THEMA: Tiere, Touris, Telefone - Reisebericht Tansania
01 Apr 2012 13:32 #230220
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  • Schelm am 01 Apr 2012 13:32
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Ich versuch es mal mit einem Bericht :huh:

Katrin und Michael haben einen Traum: Tansania! Logo, dass sie mich löchern, obwohl mein Urlaub schon 1991 war. Sehr viele Tiere hatten wir damals, besonders im Krater alles ganz nah, die großen Herden in der Serengeti und ganz wenig andere Touristen. Ach ja, damals war es mit eigenem Fahrzeug, Fahrer und in Lodges. Sie träumen erst recht und ich würde auch gern noch mal hin, wenn ich so darüber berichte.

Also beginnen wir mal zum Spaß, uns ein wenig umzuhören. Nicht gerade ein günstiges Reiseland. Da wir drei jetzt nicht gerade die absoluten Campingfreaks sind, die Zwanziger liegen auch schon gefühlte Lichtjahre hinter uns, würden wir ja am liebsten in richtigen Betten liegen. Aber wir wollen auf gar keinen Fall eine Gruppenreise mit nervenden nicht ausgesuchten Mitreisenden. Und wir wollen Natur pur, alle Tierstimmen auch in der Nacht, und dann den Sternenhimmel. Katrin stellt sich ein Permanent-Zelt vor mit Bad natürlich. Mal so richtig Jenseits-von-Afrika fühlen.

Auf einer Messe werden wir dann fündig, ein kleiner Veranstalter präsentiert so in etwa das, was wir uns vorstellen können, alles individuell anzupassen. Schock nach dem Angebot, das Budget reicht so nicht. Ok, dann vielleicht doch wieder ab und an ins Zelt? Wenn wir manchmal ein Bett haben, wird das schon gehen. Wir haben die Campingtour im Okavangodelta ja auch hingekriegt. Und wir haben unseren Fahrer und den Koch dabei, brauchen die Zelte nicht selbst aufzubauen, also Luxus sozusagen. Wir buchen also Folgendes:

Reisezeitraum 29.2.12 bis 14.3.12
Reiseziele Unterkünfte
Arusha-NP 2 ÜN Rivertree Lodge, Mainhouse
Tarangire NP 3 ÜN Spezial Campsite (irgendwas mit M, hat was
mit Baobabs zu tun – hab ich vergessen)
Lake Manyara NP 2 ÜN Plantation Lodge, Forresthouse
Ngorongoro Krater 2 ÜN Simbacampsite (public)
Serengeti 1 ÜN Ndutu Safari Lodge
3 ÜN Spezial Campsite (sero 2)

Landcruiser mit aufklappbarem Dach, Campingausrüstung, Fahrer und Koch für uns drei.

Tag 29.02.12 Anreise
Nach monatelanger Vorfreude und Bangen, weil Michael noch eine übel große OP durchmachen muss, bei der alles auf der Kippe steht, ist Endspurt. Oma und Opa zum Einhüten angekommen, letzte Anweisungen gegeben, nicht schlafen können, mitten in der Nacht vom Sohn zum Flieger gebracht worden durch dickstes Nebelwetter. Gepäckaufkleber vergessen, also schnell ausfüllen, die Tussi am Gepäckschalter will den nicht dranmachen, obwohl meine Tasche schon drauf liegt. Also schmeiß ich mich zur Freude meiner Mitreisenden längs auf die Tasche – ja, ich bin kurz – um das Dings ranzumachen und hoffe, dass die Waage nicht die Grätsche macht. Aber da die Tasche nur 15 Kilo wiegt, geht alles glatt. Die anderen Kofferabgeber in der Schlange haben so ein Grinsen im Gesicht, ich versteh das gar nicht.

Gepäck weg, Rucksack durchwühlen lassen, 04:40 Uhr am Hamburger Flughafen, es duftet nach frischen Croissants und Kaffee. Am Gate nach Amsterdam trudeln langsam die Mitreisenden ein. Das hat ein bisschen was von damals im Ohnsorgtheater (die Omas mit dem Bonbonpapier), es knistert hier, es raschelt Butterbrotpapier da. Ich lese im Airport-Magazin, welche Freude, das Bild kommt mir aber bekannt vor – ja, das ist Palmwag! Gutes Zeichen, genauso sollte Urlaub beginnen, lass sie knistern, ich bin schon in Afrika!

Happy landing in Shippol pünktlich um 07:25 Uhr, schreibe noch schnell meinen Lieben daheim einen holländischen Gruß (mir doch egal, dass ich Ihnen damit peinlich bin). Sogar die SMS vom Junior ist schon da: „Bin zuhause“. Ja, ich weiß, aus dem Alter ist er längst raus, aber mich beruhigt das trotzdem, gerade wenn ich so weit weg will.

Ich habe lange nicht mehr so viele Holzgloggs gesehen und probiere die Dinger mal an. Wie kann damit bloß einer laufen? Kann nicht widerstehen und kaufe ein wenig Käse ein, für alle Fälle, man weiß ja nie bei einem Campingurlaub.
Der Flieger aus Berlin ist laut Anzeigetafel schon da, ich renne ein bisschen rum, sitzen werden wir noch genug. Dann endlich das große Treffen, Wiedersehens- und Vorfreude. „Fast hätten wir uns doch nicht gesehen“ Häh? Wieso sagt sie das? Dann der Schock: Katrin ist voll auf Drogen, hat eine fette Entzündung im Rücken, der ist nun voller Tape und sie hat ne Reiseapotheke wie ein Schrankkoffer, damit sie ein bisschen sitzen kann. „Ich hab´s dir lieber vorher nicht gesagt, aber ob ich fliegen kann, war gar nicht sicher. Aber ich wollte doch unbedingt!“ Der Rücken soll uns noch beschäftigen, …wir machen ja camping. Mit Verspätung geht´s los, aber die Sitzreihen sind bequem, das Essen richtig gut und das Personal absolut freundlich und aufmerksam. Dank unserer Quatscherei vergeht die Zeit flott bis Kilimanjaro-Airport.

Nun ja, der winzige Flughafen und die afrikanische Gelassenheit werden diesem Touristenstrom nur mit Mühe gerecht und so dauert das Prozedere mit der Einreise enorm. Die ausgefüllte Zettel und unsere Dollars genügen nicht, wir brauchen noch ne zusätzliche Einreisekarte, da steht zwar exakt das drauf, was schon auf dem Zettel steht, aber da verstehen die hier keinen Spaß – war wohl mal ne deutsche Kolonie hier, was? Beneidenswert die Leute, die sich vorher um ein Einreisevisum gekümmert haben und nun gut gelaunt an uns vorbei ziehen. Immer wieder ziehen Gruppenreisende an uns vorbei, weil ein Obergruppenhansel mit den gesammelten Pässe wedelt. Hätte ich das geahnt…! Einer dieser Obergruppenmenschen versucht mit einer nicht unbeträchtlichen Anzahl um uns rum zu schleichen und sich gekonnt vor uns einzureihen. Da wir zu dritt sind und inzwischen geschickt unser Gepäck in voller Breite drapieren, hat er keine Chance. Das sind wir Katrins Rücken schuldig, ihr geht es richtig übel trotz aller Medikamente. Endlich sind wir dran, gehen durch die Kontrolle, am Gepäckschalter ist es auch schon übersichtlich geworden, die meisten sind schon draußen. Nur eine Schlange hat sich gebildet… vor dem lost-baggage-Schalter. Meine Tasche und der Anhänger sind da, die beiden Taschen von Katrin auch. Wo ist der Rucksack von Michael? Verdammt! Wieder einreihen… ob der Guide trotzdem auf uns wartet? Ich geh mal schauen, während die beiden den Platz in der Warteschlange verteidigen, denn auch die Hanselgruppe hat offensichtlich Gepäckverluste und steht wieder an. Nee, da hält keiner mehr ein Schild hoch mit meinem Namen. Ok, dann wieder in die Reihe.

Oberhansel meckert mich von der Seite an. Er dachte echt, er hätte es geschafft, an uns vorbeizukommen. Der Beamte liest den Gepäckaufkleber sorgfältig und erklärt, dass dieses Gepäckstück nicht verloren gegangen sein kann. Wieso? Weil es nicht auf der Liste steht. Wie? Er hat schon ne Liste mit liegen gebliebenem Gepäck aus Amsterdam bekommen. Hilft ihm und uns aber nix, der Rucksack ist weg und er muss noch ein Formular ausfüllen. Nun will er die Anschrift des Reiseveranstalters in Arusha haben. Wir haben nur die deutsche Adresse. Klasse gelaufen. Verlasse den Schalter, Michael bleibt, die Hinterleute grummeln. Nachdem ich nun dem afrikanischen Beamten am Ausgang erklärt habe, dass ich nur mal unseren Guide suchen muss, aber dann wieder zurück in die Ankunftshalle komme, ist das Chaos perfekt. Immerhin lässt er mich durch. Draußen sind kaum noch Leute, Abholer, die nur noch mühsam ihre Pappschilder heben, allerdings mit anderen Namen. Einer tut´s nicht, und das ist unser Steven. Der ist irritiert, weil ja nur eine auf ihn zugestürzt kommt, er erwartet immerhin drei Leute. Kurz erklärt, Zettel gefunden, Stift geborgt, er hat keinen, meiner ist im Rucksack, der zu unserer Verteidigungslinie gehört, alles aufgeschrieben und nun zurück.

Der Beamte erinnert sich erst, als ich mit dem Zettel vor seinem Gesicht wedele. Es ist ja auch schon spät. Immerhin, Michael hat die Position verteidigt, der Oberhansel ist inzwischen am Nachbarschalter in vorderster Front und wirft mir einen giftigen Blick zu. Katrin liegt mehr auf unserem Gepäck und hält sich kaum aufrecht vor Schmerzen. Der Schaltermensch befragt jetzt seine Kollegen, alle halten inne, um unseren Fall zu beratschlagen. Oberhansel scharrt mit den Füßen, seine um sich stehende Meute entwirft offensichtlich Pläne zu unserer Ermordung. Egal.
Der Schalterfuzzi will nun die Telefonnummer von Reisebüro in Arusha haben, nicht die von unserem Guide, die ich ihm mitgebracht habe. Wir sind auf Safari, im Reisebüro nutzt uns das Gepäck recht wenig! Diese Erklärung überzeugt nun eine Flughafendame in der Gruppe, die noch immer unseren Fall diskutiert. Endlich gibt sich unser Beamter geschlagen, stempelt das Papier und unterschreibt. Die anderen wenden sich wieder dem Gruppenhansel zu. Zettel geschnappt, Katrin eingesammelt und schnell die Gruppe umschlichen, um dann zu Steven zu gehen. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass mein Rücken mit Pfeilen durchbohrt wird. Der Beamte am Halleneingang hat schon aufgegeben und Feierabend gemacht. Jetzt wäre ein hin- und herlaufen problemlos.

Steven erwacht aus seiner Lethargie, als er uns drei sieht, strahlt uns an und begrüßt uns wie alte Freunde. Ja, die Warterei kann auch zusammenschweißen! Schnell ist das Gepäck verladen und wir unterwegs, die letzten 40 km bis zum Rivertrees. Unser Gepäck wird aufs Zimmer gebracht, den Willkommensdrink kippen wir runter, verabreden eine Frühstückszeit und mit Steven eine Abholzeit für morgen. Wir wollen nur noch in die Waagerechte.
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01 Apr 2012 13:53 #230222
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Hallo Schelm,

da wächst die "Ostafrika-Fraktion" gerade gigantisch. B) Nun sind wir schon bei drei Tansania Reiseberichten. Super!!!

Ich freue mich auf die Fortsetzung und vielleicht gibt es ja auch noch ein paar Bilder ;)

Schöne Grüße,

Nicole
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01 Apr 2012 14:15 #230227
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Hallo Schelm,

Dein Bericht verspricht super lustig und spannend zu werden. Ich freu mich auf die Fortsetzung. Wie Nicole schon schreibt: vielleicht sogar mit Bildern.

LG Pascalinah
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01 Apr 2012 15:12 #230230
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@ Pascalinah und Nicole

Ich bin wirklich nur mit ner kleinen Digitalkamera unterwegs für private Erinnerungsschnappschüsse (und diese vielen Einstellungen hab ich auch noch nicht drauf, sooo dolle sind die nicht, wenn ich da die Bilder der anderen Berichte so sehe, aber ich werd´s mit ein paar versuchen. Ob ich das mit dem ranhängen hier hinkriege, werden wir sehen (Cecile wird mir sicher wieder helfen, gell, wo ich doch extra über Holland geflogen bin?)

Ich muss mich sicher kürzer fassen, das hatte ja bisher noch nicht wirklich mit Urlaub zu tun. Trotzdem danke für´s lesen.

Ich arbeite dann mal weiter...
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01 Apr 2012 17:51 #230251
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Schelm schrieb:
@
Ich muss mich sicher kürzer fassen, das hatte ja bisher noch nicht wirklich mit Urlaub zu tun. Trotzdem danke für´s lesen.

Ich finds total unterhaltsam geschrieben - bitte nicht kürzen! Das ist ja das Tolle an dem Forum: so viele verschiedene Schreibstile, so viele verschiedene Fotos, so viele verschiedene Reiserouten - und jeder setzt einen anderen Schwerpunkt! I love it :)

Und ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzungen!!!

LG Bele
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01 Apr 2012 19:34 #230271
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@ bele
ich versuch mich zu erinnern... ist ja schon so lange her!

Weiter geht´s, allerdings noch ohne Bilder, die muss ich erst verkleinern und weiß noch nicht, wie´s geht.

01.03.2012

Gut geschlafen hab ich nicht. Das lag aber nur an meinem Traum, dass mich eine Horde wild mit Pässen wedelnder Touristen irgendwie foltert. Außerdem habe ich todesmutig eine fette Spinne mit dem Zahnputzglas gefangen, die sich außen an meinem Moskitonetz eine Kletterpartie gönnen wollte.

Das Rivertrees liegt am Fuße des Mount Meru zwischen Moshi und Arusha direkt am Usa-River. Der fließt durch den Garten und einige Unterkünfte liegen direkt am Wasser. Das Gelände gehörte früher zu einer Kaffeefarm, diesen Charme längst vergangener Zeit strömt das alte Farmhaus noch aus, in dem urige, rustikale Gästezimmer hergerichtet worden sind.

Eigentlich sollten der Herr Bundespräsident a.D. Wulff und seine Frau hier heute übernachten, erzählt man uns, aber das hat er sich ja nun verdorben. Katrin und Michael kommen in den Genuss der Suite, in der schon Johannes Rau nebst Gattin nächtigten, wie ein Foto beweist (na ja, es beweist nur, dass sie da waren, wenn man ehrlich ist, von im Bett liegen seh ich nichts). Der zentrale Wohn- und Essraum mit den Möbeln und Leseecke ist erhalten, von hier gehen die Zimmer ab und man hat Zugang zur Terrasse, von wo sich heute der Panoramablick auf den Berg bestaunen lässt.

Kolibris schwirren durch die fantastische Gartenanlage, die wirklich liebevoll gepflegt ist. In den riesigen Bäumen spielen die Affen, auch die Eulen lassen sich nicht durch neugierige Blicke stören. Es blüht und duftet überall, dass die Sinne verrückt spielen.

Nach ausgiebigem Duschen (ja, ich hab auch Klofotos gemacht) gehen wir ins Restaurant. Liebevoll rustikal eingerichtet, ach, wie ich diese Naturdächer mag, mit Blick in den Garten auf das dort aufgebaute Buffet. Wir belegen den Tisch neben dem Weinregal, das wir am liebsten mitnehmen würden. Der köstliche hauseigene Kaffee - ja, es gibt noch immer eine eigene Kaffeeplantage – verwöhnt den Gaumen und die Nase. Üppiges Frühstück mit allem, was der Mensch sich so vorstellen kann, das Personal ist unauffällig aber sehr aufmerksam und total freundlich. Wir haben nur in lächelnde Gesichter gesehen und fühlen uns wie Könige – oder Präsidenten. Hab ich schon erwähnt, dass überall Kübel frischer Rosen stehen, auch auf den Zimmern? Wer ist bloß auf die Idee gekommen, eine Safari zu machen? Wir könnten dieses Fleckchen Paradies genießen und nie mehr verlassen.

Daraus wird nichts, weil wir mit Steven verabredet sind, der auch pünktlich erscheint, gut gelaunt und unternehmungslustig. Er strahlt über (alle vier Backen - das denk ich aber nur, weil man es ja nicht schreiben darf) das ganze Gesicht, als wir ihm unsere Idee vom Paradies mitteilen und antwortet mit: „Ja, that ist true!“. Kaum ausgesprochen klingelt sein Handy.

Dann verfrachtet er uns in unser Vehikel und ab geht es zum Arusha Nationalpark. Immer wieder klingelt das Handy. Steven entschuldigt sich, es sei wegen dem Rucksack. Ok, wir haben Verständnis, besonders Michael, der zwar frisch geduscht, aber eben in den alten Klamotten ist. Was soll er auch machen.

Es hat sich freundlichst zugezogen, nix ist mehr mit Berge sehen. Dafür drücken wir uns die Nasen an den Scheiben platt, weil wir so richtig schnallen, dass wir in Afrika sind. Bretterbuden, jede Menge Zweiräder, daran kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, war das schon damals so? Immer wieder faszinieren uns die Damen, die schwindelerregende Türme auf dem Kopf balancieren und dabei noch so grazil dahin schreiten. Katrin´s Kommentar: „Da kann ich gar nicht hinsehen, dann tut mir alles weh!“ Sie sitzt gedopt und gut gepolstert mit Wolldecke auf Luftkissen, versucht sich dem Straßenbelag entsprechend locker einzuschwingen. Die Eindrücke lenken sie ab und das ist gut so.

Angekommen am Ngongongaregate erledigt Steven die Permitprozedur und einige Telefonate, wir die erste Pipi-Pause, Michael studiert die Infotafeln. Dann schwingt der grüne Balken in die Höhe und wir sind drin. Erstmal zählt Steven alle Attraktionen des Parks auf, ich muss alles übersetzen und versuche, längst vergangene Vokabellektionen wieder aus den Gehirnwindungen hervorzuzaubern und ihnen Leben einzuhauchen, mich dabei nicht total lächerlich zu machen, denn Steven versteht recht viel deutsch. Vor lauter Anstrengung und Afrika-feeling (ok, und weil ich die ganze Reise nicht unentwegt mitgeschrieben haben – wenn ich also irgendwann mal was Falsches schreibe: BITTE INFO an mich, ich werde es dann berichtigen) kann ich nicht mehr alles wiedergeben. Behalten habe ich: Mount Meru, Colobusaffen, Momela-Seen, NgurdotoKrater. Irgendwas war da aber noch.

Dieser Park wird meist nicht beachtet, weil die Löwen fehlen. So sind wir Touristen! Immerhin gibt es hier auf kleinem Raum (etwa 140 qkm) Büffel, Giraffen, Elefanten, Leoparden, Hippos, Zebras, Wasserböcke, Hyänen usw. und jede Menge Affen! Die Vegetation ist recht abwechslungsreich, aber eben auch teilweise sehr dicht, da sieht man einige Bewohner nicht so. Den kleinen Ngorongoro, wie der Krater hier auch genannt wird – er ist ein Nebenschlot des Meru gewesen - kann man nicht befahren, der ist Sumpfgebiet und den Tieren vorbehalten. Auf dem Kraterrand gibt es an jeder Flanke eine Holperpiste, umrunden geht aber nicht. Den Blick auf die Kulisse mit den Bergen ergattern wir bei diesem Wetter nicht. Macht nix, wir wollten Tiere, wenn kümmern da die Berge.

Derartig voll gestopft mit Wissen bewundern wir die ersten Knochen, die irgendwo in der Pampa liegen. Touris eben. Gerade noch abwenden kann ich den ersten Knipsanfall. Dann aber liegen auf einer Wiese (würden wir Nordlichter sagen) hübsch drapiert vor einem Wald mit Gebüschrand eine Gruppe von zwanzig Büffeln in einem Matschloch, drum herum Zebras und Warzenschweine, zur Zierde ragt noch ein Giraffenhals in die Höhe. Das ganze wird zu unserer Freude von Rufen fliegender Zeitgenossen und lärmenden Affen, die wir nicht sehen können, akustisch umrahmt. Wir fotografieren, was die Kameras hergeben. Zwar ist das alles nicht besonders nah dran, aber man weiß ja nie. In unsere anschließende Zeit, die nur der Hingabe dieses Schauspiels dient, dabei bewegen die sich eher alle gar nicht, klingelt Stevens Handy. Diesmal ist es ein Freund. Die Vögel sind still, die Affen verwirrt. Wir staunen noch immer. Steven schreibt ein paar SMS. Weiter geht´s.

Hinter einer Kurve stören wir eine große Horde Paviane, die natürlich auch lieber bequem den Weg benutzen. Der Pascha erklimmt einen Baum, um sich einen Überblick zu verschaffen. Die Familie ist mit Futtersuche und Körperpflege beschäftigt. Ein Nebenbuhler nutzt die Zeit und begattet mal schnell die Dame, worauf der Baumsitzer laut schimpft, dem Frechdachs zeternd hinterher rennt, der sich schnell ins Gebüsch schlägt. Der Gehörnte besteigt seine Liebste, damit sie weiß, was sie an ihm hat und damit sind die Fronten geklärt. Er nimmt den Hochsitz wieder ein, die Familie geht am Wegesrand der Nahrungssuche nach, die Kleinen spielen, ein paar Halbwüchsige turnen an den Zweigen, bis einer der Schwerkraft nichts mehr entgegenzusetzen hat. Mit Getöse fliegt er in die Menge, worauf die Kinder kreischend zu Ihren Müttern flüchten. Der Flugaffe bekommt eine Watschen und die Zähne gezeigt. Boah, das sind Zähne! Das Handy summt, Steven hat ne SMS bekommen.

Wir verscheuchen die Affen durch penetrantes Weiterfahren, irgendwo im Baum sitzen olive Affen (was immer das für ne Sorte sein soll, Steven nennt sie so). Die haben gar keine Lust auf Touristen und verweigern das Foto. Schade! Die Vegetation wird immer dichter, riesige Bäume und dann ist Steven zufrieden. In einem Baum vor uns sitzen Colobusaffen.
[attachment:3]C:\fakepath\k-CIMG0168.jpg[/attachment]
Wir sehen sie erst nicht, aber wer schaut denn schon so weit hoch? Wir sehen sie an, sie sehen uns an, dann fressen sie Blätter und kümmern sich nicht weiter um die da unten. Schon faszinierend sehen sie aus mit ihren Mänteln aus weißen langen Haaren. Aber springen will keiner für uns. Fahren wir eben zum Krater. Hier fliegen die schönsten Schmetterlinge rum, es piept und ruft, krächzt und flötet im Geäst, schillernde Vögel bevölkern die Luft. Wir genießen den Viewpoint, obwohl es im Krater selbst nichts zu sehen gibt. Keine Büffel drin. Ihr ahnt es schon, hier werden wieder SMS geschrieben und Anrufe getätigt. Langsam fahren wir vorbei am Longil Lake, ausser ein paar Wasservögeln und Enten in weiter Ferne ist nichts los. Wir schauen auf den Ausblick der Momella-Seen, schon prima. Klar kommt hier die Hatari-Geschichte, die Geschichte der Familie Trappe. Nach einem Telefonat geht es runter, der Himmel reißt ein bisschen auf, wieder Affen auf dem Weg. Doch da ist doch was im Busch? Das war nicht schon wieder ein Dikdik? Nein, sieht aus wie ein Rehlein. Es ist ein Buschbock!

Er macht seinem Namen alle Ehre und steht getarnt im Gebüsch. Beim ersten Summen des Handys sucht er das Weite. Es ist Stevens Frau. Nach dem Gespräch rollt Steven das Auto ein wenig vor ohne Motor und siehe da, da ist er wieder, der Buschbock. Juchuuuhhhh! Da auch kein Geräusch, das ihn stört und wir schießen Fotos.

Dann kommt eine schöne Lücke mit Giraffe. Die Begeisterung erfasst Michael, als er noch andere entdeckt. In schönstem amerikanisch ruft er: „da sind mährähre!“ Ich gebe zu, wenn man deutsch denkt, englische Brocken hervor kramt, freundliche Kisuaheliworte einstreut und anderen Globetrottern aus aller Welt zuhört, kann man schon mal die Überblick verlieren im Eifer des Gefechts. Katrin und ich prusten los, obwohl unsere Gehirne gerade noch den richtigen Sprachmodus suchen. Steven schaut etwas verdattert, dann fällt der Schilling: „That is true!“, und fällt in unser wiehern ein, selbst aus Michael gluckst es raus. Die Konsequenzen? Es schauen gleich noch mehr Giraffenköpfe hinter Gebüschen hervor. Könnt ihr euch vorstellen, dass ab jetzt jede Tiersichtung, die die Anzahl 2 übersteigt, mit diesem Spruch gekrönt wird? Gut, dass wir uns doch zur Safari haben überreden lassen.

Logo, dass wir noch mährähre Zebras, Giraffen, Vögel, Büffel und Perlhühner sehen! Endlich an den Seen begeistern wir uns für das Farbspiel. Blau, grün, türkis, bräunlich leuchtet das Wasser, davor verschiedene Grünschattierungen der Büsche und Bäume, besonders schön die Fieberakazien mit ihren gelben Stämmen im Sonnenlicht. Das gegenüberliegende Ufer ist rosa weil dort Flamingos stehen. In einem der Bäume sitzt ein brütendes Federvieh, das ich nicht benennen kann. Tiersichtungen? Vögel ja, andere Tiere Fehlanzeige.

Wer immer da sitzt, ich hab keine Ahnung

Am See selbst erfreuen wir uns an dem gehörnten Schädel eines Büffels. Den hätte ich mir ja gern mal aufgesetzt… aber wer weiß, was da für Kleinvieh drin ist, lieber nicht.

Weiter geht es um die Seen und dann: Wasserböcke! Erst noch vereinzelt unpraktisch im Gebüsch, dann mährere auf der grünen Wiese, was sag ich, Massen. Einige haben sogar Babies. Wir können uns gar nicht satt sehen. Dann ist die Wolkendecke wieder komplett zugezogen, Perlis, Affen, Zebras, Giraffen. Einzeltiere Fehlanzeige!. Zufrieden treten wir den Heimweg an – und vergessen das Wichtigste: die Pipi-Pause. So kommt es zu einem Erlebnis der besonderen Art.

Pipialarm on the road, shambas und Bretterhütten überall. Nun gut, da vorne kommt doch ein Feld mit Kaffeepflanzen. Angehalten, raus gesprungen, Geschäft verrichtet. Steven, was liegt da denn? Katrin kommt aus dem Graben und hat eine Hülle in der Hand – die Haut einer Puffotter. Gott sei Dank war die schon vor unserer Pause aus der Haut gefahren. Na, in Kaffeeplantagen piseln wir nicht wieder!

Im Rivertrees erwartet uns ein fantastischer Kaffee, warmer Kuchen und unser Reiseveranstalter, ich nenn ihn mal Rudi. Steven ruft noch mal am Flughafen an, das Gepäck ist noch nicht da, dann verabschiedet er sich nach der Kaffeestunde, morgen früh um 10.00 Uhr holt er uns ab. Katrin legt sich hin, wir erfahren noch allerlei Wissenswertes über unsere Tour und über Regenzeit, die drei Wochen zu früh eingesetzt hat. Da ist dann beim Camping auch mit mehr Tse-Tse-Fliegen zu rechnen. Hat uns überhaupt schon mal einer was davon erzählt? Ich bin geimpft gegen alles Mögliche, war bis zum Gesundheitsamt. Ich würde mich doch erinnern? Oder nicht? Wir haben lange Hosen, peaceful sleep und Autan, Hüte, Moskitonetze. Katrin und Michael sind dank einer Kollegin sogar mit Fliegenklatschen angereist. Ach, hätte ich doch vorher einen Reiseführer gelesen! Ich hatte das fest vor, ehrlich, war aber keine Zeit mehr.

Nach einem ausgiebigen Nachmittagsschläfchen machen Michael, Rudi und ich einen Spaziergang an die Hauptstraße, dort hat laut Rudi der angeblich beste Schnitzer der Makonde seine Bude. Rudis Türschild ist nicht fertig, ich soll es mitnehmen, wenn wir am letzten Tag noch mal hier relaxen vor dem langen Flug. Das ist nämlich schon beschlossen. Und Rudi fliegt heute Abend. Ich kann nicht anders, als bei Patrick eine Warzenschweinfamilie in Auftrag zu geben und anzuzahlen. Sicher ist die in 2 Wochen fertig, großes afrikanisches Ehrenwort. Ich mutiere hier zum Toruistendödel der Sonderklasse. Ich bin doch nicht zum ersten Mal in Afrika, warum tue ich das? Wir schaffen die Mutprobe über die Hauptstraße, denn da ist jetzt rush-hour. Leider gucken wir noch falsch, sind ja schließlich erst einen Tag da. Schwamm drüber, wir haben überlebt.

Es ist Zeit zum Abendessen. Inzwischen regnet es, leise rutschen die Tropfen von Blatt zu Blatt, es gurgelt so schön. Ich liebe Regen, besonders, wenn im Zimmer ein Schirm hängt, die Wege so geharkt sind, dass keine Pfützen stehen bleiben und ich ein fantastisches Dinner vor mir habe. Michael hat Sorgen um seine einzige Garderobe, wenn die nass wird…

Glückes Geschick, auf dem Markt gab es frische Krabben! Also haben wir als Starter einen Krabbencocktail, der wirklich einen Sternenhimmel verdient hat. Die Suppe ist einfach köstlich. Da das Rivertrees aber für seine Pizza bekannt ist, wird die auch noch bestellt, die muss man einfach gegessen haben. Stimmt. Absolut genial! Nun, der Hauptgang, es gab Fisch, war ebenso großartig, und weil uns die Krabben so gut geschmeckt haben, liegen auch noch welche als Beilage auf dem Teller. Hier ist man doch irgendwie König – oder ist es, weil der Wulff nicht gekommen ist? Egal, wir sind diesen Abend auf kulinarischer Safari im siebten Gourmethimmel. Als Dessert gibt es eine Himbeerrolle mit frischen Himbeeren dazu.

Katrin muss liegen, wir gehen noch auf einen Drink mit Rudi an die Bar. Michael macht sich Sorgen um sein Gepäck, immerhin ist auch der Schlafsack im Rucksack. Zur Not müssen wir morgen noch in Arusha shoppen, Geldwechseln ist sowieso noch nötig, nachdem wir das gestern am Flughafen nicht mehr gemacht haben. Hamna shida! Gehen wir halt ins Bett, die nächsten Nächte werden hart genug.
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Letzte Änderung: 02 Apr 2012 15:15 von Schelm. Begründung: Fotos eingefügt
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