jetzt ahnen.

Zurück auf beim Hotel gehe ich erst mal auf Fotopirsch.


Weissbrauenweber ?


Senegalamarant ??


Dorfweber ?


Afrikadrossel ?


Mennigbrust-Nektarvogel ?


Blaubrustspint ?
Anhang:
Letzte Änderung: 02 Feb 2020 17:31 von CrocV.
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20 Jan 2020 09:27 #577852
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Vielen Dank für diesen spannenden Einblick in Eure Reise und die interessanten Schilderungen der regionalen "Probleme". Ich hoffe auf Dein Fazit zu "Rotel".

Mit bestem Gruß
Stefan
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20 Jan 2020 17:33 #577903
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Hallo Stefan,
natürlich wird es ein komplettes Fazit geben.
Und ich werde dabei auch auf Rotel eingehen.

Viele Grüße
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20 Jan 2020 17:43 #577907
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22.11.2019 Auf nach Norden
Am Morgen laufe ich wieder alleine im Morgenlicht zum See. Genieße nochmals den Anblick der vielen Vögel – und sehe meinen ersten Wiedehopf in Afrika !


Silberreiher


Haubenzwergfischer ?


Schafstelze ?



Wir fahren heute zunächst wieder nach Addis Abeba. Ein langes Stück davon auf der neuen, vierspurigen Autobahn, die einige Zeit parallel zur neuen Eisenbahnlinie nach Dschibouti verläuft. Es hat wieder zu regnen begonnen. Auf der Autobahn kommen wir auch an Bishoftu (ehemals Debre Zeyit) mit seinen bekannten Kraterseen vorbei. Hier in der Nähe ist auch die Maschine der Ethiopian Airline aufgrund des Softwarefehlers von Boeing abgestürzt.
Die Einfahrt nach Addis Abeba gestaltet sich aufgrund einer Baustelle recht chaotisch, Wir müssen zeitweise auf eine nicht geteerten Umleitung, die einfach durch Brachland geebnet wurde. Richtige Fahrspuren sind kaum erkennbar, so das sich der Verkehr in beide Richtungen jeweils einen eigenen Weg bahnt. Mittags besorgen wir uns in Addis Abeba in einem Cafe/Bäckerei einige Gebäckstücke für unterwegs. Dann laufen wir noch zur Medhane Alem Kathedrale.





Da heute ein Feiertag für St. Michael ist, findet ein Gottesdienst statt. Wir laufen durch das Tor auf das Gelände, bleiben dann aber zögernd stehen. Bei äthiopischen Gottesdiensten ist es wie gesagt üblich, dass die Gebete der Priester per Lautsprecher nach draußen übertragen werden, denn viele der Gläubigen bleiben außerhalb der Kirche und beten dort. Daher sind überall auf dem Gelände in Andacht versunkene Gläubige verteilt. Ein alter Wächter sieht uns und winkt uns heran. Auf unsere Frage teilt er uns mit, wir könnten ruhig herumlaufen. Nur in der Kirche sollen wir nicht fotografieren.
Aber wir wollen eh nicht als Touris in den laufenden Gottesdienst in der Kirche platzen. Wir laufen nur eine langsame Runde um die Kirche, beobachten die Menschen und lassen die Stimmung auf uns wirken.
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