CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201523. Jan. 2020 ·
Um 14 Uhr brechen wir wieder auf. Diesmal geht es zur südlichen Kirchengruppe. Die Bauten dieser Gruppe wurden vermutlich zunächst für weltliche Zwecke erbaut. Die Umwidmung zu Kirchen erfolgte wohl erst später. Wir erreichen den Eingang neben einem tiefen grabenartigen Einschnitt, der den Jordan symbolisieren soll.
Das Areal ist komplett umgeben von tiefen Gräben und ähnelt daher eher einer Burgfestung. Vor dem Zugang zur Doppelkirche Beta Gabriel und Raphael über eine neuere Brücke ziehen wir wieder unsere Schuhe aus. Schon die Fassade der Kirche lässt eher an eine ursprünglich funktionale Nutzung als Palastbezirk für den Adel oder Klerus denken als einen Kirchenbau.
Unten im 30 Meter tiefen Innenhof sehen wir die Öffnungen zur Wasserzisterne. Ein weiteres Indiz, das dieser Gebäudekomplex ursprünglich als befestigter Palast mit autarker Versorgung für den Ernstfall angelegt wurde.
Auch beim Eintreten fällt sofort auf, das die übliche Einteilung in Kirchenschiffe fehlt. Eher grob gehauene Säulen stützen die Decke ab. Wir sehen auch hier wieder etliche christliche Gemälde und ein Priester zeigt uns ein Kreuz.
Durch eine weitere Tür kommt man in die Raphael-Kirche, von der man auf den Balkon kommt. Von hier hat man einen guten Blick zum Eingang und in den Innenhof.
Wieder zurück über die Brücke ziehen wir unsere Schuhe an, die wie am Morgen, gut gehütet wurden. Durch eine Tür und einen Tunnel gelangen wir weiter in den Komplex der Bauten. Wieder im Freien im inneren Areal laufen wir zum halb verfallenen Beta Lehem (Haus des Brotes), in dem vermutlich das während der Gottesdienste gereichte Brot gebacken wurde.
Wir steigen einen steilen in den Fels gehauenen Weg hinab zum Fuß des Baus. Hier begeben wir uns in einen 40 Meter langen Gang in völliger Dunkelheit. Natürlich hätten wir Lampen dabei. Aber wir folgen dem Rat unseres Guide und tasten uns wirklich in völliger Dunkelheit durch den Tunnel. Ein eindrucksvolles Erlebnis. Am Ende des Tunnels gelangen wir zur Kirche Beta Mercurios. Einige der Kammern des Gebäudes wurden wohl auch einmal als Gefängnis genutzt, wie Kettenfunde nahe legen. Das Gebäude wurde bei einem Erdbeben bereits im 16. Jahrhundert teilweise zerstört. Nur ein kleiner Teil des Gebäudes ist noch erhalten.
Hier sehen wir sehr alte Wandmalereien, die teilweise nur noch schwer zu erkennen sind. Dargestellt sind hier die 12 Apostel und die drei Weisen aus dem Morgenland.
Ein Priester zeigt uns ein weiteres Kreuz.
Einige der Kreuze haben wie dieses hier Gravuren auf der Vorder- und Rückseite:
Durch eine Tür können wir den Bau verlassen und kommen in den durch das Erdbeben zerstörten Teil. Die Größe der Säulen und der Trümmer lässt erahnen, wie gewaltig dieses Gebäude ursprünglich gewesen sein muss.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201523. Jan. 2020 ·
Zurück im Gebäude kommen wir nach zwei weitere Kammern durch eine Tür ins Freie und über eine Steile Treppe in der Innenhof der Emmanuel-Kirche. Die prachtvoll aus dem Fels gehauenen Fassade weist die klassische aksumitische Bänderung auf und war wohl im Gegensatz zu den vorherigen Gebäuden von Anfang an als Kirche geplant.
Sie diente wohl als königliche Kapelle und war über einen Gang direkt mit der Residenz verbunden. Ein Teil dieses Ganges ist der dunkle Tunnel, durch den wir uns zuvor getastet haben. Wir sehen wieder Gemälde und ein Kreuz im Inneren.
Wir verlassen den Kirchhof über einen kleinen Tunnel, der als Regenwasserabfluss dient und befinden uns nun im südlichen Teil des Grabens, der die ganze Anlage umschließt. Unser Weg führt über Treppen hinab zu einem weiteren Wasserbecken und schließlich durch einen schmalen Felsspalt zur letzten Kirche.
Die Abba-Libanos-Kirche, die der Legende nach von der reumütigen Ehefrau Lalibelas mit Hilfe der Engel in einer Nacht erbaut wurde, weist eine Besonderheit auf: Sie wurde seitlich in den Fels geschlagen und ist oberhalb noch mit dem Muttergestein verbunden. Der Anblick erinnert ein wenig an die Felsenstadt Petra in Jordanien.
Dennoch gibt es einen frei gehauenen Rundgang, der auch dieser Kirche an allen vier Seiten eine Fassade verschafft. Im Innern wurden die Säulen, Rundbögen und Vorsprünge sehr sorgfältig aus dem Fels gearbeitet.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201523. Jan. 2020 ·
Mit dieser Kirche endet – eigentlich - unsere Besichtigungstour durch die Kirchen, aber ich habe bereits am Vormittag zufällig dem Guide einer anderen Besuchergruppe zugehört wie dieser seinen Gästen erklärt hat, dass das Eintrittsticket für die Kirchen mehrere Tage lang gültig ist und die Gäste somit auch am nächsten Tag nochmals ohne erneut zu zahlen die Kirchen besuchen könnten. Da wir ein einziges Gruppenticket haben, bitte ich unsere Reiseleiterin, uns Kopien anfertigen zu lassen, damit wir morgen nachmittag nochmals auf eigene Faust zu den Kirchen gehen können. Außerdem möchten auch jetzt 6 von uns mit dem Gruppenticket die verbleibenden 45 Minuten nutzen, um nochmals in die nördliche Kirchengruppe zu gehen. Da unsere „Hüterin der Schuhe“ auch in diese Richtung nach Hause gehen will, zeigt sie uns den Weg. Zunächst gehen wir einen engen Pfad an ursprünglichen Tukuls vorbei. Hier wurden die Bewohner nicht vertrieben. Dann erreichen wir die Verbindungsstraße zur anderen Kirchengruppe. Von hier haben wir auch einen beeindruckenden Blick auf die Landschaft, die von der Sonne in ein tolles Licht getaucht wird.
Bei der nördlichen Kirchengruppe kommen wir tatsächlich zunächst problemlos durch den Eingang, aber der Zugang zu den Kirchen ist bereits abgesperrt. Einer der Wächter würde uns sogar nochmals öffnen, ein anderer macht uns aber auf das Museum aufmerksam. Wir beschließen, das Museum an der Rückseite der Eingangsgebäude zu besichtigen. Es liegt in einem Raum unterhalb der Toiletten - und ist ebenfalls bereits abgesperrt. Ich bin ehrlich gesagt sehr skeptisch. Afrikanische „Museen“ dieser Art waren bisher eher eine herbe Enttäuschung. Aber der Wärter ist bereits los geeilt und kommt mit einem Mann zurück, der das Museum öffnet und uns durch die Ausstellung führen will.Das Museum besteht aus einem langgezogenen Raum. An den Wänden ringsum und nochmals in einer Doppelreihen in der Mitte stehen hohe Glasvitrinen voller Ausstellungsgegenstände. Alle Vitrinen sind regelrecht überfüllt. OK, ich sehe auf den ersten Blick, meine Skepsis war unbegründet. Der Inhalt der Vitrinen würde für einen eigenen Museumsbau mit mehreren Ausstellungsräumen reichen. Und tatsächlich zeigt uns unser Führer zum Schluss den Außenentwurf eines geplanten Museumsbau. Leider dürfen wir keine Fotos machen. Unser Führer erklärt uns nach und nach den Inhalt der Vitrinen. Wir sehen zunächst alte Altäre, vier Kronen der alten Könige von Lalibela und sehr viele alte Kreuze im Axum-, Lalibela- und Gondarstil. Dann folgen alte Bücher, riesige Folianten, die auf Lesepulten in den Glasvitrinen aufgeschlagen liegen. Kein Mensch könnte diese Bücher zum Lesen in der Hand halten. Die Bücher sollen 500-900 Jahre alt sein und sind in der alten Sprache Ge´es geschrieben. Ge´es ist die antike, äthio-semitische Wurzel des heutigen Tigrinya, der Sprache der Tigray-Region, in der auch unser nächstes Reiseziel Axum liegt. Ge´es ist bis heute die liturgische Sprache der Gottesdienste. Alle Priester beten, singen und lesen in Ge´es. Plötzlich liest uns unser Führer eine Seite aus dem 900 Jahre alten Buch auf Ge´es vor. Als er endet, applaudieren wir spontan. Es herrscht plötzlich eine besondere Stimmung. Aus dem schnell mal durchs Museum laufen wird eine längere, ausführliche Führung. Wir bekommen jetzt auch ein dreisprachiges Buch auf arabisch, altgriechisch und in Ge´es gezeigt ! Ich muss an die berühmte dreisprachige Stele von Ezana in Axum denken, die in archäologischen Kreisen als ähnlich bedeutend wie der Stein von Rosette angesehen wird. Und hier liegt ein ebenfalls dreisprachiges Buch einfach so in dieser Glasvitrine. In der nächsten Vitrine liegt ein aufgeschlagener, ebenfalls sehr alter Foliant. Es handelt sich um ein 500 Jahre altes Liederbuch, ebenfalls auf Ge´es. Unser Führer singt uns eines dieser alten Lieder auf Ge´es vor. Es ist einfach wunderschön. Wir sechs hier allein mit unserem Führer. Es ist, als würde die Zeit einen Moment still stehen. Wir sind jetzt im Ende des Raumes angekommen und wenden uns der Vitrinenreihe an der Stirnseite des Raumes zu. Hier sind Gemälde und Zeichnungen zu sehen. Die alle in einem erkennbar sehr alten, einfachen Stil gehalten sind und sich deutlich von den meisten neueren und kunstvolleren Bildern in den Kirchen unterscheiden, die wir bisher gesehen haben. Sie ähneln im Stil den alten Wandbildern in der Kirche Beta Mercurios. Wir kommen nun zu den Vitrinen der gegenüberliegenden Wand und bewegen uns somit langsam zurück Richtung Ausgang. Hier sind zwei sehr große Trommeln ausgestellt. Eine ist aus Silber die andere aus Gold. Bisher haben wir in den Kirchen nur Trommeln aus Holz gesehen. Weiter geht es mit alten, reich verzierten Weihrauchbehältern mit vielen Schellen zum Schwenken, einem großen Korb für das heilige Brot, etlichen alten Behältern für heiliges Öl und alten und neuen Gewändern von Priestern und Patriarchen. Daneben noch ein Zepter und Gebetsstab der Könige von Lalibela und alte Musikinstrumenten wie Washint (Flöten), Krar (sechsseitige Leier), Massinko (einseitige Fidel), Begena (mehrseitige Harfen), Rasseln, etc. Dann kommen wir zu einer Vitrine mit Holzmodellen, die als Vorlagen für die Baumeister der Kirchen von Lalibela gedient haben sollen. Laut unserem Führer wurden die Entwürfe der Kirchen zunächst aus dem Holzklotz heraus geschnitzt und dann nach diesem Modell durch die Steinmetze eins zu eins aus dem Felsgestein geschlagen. Nach knapp einer halben Stunde verlassen wir das Museum und bedanken uns mit einem großzügiges Trinkgeld bei unserem Führer. Die anderen streben schnell zum Ausgang, denn das Ende der Öffnungszeiten um 17 Uhr ist ja bereits erreicht. Ich sehe vor dem Museum ein Besucherbuch und da ich von anderen Reisen in Afrika weiß, das die Menschen sehr stolz sind, wenn wir Reisende uns darin eintragen, schlage ich es auf und schreibe auf deutsch ehrlich gemeint hinein: Ein tolles Museum, das man unbedingt besuchen sollte und ein wunderbarer Führer. Dann übersetze ich das Geschriebene unserem Führer. Er strahlt und verrät mir jetzt sein Geheimnis: Unter seinem Umhang holt er ein Priesterkreuz hervor. Er ist gar kein Museumsguide, sondern einer der Priester Lalibelas. Ich sage ihm, das ich so etwas schon vermutete, seit er uns in fließendem Ge´es aus dem Buch vorgelesen und dann auch noch einen liturgischen Gesang vorgetragen hat. Er nimmt mich bei der Hand und wir laufen Hand in Hand zum Ausgang, wo uns bereits ein Wächter (ich erfahre vom Priester das es ein Polizist in Zivil ist) erwartet. Der Priester verabschiedet vor dem Eingang nun noch jeden einzelnen von uns mit einem Händedruck und dann laufen wir beschwingt die Straße bergan zurück zu unserem Hotel.
Bis zum Abendessen ist noch etwas Zeit, dieses wunderbare, unerwartet intensive Erlebnis in Ruhe nachwirken zu lassen.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201523. Jan. 2020 ·
26.11. Bergauf Morgens wandern wir mit einem Teil unserer Gruppe samt unserem lokalen Guide auf den Mount Asheton.
Der Weg beginnt direkt neben unserem Hotel. Es ist kein Wanderweg, sondern ein Fußpfad, der ebenfalls von vielen Einheimischen genutzt wird. Ziel ist das Asheton Maryam Kloster. Der Rest unserer Gruppe, der sich die Wanderung den Berg hoch nicht zutraut, wird mit einem Bus über eine Straße folgen. Der Weg führt bergan zunächst noch an Häusern vorbei. Etliche Leute sind hier unterwegs. Ein Stück folgen wir nun einer Piste, dann biegen wir auf einen Bergpfad ein und jetzt geht es richtig steil nach oben. Schon eine kurze Zeit später bietet sich ein beeindruckender Blick auf das in der Morgensonne unter uns liegende Lalibela.
Je höher wir steigen, umso grandioser wird der Blick in die Landschaft. Ein junges Mädchen überholt uns mit einem in ihren Umhang auf den Rücken gebundenen Korb.
Immer wieder machen wir Platz für Einheimische.
Auch zwei Reiter auf Eseln kommen den schmalen Bergpfad herauf geritten.
Wir steigen über ein Grat weiter bergan.
Oberhalb der steilen Wand öffnet sich unvermutet ein grünes, fruchtbares Plateau mit vielen Gehöften vor dem dahinter aufragenden Mount Asheton. Wir laufen auf Pfaden zwischen den Feldern und Gehöften bergan.
Wir erreichen den Eingang zum Anstieg auf das Kloster gerade, als auch der Rest unserer Gruppe gefahren kommt. Da der Eintritt für das Kloster innerhalb eines Jahres fast verdoppelt wurde auf jetzt 350 Birr, haben meine Frau und ichschon am Morgen entschieden, dieses Kloster nicht zu besuchen, sondern stattdessen wieder nach Lalibela hinab zu steigen und mit unserem immer noch gültigen Ticket nochmals den Bezirk der Felsenkirchen in Ruhe zu besuchen. Wir lassen unsere Gruppe zurück und beginnen alleine den Abstieg, bei dem uns zwei sehr junge Mädchen mit großen Säcken auf dem Rücken überholen, die sichtlich sehr schwer für die beiden sind.
Ein Stück weiter müssen sie Rast machen und wir überholen sie wieder. Ein Stück weiter müssen wir erneut Platz machen: Einige Rinder kommen auf dem Pfad den Berg herunter.
Auf dem weiteren Weg bergab drehe ich mich immer mal um und sehe, wie die Mädchen sich auch auf den Weg gemacht haben. Eines spricht dem anderen dabei wohl immer wieder Mut zu.
Das Leben der Frauen und auch der Mädchen ist hier wirklich sehr schwer.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201523. Jan. 2020 ·
Zurück am Hotel stärken wir uns erst mal mit einem Fruchtsaft. Mittlerweile wurde auch unser Gruppenticket kopiert. Mit dieser machen wir uns auf den Weg zum Eingang der nördlichen Gruppe. Sicherheitshalber begleitet uns unserer lokaler Guide, falls es Schwierigkeiten gibt. Aber wir werden ohne Probleme durchgelassen. Nun können wir zu zweit in Ruhe das Areal erkunden. Wir haben nicht mehr vor, in die Kirchen zu gehen. Wir wollen eher das Ambiente in Ruhe nochmals genießen. Schon bei der ersten Kirche Beta Medane Alem hören wir den typischen Gebetsgesang.
Wir steigen aus den Kirchenhof nach oben zum Bethlehem-Turm. Hier sitzen zwei Priester.
Diese erklären uns, das in der nur durch die Beta Debre Sina und die Debre Golgotakirche erreichbare und nur für Priester zugängliche Selassie-Kapelle ein hoher Würdenträger einen Gottesdienst hält. Ob es sich wohl um jenen Würdenträger handelt, der gestern Abend ebenfalls im Restaurant unseres Hotels gespeist hat ? Unsere äthiopischen Guides jedenfalls sind bei seinem Anblick sofort aufgestanden und an seinen Tisch gegangen, um sich von ihm segnen zu lassen. Ein Verhalten, das sie bei „einfachen“ Priestern während unserer Besichtigungen nicht an den Tag gelegt haben. Die Priester jedenfalls meinen, wir können ruhig zu diesen Kirchen gehen. Das wäre völlig in Ordnung. Aber vorher sollen wir doch noch auf den Felsbogen zwischen den Kirchen Beta Medane Alem und Beta Mariam laufen. Dort hätten wir einen guten Blick auf das Kirchengelände und auch auf die sich außerhalb verteilten Gläubigen, die mittels der Übertragung per Lautsprecher am Gottesdienst teilnehmen.
Tatsächlich sehen wir auch außerhalb des Kirchenkomplexes einige Gläubige in Gruppen unter Bäumen in Andacht versunken stehen.
Uns fällt auch auf, das heute nur 2-3 kleine Gruppen Touristen in der Anlage sind. Zögerlich überlegen wir nach Verlassen des Kirchenhofes der Beta Mariam in Richtung der Kirchen zum Gottesdienst zu laufen oder das Areal zu verlassen und auf der Straße zur Kreuzkirche Beta Giyorgis zu gehen. Nach kurzer Überlegung siegt unser Respekt vor den Gläubigen und wir gehen zur Kreuzkirche. Hier sehen wir etliche Eidechsen auf den Felsen. Und irgendwie ist da plötzlich auch ein Moment, in dem die Sonne durch die Wolkendecke ein ganz besonderes Licht erzeugt. Die Fassade der Kirche ist überzogen mit Moos und wir bilden uns ein, dieses leuchtet plötzlich besonders intensiv.
Da heute sehr wenige Touristen unterwegs sind, können wir den Innenhof der Kirche ganz in Ruhe für uns genießen. Auf dem Rückweg beschließen wir, durch den Turm mit Adams Grab doch noch mal zur Kirchengruppe um die Beta Debre Sina zu schauen. An der Mauer der Kirche lehnen immer noch Gläubige im Gebet versunken.
Als wir im Graben unterhalb der Steinbrücke durchgelaufen sind, die zum Eingang der Kirchen führt, strömen plötzlich die Gläubigen aus der Kirche. Wir bleiben etwa 15 Meter entfernt stehen und beobachten das Schauspiel, wie immer neue Menschen aus der Kirche treten, ihre Schuhe anziehen und sich über die kleine Steinbrücke zum Ausgang schieben.
Wir staunen, wie viele Leute da nach und nach aus der Kirche kommen. Ganz zum Schluss kommen sogar noch einige Touristen mit ihrem einheimischen Guide, die wir zuvor bei den ersten Kirchen schon gesehen haben, aus der Kirche. Nach diesem Erlebnis laufen wir durch die Gräben und Kirchhöfe zurück zum Eingang und weiter zum Hotel.
Nach dem Abendessen hat unsere Reiseleiterin noch einige einheimische Musiker und Tänzer/innen engagiert. Kein typischer Folkloreabend, hat sie uns versichert. Wir sind gespannt. Vier Musiker sowie je zwei Tänzerinnen und Tänzer spielen für uns auf. Der Tanzstil des Eskista-Tanzes ist für uns faszinierend zu beobachten. Die Beinarbeit ist hierbei nicht so relevant. Entscheidend ist das Rollen und blitzschnelle ruckartige Schütteln mit den Schultern und dem Kopf. Hierbei entsteht eine unglaubliche Dynamik, die aber auch ein hohes Maß an Spannkraft im Oberkörper voraussetzt. Die Tänzer beherrschen dies perfekt. Das dies keine Folklore für Touris ist, merken wir schnell daran, das es weder unsere Guides noch die Bedienung an ihren Plätzen hält. Immer wieder mischen sie sich unter die Tänzer. Aber auch wir werden aufgefordert, mitzutanzen. Da meine Frau und ich vorne sitzen, werden wir immer wieder von verschiedenen Tänzer und Tänzerinnen auf die Tanzfläche geholt. Da wir nach dem Essen auch den einheimischen Honigwein Tej verkostet haben, (ab dem zweiten Schluck hat er uns geschmeckt) lassen wir uns nicht lange bitten. Unterbrochen werden die Tänze immer wieder von Liedern, die der lokal wohl sehr bekannte Chef der Musiker vorträgt. Er spielt dabei auf der traditionellen Massinko, einer einseitigen Fidel. Dann sind wieder die Tänzer dran. Diesmal mit einem Sora-Tanz. Die Tänzer stehen sich gegenüber, beugen sich vor, so dass ihre Köpfe nebeneinander sind und dann wirbeln sie im Takt der Musik wild ihre Köpfe hin und her. Uns stockt der Atem, aber ihre Köpfe knallen nicht gegeneinander. Am Nebentisch sitzt währenddessen eine italienische Reisegruppe und isst stoisch zu Abend, ohne die Musiker und Tänzer zu beachten. Auch einen demonstrativ bereits mit unseren Geldscheinen gefüllten Sammelkorb ignorieren sie. Als sie fertig gespeist haben, verlassen sie grußlos das Restaurant. Sehr zur Freude aller Äthiopier ausgerechnet, als ein Tänzer mit Schwert zum Adua-Lied einen wilden Tanz aufführt. Der Adua-Tanz hat wieder funktioniert und die Italiener in die Flucht geschlagen ! In Adua haben die Äthiopier unter Menelik II. im Jahr 1896 die italienische Armee besiegt. Der einzige Sieg einer traditionellen afrikanischen gegen eine moderne europäische Armee. Dieser Sieg sicherte die äthiopische Unabhängigkeit. Jetzt drehen die Musiker und Tänzer richtig auf. Auch bei den Kellnern und Kellnerinnen gibt es kein Halten mehr. Alles tanzt. Selbst die Köchinnen haben ihre Küche verlassen und klatschen im Rhythmus mit. Auch wir sind jetzt endgültig nicht mehr zu halten und tanzen, was das Zeug hält. Viel zu schnell geht die Zeit vorüber und irgendwann ertönt das letzte Lied. Zeit zu Bett zu gehen. Morgen früh verlassen wir mit etwas schwerem Herzen Lalibela.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201526. Jan. 2020 ·
27.11.2019 Erneut auf Abwegen Heute wollen wir Richtung Axum aufbrechen. Da dies an einem Tag aber zu weit ist, lautet unser Tagesziel Mekele, der Hauptstadt der Region Tigray. Auch das ist ein weiter Weg, daher gibt es bereits um 6 Uhr Frühstück, 7 Uhr Abfahrt. Wir fahren abseits der großen Fernstraßen auf einer Piste durch eine atemberaubende Landschaft.
Viele Bauern sind auf den Feldern, ernten und dreschen auf traditionelle Art mit dem Vieh das Getreide.
Traditionelle Tukuls drängen sich auf den Höhen der Hügel zu kleinen Dörfern zusammen.
Wo schon ein bisschen mehr Wohlstand vorhanden ist, sind die Rundhütten eckigen Hütten mit Blechdächern gewichen.
Noch vor Mittag erreichen wir das Städtchen Sekota nahe der Grenze der Regionen Amhara und Tigray. Hier in der Region war in den 80er Jahren die Hungersnot mit am stärksten. Am Stadtrand sehen wir eine große Halle. Ein Verteilzentrum für Lebensmittel.
Noch heute werden Nahrungsmittelhilfen in einige Teile Äthiopiens geliefert und einmal im Monat an die Bevölkerung verteilt. Die Waren werden über eine Hafen in Djibouti angelandet und dann per LKWs in die Verteilzentren transportiert. Am Verteiltag kommen die Menschen aus der ganzen Umgebung hierher. Wie sinnvoll diese „Hilfe“ ist, mag ich nicht beurteilen, denn in Äthiopien hat es seit vielen Jahren keine Dürre und Missernten mehr gegeben. Sollten die Hilfsorganisationen nicht besser die Menschen dabei helfen, wieder selbst ihre notwendigen Nahrungsmittel anzubauen ? 5 bis 6 Millionen Menschen sind nach offiziellen Angaben dauerhaft von Lebensmittellieferungen abhängig. Es kursiert der bittere Spruch in der Region: „Die Bauern beten für Regen in Kanada“. Auch in Äthiopien regen sich kritische Stimmen. Die Zeit hat ihr ihrer Ausgabe 17 von 2003 bereits darüber berichtet. https://www.zeit.de/2003/17/Aethiopien/seite-6 Und auch Arte hat über diesen Teufelskreislauf bereits im Jahr 2004 anhand der Situation in Sambia berichtet: https://www.youtube.com/watch?v=5_4o9dOL0Ck
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201526. Jan. 2020 ·
Hinter Sekota haben das Militär und später auch die regionale Tigray-Police verstärkt Check-Points eingerichtet. Nach einer weiteren Stunde halten wir am Pistenrand mit Blick auf die Schlucht des Tekeze und machen Mittagsrast.
Natürlich kommen auch hier schnell einige Anwohner von den Feldern herbei, um die Ferenji zu begutachten.
Nach einer Stunde fahren wir weiter. Wir liegen gut in der Zeit. Mekele ist nicht mehr fern. Die Piste ist gut befahrbar. Die Gegend wird wieder bergiger.
Am Hang der Tekeze-Schlucht sehen wir etliche Baobabs stehen.
In Serpentinen geht es abwärts, bis vor uns einige LKWs stehen.
Aus irgendeinem Grund geht es nicht mehr weiter. Kurze Zeit später sehen wir mit eigenen Augen das Problem. In einer engen Kehre hat der Fahrer eines LKWs mit einem Bagger auf dem Auflieger die Kurve falsch angefahren und die rechten Hinterreifen des Aufliegers in den Graben gesetzt. Der Bagger ist halb herabgerutscht. Das Ganze ist bereits gestern Abend passiert. Aktuell fährt in Zeitlupentempo eine Planierraupe die Serpentinen hoch. Als sie endlich da ist, wird versucht, mit ihr den Bagger wieder auf den Auflieger zu schieben.
Aber naja, beim Versuch bleibt es. Nach einiger Zeit geben die vielen Helfer auf. Da wird wohl heute nichts mehr passieren.
Am Ende der Reise erzählt unsere Reiseleiterin, was sie in der Zeit, als wir an der Unglücksstelle die Bergungsversuche beobachtet haben, versucht hat: Ein Bus aus dem nur noch 100 Kilometer entfernten Mekele sollte gechartet werden, um uns entgegenzufahren. Wir hätten das Rotel komplett geräumt und die Reise als Hotelreise fortgesetzt. Denn ihr war sofort klar: Das wird Tage dauern, bis die Piste wieder frei ist. Aber es war einfach kein Bus aufzutreiben. Dann erkundete der Fahrer die Piste und fand tatsächlich etwa 100 Meter zurück eine etwas breitere Stelle, an der er möglicherweise unseren überlangen LKW wenden könnte. Letztlich blieb nur dieses Manöver, das dann auch in fünf Zügen gelang. Wir saßen dabei mit etwas Beklemmung im Fahrzeug. Wir fahren jetzt also die Piste mehrere Stunden zurück nach Sekota. Unser äthiopischer Guide hatte herausgefunden, das in Sekota ein Hotel mit Hof existiert, in dem wir das Rotel sicher abstellen und aufbauen können. Wie es dort genau aussehen würde, wusste aber natürlich niemand. Als wir etwa eine Stunde zurück gefahren waren, plötzlich ein Knall und Splittern von Glas. Die linke vordere Scheiben des Fahrgastraums ist zertrümmert. Was ist passiert ? Zwei Jungs haben Steine geworfen. Einer der faustgroßen Steine hat das Fenster getroffen. Zum Glück hatte unsere Mitreisende auf dem Platz eine große Tasche am Fenster aufgehängt. Diese hat die Wucht des Steines abgebremst, so das sie unverletzt blieb. Ein längerer Stopp folgte, die Scherben wurden aus dem Fahrgastraumraum gekehrt und der Fahrer dichtete mit einer Plane und Panzerband die Öffnung ab. Eine Verfolgung der Jungs wäre völlig sinnlos gewesen. Welches Gesetz würde uns hier mitten im Hochland beistehen ? Betroffen fahren wir weiter. Kurz vor Sekota sehe ich einen weiteren Jugendlichen drohend einen Stein in der Hand halten. Er wirft ihn zum Glück nicht. Was ist hier los ? Nachdem wir wieder den Militär-Checkpoint passiert haben, suchen und finden wir das Hotel. Im Hof steht ein UN-Fahrzeug, also kann es hier wohl nicht so schlecht sein. Das Hotel ist zwar nur halb fertig ausgebaut, aber einige Zimmer sind bezugsbereit. Zusätzlich gibt es noch Etagenduschen und -toiletten. Reisender, was willst du mehr ? Abends sitzen wir in der Rezeptionshalle und warten auf ein improvisiertes Abendessen aus von uns besorgten Nudeln und Tomaten. Es dauert recht lang, da die Hotelküche nicht darauf ausgelegt ist, für 20 Personen Nudeln zu kochen. Als das Essen dann doch gelingt, erfreuen wir uns an einem Teller Nudeln mit 1 kleinen Löffel Tomatensoße und ein Stück Weißbrot. Dazu ein Bier. Ich schlafe in dieser Nacht sehr gut.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201526. Jan. 2020 ·
28.11.2019 Gewaltmarsch nach Axum Am Morgen stehen wir bereits um 5 Uhr auf, Frühstück um 6 Uhr, Abfahrt um 7 Uhr. Denn der Plan ist klar: Erst fahren wir eine ca. 100 Kilometer lange, völlig unbekannte Querverbindung zur A2. Dieser folgen wir dann über Mekele bis Adigrat. Von dort dann über einen hohen Gebirgspass über Adua nach Axum. Praktisch 2 Tagesetappen. 500 Kilometer. In Afrika. An einem Tag. Aber sonst müssten wir nach Harar auch noch Axum aus unserem Reiseprogramm streichen. Zunächst geht es einige Kilometer auf der uns bekannten Piste zurück. Dann biegen wir auf die Querverbindung ein. Die Piste ist gar nicht mal so schlecht. Keine Schlaglöcher, aber es geht stundenlang Serpentinen hoch, oben auf den Grat sieht man ins nächste schmale Tal, es geht sofort wieder Serpentinen runter und unten angekommen sofort wieder Serpentinen hoch. Am Grat angekommen, sieht man ins nächste Tal usw.
Wir fahren dabei durch eine Wahnsinns Landschaft. Irre schön. Mir wird keine Minute langweilig.
In den Tälern immer wieder Gehöfte und Bauern bei der Arbeit. Hier sind wir wirklich weit ab von jeglichen Tourismus.
Wir merken dies sofort bei der ersten Buschpause. Lediglich ein Mädchen kommt scheu in unsere Nähe.
Ansonsten ist da niemand weit und breit. Niemals sonst hatten wir soviel ungestörte Zeit für unsere Buschpause. Und weiter geht es durch diese atemberaubende Landschaft.
Endlich, es ist schon nach 11 Uhr haben wir diese ersten 100 Kilometer (!) geschafft. Bei Korem erreichen wir die A2. Ab jetzt geht es zügiger.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201526. Jan. 2020 ·
Mittags halten wir wieder am Straßenrand und machen eine Stunde Picknick. Immer wieder laufen Einheimische zu Fuß an der Straße entlang an uns vorbei.
Wir sind schon ein echt befremdlicher Anblick mit unseren Klappsitzen am Straßenrand auf unserer Abwegen durch Äthiopien ! Aber die Menschen reagieren alle sehr freundlich auf uns. Ganz anders wird das dann einige Zeit später an einem Checkpoint der Tigray-Police. Diese regionalen Polizeikräfte haben eigentlich keinerlei Befugnis, Touristenfahrzeuge zu kontrollieren. Dies dürfen nur Bundespolizei und Militär. Aber die Tigray sind nach dem Machtverlust nach dem Sturz ihres Präsidenten und der jetzt eingeläuteten Verfolgung und Vertreibung korrupter Tigray durch die amtierende Regierung einfach ganz wild darauf zu zeigen, wer hier das Sagen hat. Eine längere, heftige Diskussion folgt. Es hilft nichts. Die Polizisten verlangen, das wir aussteigen. Ausweiskontrolle, Leibesvisitation und am Ende wohl noch Busdurchsuchung drohen. Da platzt unserem äthiopischen Guide der Geduldsfaden. Wütend schreit er die Polizisten an, wenn ihr uns kontrolliert, will ich auch eure ID-Cards sehen, damit ich euch an das Tourismus-Ministerium in Addis Abeba melden kann. Da ist es plötzlich vorbei mit dem forschen Auftreten der Polizisten. Nach einem kurzen Moment macht einer eine unwirsche Geste, das wir einsteigen und weiterfahren sollen. Um 15 Uhr erreichen wir endlich Mekele. Ab hier wären wir, wenn gestern alles planmäßig gelaufen wäre, heute morgen um 8 Uhr zu einem Fahrtag nach Axum aufgebrochen. Jetzt haben wir diesen kompletten Fahrtag noch vor uns. Zunächst werden wir in Mekele aber plötzlich von einem Zivilisten auf einem Motorrad gestoppt. Er ruft einen Tigray-Polizisten hinzu: Wir hätten eine Check-Point durchfahren, ohne zu stoppen. Ein erneuter Disput beginnt. Unser Fahrer stellt sich dem Polizisten in den Weg, als dieser unbedingt in den Fahrgastraum möchte. „No way“ ruft er, ihr habt nicht das Recht Touristen zu kontrollieren. Mehrere weitere Passanten sammeln sich langsam. Die Situation wird immer hitziger. Zum Glück kommt auch ein Bundespolizist in Uniform vorbei. Er hat die einfache Lösung: „Wenn Sie keinen Check-Point gesehen haben, können Sie ihn ja auch nicht missachtet haben.“ Das klingt für alle Beteiligten logisch. Plötzlich dreht die Stimmung. Alle lachen, schütteln sich die Hände und wir können weiterfahren. Für uns ist das erst mal nicht verständlich. Denn nach unserem deutschen Rechtsempfinden ist ein Vergehen ein Vergehen. Und muss bestraft werden. Aber mit Blick auf die uns erzählten Anekdoten (Foto und Kreisverkehr) des äthiopischen Sinns der Bestrafung, nämlich hier auch immer eine Belehrung erfolgen sollte, macht es dann doch Sinn: Wenn wir den Check-Point nicht gesehen haben, müssen wir ja nicht belehrt, sprich nicht bestraft werden, da wir ja nicht bewusst gegen etwas verstoßen haben. Eine Strafe ist also unnötig. Logisch. Wieder einmal komme ich ins Grübeln: Ist unsere deutsche Sicht der Dinge wirklich immer die beste oder einzig Wahre ? Hinter Mekele müssen wir sofort wieder Höhe machen. Die Serpentinen schrauben sich in engen Kurven nach oben. Danach kommen wir in ein immer trockeneres Gebiet. Als wir Adigrat erreichen, setzt schon die Dämmerung ein. Und jetzt müssen wir in völliger Dunkelheit, da es fast Neumond ist, die engen und steilen Serpentien hoch fahren zur Passhöhe der zwischen uns und Axum liegenden Berge. Zum Glück haben wir ab der Passhöhe einen einheimischen LKW vor uns, der ein ähnliches Tempo wie wir fährt. Bei der extrem steilen Abfahrt können wir uns hinter ihn hängen, um so vom Wissen des einheimischen Fahrers zu profitieren. Die Verständigung der LKW-Fahrer ist international. Der einheimische Fahrer erkennt schnell, das wir ihn als Lotsen brauchen. Vor jeder engen Kurve blinkt er um uns diese anzuzeigen. So folgen wir ihm bald eine Stunde durch die stockdunkle afrikanische Nacht und können die Abfahrt von der Passhöhe sicher bewältigen. Als es flacher wird, fährt es langsamer werdend rechts zu Seite, um uns passieren zu lassen. Mit Lichtzeichen bedankt sich unser Fahrer bei unserem unbekannten Helfer. Die Fahrt zieht sich hin, bis endlich die Lichter von Adua auftauchen und dann dauert es gefüllt nochmals ewig, bis endlich die Lichter von Axum in Sicht kommen. Gegen 21:30 Uhr erreichen wir unser Hotel. Dort wurde extra für uns das Buffet nochmals befüllt. Es schmeckt uns allen ganz besonders gut. Unser Fahrer hat an diesem Tag mit uns 504 Kilometer zurückgelegt und ist dabei 9.144 Höhenmeter hoch (und auch wieder runter) gefahren. Eine irre Fahrt. Müde, aber auch etwas aufgedreht fallen wir in die Koje.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201526. Jan. 2020 ·
EXKURS 1: Liegt Äthiopien in Afrika ? Aus unserer europäischen Sicht des durch den Geschichtsunterricht geprägten Bildes der klassischen Antike des (europäischen) Mittelmeerraumes betrachtet liegt Äthiopien zunächst mal ganz klar in Afrika. Aber stimmt das ? Meine Sichtweise bzw. Blickwinkel wurde durch unsere Reise nach Äthiopien stark verändert bzw. erweitert. Wobei hier nur der von uns bereiste nördliche Teil Äthiopiens gemeint ist, wenn ich Äthiopien schreibe. Die völlig andere Geschichte und Kultur des östlichen Teils des heutigen, muslimischen Äthiopiens um die Stadt Harar musste ja leider außen vor bleiben bei unserer Reise. Von diesem neuen Blickwinkel aus betrachtet ergibt sich ein viel umfänglicheres Bild der antiken Welt: Beispielsweise bemühen sich viele Historiker seit langem, das sagenhafte Land Punt zu lokalisieren. Erwähnt wird dieses Land in den antiken Quellen häufiger. So auch auf den Reliefs des Totentempels der Pharaonin Hatschepsut, die um 1470 v. Chr. eine große Handelsexpedition ins Land Punt entsandte. Weitere ägyptische Inschriften verorten das Land Punt mal im Süden (also dem heutigen Nordäthiopien,Eritrea), dann wieder im Osten (also Oman und Jemen, dem Reich der Sabäer ). Einig ist man sich in einem: Aus dem Land Punt kommen Weihrauch und Myrrhe. Beides hochbegehrte Handelsgüter in der antiken Mittelmeerregion. Neuere Entdeckungen der Archäologen haben nun in der Nähe von Aden im Jemen Siedlungsreste aus dem 14.-13. Jahrhundert v. Chr. zutage gefördert. Das besondere dabei: Es waren Rundhütten, wie sie zu der Zeit nicht im Jemen, dafür aber in Äthiopien und Eritrea üblich waren. Dazu Keramikscherben, deren Stil und Machart eindeutig auf Äthiopien und Eritrea als Herkunftsland wiesen. Paläobotaniker konnten schließlich sogar den endgültigen Beweis liefern: Sie fanden Pflanzenreste von der afrikanischen Seite des Roten Meeres in einem der Gefäße. Auf der anderen Seite des roten Meeres in Eritrea und Nordäthiopien das gleiche Bild. Hier fanden die Archäologen ab etwa 1.000 v. Chr. Siedlungsspuren der Sabäer. Diese Siedlungen mit ihren typischen, rechteckigen Steinbauten mit sabäischen Inschriften tauchen hier parallel zu den Siedlungen der Afrikaner mit ihren Rundhütten auf. Das besondere: Anders als im Jemen sind die Siedlungen der Sabäer hier in Afrika nicht befestigt. Dies deutet auf eine friedliche Koexistenz hin. Der Grund für die Siedlungen der Sabäer in Nordäthiopien sehen die Historiker in der ab 1.000 v. Chr. belegten stark steigenden Nachfrage nach Weihrauch. Die arabischen Regionen Jemen und Oman konnten die Nachfrage allein nicht decken. Ab 1.000 v. Chr. pflanzten die Sabäer daher auch in Äthiopien und Eritrea in geeigneten Gebieten ganze Gärten von Weihrauchbäumen an. Neuere Forschungen am Relief im Totentempel der Hatschepsut von 1470 v. Chr. legen nun nahe, das die darauf abgebildeten Bewohner des Landes Punt teils schwarzer, teils hellbrauner Hautfarbe waren. Die alten ägyptischen, römischen und griechischen Quellen sowie diese archäologischen Befunde zusammen lassen bei vielen Historikern mittlerweile die Vermutung reifen, beim legendären Land Punt handelt es sich im eine größere Region auf beiden Seiten des Roten Meeres. Also Nordäthiopien, Eritrea, Jemen und Oman. Wir haben es hier also mit einer gemeinsamen Region zu tun, die schon über viele Jahrtausende hindurch von gegenseitigem Austausch geprägt war. Was wäre daher also natürlicher, als das Sabäer mit Weihrauchbaumpflanzen in dieser gemeinsamen Region über das Rote Meer ziehen, um dort ihren Lebensunterhalt mit dem so stark nachgefragten Weihrauch zu verdienen ? Und umgekehrt Menschen aus dem afrikanischen Teils Punts über das Rote Meer ziehen, um dort durch Handel oder Viehzucht ihren Lebensunterhalt zu bestreiten ? Von diesem Standpunkt aus gesehen, liegt Äthiopien plötzlich gar nicht mehr so eindeutig in Afrika.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201526. Jan. 2020 ·
Exkurs 2: Axum, ein afrikanisches Reich der Antike ? Ab 150 v. Chr. entwickelt sich im Norden Ähiopiens, der heutigen Region Tigray das Reich Axum. Hier werden in der Architektur neben den bisherigen sabäisch-jemenitschen Einflüssen neu auch hellenistische, ägyptische und römische Einflüsse sichtbar. Axum entwickelt sich zu einem großen Reich, das einen festen Platz im Gefüge des spätantiken Mittelmeerraums hatte. Über die Handelshäfen an der Küste des roten Meeres unterhielt das Reich einen regen Handelsaustausch mit den Ländern des Mittelmeeres, aber auch zu den Ländern des Indischen Ozeans bis Indien, wie griechische Quellen des 1. Jahrhunderts n. Chr. belegen. Ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. wurden nach griechischem Vorbild Münzen eingeführt, ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. wurde das Christentum Staatsreligion. Axumitische Gesandte weilten am Hof der römischen Kaiser und später des Papstes, aber auch in Jerusalem. Sprachlich entwickelte sich Ge´es, die axumitische Sprache aus einer Mischung der Sprache der Sabäer und der Sprache der abessinischen Bergvölker der Region. Daneben war im Reich aber auch das Griechische die internationale Handelssprache, die auch am axumitischen Hof zeitweise als Herrschaftssprache diente. Unser europäischer Blick auf die Antike fiel bisher immer nur auf den Mittelmeerraum und hört in Ägypten auf. Die Archäologen und Historiker erweitern diesen Blick aber in den letzten Jahrzehnten: Das Reich Axum gehörte mit zu den antiken Hochkulturen und war während seiner Hochphase ab 300-600 n. Chr. auch mit dem Mittelmeerraum eng verbunden. Die äthiopischen Herrscher beziehen sich alle auf König Salomon und die Königin von Saba, die sogenannte salomonische Linie. Der Legende nach reiste die Königin von Saba nach Jerusalem und wurde von König Salomon schwanger. Der Spross wurde als Menelek I. der Stammvater des äthiopischen Herrscherhauses. Auch in dieser Legende spiegeln sich also die Verbindungen zu Arabien und dem Mittelmeerraum wieder.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201502. Feb. 2020 ·
29.11.2019 Axum Mit all diesen Informationen, die wir von unserer Reiseleiterin während unserer langen Fahrten Richtung Axum erhalten haben, sind wir nun also endlich in Axum. Wir starten am Morgen mit einem einheimischen Bus samt lokalen Führer zu unserer Besichtigung von Axum. Zunächst müssen wir aber erst mal (wieder) einen Umweg machen. Klar, das zieht sich wie ein roter Faden durch die Reise 😎 Die Innenstadt von Axum ist wegen der Marienfeiertage Hidar Zion gesperrt. Schließlich erreichen wir doch das nördliche Stelenfeld vom Axum. Das Stelenfeld wird dominiert von den drei großen Stockwerkstelen.
Die Oberflächen sind mit Reliefs versehen, die an die turmartigen Bauten im Jemen erinnern.
Zu sehen sind neben Scheintüren etliche Stockwerke mit Scheinfenstern.
Die größte Stele (Stele 1) liegt umgestürzt und zerbrochen am Boden.
Wahrscheinlich stürzte sie bereits beim Aufstellen um. Vermutlich entstand sie als letzte im 4. Jahrhundert n. Chr. zur Zeit von König Ezana, als das Christentum bereits Einzug gehalten hat. Es könnte sogar sein, dass der Einsturz der Stele beim Aufstellen als Machtbeweis des neuen christlichen Gottes gegenüber diese aus heidnischer Zeit stammenden Tradition des Stelenbaus angesehen wurde. Und die zerborstene Stele daher als Mahnmal liegen gelassen wurde. Danach kann jedenfalls in Axum kein Stelenbau mehr nachgewiesen werden. Wir beobachten auch einige christliche Äthiopier, welche in Andacht versunken die am Boden liegende Stele berührten.
Eine umgestürzte und dabei in sechs Stücke zerbrochene Stele (Stele 2) wurde während der italienischen Besatzungszeit (1936-1941) als Beutegut nach Italien geschafft und erst vor wenigen Jahren zurück gegeben.
Leider wurde sie einige Meter von ihrem ursprünglichen Standort ohne ausreichendes Fundament neu aufgestellt, so dass sie nun mit einer Konstruktion aus Masten und Seilen gestützt werden muss, um nicht erneut umzufallen. Interessanterweise haben Archäologen nachgewiesen, das diese Stele irgendwann absichtlich untergraben wurde, um sie zu Fall zu bringen. Möglicherweise im 10. Jahrhundert bei der Zerstörung der Stadt Axum ?
Einzig Stele 3 steht seit ihrer Aufrichtung unverändert an ihrem Platz.
Betrachtet man die Stelen genauer, stellt man fest, das sich oberhalb der Scheintür ein Stockwerk mit quadratischen Fenstern befindet, darüber dann längliche Fenster.
Diese quadratische Fensterreihe stellt wohl die Oberlichter einer Eingangshalle dar, die länglichen Fenster darüber dann Zimmerfenster. Man geht daher davon aus, das die Stelen reale Paläste der axumitischen Herrscher abbilden. Zumal hier die real existierende turmartige altäthiopische Holzbauweise mit ihren das Mauerwerk durchbrechenden Querbalkenenden (sog. Affenköpfe) in Stein gemeißelt dargestellt wird. Am oberen Abschluss der Stelen befinden sich Löcher. Hier waren wohl Metallplatten aus Gold, Silber oder Bronze befestigt. Vermutlich mit Inschriften und heidnischen Symbolen, die den vorchristlichen, auch in Südarabien verehrten Gestirngottheiten (Sonne, Mond, Venus) huldigten.
Daneben gibt es auch noch etliche kleinere Stelen ohne Reliefs.
Mehrere mit Reliefs verzierten Stelen liegen am Boden in der näheren Umgebung des Areals. Insgesamt gibt es allein in Axum und Umgebung fünf Stelenfelder mit meist schmucklosen Stelen. Alle diese Stelenfelder waren Nekropolen. Die Stelen des nördlichen Stelenfeldes hier in Axum waren Teil der Begräbnisstätte der axumitischen Elite. Die als Bauten stilisierten Stelen waren als Heimstatt der Verstorbenen im Jenseits gedacht. So gibt es neben der umgestürzten Riesenstele eine unterirdische Kammer, das sogenannte Mausoleum.
Es wird ebenfalls in die Zeit von König Ezana im 4. Jahrhundert n. Chr. datiert. Weitere Grabkammern und Katakomben, deren Zugangstreppen bis zu 10 Meter unter die Erdoberfläche führen, wurden bei anderen Stelen gefunden. Die Stelen stammen aus den 5 Kilometer westlich von Axum liegenden Gobreda-Steinbrüchen, zu denen wir am Nachmittag auch noch kommen werden.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201502. Feb. 2020 ·
Etwas abseits der Stelen liegt das sogenannte Scheintürgrab.
Am Rand sehen wir Vertiefungen für Eisenklammern, mit denen die Steine zusammengehalten wurden und tatsächlich ist hier noch eine dieser alten Klammern erhalten.
Über eine Treppe gelangt man hinunter in einen Vorraum, vom dem aus wir in die Grabkammer mit einem liegenden Steinblock blicken können.
Unser örtlicher Guide steigt in die Kammer und klopft mit einem Stein auf den Block. Es erklingt ein Ton ähnlich den Klangsteinen in Namibia. Das Grab wird auf das 4. bis 5. Jahrhundert n. Chr. datiert. Auf dem Gelände gibt es auch ein archäologisches Museum, in dem leider nicht fotografiert werden darf. Hier sind etliche der bei den Ausgrabungen entdeckten Keramiken, Figuren, Steinblöcke mit Reliefs und auch einige gefundene Münzen aus verschiedenen axumitischen Perioden zu sehen. Zu guter Letzt beobachten wir noch einige Minuten die sich im Gelände tummelnden Borstenhörnchen.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201502. Feb. 2020 ·
Dann laufen wir zum nahen Kirchenkomplex St. Maria von Zion.
Schon im umzäunten Gelände des modernen Kirchengebäude sehen wir viele Gläubige, die hier teils unter Bäumen ihr Nachtlager eingerichtet haben. Wir laufen um die Kirche, ziehen unsere Schuhe aus und betreten den sehr geräumigen Innenraum.
Es ist der ersten der beiden Marienfeiertage. Daher ist der Andrang der Pilger noch gering und wir schaffen es ohne Probleme ins Innere zu kommen. Am Marienfeiertag liegt es wohl, das überwiegend Frauen in der Kirche sind.
Der Raum selbst ist mit vielen farbenfrohen Bildern ausgeschmückt.
Ein altes Bild befindet sich auch in der Kirche. Es zeigt die Entführung der Bundeslade durch Menelik, der Sohn von König Salomon und der Königin von Saba, dem Gründer der salomonischen Herrscherlinie.
Im 1. Buch der Könige wird im Alten Testament der Besuch der Königin von Saba bei König Salomon geschildert. Laut der äthiopischen Überlieferung handelte es sich bei der Königin von Saba um eine abessinische Prinzessin. Und aus einer Liebesnacht mit König Salomon gebar sie auf der Rückreise nach Äthiopien einen Sohn. Laut der Legende wuchs der junge Menelik in Äthiopien auf, wollte aber als junger Mann seinen Vater Salomon in Jerusalem kennenlernen. Dieser war natürlich hocherfreut und erklärte ihn zu seinem Thronerben. Nach einiger Zeit wollte Menelik aber doch zurück nach Äthiopien. König Salomon soll daraufhin seinen Hofstaat verpflichtet haben, das sein Erstgeborener von deren Erstgeborenen begleitet wird. Diese jungen Adligen der zwölf Stämme wollten aber ihre Heimat nicht ohne die heilige Bundeslade mit den Gesetzestafeln verlassen. Bei ihrem Aufbruch nahmen sie diese daher heimlich mit. Als das Verschwinden bemerkt wurde, schickte man ihnen Verfolger hinterher. Aber Gott verbarg sie vor ihren Verfolgern. Was sie als Zeichen dafür nahmen, das es Gottes Wille sei, die Bundeslade nach Äthiopien zu bringen. Menelik soll von der Entführung der Bundeslade erst bei der Ankunft in Äthiopien erfahren haben.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201502. Feb. 2020 ·
Neben der Kirche gibt es ein Museum. Hier müssen wir unsere Fotoapparate, Rucksäcke, Handys etc. in Schrankfächer einschließen. Erst dann dürfen wir das Museum betreten. Es ist ähnlich dem Museum in Lalibela ein langgezogener Raum mit Vitrinen an den langen Wandseiten und in einer Doppelreihe in der Mitte. Da scheint es einen Masterplan zu geben, wie die äthiopische Kirche sich Museen vorstellt. Der Raum ist etwas größer. Zu sehen sind deutlich mehr Ausstellungsstücke. So zum Beispiel sehr viele Kronen der Herrscher ab dem 17. Jahrhundert. Reich verziert. Und daneben noch zwei „sehr alte“ Kronen, die in ihrer Schlichtheit auffällig den vier Kronen in Lalibela ähneln. Hinten im Raum befindet sich das Bett von Kaiser Haile Selassie. Dazu wie in Lalibela diverse Kreuze, Hostienbehälter, alte Gewänder und Musikinstrumente. Aber trotz der Vielzahl der Ausstellungsstücke bleibt bei mir doch der Eindruck, hier viele „neuere“ Gegenstände ab dem 17. Jahrhundert zu sehen. Jetzt wird mir erst richtig klar, dass wir im Museum in Lalibela tatsächlich sehr alte Stücke gesehen haben. Die Zeitangaben unseres Führers dort, die ich ehrlich gesagt etwas angezweifelt habe, erscheinen mir nun im Vergleich durchaus realistischer. Vor allem fehlen hier im Museum in Axum die uralten, auf Pergamentpapier geschriebenen großen Folianten, welche wir in Lalibela im Museum bewundern konnten. Das Museum in Axum hat mich nicht so beeindruckt. Der Besuch war aber dennoch wichtig. Hat er mir doch noch mehr verdeutlicht, wie besonders unser Museumsbesuch in Lalibela war. Nach dem Museum heißt es für die Frauen mal wieder zurückbleiben. Mit einem neuen Guide gehen wir Männer zur alten Kathedrale St. Maria von Zion, vorbei an dem Bau, in dem die Bundeslade aufbewahrt wird. Jedenfalls sind sich da alle Äthiopier sicher. Wir dürfen bis zu einer Markierung etwa 10 Meter vor dem Gebäude heran treten. Er hat schon was, dieser legendenumwobener Bau.
Natürlich mache ich mir Gedanken, was an der Geschichte mit der Bundeslade dran sein könnte. Steckt in solch überlieferten Legende nicht oft ein wahrer Kern ? Erst vor kurzem lief hierzu auf Arte ein interessanter Bericht. Ein Historiker führte dort aus, das es wohl mehrere Bundesladen gab. Die Bundeslade sollte nach seinen Worten als Symbol für den Pakt Gottes mit dem jüdischen Volk gesehen werden. Möglicherweise war es daher so, das jeder der 12 Stämme eine Truhe besaß, welche die Bundeslade als Symbol dieses Paktes darstellte. Die Stämme führten demnach dieses machtvolle Symbol auch mit, wenn sie zu Kriegszügen aufbrachen. Wurde die Bundeslade dabei zerstört oder verfiel das Holz im Lauf der Zeit, wurde eben eine neue Truhe/Bundeslade als Symbol für den Pakt mit Gott gebaut. So gesehen könnte es durchaus sein, das frühe jüdische Auswanderer in den ersten Jahrhunderten tatsächlich solch eine Truhe mit sich führten und sich somit eine Bundeslade in Äthiopien befindet. Die aber dann bestimmt auch in späteren Jahrhunderten erneuert wurde. Denn Holz ist nun mal vergänglich. Wir werden es wohl nie erfahren, denn die äthiopische Kirche verweigert konsequent jegliche Untersuchungen durch Wissenschaftler, nicht nur hier in Axum. Auf dem Platz vor der alten Zionskatherdrale wurden wohl schon die axumitischen Herrscher, später bis in die Neuzeit jedenfalls die äthiopischen Kaiser gekrönt.
Durch ein "Torhaus" kommt man zu einer Art Prozessionsweg. Gesäumt von etlichen sockelartige Thronunterbauten, die wohl von verschiedenen axumitischen Herrschern errichtet wurden, um an bedeutende Siege zu erinnern. Leider sind wohl wirklich nur noch die Fundamentsteine dieser „Throne“ erhalten. Weshalb uns unser neuer Guide aus nicht dorthin geführt hat. 🙁 Außerdem wurde auf einer Mauer direkt bei der alten Kathedrale das Fragment einer weiteren Stele abgelegt. Es liegt so unscheinbar auf der Mauer neben einem ebenfalls hier „gelagerten“ alten axumitsichen Wasserspeier auf einem in die Mauer eingearbeiteten Stein mit alter Inschrift, das ich es vor Ort leider komplett übersehen habe.
Und unser kurzzeitiger neuer äthiopischer Guide fand dies natürlich auch nicht erwähnenswert. 😈 Sein Auftrag war ja, uns Männer in die alte Kathedrale zu führen. Ich habe es zufällig auf einem der Bilder, die ich von diesem Platz machte, entdeckt und entsprechend recherchieren können: Das Fragment stammt von der als Stele 4 bezeichneten vor der heutigen Rundkirche Enda Yesus liegende Stele mit sechs Reliefstockwerken. Es handelt sich um oberste Stockwerksfenster mit zwei Lanzen darüber. Man kann auch noch ein kleines Stück des darüber beginnenden Kopfendes der Stele erkennen. Die dargestellten Lanzenspitzen sind einzigartig und ihre Bedeutung unklar. Keine andere Stele weist solche Reliefs auf.
Jetzt heißt es wieder Schuhe ausziehen. Diesmal sollen wir sie laut unserem Guide mit in die Kirche nehmen und Innen an der Wand abstellen. Draußen seien schon mehrfach Schuhe verschwunden. Im Inneren der Kathedrale zeigt uns unser Führer ein altes Buch, das in etliche Tücher eingewickelt ist.
Nach und nach packt er es aus und zeigt uns einige Seiten. Es ist sichtbar abgegriffen von den vielen Gottesdiensten im Lauf der Zeit.
Wir sehen noch einige Reste des alten Mauerwerks eines der Vorgängerbauten. Sie stellen die Form des Gebetsstabes sowie ein Kreuz mit Früchten darunter dar.
Im Hauptraum sind einige Gläubige und Priester im Gebet.
Das große Gemälde oben am Eingang zum Allerheiligsten stellt oben die heilige Dreifaltigkeit (Selassie) dar.
In der Mitte sind die 12 Apostel mit Engeln abgebildet. Und unten links König Salomon und die Königin von Saba, unten mittig die Versuchung im Garten Eden und unten rechts die Vertreibung aus dem Paradies. Ein weiteres Gemälde stellt unter der Gottesmutter mit Jesuskind den Kaiser Fasilidas und darunter die „neun Heiligen“ dar.
Unter Kaiser Fasilidas wurde um 1650 n. Chr. die etwa 100 Jahre zuvor zum wiederholten Male von Feinden zerstörte Kathedrale im bis heute erhaltenen frühen Gondar-Stil neu aufgebaut. Über Kaiser Fasilidas werden wir bei unserer nächsten Station in Gondar mehr hören. Neben weiteren Bildern sehen wir hier zwei unterschiedliche Darstellungen der Maria: Einmal als die uns vertraute Version als Europäerin, einmal als Afrikanerin.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201502. Feb. 2020 ·
Nachdem wir vor dem modernen Kirchenbau die Frauen wieder getroffen haben, laufen wir zum sogenannten Bad der Königin von Saba, dem Wasserbecken May Shum.
Das Wasserreservoir wird ausschließlich durch die zwei Regenzeiten des Jahres mit Wasser gefüllt und diente wahrscheinlich auch in der Antike schon als Zisterne. Heute findet hier auch die Wasserweihe (Timkat-Fest) statt. Nun ja, und außerdem dient es den Menschen immer noch als Wasserquelle, wie wir bei unserem Besuch beobachten konnten. Mit dem Bus fahren wir ein Stück weiter bis zu einer kleinen Hütte. Im Innern in einer Glasvitrine der dreisprachige Stein des Ezana.
König Ezana ließ diese Stelen als Grenzsteine aufstellen, auf denen in sabäisch, Alt-Griechisch und Ge´es von seinem siegreichen Feldzug im heutigen Sudan berichtet wird.
Unter König Ezana wurde Axum christlich und es begann eine mehr als 200jährige Blütezeit. Unser letztes Zeil am Vormittag ist eine Doppelgrabanlage etwa zwei Kilometer nördlich von Axum. Es handelt sich vermutlich um die Gräber von König Kaleb (um 500-540 n.Chr.) und seinem danach regierenden Sohn Gebre Masqal. Ursprünglich bestand der Komplex aus zwei großen, länglichen zweistöckigen Gebäuden, die sich gegenüber standen. Im Innern der Gebäude, die wohl als Gedenkstätten errichtet wurden, gelangte man über Treppen hinunter in die jeweilige Grabkammer.
Heute ist von den Gebäuden außer ein paar Mauerresten nichts mehr erhalten. Wir gehen zuerst in die Grabkammer von Gebre Masqual. Die eigentliche Grabkammer wird flankiert von zwei leeren Kammern. In der Grabkammer stehen noch drei offene Steinsärge. Mehr ist leider über die Jahrhunderte nicht zurück geblieben. In der Grabkammer seines Vaters Kaleb ist sogar die Grabkammer leer. Dafür erkennt man hier deutlich, wie exakt die großen Steinblöcke bearbeitet wurden, um passgenau aufeinander gesetzt zu werden.
Mich erinnert diese sehr exakte Bearbeitung etwas an die Bauten der Inka, die knapp 1000 Jähre später in Peru entstanden und von aller Welt (zurecht) bewundert und bestaunt werden. Jetzt kehren wir aber erst mal zur Mittagsrast zurück zum Hotel.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201502. Feb. 2020 ·
Am Nachmittag fahren wir Richtung Westen aus Axum heraus. Unser Ziel ist zunächst der als „Palast der Königin von Saba“ bezeichnete Palast von Dungur. Viel ist über diesen Palast leider nicht bekannt. Die Mauerreste, die wir sehen, wurden vor einigen Jahrzehnten entsprechend der im Boden liegenden originalen Grundmauern „restauriert“.
Entsprechen aber in ihrer Bauweise leider keinesfalls der Originalbauweise. Die wenigen sichtbaren Reste des originalen Mauerwerken zeigen, das hier ursprünglich mit wesentlich größeren, aufwendig zurecht gearbeiteten Steinquadern gebaut wurde.
Sicher ist nur, das es sich um einen Palast der adligen Elite Axums gehandelt hat. Daneben haben Archäologen die Überreste eines Handwerkerviertels mit Brennöfen und Schlacken aus der Kupfergewinnung entdeckt. Ob es ein Königspalast war, darf bezweifelt werden, da in Axum selbst die Fundamente eines größeren Palastareals nachgewiesen werden konnte. Teils leider durch moderne Bauten überlagert. Auch gibt es keinerlei historische Belege für die tatsächliche Existenz der „Königin von Saba“.
Ein Stück weiter liegt der Gobreda-Hügel, an dem sich mehrere Steinbrüche befanden. Wir steigen den Hügel ein Stück hinauf durch eine wunderbare Pflanzenwelt.
Vorbei an etlichen blühenden Pflanzen erreichen wir das Felsrelief des „Löwen von Gobreda“.
Ob das Relief zeitgleich mit der Steinbruchnutzung entstanden ist, lässt sich nicht sagen. Anhand eines neben der Löwin befindlichen Kreuzes wird es aber vorsichtig auf das 4.-5. Jahrhundert n.Chr. datiert. Ein Stück oberhalb des Löwenreliefs kann man noch einige der Bohrlöcher im Gestein erkennen, in die dann die Holzkeile getrieben und befeuchtet wurden. Das ausdehnende Holz entwickelte die notwendige „Strengkraft“, um die Felsblöcke aus dem Gestein zu lösen.
Die Rohlinge wurden vermutlich über Rampen zu ihrem Aufstellungsort gebracht und erst dort von Steinmetzen und Bildhauern fertig bearbeitet. Auf der Fahrt zurück nach Axum passieren wir einen Check-Point der Tigray-Police, an dem etliche Kleinbusse Schlange stehen. Aufgrund des wichtigen Marien-Feiertages sind die Kontrollen besonders sorgfältig und dauern entsprechend. Daher lassen etliche Kleinbusse ihre Gäste hier aussteigen, wenden und fahren zurück aufs Land, um weitere Touren zu machen. Hinter der zeitraubenden Kontrolle stehen TukTuks und andere Kleinbusse bereit, um die „verlassenen“ Fahrgäste aufzunehmen und weiter in die Stadt zu befördern. Unser lokaler Fahrer manövriert seinem Kleinbus mit uns an Bord durch das Gewirr und wird von der Tigray-Police ohne Kontrolle durchgewunken. Man kennt sich eben. Zurück im Hotel sehen wir, das die Vorbereitungen für die zusätzlichen Übernachtungsgäste aufgrund des Marienfeiertages im Untergeschoss weiter fortgeschritten sind. Im rechten Teil des Untergeschosses wurden kleine Zelte aufgebaut. Daneben jeweils ein Stuhl mit Handtuch, Toilettenpapier und Seife für die Pilger. Die andere Hälfte des Untergeschosses wurde als Matratzenlager hergerichtet. Für uns ungewohnt: Die Matratzen liegen auf Tischen.
Vor dem Abendessen möchte ich noch unsere Wasservorräte aufstocken für die nächsten Tage. In einem kleinen Laden ein Stück vom Hotel entfernt werde ich fündig. Aber hier fasziniert mich vor allem die Verkäuferin, welche unter einem Kopftuch dennoch deutlich sichtbar eine beeindruckende Frisur trägt. Wir haben die traditionelle Shiruba-Frisur vor allem der älteren Tigray-Frauen in den letzten Tagen während unserer Fahrten durch die Region Tigray schon öfters gesehen. Und auch die deutlich prachtvolleren Shiruba-Frisuren der jüngeren Frauen. Hier stehe ich aber direkt vor einer Trägerin dieser sehr schönen Haartracht. Da sie aber leider kein englisch spricht, kommt keine Verständigung zustande. Mit dem Wasser zurück am Hotel erzähle ich meiner Frau davon und wir beschließen, nochmals dorthin zu laufen, damit auch sie die Frisur bewundern kann. Mittlerweile ist im Laden auch der Ladeninhaber und Ehemann der Frau sowie der kleine Sohn anwesend. Da der Mann englisch spricht, können wir jetzt endlich auch näheres zu der Frisur erfahren. Mich interessiert zunächst, wie lange es denn am Morgen dauert, bis die Frisur hergerichtet ist. Das gehe recht schnell, übersetzt der Ehemann. Keine 30 Minuten. Die Frau nimmt sogar das Kopftuch für uns ab, so das wir die Frisur noch besser bewundern können. Und dann verrät sie uns ein Geheimnis: Es handelt sich um die moderne Form der Shiruba. Das sich so extrem prachtvoll entfaltenden Haar am Hinterkopf kommt zustande – durch ins Haar geflochtene Extensions aus Kunsthaar. Diese Extension wird einfach in die eng am Kopf anliegenden Zöpfe aus Echthaar, die denn vorderen Teil der Shiruba-Frisur darstellt, eingeflochten. Tatsächlich bemerke ich am nächsten Tag jetzt auch vor einem Friseurladen die angebotenen Packungen mit Extensions.
Wir würden gerne ein Foto von der Frau machen, merken aber schnell, das dies dem Ehemann nicht recht wäre und verzichten daher. Wir bedanken uns bei beiden ganz herzlich für ihre Freundlichkeit und gehen lächelnd zurück zum Abendessen ins Hotel. Nach dem Abendessen machen wir noch einen kleinen Spaziergang durch die anliegenden Straßen und beobachten das beginnende Nachtleben. Hierbei kommen wir auch wieder an dem kleinen Laden vorbei. Als uns die Inhaber bemerken, winken sie uns durch das Schaufenster nochmals sehr freundlich zu. Anscheinend haben sie diese kurze Begegnung mit uns Ferenji genauso genossen wie wir die Begegnung mit ihnen.
CRCrocVThemenstarter165 Beiträge · seit 201502. Feb. 2020 ·
Exkurs: Beta Israel, Christentum und das Reich Axum Bereits weit in vorchristlicher Zeit müssen jüdische Einwanderer in die Berge Abessiniens gekommen sein. Woher sie kamen, ist ungewiss. Evt. aus Ägypten oder dem Jemen. Jedenfalls tauchen sie irgendwann unter den kuschitischen Bergvölkern auf. Sie bezeichnen sich bis heute als Beta Israel oder Fallaschas. Ihr Glaube ist sehr archaisch und geht auf das Judentum vor dem babylonischen Exil zurück. Alles danach folgendes Entwicklungen des Judentums lehnen sie ab. So kennen sie auch keinen Talmud und feiern weder Purim noch Chanukka. Als das Reich Axum christlich wurde, soll sich nordwestlich davon in Semien das jüdische Königreich Semien, teils auch als Königreich Beta Israel bezeichnet, gegründet haben. Der Legende nach kam der Stammvater dieser jüdischen Königslinie zusammen mit Menelik und der Bundeslade nach Äthiopien. Das Christentum kam durch zwei schiffbrüchige Brüder einer christlich-phoenikischen Familie nach Äthiopien. Ihr Schiff wurde im Roten Meer gekapert und sie als Sklaven an den Hof des in Axum regierenden Königs Ousanas verkauft. Nach seinem Tod ließ die Witwe die beiden Brüder frei und machte einen von ihnen, Frumentios aufgrund seiner umfassenden griechischen Bildung zum Hauslehrer des Thronfolgers Ezana. 327 n. Chr. reiste Frumentios nach Alexandria zum Bischof Athanasios und bat um die Entsendung christliche Missionare. Der Bischof weihte daraufhin Frumentios selbst zum Priester und sandte ihn mit mehreren Mönchen zurück. Eine der ersten Handlungen nach seiner Rückkehr war die Taufe des mittlerweile gekrönten Königs Ezana und des Hofes und so wurde bereits 340 n. Chr. das Christentum zur Staatsreligion in Axum. Nach dem Konzil von Chaldekon (Türkei) im Jahr 451, auf dem sich von den vielen unterschiedlichen christlichen Glaubensrichtungen die römischen, orthodoxen und altorientalischen Richtungen durchsetzen, wurden die syrische und ägyptische (und somit auch die äthiopische) Glaubensrichtung der Häresie bezichtigt. Viele ihrer Anhänger mussten daher aus dem übrigen Mittelmeerraum fliehen. Damit hängt vermutlich die Ankunft der sogenannten neun Heiligen in Äthiopien zusammen. Die legendären Heiligen waren wohl syrische und ägyptische Mönche auf der Flucht und sie leiteten die Missionierung weiterer Landesteile in Äthiopien und Eritrea ein. Ab 600 n. Chr. verlor das Reich Axum langsam an Bedeutung. Beschleunigt wurde der Niedergang durch den Siegeszug des Islam. Die Gebiete am Roten Meer unter axumitischen Einfluss (Eritrea, Somalia) gingen an muslimische Herrscher verloren und damit der Zugang zu den Handelsrouten über das Meer Richtung Mittelmeer, Arabien und Indien. Axum verlor rasch an Einfluss. Das Reich erstreckte sich aber weiterhin über große Gebiete Nordäthiopiens. In dem dunklen Jahrhunderten des Niedergangs des Reiches Axum kam es zu Konflikten mit dem jüdisches Königreich „Beta Israel“. Deren König Gideon IV. führte im 10. Jahrhundert n. Chr mehrere Angriffskriege gegen Axum. Bei diesen Kämpfen starb er. Angeblich erbte seine Tochter Judith (die historisch nicht belegt werden kann) von ihm das Reich, eroberte die Stadt Axum, tötete den König und zerstörte aus Rache für ihren Vater alle Monumente der Stadt. Aufgrund dieser Ereignisse verlagerte sich das Zentrum des christliches Reiches in die Lasta-Berge nach Lalibela und die Bundeslade soll in den Süden Äthiopiens in Sicherheit gebracht worden sein. Eben auf die Insel Tullu Gudo im Ziway-See, bevor sie dann nach dem wieder erstarken der salomonischen Dynastie nach Axum zurückgebracht wurde.
du musst das Bild im Bildbearbeitungsprogramm öffnen, drehen und neu abspeichern und dieses neu abgespeicherte Bild dann hier einfügen. Ein großes zwischendurch DANKE für diesen wunderbaren Bericht.