THEMA: Mein größtes Abenteuer - South Nahanni Expedition
30 Nov 2020 16:24 #600121
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Lockeres Einpaddeln am ersten Tag




Der Tag beginnt mit klarem Himmel und Sonnenschein. Während wir frühstücken steigt dichter Nebel vom See auf, der sich aber nach kurzer Zeit schon wieder verflüchtigt hat. Das war ein ganz zauberhafter Anblick.









Für heute haben wir nur eine kurze Etappe vor uns und lassen uns dem entsprechend Zeit. Während wir die Stille des Morgens genießen, sind wir uns auch sehr deutlich bewusst, wie weit entfernt von jeglicher Zivilisation wir uns befinden. Die nächste Möglichkeit Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen ist der Nationalpark-Ranger am Rabbitkettle Lake, welchen wir aber erst in rund einer Woche erreichen werden.

Wichtigste Maxime ist deshalb bei dieser Tour jedes unnötige Risiko zu vermeiden. Für Leichtsinn ist hier kein Platz. Für den Fall der Fälle ist aber natürlich vorgesorgt. Von einem gut befreundeten Arzt habe ich das stärkste Schmerzmittel und das stärkste Breitbandantibiotikum mitbekommen, welche in Deutschland zugelassen sind. Nach seinen Angaben steht man damit selbst einen offenen Knochenbruch oder einen Blinddarmdurchbruch für eine Woche durch. Beides Vorstellungen, die ich mir gar nicht näher ausmalen will.

Wir packen ein und beladen die Boote. Heute wird der Fluss keine großen Anforderungen an uns stellen, so dass wir uns keine großen Gedanken um die Beladung machen müssen und uns auch nicht umziehen müssen.

Als wir in See stechen, deuten nur noch ein paar Fußspuren darauf hin, dass wir hier übernachtet haben.

Wir starten auf dem nordwestlichen See der Moose Ponds und müssen diesen ganz überqueren, um den Ausfluss zu erreichen. Hier entspringt der South Nahanni River. Entgegen unserer Erwartung verbindet der South Nahanni aber nicht die einzelnen Seen der Moose Ponds sondern fließt an diesen vorbei.




Bald stoßen wir auf ein erstes Hindernis. Bieber haben mit einem soliden Damm den Fluss aufgestaut und wir müssen die Boote drum herum tragen. Eigentlich hatten wir nur eine einzige Portage auf dieser Tour eingeplant. ;)
Von den Erbauern des Damms ist leider nichts zu sehen.





Danach schlängelt sich der Bach gemütlich durch eine weite Wiesenlandschaft. Den gesamten Tag dominiert noch der Mount Wilson den Ausblick. Von den Anforderungen erinnert der South Nahanni hier an einem norddeutschen Heidefluss. Die Strömung ist zügig und die größte Herausforderung ist, mit den langen Booten durch die engen Kurven zu kommen.





Durch die vielen kleinen Zuflüsse aus den anderen Seen ist der South Nahanni beim Verlassen der Moose Ponds bereits doppelt so breit, wie an seinem Ursprung. Wir haben jetzt ein weites Tal erreicht und der Fluss weist erste kleine Schwalle auf. Alles noch ganz easy, wie auf einem deutschen Mittelgebirgsfluss.

Am ersten größeren Nebenfluss, der von Norden in den South Nahanni mündet, beenden wir die heutige Etappe. Zum einen müssen wir ab hier ganz anders ausgerüstet weiterpaddeln und zum anderen bietet die Kiesbank an der Mündung perfekte Bedingungen für ein Camp.





Da man beim paddeln die ganze Zeit sitzt, kommen die Beine immer etwas zu kurz. Am gegenüber liegendem Ufer erhebt sich ein kleiner Hügel und nachdem das Camp eingerichtet ist, mache ich mich auf den Weg dort hinauf. Von oben hat man einen herrlichen Blick auf unser Camp und den weiteren Verlauf des South Nahanni.




Der Magen knurrt, und so bleibe ich nicht lange. Joachim und Wolfgang sind bereits am Kochen und ich geselle mich auch schnell dazu. Aufgrund unseres limitierten Gepäcks kochen und backen wir auf der Tour ausschließlich auf offenem Holzfeuer.



Es hat bislang sehr angenehme Temperaturen, die ich so weit im Norden und in dieser Höhe niemals erwartet hätte. Bis zum schlafen gehen kann man im T-Shirt am Lagerfeuer sitzen.



Mit ein paar Schmetterlingen im Bauch schlafe ich ein, denn morgen wird es schon deutlich anspruchsvoller auf dem Fluss.
Letzte Änderung: 08 Dez 2020 10:54 von Topobär.
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30 Nov 2020 19:28 #600135
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  • Sadie am 30 Nov 2020 19:28
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Hach wie schön und unberührt ist die Natur dort! Nur noch 21 Tage im Kanu sitzen!!! Wie wieviele Stunden sitzt ihr denn so pro Tag? Gibt es außer Mittagspause noch andere Pausen?
Und erst jetzt hast du butterflies im Magen, die wären bei mir sicher schon im Floatplane gekommen da ihr soooo weit ab jeder Civilization seit. Aber ich glaube gerade diese Einsamkeit hat großen Reiz für euch alle.
Wie alt warst du bei dieser Expedition? Denn in der Jugend sieht man meistens die Gefahren weniger aber das Abenteuer steht im Vorgrund .
Freue mich auf mehr!
If life is a journey be sure to take the scenic route

Meine RBs
Expedition Antarktis:
www.namibia-forum.ch...s-und-s-georgia.html

Island In Herbstfarben
www.namibia-forum.ch...-september-2018.html


Nordamerikanische Safari und Landschaften May Till October 2019

www.namibia-forum.ch...landschaft-2019.html

Zweite Selbst Fahrer Tour in Tansania. Same same but different.
Juni 2018
www.namibia-forum.ch...e-but-different.html

Trip reports in English:

Namibia and KTP 2016
safaritalk.net/topic...-tr-nam-sa-bots-nam/

Botswana 2016:
safaritalk.net/topic...fari-tr-bots-nam-sa/

Tanzania 2015:
safaritalk.net/topic...s-and-lions-in-camp/

Nam-SA-Bots 2014:
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01 Dez 2020 11:29 #600192
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Hallo Katrin,

an reinen Paddeltagen haben wir zwischen 6 und 8 Stunden im Boot gesessen. Neben der Mittagspause haben wir immer noch zwei weitere Pausen gemacht.

Die Einsamkeit in dieser grandiosen Natur war schon ein Hauptgrund für unsere Expedition. Aber die körperliche Herausforderung war genauso von Bedeutung.

Ich war damals 33 Jahre alt, somit schon aus dem Gröbsten raus.

Alles Gute
Thomas
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01 Dez 2020 22:55 #600266
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Hallo Topobär,
ich lese sehr gerne eure Reiseberichte und habe mir schon oft gedacht , eure Abenteuerlust ist äußerst stark ausgeprägt :-)) Schön formuliert. Zwei Wilde (im positiven Sinn) die nach Ausgefallenem suchen . Als ich die Überschrift vom RB gelesen habe wusste ich, dass wird interessant .
Nun freue ich mich, dass es endlich losgeht.
Selbst beim Lesen ertappe ich mich bei den Gedanken:“ Oh Gott, wenn euch was passiert , ist keine schnelle Hilfe möglich.“ Bereitet mir schon ein mulmiges Gefühl.
Dass ihr alles gut überstanden habt beweisen ja eure Reiseberichte .
Vielen, vielen Dank für so außergewöhnliche, Adrenalin gefüllte Erzählungen.
Lg Austria
Letzte Änderung: 01 Dez 2020 22:56 von austria.
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02 Dez 2020 12:25 #600307
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Da bleibe ich doch dabei, liest sich super!!
Gruß Gabriele
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03 Dez 2020 16:30 #600413
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Rock Gardens, Teil 1 – erstes Wildwasser




Für den gestrigen Tag hatte es ausgereicht einfach das Gepäck ins Boot zu schmeißen und los zu paddeln. Heute kamen wir erst relativ spät los, denn so konnten wir nicht weiterfahren. Wir mussten uns und die Boote wildwassertauglich herrichten.

An den Booten wurde vorne und hinten je eine 20m Wurfleine befestigt. Das Besondere an diesen Seilen ist, dass sie Schwimmen. Benötigt werden Sie in erster Linie zum Bergen und Retten. Alle Gepäckstücke wurden mit Reepschnur fest am Boot vertäut, damit sie im Fall einer Kenterung im Boot bleiben und nicht verloren gehen.

Abschließend montierten wir die Persenning am Boot. Diese verschließt bis auf die beiden Sitzluken das eigentlich offene Kanu, so dass es bei größeren Wellen nicht vollläuft. Die Persenning besteht aus zweit Teilen, die mittel Riemen und Klettverschluss miteinander verbunden werden. Bei der Montage erleben wir eine sehr unangenehme Überraschung. Anscheinend ist es nicht genormt, auf welcher Seite sich der Klett und auf welcher Seite sich der Stoff befindet. Wir hatten zwar ein Vorder- und ein Hinterteil, aber beide mit Stoff und kein Klett, so dass wir sie lediglich mit den Riemen zusammenzurren konnten, die Überlappung aber nicht wasserdicht verschließen konnten. Damit hatten wir eine weitere Öffnung, durch die Wasser ins Boot kommen konnte. Mal sehen, was dieser Umstand für die Tour bedeuten wird. Der Schöpfbecher kommt auf jeden Fall in unser Boot.

Wir selbst quetschten uns in unsere Neopren-Anzüge und auch die Neoprenschuhe kamen zum Einsatz. Das Wasser des South Nahanni ist eiskalt – ca. 4°C. Für die schwierigsten Passagen legten wir Helme und Rettungswesten griffbereit.

Wir hatten unser Camp an dieser Stelle gewählt, da hier die Rock Gardens beginnen; 90km fast durchgehendes Wildwasser bis hin zum Schwierigkeitsgrad III+. Zum Glück steigern sich die Anforderungen und die schwersten Passagen kommen erst an den beiden folgenden Tagen.

Zu Beginn war die Strömung noch sehr gemächlich. Es gab nur wenige leichte Stromschnellen und die größte Herausforderung war, zwischen den vielen Felsen im Wasser, eine mit den großen Booten fahrbare Passage zu finden. Immer wieder musste ich aufstehen, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen.








Hier hatten wir auch die erste besondere tierische Begegnung. Am Ufer tauchte ein einzelnes Karibu auf und lief über eine Kiesbank. Tierfotografie ist aus einem schwankendem treibenden Boot eine ganz andere Herausforderung als aus einem Auto. Man kann z.B. längst nicht so nah heranzoomen, wie man eigentlich möchte, da das Bild sonst unter Garantie verwackelt ist.



Zur Mittagspause teilten sich Kathrin und ich wie immer eine 200g Tafel Aldi-Schokolade. Lediglich die Sorten wechselten.



Das Wetter zeigte sich an diesem Tag sehr wechselhaft. Mal schien die Sonne und kurze Zeit später war es wieder stark bewölkt. Regen fiel zum Glück nicht.

Ab hier sollten auch die Stromschnellen langsam heftiger werden und so fuhren wir für den Rest des Tages mit Helm und Rettungsweste.



In einer der Stromschnellen übersahen wir dann leider einen unter der Wasseroberfläche liegenden Stein und saßen in Bootsmitte auf. Sie Strömung drehte uns quer und drückte das Wasser über den Bootsrand, so dass es an der nicht dichten Verbindung unserer Persenning ins Boot lief. Wir konnten uns zwar noch von dem Fels befreien, waren dann aber aufgrund des vielen Wassers im Boot vollkommen manövrierunfähig und kenterten. Zum Glück war das Wasser nicht ganz hüfttief und so war ich mit einer Wurfleine schnell am Ufer, wo ich die Leine festbinden konnte und so ein abtreiben des Bootes verhindern konnte.
Kathrin war auch schon am Ufer. Wir hatten vereinbart, dass Sie sich im Fall einer Kenterung lediglich um Ihr Paddel kümmert und ansonsten zusieht, so schnell wie möglich aus dem Wasser zu kommen.
Die größte Anstrengung war, dass schwere vollgelaufene Boot ans Ufer zu ziehen. Als das geschafft war, musste das Boot nur kurz umgedreht werden und schon konnte es weitergehen. Das Gepäck war gut verzurrt; alles noch an Ort und Stelle.

Wir beendeten die Fahrt bevor die wirklich anspruchsvollen Passagen losgingen. Zum einen hatten wir einen sehr schönen Übernachtungsplatz auf einer Kiesbank gefunden und zum anderen wollten wir uns lieber ausgeruht am nächsten Tag der Herausforderung stellen.






Nach dem Abendessen war wie immer Brot backen angesagt. Das gelang uns immer sehr gut. Wir hatten uns für diese Tour für Topfbrot aus Hefeteig entschieden. Ist ganz leicht zu machen. 250g Mehl mit Hefe, Salz, 40ml Olivenöl und Wasser zu einem zähen festen Teig verarbeiten und dann 40min. gehen lassen. Dafür stellte ich den Topf in die Nähe des Feuers und drehte ihn alle 10min. um 90°. Dann bei nur mäßiger Hitze sanft für 30min. backen. Erst 20min. von der einen Seite, dann noch 10min. von der anderen Seite.



Wie Ihr seht, gab es am nächsten Morgen Kräuterbrot.

Insgesamt beanspruchte das Campleben einiges an Zeit. Nach der Ankunft am Übernachtungsplatz waren wir immer noch für min. 4h voll beschäftigt. Wie gut, dass die Tage so lang waren.

An diesem Abend konnten wir erstmals ein bärensicheres Foodcache installieren.

Gute Nacht

Letzte Änderung: 03 Dez 2020 16:42 von Topobär.
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