4. Kapitel: Vom Canal des Pangalanes nach Andasibe
Der Tag beginnt für uns mit dem Sonnenaufgang. Herrlich ist es heute. Das Palmarium leuchtet in seinen schönsten Farben und macht uns den Abschied schwer.

Wie wundervoll sind hier Strand und Wald. Alles ist fast menschenleer und wunderbar still. Da möchte man zum Augenblicke sagen: „Verweile doch! du bist so schön!“ Das Palmarium Beach Hotel gehört als Gesamtpaket wohl tatsächlich zu den schönsten Orten, die wir bisher besucht haben:




Über den Strand spazieren wir gemütlich zum Frühstück. Und wenig später heißt es gut gestärkt Abschied nehmen vom ersten Paradies unserer Rundreise. Starke Schultern schleppen unser Gepäck dankenswerterweise zum Bootsanleger, während wir zum Glück daran denken, unseren eingelagerten Proviant aus dem Restaurant abzuholen.
Als wir auf unser Boot warten, das uns zurück in die Zivilisation bringen wird, durchbrechen einmal mehr die Rufe der Schwarzweißen Varis die morgendliche Stille. Was für ein schöner Abschiedsgruß! Eines der Tiere posiert im schönen Morgenlicht kurz für uns, bevor die Bande sich tiefer in den Wald zurückzieht. Hier entsteht eines meiner Lieblings-Lemurenfotos der Tour.

Die Bootsfahrt über Seen und durch den Kanal verschlafen die Kinder weitgehend und träumen wahrscheinlich davon, dass sie bald wieder Handyempfang haben. Denn Netzabdeckung oder gar WLAN waren im Palmarium Fremdwörter. Meine Frau und ich genießen derweil die an uns vorbeiziehende Landschaft und den Anblick der vereinzelten Dörfer.

Nach einer guten Stunde erreichen wir unser Ziel und werden fröhlich von Alain empfangen, der eine gute und entspannte Zeit am Strand verbringen konnte, nachdem wir ihm vorgestern gern ein für uns sehr kostengünstiges Upgrade auf einen kleinen Bungalow gezahlt haben. Er hätte sonst wohl im Auto übernachten müssen…
Schnell ist unser Gepäck verladen und die Fahrt über vertraut-schlaglöcherige Straßen beginnt. Auch heute sind zahlreiche Lastwagen unterwegs und so gestaltet sich der Transfer einmal mehr als eine Mischung aus Beschleunigen, Bremsen, waghalsigem Überholen und Pothole-Slalom. 🙃
Zum Glück müssen wir heute aber nicht zurück nach Antananarivo. Unser Ziel ist die Vakona Lodge nahe Andasibe. Die Fahrt wird also nur gute fünf Stunden dauern.
Sie ist trotz bekannter Strecke abwechslungsreich. Immer wieder gibt es etwas Landestyptisches zu entdecken.



Eine Straßensperrung droht uns aber für unkalkulierbar lange Zeit aufzuhalten. Alain wird sichtlich nervös. Als ein zum Leichenwagen umfunktioniertes Taxi Brousse – gut erkennbar an einer Flagge und einem in Tücher eingeschlagenen Sarg auf dem Autodach – durchgelassen wird, wittert er seine Chance und hängt sich kurzerhand an die Fersen des Gefährts. Falls wir von der Polizei angehalten werden sollten, sollten wir doch bitte sagen, dass wir unbedingt einen frühen Flug in Tana bekommen müssten. Während wir also mit mehr oder weniger großer Anspannung hinter dem Leichenwagen herfahren, können wir interessiert beobachten, wie das Leben am Straßenrand kurz innehält und die Menschen in respektvoller Geste ihre Kopfbedeckungen abnehmen, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen.

Nach einiger Zeit biegt der Leichenwagen ab und wir setzen unsere Fahrt entspannt fort, bis wir irgendwann wieder auf unsere heißgeliebten Tanklaster treffen.
Nach kurvenreicher Fahrt erreichen wir am späten Vormittag das Maromizaha-Wiederaufforstungsprojekt, das u.a. von EU und KFW finanziert wird.

Hier legen wir eine längere Pause ein und werden von einem Mitarbeiter über die hiesige Arbeit informiert. Neben der Neubepflanzung gerodeter Flächen betreibt das Projekt auch die lokale Schule. Da jedoch gerade Ferien sind, ist auf Hof und Sportplatz nichts los. Zum Abschluss können wir an einem Hang selbst ein paar Setzlinge einpflanzen. Auch wenn die Aktion keineswegs spektakulär ist, macht es gerade den Kindern Freude, hier ein wenig tätig zu werden. Und wir freuen uns darüber, das Projekt in kleinem Rahmen finanziell unterstützt zu haben.



Der Auslauf hat uns allen gutgetan und so steigen wir frohen Mutes wieder in unseren Kleinbus und kurven für die nächste Zeit weiter in Richtung Andasibe. In einem am Waldrand gelegenen Restaurant machen wir eine längere Nachmittagspause. Hier kann man richtig gut essen und der Ausblick auf Bäume und ein kleines Flüsschen ist idyllisch. Ein schöner Ort zum Verschnaufen! Hier haben wir auch das erste Mal Kontakt zu „World Cola“, der afrikanischen Alternative zu den großen Weltkonzernen, die neben Madagaskar vor allem auf dem west- und zentralafrikanischen Markt angeboten wird. Weniger süß als die amerikanische Konkurrenz – die sowieso nur selten auf der Insel zu bekommen ist – wird sie zu einem treuen Begleiter auf unserer Reise werden.

Nach der Pause fahren wir durch das Örtchen Andasibe und steuern den Wald an, in dem die Vakona Lodge liegt, unsere Herberge für die kommenden zwei Nächte. Die wenigen Kilometer Waldweg haben es für unser Gefährt jedoch nochmal in sich. Nur langsam kommen wir holpernd voran und Alain kann seine Anspannung nicht immer verbergen: Irgendwie hatte er die Anfahrt weniger rustikal in Erinnerung.

Am späten Nachmittag erreichen wir die Lodge, die abgeschieden inmitten des Waldes liegt. Das Haupthaus mit Restaurant erhebt sich in einem Talkessel am Ufer eines kleinen Sees. Am Hang gruppieren sich einige Reihenhaus-Hütten. Der Ersteindruck ist schonmal positiv.

Eigentlich wollten wir heute noch das hoteleigene Lemuren-Reservat erkunden. Jedoch ist es dafür bereits zu spät und wir verschieben den Besuch kurzerhand auf den nächsten Tag.
Das Gepäck wird die recht steilen Treppen hinauf zu unserem Häuschen geschleppt und wir sind gleich angetan von dem schönen Ausblick, den wir von unserer kleinen Terrasse auf den See haben. Das Häuschen selbst bietet wieder zwei offene Etagen und damit genug Raum für uns vier. Alles ist hier vergleichsweise schlicht und zweckmäßig gestaltet, dabei aber sauber und gepflegt.
Während die Kinder zuerst in der Hütte chillen und dann den Pool nutzen möchten, verspüren meine Frau und ich nach der langen Fahrt gleich einen großen Bewegungsdrang. Ein kleiner Trail lädt uns zum Spaziergang ein und führt uns auf nass-glitschigen Pfaden durch tiefgrüne Vegetation an einem kleinen Bachlauf entlang, den wir auf Holzstegen immer wieder überqueren. Ein wirklich schöner Spaziergang, den wir bei unserem Aufenthalt noch mehrmals machen werden. Unsere Hoffnung auf Tierbegegnungen wird aber heute enttäuscht. Zu dicht ist das Grün, zu hoch sind die Bäume.

Zurück am See der Lodge erleben wir aber dann doch noch ein kleines Vogel-Highlight, denn hier ist gerade ein winziger Malegassenzwergfischer unterwegs. Das Licht ist im Talkessel zwar nicht mehr berauschend. Trotzdem sind wir froh, dass wir den bunten Vogel auf mehreren seiner Ansitze über längere Zeit beobachten und fotografieren können.


Unaufhaltsam wird es immer dunkler und schließlich verabschieden wir uns von dem kleinen Kerl und kehren zu unserem Nachwuchs zurück, der eine gute Zeit im (nicht gerade warmen) Pool der Lodge verbracht hat. Auf dieser Reise wird uns verstärkt deutlich, dass ein wichtiger Bestandteil harmonischen Beisammenseins daraus bestehen mag, dass jedes Familienmitglied seine Freiheiten hat und kein durchgehender Aktivitätenzwang im Familienverbund besteht. Und so einigen wir uns auch jetzt darauf, dass heute Abend nur die Eltern auf eine geführte Nachtwanderung gehen werden, während die Kinder in der Hütte bleiben oder im Haupthaus Billard spielen möchten.
Was uns im nächtlichen Wald vor die Linse gekommen ist, erzähle ich aber erst im nächsten Teilkapitel.








































