Reisebericht - vom Pazifik zum Polarmeer

Reisebericht 64 Antworten · 3'623 Aufrufe · gestartet 29. Okt. 2025 von BikeAfrica
Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200617. Feb. 2026 ·
Verlässt man Fairbanks in östlicher Richtung gelangt man schnell nach Norht Pole, der Heimat des Santa Claus. Hierher schicken amerikanische Kinder vor Weihnachten ihre Wunschzettel. Ein „Santa Claus, North Pole“ auf dem Umschlag reicht aus. Eine genaue Anschrift ist unnötig. Hier gibt es ein größeres Geschäft für Weihnachtsartikel, in dem das ganze Jahr Weihnachten ist. Vor dem Haus steht ein 12 m hoher Nikolaus aus Glasfiber und ein Rentierschlitten mit vier echten Rentieren. Drinnen läuft das ganze Jahr ein Nikolaus mit rotem Mantel, langen Haaren und Rauschebart rum, auch wenn es wie heute gerade 30 Grad heiß ist. Heute tummelt sich noch eine ganze Busladung japanischer Touristen dort. An den Wänden und jeder freien Stelle sind Wunschzettel der Kinder angepinnt.

Nicht viel später kommt ein Roadhouse, vor dem ein Tieflader mit monströsen Reifen steht. Einen praktischen Nutzen scheint das Ding nicht zu haben. Es ist wohl eher als Blickfang für das Roadhouse gedacht, denn es stand im Vorjahr bereits dort. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Reifen einen Durchmesser von 3,20 m oder 3,30 m haben und die größten Reifen Alaskas seien.

image0203.jpg


Irgendwo entlang der weiteren Strecke stehen entlang eines größeren Waldbrandgebietes die Überreste eines Strommastes (auch das sah im Vorjahr schon genauso aus).
Wäre der Mast noch vorhanden, würden die gläsernen Isolatoren an selbigem befestigt sein. Im Museum von Watson Lake, das sich mit dem Bau des Alaska Highways befasst, wurden solche Isolatoren ausgestellt und erklärt, dass sie bereits 1942 beim Bau des Highways verwendet wurden. Zum Reisezeitpunkt wurde sie nach und nach durch modernere ersetzt. Im Vorjahr habe ich zwei unterschiedliche dieser Isolatoren am Straßenrand gefunden, die nach Irgendwelchen Arbeiten liegengelassen wurden. Ich habe sie als Andenken wieselflink sichergestellt.

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Am Nachmittag erreiche ich ein weiteres Roadhouse, hinter dem sich eine Zeltwiese befindet. Zufällig sind noch zwei weitere Personen dort, die zufällig ebenfalls mit dem Rad unterwegs sind und sich zufällig hier getroffen haben. Es würde ja sehr mit dem Zufall zugehen, wenn sie nicht zufällig auch aus Deutschland wären. Sie kommt aus Raum Frankfurt und er aus Hamburg. Nachdem wir ein wenig quatschen, verabreden wir einen Treffpunkt für den nächsten Tag, 90 km entfernt.
An die Wiese schließt ein typisches Landschaftsmerkmal an – Feuchtgebiete mit Seen und schiefstehenden Bäumen, die häufig als drunken forrests bezeichnet werden, weil sie aussehen wie eine Horde herumtorkelnder Betrunkener.
Der Boden besteht fast im ganzen Land aus Permafrostboden, der bis in große Tiefen gefroren ist. Im Sommer taut er oberflächlich auf. Das gebundene Wasser kann nicht in die gefrorenen Schichten versickern und es bilden sich teilweise große Sumpfgebiete. Die Baumwurzeln reichen nicht in die gefrorenen lagen, finden im sumpfigen aber nicht genügend Halt, so dass die Bäume zu Seite kippen.

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Und wo es Sumpfgebiete gibt, sind Moskitos nicht weit. Dazu später noch von weiter aus dem Norden, denn es wird immer schlimmer, je weiter man nach Norden kommt. Ich habe bereits in Fairbanks einen Mückenstift mit 37,5% DEET gekauft. Der funktioniert sehr gut. Jedenfalls dann, wenn man dem Moskito das Ding auf den Schädel schlägt.
Ich frage unterwegs Straßen- und Waldarbeiter, was die so verwenden. Sie nehmen Muskol mit 95% DEET ...

Gruß
Wolfgang
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Eswatini (Swaziland), Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200617. Feb. 2026 ·
190 km nach Fairbanks erreiche ich Big Delta und bei der Einfahrt in die Siedlung begegne ich zunächst sechs Elchen, die jeweils einzeln in irgendwelchen Vorgärten stehen und quietschvergnügt die Blumenbeete leerfressen.
Den ersten Menschen, den ich treffe, frage ich, ob es hier einen Laden/Supermarkt/Shop gäbe.
„Selbstverständlich. Big Delta ist eine große Stadt. Hier leben 300 Menschen. Hier gibt es alles.“
In solchen Momenten lernt man, seine Weltanschauung neu zu justieren. 300 Einwohner sind hier eine große Stadt, zuhause ein verschlafenes Kuhdorf.

Ab etwa hier wird die Landschaft abwechslungsreicher und bergiger. Man fährt hier wieder parallel zur Bergkette der Alaska Range, die man nördlich des Denali Nationalparks schon mal überqueren musste. Die hier zu sehenden Berge sind bis 4.800 m hoch und scheinen zum Greifen nah, sind aber noch 70 km entfernt.

range01.jpg



Nur 30 km weiter ist Delta Junction, das offizielle Ende des Alaska Highway, der in Dawson Creek in British Columbia in Canada beginnt. Von hier sind es noch ein paar Tage auf dem Alaska Highway, bevor ich diesen bei Tetlin Junction nach bisher etwa 1.550 km in Richtung Norden verlasse.

alcan01.jpg


wald02.jpg


truck01.jpg


tipi01.jpg


Vor mir liegen noch 1.100 km und der mit Abstand spannendste Teil der Reise.
Vor euch liegt jetzt ein Beitrag, der einige Infos über den Alaska Highway und Alaska selbst liefert, da ich davon ausgehe, dass diese zumeist unbekannt sind.

Gruß
Wolfgang
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Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200618. Feb. 2026 ·
Jetzt, da ich den Alaska Highway verlasse, noch ein paar Infos zu diesem und zu Alaska selbst.

Wie auch ihr vielleicht nicht wisst, gehörte Alaska früher zu Russland. Als das russische Zarenreich 1856 den Krimkrieg verlor und Ebbe in der Staatskasse war und man ohnehin erkannte, dass die Verwaltung der Region kaum zu bewerkstelligen war, verkaufte man Alaska 1867 für 7,2 Mio US-Dollar an die USA. Das Gebiet schien nutzlos und war komplett unerschlossen. Die riesigen Vorkommen an Erdöl und Erdgas waren ebenso unbekannt (und damals noch nutzlos) wie die Vorkommen an Bodenschätzen wie Gold und Kupfer. Krabbenfischerei und Tourismus waren auch kein Thema. Die beteiligten US-Politiker wurden von der Bevölkerung verspottet.

Alaska leitet sich her von Alyeska, dem Wort der Athabascan-Indianer für „Weites Land“. Es ist größer als die drei nächstgrößten Bundesstaaten der USA zusammen. 17 der 21 höchsten Gipfel der USA liegen in Alaska. Etwa 70% aller Siedlungen haben keine Straßenverbindung. Die Hauptstadt Juneau ist weltweit die einzige, die auf dem Festland liegt, aber vom Rest des Landes nicht über eine Straße erreichbar ist. Obwohl Alaska fünfmal so groß ist wie Deutschland, gibt es nur drei Straßen in Ost-West- und nur zwei in Nord-Süd-Richtung.

Bzgl. der Wetterverhältnisse stößt man immer wieder auf völlig falsche Vorstellungen, denn Alaska hat wie Deutschland vier Jahreszeiten. Man nennt sie Juni, Juli, August und Winter. Gerade in Zentralalaska kann das Wetter mit Sonnenschein und wochenlang Temperaturen über 30 Grad besser sein als in Deutschland. Im Winter wird es allerdings etwas „schattiger“ als bei uns.
In der offiziellen Wetterstation in Circle in Zentralalaska liegen die Messwerte für den höchsten und tiefsten Wert mit +37 und -63 Grad Celsius genau 100 Grad auseinander. Das übertrifft weltweit nur Werchojansk in Sibirien mit 105 Grad (+37 / -68 Grad).

Nun ein kleiner Ausflug in die Geschichte und zum Bau des Alaska Highways.

Im Dezember 1941 griffen die Japaner überraschend den US-Marinestützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii an und zerstörten den Großteil der US-Pazifikflotte. Die USA traten nun offiziell in den Zweiten Weltkrieg ein und erkannten, dass sie im Falle eines japanischen Angriffs Alaska kaum würden verteidigen können. Man verhandelte mit Canada, durch deren Staatsgebiet eine Straße nach Alaska bauen zu dürfen, um Nachschub gewährleisten zu können. Es gab damals keine Möglichkeit, Alaska auf dem Landweg zu erreichen. Anfang März 1942 begannen die Arbeiten. Es gab bisher eine Piste von Fairbanks bis Delta Junction in Alaska und auf canadischer Seite bis Dawson Creek in British Columbia. Dazwischen lagen fast 2.500 km unerforschte Wildnis. Permafrostböden, Sumpfgebiete und große Flüsse erschwerten das Vorhaben. Die US-Soldaten aus den südlichen Bundesstaaten waren die klimatischen Verhältnisse nicht gewöhnt noch hatten sie Erfahrung im Straßen- oder Brückenbau oder im Umgang mit schweren Baumaschinen. Dennoch wurde die Piste bis Mitte Oktober 1942 fertiggestellt und dabei 200 Brücken gebaut.

Doch bereits im Juni 1942 war eingetreten, was die USA befürchtet hatten. Die Japaner hatten den Hafen Dutch Harbor auf der Aleuten-Insel Unalaska (ja, die heißt wirklich so) zerstört und zwei andere Inseln besetzt (die Aleuten sind eine Inselkette im Südwesten Alaskas).
Erst im Juni 1943 konnten die USA die Inseln zurückerobern. In der Zwischenzeit waren über 8.000 Kampfflugzeuge und Bomber aus den südlichen USA entlang der Flugpisten des Alaska Highway nach Alaska verbracht. Manche Quellen berichten, das sei schon vor Fertigstellung des Alaska Highway geschehen, was jedoch die Frage aufwirft, wie die immensen Mengen Treibstoff zum Auftanken dorthin gekommen sein sollen. Die Erklärungen im Museum von Watson Lake habe ich zumindest so verstanden, dass die Straße zu diesem Zeitpunkt bereits fertig war.

Wie auch immer … - schließlich wurde die große Zahl an Flugzeugen nach Sibirien überführt, wo sie eine russische Lackierung erhielten und von russischen Piloten übernommen wurden. Dann wurden sie quer durch Sibirien und das restliche Russland geflogen und kamen an der deutschen Ostfront zum Einsatz, wo die Wehrmacht gegen zusätzliche 8.000 Flugzeuge keine Chance hatte und schließlich kapitulierte.

Der Alaska Highway blieb bis 1948 eine Militärstraße und wurde erst dann für den öffentlichen Verkehr freigegeben. Auch heute noch kann man nicht über den Landweg nach Alaska gelangen, ohne diese Straße zu benutzen. Es gibt zwar ca. 100 km weiter nördlich einen weiteren Grenzübergang, aber diese Strecke mündet an beiden Enden wieder in den Alaska Highway.

Gruß
Wolfgang
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897 Beiträge · seit 201718. Feb. 2026 ·
Danke für den Geschichtsunterricht ! Mittlerweile habe ich deine Route auch auf Maps gefunden und bin gespannt, wie es weiter geht.
Liebe Grüße Makra
210 Beiträge · seit 201718. Feb. 2026 ·
Das ist ein superinteressanter Reisebericht! Danke!!! Ich bin gespannt wie es weitergeht,
2018 Erfahrungen unserer Reise nach Namibia 2017 Stippvisite im Iran
Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200618. Feb. 2026 ·
Makra schrieb:Danke für den Geschichtsunterricht ! Mittlerweile habe ich deine Route auch auf Maps gefunden und bin gespannt, wie es weiter geht.

Die Geschichte mancher Reiseländer kann total spannend sein.
In der Schule war Geschichtsunterricht immer total öde. Da wurden Jahreszahlen und Ortsnamen auswendig gelernt und man hatte keinen Bezug dazu. Was interessieren heute im Alltag die alten Germanen, Kelten, Ostgoten, Römer, Ägypter oder Etrusker? Man hat nicht mal erfahren, dass die Sumerer das Bierbrauen erfunden haben. 😉

Geschichte war so spannend wie einer Pfütze beim Verdunsten zuzuschauen.
Heute schaue ich auch gerne mal in die Vergangenheit der Reiseländer. Deshalb habe ich auch Länder wie Rwanda und Sierra Leone besucht.

Im späteren Verlauf muss ich zu Dawson City ebenfalls noch einen Abstecher in die Vergangenheit einbauen. Da spielen auch Personen wie Jack London oder Thomas Alfa Edison mit, die so ziemlich jeder kennen dürfte.

Gruß
Wolfgang
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Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200619. Feb. 2026 ·
marianne2014 schrieb:Das ist ein superinteressanter Reisebericht! Danke!!! Ich bin gespannt wie es weitergeht,

Danke!
Für viele Forenmitglieder ist es vielleicht weniger interessant, da es nicht um Afrika geht, wenig Bilder vorkommen und keine Tipps zu Unterkünften. Ich habe oftmals den Eindruck, die Unterkünfte wären wichtiger als der Rest.
Bei meinen Reisen sind Übernachtungen in der Regel nur notwendige Stopps zwischen den Erlebnissen.

Gruß
Wolfgang
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Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200619. Feb. 2026 ·
Ich verlasse den Alaska Highway und begebe mich auf die Schotterpiste des Taylor Highways. Nach wenigen Metern ein Schild: „Road Construction next 20 miles“. Wie man am Straßenrand sehen kann, liegt hier 30 cm hoch loser Schotter. Das ist erst der Unterbau, denn der Schotter ist vergleichbar mit grobem Gleisschotter und noch nicht mit einer Walze verdichtet. Mit einem beladenen Fahrrad ist das extrem doof zu fahren. Nach wenigen Kilometern beginnt der Bereich mit den eigentlichen Bautätigkeiten. An solchen Stellen steht dann ein sog. Stop-Go-Girl und ein Pilotcar. Die Frau hält ein Schild, auf dem auf einer Seite „Stop“ und auf der anderen Seite „Go“ steht. Auf der anderen Seite der Baustelle steht ein ebensolches Duo. Von Zeit zu Zeit verständigen sich beide Seiten und auf einer Seite setzt sich das Pilotcar in Bewegung und das Stop-Go-Girl dreht ihr Schild auf „Go“. Wartende Autofahrer fahren nun hinterher. In diesem Fall ist der Fahrer des Pilotcars auch weiblich und hat mir vorher geholfen, das beladene Rad auf den Pickup zu wuchten.

Hier darf man natürlich nicht mit dem Fahrrad durch. In den Baustellen sind Walzen, Grader, Bagger und Bulldozer unterwegs (alle ein bisschen größer als bei uns) und Muldenkipper der 70-Tonnen-Kategorie. Diese Fahrzeuge sind etwa 4 m breit und 4,5 m hoch und am Steuer sitzen nicht selten 16-jährige Mädels, die das offenbar als Ferienjob machen.

Auf dem weiteren Weg passiert man noch 2-3 Hütten von Goldsuchern sowie eine Dredge aus der Zeit des Goldrauschs. Das sind hölzerne dampfbetriebene Schwimmbagger, in denen der Prozess vom Baggern über Waschen/Sieben und Ausstoß des Abraums automatisiert sind. Da ich keinen Scan von meinen Dias habe, verlinke ich hier mal ein Foto von diesem Teil aus Wikipedia, damit man sich das besser vorstellen kann. Ich meine, die Dredge wäre so etwas um die 70 Meter lang gewesen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Goldbagger#/media/Datei:Dredge_in_Chicken,_Alaska.jpg

Zwei Jahre nach meiner Reise wurde das Ding zerlegt und ins nahegelegene Chicken verbracht, wo man es als historisches Denkmal anschauen kann. Zum Reisezeitraum liegt es einfach unbeachtet am Pistenrand.
Chicken ist auch mein heutiges Etappenziel. Es ist eine der skurrilsten Ortschaften auf der Reise. Diese Siedlung entstand um 1896 zur Goldgräberzeit. Wikipedia schreibt, anfangs hätten hier bis zu 400 Menschen gelebt. Die Angaben aus Alaska sprachen damals von 25. Das war auch zum Zeitpunkt der Reise zufällig die Einwohnerzahl. In kleinen Siedlungen ist es üblich, dass die Einwohnerzahl auf dem Ortsschild vermerkt ist. Bei jeder Änderung wird die bisherige Zahl durchgestrichen und durch die neue ersetzt. Obwohl die Siedlung nur so wenige Einwohner hat, zieht er sich doch in die Länge, weil die Hütten sehr großen Abstand voneinander haben. Irgendwo steht ein Wegweiser mit der Aufschrift „Downtown“. Hier stehen drei Blockhütten direkt nebeneinander, gegenüber eine einzelne Zapfsäule und nicht weit davon eine kleine Werkstatt.

image0304-2.jpg


In der rechten Hütte ist ein kleines Lokal. Hier gibt’s Burger, Hot Dogs und solche Dinge. In der mittleren Hütte befindet sich ein Lebensmittelladen und links ein Hardware Store.
Hier gibt es auf der Fläche einer durchschnittlichen Supermarktkäsetheke alles von der Angelausrüstung bis zum Jagdgewehr, Gummistiefel, Arbeitsschuhe und -klamotten, Motorsäge und Axt, Spitzhacke und Schaufel, Sägen und anderes Werkzeug, Petroleumlampen und Petroleum, Schweißgeräte, Autoersatzteile wie Keilriemen, Luftfilter, Ölfilter, Glühbirnen, Motoröl. So viel verschiedenes Zeug auf so kleiner Fläche habe ich noch nie gesehen.

Die Namensgründung der Siedlung hat einen kuriosen Hintergrund. Die Bewohner der Siedlung waren sich schnell einig, dass man den Ort nach dem Schneehuhn benennen wollte, dem Staatsvogel Alaskas. Das Schneehuhn war häufig in der Region und stand auch häufig auf dem Speiseplan, aber man konnte sich über die Schreibweise Ptarmigan nicht einigen. So sei aus dem Schneehuhn am Ende das Huhn geworden.

Gruß
Wolfgang
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3'883 Beiträge · seit 201119. Feb. 2026 ·
BikeAfrica schrieb:

Für viele Forenmitglieder ist es vielleicht weniger interessant, da es nicht um Afrika geht, wenig Bilder vorkommen und keine Tipps zu Unterkünften. Ich habe oftmals den Eindruck, die Unterkünfte wären wichtiger als der Rest.
Bei meinen Reisen sind Übernachtungen in der Regel nur notwendige Stopps zwischen den Erlebnissen.

Gruß
Wolfgang
Nein, nein, Wolfgang, das sieht nur so aus, weil die Fotos der tollen Unterkünfte immer so viel Platz in den RBn einnehmen. Es gibt genügend viele Fomis, die nicht nur in Afrika, sondern im Allgemeinen ihre Unterkünfte, Campingplätze usw. nur zum Schlafen und sich erholen einplanen. Jede/r wird auf eine andere Art auf Reisen glücklich.
LG freshy
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1'014 Beiträge · seit 201619. Feb. 2026 ·
Ich finde den Bericht super interessant, auch ohne viele Fotos.

Danke dafür

Yanjep
Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200620. Feb. 2026 ·
Am nächsten Tag geht es weiter In Richtung Grenze. Es ist bisschen kühl und irgendwie läuft es heute nicht so gut. Die Piste ist außerdem auch mental zermürbend. Man sieht weit voraus, dass es ständig hoch und runter und um die Ecke geht. Jeder Höhenmeter, den man sich hocharbeitet, verliert man nach der nächsten Kurve wieder und man weiß es die ganze Zeit und über Stunden.

top01.jpg


Mir kommen die Zeilen von US-Sergeant Roy Hise in den Sinn, die er zum Alaska Highway verfasst hat. Hier passen sie auch.

Winding in and winding out
fills my mind with serious doubt
as to whether the lout
who planned this route
was going to hell
or coming out.

Am Nachmittag erreiche ich die Boundary Lodge, eine Blockhütte, deren marodes Dach von einer großen Plane wasserdicht gehalten wird.

image0305.jpg


Die Grenzstation ist bereits in Sichtweite und ich kehre ein, um ‚nen heißen Kaffee zu trinken. Der Kaffee sieht bisschen dünn aus in der Kanne. Da ist zuhause ja mein Tee dunkler. Egal – warm und nicht ganz geschmacksneutral. Als Radfahrer hat man seine Ansprüche ja einigermaßen im Griff. Ich bestelle eine zweite Tasse. Nun muss der Betreiber erst mal neuen Kaffee kochen und ich sehe, dass das Wasser, das er oben einfüllt, fast schon aussieht wie der Kaffee, der unten rauskommt. Belastungstest für die Darmflora? Die Geschmacksnerven haben jedenfalls knapp überlebt.

Danach geht’s zur Grenze und ab in den Yukon. Der Yukon ist ja noch alaskaischer als Alaska selbst.

Gruß
Wolfgang
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zuletzt bearbeitet 20. Feb. 2026
Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200620. Feb. 2026 ·
Ich radle die letzten Meter zur Grenzstation und komme kurz vor Schließung der Grenze an. An der Grenze passiere ich zum ersten Mal auf der Reise die Grenze zu einer anderen Zeitzone.
Die canadische Grenzerin sagt, dass sie in ein paar Minuten Feierabend hat und dann nach Dawson City fährt und bietet mir an, mich mitzunehmen. Die Grenzstation ist sehr exponiert und quasi auf dem Gipfel und es ist kühl und windig. Ich nehme das Angebot an und fahre mit, komme aber an einem der nächsten Tage mit dem Rad wieder ein Stück zurück.

Die Piste hat inzwischen ihren Namen gewechselt und heißt jetzt Top-of-the-World-Highway. Sie läuft fast die gesamte Zeit auf einem Berggrat und bietet zu beiden Seiten eine grandiose Aussicht. Die letzten Kilometer vor Dawson City geht es bergab bis zum Yukon River. Auf der anderen Seite liegt Dawson City. Dazwischen verkehrt (ich glaube, bis 2 Uhr nachts) eine kostenlose Fähre, die vermutlich keine festen Fahrzeiten hat, sondern einfach nach Bedarf fährt.

Auf dieser Seite des Yukon liegt der Sternwheelers Graveyard, der Friedhof der Schaufelraddampfer.

image0403.jpg


Jetzt haben die meisten Forumsmitglieder ja eine Vorstellung, wie dünn Namibia mit etwa 2 Einwohner pro Quadratkilometer besiedelt ist. Im Vergleich dazu steht Alaska 1996 bei 0,37.
Das Yukon Territory stellt das mit 0.05 aber noch mal deutlich in den Schatten. Das heißt, das ohnehin schon dünn besiedelte Namibia ist noch 40 mal dichter besiedelt als der Yukon.

Der Yukon ist so groß wie Deutschland, Dänemark, Belgien, Niederlande, Luxemburg und die halbe Schweiz zusammen. 1996 leben hier 27.000 Menschen, davon 22.000 in der südlich gelegenen Hauptstadt Whitehorse. Selbst an der im Süden befindlichen Hauptstraße Alaska Highway liegen Ortschaften auch mal 500 km voneinander entfernt. Weiter im Norden ist das fehlende Menschengetümmel derart unübersichtlich, dass man es gar nicht mehr sehen kann.

Gruß
Wolfgang
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Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200620. Feb. 2026 ·
Am nächsten Morgen gehe ich zuerst zur Tourist Information und erkundige mich nach den Wetteraussichten auf dem Dempster Highway. Es wird für die nächsten Tage eine Schlechtwetterlage erwartet, die ich besser abwarten solle. Ich lasse mir ja nicht so gerne in meine Vorhaben reinreden, aber es gibt seltene Momente, in denen auch ich auf Ratschläge höre. Dies ist so einer.

Wenn man mit dem Rad in die Arktis reist, ist es nicht die dümmste Idee, auf die zu hören, die sich dort auskennen.

Ich habe nun fünf Tage Zeit, Dawson und Umgebung zu erkunden. Es geht also zum bereits erwähnten Sternwheeler Graveyard, nochmal auf den Top-of-the-World-Highway, zum Bonanza Creek und Eldorado Creek, wo der Goldrausch seinen Anfang nahm, ins Museum und zum historischen Friedhof, der etwas abseits liegt. Alte Holzkreuze tragen die Namen und das Alter der Verstorbenen. Wenn es kein natürlicher Tod war, steht die Todesursache dabei. „Shot in the woods“ oder „Drowned in the Yukon River“ waren häufige Todesursachen. Viele der fast immer jungen Männer waren noch nicht einmal 25 Jahre alt, manche nicht einmal 20. Unter den Ertrunkenen sind viele Männer der RNWMP gewesen, der Royal North West Mounted Police, die hier damals versuchten, eine gewisse Ordnung zu schaffen, soweit dies möglich war.

Dawson City selbst ist auch sehenswert und so werden die fünf Tage nicht langweilig. Der Ort selbst sieht noch so aus, dass man ihn als Kulisse für einen Western verwenden könnte. Die Straßen sind unbefestigt und die hölzernen Bürgersteige gibt es auch noch. Alles sieht aus wie man es aus Westernfilmen kennt. Neue Gebäude müssen im damalige Baustil errichtet werden, Leuchtreklamen sind verboten und einige Gebäude aus der damaligen Zeit sind noch erhalten und in Benutzung. Viele Gebäude verfallen natürlich. Damals lebten hier 40.000 Menschen. Heute sind es noch etwa 3.500 im Sommer und 800 im Winter.

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Gruß
Wolfgang
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Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200621. Feb. 2026 ·
Hier ein erneuter Ausflug in die Geschichte. In den Hauptrollen Thomas Alfa Edison, Jack London, Robert Service, Belinda Mulrooney sowie Keish (Skookum Jim Mason), Skookum Jim (Tagish Charlie), Kate und George Carmack und natürlich Ed(ward) Jesson.

Wir beginnen mit den Akteuren, die das ganze historische Spektakel ausgelöst haben. Am 16. August 1896 war der Tagish-Indianer Keish (der Skookum Jim Mason genannt wurde) mit seinem Cousin Skookum Jim (der wiederum Tagish Charlie genannt wurde) und einer Nichte unterwegs am Bonanza Creek (ein größerer Bach in der Nähe des heutigen Dawson City), als sie im Bachbett zufällig Gold fanden. Als Indianer durften sie nach damaligem Recht jedoch keinen Claim anmelden. Zufällig trafen sie auf Keishs Schwester Kate, die mit ihrem Mann George Carmack in der Nähe am Klondike Lachse fingen. So kam es, dass George Carmack den ersten Claim anmeldete.

In der Folgezeit blieb die Sache noch lokal begrenzt und 1-2 Dutzend Claims wurden angemeldet. Die verfallenen Hütten der ersten Goldsucher findet man heute noch am Bonanza Creek und dem nahe gelegenen Eldorado Creek.

Im Frühjahr 1897 erreichte die Nachricht von den Goldfunden die Westküste der USA und verbreitete sich von dort in alle Welt. Über 100.000 Menschen von ebendieser brachen auf, um dort Gold und ihr Glück zu finden. Viele gaben unterwegs auf und kehrten um, nicht wenige kamen durch die Strapazen oder in den Stromschnellen des Yukon ums Leben. Etwa 40.000 kamen an und fast über Nacht entstand an der Mündung des Klondike in den Yukon die größte Stadt nördlich von Seattle und westlich von Winnipeg.

Unter den Glücksrittern waren auch Jack London und Ed Jesson. Thomas Alfa Edison, der als Erfinder der Glühbirne bekannt wurde (und außerdem auch den Elektrischen Stuhl erfand), war mit einer der ersten transportablen Filmkameras unterwegs. Kopien seiner Filmaufnahmen kann man heute als wichtige Zeitzeugnisse dieser Ära im Museum von Dawson City anschauen. Robert Service war ein Banker, der von Whitehorse nach Dawson kam. Er wurde durch seine Gedichte als „Barde des Yukon“ bekannt. Seine Werke wurden in einem Buch mit dem Titel „The Songs of a Sourdough“ (Die Lieder eines Sauerteigs – wie kommt man bloß auf einen solchen Titel?) veröffentlicht. Während meines Aufenthalts findet jeden Nachmittag vor dem ehemaligen Blockhaus von Robert Service eine Lesung statt durch einen grauhaarigen Mann mit einem Vollbart, der zu Z.Z. Top passen könnte. Er trägt einen Frack und Zylinder und sitzt auf einem Stuhl im Garten vor der Hütte.

Belinda Mulrooney war eine junge Frau, die nach Dawson kam, um durch Handel am Aufschwung zu profitieren. Sie war so geschickt, dass sie bald die reichste Frau des Yukon war. Mehrfach musste sie nach Schicksalsschlägen wieder bei Null beginnen, kam aber jeweils wieder nach oben. Wenn ich zehn beindruckende Personen der Geschichte auf eine Liste schreiben könnte, mit denen ich mich einmal unterhalten können wollte, würde sie ganz weit oben stehen. Kaum jemand kennt ihren Namen, aber ich verspreche euch, dass es sich lohnt, den Wikipedia-Artikel über sie zu lesen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Belinda_Mulrooney

Jack London blieb als Goldsucher erfolglos, erkrankte aufgrund der harten Lebensumstände an Skorbut und kehrte zurück in den Süden. Seine Erfahrungen am Klondike verarbeitete er in den Romanen „Lockruf des Goldes“, „Ruf der Wildnis“ und „Wolfsblut“, durch die er bekannt wurde. Er verstarb aufgrund gesundheitlicher Probleme mit nur 40 Jahren.

Ed Jesson schließlich bringt uns mit einer eleganten Kurve wieder zurück zum Radreisen. Nach wenigen Jahren wurden die Erträge bei Dawson City niedriger, während um 1900 Nachrichten von neuen Goldfunden bei Nome an der Westküste Alaskas ankamen. Viele Goldsucher beschlossen, Dawson City zu verlassen und nach Nome zu fahren. Sie warteten, bis der Yukon auftaute, um mit dem Boot zu fahren, doch Ed Jesson wollte schneller sein. Er kaufte für 150 Dollar ein gebrauchtes Postfahrrad, lernte in 2-3 Tagen das Radfahren und brach am 2. März 1900 bei minus 30 Grad auf, um auf dem zugefrorenen Yukon die 1.000 Meilen (1.600 km) bis Nome zu fahren, wo er fünf Wochen später ankam. Er dürfte der erste Langstreckenradler in Alaska und dem Yukon gewesen sein.

Soweit die heutige Geschichtsstunde … 😉

Gruß
Wolfgang
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Eswatini (Swaziland), Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
zuletzt bearbeitet 21. Feb. 2026
Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200621. Feb. 2026 ·
Bis Dawson City war alles eine recht einfache Angelegenheit. Jetzt beginnt der Teil, vor dem ich Respekt habe.

Es ist etwa 20 Uhr, als ich Dawson City verlasse. Ich möchte die 40 km bis zur Abzweigung zum Dempster Highway fahren. Dort soll es ein Roadhouse geben, wo ich mein Zelt aufstellen will, damit ich am nächsten Morgen gleich auf die Königsetappe gehen kann. Ich habe Verpflegung für 800 km dabei, da Pommesbuden in der Arktis ausgesprochen selten sind und ich nicht weiß, ob es die Tankstelle auf halbem Weg und die zwei Indianerdörfer weiter nördlich überhaupt gibt. Indianer und Arktis wollen in meinem Kopf noch nicht so richtig zusammenpassen.

Das Roadhouse gibt es tatsächlich, aber jede freie Fläche ist hier von Ölflecken und scharfkantigen rostigen Kleinteilen von Schrottautos übersät, die hier ausgeschlachtet wurden und es gibt keinen Platz, wo ich mein Zelt aufstellen könnte. „Was tun?“ sprach Zeus und ich greife die Frage auf. Um eine Antwort zu finden, begebe ich mich ins Roadhouse und schütte ein paar Tassen Kaffee direkt in meine linke Herzkammer. Als das Roadhouse um Mitternacht schließt, begebe ich mich auf die Piste durch die dämmerige Nacht. Wirklich dunkel wird es hier ja nicht mehr und so muss ich mein nicht vorhandenes Licht auch gar nicht einschalten. Das nachstehende Foto entsteht um halb zwei in der Nacht.

baum01.jpg


Es wird saukalt über Nacht und ich trage über einer kurzen Radhose noch eine lange, darüber eine normale Hose und noch eine Regenhose gegen den Wind. Obenrum bin ich ähnlich vermummt inkl. Norwegerpullover, den ich für alle Fälle mal eingepackt habe und natürlich Handschuhe. Eigentlich habe ich bereits so ziemlich alles an, was ich dabei habe und dabei geht es erst richtig los. Und ich bin im Sommer unterwegs …

Als es dem Morgen graut, tollen drei junge arktische Rotfüchse vor mir über die Piste, verkrümeln sich aber vorsichtshalber wieder, als sie meine Anwesenheit bemerken.
Mit Anbruch des Tages wird es wieder wärmer und ich kann mich nach und nach entkleiden. Mit den ersten Sonnenstrahlen mache ich ein Foto von mir auf dem Dempster Highway. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.

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Die Piste führt im Süden noch durch Wald. Der Boden ist sumpfig und es dauert, bis ich eine Stelle zum Zelten finde. Zusammen mit den 40 km von Dawson bis zum Roadhouse bin ich auf dieser Etappe 200 km geradelt, mehr als je zuvor und das mit Gepäck auf Schotterpiste. Ich sollte die Distanz im weiteren Verlauf mit 250 und 265 km aber noch zweimal lässig überbieten.

Seit Tagesanbruch waren aber auch die Moskitos auf den Beinen und Flügeln und nicht faul. Als ich mich am frühen Nachmittag zum Schlafen lege, will ich zuvor noch meine Mückenstiche zählen und kann mich noch so gut erinnern, als ob es noch gar nicht passiert wäre.
Ich beginne am linken Fußgelenk und höre bei 35 auf zu zählen. Ich bin immer noch nur beim linken Fußgelenk. Unter- und Oberschenkel, das rechte Bein, Hintern, Oberkörper, Arme, Hals, Kopf noch gar nicht gezählt … - insgesamt locker in einem soliden dreistelligen Bereich und es geht gerade mal los auf der Strecke. Ich habe nach nur einem Tag in der canadischen Subarktis mehr Mückenstiche als in über 1,5 Jahren Afrika, obwohl ich dort nur ungefähr fünfmal Mückenmittel verwendet habe.

Die Moskitoplage ist wirklich das größte Problem in dieser Region. Ich hatte zuvor natürlich darüber gelesen, aber die Realität übertrifft jede Vorstellungskraft. Begegnungen mit Bären und Wölfen sind längst in den Hintergrund gerückt. Diese geflügelten Vampire bringen einen an die Grenzen.

Irgendwo überholt mich ein Motorradfahrer und hält 100 m später an und wartet. Er meint, er hätte mich zwar gesehen, aber nicht realisiert, dass ich mit dem Rad unterwegs bin. Er fragt, ob alles ok ist und wir quatschen kurz. Er fährt die Strecke bis Inuvik durch und kommt mir bereits am nächsten Tag wieder entgegen.

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Der Dempster Highway.

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Gruß
Wolfgang
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Eswatini (Swaziland), Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200622. Feb. 2026 ·
Auf dem weiteren Weg muss ich zeitweise mit Moskitonetz überm Kopf fahren. Es gibt so viele Moskitos hier, dass ich das Moskitonetz nicht im Stand überziehen kann, weil sonst zu viele Vampire auf der Innenseite sind. Ich ziehe es während der Fahrt über. So sind nur wenige Blutsauger innen drin, die natürlich stechen. Dann wollen sie weg, können aber nicht und fliegen mir ständig summend um die Ohren – stundenlang.

Die Tankstelle auf halber Strecke bei Eagle Plains existiert tatsächlich und bietet sogar die Möglichkeit, warm zu duschen und wenn ich mich recht erinnere, sogar kostenlos. Außerdem kann ich hier moskitofrei etwas essen. Das ist unterwegs ein echtes Problem, denn die einzige halbwegs moskitofreie Zone wäre ansonsten das Zelt und das ist in Bärengebieten tabu. Lebensmittel oder andere riechende Dinge wie Seife oder Zahnpasta haben im Zelt nichts zu suchen. Der Geruch hält sich im Zelt und der Geruchssinn von Bären ist besser als der von Hunden. Man hat mal für einen Test eine Konservendose einen Meter tief in einem fußballfeldgroßen Areal vergraben und einen Bären drauf gelassen. Der Bär hat die Konservendose zielstrebig ausgebuddelt.

Eagle Plains liegt 40 km vor dem Polarkreis und ich will direkt dort übernachten und stelle mein Zelt direkt neben die große Tafel, die den Polarkreis kennzeichnet. Es ist schon wieder saukalt und windig, aber ich werde vom schönsten Sonnenuntergang bzw. -aufgang entschädigt, den ich bis heute gesehen habe (leider kein Diascan vorhanden).
Die Sonne geht kurz vor etwa 2:30 Uhr unter und beleuchtet den komplett bewölkten Himmel von unten knallrot. Sie ist nur wenige Minuten verschwunden, als sie bereits wieder aufgeht. Ich lege mich staunend schlafen.

Am Morgen wache ich durch Stimmen auf. „Meint ihr, da liegt jemand drin?, höre ich eine Frauenstimme auf Deutsch fragen. Ich antworte aus dem Zelt irgendwas wie „ja, ich glaube schon“ und stehe auf. Draußen steht ein Wohnmobil mit zwei Schweizer Pärchen, die natürlich erstaunt sind, hier einen Radfahrer anzutreffen. Sie bieten mir zum Frühstück Kaffee und Kuchen an und da es noch kühl ist, sind noch keine Vampire unterwegs. Der Dempster Highway ist für Mietwagen verboten, aber sie wollten unbedingt zum Polarkreis, da sie nun mal schon so dicht dran waren. Anschließend kehren sie um und fahren zurück nach Süden, während ich weiter nach Norden fahre.

Nach dem grandiosen Sonnenuntergang will ich heute die Sonne 24 Stunden rund um die Uhr über dem Horizont stehen sehen. Weit genug nördlich werde ich heute Nacht sein, dass die Sonne nicht mehr untergeht.

Hier noch ein paar Eindrücke des Tages.

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Gruß
Wolfgang
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443 Beiträge · seit 201422. Feb. 2026 ·
Hi Wolfgang,
ich bin völlig außer Atem, da ich dir so schnell wie möglich in meinem Alter hinterher gehechelt bin. Aber jetzt kann ich auf den Gepäckträger springen und die Tour genießen. Gegen die Mücken habe ich mich in ein Ganzkörperkondom gewickelt, dich werde ich ab und zu mit Deet 90% eindieseln, damit du keine Blutarmut entwickelst und vom Sattel kippst.

Welch ein Abenteuer mit Bildungsformat! Danke 🙂

Herzliche Grüße aus Aachen
Ute
Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200622. Feb. 2026 ·
UDi schrieb:damit du keine Blutarmut entwickelst und vom Sattel kippst.

Welch ein Abenteuer mit Bildungsformat! Danke 🙂

Dazu noch etwas aus der Reihe „Nutzloses Wissen“ … 😉
Forscher haben berechnet, dass jedes Tier der Porcupine-Karibuherde (überquert auf ihrer Wanderung zweimal jährlich den Dempster-Highway) jede Woche einen Liter Blut durch Moskitos verliert. Geht man davon aus, dass die Blutsauger von Juni bis August 12 Wochen jährlich unterwegs sind, bedeutet das pro Tier 12 Liter.

Die Größe der Herde schwankt zwischen 140.000 und 220.000 Tieren. Ich bin mal von 160.000 ausgegangen und komme so auf 1.920.000 Liter.

Damit man sich das besser vorstellen kann, Habe ich das mal auf Tanksattelzüge umgerechnet. Ein europäischer Standardsattelzug misst 16,50 m und hat meist ein Fassungsvermögen von 32.000 Litern. Damit kommt man auf 60 Sattelzüge, die hintereinander geparkt fast genau einen Kilometer messen. Alles abgezapft durch Moskitos. Irre, oder? …

Gruß
Wolfgang
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137 Beiträge · seit 201022. Feb. 2026 ·
Hallo Wolfgang,
Ja, die Moskitos der nördlichen Breiten sind tatsächlich ein Vorgeschmack auf die Hölle.
Auch ich habe diese Viecher einmal fürchterlich unterschätzt. In den 1980er Jahren waren wir im Frühsommer einmal in Zentral-Lappland, wollten hier einige Tage verbringen und wussten sehr wohl, dass die Blutsauger jetzt am aktivsten sind. Auf der Suche nach Unterkunft kamen wir durch eine Siedlung, die zur Moskitozeit verlassen wird und der nahe gelegene Campingplatz an einem See hatte nur einige Angler als Gäste, die mit Imker-Klamotten in ihre Boote stiegen.
Wir fanden eine schlichte Hütte, die allerdings hochwertige Mücken-Schutzgitter an allen Fenstern hatte. Nach zwei Tagen sind wir trotzdem geflüchtet : Es war feinstes Sommerwetter, da bleibt man nicht den ganzen Tag in der Hütte. Unsere mitteleuropäischen Mückenschutzmittel wirkten überhaupt nicht und unsere Ganzkörper-Bekleidung half nur bedingt. Die Biester stachen durch den Stoff. Gut durchgestochen sind wir in unser Auto gestiegen und an das norwegische Eismeer auf die Varanger-Halbinsel gefahren. Welch eine Wohltat : Viel kühler und windig, aber auch hier Sonnenschein rund um die Uhr und keine Moskitos.
Allerdings sollte man gerechterweise erwähnen, dass gerade wegen dieser Plagegeister sich unzählige Lebewesen auf den Weg ganz nach Norden machen. Für abertausende Vögel, die hier ihre Brut aufziehen, ist es das Paradies mit Nahrung im Überfluss.

Nun aber zum Wichtigsten: Es freut mich unbeschreiblich, dass Du doch noch weiter schreibst und ich finde es schön, dass sich hier noch zahlreiche interressierte und dankbare Mitleser gefunden haben. Dieser Bericht verdient wirklich viel Aufmerksamkeit.

Mit sehr dankbaren und freundlichen Grüssen
Manfred
Themenstarter7'307 Beiträge · seit 200622. Feb. 2026 ·
Der heutige Tag wird ein langer, da ich ja 24 Stunden Sonne am Stück erleben will. Schließlich sitze ich 27 Stunden auf dem Rad und fahre 265 km. Schotterpiste und vier Bergketten drücken den Schnitt auf unter 10 km/h. Ich fange an, Selbstgespräche zu führen, weil ja sonst niemand in der Nähe ist, mit dem man sich vernünftig unterhalten könnte.

Die Landschaft ändert sich. Es gibt keine Bäume mehr, aber dafür arktisches Wollgras.

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Ich passiere die Grenze zu den Northwest Territories. Ab hier kann man von der Arktis sprechen.

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Die Bevölkerungsdichte ist hier nochmal geringer und liegt 1996 bei irgendwas von knapp über 0,02 Einwohnern pro Quadratkilometer. Inzwischen wurden die Northwest Territories aufgeteilt und Nunavut abgetrennt. In Canada hat jede Provinz und jedes Territorium eigene Nummernschilder. Angeblich muss man jedes Jahr neue Nummernschilder kaufen, mit denen gleichzeitig die jährliche Versicherungsgebühr bezahlt wird. Ich versuche, mal dran zu denken, ganz am Ende mal Fotos verschiedener Nummernschilder anzuhängen. Die der Northwest Territories sind übrigens nicht rechteckig, sondern haben die Form eines Eisbären.

Ich treffe auf Jim, einem Indianer der Déné-Gwich’in. Er ist dabei, an einem See die maroden Dächer von Hütten auszubessern, denn in zwei Wochen soll hier ein Musikfestival der First Nations stattfinden und die Hütten sollen als Unterkünfte dienen. Ich helfe ihm zwei Stunden und zusammen bekommen wir ein Dach geflickt. Die ganze Zeit liegt ein Gewehr griffbereit in seiner Reichweite und er ist völlig erstaunt, als ich auf seine Frage antworte, dass ich ohne Waffe unterwegs bin.

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Unweit des Sees befindet sich –6 km abseits der Piste- die Siedlung Tetlih Zheh (oder Fort McPherson, da es hier früher auch ein Fort gab) der Déné-Gwich’in. Die ist genauso real wie vorher die Tankstelle bei Eagle Plains. Meine grenzenlose Begeisterung kennt keine Grenzen.
Auf dem Friedhof findet sich das Grabmal von Francis Fitzgerald und drei seiner Männer, die im Winter 1910/1911 als Lost Patrol bekannt wurden. Damals war es üblich, dass RNWMP einmal im Jahr zwischen Fort McPherson und Dawson City auf Hundeschlitten hin und her fuhr, um Post und Ausrüstung zu transportieren. Die Strecke war 800 km lang und folgte einem Bachlauf. Allerdings ging es die ersten 40 km durch die Wildnis, bis man den Bach erreichte. Die Gruppe machte eine Reihe von Fehlern. Keiner der vier Männer war die Strecke in dieser Richtung je gefahren, doch die Hilfe eines Guides der Déné Gwich’in lehnten sie ab. Als sie den Bach nicht fanden, kehrten sie nicht um, sondern irrten weiter umher. Als sie sich schließlich entschieden, umzukehren, waren ihre Spuren verweht und sie fanden auch den Rückweg nicht mehr. Da Fitzgerald Tagebuch führte, ist der Verlauf der Tragödie recht genau bekannt. Als ihnen die Lebensmittel ausgingen, begannen sie, ihre Schlittenhunde zu essen. Schließlich starben drei der vier Männer bei Temperaturen um die minus 50 Grad, bevor sich der letzte durch einen Kopfschuss umbrachte.
Als die Patrouille nicht in der üblichen Zeit in Dawson City ankam, schickte die RNWMP einen Suchtrupp unter der Leitung von William Dempster los, nach welchem später der Highway benannt wurde. Er fand die vier Verstorbenen etwa sechs Wochen nach deren Tod.


Im weiteren Verlauf der Strecke kreuzt man den Peel River und später den Arctic Red River, über die jeweils eine kostenlose Fähre verkehrt. Am nördlichen Ufer liegt die Indianersiedlung Tsiigehtchic der Déné Gwich’in. Die Siedlung hat etwa 170 Einwohner. Es gibt ein kleines Lebensmittelgeschäft mit äußerst begrenzter Auswahl. Die Menschen hier leben vom Fischfang und der Jagd und brauchen sonst nicht viel.

Im weiteren Verlauf zieht sich die Strecke wieder hin, aber die Moskitos leisten mir weiterhin emsig Gesellschaft.
Ich sehe unterwegs Inukshuks. Das sind Steinfiguren der Inuit, die zur Karibujagd dienen. Sie werden trichterförmig aufgestellt und man versucht, die Tiere am breiten Ende in den Trichter zu treiben. Die Tiere halten in ihrer Panik die Inukshuks für Menschen und rennen auf das schmale Ende zu. So braucht man nur wenige Männer, um Karibus sogar mit dem Speer zu erlegen, die man sonst nie erreichen könnte.

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Und irgendwann ist es passiert … - ich erreiche Inuvik am Ende der nördlichsten Straße Canadas.

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Weiter nach Tuktoyaktuk geht es 1996 nur im Winter auf der legendären Iceroad über den zugefrorenen MacKenzie-River. Vor einigen Jahren hat man aber inzwischen eine ganzjährig befahrbare Piste gebaut.
Ich werde die die nächsten Tage erst einmal Inuvik und Umgebung erkunden und eine Möglichkeit suchen, nach Tuktoyaktuk zu gelangen.

Gruß
Wolfgang
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Eswatini (Swaziland), Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
zuletzt bearbeitet 22. Feb. 2026