Naturschutz und Malaria

8 Antworten · 2'232 Aufrufe · gestartet 18. Nov. 2011 von jaw
Antworten
Themenstarter2'048 Beiträge · seit 200718. Nov. 2011 · #1
Hallo Fomis,
ich habe in verschiedenen Malariadiskussionen hier bereits darauf hingewiesen: Unser Verständnis von Umwelt- und Naturschutz bring Jahr für Jahr in den Malariagebieten dieser Welt ca. 1 Mio. Menschen um, davon sind ca. die Hälfte Kinder unter 5 Jahren.
Malaria könnte weltweit fast ausgerottet sein, wenn nicht in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts der flächendeckende Einsatz von Insektiziden, insbesondere dem recht preiswerten DDT, auf Drängen westlicher Umweltschützer verboten worden wäre.
Die Umwelt wurde geschont aber verträgliche Mittel nie zur Verfügung gestellt. Unser Umweltbewußtsein kostet den Menschen dort das Leben.
Heute habe ich dazu einen interessanten Kommentar gefunden, den ich hier vorstellen möchte.

Viele Grüße
jaw
Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden (Mark Twain)
1'309 Beiträge · seit 200918. Nov. 2011 · #2
Hallo Jaw,
ich bin keine Expertin von DDT und Malaria, aber ich finde folgende Artikel interessant:

http://www.greenpeace-magazin.de/index.php?id=6470 schreibt über die gesundheitlichen Nebenwirkungen von DDT.

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/1444453/ berichtet von den ökonomischen Auswirkungen des DDT-Einsatzes.

Dass es keine Alternativen gibt, scheint sehr umstritten zu sein.


Viele Grüße,
Nenette
Il n'y a pas un atome de cette poussière que je n'aime infiniment. Es gibt kein Atom in diesem Staub, das ich nicht unendlich liebe. (Elizabeth Riollet über Voi/Tsavo) Botswana 2010: http://nenette-f.over-blog.de/categorie-11610665.html Mein anderes Hobby: http://lauter-schoene-saetze.over-blog.com/
zuletzt bearbeitet 18. Nov. 2011
1'942 Beiträge · seit 201118. Nov. 2011 · #3
Hallo Formis,
ich finde es nicht ok, dass in nur ein paar Sätzen so plakative Anschuldigungen gegen Umwelt- ud Naturschutz eingebracht werden. Allein auf Wikipedia ist zu DDT ein umfassender Beitrag. Es gibt leider auch hier nicht nur Schwarz oder Weiß. DDT hat sicher Vorteile, es besteht aber die Befürchtung, dass es unqualifiziert eingesetzt wird. Und daraus entstehen u. a. Übderdosierung, falsche Anwendung, Resistenz (gibt es ja schon) und dann beginnt eine Spirale nach unten.

Danke Nenette für die interessanten Beiträge.

Es darf auf keinen Fall vergessen werden, dass der so schmählich angesehener Natur- und Umweltschutz letztendlich Menschenschutz ist, da wir von einer einigermaßen intakten Natur und Umwelt abhängig sin. Und Malaria-Schutz auf Dauer (siehe Resistenz) funktioniert auch nur, wenn es im Gesamtkreislauf gesehen wird.

Ich weiß schon, wenn wir nicht in einem Malaria-Gebiet leben und unsere Kinder nicht daran sterben, ist leicht reden. Aber trotzdem sollte sich eine ernthafte Diskussion nicht nur an der Oberfläche bewegen.

Liebe Grüße
Solitaire
www.margit-noehrer.com FB und Insta: reisende.autorin Buch: Der glühende Atem der Wüste Meine Solo-Reise von der Namib in die Kalahari
118 Beiträge · seit 200718. Nov. 2011 · #4
Hallo,

danke für die Artikel. Interessant wäre die Tatsache, wo der gute Biobauer aus Uganda seinen Abnehmmarkt hat. Ich vermute fast, dass es nicht Uganda ist. Vermutlutlich eher die Region nördlich des Alpenhauptkamms. Und dann kommt man vieleicht drauf, wer ein Interesse daran haben könnte, kein DDT in Uganda zu versprühen....
Leute, ich war so froh als ich schon desöfteren in der Region Mbazwana war und erfahren habe, dass sogar die Sanitäranlagen unseres Campingplatzes mit DDT behandelt wurden. Es gibt einem einfach ein freies Gefühl.
Die Regierung KwaZulu Natals steht hinter dem DDT Einsatz und führt ihn jedes Jahr im Dezember flächendeckend in den Risikogebieten durch. Und in Kwa Zulu Natal gab es in den ltzten Jahren keinen einzigen Malariafall mehr.
Mir ist schon bewusst, dass DDT wahrscheinlich auch krebserregend sein könnte. Aber das ist im Vergleich zu Malaria wohl ein Luxusproblem.

Wir sollten die Afrikaner einfach mal machen lassen, auch wenn in Mitteleuropa nun ein paar Leute auf Biofood aus Uganda verzichten müssen und dies bestimmt schwer fällt.

Schöne Grüße

Keimoes
1'942 Beiträge · seit 201118. Nov. 2011 · #5
Hallo, ich geb Dir in gewissen Dingen schon recht, aber bitte ohne Polemik (der gute Biobauer). Dass wir die Afrikaner mal machen lassen ... gibt es seit der Kolonialzeit nicht mehr. Wir mischen uns überall ein. Wir geben den Afrikanern unsere Spritzmnittel, unsere Düngemittel, unsere Medikamente, unser Saatgut, unsere Wachstumskormone ... Mir tut das in der Seele weh, ich weiß aber auch keine Lösung. Aber die Afrikaner machen im großen und ganzen schon lange nicht mehr das Ihre.

Liebe Grüße
Solitaire
www.margit-noehrer.com FB und Insta: reisende.autorin Buch: Der glühende Atem der Wüste Meine Solo-Reise von der Namib in die Kalahari
1'309 Beiträge · seit 200918. Nov. 2011 · #6
keimoes schrieb:
Mir ist schon bewusst, dass DDT wahrscheinlich auch krebserregend sein könnte. Aber das ist im Vergleich zu Malaria wohl ein Luxusproblem.
[polemik] Das kann ich meiner Nachbarin leider nicht mehr sagen. Sie wurde am Mittwoch beerdigt! Und nicht wegen Malaria!

Was mir beim Lesen dieser und anderer Artikel auffällt, ist, wie vehement mit heutigen Kenntnissen damalige Entscheidungen in Frage gestellt werden.
In meiner Kindheit wurde DDT flächendeckend eingesetzt. Von der gezielten Verwendung in Schlafräumen war man damals weit entfernt und vermutlich wäre auch niemand auf die Idee gekkommen, dies zu tun, oder war das in Sri Lanka so?
Diese Verwendung führte zu den bekannten und zum Teil massiven Umweltschäden, die wiederum zum Verbot führten.

Bei einer gezielten Verwendung von DDT muss meines Erachtens sichergestellt werden, dass die Lebensgrundlage der Bevölkerung nicht zusammen mit der Malaria verschwindet. Wer würde denn DDT-belastete Lebensmittel kaufen? Ich glaube nicht, dass dieses Beispiel im Artikel nur die Bio-Branche betrifft.

Viele Grüße,
Nenette
Il n'y a pas un atome de cette poussière que je n'aime infiniment. Es gibt kein Atom in diesem Staub, das ich nicht unendlich liebe. (Elizabeth Riollet über Voi/Tsavo) Botswana 2010: http://nenette-f.over-blog.de/categorie-11610665.html Mein anderes Hobby: http://lauter-schoene-saetze.over-blog.com/
2'338 Beiträge · seit 200718. Nov. 2011 · #7
Hallo zusammen

Es ist schon eine Weile her, dass die Reportage über den ugandischen Bio-Bauern im Fernsehen gezeigt wurde. Ich finde es schon bedenklich, dass jemand auf seiner Ware sitzenbleibt, nur weil er die Hüttenwände mit DDT gegen Malariamücken bespritzt hatte. Manchmal frage ich mich, wo dieser Bio-Fimmel noch hinführt. Die westlichen Abnehmer hätten die Ware doch trotzdem abkaufen können, dann wären halt so wie früher keine Biounterhosen oder Biosocken daraus geworden.

Gerade gestern wurde darüber berichtet, dass in Wien die Schadstoffbelastung der Luft dermassen hoch ist, dass jegliche sportliche Betätigung im Freien gesundheitsschädigend ist. Das dort in der Nähe angebaute Bio-Gemüse wäre dann auch nicht mehr Bio, obwohl es vielleicht gar nicht gespritzt wurde.

Übrigens habe ich vor einigen Jahren im Norden Namibias auf einer von der Regierung herausgegebenen Weisungen gelesen, dass im Kampf gegen Malaria jeder Einwohner verpflichtet sei, seine Hütte mit Insektizid zu behandeln und wenn mich nicht alles täuscht, war DDT empfohlen worden.

Grüessli
Erika
Meine Reiseberichte: 1971: Mit dem VW-Bus von Kapstadt bis Mombasa http://www.namibia-forum.ch/forum/132-reiseziele-tipps/197270-unterwegs-in-den-1970er-jahren.html?start=120 2013: Durch den wilden Westen Tansanias (Am Anfang war die Hülle) http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/278559-am-anfang-war-die-huelle.htm 2013: Nordmosambik, mal schön - mal hässlich + ein Stück Südtansania http://www.namibia-forum.ch/forum/150-diverses/279223-reisebericht-nordmosambik-mal-schoen-mal-haesslich.html 2014: Auf bekannten und unbekannten Pfaden durch Tansania http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/282862-auf-bekannten-unbekannten-pfaden-durch-tansania.html 2015: Eine Reise wird zum Alptraum/Kenia http://www.namibia-forum.ch/forum/156-diverses/285693-eine-reise-wird-zum-alptraum.html
Themenstarter2'048 Beiträge · seit 200719. Nov. 2011 · #8
Hallo Nenette,
es gibt sicher Alternativen zu DDT, aber die sind schlicht weg nicht bezahlbar.
Es wäre schon seit über 40 Jahren fällig, dass wir Europäer und Nordamerikaner unseren Anspruch auf rückstandsfreie Nahrungsmittel nicht auf Kosten der ärmsten mit weltweitem Verbot durchsetzen sondern bereit sind mögliche Alternativen auch tatsächlich zu finanzieren.
Aber davon sind wir sehr weit entfernt. Und Bilder und Skandalberichte über die vielen tausend Kinder, die an der Malaria elend zu Grunde gehen gibt es im deutschsprachigen Medien nur ausnahmsweise.
Dafür freuen wir uns alle über die vielen Natur-dokus aus allen Teilen der Welt. Manche von uns spenden dann auch brav für Naturschutzprojekte in aller Welt.
Das finde ich alles richtig. Nur sehe ich halt nicht nur den Naturschutzaspekt sondern ich sehe die Menschen, die in und von dieser Natur leben wollen und müssen. Was geben wir, um diesen Menschen ein annehmbares - ja oft überhaupt ein Überleben zu ermöglichen?

Es ist ein Thema, das mich sehr nachdenklich stimmt.

Viele Grüße
jaw
Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden (Mark Twain)
415 Beiträge · seit 201020. Nov. 2011 · #9
Hallo jaw,

mich macht das Thema auch zunehmend betroffen.

So nach dem Motto "wasch mich, mach mich aber nur nicht naß" urteilen auch in meinem Umfeld viele Menschen.
EINE Ursache sehe ich darin, dass wir Wohlstandsmenschen, und die betroffenen Menschen vor Ort einfach zu unterschiedliche Realitäten haben.
Eine Million (welch unvorstellbar große Zahl) Menschen sterben an Malaria - weit weg.
Wie wäre es, wenn eine Million Menschen in Europa (davon vielleicht 100.000 in Deutschland) jedes Jahr an einer vermeidbaren Krankheit schwerst zu Schaden oder Tod kommen würden - wäre das nah genug um eine ehrliche und emotionsfreie Diskussion zu führen? Wären wir dann bereit, auch Mittel einzusetzen, die hässliche Nebenwirkungen haben können, weil es keine finanzierbaren Alternativen gibt?

Gibt es nicht?
Doch, gab es immer wieder. Poliomyelitis in Deutschland z.B., Ende der 50-iger. Und der damals verwendete Impfstoff hatte (wenn auch selten) tödliche Nebenwirkungen. Ich habe Bilder gesehen, auf denen die Menschen vor den Gesundheitsämtern in langen Schlangen geduldig darauf warteten, diesen Impfstoff endlich zu erhalten - das war wohl nah genug.

Heute allerdings sind diese Erkrankungen in Deutschland auch wieder so weit weg, dass viele "Bio"-Menschen" ihre Kinder z.B. nicht mehr gegen Masern impfen lassen wollen - erneute Ausbrüche haben wir gerade wieder in Berlin - auch diese Folge ist übrigens "Bio".
Und siehe da, ich habe schon lange nicht mehr so viele Impfbücher besorgter Patienten checken müssen, wie dieser Tage - Masernimpfstand überprüfen.

Der großzügige Umgang mit DDT hat sicherlich schlimme Nebenwirkungen gehabt (kann allerdings nicht mitreden, weil mir im Augenblick keine Daten vorliegen). Aber hat man daraus nicht auch gelernt?
Offenbar gibt es doch die Erfahrung, dass der gezielte Einsatz an den typischen Aufenthaltsorten der Anopheles (Wände, Moskitonetz...) die Erkrankungshäufigkeit verringert hat.

Ich bin dafür, dass wir die Entscheidung den Menschen vor Ort überlassen. Dann aber auch dazu stehen.
Das bedeutet:
wir teilen unser know how und finanzieren den Einsatz von modernen und schadstoffärmeren Insektiziden oder wir akzeptieren den Einsatz preiswerter aber belasteter Insektizide.

Wie auch immer... während dieser 20 Minuten, in denen ich diese Zeilen niederschrieb, sind etwa 60 Menschen ihrer Malaria erlegen. Darunter wieder 30 Kinder.......
Und dabei denke ich wieder an diese Mail, die ich vor einem Jahr bekam: "Das globale Dorf" (mit Pfeiltasten blättern)

Schönen Sonntag uns allen
Jens-Uwe
Meine letzten Reisen
zuletzt bearbeitet 20. Nov. 2011