28. Oktober:Heute stehen wir schon bei Sonnenaufgang um 5.40 Uhr nach einem verhältnismäßig guten Schlaf auf. Der Platz war ruhig, aber in der Früh tut uns halt alles weh, weil wir auf dem felsigen und steinigen Boden doch sehr hart liegen.
Wir lassen den Tag gemütlich angehen, der gute Kaffee aus der Herzerl-Tasse erquickt mich. Es ist unglaublich windstill und es hat angenehme Temperaturen. Als alles verstaut und gepackt ist, brechen wir auf. Zuerst die restliche Hauptzufahrtsstrasse von „Edge of the World“ hinaus bis nach Sadus und dann wieder ein Stück zurück nach Huraymila. Dort fahren wir heute geradeaus 150 km weiter bis Ushaiqir mit seinem berühmten Museumsdorf. Die Strecke bis dorthin ist eher langweilig und eintönig, sehr stark befahren und etwas reizlos. Die Landschaft ist wüstenartig, teilweise reichen die roten Dünen sogar bis an die Orte und Straßen heran. Das ganze Land wirkt aber industriell oder landwirtschaftlich genutzt: Kamelfarmen, in den Oasen Monokulturen, Rinderfarmen, riesige Bauvorhaben, Steinbrüche, Ölindustrie, hässliche Tankstellen und opulente Kreisverkehre an den Ortsein- und -ausfahrten.
Eine typische Kreisverkehrsgestaltung
Es sind unheimlich viele Betonmischer und andere Baufahrzeuge unterwegs und ich nutze diese Autofahrt, um wenigstens eines unserer drei Handys am Zigarettenanzünder zu laden. Leider gelingt es mir nicht, genauso wenig funktioniert es am USB des Autoradios. Außer dem Motor funktioniert an diesem Auto wirklich rein gar nichts. Dass es keine Zentralverriegelung, keine Mittelkonsole, keine verstellbare Lüftung, nur kleinste Seitenfächer, keine Getränkehalter, keinen Kurz-Blinker und auch sonst nichts gibt, ist mühsam, damit können wir uns aber irgendwie arrangieren. Dass wir aber keine Lademöglichkeit für die Handys haben, ist echt ein Problem. Wie sollen wir denn künftig z.B. fotografieren? Und die Overlander oder andere Apps verwenden? Vom Navi ganz zu schweigen.
Wir versuchen an einer Tankstelle, mit Werkstatthilfe eine Lösung zu finden, lassen das aber bald wieder sein, da hier keiner ein Wort Englisch spricht und man in erster Linie nur LKW-Reifen wechselt. Die Lösung für den Rest der Reise wird also so aussehen, dass wir künftig überall, wo wir hinkommen, unsere Handys – wenn auch nur kurz – laden lassen. Das üben wir gleich einmal in diesem Museumsdorf – kein Problem! Man hilft uns gerne, sogar auf Englisch. Man versichert uns, den ganzen Tag und selbstverständlich auch nach unserer Dorfbesichtigung noch hier zu sein.

Dietmar und ich besichtigen also gemütlich dieses in großen Teilen renovierte historische Dorf. Es besticht vor allem durch seine Größe von ca. 400 Häusern und 25 Moscheen. Wir finden die Renovierung allerdings eher lieblos und schleißig (zu deutsch: unsorgfältig) gemacht, recht brachial, oft auch gar nicht und bestimmt nicht denkmalschutzgerecht. Obwohl das Dorf ziemlich berühmt ist, merkt man, wie sehr der Tourismus und auch das Bewusstsein für Historisches hier noch in den Kinderschuhen steckt.
Während unseres Spaziergangs durch die Anlage erinnern wir uns oft an viel, viel besser aufbereitete Sehenswürdigkeiten und Bauwerke im Oman.
Gleichzeitig mit uns ist auch eine Gruppe Europäer hier. Ich unterhalte mich nett mit einer Touristin aus Radolfszell, vielleicht sehen wir uns ja in Al Ula wieder? Die geführte Gruppe ist mit 14 Personen acht Tage in Saudi Arabien unterwegs.
Als wir nach eineinhalb Stunden Besichtigung schließlich weiterreisen möchten und Dietmar noch Brauchwasser getankt hat, möchten wir nun unsere Handys wieder einsammeln. Leider ist jetzt an der Office aber kein Mensch mehr da und das kleine Museum geschlossen. Gebetszeit! Da müssen wir eben solange warten.
Für uns heißt das, dass wir unsere Reise künftig nicht nur nach Handy-Lademöglichkeiten, sondern auch nach den Gebetszeiten organisieren müssen – na toll. Während wir also warten, lernen wir, wie Araber ihre eigenen Sehenswürdigkeiten besichtigen: Ein SUV prescht mit überhöhter Geschwindigkeit auf den kleinen Dorfplatz, alle halten ihre Handys aus dem Fenster, er wendet mit quietschenden Reifen und schon war man da und hat alles gesehen.
Als wir unsere Handys endlich wieder zurück haben, fahren wir weiter nach Buraida. Wir umfahren das Stadtzentrum und hoffen, entlang der Umfahrung etwas zu essen zu finden. Aufs Geratewohl nimmt Dietmar die Ausfahrt „Cattle City“ und wir wählen das erstbeste Restaurant. Ein etwas großer Begriff für die Kaschemme, bei deren Betreten ich mich am liebsten in Luft auflösen möchte. Denn der Laden ist gut gefüllt mit ca. 20 Männern, die mich alle anglotzen, als wäre ich gerade vom Himmel gefallen, und das obwohl ich meine Abaya trage! Manche Männer fangen auch zu kudern (zu deutsch: kichern) an oder winken mir in einer Art zu, als wäre es peinlich, dass ich hier bin. Ich fühle mich äußerst unwohl in diesem ansonsten sehr landestypischen Restaurant. Frauen gehen hier wohl nie herein.
Zum Glück ist der Inhaber, ein Afghane aus Masar-e Sharif, recht nett, macht kein Getue ob meines Geschlechts und lässt uns bereitwillig unsere Handys laden. Schließlich weist er uns eine Kabine zu, denn zu den Männern im öffentlichen Bereich kann man mich unmöglich platzieren – Tisch und Stühle gibt es hier sowieso nicht – und serviert uns eine köstliche, typische Reisplatte mit Hendl, Sauce und etwas Salat. Wir sind es nicht gewohnt, am Boden sitzend zu essen, lassen uns die Mahlzeit aber gut schmecken.
Jetzt haben wir wieder Energie, die Handys etwas mehr Saft und trotzdem schaffen wir es heute nicht mehr bis Hail. Wir bemerken erst jetzt, wie riesig dieses Land eigentlich ist (6 x so groß wie Deutschland). Wir müssen uns rechtzeitig einen Platz für die Nacht suchen, denn die Sonne geht schon kurz nach 17 Uhr unter. Wir versuchen unser Glück in irgendeinem Ort entlang der Autobahn.
Leider gestaltet sich die Schlafplatzsuche schwieriger als erwartet und bleibt auch nicht unbemerkt. Irgendjemand fährt plötzlich hinter uns her, er möchte uns helfen, versteht aber nicht, was wir wollen. Beschreibt uns aber dafür äußerst nett den Weg zurück zur Autobahn!
Und so bleiben wir schließlich etwas unkonventionell auf dem Kinderspielplatz am Rande einer Neubausiedlung. Es windet sehr stark, der ganze große Platz wird von grellem Flutlicht bestrahlt, vor der Toilette liegen Glassplitter, in der Toilette sind Motten und Ameisen. Dafür bietet dieser Platz einen grünen Rasen, der eine weiche Schlafstätte verspricht.
Wir tun das ganz Arge und bestimmt äußerst Verbotene: Wir duschen uns in der öffentlichen Toilette gegenseitig ab! Immer auf der Hut, dass keiner kommt. Es ist aber ohnehin kein Mensch hier.
Am Abend tönt lange und von allen Seiten der Ruf des Muezzin. Na, ich bin gespannt, wie gut wir hier schlafen werden. Am Klo gibt es allerdings auch Steckdosen und so haben wenigstens unsere Handys eine gute Nacht.
Noch ist dieser Abend nicht zu Ende: Gerade als wir uns um 21 Uhr aufs Ohr legen wollen und uns darüber freuen, dass wir heute tatsächlich auf weichem, saftigem, grünem Rasen ruhen werden (etwas worüber wir mit unserem verspannten Rücken den ganzen Tag gescherzt und was in dieser harten, trockenen, felsigen Wüstenlandschaft niemals für möglich gehalten haben), erhalten wir Besuch von einem schicken Landcruiser. Ein Mann steigt aus und entschuldigt sich per Google Translate, dass er sich jetzt erst so spät um uns kümmert. Bis jetzt hatte er zu tun. Gerne dürften wir hier auf dem Spielplatz übernachten, aber wir sollten doch besser mit ihm mitkommen. In einem Kilometer Entfernung wäre ein Platz, wo wir ungestört und ohne Menschen übernachten könnten. Unser jetziger Platz wäre zwar sicher, aber nachts kämen hier wilde Hunde...
Dietmar lehnt sein Angebot freundlich ab. Mit mir spricht der Mann nicht eine Silbe, er tut so, als wäre ich gar nicht existent. Das kenne ich schon aus dem Oman, wo ich auch ab und zu das Gefühl hatte, ich wäre nur ein Haustier. Es hat nichts mit Frauenverachtung zu tun, sondern ist im Gegenteil die übliche Respektbezeugung. Für uns halt ungewohnt.
Der Mann will noch wissen, wohin wir morgen reisen wollen, und nach einigen ausgetauschten Freundlichkeiten verschwindet er wieder. Als er weg ist, bedaure ich etwas, dass Dietmar sein Angebot nicht angenommen hat. Die Geschichte mit den wilden Hunden und wir mit unserem Bodenzelt beunruhigt mich etwas. Wir reden noch eine Weile über den freundlichen Besucher und wollen uns nun endlich schlafen legen, als plötzlich ein anderer Geländewagen auftaucht.
Unser Besucher ist zurück, diesmal in der Familienkutsche. Die natürlich voll verschleierte Frau und den ca. 11 Jahren alten Sohn hat er auch mitgebracht. Der Sohn überreicht Dietmar eine schöne Outdoor-Tasche, darin zwei große Kannen mit Kaffee und Tee, Pappbecher und in einer sehr schönen Kristallschale köstliche Datteln. In einem kurzen Versuch bietet uns der Mann noch an, uns in ein Hotel zu bringen. Die Tasche sollen wir morgen einfach stehen lassen. Dann verschwindet die Familie wieder in die Nacht.
Dietmar und ich sind gerührt ob dieser Gastfreundschaft, probieren einige Datteln und sparen uns den köstlichen und sehr heißen Kaffee fürs Frühstück auf. Trotz des sehr hellen Flutlichts, das unser Zelt erleuchtet, gelingt es uns gleich einzuschlafen.