in den nächsten Tagen/Wochen möchte ich hier aus dem Reisetagebuch unserer Äthiopienreise 2019 berichten. Damit unsere Freunde und Bekannten sowie alle Interessierten hier Nachlesen können was wir erlebt, erfahren und empfunden haben. Denn wann immer wir gefragt werden, wie unsere Äthiopienreise war, fällt uns die Antwort schwer. Einfach weil die Eindrücke so vielfältig waren, dass wir es nicht in wenigen Worten, ja nicht mal in wenigen Sätzen sagen können.
Da es sich um unser Reisetagebuch handelt, ist es oft sehr detailliert. Wenn es euch zu langatmig wird, einfach weiterscrollen und die Bilder anschauen. 😄
Teil 218. Jan. 2020
Uns hat vor allem die alte christliche Kultur Äthiopiens zu dieser Reise bewogen und daher wollten wir diese in einer Reisegruppe mit Reiseleitung unternehmen. Um bei den Besichtigungen die Dinge nicht nur zu Sehen, sondern auch erklärt zu bekommen, WAS wir da sehen. Unsere Wahl ist auf Rotel Tours gefallen, da wir hier schon einige Male mit sehr guten Reiseleitern unterwegs waren. Vorne weg: Auch diesmal hatten wir eine sehr gute Reiseleiterin, die Äthiopien schon lange bereist, sich in Äthiopien und die Menschen richtig verliebt hat und mit sehr viel Herzblut ihr Wissen an uns weitergegeben hat. (Siehe Stichwort oben: Weiterscrollen und Bilder anschauen, wenn es euch irgendwann zu viel wird. 🙄 )
Das Konzept von Rotel Tours ist kurz gesagt etwas ungewöhnlich und sicher nicht jedermanns Sache. Gefahren wird in einem großen LKW mit Fahrgastkabine für 20 Personen und dahinter den Schafkabinen. Diese sind tagsüber nicht erreichbar. Erst abends wird die Seitenwand des LKWs aufgeklappt und so entsteht ein Zugang zu den Kabinen. Jeweils 3 Kabinen sind dabei platzsparend übereinander angebracht. Hinten am LKW ist auch noch eine Küche integriert um Abendessen und Frühstück zu machen. Auch hier wird abends die Rückwand aufgeklappt und dann ist die Küche einsatzbereit. Der Fahrer ist auch Koch und zusätzlich ist auch eine deutsche Reiseleiterin (die amharisch recht gut beherrscht) mit uns unterwegs. In Äthiopien hat uns zusätzlich noch ein einheimischer Guide begleitet.
Das Ausklappen der Seitenwände und Anbringen der Plane für den Gang zu den Kabinen übernehmen wir Reisegäste. Wenn am Rotel gekocht wird, helfen wir auch beim Schnippeln und Abwasch. Keine große Sache für jeden einzelnen. Was wir aber gleich bei unserem ersten "Rotel-Versuch" vor vielen Jahren bemerkt haben: Durch diese Zusammenarbeit der Gäste entsteht oftmals aus der bunt zusammengewürfelten Gruppe Unbekannter eine richtige Gemeinschaft.
Wir empfinden dies als echte Bereicherung, die vielen Eindrücke einer Reise in solch einer Gemeinschaft zu erleben.
Die Gruppengröße mit 20 Personen mag zwar recht groß erscheinen. Aber jetzt mal ganz unter uns: Es ist dabei wie im echten Leben. Mit manchen Leuten versteht man sich super und mit anderen - naja, nicht so. Das war auch auf der Reise (in ganz, ganz wenigen Fällen) so. 😗 Und bei 20 Leuten kann man viel leichter den "Nicht-so"-Leuten aus dem Weg gehen wie bei einer Kleingruppe mit 4-8 Leuten. 😈
Teil 318. Jan. 2020
16.11.2019 Anreise Dieses Jahr geht es nach Äthiopien. Die uralte christliche Kultur und der blaue Nil locken uns. Aber erst mal ist wieder die Anreise zu bewältigen. Mit Bus und Zug geht es am Samstagvormittag nach Frankfurt. Der Flieger hebt pünktlich um 12:50 Uhr ab. Der Flug verläuft ruhig. Am Abend erreichen wir ohne besondere Vorkommnisse Addis Abeba. Und auch unsere Reisetaschen sind da. Nur die Einreise verläuft etwas chaotisch. In der Halle des Flughafens vor den Einreiseschaltern hat sich eine sehr große Menschenmenge aufgestaut. Wo jetzt genau anstellen ? Die Schalter gerade aus ? Oder doch die Schalter links ? Oder die Schalter hinter uns an der Wand ? Nach einigem Hin und her schiebt mich eine resolute junge Flughafenangestellte Richtung der Schalter hinter uns. Und siehe da: Die Einreise erfolgte hier innerhalb weniger Minuten. Schon stehen wir in der Vorhalle bei den Ausgängen des Flughafens. Hier warten einige äthiopische Guides auf die Reisenden. Hmmm, naja. Zumindest die ANDEREN Guides. Denn wir sehen kein Rotel-Schild. Wir drehen noch eine Runde mit einigen Mitreisenden und werden dabei von einigen Guides angesprochen. Ob sie helfen können. Irgendwo anrufen ? Ein Guide klärt uns auf: Um in den Flughafen von Addis zu kommen, braucht es eine besondere Akkreditierung. Und die hat nicht jeder. Wir sollen rausgehen und dort werden wir dann unsere Reiseleitung treffen. Zögerlich verlassen wir mit etlichen Mitreisenden den Flughafen, obwohl es sonst immer bei Gruppenreisen heißt: Nie den Flughafen verlassen. Immer auf den Guide warten. Wir steigen draußen eine Treppe runter und sind auf dem Parkplatz. Kein Guide zu sehen. Ich fasse mir ein Herz und laufe ein Stück weiter nach rechts: Und siehe da. Hinter einer von Polizisten bewachten Schranke warten weitere Guides. Und da sehe ich auch das Rotel-Schild. Ich führe unsere Reiseleiterin zur Gruppe und dann geht es zu den bereitstehenden Bussen. Nachdem sich auch der Rest der Gruppe nach und nach aus dem Flughafen traut, fahren wir zum Ghion-Hotel und checken durch den Hintereingang ein, da der Haupteingang eine Baustelle ist. Gegen Mitternacht haben wir unser Zimmer bezogen und eiskalt geduscht (der Durchlauferhitzer wollte nicht so richtig). Da Addis auf 2.400 Metern liegt, wird die Nacht recht frisch. Wir haben richtig gefroren unter der dünnen Bettdecke.
Teil 418. Jan. 2020
17.11.2019 Start mit Verzögerung Nach dem Frühstück im Hotel geht es raus auf den Parkplatz zum Rotel. Wir klappen es auf und stopfen unsere Reisetaschen in unsere Kabinen. Eigentlich sollte jetzt die Tour losgehen. ABER in Addis Abeba ist am heutigen Sonntag ein Marathon. Und die Strecke führt direkt am Hotel vorbei. Alles ist abgesperrt. Kein Rauskommen. Also erst mal warten. Wir nutzen die Zeit, um schon mal die Rotelkabine einzurichten: Moskitonetz aufhängen, Leinen für Handtücher spannen etc. Im vorderen Garten des Hotels war gestern ein Fest. Wohl wegen des Marathons. Hier stehen ein paar Zeltpavillons. Jetzt wird aufgeräumt. Wir spazieren etwas durch den hinteren Park des Hotels. Der muss mal schön gewesen sein. Jetzt ist er aber sehr verwildert. An einigen Stellen verfallen Brunnen, Gartenhäuschen und Bänke vor sich hin. Gegen 11.30 Uhr ist der Marathon vorbei und wir starten endlich Richtung Süden.
Wobei das Thema Uhrzeit und Datum in Äthiopien nicht so einfach ist. Laut Mitteleuropäischer Zeit wäre es 9:30 Uhr, nach ostafrikanischer Zeitzone eben 11:30 Uhr. Also 2 Stunden Zeitumstellung. Die Uhren gehen in Äthiopien aber ganz anders! Da das Land nah am Äquator liegt, dauern die Tage und Nächte im Jahresverlauf ungefähr gleich lang. Darum werden die Tage jeweils in 12 Tag- und 12 Nachtstunden eingeteilt. Der äthiopische Tag beginnt mit Sonnenaufgang, das bedeutet um 6 Uhr unserer Zeit. Für die Äthiopier ist es dann 0 Uhr. 7 Uhr „unserer“ Zeit ist 1 Uhr in Äthiopien; „unser“ 18 Uhr ist äthiopisches 12 Uhr usw. Unsere Reisegruppe wird die ganze Reise über nach der ostafrikanischen Zeit leben, denn diese Uhrzeit/Tageszeit sind wir einfach gewohnt.
Damit aber nicht genug. Der äthiopische Kalender ist eine Variante des koptischen Kalenders und läuft unserem gregorianischen Kalender 7 Jahre und 8 Monate hinterher. Das Jahr wird in 13 Monate eingeteilt. 12 Monate zu je 30 Tagen und 1 Schaltmonat mit 5 bis 6 Tagen. Das neue Jahr beginnt an unserem 11. oder 12. September. Statt des 17.11.2019 haben wir heute also den 8. Hadar 2012. Statt 11:30 Uhr haben wir also 5:30 Uhr äthiopische Zeit. Alles klar ?
Teil 518. Jan. 2020
Wie auch immer: Nach einigen Stunden Richtung Süden auf der B51 erreichen wir Tiya. Das Gebiet wird von Mitgliedern der Volksgruppen der Oromo und Gurage bewohnt. Wir laufen einige Meter von der Straße weg und stehen am Eingang des Stelenfeldes. Mehr als 30 Stelen sind hier in drei Gruppen aufgereiht.
Manche der Stelen tragen eingemeißelte Zeichen und Symbole. Tiya ist einer von neun megalithischen Standorten in der Region, an denen Menhire dieser Art gefunden wurden. Mittlerweile wurden ca. 300 Steinstelen registriert. Die Symbole auf den Stelen hier zeigen Schwerter, welche auf Krieger hinweisen könnten und teils auf den gleichen Stelen auch pflanzenähnliche Bilder.
Die Pflanze ist möglicherweise die Ensete (falsche Banane). Diese wird bei den südlichen Stämmen wie den in dieser Region lebenden Gurage, aber auch bei mehreren südlicher lebenden Ethnien wie den Wolaytta und Dorze kultiviert. Aus der Ensete kann eine teigähnliche Stärke gewonnen werden, die zu Brotfladen gebacken wird. Diese Stärke enthält neben Kohlehydraten viele Vitamine und Mineralien. Das so hergestellte Brot ist also eine vollwertige Nahrung für die Völker des Südens. Wo die Ensete angebaut wird, herrscht nie Hunger und Mangelernährung. Es wäre also durchaus möglich, das auf den Stelen eine derart wichtige Nahrungspflanze dargestellt wird. Eine Stele zeigt auch deutlich weibliche Brüste. Hier ist offensichtlich eine Frau dargestellt.
Hinter den Stelen fanden die Archäologen meist Gräber. Die Toten wurden in fast allen Fällen in Hockstellung beigesetzt. Die Stelen werden ins 12. bis 14. Jahrhundert n. Chr. datiert und sind seit 1980 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Am Eingang des Stelenfeldes bieten einheimische Frauen Kaffee an. Wir nutzen die Gelegenheit und trinken unseren ersten traditionellen äthiopischen Kaffee. Etliche werden noch folgen.
Teil 618. Jan. 2020
Nun führt unsere Reise in den Ostafrikanischen Graben hinab auf etwa 1.600 Meter. Am Grabenbruch halten wir an einer Stelle mit Obsidianvorkommen. Ein kleines scharfes Steinchen verirrt sich dabei auch in unsere Tasche.
Wir erreichen Ziway am gleichnamigen See und bauen unser Rotel im Hof des Hotel Bethelhem auf. Die Anlage ist sehr gepflegt und sauber. Außerdem liegt sie nur wenige Meter vom See entfernt.
Unsere Reiseleiterin ruft uns zusammen. Wir müssen etwas besprechen. Vor einige Tagen haben Moslems in Harar eine christliche Kirche angezündet. Die Region ist zur Zeit sehr unruhig. Der lange schwelende Konflikt zwischen den Oromo und Amharen bricht immer wieder aus. Wir erfahren, das dies wohl nicht immer so war. Früher fühlten sich alle Einwohner Äthiopiens als Äthiopier. Noch unter dem diktatorischen und grausamen Mengisto-Regime von 1977 bis 1991 wurde die Einheit der Äthiopier betont. So spielte es wohl in der Bevölkerung keine entscheidende Rolle, wer Oromo, Amhare oder von sonstiger Ethnie war. Auf unseren Fahrten durch Äthiopien haben wir in allen Regionen auch dieses Mit- und Nebeneinander der verschiedenen Ethnien erlebt: In Gebieten der Oromo gab es neben Moscheen auch immer christliche Kirchen. Und in den Gebieten der Amharen und Tigray neben Kirchen auch immer Moscheen. Aber unter Meles Zenawi ab 1995 bis 2012 wurde die regionale Identität der Ethnien in den Vordergrund gestellt. 1998 wurden die Verwaltungsregionen neu nach ethnischen Gruppen aufgeteilt. Was angesichts der oben erwähnten Vermischung der Bevölkerungsgruppen in allen Landesteilen natürlich schwierig war und für Konflikte sorgen sollte. Es entstanden die Regionen Oromia, Amharta, Tigray, Somali, Afar und drei weitere Regionen, welche die kleineren Ethnien zusammenfassen. Die Regionen erhielten größere Befugnisse. Unter anderem auch jeweils eine regionale Polizeitruppe aufzustellen. Heute fühle sich kaum noch jemand in erster Linie als Äthiopier. Viele identifizieren sich jetzt anscheinend zuerst mit ihrer Ethnie. Traditionell waren die im Norden lebenden christlichen Amharen und Tigray die wichtigsten und somit staatstragenden Volksgruppen in Äthiopien. Entsprechend fühlen sich die Oromo als zweitgrößte Volksgruppe bis heute benachteiligt. Zumal die Oromo historisch gesehen erst spät endgültig ins äthiopische Herrschaftsgebiet integriert wurden und vorher sowohl von amharischen Christen, aber auch vom südlichen Königreich Kaffa bis ins 19. Jahrhundert als Sklaven gefangen und verkauft wurden. Aktuell hat Äthiopien mit Abiy Ahmed jetzt zwar erstmals einen Oromo als Ministerpräsidenten (der für seinen Friedensschluss mit Eritrea den Friedensnobelpreis erhielt), aber bei den Oromo gärt es immer noch. Der Internetaktivist und Regierungskritiker Jawar Mohammed, ebenfalls ein Oromo, half Abiy Ahmed ursprünglich an die Macht. Mittlerweile haben die beiden Männer sich aber entzweit und der radikalmuslimische, von Saudi-Arabien unterstützte Jawar Mohammed kritisiert jetzt auch die aktuelle Regierung. Zunehmend erhält der bisher eher ethnisch begründete Konflikt zwischen Oromo, Amharen und Tigray jetzt auch noch eine immer stärkere religiöse Dimension. Die Oromo sind Musline, die Amharen und Tigray orthodoxe Christen. Heute betrachten viele Äthiopier das brutale Mengisto-Regime aufgrund der damals herrschenden nationalen Einheit sogar wieder in einem positiven Licht. In Diktaturen werden eben neben den freiheitlichen auch die radikalen Kräfte unterdrückt und an ihrer Entfaltung gehindert. Bei vielen Menschen herrscht große Angst vor einem Krieg. In der Woche vor unserer Ankunft haben Priester in allen orthodoxen Kirchen in Äthiopien 7 Tage lang rund um die Uhr für den Frieden gebetet. Und diese Gebete wurden auch rund um die Uhr wie üblich per Lautsprecher nach draußen in die Orte übertragen. Wir wussten schon, das Äthiopien mit über 80 unterschiedlichen ethnischen Volksgruppen eine der komplexesten und vielfältigsten Staaten Afrikas ist. Das wir uns aber nun so intensiv mit dieser Tatsache auseinandersetzen müssen, hätten wir nicht geahnt. Jetzt ist es jedenfalls so, dass vom Militär alle Straßen nach Harar gesperrt wurden und der Notstand in der Region ausgerufen wurde. Wir können also morgen nicht nach Osten Richtung Harar aufbrechen. Das gesamte Programm unserer ersten Reisewoche ist somit hinfällig. Unsere Reiseleiterin schlägt vor, am nächsten Tag in einer gewaltigen Fahretappe ca. 370 Kilometer nach Süden bis Arba Minch zu fahren. Raus aus dem Gebiet der Oromo. Was bleibt uns auch anders übrig ? Bei Abendessen im Hotel lernen wir erstmals Injera kennen. Es handelt sich um ein weiches, säuerliches und schwammartiges Fladenbrot, welches aus der glutenfreiem Hirseart Teff, oft unter Zugabe des ertragreicheren Sorghum, hergestellt wird und bei kaum einer äthiopischen Mahlzeit fehlen darf. Einigen schmeckt es nicht so, aber wir mögen es.
Teil 718. Jan. 2020
18.11.2019 Auf Abwegen unterwegs in Äthiopien Am Morgen werde ich um 5 Uhr von den Gebetsgesängen der orthodoxen Priester geweckt: Die Morgenandacht hat begonnen. Diese per Lautsprecher aus den Kirchen übertragenen Gebete werden uns die ganze Reise begleiten. Die Morgenandacht dauert jeweils 1-2 Stunden. Vor dem Frühstück laufe ich vom Hotel aus zum See. Erste Fußgänger und Pferdegespanne sind auf der Straße unterwegs.
Überall in den Bäumen stehen Marabus. Ein Marabu gleitet in 3 Metern Höhe die Dorfstraße entlang direkt über mir vorbei. Am See wimmelt es vor Vögeln: Reiher, Triele, Kingfisher, Pelikane, Ibisse etc. Die Morgensonne taucht die Szenerie in ein goldenes Licht. Afrika wie aus dem Bilderbuch.
Hagedasch
Heiliger Ibis
Kuhreiher ?
Morgens fahren wir zunächst auf der A7 (dem East African Highway) bis Shashemene, einer Hochburg der Oromo. Daneben ist es auch als Siedlungsort der Rastafari-Bewegung bekannt.
Bei der Fahrt durch Shashemene fallen uns die teils finsteren Blicke der Passanten auf. Zwar gibt es immer wieder auch Menschen, die uns freundlich zuwinken. Aber viele bleiben sehr reserviert und es wird in unsere Richtung auch manch eine Geste gemacht, die eindeutig kein freundlicher Gruß ist. Wir spüren erstmals eine gewisse Spannung in der Luft. Nach Shashemene folgen wir weiter der A7. Wir verlassen jetzt die Region „Oromia“ und kommen in die „Region der südlichen Nationen, Nationalitäten und Völker“, eine der drei Regionen, welche die kleineren Volksgruppen zusammen fassen. Wir sehen in der trockenen Region immer wieder Eselskarren mit vielen gelben Kanistern, die Wasser vom nächsten Brunnen oft kilometerweit ins Dorf transportieren. Wer keinen Esel besitzt muss den Wasserkanister selbst tragen. Dies ist Aufgabe der Frauen und Kinder.
Teil 818. Jan. 2020
Wir sind jetzt im Gebiet der Hadiya. Wir halten beim Dorf Halaba, welches Besuchergruppen willkommen heißt. In der ersten Reihe die schön bemalten Hütten.
Dahinter dann die unbemalten Hütten:
Hier kann man die Bauweise gut erkennen, da etwas renovierungsbedürftig.
Die Bewohner zeigen uns ihre Hütten:
Und auch den Nutzgarten, wo unter anderem auch Khat angebaut wird. Dieses Kraut ist auch in Äthiopien weit verbreitet und entfaltet beim Kauen eine berauschende Wirkung.
Khat
Teil 918. Jan. 2020
Mittagspause machen wir in einem schön gelegenen, noblen Restaurant oberhalb der Stadt Soddo.
Ich stehe etwas früher vom Tisch auf, um in einer daneben befindlichen Tankstelle noch Wasser zu kaufen. Die Tankstelle ist aber schon länger verlassen. Dennoch haben sich einige Frauen auf dem Gelände einen provisorischen Verkaufsstand eingerichtet und so bekomme ich doch noch Wasser. Während ich so mit meinem Sixpack Wasser am Straßenrand stehe und auf die Gruppe warte, kommen immer wieder Passanten vorbei. Vor allem die Jugendlichen, die gerade aus der Schule kommen, sind besonders neugierig. Manch kurzer Gruß und Händedruck folgt. Für mehr reicht leider bei den meisten das Englisch nicht. Irgendwann kommt der Wachmann des Restaurants auf mich zu und reicht mir die Hand. Neben dem Händedruck zieht er dreimal meine Schulter an seine. Die übliche äthiopische Art, um vertraute Menschen zu begrüßen oder einem Menschen seine Hochachtung zu zeigen. Der Wachmann erklärt mir, das er in all den Jahren noch niemals einen Gast des Restaurants erlebt habe wie mich. Einer der sich einfach an die Straße stellt und mit den einfachen Menschen redet. Wir fahren jetzt durch das Gebiet der Wolaytta nach Arba Minch am Abaja-See.
Am Ufer des Sees leben die Gamo und in den Guge-Bergen dahinter die Dorze. In engen Hof eines Hotels bauen wir unser Rotel auf. Heute abend gibt es erstmals Rotelküche.
Teil 1018. Jan. 2020
19.11.2019 Besuch bei den Dorze Morgens laufe ich wieder einige Meter auf der Straße vor dem Hotel. Auch hier stehen vielen Marabus auf ihren Übernachtungsbäumen. Am Straßenrand sind Säcke mit Holzkohle zum Verkauf aufgestellt. Einige Einwohner und TukTuks sind im ersten Licht der Morgensonne bereits unterwegs.
Afrikanischer Paradiesfliegenschnäpper ??
Die Fahrt hoch in die Berge zu den Dorze führt uns auf einer unbefestigten Straße in Serpentinen steil nach oben.
Zwischen den beiden Bildern liegen nur 10 Minuten - und etliche Höhenmeter.
Hier ist es deutlich kühler. Nebel hängt noch in der Luft und verbirgt die Sonne, als wir ankommen. Makonnen, unser Dorze-Guide erwartet uns bereits vor seinem Haus. Er erklärt uns, das die Form der Häuser an die einstmals hier lebenden Elefanten erinnern soll. Uns erinnern sie auch etwas an Bienenstöcke.
Das besondere an diesen ca. 10 Meter hohen, aus Bambus und den Blättern der Ensete gefertigten Hütten ist, dass diese mit den Jahren schrumpfen ! Wie das ? Die Termiten fressen die Hütten von unten. Mit den Jahren werden die Hütten so nach und nach kleiner. Der Eingangsbereich wird immer wieder neu so ausgeschnitten, so das ein Mensch gut durchgehen kann. Auf diese Art können die Hütten zwischen 70-100 Jahre genutzt werden. Bei Makonnen stehen 3 Hütten unterschiedlicher Größe (sprich: Alter) nebeneinander. Die mittlerweile kleinste Hütte hat sein Großvater gebaut und wird heute nur noch zum Brotbacken genutzt, da hierbei viel Rauch entsteht.
Teil 1118. Jan. 2020
Wir werden ins neue, große Haus gebeten. Dort bekommen wir erklärt: Rechts ist ein Bereich für die Tiere, links der Schlafbereich, hinten der Braubereich und in der Mitte der Wohnbereich. Und tatsächlich, als sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, bemerken wir einige Kühe und Ziegen im abgetrennten rechten Hüttenbereich. Bei der Kälte in den Bergen eine willkommene Wärmequelle. Seitlich gibt es eine separate Öffnung, durch die der Mist aus der Hütte geschafft werden kann. Wir bekommen Kaffee auf einem kleinen rauchigen Feuer zubereitet. Über uns hängt in der Hütte ein Braugetreide. Nach einigen Monaten hier im Rauch ist es automatisch getrocknet und geräuchert und somit bereit zum Bierbrauen. Durch die bienenkorbartige Bauweise trägt sich die Struktur selbst. Anders als zum Beispiel bei den Rundhütten der Hadiya braucht es hier also keinen Stamm als Stützpfeiler in der Mitte der Hütte. Das schafft zusätzlichen Raum.
Sorry, aber mit Blitzlicht wollte ich nicht fotografieren....
Hinter der Hütte zeigt uns eine Frau das Spinnen mit der Hand. Die Dorze sind in ganz Äthiopien bekannt als Weber. Die Webarbeiten werden aber von den Männern durchgeführt.
Bild mit Weberutensilien der Dorze aus dem Nationalmuseum in Addis. Aufgenommen am letzten Reisetag. Das Weben ist noch heute ein Haupterwerb und keine Tourishow. Unser Fahrer hat sich bei seinem letzten Besuch eine Jacke bestellt. Und die hat er diesmal bekommen.
Neben der Baumwollspinnerei zeigt uns eine weitere Frau, wie die uns bereits seit den Stelen von Tiya bekannte Ensete verarbeitet wird. Es beginnt damit, den mittleren Teil der Blätter auszuschaben.
Dabei wird Stärke gewonnen, die drei Monate lang unter trockenen Bananenblättern fermentiert.
Sobald diese ausreichend gegoren ist, wird sie als bröckelige Masse mit Wasser vermischt und zu einem Teig geknetet.
Als Nächstes wird der Teig mit Hilfe von frischen Bananenblättern zu einem Fladen geformt und mitsamt dem grünen Blatt auf eine Feuerstelle gelegt und gebacken.
Ach ja, und so schaut die Ensete aus:
Man versteht die Bezeichnung "falsche Banane".
Makonnen führt uns zu einer offenen pavillonartigen Hütte mit Sitzgelegenheiten. Jetzt ist es Zeit für den Arak (Schnaps). Die erste Runde dient der Begrüßung der Gäste, die zweite Runde dann dem Genuss und die dritte Runde schließlich, dass die Gäste weiterhin ein gute Reise haben. Der Schnaps ist etwas likörartig und nicht besonders scharf. Dazu bekommen wir das gerade gebackene Ensete-Fladenbrot, eine scharfe Berbere-Paste sowie Honig gereicht.
Alles hat uns sehr gut geschmeckt 🙂 Und der Alkohol hat dann doch etwas reingehauen. So nach dem 4. Schnaps. 😗 Beim Sichten der Fotos bin ich noch auf Bilder gestoßen, wo ich danach (?) aus der Kalebasse von Makonnen (?) auch noch irgendein selbst gebrautes Bier (?) trinke... 😣 Bild zensiert. 😛
Anscheinend kam es dann auch noch zu einer Verabredung, das Makonnen abends mit seinem Moped zu uns runter in die Stadt kommt und wir das Tasting der einheimischen Alkoholika fortsetzen. (Ich glaube, ich bin unschuldig.) Allerdings musste er später am Tag telefonisch bei unserer Reiseleiterin absagen: Sein Moped ist kaputt. (Meine Vermutung: Seine Frau weiß Bescheid, wie sie kurzfristig elementare Funktionen an seinem Moped lahmlegen kann. 😈 )
Teil 1218. Jan. 2020
So gestärkt war wir nun so was von bereit für Gesang und Tanz. Die Dorfbewohner/innen samt Kinderschar haben sich bereits versammelt und beginnen zu singen und tanzen.
Als wir zum Mittanzen aufgefordert werden, gibt es kein Halten mehr. Es wird ein kurzes, spontanes Tanzfest.
Sorry, ab hier gibt's keine Bilder mehr. Jetzt ist Party !
Zu guter Letzt kaufen wir hier auch eine traditionelle Kaffeekanne als Souvenir. Uns hat der Besuch bei den Dorze sehr gut gefallen. Auch weil es hier wirklich sehr unverkrampft zuging. Die Dorfbewohner hatten sich nicht „verkleidet“, sondern sind in ihrer heutigen, modernen Kleidung erschienen. Lediglich ein paar junge Burschen haben sich darüber Leopardenfelle geworfen und tanzten mit alten Sperren und Schilder. Dabei mussten sie aber selbst am meisten über sich lachen wegen dieser Verkleidung. Sehr sympatisch.
Teil 1318. Jan. 2020
Am Nachmittag fahren wir zum Chamosee und unternehmen eine Bootsfahrt. Wir sehen neben den einheimischen Fischern auch Pelikanen, Flusspferde und Krokodile.
Zurück an Land beobachten wir einige Meerkatzen direkt hinter dem abgestellten Rotel.
Am Abend gibt es noch einmal Rotelküche. Nur diese beiden Male auf dieser Reise wird der Fahrer für uns kochen. Ansonsten essen wir abends immer im Restaurant des Hotels auf dessen Gelände wir unser Lager aufgeschlagen haben. Die Nacht wird etwas unruhig, denn ein heftiges Gewitter bringt stundenlangen starken Regen.
Teil 1419. Jan. 2020
20.11. Langsam zurück Richtung Norden. Heute fahren wir von Arba Minch nach Awassa wieder Richtung Norden. Die Situation im Oromogebiet ist immer noch angespannt, aber nicht weiter eskaliert. Wir fahren entlang der Seen auch durch ein Gebiet, wohin in den 80er Jahren nach der Hungerkatastrophe von der Regierung viele Menschen aus dem Norden zwangsweise umgesiedelt wurden. Nachdem diese den Tod durch Hunger entgangen waren, wurden hier im Süden im Grabenbruch nun viele ein Opfer der Malaria. Denn die Hochlandbewohner des Nordens hatten keinerlei Erfahrung, wie man sich gegen die Mücken schützen muss. Und natürlich kam es auch zu vielen Konflikten mit den bereits hier lebenden Menschen, die eine ganz andere Kultur und Sprache hatten. Letztlich sind viele der Überlebenden doch wieder nach Norden zurückgekehrt. Mittag machen wir wieder im bereits bekannten Restaurant oberhalb von Soddo. Kaffee und leckere frisch zubereitete Fruchtsäfte gibt es hier. Hier ein paar Eindrücke der heutigen Fahrt. Mich hat immer wieder tief beeindruckt, wie fleißig alle Menschen auf dem Land arbeiten. Ganz im Gegensatz zu den größeren Orten und Städten, wo wir viele anscheinend beschäftigungslose junge Männer an den Straßenrändern "abhängen" sahen bei Bier, Kaffee, Billard, Kicker etc.
Bodenerosion aufgrund Abholzung ist ein weiteres Riesenproblem in Äthiopien.
Dazu gab es vor kurzen auch einen Aktionstag in Äthiopien, an dem Millionen junge Bäume gepflanzt wurden.
Bei der Weiterfahrt erzählt uns unsere Reiseleiterin einige Anekdoten, die zeigen, das die Ordnungskräfte in Äthiopien einen feinen Sinn für eine „lehrreiche Bestrafung“ haben. Folgendes hat sie auf früheren Fahrten erlebt: Ein Reisegast hat Militärs fotografiert, obwohl dies streng verboten ist. Anstatt den Reisegast zu verhaften oder einen Geldbetrag als „Bußgeld“ zu fordern wurde verlangt, das der Reisegast seinen kompletten Speicherchip löscht. Das nenne ich mal eine lehrreiche Buße für einen Touristen. Wow. Auf der gerade beendeten Tour durch Südäthiopien kam unser Fahrer auf einer völlig leeren breiten Sandpiste an einen – Kreisverkehr. Mitten im nichts. Anstatt den Kreis zu fahren, fuhr er gerade aus darüber. Sofort sprang ein Polizist hinter einem Busch hervor, stoppte ihn und fragte, warum er den Kreisverkehr nicht gefahren sei. Unser Fahrer versuchte sich herauszureden, sein LKW würde diesen engen Kreisverkehr nicht schaffen. Da ließ der Polizist unseren Fahrer zurückstoßen und den Kreisverkehr nun korrekt fahren. Damit er sieht, dass der LKW doch durch den Kreisverkehr passt. Das war die Strafe.
Teil 1519. Jan. 2020
Am Nachmittag erreichen wir unseren schönsten Standplatz dieser Reise im weitläufigen, parkähnlichen Gelände des United Africa Group Hotel in Awassa. Awassa liegt im Siedlungsgebiet der Sidama. Schon bei der Einfahrt sehen wir eine Gruppe Mantelaffen ( Colobusaffen ) in den Bäumen. Wir haben diese Affen in anderen Teilen Afrikas als recht scheu erlebt. Hier können wir sie lange Zeit aus wenigen Metern Entfernung beobachten. Das Hotelgelände bietet aber auch vielen Vogelarten eine Heimat: Von Hammerkopf über Marabus bis zu Geiern ist alles vertreten. Das Hotel liegt direkt am Awassa-See. Durch eine Gartentür kommen wir auf die Seepromenade. Hier machen auch viele wohlhabende Äthiopier Urlaub. Der Uferbereich ist abgesperrt. Man bleibt ungestört. Keine Verkäufer, Bettler etc. Aber viele Vögel sieht man nicht im Uferbereich, dafür einigen Plastikmüll am Ufer und im Wasser. Schnell kehren wir wieder zurück auf das viel schönere Hotelgelände.
Silberwangenhornvogel
Hammerkopf
Immer wieder beeindruckend: Das Riesennest des Hammerkopf
Schwarzkielralle ?
Kappengeier ?
Wir erfahren, das der Hotelbesitzer ein Tigray ist. Die Tigray sind eine kleine christliche Ethnie ganz im Norden Äthiopiens. Damit sind wir wieder bei der politischen Situation in Äthiopien angelangt. Der vorherige Präsident Meles Zenawi war ein Tigray. Und hat natürlich nach seinem Amtsantritt 1995 zunächst mal dafür gesorgt, das es „seinen“ Leuten gut ging. Viele Tigray erhielten lukrative Posten und kamen zu Besitz. Die Korruption blühte. Als der jetzige Präsident Abiy 2018 an die Macht kam, ging er als erstes gegen die Korruption vor, sprich gegen viele Tigray. Etliche wurden verhaftet, einer davon als er gerade mit Koffern voller US-Dollar das Land verlassen wollte. Dem Besitzer unseres Hotel gelang die Flucht nach Kenia. Jetzt wird das Hotel von einem Manager vom Volk der Wolaytta verwaltet. Auch alle Angestellten sind Wolaytta. Einer Minderheit hier in Awassa. Und auch diese sind besorgt, denn auch in Awassa ist zur Zeit der Notstand ausgerufen. In der Region brodelt es bereits seit längerem, da die Sidama eine eigene Region für sich fordern. Aktuell wurde der Notstand ausgerufen, da ausgerechnet heute (!) das mehrfach verschobene Referendum zur Schaffung einer eigenen Region „Sidama“ stattfindet und die Behörden Unruhen befürchten.
Also sorgen nicht nur die Oromo für Unruhe in Äthiopien. Die Situation ist sehr viel komplexer. Denn das es auch bei den Tigray im Norden brodelt, da sie den Machtverlust nach dem Sturz „ihres“ Präsidenten Meles Zenawi noch nicht verwunden haben, werden wir im späteren Verlauf unserer Reise zu spüren bekommen. Aber davon ahnen wir jetzt zum Glück noch nichts...
Teil 1619. Jan. 2020
21.11. Besuch auf dem Fischmarkt Am Morgen fahren wir zum Fischmarkt von Awassa. Ganz hinten am Strand, an dem die Fischer gerade ihre Netze wieder in die Boote laden, steht eine langgezogene Holzhalle, in der die Fische sofort ausgenommen werden. Der Geruch war so „einladend“, das wir auf das Betreten dieser Halle verzichtet haben. Natürlich fanden sich am Strand auch viele Pelikane, Marabus und Reiher ein, um den einen oder anderen Happen abzubekommen. Wir konnten hier mitten durch diese großen Vögel spazieren.
Asienmittelreiher ???
Rosa Pelikan
Wir kommen mit einigen Studenten der örtlichen Uni ins Gespräch, die sich gerade ihre gekauften Fische ausnehmen und in kleine mundgerechte Happen filetieren lassen.
Dazu kaufen sie noch einige Limetten und schon ist ihr Frühstück fertig, zu dem sie uns auch einladen. Da wir aber gerade erst gefrühstückt haben, verzichten wir dankend und ziehen uns lieber unter einen großen Baum zurück, wo Kaffee auf einem Feuer frisch zubereitet wird.
Während sich meine Frau einen Kaffee gönnt, versuche ich eine im Baum herum hüpfende Meerkatze zu fotografieren.
Irgendwann zieht diese sich auf das Dach der Kaffeehütte zurück und belauert die darunter sitzenden Äthiopier. Eine Frau isst dort ein Fladenbrot. Als sie kurz abgelenkt ist, schlägt der kleine Räuber blitzschnell zu. Ich beobachte ihn noch einige Zeit, wie er wieder auf dem Dach sitzend mit dicken Backen seine Beute futtert.
Bezeichnend auch mal wieder die Reaktion der Einheimischen. Ein kurzes Lachen, eine ärgerliche Handbewegung – und fertig. Niemand kommt auf die Idee den Affen etwa mit Steinwürfen zu vertreiben. Wie würden wir in Deutschland wohl reagieren ? Gift auslegen ? Fallen aufstellen ? Affe erschießen ?
Am Eingang des Fischmarktes gab es auch Fisch zu essen. Aber wir kamen ja gerade vom Frühstück...
Straßenverkehr in Awassa
Teil 1719. Jan. 2020
Danach fahren wir weiter nach Norden. Zurück ins Oromogebiet. Nochmals durchqueren wir Shashemene. Im gesamten Oromogebiet fallen uns immer wieder Frauen auf, die komplett verschleiert sind. Ein Phänomen, das es laut unserer Reiseleiterin so vor 5 Jahren in Äthiopien kaum gab. Bei der Weiterfahrt auf der A7 sehen wir ab Arsi Negele zunächst viele große Maisfelder, dann große Weinfarmen und zuletzt bis kurz vor Ziway endlose Reihen riesiger Gewächshäuser.
Laut unserer Reiseleiterin waren hier bis vor wenigen Jahren überall kleine Gehöfte von Bauern, die sich in Subsistenzwirtschaft selbst versorgten. Nun sehen wir hier die Auswirkungen des in ganz Afrika grassierenden „Land Grappings“ . Große Flächen werden von der Regierung an ausländische Investoren verkauft und die dort teils seit Generationen lebenden Menschen einfach vertrieben. Besitztitel oder gar ein Grundbuch gibt es nicht. Die Menschen sind rechtlos. Und da sich in einer wahren Bevölkerungsexplosion die Anzahl der Äthiopier von 40 Millionen in den 80er Jahren auf heute über 110 (!) Millionen erhöht hat, gibt es für die so Vertrieben auch nirgends mehr freie, für die Landwirtschaft nutzbare Flächen. Wir sehen neben großen Feldern vor allem auch endlose Reihen von Gewächshäusern, in denen meist Blumen (!) für den europäischen Markt angebaut werden. Etliche Schilder weisen auf französische und holländische Firmen hin. Andererseits versucht der Staat aber auch die Landflucht Richtung der Städte einzudämmen. Denn wenn Landbewohner in die Städte ziehen, landen diese fast automatisch in Elendsquartieren am Stadtrand. Um diese Verelendung zu verhindern, möchte der Staat mit viele Projekten „die Stadt aufs Land bringen“. Überall in Äthiopien sehen wir große Neubausiedlung, oft mitten auf dem Land im Nirgendwo. Teilweise bewohnt, oft noch im Bau befindlich. Der Gedanke dahinter ist: Die Landbewohner sollen in ihrer Gegend bleiben und weiter ihre Felder bestellen. Dennoch können sie durch diese neuen Siedlungen auch städtische Vorzüge genießen. Die neuen Häuser sind massiv aus Stein gebaut mit Blechdächern. Anders als die bisherigen Hütten aus Eukalyptusstangen mit einem Lehm/Dung-Verputz. Der äthiopische Staat plant anscheinend, bis zu 8000 solche Siedlungen im Land zu bauen.
Mittags erreichen wir unser bereits bekanntes Hotel in Ziway am See. Wir genießen einen Kaffee samt Weihrauch.
Dann bemerken wir plötzlich über das Dach einige Meerkatzen heranpirschen. Das ungewohnte Rotel lockt sie an.
Als ich um das Rotel rumlaufe, sehe ich gerade noch eine Meerkatze von einem offenen Fenster der Fahrgastkabine wegspringen. Zum Glück war jemand im Bus, so das der freche Räuber sich doch nicht getraut hat, rein zuklettern. Nach und nach schließen alle ihre Kabinenfenster, denn die „Belauerung“ durch die Meerkatzen geht noch einige Zeit weiter. Danach laufen wir alle zum See und sehen dort wieder viele Vögel. Einige unternehmen spontan einen Bootsausflug auf eine Insel, wo es ein altes Kloster mit Bibliothek gibt. Aber ob das Kloster offen ist, wisse der örtliche Guide nicht. Wir verzichten daher. (Gut so. Das Kloster war geschlossen.) Auf der größten der fünf Inseln (Tullu Gudo) im Ziway-See soll nach der Zerstörung der Stadt Axum einige Zeit die Bundeslade in Sicherheit gebracht worden sein. Über die Geschichte des axumitischen Reiches und der Bundeslade werden wir noch mehr hören, wenn wir im späteren Verlauf der Reise die Stadt Axum erreichen - was aber leider deutlich schwieriger werden würde, als wir jetzt ahnen.
Zurück auf beim Hotel gehe ich erst mal auf Fotopirsch.
Weissbrauenweber ?
Senegalamarant ??
Dorfweber ?
Afrikadrossel ?
Mennigbrust-Nektarvogel ?
Blaubrustspint ?
Teil 1820. Jan. 2020
22.11.2019 Auf nach Norden Am Morgen laufe ich wieder alleine im Morgenlicht zum See. Genieße nochmals den Anblick der vielen Vögel – und sehe meinen ersten Wiedehopf in Afrika !
Silberreiher
Haubenzwergfischer ?
Schafstelze ?
Wir fahren heute zunächst wieder nach Addis Abeba. Ein langes Stück davon auf der neuen, vierspurigen Autobahn, die einige Zeit parallel zur neuen Eisenbahnlinie nach Dschibouti verläuft. Es hat wieder zu regnen begonnen. Auf der Autobahn kommen wir auch an Bishoftu (ehemals Debre Zeyit) mit seinen bekannten Kraterseen vorbei. Hier in der Nähe ist auch die Maschine der Ethiopian Airline aufgrund des Softwarefehlers von Boeing abgestürzt. Die Einfahrt nach Addis Abeba gestaltet sich aufgrund einer Baustelle recht chaotisch, Wir müssen zeitweise auf eine nicht geteerten Umleitung, die einfach durch Brachland geebnet wurde. Richtige Fahrspuren sind kaum erkennbar, so das sich der Verkehr in beide Richtungen jeweils einen eigenen Weg bahnt. Mittags besorgen meine Frau und ich uns in Addis Abeba in einem Cafe/Bäckerei nur einige Gebäckstücke für unterwegs. Dann laufen wir beide noch zur Medhane Alem Kathedrale.
Da heute ein Feiertag für St. Michael ist, findet ein Gottesdienst statt. Wir laufen durch das Tor auf das Gelände, bleiben dann aber zögernd stehen. Bei äthiopischen Gottesdiensten ist es wie gesagt üblich, dass die Gebete der Priester per Lautsprecher nach draußen übertragen werden, denn viele der Gläubigen bleiben außerhalb der Kirche und beten dort. Daher sind überall auf dem Gelände in Andacht versunkene Gläubige verteilt. Ein alter Wächter sieht uns beide und winkt uns heran. Auf unsere Frage teilt er uns mit, wir könnten ruhig herumlaufen. Nur in der Kirche sollen wir nicht fotografieren. Aber wir wollen eh nicht als Touris in den laufenden Gottesdienst in der Kirche platzen. Wir laufen nur eine langsame Runde um die Kirche, beobachten die Menschen und lassen die Stimmung auf uns wirken.
Teil 1920. Jan. 2020
Danach geht die Fahrt weiter nach Norden. Wir kommen jetzt ins Hochland auf 2.800 Meter. Wieder gibt es Regenschauer.
Unsere Reiseleiterin ist seit 13 Jahren in Äthiopien zu dieser Jahreszeit unterwegs und hat noch NIE Regen erlebt. Langsam machen sie und der Fahrer sich Sorgen. Wenn es weiter regnet, bekommen wir im Norden Probleme. Eine Tagesetappe führt uns auf einer nicht asphaltierten Piste nach Mekele. Bei Regen ist die Strecke nicht zu fahren. Hoffen wir also auf ein Ende des Regens. Auch die Bauern können diesen gerade gar nicht brauchen. Überall läuft die Teff-Ernte. Dazu ist trockenes Wetter notwendig. Um den langen Fahrtag etwas zu verkürzen, erzählt uns unsere Reiseleiterin unter anderem eine schöne Legende aus Äthiopien: Die orthodoxen Äthiopier glauben, zur Geburt kommt ein Engel zu jedem Baby und erzählt ihm alles über das Leben. Das Baby schreie in dem Moment zum ersten Mal, wo der Engel ihm vom Sterben berichtet. Hier im Hochland nördlich von Addis Abeba sehen wir viele neu gebaute chinesische Fabriken. Alle meterhoch eingezäunt. Die Chinesen sind in Äthiopien überall präsent. Sie bauen viele Straßen. Aber leider nicht besonders gut. Einfache Teerdecke auf Schotter. Fertig. Geht schnell, ist aber spätestens nach 10 Jahren komplett kaputt und nicht mehr befahrbar. Die Äthiopier haben einen eigenen, spöttischen Namen dafür: Ghiro Road. (Ghiro = Kichererbenbrei). Auch die neue Hochbahn in Addis Abeba stammt von den Chinesen. Dafür erhalten Sie aber auch alle Einnahmen aus den Fahrkartenverkauf. Auch sehen wir viele oft rote LKWs „Made in China“ auf Äthiopiens Straßen. Die Äthiopier nennen diese LKWs „Roter Terror“.
Denn die Bauart ist veraltet. Die LKWs sind noch mit uralter Plattenfedern-Technik ausgestattet. Es sind Blattfedern, die auch heute noch bei uns verwendet werden. (Dank an Stefan-Hannover)
Was für eine sehr schlechte Kurvenlage sorgt.
Die mangelhafte bis gar nicht vorhandenen Fahrausbildung der äthiopischen Fahrer und der verbreiteten Neigung, die LKW hoffnungslos zu überladen, sorgt für viele verheerende LKW-Unfälle. Wir kommen auf unserer Reise täglich an solchen Unfällen vorbei.
Die Dörfer der hier ansässigen Amharen und Oromo (hier sind auch die Oromo meist christlich) liegen alle auf Anhöhen und sind durch Mauern mit Toren als Durchlass eingefasst. Richtige Wehrdörfer also.
Teil 2020. Jan. 2020
Am späten Nachmittag erreichen wir Debre Berhan. Nachdem die bis 1974 in Äthiopien herrschende salomonische Dynastie (die sich auf die alten axumitische Könige berief) im Jahr 1270 der Zwage-Dynastie (Lalibela) die Macht entrissen hatte, wurde Debre Berhan unter dem neuen König Yakunno Amlak (1270-85) zur ersten Hauptstadt dieser Herrscherlinie. Die nächsten 300 Jahre bevorzugten es die salomonischen Herrschen dann allerdings, keine feste Residenzstadt zu haben, sondern wie unsere mittelalterlichen Kaiser von Pfalz zu Pfalz zu ziehen. Ein riesiger Hofstaat zog mit und so wurden die Regierungsgeschäfte jeweils direkt vor Ort erledigt. Erst Kaiser Fasilidas (1632-1667) baute dann in Gondar eine neue, ständige Hauptstadt. Aber dazu jeweils mehr, wenn wir auf unserer weiteren Reise Lalibela, Axum und Gondar erreichen werden.
Am Stadtrand kommen wir auch an den hier ansässigen Brauereien Habesha und Dashen vorbei. Beim Hotel Getva direkt an der Hauptstraße bauen wir auf. Das Hotel gehört der bekannten Läuferin Gete Wami. Sie war Weltmeisterin und zweifache Medaillengewinnerin bei Olympia. Von ihren Preisgeldern hat sie das Hotel für ihre Familie gebaut.
Da wir etwas Zeit haben und heute ja ein kirchlicher Feiertag ist, laufen meine Frau und ich noch ein Stück durch die Stadt zu Kirche des Lichts Debre Birhan Selassie. Laut der Überlieferung soll der Kaiser Zara Yaqob an der Stelle ein übernatürliches Licht gesehen haben und daraufhin den Bau der Kirche angeordnet haben. Historiker vermuten, das dies 1456 stattfand und der Kaiser den Hally´schen Kometen gesehen hat. Auf dem Weg dorthin sehen wir bereits viele Menschen in weißen Festtagsgewändern (Netala). Vor dem Gelände der Kirche halten wir wieder einen Moment. Wir sehen, das die Frauen rechts durch ein Tor auf das Gelände gehen, Männer links. Wir beide machen es genauso. Niemand hindert uns. Ich laufe bis vor zur Kirche. Hier sind Stühle aufgestellt. Viele junge Männer sitzen hier und beobachten mich etwas skeptisch, wie mir scheint. Nach einiger Zeit kommt ein alter Würdenträger aus einer Seitentür der Kirche und läuft quer über den Platz nahe an mir vorbei. Ich grüße ihn mit erhobener Hand und „Salam“. Er spricht mich sofort auf englisch an, fragt wie es mir geht. Ich frage ihn, ob es in Ordnung ist, wenn ich hier stehe. Er bejaht dies. Natürlich, gar kein Problem. Ich zeige auf meine Kamera, ob ich ein Foto der Kirche machen dürfe. Aber ja, meint er, ich könne sehr gerne hier fotografieren. Er verabschiedet sich von mir und geht weiter. Da die jungen Männer alle gesehen haben, wie der Würdenträger mit mir gesprochen hat und meine Anwesenheit legitimiert hat, beobachten sie mich jetzt auch nicht mehr. Jedenfalls kommt es mir so vor. Ich mache dezent 1-2 Fotos der Kirche, um die Andacht der Gläubigen , die zumeist im gartenartigen Kirchengelände hinter mir stehen, nicht zu stören.
Ich laufe ein Stück weiter, treffe dort meine Frau, welche die Kirche umrundet hat und möchte aus dieser Position noch ein Foto machen. Sofort ist ein ungepflegter Mann mit fanatischem Blick, (der kein Festtagsgewand trägt), zur Stelle und bedeutet mir, keine Fotos zu machen. Ich lasse es. Mit solchen Menschen kann man nicht reden. Später erzählt mir meine Frau, das dieser wohl selbsternannter „Religionswächter“ ihr bereits argwöhnisch um die gesamte Kirche gefolgt ist. Innerhalb kürzester Zeit erlebe ich hier also die die beiden Extreme des Glaubens: Zum einen die menschenfreundliche Toleranz, ja Nächstenliebe des alten Würdenträgers, der Verständnis und Nachsicht mit mir neugierigen Touristen hat. Und dann die extreme Intoleranz des selbsternannten Religionswächters. Wir laufen zügig zurück, da erneut dunkle Wolken aufziehen. Es regnet wieder die ganze Nacht.
Was wir während der Reise noch nicht ahnen: Es handelt sich bei den ungewöhnlichen Regenfällen möglicherweise um die ersten Vorboten eines besonders starken "Indischen Ozean Dipol", das Gegenstück zum El Nino im Pazifik. Diese Wetteranomalie sorgt durch ungewöhnlich kaltes Wasser vor Australien für eine langanhaltende Trockenheit, was dort zu den starken Bränden geführt hat. Vor Ostafrika dagegen führt ungewöhnlich warmes Wasser zu verstärkten Regenfällen - und diese Regenfälle haben dort mittlerweile eine riesige Heuschreckenplage in Äthiopien, Somalia, Tansania, Uganda ausgelöst. Die sich leider nach verstärken könnte, wenn dort im März die regulären Regenfälle beginnen. 🙁 Die Menschen dort treffen diese durch den Klimawandel verstärkten natürlichen Phänomene mal wieder besonders hart. 🙁
Nachtrag im Jahr 2021: Einer Beobachtung habe ich damals keinerlei Bedeutung beigemessen. Unser Rotel stand in dieser Nacht im Garten des Hotels direkt an der Hauptstraße nach Norden. Ich bin mehrmals in der Nacht aufgewacht durch das Brummen einer langen Kolonne von Militärtransportern russischer Bauart der äthiopischen Armee. Das äthiopische Militär verlagerte anscheinend in dieser Nacht Militäreinheiten. Was mich im Halbschlaf wunderte: Warum fahren die nach Norden Richtung Tigray ? Im Süden um Harar rumort es doch gerade im Gebiet der Oromo ?? Mittlerweile wissen wir, was in der Region Tigray seither geschehen ist. Es herrscht Krieg. Die andauernden Gebete der Priester für Frieden haben nichts bewirkt. Leider. Ob diese Militärbewegungen damals schon Vorboten des Kommenden waren oder einfach "normale" Militärbewegungen im Land kann ich natürlich nicht sagen. Dennoch ist mir dies sofort wieder eingefallen, als die ersten Nachrichten vom Einmarsch der äthiopischen Armee in die Region Tigray mit den damit verbundenen Kämpfen bei uns ankamen.