THEMA: Rage, rage against the dying of the light!
15 Mai 2021 14:39 #616031
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  • busko am 15 Mai 2021 14:39
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Guten Tag zusammen!

Ich möchte diejenigen die mir folgen möchten mal auf eine kleine Reise mit nehmen, wobei für mich der Weg an sich hilft Gedanken zu sortieren und zu verarbeiten die vielleicht, auch bei den einen oder anderen „Mitreisenden“, eine Resonanz auslösen könnte.

Wo soll ich beginnen?

Ich beginne mal mit der römischen Arena ca. im Jahre 50 nach Beginn unserer Zeitrechnung:
Das Publikum sitzt angespannt in den Rängen, unterhält sich aufgeregt, isst Popcorn und Erdnüsse (Bestimmt nicht!....dafür aber, was auch immer es damals in den Arenen gegeben haben mag?) und wartet gespannt auf die „Show“! Der „Showmaster“ tritt in die Arena, verbeugt sich vor Cäsar; es wird still, totenstill, während der Ankündigung des Programms;
Highlight des Abends ist der Kampf zwischen asiatischem Löwen und anatolischem Braunbär gefolgt durch den zwischen nubischem Sklaven und dem Gewinner der vorigen Runde.
In vielen fällen geht das so aus, dass der Löwe, nach langem, blutigem Kampf den Bären tötet und anschließend den Sklaven; das Publikum kreischt vor Begeisterung, die Menschen gehen alle zufrieden und erfüllt nach Hause.

Alle? Nein, nicht alle!
Schon damals muss es Menschen gegeben haben die solche Spektakel gemieden haben oder, wenn sie dann doch mal aus welchem Grund auch immer, und sei es bloß dem bis Heute noch sehr starken „peer pressure“, eine solche Veranstaltung beigewohnt haben, diese angeekelt, enttäuscht (hauptsächlich mit sich selbst, wie ich denke!) und zutiefst betrübt verlassen haben!
Es ist vielleicht die bewusste Realisation, der nach innen gerichtete Einblick in den ewigen Kampf zwischen den dunklen Untiefen der „Heironymus Bosch`schen“ Unterwelt auf der einen und der hellen „Menschlichkeit“ auf der anderen Seite die diese Gefühle auslösen kann!?.....und vor allem das Bewusstsein (wieder mal) auf die "dunkle Seite" gerutscht zu sein!

Ganz ähnlich ist es Heute, wenn ein Rudel Raubkatzen in Afrika ein Ur-Rind angreift und dieses über (gefühlt) Stunden qualvoll tötet!

Natürlich? Absolut, aber die Natur ist, wie fast jeder gemerkt haben wird, oft grausam!

Und an dieser Stelle setzt der innere Kampf ein: Auf der einen Seite, der Voyeurismus (nicht im negativsten Sinne des Wortes!), auf der anderen das vielleicht einzige was Homo Sapiens von anderen Spezies trennt; die „Menschlichkeit“!

Bei mir persönlich gewinnt (fast) immer die letztere Kraft: Ich möchte ein solches Spektakel (obwohl ich natürlich auch die viszerale Anziehung spüre) so wenig sehen wie ich schreckliche Szenen nach Unfällen auf der A2 sehen möchte, denn das Mitgefühl für das arme Opfer obsiegt bei mir (fast) immer.

Natürlich? Absolut! Man weiß, dass diese Vorgänge dauernd stattfinden, muss sie aber (und das ist für mich das entscheidende) nicht unbedingt sehen wollen!

Es ist vielleicht der Respekt vor der unendlichen Kluft zwischen Leben und Tod, vor der alles andere in die Nichtigkeit jenseits von Raum und Zeit verblasst!

Wenn ich dann doch mal so eine Szene mit bekomme, wundert mich fast immer eines: Die anscheinend annähernde Kampflosigkeit mit denen die Opfer ihr Schicksal hinzunehmen scheinen!
Dazu fallen mir immer wieder die sehr passenden (wenn auch nicht in diesem Kontext gedichteten), wunderbaren Zeilen des wallisischen Dichters Dylan Thomas (1914-1953) ein:

Do not go gentle into that good night
Old age should burn and rave at close of day
Rage, rage against the dying of the light


Liebe (nachdenkliche) Grüße,
busko
Letzte Änderung: 15 Mai 2021 17:32 von busko.
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15 Mai 2021 14:50 #616032
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Klingt spannend!
So nach Art der 'Hunger Games'? ;)
Tribute von Panem ? Daran musste ich jedenfalls sofort denken.

Gruß Doro
~ Africa is a feeling ~
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15 Mai 2021 15:05 #616034
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busko schrieb:
Ich beginne mal mit der römischen Arena ca. im Jahre 50 nach Beginn unserer Zeitrechnung:
Das Publikum sitzt angespannt in den Rängen, unterhält sich aufgeregt, isst Popcorn und Erdnüsse (Bestimmt nicht!....dafür aber, was auch immer es damals in den Arenen gegeben haben mag?)

Es gab damals Otternasen, Finkenlebern und Ozelotohrläppchen.

Das weiß doch jeder, der "Life of Brian" gesehen hat.

Deine Beiträge haben immer einen sehr genialen philosophischen Einschlag. Diesmal war ich ein bisschen enttäuscht ob der Unkenntnis der damaligen Snacks. ;-)

Gruß
Wolfgang
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Eswatini (Swaziland), Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
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15 Mai 2021 16:10 #616045
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Hi alle,

nun, da schließe ich mich mit der Studie jener unterschiedlicher Reaktionen,
welche die "Vorfälle" in unserem Goldfischteich (neusprachlich: Biotop) hervorrufen, an.
Zu den Bewohnern zählen neben den Goldfischen (eh klar), auch Frösche und Ringelnattern.
Letztere fressen am liebsten Frösche, und am zweitliebsten Goldfische.
Durch jahrelang geschultes Gehör, können wir nun bereits am Quaken erkennen, ob es wieder einmal soweit ist,
und ein Frosch bereits im Maul einer Ringelnatter gefangen ist.
Da ich nicht nur in Afrika gerne fotografiere, renne ich bei diesem ganz bestimmten "Quak", mit Kamera los zum Goldfischteich.
Letzten Sommer habe ich so eine Fotoserie,mit dem reißerischen Namen, auf Leben und Tod, zusammengestellt,
und an die Verwandtschaft verschickt.
Nun zu den Reaktionen:
Meine Mutter: Wie kannst du dir so etwas nur anschauen? Pfui, na mir brauchst sowas nicht mehr schicken!
Meine Tochter: Na hättest du den Frosch nicht retten können; du bist ja sonst so tierlieb?! Der Arme! Aber coole Bilder!
Mein Sohn: Wahnsinn! Und wie lange hat das gedauert? Und war der Frosch dann tot? Siehst du, drum mag ich kein Haus mit Garten.

Persönlich sehe ich das so: Frösche gabs hier in den Donauauen schon bevor es uns hier gegeben hat, Ringelnattern auch.
Also darf die Schlange die Frösche fressen. Wenn aber Nachbars Hauskatze an unseren Teich kommt um Fische zu angeln,
da seh ich rot! :evil:




Gruß Gina
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16 Mai 2021 01:16 #616093
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Hallo Uli,

wo du schon den wunderbaren Dylan Thomas zitierst........
das sind so positive, so Lebens bejahende Verse, ganz, ganz wunderbar geschrieben: solange noch ein Fünkchen Leben in uns ist, auch wenn wir alt, krank oder schutzlos und am Boden liegend sind, können wir kämpfen, lohnt es sich zu kämpfen.
Den Kampf selbst hab ich schon oft sehen müssen, sehen "dürfen" (ja, Uli, richtig gelesen: ich betrachte es manchmal sogar als "Privileg", so komisch das auch klingen mag), das ist ganz normal in einem gewissen Alter. Sterben ist "untrennbar" mit dem Leben verbunden. Es gehört dazu, und eigentlich sollte man nicht wegschauen. Am Ende ist der Tod immer "Erlösung", der Körper entspannt sich, alles ist friedlich. Ein tröstlicher Gedanke!
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Das möchte ich auch nicht unbedingt sehen, schrecklich ist das, wenn jemand im Straßengraben liegt, stark verwundet ist oder gar stirbt oder ein Tier in der Massai Mara von einem Rudel Löwen attackiert wird, aber beim Menschen würde ich schauen ob ich erste Hilfe leisten kann, denn darin bin ich relativ geübt, beim bedauernswerten Tier würde ich mir wahrscheinlich am liebsten die Ohren zuhalten wollen (ich könnte ja auch nicht helfen, das würde mir nicht gut bekommen :dry: ) jedoch vermutlich auch meine Kamera heiß glühen lassen.
Ich weiß, Uli, beides passt nicht wirklich zusammen.

Herzliche Grüße
Beate
Reiseberichte:
Patagonien 2020: Zwischen Anden, Pampa und Eis: namibia-forum.ch/for...n-pampa-und-eis.html
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Letzte Änderung: 16 Mai 2021 01:39 von Old Women.
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16 Mai 2021 11:23 #616117
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Hallo zusammen!

Ich sehe (und es freut mich) das dieses Thema auch andere umtreibt!

@BikeAfrika:
Lieber Wolfgang, ja, "always look on the bright side of life".....schon oft gesehen und gehört, aber nie so detailliert, dass ich hätte sagen können welche "Snacks" es bei den alten Römern gegeben hat.....Respekt!

@Old Women:
Liebe Beate, ja, das sind wahrhaftig zeitlose Zeilen; minimalistisch, präzise und messerscharf! Danke für deine Gedanken dazu, die ich alle gut nachvollziehen kann.

@GinaChris:
Liebe Gina, du hast natürlich Recht.....Die Beförderung von Lebewesen vom Leben in den Tod zwecks Verzehr und somit Aufnahme der darin beinhalteten Energie ist ein absolut natürlicher Prozess, aber.....

@Alle:
Es geht mir nicht darum, ob es gut oder schlecht ist Tiere zu töten um sie anschliessend zu verspeisen.
Alle Tiere verzehren Lebewesen! Wir (Tiere) können nun mal nicht photosynthesieren! Das können nur die Pflanzen, die wirklich aus toten (anorganischen) Stoffen wie CO2, Wasser, Nitrate, Phosphate, Kalium und andere Mineralien unter Nutzung der Sonnenenergie, durch Photosynthese sich ernähren, wachsen und fortpflanzen können.
Alle Tiere hingegen töten Lebewesen um sich letztendlich der von den Pflanzen hergestellten Energie einzuverleiben.
Manche (die Herbivore) direkt, andere (Carnivore) indirekt über andere Tiere! Wenn man es genau nimmt ist dies nur ein Gradunterschied.....alle Tiere "töten" Lebewesen!

Nein, mir geht es vielmehr um den kognitiven Prozess der darauf, auf letztere Erkenntnis, aufbaut; der dort ansetzt.

Nochmal: "Man muss das nicht alles sehen wollen, nur weil es absolut natürlich ist!"

Wir sind Menschen, denken, fühlen und, ganz, ganz wichtig, wir können uns dadurch auch gegen unsere Urinstinkte entscheiden, wenn wir denn wollen!

Liebe Grüsse,
busko
Letzte Änderung: 17 Mai 2021 07:10 von busko.
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