nachdem der Bayern Schorsch hier im Forum das Tor zur Welt dankenswerterweise weit aufgestoßen hat, möchte ich auch hindurchgehen, schließlich lebe ich in Hamburg und glaubt man Karl Lagerfeld, ist meine Wahl-Heimatstadt ja genau das: das Tor zur Welt.
Galapagos, Pantanal, Asien, vielleicht sogar der schottische Westhighland Way? Ich habe etwas gegrübelt, welche unserer Reisen für euch interessant sein könnten, letztlich bin ich für mich persönlich zu folgenden Schlüssen gekommen a) Die Reise darf noch nicht allzu lang her sein (wie in unserem Fall das Pantanal oder Galapagos), sonst sind die Gegebenheiten vielleicht schon wieder ganz anders und die Erinnerung ist auch nicht mehr knackfrisch. b) Natur, Landschaft, Tiere sollten eine zentrale Rolle spielen.
Unterm Strich habe ich zwei Reiseberichte in petto, die ich nacheinander schreiben werde und von denen ich hoffe, dass sie auf Interesse stoßen und euch ggf. Ideen und Informationen liefern. Dieser Bericht soll sich um unsere Argentinien/Chile-Reise im Januar 2018 drehen, für uns war es eine epische Reise. Folgen wird dann irgendwann noch ein Costa-Rica-Reisebericht von diesem Jahr, aber was diese Sphären angeht, werden wir ja derzeit sehr gut hier im Forum versorgt, insofern eilt das nicht. 🙂 Weil die diesjährige Reise unsere zweite nach Costa Rica war, würde ich dann aber auch eher auf den Vergleich abheben.
Eine Kombination aus Argentinien und Chile spukte in meinem Kopf herum, seit mir eine Kollegin vor einigen Jahren ihre Fotos aus dem Torres del Paine Nationalpark gezeigt hatte. Ich war davon regelrecht überwältigt. Im Sommer 2016 hatten wir im Rahmen einer Brasilien-Reise auch die Iguazu-Wasserfälle besucht (auf der brasilianischen und der argentinischen Seite), für Thomas war es sogar schon der zweite Aufenthalt dort. Die konnten wir diesmal also ruhigen Gewissens links liegen lassen.
Seit einigen Jahren haben wir uns darauf verlegt, unseren jeweiligen Stopps auf Reisen mehr Zeit einzuräumen, um die Möglichkeiten am Ort intensiver zu nutzen. Alles passt sowieso nie in eine einzelne Reise, und schon gar nicht in einem so riesigen Land wie Argentinien. Da Feuerland, vor allem aber Südpatagonien eine zentrale Rolle spielen sollten, kam hinzu, dass wir mit launenhaftem Wetter rechnen mussten. Deswegen planten wir mit "Reservetagen". Weitere Stationen sollten Buenos Aires und die Atacama-Wüste sein, deren Besuch ein ausgesprochener Herzenswunsch von mir war.
Ich habe die Reise wie immer selbst geplant und leider relativ schnell festgestellt: Sie wird alles andere als günstig. Die Ergebnisse meiner Überlegungen habe ich an eine Agentur weitergegeben, die nochmal drübergeschaut und schließlich alles festgezurrt hat. Das war auch deshalb eine gute Idee, weil wir beide kein Spanisch sprechen. Wir waren überwiegend in Drei-Sterne-Hotels untergebracht. Herausgekommen ist am Ende diese rund vierwöchige Tour (28.12.17 - 25.1.18):
3 ÜN Buenos Aires (Hotel Cyan De Las Americas) 3 ÜN Ushuaia (Hotel Altos Ushuaia) --> am letzten Abend Mietwagenübernahme 2 ÜN Punta Arenas (Hotel Jose Nogueira Boutique) 4 ÜN Torres del Paine (Unterkunft einmal gewechselt, später mehr dazu; aber überwiegend Hotel Lago Grey) 4 ÜN El Calafate (Hotel Bahia Redonda) 5 ÜN El Chalten (Hotel Hosteria Senderos) Fahrt nach Calafate zum Flughafen, Abgabe Mietwagen, Flug nach Buenos Aires (ließ sich nicht anders bewerkstelligen) 1 ÜN Buenos Aires (Hotel Cyan De Las Americas) Flug nach Calama, per Bus weiter nach San Pedro de Atacama 4 ÜN San Pedro des Atacama (Hotel La Casa De Don Tomas) Int. Rückflug via Santiago
Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr uns auf dieser virtuellen Tour durch Schnee, Eis, Berge, Wüste und grandiose Natur begleitet! Die Sonne schien übrigens überraschend oft, im Reisebericht scheint sie sogar immer, falls ihr die Kommentare nicht mitlesen möchtet. 😎
Viele liebe Grüße, Bettina
Teil 223. Mai 2019
Buenos Aires: 3 Tage im Paris Lateinamerikas
Der Flug nach Buenos Aires bleibt mir kaum in Erinnerung, was ich als gutes Zeichen deute. Allerdings gehe ich auch schwer angeschlagen an Bord und dämmere wohl überwiegend etwas lethargisch vor mich hin. Eine heftige Erkältung hat mich kurz zuvor schachmatt gesetzt, und während wir bei unserem Zwischenstopp im zugigen Terminal des Flughafens von Madrid auf stählernen, kalten Stühlen mit Lochmuster herumlungern, möchte ich nach wochenlanger Vorfreude ausgerechnet jetzt nirgendwo hin - außer in mein warmes Bett.
Die Warterei wird zur Tortur, bis ich endlich hundeelend und mit vom langen Sitzen eingestanzten Lochmuster am Hosenboden in den Flugzeugsitz von Iberia plumpse. Nachdem wir unseren Langstreckenflug, der diesen Namen auch wirklich verdient, endlich hinter uns gebracht haben und früh morgens am Zielort landen, fühle ich mich wenig überraschend kaum besser. Doch unsere Abholung klappt bestens, in Buenos Aires ist es sonnig und sommerlich heiß, das reicht, um meine Lebensgeister zumindest für den Moment wieder zu wecken.
Als wir die Lobby unseres Hotels betreten, werden wir schockgefroren. Ein Phänomen, das ich aus vielen Ländern kenne und das mich jedes Mal ärgert: Im Sommer wird weiter runtergekühlt als im Winter hochgeheizt. Ab sofort sind leichte Jacken und Tücher fester Bestandteil unseres Tagesrucksacks, und das erweist sich später auch noch für andere Zwecke als hilfreich. Auch beim morgendlichen Frühstück komme ich in den nächsten Tagen nicht auf Touren, es ist mir einfach zu kalt. Ansonsten ist an dem Hotel absolut nichts auszusetzen, aber auch nichts besonders hervorzuheben, mal abgesehen von der wunderbar zentralen Lage im eleganten Recoleta.
Als wir am Nachmittag durch das Viertel mit seinen hübschen kleinen Parks und prächtigen Fassaden streifen, wird uns schnell klar, warum Buenos Aires als Paris von Lateinamerika gilt. Allzuviel Tatendrang verspüren wir allerdings beide nach dem langen Flug nicht, und so besuchen wir den berühmten Friedhof La Recoleta, der ohnehin ganz in der Nähe ist. Auf dem Platz davor gibt es einige Cafes und Restaurants mit großen Freiluftterrassen, die in den nächsten Tagen immer wieder unsere Anlaufstelle werden. Eine entspannte Oase inmitten der pulsierenden Metropole.
Durch die frühe Ankunft haben wir praktisch drei volle Tage in Buenos Aires, hinzu kommen viel später noch einmal ein halber Tag und eine Übernachtung, bevor wir in die Atacama-Wüste fliegen. In der Nachbetrachtung hat das für mein Empfinden gereicht, um zumindest einen guten Eindruck von der Stadt zu bekommen.
Casa Rosada, der Präsidentensitz
Buchhandlung El Ateneo in einem ehemaligen Theater
Tango, Fußball, Kultur, großartige Steaks und pralles Leben: Klar, Klischees, doch sie stimmen alle - und das im besten Sinne. Sicher geht es auch sehr touristisch zu, doch das Flair stimmt für uns. Es dauert nicht lange, da summen wir die bekannten Tangomelodien, ohne es überhaupt zu merken.
Volkshelden 🙂
Und natürlich sucht Thomas nach dem besten Steak der Stadt. Er findet viele davon - im Gegensatz zu mir, was sich schlicht damit erklären lässt, dass ich Vegetarierin bin. Immerhin ist auch für mich immer etwas auf der Karte dabei.
Wir verzichten bewusst auf die oft rein touristischen und dazu noch sauteuren Tangoshows, und auch um die langen Schlangen vor dem berühmten Cafe Tortoni machen wir einen großen Bogen. Tango findet sich hier sowieso an fast jeder Ecke, vor allem in den alten Stadtvierteln La Boca und San Telmo. Natürlich sind auch dort die Touristen der Hauptadressat der Street-Dancer, dennoch gefallen uns Stimmung und Ambiente sehr.
Was ich besonders an Buenos Aires mag: Jedes Viertel hat ein eigenes Gesicht.
Bunt, aber arm: La Boca
La Bombonera, Heimatstadion der legendären Boca Juniors
San Telmo, geprägt durch Altbauten. Viele Gebäude stehen unter Denkmalschutz.
Der Hop-on-hop-off-Bus ist oft, aber nicht immer eine gute Fortbewegungsmöglichkeit. Für Buenos Aires ist er perfekt. Nach einem Besuch des wunderschönen Teatro Colon hüpfen wir an Bord.
Und weil das Ticket 24 Stunden lang gültig ist, nutzen wir es am nächsten Vormittag gleich nochmal. Allerdings hat wohl jemand bei der Konstruktion das Dach vergessen - bei weit über 30 Grad werden wir fast eingeschmolzen. Die mitgebrachten Tücher sollten uns eigentlich vor den Klimaanlagen und ihren Folgen schützen. Nun bewahren sie uns davor, dass wir auf den Schalensitzen festpappen oder gar wegschwimmen.
Als mein persönlicher Favorit entpuppt sich das kreative Viertel Palermo im Nordosten der Stadt. Restaurants, Cafes, Bars, Designlädchen, hier ist Buenos Aires jung. Viele Monde sind vergangen, seit ich mir die Nächte um die Ohren gehauen habe. Dennoch fühlen wir uns wohl, und als sich abends ganze Straßenzüge in eine einzige Open-Air-Bar verwandeln, bleiben wir auf spontane Einladung eines Club-Besitzers noch auf eine Cola und ein Bier. Wir kommen ins Quatschen (auf Englisch) und er schwärmt dermaßen von der Natur Patagoniens, dass wir uns noch mehr darauf freuen als ohnehin schon. Am Morgen nach dieser herzerfrischenden Begegnung geht es für uns weiter nach Feuerland. Und weil wir ganz früh raus müssen, ist für uns die Straßenparty beendet, bevor sie für die jüngeren Semester überhaupt richtig begonnen hat.
Teil 326. Mai 2019
Ushuaia: Reise ans Ende der Welt
Nach einer denkbar kurzen Nacht bekommen wir in unserem Hotel sogar in aller Herrgottsfrühe ein kleines Frühstück und sind auch nicht alleine damit, denn viele Airlines bringen hier ihre Crews unter. Auch diese Abholung klappt wie alle auf dieser Reise reibungslos. Um 5.50 Uhr startet unsere Maschine vom nationalen Airport in Richtung Ushuaia, gegen 11.30 Uhr Ortszeit landen wir wohlbehalten am "Ende der Welt", das nicht zuletzt dafür bekannt ist, dass sich die Elemente häufig hemmungslos austoben.
Immerhin, bei unserer Ankunft ist es trocken und mit etwas Phantasie sogar sonnig. Der Temperatursturz beträgt dennoch nach dem sommerlich-heißen Buenos Aires rund satte 30 Grad! Die vielen kleinen Felseninseln im Beagle-Kanal erinnern an Skandinavien, die Umgebung ist rau, Berge, viel Wasser, Weite, Abgeschiedenheit. Die Stadt selbst hatte ich mir allerdings anders vorgestellt; kleiner, beschaulicher, malerischer. Eine romantische Vorstellung, zugegeben, denn natürlich ist die Stadt mit dem Tourismus mitgewachsen und längst keine idyllische Einöde mehr. Die Andenausläufer im Rücken und den imposanten Beagle-Kanal vor der Haustür, ist das "Setting" aber schlichtweg großartig.
Unser Hotel liegt etwas oberhalb der Stadt und eine Viertelstunde zu Fuß vom Zentrum entfernt an einem steilen Hang und ist schon wegen der Aussicht ein Volltreffer. Auch unser Zimmer gefällt uns auf Anhieb. Hell, freundlich und leicht beheizt - gemütlich. Und während sich Thomas glücklich mit Ladegeräten, Laptop und allem möglichen Zeugs am Schreibtisch breit macht, schlafe ich mir zwei Stunden lang endgültig die Reste der Erkältung weg.
Am Nachmittag nutzen wir die letzte Gelegenheit und kaufen in einem kleinen Kiosk Wasser und einige Kleinigkeiten für die nächsten Tage ein. Es ist Silvester, und alles macht dicht. Auch die Restaurants haben entweder geschlossen oder sind von Gesellschaften geblockt - wie das in unserem Hotel. Jetzt ist guter Rat teuer, denn gegessen haben wir an diesem Reisetag fast nichts. Meine Laune rutscht in den Keller und ich mache keinen Hehl aus meinem Unverständnis darüber, dass es nicht möglich sein soll, Hotelgästen wenigstens eine Kleinigkeit anzubieten. Nach einigem Palaver gibt es schließlich am frühen Abend (lang, bevor die Abendgesellschaft die Tische belagert) eine Pasta für mich und Fleisch für Thomas. Beides ist schlecht, aber wenigstens müssen wir nicht mit knurrendem Magen ins Bett. Wir versenden noch Silvestergrüße nach Deutschland, wo es bereits Mitternacht ist, dann holt uns der Jetlag ein. Den Jahreswechsel verbringen wir selig schlafend.
Am Morgen sind wir früh wach. Um 8 Uhr soll uns ein Mietwagen gebracht werden, den wir schon von Deutschland aus für einen Tag gebucht haben, um damit den Feuerland-Nationalpark zu erkunden. Wir hatten bei Buchung der Reise von unserer Agentur ein ganzes Paket mit Vorschlägen erhalten, welche Ausflüge sich an welchem Ort anbieten würden. Der Haken: Die Aktivitäten sind zwar allesamt hochattraktiv und in Reiseführer sowie Internet auch vielfach empfohlen, treiben jedoch in organisierter Form den ohnehin nicht gerade schlanken Reisepreis noch einmal wesentlich in die Höhe.
Am Ende haben wir vorab nur gebucht (was angeblich günstiger ist, ich habe es nicht überprüft), was wir nicht selbst bewerkstelligen konnten. Also Bootstouren, Pinguintouren, die ohne Guide gar nicht erst erlaubt sind oder auch Gletscher-Trekking (ebenfalls nur mit Guide). Alles andere haben wir in Eigenregie unternommen. Das war für uns eine sehr gute Lösung.
Kein Auto kommt um 8 Uhr, an der Hotelrezeption herrscht nicht nur Katerstimmung, sondern auch Ratlosigkeit. Wir gehen frühstücken, was sollen wir auch sonst tun, gegen Neun schlägt dann tatsächlich ein junger Mann mit verdächtig verstrubbeltem Haar auf - der Arme, er lag wahrscheinlich bis gerade noch im Silvesterkoma. Das Auto, ein schlichter Pkw, hat schon bessere Tage gesehen, wirkt aber fahrtüchtig. Wir bekommen den Schlüssel in die Hand gedrückt und einen Zettel nebst Adresse, wo wir den Wagen bis zum nächsten Mittag wieder abgeben sollen. Das war's. Sehr unbürokratisch das Ganze, sollten wir uns deshalb Sorgen machen? Wir lassen's. 🤪
Nur zwölf Kilometer sind es von Ushuaia in den Feuerland-Nationalpark, die Straße ist gut zu befahren, auch die Gravelroad im Park. So relativ früh am Neujahrsmorgen sind wir zunächst weit und breit die einzigen Menschen, es ist herrlich.
Wir fahren zunächst zum äußersten Punkt im Westen des Parks, an der malerischen Lapataia-Bucht parken wir und starten zu einer längeren, einsame Wanderung. Das Wetter spielt wunderbar mit, es ist sonnig, warm und windstill. Was letztlich dazu führt, dass wir immer wieder von den größten Mücken überfallen werden, die wir je gesehen haben. Na toll, unser eigens mitgebrachter Repellent liegt im Hotelzimmer, noch wohlverpackt. Und dabei wird es auch bleiben. Der Nationalpark Tierra del Fuego ist der einzige Ort, an dem wir den Mückenschutz benötigt hätten. 😣
Wir genießen die herrliche Natur mit dem vielen Wasser, den knorrigen Bäumen, den üppigen Blumenwiesen und schneebedeckten Bergen. Auch an mehreren Biberdämmen kommen wir vorbei. Die Nager gehören eigentlich nicht hierher, sind einst wegen ihrer Felle eingeschleppt worden. Als sich herausstellte, dass sich das Fell im subarktischen Klima nicht so entwickelt wie gedacht, wurden die Tiere ihrem Schicksal überlassen. Mit fatalen Folgen für die Umwelt. Die Biber haben sich ungebremst vermehrt und sind seit Jahren eine ernste Gefahr für die Baumbestände und das Ökosystem. Und wie uns später ein Guide erzählt, hat niemand eine rechte Idee, wie das Problem gelöst werden kann.
Zurück am Parkplatz stellen wir fest, dass wir längst nicht mehr alleine sind. Kreuzfahrer, Feiertagsausflügler, Touristen, es ist einiges los. Doch schon wenige Meter jenseits der vielen schönen Aussichtspunkte haben wir die Natur weiterhin fast für uns.
Bild oben: Ein kleiner Trampelpfad führt am Ufer des Lago Roca entlang. Thomas hat sich trotz der frühlingshaften Temperaturen vermummt, um sich vor den Attacken der Mücken zu schützen - ohne Erfolg. Sie haben locker durch unserer Tücher durchgestochen und zwei Tage lang sahen wir im Gesicht aus, als hätten wir die Beulenpest.
Unser letzter Stopp des Tages ist das berühmte Postamt in der Bahia Ensenada.
Hier startet der Küstenwanderweg entlang des Beagle-Kanals. Die Natur ist überwältigend, der Ausblick auf die chilenischen Berge jenseits des Wassers spektakulär.
Es ist der Höhepunkt eines grandiosen Tages - und das Wetter hat auch mitgespielt.
Teil 428. Mai 2019
Im Reich der Pinguine
Wir könnten eigentlich ausschlafen an unserem zweiten vollen Tag in Ushuaia, doch noch immer treibt uns der Jetlag mit dem Morgengrauen aus dem Bett. Der erste prüfende Blick aus dem Fenster lohnt sich, für einige Augenblicke ist die gesamte Bucht vor uns wie in Gold und Silber getaucht.
Auf diesen Tag habe ich mich besonders gefreut, denn wir haben einen Ausflug zur Pinguinkolonie auf der Isla Martillo gebucht. Wegen der angeblich höheren Pinguinaktivität am Nachmittag haben wir von zwei möglichen Slots am Tag den späteren gewählt und bis zur Abholung am Mittag viel Zeit.
Den Mietwagen müssen wir erst im Laufe des Vormittags zurückgeben, und so fahren wir nach einem ausgiebigen Frühstück die kurvige Straße hinter unserem Hotel hinauf bis zur wenige Kilometer entfernten Sesselliftstation an den Hängen der Martial Mountains. Der Sessellift endet normalerweise am Marcial Gletscher, von dem aus man bei klarer Sicht einen tollen Blick über Ushuaia und den Beagle-Kanal haben soll. Doch der Lift ist seit Jahren außer Betrieb und es sieht auch nicht so aus, als würde er in nächster Zukunft repariert. Warum, kann uns keiner erklären. Von der Talstation starten aber auch lohnenswerte Wanderungen, wenn auch ohne uns. Wir haben andere Pläne.
Wir fahren erst einmal hinunter in den Ort und müssen ein bisschen suchen, bis wir das Haus unseres Autovermieters gefunden haben. In seinem kleinen Hof und auf der Straße stehen jede Menge mehr oder minder funktionstüchtige Wagen herum, er ist wohl ein begnadeter Bastler. Wir übergeben ihm Auto und Schlüssel, beteuern auf Nachfrage, dass alles "muy bien" gewesen sei, noch ein feuchter Händedruck, schon heißt es "adios". Wenn's nur immer so einfach wäre. Im Ortszentrum tauschen wir in einer Wechselstube ebenfalls unkompliziert noch etwas Geld und machen uns dann ein wenig kurzatmig auf den steilen Rückweg.
Am Mittag werden wir abgeholt und mit einer kleinen Gruppe zur Estancia (=Farm) Haberton gefahren. Zum riesigen Gelände der ersten Estancia auf Feuerland gehören viele kleine Inseln, eine davon haben Pinguine vollständig mit Beschlag belegt. Zu dieser Jahreszeit ist die Kolonie der Magellan-Pinguine vollständig hier, brütet und zieht ihren Nachwuchs groß. Ich weiß nicht mehr, warum wir diese Tour nicht mit einer Bootsfahrt auf dem Beagle-Kanal verbunden haben, die Möglichkeit besteht aber. 90 Kilometer sind es von Ushuaia bis zur Estancia, und die Fahrt führt durch Südbuchenwälder und später eine herrliche offene Landschaft.
Warme und winddichte Klamotten waren uns im Vorfeld empfohlen worden, beides brauchen wir an diesem Tag nur bedingt. Die Wolken hängen tief, doch es bleibt trocken. Die Bootsfahrt hinüber zur Isla Martillo führt durch eine tolle Schärenlandschaft und ist bedauerlich schnell vorbei.
Kaum habe ich einen Fuß auf die Insel gesetzt, bin ich von den Eindrücken völlig erschlagen. Ich weiß kaum, wo ich zuerst hinschauen soll, die Pinguine sind überall.
Einige watscheln neugierig auf uns zu, als wir da so zweckfrei auf ihrem Strand herumstehen, die meisten scheren sich aber keinen Deut um uns.
Erst auf den zweiten Blick registriere ich auch die viel größeren Eselspinguine (die so heißen, weil sie so klingen), alle zusammen veranstalten sie ein ohrenbetäubendes Spektakel.
Ich bin begeistert - und sogar regelrecht geplättet, als mich Thomas auf zwei Königspinguine aufmerksam macht. Diese Pinguine brüten hier zwar nicht, tauchen aber immer mal wieder unversehens auf. Auch sie machen ihrem Namen alle Ehre: Ich finde sie wirklich ziemlich majestätisch und elegant.
Interessanterweise halten sich die beiden Königspinguine vor allem in der Nähe oder sogar inmitten der Eselspinguine auf. Die krakeelenden, wuseligen Magellan-Pinguine scheinen als Nachbarn nicht allzu beliebt zu sein.
Während bei Esels und Königs daheim das reinste Familienidyll herrscht, ...
... wird bei Magellans geworben, gerangelt und jede Menge diskutiert.
Eine Stunde haben wir für die Tour über die kleine, schmale Insel Zeit. Genug, um die Tiere in aller Ruhe zu beobachten. Aber ich könnte hier auch problemlos den ganzen Tag verbringen.
Die gesamte Insel ist mit vielen kleinen Höhlen übersät, von denen sich auch einige mitten auf dem Weg befinden. Die Guides - einer an der Spitze, einer am Ende der Gruppe - achten aufmerksam darauf, dass niemand versehentlich auf eine dieser Höhlen tritt und die Nistplätze zum Einsturz bringt.
Aus Kanada eingeschleppte Bisamratten (Danke, Leona!) rennen auf der Insel herum, es deutet aber nichts darauf hin, dass sie den Pinguinen irgendwie das Leben schwer machen. Die Guides sind gerade nicht direkt in meiner Nähe und später vergesse ich leider zu fragen.
Die Zeit verfliegt, ich kann mich nur schwer trennen und klettere schließlich als letzte wieder an Bord unseres Bootes.
Zurück im schönen Cafe der Estancia stärken wir uns am offenen Kamin mit heißem Tee und Kuchen, danach gibt es noch eine Führung durch ein kleines Naturkundemuseum und ein (sehr übel riechendes) Labor, das der Erforschung von Meeressäugetieren dient. Beides hinterlässt keinen bleibenden Eindruck bei mir - im Gegensatz zu den Pinguinen. Bloß gut, dass wir sie nicht zum letzten Mal auf dieser Reise sehen!
Teil 530. Mai 2019
Schietwetter und eine Schrottkarre
An unserem letzten vollen Tag in Ushuaia hat uns das Wetterglück verlassen. Ein bisschen dürfen wir beim allmorgendlichen Blick vom Balkon noch hoffen, ...
... doch dann öffnet der Himmel unerbittlich seine Schleusen. Wir haben für den Tag einen weiteren Ausflug gebucht, der sich "Lakes Off-Road Tour" nennt. Um 9 Uhr werden wir abgeholt und überqueren eineinhalb Stunden später den Garibaldi Pass, doch die Hoffnung, dass das Wetter auf der anderen Seite der Anden besser ist, zerschlägt sich leider.
Bild oben: Ein häufig vorkommendes Schild. Für die Einheimischen ist glasklar, wem die Falklandinseln gehören. Scherze, Sprüche oder Diskussionen rund um dieses heikle Thema sind unbedingt zu vermeiden, und britische Touristen zählen nicht gerade zu den beliebtesten Gästen ...
Der Defender erklimmt die steilsten, matschigsten Pfade in den tiefsten Wäldern und wühlt sich fast mühelos durch den Kiesstrand am riesigen Fagnano-See. Die Aussicht bei besserem Wetter muss sensationell sein, an diesem Tag wird daraus so gut wie nichts.
Bei einem Stopp gibt es Mate-Tee, das typische Trinkgefäß geht reihum. Für die Argentinier eine wichtige Zeremonie, soll sie doch eine Gemeinschaft - wie unsere, die aus acht Personen besteht - zusammenschweißen. Nicht, dass mir unsere Mitstreiter nicht sympathisch wären. Aber mit anderen aus demselben Becher zu trinken war noch nie mein Fall - und auch mit dem bitteren Nationalgetränk werde ich mich auf dieser Reise nicht anfreunden können. Mehr als ein Anstandsschlückchen ist leider nicht drin.
Magellanspecht
Die Fahrt endet in einem wunderschönen Wald, er wirkt wie verzaubert. Bei Sonnenschein muss es fantastisch sein.
Nach einem halbstündigen Fußmarsch stehen wir vor einer kleinen Blockhütte, idyllisch am Fagnano See gelegen, ein Traum. Eine andere Gruppe ist schon da, und gemeinsam trocknen wir unsere Sache am gemütlichen Ofen, während uns Fahrer und Guides am Grill ein waschechtes "Asado" bereiten. Was für ein Schmaus, auch meine vegetarische Variante schmeckt richtig gut, und so kehren wir am Nachmittag rundum zufrieden von dieser ungewöhnlichen, wenn auch verregneten Tour zurück.
Wir lassen uns im Ortszentrum von Ushuaia absetzen, denn wir haben noch etwas zu erledigen. Um 17 Uhr sollen wir unseren Mietwagen bei Alamo abholen, doch als wir pünktlich vor der Tür der kleinen Filiale stehen, ist keiner da. Wir warten, und schließlich sogar mit Erfolg. Doch es folgt die nächste Hürde. Das Auto, radebrecht der junge Mann, sei noch beim Mechaniker. Er könnte es uns aber am nächsten Tag zum Hotel bringen. Ich winke ab, denn wir wollen am nächsten Morgen ganz früh los in Richtung Punta Arenas. Er ruft also beim Mechaniker an, und der will innerhalb der nächsten halben Stunde mitsamt Wagen auftauchen.
So weit, so gut. Dann also erstmal die Formalitäten. Wir präsentieren unsere Unterlagen, bitteschön, alles geregelt und bezahlt. Zumindest fast, konstatiert unser Gegenüber. Es fehle noch die Einweggebühr. 800 US-Dollar sollen wir dafür berappen, mich trifft fast der Schlag. Wir lesen noch einmal alle Papiere, kreuz und quer, und was soll ich sagen: Der Mann hat recht. Das nicht unwesentliche Detail, dass diese Kosten noch nicht im Endpreis enthalten sind, ist uns entgangen. Autsch, das tut weh!
Zu ändern ist nun allerdings nichts. Wir müssen blechen. Und weiter warten. Denn auch nach einer weiteren Stunde ist von dem Mechaniker nichts zu sehen. Sein Handy hat er vorsorglich ausgeschaltet. Der Autovermieter ist sichtlich genervt, aber ratlos. Noch am Vormittag hatte ich ein Loblied angestimmt, wie reibungslos alles klappt. Damit ist es nun vorbei.
Es wird Abend, und noch einmal versucht der Autovermieter, uns auf den nächsten Tag zu vertrösten. Aber in meiner Seele herrscht finsterste Nacht. Keinesfalls rühre ich mich ohne Auto vom Fleck. Und dann, oh Wunder, springt der Vermieter auf. Der Wagen, er kommt. Ich drehe mich um. Aber wo denn? Na da, in der Einfahrt! Thomas guckt genauso verdattert wie ich: Mit diesem Ding sollen wir mehr als 1.000 Kilometer durch die Gegend gondeln???
Das Auto, versichert der Mechaniker, sei nun einwandfrei. Ich krame in meiner Erinnerung. „VW Golf oder ähnlich“, so war es in unseren Unterlagen vermerkt. Daneben das Foto einer funkelnden, makellosen Karosse. Dieser ramponierte Fiat ist das genaue Gegenteil und in einem beklagenswerten Zustand. Thomas dokumentiert vorsorglich die Mängel, was sich in Anbetracht ihrer Vielzahl als Sisyphos-Arbeit erweist. Mich beeindruckt besonders die Stoßstange, die in mehrere Teile zerbrochen ist und nur noch von Gaffa-Band gehalten wird.
Als ich schließlich meine Sprache wiederfinde, bitte ich darum, uns ein anderes Auto zu geben. Der junge Mann schaut bekümmert, er bedaure. Dieser Wagen verfüge als einziger über die erforderlichen Papiere für die Grenzübertritte. Dem ist nichts hinzuzufügen, notgedrungen fügen wir uns in unser Schicksal. Um 800 Dollar leichter und mit einem fragwürdigen Vehikel unter dem Allerwertesten gurken wir hügelaufwärts zu unserem Hotel. Das kann ja heiter werden!
Bild oben: Gleich zu Beginn habe ich unseren Mietwagen - erst spöttisch, später sogar beinahe liebevoll - "Schrottkarre" genannt. Hier ein einträchtiger Moment im Torres del Paine Nationalpark.
Teil 603. Juni 2019
Spektakuläre Fahrt nach Punta Arenas
Ein letztes Mal genießen wir am frühen Morgen den schon zum Ritual gewordenen Blick auf den Beagle-Kanal, dann kehren wir dem "Ende der Welt" und dem "Tor zur Antarktis" endgültig den Rücken. Ein zügiges, wie immer nicht besonders herausragendes Frühstück, dann verstauen wir unser Gepäck so gut es geht im ziemlich klein geratenen Kofferraum unserer "Schrottkarre". Punkt acht Uhr sind unterwegs in Richtung Punta Arenas.
Rund 630 Kilometer beträgt die Strecke, für die Google rund acht Stunden veranschlagt. Zudem wir haben den einen oder anderen Umweg nebst Stopp geplant. Wir haben keine rechte Vorstellung, wie lange wir wohl brauchen werden, und eher großzügig kalkuliert. Wie sind die Straßenverhältnisse, wie schnell geht es an der Grenze, wie verlässlich fahren die Fähren an der Magellanstraße und werden wir dort vielleicht Schlange stehen müssen? Wir wissen es nicht.
Das Wetter ist trüb und regnerisch, wird aber besser, als wir die Berge hinter uns lassen. Die Landschaft verändert sich, die hügeligen Wälder hinter Ushuaia wechseln über in die Steppe Feuerlands. Die Weite fasziniert mich, es sind kaum andere Autos unterwegs und wir fühlen uns auf dieser endlos scheinenden Straße noch mehr ans Ende der Welt versetzt als zuvor in Ushuaia.
An der Grenze zu Chile ist schon deutlich mehr los. In dem Gewimmel finden wir schließlich die richtigen Schlangen und dann geht alles reibungslos seinen behördlichen Gang. Papiere hier, Stempel da, schließlich heißt es für uns "Adios Argentina". Wenn auch nur für ein paar Tage.
Kurz hinter der Grenze bei San Sebastian werden meine schlimmsten Albträume wahr. Die Schotterpiste ist extrem holprig, etwas später zudem schmal und verstopft. Wir sind umzingelt von gigantischen amerikanischen Trucks, die uns kaum wahrzunehmen scheinen. Unser fragiles Vehikel kämpft sich wacker über dicke Steine und durch tiefe Schlaglöcher, doch es leidet - und ich gleich mit. Oh weh, soll das etwa bis Punta Arenas so gehen?
Nach rund 40 Kilometern ist der Horror an einer Abzweigung zum Glück vorbei - es war schlichtweg eine Baustelle, in der wir relativ lange feststeckten. Rechts führt nun eine nagelneue, perfekt asphaltierte Straße nach Punta Arenas. Wir biegen jedoch nach links auf eine gute Schotterstraße ab, über uns kreist der erste Condor am Himmel.
Nur 20 Minuten sind es von hier zum Parque Pinguino Rey, den ich unbedingt besuchen möchte. Ich war deshalb überglücklich, als sich herausstellte, dass wir ohnehin fast daran vorbeifahren. Königspinguine kommen eigentlich nur südlich des Südpolarkreises vor. Und so staunte die Besitzerin des riesigen Geländes an der Bahia Inutil, einer Meeresbucht an der Magellanstraße, nicht schlecht, als vor einigen Jahren Königspinguine bei ihr angeschwommen kamen und auch blieben.
Wir haben vorsorglich am Vortag eine (kostenfreie) Reservierung auf der Homepage vorgenommen. Ich weiß nicht, ob das notwendig ist, aber wir werden tatsächlich danach gefragt. Außer uns sind noch eine Gruppe tapferer Radfahrer und einige Touristen-Paare hier. Es soll zuweilen wetterbedingt schwierig sein, die Bucht zu erreichen. Doch an diesem Tag scheint die Sonne und auch mit den gefürchteten patagonischen Winden haben wir immer noch keine Bekanntschaft gemacht.
Nach einer kurzen Einweisung dürfen wir los und ich bin heilfroh, dass wir diesen Schlenker mit in unsere Tour eingebaut haben. Irgendwie hatte ich mir alles viel schwieriger vorgestellt - ein immer wiederkehrender Gedanke auf dieser Reise.
Wie schon auf der Isla Martillo muss ich mich erst einen kleinen Moment daran gewöhnen, dass die Tiere nicht wie in meiner Vorstellung auf Eis, sondern auf der grünen Wiese stehen.
Wir müssen einigen Abstand halten, ein Zaun, ein markierter Weg sowie ein kleiner Flusslauf sind die Grenzen. Übermäßig viel Aktivität darf man nicht erwarten, Königspinguine sind nicht die temperamentvollsten aller Geschöpfe und üben sich meist in vornehmer Zurückhaltung. Dennoch bin ich fasziniert von dieser Kolonie und freue mich, dass sie offenbar beständig wächst.
Links, zwo, drei, vier...
Man kann die Königspinguine auch mit einer Tagestour von Punta Arenas aus besuchen. Das ist dann schon sehr weit und ich möchte nicht beurteilen, ob der Weg lohnt, denn man wird zwangsläufig zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Ich kann jedoch sagen, dass uns schon allein die wunderschöne Landschaft in dieser Region und ihre Abgeschiedenheit zumindest bei gutem Wetter begeistert hat.
Etwas mehr als eine Stunde verbringen wir bei den Pinguinen, dann machen wir uns wieder auf den Weg. Hinter dem Abzweig ist die Straße in tadellosem Zustand und wir kommen zügig voran.
Trotzdem ist die Fähre über die Magellanstraße, die Feuerland vom Festland trennt, noch immer die große Unbekannte in unserer Zeitrechnung. Wir haben (bei viel Pech) von langen Schlangen und mehrstündigen Wartezeiten gelesen, und als die Bahia Azul in Sicht kommt, sind wir sehr gespannt, was uns erwartet.
Es ist das genaue Gegenteil dessen, womit wir gerechnet hatten: gähnende Leere. Keine Menschen, keine Autos weit und breit. Wir rollen langsam bis zum Ende der Straße vor und sehen, wie die Rampe der Fähre unten am Wasser just geschlossen wird. Hmpf, so ein Pech! Ich will gerade den Rückwärtsgang einlegen, da senkt sich wie von Zauberhand die Klappe und uns wird wild gewunken. Als letztes Auto flutschen wir an Bord - was für ein Dusel!
Wir besorgen uns im Bauch der Fähre Tickets, dann genießen wir während der kurzen Überfahrt den tollen Blick.
Thomas ganz happy. Es läuft wie am Schnürchen!
Hinter uns liegt Feuerland und vor uns Chile in goldenem Licht. Noch 170 Kilometer sind es bis Punta Arenas.
Nur mal so Kilometer abspulen, das funktioniert hier allerdings nicht. Es gibt einfach zu viel zu sehen. Immer wieder Landschaft ...
... und eine Art "Geisterstadt". Die Estancia San Gregorio war einst eine gigantische Ranch, die vornehmlich Wolle produzierte. Wir hatten im Vorfeld nichts von ihr gehört oder gelesen, doch an einem spontanen Stopp führt für uns kein Weg vorbei. Es ist ein kurzer, aber faszinierender Blick in die Vergangenheit.
Sonne und Wolken wechseln sich ab und sorgen für eine einzigartige Gewitterstimmung.
Ich werde am Steuer (weil ich glaube, dass ich es besser kann) ganz unruhig bei all den Farben und Eindrücken und würde am liebsten alle paar Kilometer anhalten. So kommen wir aber natürlich nie ans Ziel und Thomas als Fotograf auf dem Beifahrersitz (weil er es definitiv besser kann) hat alle Hände voll zu tun.
Am frühen Abend erreichen wir schließlich Punta Arenas. Unser Hotel Jose Nogueira liegt nicht nur zentral, sondern ist überdies ein echtes Schmuckstück, und die tüchtige kleine "Schrottkarre" darf im Hof wohlverwahrt übernachten. Wir sind erschöpft, aber glücklich: Es war eine lange, spektakuläre Fahrt, und selten hat das Motto "Der Weg ist das Ziel" für uns so gut gepasst!
Müde ist sie. Es war ein langer, aber auch wunderbarer Tag.
Teil 705. Juni 2019
Im Reich der Pinguine, Teil II
Das Hotel Jose Nogueira gefällt uns ausgesprochen gut. Nicht, weil die Zimmer außergewöhnlich luxuriös wären, sondern weil das gesamte Gebäude, das von 1890 stammt und eins der ältesten Patagoniens ist, Geschichte atmet. Fassade und Interieur sind weitgehend original erhalten. Das Frühstück im Wintergarten hat deutlich mehr Stil als unsere Outdoor-Klamotten und wir fühlen uns - wenn auch leicht underdressed - in eine andere Zeit versetzt.
Nach dem Frühstück schlendern wir durch Punta Arenas, mit über 120.000 Einwohnern schon fast eine Großstadt.
Die Lage direkt am Wasser ist ein klares Plus, es gibt viele alte Gebäude und außerdem Restaurants für jeden Geschmack. Für mich als Vegetarierin eine Offenbarung, am Vorabend habe ich mir die Pizza aus dem Steinofen so richtig schmecken lassen. Insgesamt ist der Charme der Städte, Buenos Aires ausgenommen, bislang jedoch einigermaßen überschaubar, zumindest hat er uns kaum erreicht - im Gegensatz zur weitgehend unberührten Natur, und darauf kommt es uns ja an. Der Friedhof in Punta Arenas wird uns ans Herz gelegt, aber Friedhof hatten wir schon und überhaupt drängt die Zeit.
Denn unser eigentliches Ziel ist die Isla Magdalena. Die unbewohnte Insel liegt unweit der Stadt inmitten der Magellanstraße und ist um diese Jahreszeit das Zuhause Zehntausender Magellanpinguine. Da wollen wir hin!
Der Fährhafen liegt rund 25 Kilometer nördlich von Punta Arenas und schon auf den ersten Blick wird klar: Das hier ist ein ganz anderer Schnack als die kleine, persönliche Tour auf die Isla Martillo. Wir sind froh um die Tickets, die wir schon lange im Voraus gebucht haben, denn der Andrang ist erheblich und nicht jeder kommt mit. Die Überfahrt ist relativ ruppig und zieht sich, dann endlich: Land in Sicht.
Bis auf einen Leuchtturm gibt es hier nichts. Nichts außer Pinguinen. Aber die wie Sand am Meer.
Das Empfangskomitee hat leichte Verspätung und watschelt im Eiltempo heran, verliert aber schnell das Interesse. Pah, wieder nur so olle Touristen...
Ich selbst bin von derlei Coolness meilenweit entfernt und hin und weg - was hier los ist!
Eine Stunde haben wir Zeit, auf einem Rundweg kommen wir den drolligen Tieren wie schon auf der Isla Martillo sehr nah.
Die Insel ist mit Bruthöhlen übersät, und alle sind "fully booked".
Bei den Pinguinen läuft es etwa so: Im September schwimmen die Jungs zu Zigtausenden an Land, streiten um die besten Villen mit Meerblick, dann wird renoviert und grundgereinigt, bis schließlich zwei Wochen später die Mädels folgen. Wenn alles passt, legen die Weibchen im Oktober je zwei Eier, nach 40 Tagen schlüpfen die ersten Jungtiere, die dann rund zwei Monate von ihren Eltern großgezogen werden. In diese späte Phase der Familienplanung fällt unser Besuch.
Keine Chance für Singlebörsen: Die Pinguine bleiben ihrem Gefährten ein Leben lang treu. Nur wenn er verstirbt, binden sie sich neu. Was zuweilen zu Beziehungschaos führt. Denn taucht der alte Partner verspätet noch auf, wird der neue eiskalt abserviert. Das nenne ich konsequent!
Sieht nach A cappella aus, klingt aber nach verrostetem Nebelhorn. Was das "Getröte" der Pinguine genau bedeutet, haben wir nicht so richtig herausgefunden.
Die Möwen haben ihr eigenes Appartement in diesem riesigen Wohnkomplex und bleiben weitgehend unter sich.
Viel zu schnell ist die Stunde rum, und wir müssen zurück aufs Schiff. Er war grandios, unser zweiter Besuch im Reich der Pinguine, der leider auf dieser Reise auch der letzte war.
Teil 807. Juni 2019
Die Vögel
Nach den Pinguinen ist vor den Kormoranen, wir sind im Vogel-Wahn. Schon auf dem Hinweg zum Fährhafen waren mir die vielen verwitterte Molen an der Uferpromenade aufgefallen. Dort haben sich Kormorane angesiedelt. Zurück in Punta Arenas gehen wir dorthin. Hitchcock lässt grüßen, es herrscht reger Flugverkehr.
Die Vögel pendeln zwischen Mole und Strand hin und her und tauchen immer wieder direkt vor unseren Linsen auf. Ein herrliches, friedliches Spektakel, wir haben keinen Zeitdruck und sind völlig entspannt.
Wir sitzen auf dicken Steinen, genießen die Abendstimmung und die Gesellschaft unserer gefiederten Hauptdarsteller.
Die Möwen faszinieren uns. Sie lassen Muscheln gezielt auf die Steine fallen, um sie so zu knacken und an ihren Inhalt zu gelangen. Ganz schön schlau!
Was hat diese Gegend doch an Naturwundern zu bieten!
Eins davon landet an diesem Abend auf Thomas' Teller: die Königskrabbe (oder auch - wie ich finde völlig zu Recht - Monsterkrabbe) prangt auf allen Speisekarten und ist damit für Thomas praktisch eine Pflichtübung.
Mit vollem Magen und vollen Speicherkarten machen wir uns schließlich auf den Weg ins Hotel. Morgen ist ein großer Tag: Wir fahren in den Torres del Paine Nationalpark. Für mich ein Sehnsuchtsort, der die Initialzündung zu dieser Reise gab. Ob er meinen hohen Erwartungen wohl gerecht wird?
Teil 910. Juni 2019
Irrungen, Wirrungen und das perfekte Panorma
Der Weg von Punta Arenas zum Torres del Paine Nationalpark ist mit rund 350 Kilometern nicht allzu weit.
Schnappschüsse aus dem Autofenster. Das Licht spielt zwar nicht mit, doch einmal mehr zeigt sich: Die Fahrten sind - ähnlich wie in Afrika - weit mehr als nur ein notwendiges Übel, um von A nach B zu gelangen.
In Puerto Natales legen wir einen Zwischenstopp ein, denn hier befindet sich die letzte Tankstelle weit und breit. Um ein Haar wäre die kleine Hafenstadt sogar deutlich mehr als nur ein Tankstopp für uns gewesen. Was zunächst einmal kein Drama sein muss, weil sie durch ihre privilegierte Lage direkt am Fluss und mit Blick auf die Berge durchaus attraktiv ist. Doch wir hatten sie in unserer Planung zugunsten von vier Übernachtungen und somit drei vollen Tagen im Nationalpark bewusst ausgespart.
Ich hatte unserer Agentur gegenüber mehrfach betont, wie sehr uns an den Übernachtungen innerhalb des Parks gelegen ist und sie gebeten, rechtzeitig aktiv zu werden. Die Mehrkosten für die exklusive Lage haben wir dabei billigend in Kauf genommen. Uns wurde im Gegenzug mehrfach versichert, dass es keinerlei Zeitdruck gäbe. Was sich als Trugschluss erwies: Schließlich war das von mir favorisierte Hotel Lago Grey bereits ein Jahr zuvor ausgebucht - ohne uns.
Diese traurige Tatsache hat uns die Agentur, mit der wir ansonsten bei all unseren Reisen nach Mittel- und Südamerika nur gute Erfahrungen gemacht haben, allerdings nicht mitgeteilt, sondern uns stattdessen ohne entsprechenden Hinweis für vier Nächte nach Puerto Natales verfrachtet. Erst bei der Durchsicht des finalen Reiseplans bin ich darüber gestolpert - und aus allen Wolken gefallen. Knapp eineinhalb Stunden pro Strecke hätten wir von Puerto Natales zum Südeingang, dem nächsten Zugang zum Park, gebraucht. Und das auch nur in der Theorie. Denn als wir in der Praxis auf die Schotterstraße zum Südeingang einbiegen wollen, ist sie gesperrt.
Wir müssen also noch einmal rund 50 Kilometer weiterfahren bis zum Nordeingang und dann wieder ein ganzes Stück quer durch den Park zurück - völlig ausgeschlossen, an drei Tagen in Folge zwischen Puerto Natales und Torres del Paine zu pendeln.
Der Umweg allerdings entpuppt sich als landschaftlich reizvoll und zudem äußerst tierreich.
Wir sind nun bereits ganz in der Nähe des Torres del Paine und der Verkehr ist noch überschaubar als ohnehin schon - von einigen leichtsinnigen Passanten abgesehen...
Je näher wir dem Nationalpark kommen, desto schlechter wird leider das Wetter.
Am Parkeingang melden wir uns an und entrichten die Gebühr für die nächsten Tage, dann nehmen wir die letzten 50 Kilometer quer durch den Park zum Hotel Lago Grey unter die Räder.
Wir haben die Hotelproblematik am Ende so gelöst: Für die erste Nacht haben wir in Eigenregie über eine Buchungsplattform noch ein Superior-Zimmer im Lago Grey ergattert. Für die Nächte drei und vier hat die Agentur ein Standard-Zimmer im selben Hotel bekommen. Bei der zweiten Übernachtung war allerdings nichts zu machen, wir haben immer wieder nachgeschaut, doch das Hotel blieb ausgebucht. Wir haben deshalb auf eigene Faust eine andere Unterkunft unweit des Südeingangs gebucht (an der Südzufahrt, aber aus dem Park kommend weit vor der Straßensperrung), sodass sich die Fahrerei absolut in Grenzen hielt.
Unterwegs können wir die Schönheit um uns herum nur erahnen, von den berühmten Granitnadeln ist nichts zu sehen. Ich hoffe, dass uns die nächsten Tage besseres Wetter bescheren.
Die Schotterstraße, über die wir in Richtung Süden holpern, ist in ziemlich miserablem Zustand, wir werden ordentlich durchgerüttelt. In den Schlaglöchern steht das Wasser, und ich kann ihre Tiefe nur erahnen. Doch weil ich an unserer "Schrottkarre" ohnehin kaum mehr etwas verderben kann, fahre ich tendenziell forsch. Es hat eben alles auch sein Gutes. 😉
Auf den letzten Kilometern wechselt der schlechte Schotter über in groben Kies. Der Knall, wenn einer der Steine gegen das Bodenblech prallt, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Doch wir gewöhnen uns überraschend schnell daran. In den nächsten Tagen wird uns das Gepolter immer weniger auffallen, bis wir es am Ende kaum mehr wahrnehmen.
Ich hatte mir das Hotel Lago Grey, das am namensgebenden See und Gletscher ganz am Ende des Parks liegt, in den Kopf gesetzt - und es enttäuscht mich nicht. Ich fühle mich auf Anhieb wohl. Es beherbergt auch Reisegruppen, ist also nicht gerade klein. Doch der reduziert-skandinavische Stil gefällt mir, und beim Blick durch die riesigen Panoramafenster stockt uns regelrecht der Atem.
Auch in unserem modernen Superior-Zimmer mit Blick auf den Grey-Gletscher könnten wir es ziemlich gut einige Zeit aushalten. Schade, dass wir es am nächsten Tag schon wieder räumen müssen.
Ein neugieriger Nachbar linst schamlos in unser Schlafzimmer.
Das Essen im Restaurant ist okay, jedoch seinen mangels Alternativen hohen Preis nicht wert. Der Ausblick tröstet darüber allerdings locker hinweg.
Kurz vor Sonnenuntergang heben sich schließlich sogar die Wolken. Plötzlich sind sie da, die berühmten Torres, und mit ihnen all der Zauber, den ich mir von diesem besonderen Ort erhofft hatte.
Teil 1012. Juni 2019
Ice Ice Baby
Am nächsten Morgen werfe ich einen bangen Blick aus dem Fenster: Ist das Wetter besser als am Tag zuvor? Wir haben einen Bootstrip zum Grey-Gletscher gebucht, doch eine zufriedenstellende Antwort bekomme ich nicht: Das Wetter ist indifferent.
Wir packen unsere Sachen und geben sie im Gepäckraum ab, denn irgendwann später am Tag müssen wir noch unserer Herberge für die zweite Nacht ansteuern. Das Frühstück ist sehr gut, um Punkt neun sind wir an der Rezeption, dem Sammelpunkt für den Bootstrip. Es gibt ungeahnte Instruktionen, wir müssen nun erst eine kleine Strecke mit unserem Auto fahren, dann an der Guarderia Grey parken und schließlich durch einen kleinen Wald und am Seeufer entlang zum Boot laufen. Um zehn Uhr legt die MS Grey III ab, ausreichend Zeit also für den Weg, und das ist gut so, denn er besitzt jede Menge Charme.
Das Wetter wird immer besser, die dicken Wolken lösen sich auf.
An manchen Tagen soll das Boot wegen zu starken Windes nicht fahren können. Doch an diesem Tag weht nicht das leiseste Lüftchen.
Blick auf das Hotel Lago Grey. Wir laufen zwischen See und Fluss über den Kiesstrand zum Boot.
Pünktlich legen wir ab ...
... und fahren immer näher an den Gletscher heran.
Der Gletscher kalbt in den See, uns so kommen wir an vielen Eisbergen vorbei.
Fast schon am Eisfeld angekommen, legen wir an und einige Wanderer gehen von Bord. Ganz in der Nähe liegt das Refugio Grey, es ist herrlich abgeschieden hier. Dann schippert der Katamaran in gemächlichem Tempo an die drei Gletscherarme heran und an ihnen entlang.
Ich bin dankbar für die Sonne, die sich zwar nicht durchgängig, aber doch großzügig zeigt. Der Gletscher heißt zwar "Grey" - aber in ihrem Licht leuchtet das Eis intensiv blau.
Auch an den bizarren Eisformationen kann ich mich nicht sattsehen. Kein Bildhauer kriegt das besser hin.
Schließlich kehren wir um. Auch auf dem Rückweg lassen wir uns Zeit, betrachten die Eisberge aus nächster Nähe. Nach drei Stunden spektakulärer Bootsfahrt sind wir durchweg begeistert zurück an Land.
Es ist Mittag und ich hatte im Vorfeld ausgelotet, welche Wanderungen sich für uns anbieten würden. Ich bin passionierte Joggerin, zu dem Zeitpunkt aber von hartnäckigen Problemen am Hüftbeuger ausgebremst. Die Schmerzen waren auch bei den Streifzügen durch Buenos Aires immer wieder präsent und meine Grundkondition hatte in den Wochen zuvor mangels Training ohnehin gelitten. Die ganz großen Sprünge traue ich mir deshalb auf dieser Reise eigentlich nicht zu.
An diesem Tag fühle ich mich allerdings gut und so versuchen wir uns am Aufstieg zum Mirrador Ferrier. Der Trail startet in unmittelbarer Nähe des Lago Grey an der Grey Ranger Station, wo wir uns registrieren müssen. Die Distanz beträgt zwar insgesamt nur 7,5 Kilometer, doch der Pfad ist schmal und steil, als Level wird von Rangern wie Reiseführer "schwierig" angegeben.
Es gibt wohl auch aus diesem Grund deutlich populärere Tracks im Park; was den Vorteil hat, dass außer uns nur eine fünfköpfige Familie den giftigen Anstieg über 700 Höhenmeter in Angriff nimmt. Rund zwei Stunden soll der Aufstieg dauern, der eine ziemlich schweißtreibende Angelegenheit ist.
Die Strecke wird zunehmend steiler, auf einem kleinen Plateau entschließen wir uns schließlich zur Umkehr. Aus verschiedenen Gründen. Mein Bein schmerzt, und auch wenn der Mirador Ferrier zu den besten Aussichtspunkten auf das Torres-del-Paine-Massiv zählt, wird davon wohl bis zu unserer Ankunft so gut wie nichts mehr zu sehen sein: Es hat begonnen zu nieseln. Der steile Weg wird dadurch zudem rutschig und der Abstieg somit noch schwieriger als ohnehin schon.
Meine Sportlerehre ist schwer angeknackst, doch wir drehen schweren Herzens um - gemeinsam mit einer Frau aus der fünfköpfigen Gruppe. Immerhin ist der Ausblick auch von hier schon sehr, sehr schön.
Rechts am Bildrand das Hotel Lago Grey
Im Nachhinein ärgere ich mich natürlich, dass wir Flachlandtiroler uns (zum ersten und bislang letzten Mal) nicht durchgebissen haben. Am Abend treffen wir allerdings per Zufall die Familie wieder und das Quartett, das (scheinbar mühelos, alles Handballspieler und topfit) oben war, bestätigte die eingeschränkte Sicht bei zunehmend schlechtem Wetter. Immerhin war ich froh, dass wir die frühe von zwei möglichen Bootsfahrten gewählt hatten, hier lag mir deutlich mehr an Sonne und Licht.
Zurück im Auto stellen wir auf dem kurzen Weg zum Hotel Lago Grey fest, dass die Tanknadel hektisch auf und ab tanzt und keinerlei verlässliche Informationen liefert. Was soll das bedeuten, am Vortag war doch noch alles okay? Fakt ist: Durch die Sperrung des Süd-Zugangs ist die nächste Tankstelle 150 Kilometer entfernt. Wir haben die Strecken im Park unterschätzt, keine Ahnung, wieviel Benzin noch im Tank ist und keinen Reservekanister an Bord. Das macht mich alles in allem ziemlich nervös!
Auf den wenigen Metern bis zum Hotel schaffe ich es, mich in die Problematik regelrecht hineinzusteigern. An der Rezeption im Lago Grey frage ich daher zwar wenig hoffnungsfroh, dafür aber spürbar verzweifelt vorsorglich noch einmal nach: Kein Benzin weit und breit, nada de nada?
Es ist der Beginn einer streng geheimen Mission. Der Rezeptionist kommt um sein Pult herum, nimmt uns zur Seite, nennt uns Codewort und Adresse. Dort, so versichert er, bekämen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit Treibstoff - sofern gerade eine "Lieferung" eingetroffen sei und welcher vorhanden ist. Ich fühle mich wie 007 - Betti Bond, auch nicht schlecht.
Die Spur führt durch den Südausgang (Serrano) hinaus aus dem Park und kurz dahinter zu einer Farm. Dort nennen wir das Zauberwort und bestellen zehn Liter Benzin, die umgehend ihren Weg von einem Kanister durch eine zum Trichter umfunktionierte Plastikflasche in unseren Tank finden - perfekt! So ganz geheim kann unsere Mission übrigens nicht gewesen sein, denn hinter uns tauchen zwei junge Österreicherinnen auf. Sie haben das Geheimnis um die verborgene Tanke ebenfalls gelüftet.
Für uns geht es heiter weiter beziehungsweise ein paar Meter zurück, denn erfreulicherweise hatten wir schon zuvor bemerkt, dass unsere heutige Unterkunft nur einen Steinwurf von den findigen Spritverkäufern entfernt liegt.
Unsere "Cabana" im Hotel del Paine ist ein wenig muffig und definitiv überteuert, aber für eine Nacht völlig okay. Schließlich waren wir froh, nach dem Buchungsdesaster überhaupt eine Lösung gefunden zu haben. Beim Abendessen kommt es zu einem Disput, denn es gibt nur ein Buffet und ich soll den vollen Preis zahlen, obwohl für mich als Vegetarierin fast nichts dabei ist. Ich trete in den Hungerstreik, was wiederum den Manager auf den Plan ruft. Schließlich darf ich mir für die Hälfte des immer noch stolzen Preises einen Teller Pasta mit Tomatensauce gönnen, allerdings keinesfalls etwas nachnehmen - was mir ohnehin nicht eingefallen wäre, denn es schmeckt weder Thomas noch mir. Aber immerhin gab es ein Entgegenkommen und auch der Blick auf das Bergmassiv ist gelungen.
Am Ende eines ausgefüllten Tages fallen wir in unsere mäßig komfortablen Betten, deren Qualität schlussendlich keine Rolle spielt: Mir erscheinen im Schlaf Gletscher, Berge und Eis - es ist der reinste Traum!
Teil 1114. Juni 2019
Von Enten und Eisbergen
Am Morgen werden wir vom Regen geweckt, der energisch aufs Dach prasselt. Wir drehen uns noch einmal um. Kein Grund zum Aktionismus bei diesem Schietwetter! Viel später laden wir nach einem faden Frühstück unser Gepäck ins Auto, rollen die paar Meter von unserer Bleibe zur Rezeption - und dann öffnen sich die Schleusen, wie ich es selten erlebt habe. Wir sind gefangen in der "Schrottkarre". Ein Kingfisher wartet direkt neben uns ebenfalls auf bessere Zeiten. Ich öffne das Fenster einen Spalt und will mit ihm zu plaudern, doch er hat keine Lust auf Smalltalk und zeigt mir die kalte Schulter.
Während einer der seltenen Regenpausen begleicht Thomas unsere Rechnung und durch den Südzugang (Serrano) sind wir ruckzuck zurück im Park, denn das Dreitagesticket behält auch seine Gültigkeit, wenn man ihn zwischendurch verlässt. Es bleibt verregnet, und auf dem kurzen Weg zum Hotel Lago Grey ist vom Panorama nichts zu sehen.
Im Hotel können wir schon am späten Vormittag unser Zimmer beziehen, was sehr erfreulich ist. Die Standard-Variante ist ein ganz anderer Schnack als unser Superior-Zimmer in der ersten Nacht. Kein Panorama-Blick, viel kleiner, viel schlichter, keine Extras, kein Chichi. Doch ich bleibe dabei, dass ich mich hier wohlfühle. Das Flair passt für uns, und den Großteil der Zeit sind wir ohnehin unterwegs oder relaxen im Cafe/Barbereich mit dem gigantischen Ausblick.
Mittags reißt der Himmel auf. Für die geplante Tour quer durch den Park mit einigen kleineren Wanderungen ist es uns zu spät. Wir hoffen auf bessere Bedingungen am nächsten Tag, der unser letzter im Torres des Paine sein wird. Ohnehin ist uns an diesem Tag nach den vielen bisherigen Erlebnissen und Eindrücken gemütlich zumute, der Kopf kommt nicht hinterher. Wir entscheiden uns für eine Wanderung zu einem Aussichtspunkt am Lago Grey, die direkt am Hotel beginnt und als Loop etwa zwei Stunden dauert.
Der Weg führt zunächst am Fluss entlang, wir sind fasziniert von einer kleinen Ente, die sich tapfer gegen den reißenden Strom stemmt und immer wieder blitzschnell abtaucht. Sturzbachenten (Torrent Duck) sind, so lernen wir später auf Nachfrage, nicht nur ziemlich eigenbrötlerisch, sondern auch Zeichen eines intakten Ökosystems. Das ist ja mal eine gute Nachricht!
Durch den Wald, den wir schon vom Vortag kennen, geht es hinunter zum Strand, die Gäste vom Vormittags-Bootstrip sind gerade auf dem Rückweg.
Mittlerweile ist es sonnig und angenehm warm - und herrlich, einfach so die Zeit zu vertrödeln. 🙂
Am Ende des Beach Trails liegt rechts das Boot, doch wir biegen nach links ab zum Aussichtspunkt.
Der Blick über den See und auf den Gletscher in der Ferne ist fantastisch. Im Wasser treiben große, blaue Eisblöcke. Was für eine Kulisse!
Die Grey III fährt an uns vorbei, der Nachmittagstrip hat begonnen. Er ist an diesem Tag - anders als bei uns, als morgens die Sonne schien und es später nieselte - die deutlich bessere Wahl.
Ich träume vor mich hin und genieße die Stille, ...
... bis sie plötzlich von einem tiefen, fremdartigen Grollen durchbrochen wird. Ein Erbeben? Ich klammere mich vorsorglich am Boden fest. Dem Grollen folgt ein Knacken und Krachen, und ich bin erst im Bilde, als der Eisberg direkt vor uns erst wie in Zeitlupe kippt und dann regelrecht kollabiert. Wow, was für ein Getöse, das hätten wir uns im Traum nicht vorstellen können!
Als der Wind heftiger wird, schlendern wir langsam zurück. Am See entlang, durch den kleinen Wald, über eine Hängebrücke und dann parallel zum Fluss bis vor die Haustür.
Im Hotel lassen wir es uns gutgehen. Wir holen unserer Bücher, erobern ein Sofa mit Ausblick im Barbereich und bedauern einen Reiseleiter, der verzweifelt versucht, die unterschiedlichen Befindlichkeiten seiner Gäste bei der Essensauswahl zu berücksichtigen. Wir freuen uns auf den nächsten Tag, denn da wollen wir früh raus und in ganz andere Bereiche des Parks vorstoßen - wenn bloß das Wetter mitspielt!
Teil 1216. Juni 2019
Durch den Torres del Paine, Teil 1
In unseren letzten vollen Tag im Torres del Paine starten wir früh. Der Lago Grey liegt in fantastischem Morgenlicht, das Wetter ist vielversprechend. Wir müssen einmal um das Bergmassiv herum auf die andere Seite, und als wir aufbrechen, ist noch kaum jemand außer uns im Park unterwegs.
Die 50 Kilometer quer durch den Nationalpark sind wir schon bei unserer Anreise gefahren, konnten jedoch im Nieselregen kaum etwas erkennen. Deshalb wollten wir diese Strecke unbedingt noch einmal bei besserem Wetter erleben. Die Straße ist nur noch auf den ersten Kilometern rumpelig, dann in das Geholper plötzlich vorbei: Sie ist in den wenigen Tagen seit unserer Ankunft geschoben worden und in deutlich besserer Verfassung als zuvor.
Wir fahren vorbei am türkisblauen Pehoe See, ...
... an stillen Lagunen und legen an den Aussichtspunkten viele längere Stopps ein.
Wir hatten uns sehr gewünscht, das gewaltige Bergmassiv wolkenfrei erleben zu dürfen. Nun geht dieser Wunsch in Erfüllung.
Wer wandern will, ist im Torres del Paine im Paradies. Neben dem berühmten "W" und dem "O", beides mehrtägige Trekkingtouren, sind etliche Tagestouren möglich. Der Klassiker ist der Aufstieg zum Mirador Base de las Torres, die 20 Kilometer (Hin- und Rückweg zusammengerechnet) sowie die gut 1.000 Höhenmeter traue ich mir aber mit meinem angeschlagenen Bein leider weiterhin nicht zu. Ich hoffe, dass ich bis El Calafate wieder fitter bin, wo es eine vergleichbare Wanderung gibt, die ebenfalls an einer (beziehungsweise zwei) Lagune(n) endet.
Wir entschließen uns an diesem Tag zu zwei kürzeren Wanderungen, und machen nach einer ebenso gemütlichen wie spektakulären Autofahrt schließlich kehrt in Richtung Parkzentrum.
Am Parkplatz Salto Grande hat die "Schrottkarre" Pause, während wir zunächst dem Wasserfall einen Besuch abstatten.
Dahinter beginnt der Wanderweg über eine Hochebene zum Mirador Cuernos (="Hörner"), der zwar beliebt, aber für meinen Geschmack keineswegs überlaufen ist.
Gut eine Stunde sind es (ohne längere Fotostopps) bis zum Aussichtspunkt, und ich bin vom ersten bis zum letzten Schritt völlig begeistert von diesem einfachen, aber abwechslungsreichen Trail.
Der Weg führt vorbei am idyllischen Nordernskjöld Lake.
Nicht nur hier, in der gesamten Gegend sind immer noch die Spuren eines verheerenden Brandes zu sehen, den einige Jahre zuvor ein Tourist durch Unachtsamkeit verursacht hat. Insgesamt wurden seit 1980 - so habe ich es zumindest gelesen - fast 30 Prozent der Schutzfläche zerstört, weil nachlässige Besucher Waldbrände ausgelöst haben. Mittlerweile ist offenes Feuer im Park verboten.
Der Anblick des Paine-Massivs, auf das wir direkt zulaufen, ist gigantisch.
Rechts im Bild die markanten "Los Cuernos", links - ein wenig in den Wolken - der Cerro Paine Grande, der mit 3.050 m die anderen Berge überragt.
Kurz vor dem Ziel treffen wir auf eine große Gruppe Guanacos. Ein Wanderer hinter uns erstarrt zur Salzsäule, als eins der Tiere von unten im Schweinsgalopp auf ihn zurast, doch es schlägt kurz vor ihm einen Haken und sprintet haarscharf an ihm vorbei. Eigentlich sucht es nur Familienanschluss. 🙂
Soooooooo müde, erstmal ablegen.
Wer passt auf wen auf? Babysitter auf Guanaco-Art.
Am Aussichtspunkt sitzen schon mehrere Wanderer, mit denen wir sofort ins Gespräch kommen. Wir tauschen Reiseerfahrungen aus, genießen den Ausblick auf die bizarren "Cuernos" und die Sonne, über uns kreisen die Kondore - es ist herrlich!
Teil 2 zu diesem Tag folgt...
Teil 1318. Juni 2019
Unterwegs im Torres del Paine, Teil 2
In Hochstimmung kehren wir schließlich den "Cuernos" den Rücken und machen uns auf den Rückweg. In den Bergen hängen die Wolken fest, aber über uns scheint die Sonne.
Wir kommen nicht weit, denn die Guanacos sind auch noch da ...
... und wieder legen wir einen längeren Stopp ein. In dieser Kulisse wäre ich auch gern Zuhause.
Am Mittag sind mehr Wanderer unterwegs als bei unserem Start am Morgen. Dennoch überwiegt der Eindruck von Weite und Einsamkeit.
Neben mir raschelt es, und ich brauche einen Moment, bis ich den Verursacher identifiziere. Ein kleines Gürteltier scharrt hektisch am Boden. Wir bleiben wie angewurzelt stehen, um es nicht zu erschrecken.
Die Sorge erweist sich allerdings als unbegründet. Als es sich fast bis zu meinen Füßen vorgearbeitet hat, blickt es kurz auf, schaut gelangweilt aus der Wäsche und widmet sich dann wieder ungerührt seiner Aufgabe.
In einem kleinen Kiosk am Parkplatz ist das Angebot überschaubar, doch wir ergattern einigermaßen gekühlte Limos. Es ist richtig warm geworden und wir setzen uns in die Sonne. Die Magellan-Gänse haben Nachwuchs und versüßen uns die Pause.
Dann fahren wir ein Stück am Lago Pehoe entlang ...
... bis zum Camping Pehoe. Dort startet eine Wanderung hinauf zum Mirador Condor, die wir uns zum Abschluss vorgenommen haben. An den Hängen des Hügels rasten häufiger Kondore, und so besteht mit etwas Glück die Chance, diese riesigen Vögel bei Landung oder Aufstieg aus der Nähe zu beobachten.
Der Pfad zum Mirador führt erst sanft, dann steiler ansteigend durch eine grüne Hügellandschaft, die 200 Höhenmeter sind aber keine besondere Herausforderung. Nach etwa einer Stunde sind wir oben.
Von hier oben haben wir eine geniale Rundumsicht mit Blick auf den Pehoe-See und das Bergmassiv, und die idyllische Hügellandschaft mit den Lagunen in unserem Rücken wirkt völlig unberührt.
Drei ziemlich laute Italiener sind auf der Bergkuppe, als wir ankommen, doch sie kehren schon bald um. Es folgt ein junger Mann mit Guide, der ihm einiges über Kondore erzählt, doch sie haben keine Zeit oder keine Geduld und verschwinden nach wenigen Minuten. Wir sind ganz allein, und für einen kleinen Moment gehört mir die Welt. Ich bin rundum glücklich.
Thomas' Glück ist perfekt, als schließlich tatsächlich ein Kondor über dem Hügel seine Kreise zieht.
Auf dem Hügel bläst zusehends der Wind, und so machen wir uns nach einer guten Stunde leicht durchgefroren auf den Rückweg. Die Natur ist traumhaft, allerdings sind auch hier die Spuren des schlimmen Waldbrandes noch allgegenwärtig. Wir hoffen sehr, dass die Schutzmaßnahmen greifen. Nach knapp drei Stunden sind wir zurück am Auto.
Wir fahren gemütlich zurück zum Lago Grey, genießen dort zum letzten Mal die Abendstimmung am See. Wir hätten problemlos mehr Zeit im Torres del Paine verbringen können, wären noch zur stillen Laguna Azul gefahren oder hätten vielleicht doch an einem schmerzfreien Tag den Aufstieg zu den Torres gewagt. Doch wir sind randvoll mit einzigartigen Eindrücken und Erlebnissen und freuen uns auf die nächsten Abenteuer. Am Morgen geht die Reise weiter, die nächste Station heißt El Calafate.
Teil 1420. Juni 2019
Von Torres del Paine nach El Calafate
Am Morgen verabschieden wir uns ein bisschen wehmütig vom Torres del Paine, der uns so viele großartige Momente beschert hat.
Wir lassen es langsam angehen. Nur knapp 300 Kilometer sind es vom Lago Grey nach El Calafate, und wir haben den ganzen Tag Zeit. Die Wolken, die noch am Vortag in den Bergen festhingen, haben sich fast aufgelöst und das Panorama präsentiert sich zum Abschied von seiner besten Seite. Auch der Gipfel des Cerro Paine Grande, auf den wir bis dato nur einmal richtig freie Sicht hatten, blitzt noch einmal hervor.
Die Torres, die dem Park seinen Namen geben, haben wir bislang nur aus großer Entfernung gesehen. Nun zeigen sich die Granitnadeln, die sich bei unserer Ankunft im Dunst versteckt hatten, in ihrer ganzen Pracht.
Auch jenseits der Parkgrenze legen wir immer wieder Stopps ein. Wüssten wir nicht, dass wir den Nationalpark verlassen haben, würden wir es wohl auch ziemlich lange nicht merken. Denn es bleibt einsam und reich an Natur.
Guanaco beim Frühsport ...äh, Staubbad.
"Irgendwann muss es doch mit dem Sixpack was werden."
So sieht sie wohl aus, die reine Glückseligkeit.
An einem See parken wir und gehen ein Stück spazieren. Wetter und Umgebung sind zu schön, um im Auto zu sitzen. Wolken wie an diesem Tag habe ich noch nie gesehen, sie sehen aus wie aufeinandergestapelte Pfannkuchen.
Das Land um uns herum wird weit und flach, und es gibt immer was zu sehen. Wir kommen nur im Schneckentempo voran, aber das ist eigentlich auch egal. 🙂
In Grenznähe verwandelt sich die Straße wieder vorübergehend in eine holprige Schotterpiste. Die Beamten sind freundlich, die Stimmung ist entspannt und die Wartezeit kurz. Ich hatte mir die Grenzübergänge irgendwie komplizierter vorgestellt - wie so vieles andere auch. Aber sie sind überhaupt kein Problem.
Kurz hinter der argentinischen Grenze gehen mir die Augen über, wir fahren kilometerlang durch ein einziges Blumenmeer. Irgendwann fahre ich rechts ran, denn ich kann nicht anders: Ich muss da einmal durchlaufen und fühle mich wie ein Kind.
Wieder gleiten wir auf dieser Fahrt von einer Traumkulisse in die andere, immer begleitet von Kondoren, die hoch über uns kreisen. Die Gebirgszüge der Anden bei El Calafate können wir über die flachen Ebenen schon von Weitem sehen, die Vorfreude auf die nächsten Tage steigt.
El Calafate ist nicht besonders groß, aber eine stetig wachsende Kleinstadt und als Ausgangspunkt für Besuche im Los Glaciares Nationalpark fest in touristischer Hand. Die Hauptstraße ist gesäumt von Restaurants, Hotels und Tour-Anbietern, doch die Atmosphäre ist gelassen und gefällt uns.
Unser motelähnliches Hotel, das völlig in Ordnung ist, aber keinen besonderen Charme versprüht, liegt ruhig in einer Nebenstraße, aber fußläufig zum Stadtzentrum. Wir finden es ziemlich toll, abends zur Abwechslung nicht auf ein einziges Restaurant angewiesen zu sein, sondern eine Auswahl zu haben. Besonders gut gefällt es uns in der bunten, lässigen Pura Vida Resto Bar, einer Empfehlung unseres Hotels. Herausragend ist aber einmal mehr die Lage des Städtchens am Südufer des türkisblauen Lago Argentino, dem größten See Argentiniens, mit Blick auf die Anden. Hier werden wir es bestimmt gut aushalten!
Teil 1521. Juni 2019
Auf Bruce Chatwins Spuren
Als Jugendliche mochte ich Bruce Chatwin. Sein Buch "In Patagonien" hat bei mir allerlei Kopfkino ausgelöst, außerdem Fernweh und den damit verbundenen, wenn auch irgendwie kaum greifbaren Gedanken, diesen entlegenen Sehnsuchtsort irgendwann einmal selbst zu erkunden. Während unserer Reise muss ich immer wieder daran denken, aber an diesem Tag ganz besonders.
Um kurz nach acht werden wir am Hotel von einem kleinen Bus eingesammelt, die "Schrottkarre" darf parken, denn wir haben für die nächsten Tage Ausflüge gebucht. Heute fahren wir zur Estancia Cristina, was auch immer das ist, bei El Calafate denkt der gemeine Tourist in aller Regel zuerst an den berühmten Perito Moreno Gletscher - so auch ich. Die Agentur hatte uns diesen Ausflug allerdings sehr ans Herz gelegt. Ausreichend Zeit war da und das Geld konnten wir auch noch zusammenkratzen, warum also nicht? Es war eine eher spontane Entscheidung - und wir sollten sie nicht bereuen.
Die längere Busfahrt endet in Punta Bandera am Lago Argentino, wo wir an Bord eines Schiffes gehen. Als wir losschippern, ist das Wetter durchwachsen. Und weil ich darüber hinaus so gar nicht im Bilde bin, was eigentlich auf uns zukommt, bewegt sich der Level meiner Euphorie auf einem insgesamt überschaubaren Niveau.
Das ändert sich allerdings schlagartig, als nicht nur die Lichtverhältnisse wechseln, sondern auch die ersten Eisberge in Sicht kommen.
Ich bin wie verzaubert und werde nur vom Bordfotografen aus meinen Tagträumen gerissen. Er will mich zu "lustigen" Fotos inspirieren, ich soll mich so hinstellen, dass es aussieht, als klebe meine Nase an einem Eisberg fest oder als lege ich meine Hand auf dessen Spitze. Und dann natürlich das Ergebnis käuflich erwerben. Er will es zuerst nicht glauben, aber nichts von alledem kommt für mich in Betracht, und so gehen wir ziemlich schnell und ziemlich konsequent getrennte Wege.
Wir gleiten am riesigen Upsala-Gletscher entlang, und plötzlich hören wir wieder dieses tiefe Rumpeln und Grollen, das wir schon am Lago Grey erlebt haben: Ein großer Eisberg kippt vor uns spektakulär um und offenbart seine nicht minder spektakuläre Unterseite. Sie besteht aus blankem Eis und ist deshalb leuchtend blau - eine beinahe unwirkliche Farbe.
Die Bootsfahrt ist schlichtweg großartig und dauert zwei Stunden, dann sind wir da. Die Estancia Cristina inmitten des Los Glaciares Nationalpark wurde 1914 von Auswanderern gegründet, ist nur mit dem Boot zu erreichen und die traumhafte, unberührte Natur sowie die Abgeschiedenheit nehmen mich sofort gefangen. Es muss fantastisch sein, in dieser wilden, stillen Umgebung wenigstens eine Nacht oder auch mehrere Tage zu verbringen - was einige der anderen Gäste tun, denn die Ranch ist eine Lodge und vermietet schöne Cottages.
Für uns geht es per Jeep über eine steile, ruppige Schotterstraße hinauf in die Berge, zuletzt führt ein kurzer, leichter Spaziergang durch eine von Gletschern geprägte, dramatische Landschaft zu einem Aussichtspunkt.
Dort verschlägt es uns den Atem. Nicht nur wegen des imposanten Ausblicks auf Gletscher, Anden und türkisblaues Wasser.
Sondern auch, weil uns der patagonische Wind erstmals voll erwischt. Er bläst so heftig und konstant, dass er mich wie ein Luftkissen trägt.
Wir verbringen eine ganze Zeit hier oben, staunen und können uns kaum sattsehen.
Zurück auf der Estancia sind wir von all den Eindrücken schier erschlagen. Wir haben auf das Drei-Gänge-Menü verzichtet, das wir im Vorfeld hätten bestellen können, und gönnen uns stattdessen im schönen, hellen Restaurant der Ranch nur einen Snack. Auch der Besuch eines kleinen Museums findet ohne uns statt. Ich habe die Historie allerdings später nachgelesen und sie ist hochspannend! Wie es wohl gewesen sein muss, an solch einem Ort zu leben? Auf jeden Fall nicht immer leicht. Wir laufen noch ein wenig herum, saugen Atmosphäre auf und sinken schließlich erschöpft auf eine Bank, wo wir einträchtig einschlummern.
Ich weiß, was ihr jetzt denkt. Aber nein, wir haben die Abfahrt des Katamarans nicht verschlafen. Auch wenn ich wirklich unglaublich gerne dort übernachtet hätte. 🙂
Das Boot macht zurück richtig Tempo, nur durch den engen "Teufelsschlund" fast am Ziel kriechen wir regelrecht hindurch. Mit der Sonne ist es vorbei. Der Wind heult und wirft das Boot in den hohen Wellen hin und her, doch schließlich ist es geschafft. Wir krabbeln von Bord und in den Bus, elf Stunden nach unserer Abfahrt sind wir wieder am Hotel. Noch ein schnelles Abendessen, dann fallen wir ins Bett. Es war ein langer, ereignisreicher Tag, der all meine Vorstellungen von Patagonien übertroffen hat. Mein Kopfkino hat Hochkonjunktur. Ganz so, wie es Bruce Chatwin gefallen würde.
Teil 1623. Juni 2019
Aufs Glatteis geführt
Reisen macht süchtig, das wissen wir alle nur zu gut. Ich bin schon ziemlich lange abhängig, und die Enttäuschungen hielten sich in all den Jahren sehr in Grenzen. Eine der wenigen erlebten wir 2015 auf einer Neuseeland-Rundreise. Da waren wir schon in voller Montur auf dem Weg zum Helikopter, der uns auf dem Fox-Gletscher absetzen sollte, als der Trip wetterbedingt buchstäblich in letzter Sekunde gecancelt wurde - aus der Traum vom Gletscher-Trekking. Ich war daher gleich doppelt froh, dass es auf dem Perito Moreno vergleichbare Touren gibt.
Unsere Wahl fiel auf das "Mini Trekking", quasi die kleine Schwester der "Big Ice Tour", bei der zwar doppelt so lange gewandert wird, die allerdings auch doppelt so viel kostet. Wieder werden wir morgens am Hotel abgeholt, und per Bus geht es in den rund 50 Kilometer entfernten Los Glaciares Nationalpark. Dort fahren wir weitere 20 Kilometer durch einen schönen Wald, in dem ich sogar einen Fuchs erspähe, bis sich uns der erste Blick auf den berühmten Perito Moreno eröffnet.
Das Wetter macht auf Diva, ist launenhaft und unberechenbar, zuweilen aber schön. Der Bus stoppt an einer kleinen Anlegestelle, von hier schippert uns ein Boot über einen Seitenarm des Lago Argentino hinüber zur anderen Seite, wo die Gletscherwanderung startet.
Es ist nur eine kurze Fahrt, aber sie ist spektakulär. Fast auf Tuchfühlung gleiten wir an der Gletscherzunge vorbei und die zerklüfteten Eismassen ragen riesig über uns auf.
Wir laufen zuerst zu einer rustikalen Hütte, denn wir sollen nur das Nötigste mitnehmen und unser Gepäck in den Schließfächern zurücklassen. Ich streife vorsorglich meine Regenhose über und tue gut daran, denn als wir ein kurzes Stück am Strand entlang und durch ein Waldstück wandern, beginnt es zu nieseln.
Am äußersten linken Rand des Gletschers liegt das Perito Moreno Base Camp, wo unsere kleine Gruppe mit Steigeisen ausstaffiert wird.
Im empfinde die sperrigen Dinger nur im ersten Moment als Klotz am Bein, schnell kommen wir gut zurecht. Wie die Lemminge gehen wir in einer langen Linie hintereinander auf den schmalen Gletscherpfaden. Es läuft sich erstaunlich leicht auf dem Eis, und ich kann es kaum abwarten, weiter hinaufzusteigen.
Doch daraus wird so bald nichts, denn eine einzelne Dame legt den Laden völlig lahm. Sie hat nicht nur ganz offensichtlich während der Einweisung die Ohren auf Durchzug gestellt und rutscht nun trotz der Steigeisen immer wieder nach hinten ab, sondern bleibt zudem alle zwei Meter stehen, um sich von ihrem jugendlichen Lover in Gipfelpose ablichten zu lassen. 😣
Vom Fleck sind wir noch nicht gekommen und die nachfolgende Gruppe rückt schon spürbar nah. Ein Hoch auf den Guide, denn er fackelt nicht lange. Er klemmt sich Madame halb unter den Arm und schleift sie regelrecht den Gletscher hoch. Thomas und ich ergreifen zudem weitere Vorsichtsmaßnahmen und lassen uns ganz ans Ende der Gruppe zurückfallen. So können wir im Rahmen des Erlaubten zumindest ein kleines bisschen selbstbestimmt gehen.
Es ist eine leichte Wanderung und - daran habe ich keine Sekunde auch nur den geringsten Zweifel - völlig ungefährlich. Und so können wir uns vollständig auf die zerklüftete Gletscherlandschaft mit tiefen Spalten und kleinen Tümpeln, in denen sich knallblaues Wasser gesammelt hat, konzentrieren.
Um uns herum schimmert es weiß, türkis und blau, es ist eine bizarre Kulisse mit von der Natur modellierten Eisskulpturen. Einfach toll! Längst hat die Sonne den Regen abgelöst.
Die Zeit vergeht wie im Flug, schließlich steigen wir nach etwas mehr als einer Stunde zu einer improvisierten Bar hinab, wo (laut Thomas nicht besonders guter) Whiskey mit Gletschereis auf uns wartet. Das von meiner Oma zeitlebens hochgeschätzte vormittägliche "gute Tröpfchen für den Kreislauf" erzielt bei mir allerdings seit jeher das genaue Gegenteil und so verzichte ich in Anbetracht der frühen Stunde dankend. 🙄
Zurück am Camp geben wir unsere Steigeisen ab und laufen gemächlich durch den Wald zurück zur Hütte.
Dort brennt nun im offenen Kamin ein Feuer, an dem wir unsere durchfeuchteten Sachen trocknen, es ist urgemütlich. Zwei Französinnen gesellen sich zu uns, die eine hat Geburtstag und packt standesgemäß eine Flasche Schampus aus. Schon wieder so ein früher Tropfen, also diese Franzosen, sie haben schon irgendwie Stil...
Nach einer ausgiebigen Pause geht es zurück aufs Boot ...
... und schließlich per Bus zu einem sechs Kilometer entfernten Parkplatz. Hier ist es ziemlich trubelig, denn wir sind ganz in der Nähe der Gletscherbalkone. Von (barrierefreien) Wegen und Aussichtsplattformen bietet sich aus verschiedensten Perspektiven ein fantastischer Blick auf den Perito Moreno, der allerdings an diesem Tag im hinteren Bereich ziemlich verhangen ist.
Der Perito Moreno ist weder der größte noch der höchste Gletscher Patagoniens, aber dennoch der bekannteste. Denn er ist nicht nur schön und extrem leicht zugänglich, sondern auch einer der wenigen Gletscher der Erde, der nicht schrumpft. Regelmäßig "kalbt" er in den Lago Argentino, und die uns vom Guide vorgegebene Stunde ist schon beinahe um, da werden wir Zeuge dieses imposanten Naturspektakels: abgebrochene Eismassen, groß wie ein Häuserblock, stürzen unter lautem Getöse ins Wasser.
Wir sind froh, auch diesmal wieder großzügig geplant zu haben, denn am nächsten Tag werden wir auf eigene Faust noch einmal wiederkommen. Mit eigenem Auto, ganz viel Zeit und ohne großen Plan. Es ist unser "Bonustag" in El Calafate. Wir nehmen's, wie's kommt - und auf jeden Fall gelassen.
Teil 1725. Juni 2019
In der Ruhe liegt die Kraft
Es ist unser letzter voller Tag in El Calafate, und nach zwei gebuchten Touren in Folge freuen wir uns, relativ planlos unterwegs zu sein. Dennoch machen wir uns mit der gut erholten "Schrottkarre" bewusst früh auf den Weg, um der Masse vorweg zu fahren. Das hat sich bisher auf all unseren Reisen rentiert und so ist es auch diesmal.
Kurz hinter der Stadtgrenze ist das Vogelreservat Laguna Nimez, das wir schon aus dem Busfenster erspäht hatten, unser erster Stopp. Dort sind viele Wasservögel beheimatet, darunter Flamingos, sie sind allerdings scheu und bleiben auf Distanz.
Der Lago Argentino taucht seine Umgebung in ein unwirkliches Blau und das Wetter verspricht nochmal besser zu werden als am Vortag.
Kurz nach Öffnung des Nationalparks um 8 Uhr sind wir am Eingang, bezahlen den Eintritt (ca. 20 Euro p.P.) und rollen gemächlich durch den stillen Wald mit einigen schönen Aussichtspunkten.
Das Boot, das uns am Vortag zum Ice Trekking gebracht hat, ist schon wieder fleißig bei der Arbeit. 🙂
An einem Picknickplatz entdecken wir einen jungen Caracara, er plärrt nach Futter und die Eltern wirken leicht gestresst. 😉
Die großen Parkplätze am Ende der Straße sind noch menschenleer, und auch auf den Wegen und Aussichtsplattformen mit Blick auf den Perito Moreno sind wir fast allein.
Es ist herrlich still, nur von Zeit zu Zeit kracht und knarzt es im Eis. Platzt ein großes Stück ab, klingt es jedes Mal wie eine heftige Detonation.
29 Kilometer ist der Perito Moreno lang und 5 Kilometer breit, die Wege führen auf unterschiedlichen Ebenen und im Zickzack an der Front des gigantischen Gletschers entlang. Der höchste Punkt ragt 75 Meter aus dem Wasser heraus.
Der Ausblick von den "Balcones" ist schlichtweg imposant. Wir betrachten die jahrtausendealte Eiswüste aus allen möglichen Winkeln ...
... und werden auch abseits davon bestens unterhalten.
Am Mittag wird es spürbar voller, ganze Busladungen ergießen sich auf die Plattformen. Ein Platzproblem gibt es nicht, denn die Balkone sind riesig, doch mit der ganz großen Ruhe ist es vorbei. Nach drei Stunden ohnehin vom auffrischenden Wind durchgepustet, brechen wir schließlich auf.
Auch auf dem Rückweg lassen wir uns wieder viel Zeit. Der junge Caracara tyrannisiert weiter seine Eltern und wagt erste Flugversuche, jedoch ohne weit zu kommen.
Zurück in El Calafate bummeln wir durch den Ort, machen einige Besorgungen, besuchen ein Cafe und später ein Restaurant - kurzum, lassen es uns gutgehen. Wäre ich nicht schon ein Fan großzügiger Zeitpläne, dann wäre ich es auf dieser Reise geworden: Wir müssen zwischenzeitlich zwingend entschleunigen, um nicht von den vielen Eindrücken erschlagen zu werden. Zumal das nächste große Kapitel auf uns wartet: Am nächsten Tag geht es weiter nach El Chalten.
Teil 1827. Juni 2019
Im Rausch der Farben
El Chalten macht mich glücklich, bevor wir auch nur annähernd da sind. Viel Regen, viele Stürme, wenige Sonnenstunden - nicht nur, aber auch das hatte ich im Vorfeld über den Ort gelesen. Die bange Frage lautete also: Würden wir den berühmten Fitz Roy überhaupt zu sehen bekommen? Die Antwort fällt erfreulich aus und wird zudem völlig unerwartet schon während der Fahrt geliefert.
Nur rund 215 Kilometer sind es von El Calafate nach El Chalten. Einst muss die Strecke eine echte Herausforderung gewesen sein, heute ist die schlechte Schotterpiste längst einer Asphaltstraße gewichen, die nicht nur makellos ist, sondern auch wenig befahren. Die Strecke führt zunächst am Lago Argentino entlang und dann Richtung Norden.
Wir sind noch nicht lange unterwegs, da erspähe ich eine Silhouette am Horizont, die mir irgendwie bekannt vorkommt. Als der Groschen fällt, bin ich ganz aufgeregt, denn vor uns - wenn auch noch zig Kilometer entfernt - sehen wir den Gipfel des Fitz Roy in den blauen Himmel ragen. Meine Angst ist so groß, dass er im unbeständigen patagonischen Wetter plötzlich auf Nimmerwiedersehen verschwindet, dass Thomas alle paar Kilometer Fotos machen muss. 😵
Die Befürchtung erweist sich allerdings als unbegründet, denn das Wetter wird immer besser. Auch landschaftlich ist die Fahrt, die erst am Lago Argentino und dann am Lago Viedma entlangführt, eine Sensation.
Der Blick über die Gletscherseen ist spektakulär.
Wir kommen wieder einmal nur langsam voran, denn an den Aussichtspunkten legen wir viele längere Stopps ein und versuchen die Eindrücke in uns aufzusaugen.
Kaum ein anderes Auto begegnet uns auf dem Weg durch die unendliche Weite der patagonischen Steppe: Die Provinz Santa Cruz ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen der Welt.
Schließlich führt die Straße schnurstracks auf die Berge zu. Ich platze fast vor Euphorie, schaue rüber zu Thomas und sage nur: "Happy Betti!" Unser Code dafür, dass mein Stimmungsbarometer am obersten Limit angekommen ist - mehr geht nicht.
Kurz vor El Chalten, nach rund dreieinhalbstündiger, gemächlicher Fahrt, sind wir wieder im Los Glaciares Nationalpark - allerdings ein ganzes Stück nördlicher als zuvor bei El Calafate.
El Chalten ist ein kleines Dorf mit nur knapp 2.000 Einwohnern, die im Einklang mit der Natur und vom Tourismus leben. Seine exponierte Lage mitten im Bergmassiv und der direkteste Zugang zum Cerro Torre und Fitz Roy machen den Ort zum Wanderparadies. Fast ausschließlich Individualtouristen und Einheimische, die sich aus bergverliebten Kletterern, Wanderern und Aussteigern zusammensetzen - ich mag die Atmosphäre sofort.
Unser Hotel direkt am Ortseingang ist schnell gefunden, uns gefällt der rustikale, urige Stil mit viel Holz und gemütlicher Sofaecke im Erdgeschoss. Sie erweist sich in den nächsten Tagen - ähnlich wie Lagerfeuer in den Camps in Afrika - als sozialer Treffpunkt, hier kommen wir abends mit den anderen Gästen ins Gespräch und erhalten manch wertvollen Tipp.
Am frühen Nachmittag nehmen wir eine ersten kleine Wanderung in Angriff, die unweit unseres Hotels am Besucherzentrum startet. Sie ist nur wenige Kilometer lang und führt zu zwei Aussichtspunkten. Das Wetter ist weiterhin so gut, dass wir vom "Mirador Los Condores" nicht nur die namensgebenden Andenkondore vor den Granitfelsen des Fitz Roy beobachten können, ...
... sondern sich sogar der "Cerro Torre" zeigt. Ein seltenes Vergnügen, er soll so gut wie immer verborgen sein. Selbst an diesem herrlichen Tag präsentiert er sich immer nur minutenweise, um dann gleich wieder zu verschwinden.
Der Cerro Torre mit seiner berühmten Eiskappe. Unter Bergsteigern gilt der über 3.000 m hohe Berg mit seinen steil aufragenden, glatten Granitwänden und dem vereisten oberen Bereich als einer der schwierigsten und zugleich schönsten Gipfel der Welt.
Es ist nicht sehr weit bis zum zweiten Aussichtspunkt. Der "Mirador Aguilas" eröffnet den Blick wie von einem natürlichen Balkon in die entgegengesetzte Richtung. Der Gegensatz könnte krasser nicht sein, doch auch die Aussicht auf das karge Umland, den Lago Viedma und die grünen Berge besitzt einen ganz eigenen Reiz.
Es ist ein perfekter Start in El Chalten und wir hoffen, dass das Wetter auch in den nächsten Tagen einigermaßen durchhält.
Meinem Bein geht es besser, die Wanderpumps stehen bereit - am nächsten Tag steht die erste längere Tour auf dem Programm.
Teil 1901. Juli 2019
Mystische Laguna Torre oder: Bye-bye Wanderpumps
Es gibt unzählige Wandertouren in El Chalten. Zum Start gehen wir einen echten Klassiker an, die Tour zur Laguna Torre. Die Wetterprognose klingt gut, und so nehmen wir nach dem Frühstück die insgesamt rund 22 Kilometer, für die sieben Stunden veranschlagt werden, gut gelaunt in Angriff.
Der Weg führt zügig aus dem Ort heraus nordwärts. Auf den ersten Kilometern geht es sanft, aber stetig bergauf, es sind jedoch insgesamt keine großen Höhenunterschiede zu überwinden.
Die Strecke ist wunderschön. Wir sind früh dran und noch sind außer uns kaum andere Wanderer unterwegs.
In einem kleinen Waldstück entdecken wir ein Magellanspecht-Weibchen. Ich beobachte es fasziniert und so dauert es eine Weile, bis ich das permanente, penetrante Geräusch um uns herum registriere.
Ein paar Meter weiter wird das durchdringende Gezeter immer lauter, und der Verursacher linst unweit des Weges vorwitzig aus seiner Baumhöhle.
Wir setzen uns auf einen Baumstamm und harren der Dinge, die da kommen mögen. Der kleine Kerl mit Sturmfrisur veranstaltet ein Heidenspektakel ...
... und endlich, wir haben schon fast eine halbe Stunde gewartet, lässt sich die Mutter erweichen und füttert ihren ungeduldigen Filius.
Die Aktion ist leider schnell vorbei. Die Mutter fliegt davon, der kleine Specht zieht sich in seine Höhle zurück. Wir warten weiter ab, doch bis auf das unentwegte Krakeelen aus dem Baumstamm war's das mit der Show.
Weiter geht es durch die abwechslungsreiche Landschaft. Wir laufen durch offenes Gelände mit vielen Aussichtspunkten, urwüchsigen Wald und ein weites Tal, am Fluss Fitz Roy entlang, die Berge vor uns immer im Blick.
Zuletzt müssen wir die Gletschermoräne überwinden.
Und dann sind wir da. Vermutlich war der Cerro Torre, der nun direkt vor uns liegt, am Vortag zumindest für einige Momente zu sehen. Doch obwohl es sonnig geworden ist, versteckt er sich an diesem Tag - wie beinahe immer - in den Wolken. Er ist verflixt scheu, dieser Berg.
Die Aussicht ist dennoch grandios. Der grüne See, die Berge dahinter und der leuchtende Glaciar Grande verfehlen ihre Wirkung nicht - es ist eine beinahe mystische Atmosphäre.
Wir machen ausgiebig Rast und picknicken, erst als es immer voller wird, kehren wir um. Auf dem Rückweg kommen uns viele Wanderer entgegen und wieder sind wir froh über unseren relativ frühen Start am Morgen.
Wir laufen einige Kilometer gemeinsam mit einem älteren Ehepaar aus Südafrika, das seit fast ein Jahr mit seinem kleinen Wohnmobil durch Südamerika tourt. Beide sind sehr nett und haben faszinierende Geschichten auf Lager. Heimweh haben sie nicht, aber demnächst, so erzählen sie, wollen sie wieder einmal in die Heimat reisen, um ihre Enkelkinder zu sehen. Was sie danach machen, wissen sie noch nicht. Irgendwie macht es mir immer Mut, wenn wir solch spannende Menschen auf unseren Reisen treffen ...
Bei dem kleinen Magellanspecht legen wir noch eine Pause ein. Er ist zwar nicht zu überhören, lässt sich jedoch nicht noch einmal blicken.
Ich bin begeistert von der Tour, allerdings zuletzt auch maulig: An einem meiner Wanderschuhe hat sich die Hartschale verformt und drückt nun unentwegt gegen den Knöchel, der höllisch schmerzt. Ich denke, dass die Steigeisen am Perito Moreno das Problem ausgelöst haben, was letztlich auch egal ist, denn zu ändern ist es nicht mehr.
Ich würde am liebsten barfuß gehen und quäle mich auf den letzten Metern ins Ziel. Nach fast zehn Stunden zurück am Hotel, fliegen die nichtsnutzigen Treter - die mir allerdings jahrelang gute Dienste geleistet haben - im hohen Bogen in den Müll. Auf Nimmerwiedersehen! Dumm nur, dass ich nun gerade noch zwei Paar Schuhe in petto habe - wenig wandertaugliche Flip Flops und Turnschuhe. Ob ich damit auf unseren nächsten Trips weit komme? 😣
Teil 2003. Juli 2019
Das Kind muss an die frische Luft
Mit steifen Gliedern schleppe ich mich am Morgen die steile Treppe in den Gastraum hinunter zum Frühstück. Die über 20 Kilometer vom Vortag stecken mir in den Knochen, und so bin ich beim Aufwachen nicht unglücklich, dass heftiger Regen aufs Dach prasselt. Ein fauler Tag kommt mir zumindest nicht ungelegen - ich bin mit mir und der Welt im Reinen, als ich mich mit meinem Buch in der Sofaecke lümmle. Draußen ist es finster und schüttet wie aus Eimern. Irgendwie schade, aber auch ziemlich gemütlich.
Gegen Mittag wird das Prasseln erst sachter und verstummt dann ganz, die Wolken hängen nicht mehr tintenschwarz über uns. Thomas wird unruhig, ich nicht. Doch ich sehe (zunächst etwas widerstrebend) ein, ich muss meine Sofaecke verlassen. Schließlich entstammt Hape Kerkeling nicht nur meiner Generation, sondern auch meiner Heimatstadt. Sein Buch "Der Junge muss an die frische Luft" ist ein Abklatsch meiner Ruhrpott-Jugend. Und so geht es mir wie ihm: Spielt das Wetter mit, insistieren meine längst verstorbenen Vorfahren aus den Tiefen meines Unterbewusstseins "Kind, du musst an die Luft!" Das steckt so in mir drin, da kann ich nicht aus meiner Haut; bis heute nicht und wohl auch nie mehr. (Heute kommt allerdings zusätzlich zum Wetter- natürlich auch noch der Zeitfaktor hinzu. Wie man das Problem mangelnder Luft in Zeiten intensiver Arbeitstage löst, wurde mir leider nicht mit auf den Weg gegeben.)
Nach allzu großen Sprüngen ist mir in Anbetracht meiner schmerzenden Knochen und Muskeln trotzdem nicht, und wir entschließen uns zu einer kleineren Wanderung, die wir ohnehin als "Joker" im Hinterkopf hatten. Sie beginnt beim Lago Desierto, einem See direkt bei der chilenischen Grenze, der noch bis vor einigen Jahren eine wesentliche Rolle im letzten Grenzkonflikt zwischen Chile und Argentinien spielte.
Knapp 40 Kilometer sind es auf einer abenteuerlichen Schotterstraße dorthin, die nicht nur äußerst holprig und zuweilen steil, sondern nach den starken Regenfällen auch stellenweise überflutet ist. Weil unsere kleine "Schrottkarre" aber offenbar bei ihrer Montage in einen Topf Zaubertrank gefallen ist und zudem glaubt, ein erstklassiger Jeep zu sein, meistern wir alle Hürden mit Bravour.
Die Natur an dieser einsamen Strecke ist beeindruckend. Wir fahren parallel zum Fluss, der nach dem Regen etwas aus dem Ruder gelaufen ist, durch einen märchenhaften Wald und kommen immer wieder direkt an Wasserfällen vorbei.
Die Straße endet als Sackgasse an einem Campingplatz. Der Lago Desierto liegt inmitten des patagonischen Waldes und einmal mehr fühlen wir uns ans Ende der Welt versetzt. Hier startet unsere Wanderung zum Glaciar Huemul, der benannt ist nach einer seltenen Andenhirschart, die wir leider nicht zu Gesicht bekommen.
Fast die gesamte Region ist in Privatbesitz, weshalb wir einen kleinen Obolus entrichten müssen, bevor wir am Campingplatz vorbei in den Buchenwald verschwinden. Er ist märchenhaft, wild und ungezähmt, und weil es immer weiter aufklart, scheint nun auch die Sonne durch die knorrigen alten Bäume.
Ich komme ins Schwitzen, denn der Weg hinauf zum Gletscher ist zwar nur wenige Kilometer weit, allerdings auch steil und schmal. Zum Glück erweisen sich meine Turnschuhe nach dem vorzeitigen Ableben meiner Wanderschuhe als ziemlich rutschfest. Oben angekommen, werden wir nicht nur mit strahlendem Sonnenschein, sondern auch einem herrlichen Rundblick belohnt.
Noch vor einer Stunde hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass sich der Fitz Roy, den wir diesmal von der anderen Seite betrachten, an diesem bis dato verregneten Tag zeigt. Doch zusehends taucht er aus den Wolken hervor.
Am smaragdgrünen Bergsee mit Blick auf den Glaciar Huemul legen wir eine längere Pause ein, es ist herrlich hier oben. Und weil diesen Ausflug nur wenige Touristen auf der Agenda haben, sind wir über weite Strecken ganz allein.
Wir lassen uns alle Zeit der Welt, klettern ein wenig über die Felsen, sitzen in der Sonne und genießen das (subjektive) Gefühl der völligen Abgeschiedenheit. Nur einige Vögel leisten uns Gesellschaft.
Die Rückfahrt ist ziemlich entspannt, die Wasserlachen sind schon etwas geschrumpft und der Fluss hat sich dorthin zurückgezogen, wo er hingehört: ins Bett. Bei strahlendem Sonnenschein und in bester Stimmung kommen wir zurück nach El Chalten, wo wir einen guten (echten!) Italiener entdecken. Das toppt natürlich die Sofaecke, ich bin bekennender Pasta-Junkie und lasse mir die hausgemachten Nudeln richtig schmecken. Einmal mehr war es ein wunderbarer Tag - und die "Schrottkarre" hat sich schon wieder ein Sonderlob verdient.
Teil 2105. Juli 2019
Ein Traum in Türkis
Es ist noch nicht richtig hell, als uns am Morgen der erste Shuttle des Tages einsammelt. Wir haben ihn am Abend zuvor ganz unkompliziert über unser Hotel buchen lassen, und er bringt uns zur Hosteria El Pilar, die ein ganzes Stück außerhalb von El Chalten in Richtung Lago Desierto liegt. An dieser wunderschönen Unterkunft fernab der Touristenströme beginnt unsere Wanderung zur Laguna de los Tres und von dort weiter nach El Chalten.
Wir hätten auch direkt im Ort starten können, doch die von uns gewählte Variante birgt einige Vorteile: Wir müssen nicht dieselbe Strecke zweimal laufen, umgehen einen langen, steilen Anstieg zu Beginn der Wanderung und kommen zudem am Glaciar Piedras Blancas vorbei.
Als uns der (bis auf den letzten Platz gefüllte) Kleinbus an der Hosteria ausspuckt, nieselt es, keine idealen Voraussetzungen also. Die kleine Menschentraube, die wir zunächst bilden, zerfällt nach nur wenigen Minuten in ihre Einzelteile, jeder hat sein individuelles Gehtempo. Vor uns liegt eine Strecke rund 25 Kilometern, kein Pappenstiel, zumal wir noch die Laguna Torres in den Waden haben. Thomas und ich gehen es gemächlich an, allerdings ohne zu bummeln. Wir durchwandern ein schönes Tal und dann einen Südbuchenwald, der uns vor dem Regen schützt und in dem wir fernab des Weges wieder einen jungen Magellanspecht ausdauernd rufen hören. Es geht sanft ansteigend bis zu einer Hochebene, zwischendurch ist in der feuchten Luft an einem Aussichtspunkt vom Glaciar Piedras Blancas kaum etwas zu sehen.
Nach rund zweieinhalb Stunden gabelt sich der Weg. Rechts geht es in Richtung Laguna de los Tres, links nach El Chalten. Das Wetter hat sich deutlich gebessert und es regnet nicht mehr, doch der Fitz Roy hüllt sich in Wolken. Der Aufstieg lohnt sich allerdings nur, wenn die Granitfelsen auch zu sehen sind, zudem soll er alles andere als trivial sein und ich bin zwangsläufig wieder nur in Turnschuhen unterwegs. Ich bin hin- und hergerissen, doch am Ende biegen wir links ab. Ein richtig gutes Gefühl ist das aber nicht. Wir sind noch nicht weit gekommen, da setzen wir uns auf eine Bank und überlegen von Neuem.
Das Wetter wird immer besser, schon lugt der Fitz Roy aus den Wolken hervor. Und auch der Weg zur Laguna ist nun klar erkennbar. Soooo schlimm sieht er ja nun von hier unten gar nicht aus?! Thomas scharrt schon längst mit den Hufen und schließlich ringe ich mich durch: Wir wagen es! Umkehren, so denke ich, können wir ja immer noch. Als würde ich uns nicht besser kennen ...
Rechts unten im Bild der Anstieg zur Laguna de los Tres.
Wir kommen an einem Campingplatz vorbei, zwar mit schauerlichen Sanitäranlagen, aber in traumhafter Lage. Kurz dahinter beginnt der Aufstieg, von dem ich viel gelesen habe. Ein Warnschild bringt mich nicht unbedingt nach vorn, wieder drängen die Turnschuhe an meinen Füßen in mein Bewusstsein ...
Dann steigen wir im Zick Zack über große Felsbrocken und loses Geröll den Hang zur Laguna de los Tres hoch. Der Weg ist nur einen Kilometer lang, aber steil und uneben und zuweilen bei zu starkem Wind gesperrt. In dieser Hinsicht haben wir Glück, es ist relativ windstill und nun kommt auch die Sonne heraus. Der Aufstieg ist anstrengend, aber technisch nicht sehr anspruchsvoll, wir finden immer guten Tritt. Dennoch tragen alle anderen - und das ist auch absolut richtig so - feste Wanderschuhe.
Oben müssen wir noch die Endmoräne überwinden, die von unten nicht zu sehen war, ...
... dann haben wir es nach rund einer Stunde geschafft. Hinter uns liegen El Chalten und der Viedma See, ...
... vor uns die Laguna de los Tres. Der Blick ist überwältigend. Die Granittürme ragen mächtig hinter der Lagune auf, die in der Sonne knallbunt leuchtet - das war definitiv alle Mühe wert!
Deutlich zeigt sich, warum der gewaltige Fitz Roy in der Sprache der Ureinwohner "El Chalten" heißt: "Rauchender Berg". An seiner Spitze hängen fast immer Wolken fest.
Die Wanderung ist die wohl populärste der Gegend und wir sind alles andere als alleine hier. Wir suchen uns eine ruhige Stelle, schöpfen Atem und genießen den Anblick. Dann laufen wir bis an den Rand des Gletschersees hinunter.
Am Vorabend haben wir in unserer Hotel-Sofaecke von einer Amerikanerin den Hinweis bekommen, dass etwa 500 Meter weiter links ein weiterer See liegt, die Laguna Sucia. Ich denke, ohne den Tipp hätten wir ihn glatt ausgelassen, denn er ist in einer Senke verborgen und zunächst nicht zu sehen.
Wir orientieren uns nach links und klettern den Hang hinauf. Als ich oben bin, erwischt mich der patagonische Wind mit einer Wucht, die ich dahin noch nicht einmal geahnt hatte. Ich komme ins Straucheln, will natürlich nicht vom Berg purzeln und werde schließlich einfach umgeweht. Unsanft lande ich mit dem Allerwertesten auf spitzen Steinen - autsch! Ich signalisiere Thomas, der gerade hinter mir über die Kuppe klettert, auf allen Vieren zu krabbeln, stopfe meinen Rucksack in eine Felsspalte und genieße dann einfach nur die Aussicht über beide Lagunen.
Der Wasserfall weht im heftigen Wind mehr als dass er fällt, und dann noch in die falsche Richtung.
Wir bleiben ziemlich lange hier oben, selten habe ich etwas so Schönes gesehen. Doch schließlich machen wir uns auf den Rückweg.
Der Pfad ist mittlerweile regelrecht überlaufen, ganze Massen kommen uns schnaufend entgegen. Wieder einmal zahlt sich unser früher Start aus. Auf dem schmalen Weg gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten und so kommt es zu Engpässen und Staus. Die fittesten Wanderer klappern ungeduldig mit ihren Trekkingstöcken, was natürlich nichts bringt, hier ist Rücksichtnahme gefordert. Wir feuern die Entgegenkommenden an, "It's worth the pain", und viele scheinen sich aufrichtig darüber zu freuen. Unserer Beobachtung nach bleibt keiner auf der Strecke, eine gewisse Grundkondition ist aber sicher hilfreich.
Unten angekommen machen wir Rast, denn wie immer ist runter nicht unbedingt leichter als rauf.
Am Fluss füllen wir unsere leeren Wasserflaschen auf, das Wasser im gesamten Areal ist glasklar und trinkbar.
Dann wandern wir zurück nach El Chalten, wofür wir etwa drei Stunden einplanen. Ich spüre die Anstrengung und wir legen zwar ein zügiges Tempo vor, machen aber auch immer wieder Pause. Die Strecke bleibt wunderschön.
An der Laguna Capri (es gibt einen gleichlangen Alternativweg über den Mirador Fitz Roy) befindet sich ein weiterer Campingplatz, es ist sonnig und die Stimmung am Ufer des hübschen Sees herrlich entspannt. Einige ganz Mutige trauen sich sogar ins eiskalte Wasser.
Die letzten Kilometer laufen wir immer bergab durch einen Wald. Ich bin froh, dass wir diese langgezogene Steigung zu Beginn der Wanderung vermieden haben.
Am Ende zieht sich der Weg ein wenig, der tolle Blick auf den Rio de las Vueltas ist ein letzter Höhepunkt. Dann endlich kommt El Chalten in Sicht.
Fast zehn Stunden sind wir unterwegs, als wir jubelnd im Ort ankommen, und haben durch unsere Unentschlossenheit an der Weggabelung und das Hin-und-her-Gerenne zwischen den beiden Lagunen noch ordentlich Kilometer draufgepackt. Unterwegs hatte ich krachenden Hunger, doch als wir bei unserem favorisierten Italiener sitzen, bekomme ich vor Erschöpfung kaum einen Bissen runter. Was schade ist, denn das Essen ist nicht nur gut, sondern El Chalten insgesamt auch nicht gerade günstig.
Am Abend bin ich fix und fertig, aber glücklich. In meinem persönlichen Ranking ist die Laguna de los Tres eine der schönsten Tagestouren, die wir je gemacht haben und wird höchstens getoppt vom Tongariro Alpine Crossing in Neuseeland, wo es so aussieht:
Unterwegs am "Schicksalsberg" in Neuseeland:
Beim Einschlafen will ich gar nicht darüber nachdenken, dass ich mich um ein Haar gegen den Weg hinauf zur Laguna entschieden hätte. Zum Glück haben wir uns ein Herz gefasst - es hat sich gelohnt!
Teil 2208. Juli 2019
Von den Bergen über die Stadt in die Wüste
Am Morgen fühle mich gut, zumindest mental. Körperlich eher zerschlagen. Am Tag nach unserer Wanderung zur Laguna de los Tres, unserem letzten in El CHalten, ist für mich eine weitere große Tour undenkbar.
Das Wetter ist wunderbar, wir lassen uns treiben; wandern zunächst noch einmal ein Stück in Richtung Laguna Torre, bis zu der Stelle, wo wir den kleinen Specht in seiner Höhle beobachtet hatten. Doch von dem Vogel fehlt jede Spur. Ich checke vorsorglich den Boden rund um den Baum, doch nichts deutet auf eine Katze oder sonst irgendwelche Räuber hin. Der Kleine hat das Hotel Mama wohl verlassen. 😮
Zurück in El Chalten setzen wir uns in ein uriges Cafe, das dekoriert ist mit alten Ski, zerfransten Kletterseilen und schwarz-weiß Fotos, die von Abenteuern längst vergangener Zeiten zeugen. Der Ort selbst, der in den 1980er-Jahren vor allem als Statement in den Grenzstreitigkeiten mit Chile gedacht war, ist jung, und ich mag seine Atmosphäre. Nicht, dass hier übermäßig viel los wäre. Doch das bunte Publikum sorgt vor allem abends, wenn aus den Kneipen argentinische Rockmusik dringt und die Gäste ihren ereignisreichen Tag auf den Terrassen mit einem Bier ausklingen lassen, für eine entspannte Stimmung. Während unserer Zeit in El Chalten sind wir automatisch Teil einer verschworenen Gemeinschaft, deren Mitglieder allesamt naturverbunden, aktiv und solidarisch sind. Wie bei einem Marathon oder einem alternativen Festival. Ein gutes Gefühl.
Thomas' Entdeckung des Urlaubs.
Am Nachmittag gehen wir ein letztes Mal zum Mirador de los Condores hinauf. Das Wetter ist herrlich und der Fitz Roy zeigt sich erneut in seiner ganzen Pracht - anders als der Cerro Torre, der trotz meist guten Wetters nur an unserem ersten Tag für wenige Stunden aus seinem Versteck gelugt hatte.
Thomas will eigentlich Kondore fotografieren, was nicht gelingt, denn erst kommt keiner und dann fliegen die Objekte der Begierde viel zu hoch. Stattdessen beobachten wir eine Loica-Familie und auch sonst allerlei gefiederte Freunde.
Wir schlafen zeitig, denn die Nacht ist vorbei, da hat sie gefühlt kaum angefangen. Unser Flug ist deutlich vorverlegt worden, statt nachmittags geht es für uns nun schon um 9.30 Uhr von El Calafate nach Buenos Aires. Dort haben wir eine Nacht Zwischenaufenthalt, bevor wir in die Atacama-Wüste weiterreisen. Wir müssen ja aber erst noch nach El Calafate fahren, und so ist es stockfinster, als wir einen frühen Tee und Kaffee schlürfen. Außer uns zählt noch ein Japaner zu den Frühaufstehern, er will bei Sonnenaufgang am Mirador de los Condores sein. Den Plan hatten wir eigentlich auch, denn wir hatten fantastische Fotos von einem in Rot getauchten Fitz Roy gesehen. Doch in den vergangenen Tagen war die morgendliche Wetterprognose zu schlecht und wir wollten keinesfalls vergeblich mitten in der Nacht aus den warmen Federn krabbeln.
Es fühlt sich merkwürdig an, durch die menschenleere Pampa zu fahren. Kein anderes Auto, kein künstliches Licht, keine anderen Menschen. Der Sonnenaufgang lässt auf sich warten und wir haben schon beinahe die Hälfte der Strecke hinter uns, als wir aus großer Entfernung zumindest eine Ahnung davon bekommen, was der Japaner wohl gerade aus nächster Nähe erlebt.
Wir liegen gut in der Zeit, und an einem einsamen Picknickplatz öffnen wir die Frühstücksboxen, die uns unsere Unterkunft mit auf den Weg gegeben hat. Die Aussicht ist definitiv besser als deren Inhalt, denn man hatte uns zunächst vergessen und am Morgen in die Box hineingestopft, was nur eben zu finden war. Doch immerhin haben wir etwas im Magen.
Am Flughafen parken wir die kleine "Schrottkarre", die uns hervorragende Dienste geleistet hat und die mir regelrecht ans Herz gewachsen ist. Immerhin ist es uns während unserer gemeinsamen Zeit gelungen, ihre (bereits vorhandenen) Blessuren mit ausreichend Dreck zu übertünchen.
Im Flughafen bekommen wir einen Riesenschreck, denn von Thomas' Fotorucksack fehlt jede Spur. Ich bekomme weiche Knie und sehe ihn vor meinem geistigen Auge in El Chalten im Zimmer oder an der Rezeption stehen. Doch zum Glück geht Thomas noch einmal zum Auto zurück und wird dort fündig. Puh! Vor lauter Erleichterung muss ich mich erstmal setzen.
Die nächste Hürde ist die Rückgabe des Autos. Die Schalter sämtlicher Autovermieter haben bereits geöffnet, nur unserer nicht. Der Vermieter in Ushuaia hat uns glücklicherweise seine Handynummer mitgegeben und nimmt sogar - wenn auch hörbar verschlafen - ab. Ich versuche trotz Sprachbarriere zu erläutern, wer wir sind und was das Problem ist, und irgendwann ist er im Bilde. Um Sieben, sagt er im Brustton der Überzeugung, öffne das Büro allerspätestens. Ich weise ihn sanft, aber bestimmt darauf hin, dass es bereits deutlich nach Sieben ist und wir überdies dringend zum Gate müssen. Er ruft den Mitarbeiter an und dann wieder uns, noch eine halbe Stunde, dann sei der Kollege da. Zu spät für uns, entgegne ich und schlage vor, den Schlüssel beim benachbarten Vermieter abzugeben. Das passt ihm irgendwie nicht, doch er sieht ein, es ist die einzige Möglichkeit.
Wir stehen nun allerdings ohne irgendwelche Papiere da, die versichern, dass wir den Wagen in dem Zustand abgegeben haben, wie er uns übergeben wurde. In Anbetracht der Vielzahl der Mängel möglicherweise ein Risiko. Aber es hilft nichts, wir müssen los, und es geht auch alles gut: Wir haben nie wieder etwas in dieser Angelegenheit gehört und unser Deposit problemlos und zeitnah zurückerhalten. Und so ist das Kapitel "Mietwagen", das so turbulent endete wie es begann, für uns glücklich abgeschlossen.
Mittags sind wir zurück in Buenos Aires, und ein bisschen fühlt es sich an, als kämen wir nach Hause. Es ist brüllend heiß, noch heißer als bei unserer Abreise. Nur drei Wochen sind seitdem vergangen, doch es kommt uns viel länger vor. Was haben wir seither nicht alles gesehen und erlebt! Wir haben keine konkreten Pläne, bummeln durch "unser" Viertel, genießen das typische Großstadtgefühl und fahren abends mit dem Taxi nach Palermo. Anders als beim ersten Versuch klappt es diesmal mit einem Tisch im "Don Julio", und es wird seinem Ruf als herausragendes Restaurant gerecht - sogar für mich als Vegetarierin.
Am Morgen beginnt abermals früh ein diesmal längerer Reisetag: Über Santiago fliegen wir nach Calama in die Atacama-Wüste. Von dort geht es per Shuttle weiter nach San Pedro, und während des rund 80-minütigen Transfers bekommen wir einen ersten Eindruck von der Landschaft, die so ganz anders ist als alles, was wir bisher auf dieser Reise erlebt haben.
Unsere Unterkunft ist okay und liegt wenige Minuten vom Zentrum entfernt in einer ruhigen Seitenstraße. Das Dorf selbst hat mit seinen staubigen Wegen und Lehmhäusern den ursprünglichen Charme bewahrt, was fast eine Kunst ist, denn es ist fest in touristischer Hand.
Souvenirläden, Tourenanbieter, Restaurants, alles ist auf die zahlende Kundschaft ausgerichtet. San Pedro ist aber auch unübersehbar eins der Hauptziele für Backpacker in Chile. Sie sind überall, machen Straßenmusik und lassen sich von der Polizei immer nur kurzfristig vertreiben. Sie scheinen im Ort nicht sehr beliebt zu sein, stören mit ihrem Gesang und Geklampfe wahrscheinlich die Nachbarschaft und bringen zudem kaum Geld in Umlauf. Ich persönlich schätze aber ihre Anwesenheit, denn sie sorgen für eine lässige Atmosphäre. Ich weiß, wir werden uns hier wohlfühlen. Der letzte Abschnitt unserer Reise kann beginnen.
Teil 2311. Juli 2019
Gestrandet in der Wüste
Ein leicht erhöhter Puls und ein eher unruhiger Schlaf - das ist die Bestandsaufnahme nach unserer ersten Nacht in gut 2.400 m Höhe. Einige wenige Vorsorgemaßnahmen haben wir uns selbst auferlegt, dazu zählen möglichst wenig Kaffee, null Alkohol, viel Wasser und ich lange zudem reichlich beim Tee aus Coa-Blättern zu, der in unserer Unterkunft kostenfrei rund um die Uhr angeboten wird und angeblich einer Höhenkrankheit vorbeugen soll.
Wir haben auch bei diesem Teil der Reise die Ausflüge größtenteils vorab gebucht. Es war ohnehin relativ schnell klar, welche wir machen würden, nur an unserem letzten vollen Tag in San Pedro möchten wir spontan entscheiden. Ich bin etwas überrascht, als uns morgens um Sieben ein ausgewachsener Reisebuss einsammelt. Ich hatte mir darüber im Vorfeld keine großen Gedanken gemacht, aber instinktiv mit einer kleineren Gruppe gerechnet. Im Bus sind alle noch etwas verschlafen, aber sehr freundlich, wir sind eine echte Multikulti-Truppe und haben sogar einen Reiseleiter mit Mikrofon und allem Pipapo - ein bisschen fühle ich mich wie bei einer Butterfahrt. 🤨
Das Mikro ist glücklicherweise defekt, und so stellt sich der Guide in den Gang und spricht direkt mit uns, was schon viel besser ist, doch es folgt die erste dicke Enttäuschung. Worauf wir uns auf dieser Tour am meisten freuen würden, fragt er, und ich antworte wie aus der Pistole geschossen: "Piedras Rojas!" Doch er schüttelt bekümmert den Kopf, die Lagune ist derzeit gesperrt. Die Begründung liegt mir mindestens ebenso schwer im Magen wie die Sperrung selbst: Die Lagune, als eine der letzten frei von Eintritt und vollkommen naturbelassen, sei zu einer Müllkippe verkommen. Besucher haben ihre Namen in die roten Steine geritzt, die dem Naturwunder seinen Namen geben, und sie überdies als öffentliche Toilette missbraucht. In die Zeit unseres Aufenthalts fällt nun also nicht nur die "Grundreinigung", sondern auch die Errichtung eines Kassen- sowie Klohäuschens. Der Mensch macht sich alles selbst kaputt... 🙁
Wir kommen gut voran, die Straßen sind in perfektem Zustand und weitgehend leer. Die Landschaft ist unwirklich und wunderschön, doch ich habe zunächst vor allem an der Hiobsbotschaft des Guides zu knabbern, die mich nachhaltig erschüttert.
Unser erster Stopp ist Toconao, das für seinen alten Kirchturm von 1750 bekannt ist. Das kleine Andendorf hat sich spürbar auf die Touristen eingestellt und bietet allerlei Folklore-Artikel an. Natürlich sollen wir einkaufen, aber als wir über zwei Kaltgetränke hinaus kein Interesse zeigen, werden wir auch nicht bedrängt. Wir machen einen kleinen Rundgang, insgesamt fällt der Halt für unseren Geschmack zu lang aus.
Danach gewinnen wir zügig an Höhe, ich habe Druck auf den Ohren, und schließlich erheischen wir einen ersten Blick auf unser erstes Etappenziel: die Lagunas Altiplanicas, zwei am Fuß zweier großer Vulkane nebeneinander liegende Seen auf einer Hochebene.
Ich kann es kaum abwarten, aus dem Bus zu kommen, und tatsächlich bleiben wir - wenn auch etwas unvermittelt mitten auf der Straße - stehen. Doch schnell merken wir: Hier stimmt was nicht. Der Fahrer versucht zu starten, doch der Bus macht keinen Mucks mehr. "No problem", meint der Guide, wir sind ohnehin am Ziel und erst einmal eine Zeit lang unterwegs. Bis dahin hat der Busfahrer das Vehikel sicher flottgekriegt und sammelt uns an der zweiten Lagune wieder ein. Soweit die Theorie.
Wir sind nun auf über 4.100 m Höhe, so hoch war ich noch nie, doch bis auf einen leichten Kopfschmerz geht es mir - ebenso wie Thomas - gut. Die Laguna Miscanti ist ein atemberaubender Anblick und wir sind ganz aus dem Häuschen, müssen uns allerdings immer wieder zu langsamen Bewegungen zwingen, sonst geht uns in der dünnen Luft sofort die Puste aus und der Kopfschmerz wird stärker.
Wir schlendern also wie zuvor eindringlich ermahnt ausschließlich auf den gekennzeichneten Wegen an der Lagune entlang und an Vulkanen vorbei ...
... zur Lagune Miniques, die einen nicht minder spektakulären Anblick bietet.
Wir laufen zu ihr hinunter und lassen uns auch dabei viel Zeit, denn von unserem Bus ist auf dem benachbarten kleinen Parkplatz noch immer nichts zu sehen.
Der Rest unserer Gruppe hat sich bereits zusammengefunden und beratschlagt, was zu tun sei, was reine Zeitverschwendung ist, denn die Antwort des Guides fällt ebenso knapp wie pragmatisch aus: nichts. Der Bus, so erläutert er, sei allein mit Bordmitteln nicht flottzukriegen. Die Agentur sei aber per Funk informiert, schicke einen Mechaniker und zudem einen Ersatzbus, was aber natürlich eine ganze Weile dauere, denn das Ersatzfahrzeug müsse ja erst die lange Anfahrt bewältigen.
Links hinter mir im Bild der Pannen-Bus.
Zum Glück geht es uns allen gut, nur ein junger brasilianischer Familienvater sorgt sich - sicher auch zu Recht - um seine sechsjährige Tochter, die allerdings topfit erscheint. Ich wundere mich dennoch darüber, dass a) so ein kleines Kind bei dieser Tour dabei ist und b) es keinen - zumindest erkennbaren - Plan B zu geben scheint, sollte jemand Probleme bekommen.
Bei mir selbst trifft diese Information auf große Gelassenheit. Diese unvorhergesehene Panne verschafft uns an diesem fantastischen Ort wertvolle Zeit, die wir sonst nicht gehabt hätten. Die anderen Gruppen sind längst weitergezogen und wir sind ganz allein. Es ist angenehm warm, alle haben ausreichend Wasser dabei und fühlen sich gut, wir können die Stille und Weite nach Herzenslust genießen. Gemächlich spazieren wir zurück zur Lagune Miscanti. Irgendwo dahinter, denke ich zwischendurch ein wenig sehnsüchtig, liegen die Piedras Rojas.
Volle drei Stunden vergehen bis zu unserer "Rettung". Dann tauchen drei Kleinbusse auf, mit denen wir unsere Tour fortsetzen. Das Mittagessen entfällt, das Restaurant am Weg hat seine Pforten längst geschlossen. Doch ich tausche es gern gegen die unverhoffte Zeit an den Lagunen ein.
Ohnehin ist unser Ausflug ja noch längst nicht vorbei: Es folgt Teil zwei, in dem Flamingos eine zentrale Rolle spielen. Und auf die freue ich mich ganz besonders.
Teil 2414. Juli 2019
Pretty in Pink
Es ist bereits Nachmittag, als wir in der Laguna Chaxa ankommen, dem zweiten großen Stopp auf dieser Tour, das Licht wird schon weicher. Wir sind zurück auf 2.300 m. Nur rund 60 Kilometer sind es von San Pedro zur Lagune, die mit zum Salar de Atacama zählt, der mit 3.000 Quadratkilometern größten Salzebene Chiles. Der letzte Teil der Strecke ist eine Piste aus Salz und als wir aussteigen, muss ich sofort meine Sonnenbrille aufsetzen, so sehr blendet die weiße Weite.
Die Salzkrusten sehen im Sonnenlicht aus wie Schnee, und beim Laufen knirscht es unter den Füßen.
Die Laguna Chaxa ist Teil des Nationalreservat "Los Flamencos", die salzige Lagune wird aus vielen unterirdischen Quellen gespeist und erscheint wie ein unwirkliches Meer aus bunt schimmernden Lachen und rosa-weiß glitzernden Salzkristallen.
Die Flamingos lieben den hohen Salz- und Mineraliengehalt und filtern das Wasser unaufhörlich auf der Suche nach kleinen Krebstieren, die ihrem Gefieder die Farbe geben.
Drei der sieben weltweit vorkommenden Flamingo-Arten gibt es hier.
Chileflamingo
Anden-Flamingo
James-Flamingo, zu erkennen unter anderem an den pinkfarbenen Beinen
Die Vögel lassen sich in aller Ruhe beobachten, die Salzwüste und die hohen Vulkankegeln um uns herum bilden eine einzigartige Kulisse.
Die Umgebung ist wieder eine völlig andere als zuvor an den Zwillingsseen, aber ebenso faszinierend. Weil wir durch die Panne spät dran sind, sind außer uns nur noch einige wenige Selbstfahrer hier. Die Stimmung ist friedlich und ich fühle mich einmal mehr fernab von allem. Kein Wind, kaum andere Geräusche - Stille.
Wir haben ausreichend Zeit für den nur 400 m langen Rundweg, aber wie immer könnten wir noch Stunden bleiben. Durch die Nähe zu San Pedro und die guten Asphalt- und Salzstraßen ist es kein Problem, mit einem Mietwagen selbst herzukommen, und vorsorglich mache ich mir eine entsprechende gedankliche Notiz. Vielleicht kehren wir ja eines Tages zurück ...
Erneut sind wir die Letzten, die in den Bus klettern, und weil die Tour nun schon insgesamt deutlich länger dauert als geplant, schauen viele ungeduldig auf die Uhr. Ich wundere mich darüber. Wofür sind wir denn hergekommen, wenn nicht für die einzigartige Natur?
Am Valle de Jere bei Toconao, einer grünen Oase in einem Tal, legen wir einen letzten kurzen Stopp ein, ...
... dann fahren wir zurück nach San Pedro. Es dämmert schon, und der omnipräsente, fast 6.000 m hohe Licancabur wird von der Abendsonne angestrahlt.
Zurück in unserem Hippie-Dorf lasse ich mich noch ein wenig durch die Gassen treiben, während es Thomas nach dem langen Tag schon zum Hotel zieht. In den staubigen Sträßchen ist richtig was los und ich genieße die lebendige, aber zugleich friedliche Atmosphäre. Allerdings ist an diesem Abend für uns beide früh Zapfenstreich, denn schon um kurz nach Vier und somit mitten in der Nacht werden wir wieder eingesammelt. Das nächste Abenteuer in der Wüste wartet.
Teil 2516. Juli 2019
Warm anziehen in der Hexenküche
Unsere Reisen führen leicht zu falschen Schlüssen hinsichtlich meiner Schlafgewohnheiten. Ich bin bestimmt kein ausgesprochener Langschläfer, aber erst recht kein Frühaufsteher. Wären wir normale Menschen, die normale Urlaube machen, käme ich in dieser viel zitierten schönsten Zeit des Jahres wohl häufiger zu einer mehr oder minder wohlverdienten Extramütze Schlaf. Unsere Vorliebe für Afrika und andere naturorientierte Destinationen sowie fürs Fotografieren hat unser Schicksal jedoch in andere Bahnen gelenkt.
Nicht, dass ich mich beklagen möchte. Es gibt deutlich Schlimmeres, als morgens um Sechs auf Löwenpirsch zu gehen oder auf einem 4.300 m hohen Geysirfeld darauf zu warten, dass der Boden Gift und Galle spuckt. Aber als ich um kurz nach Vier in den Bus steige und meinen gepolsterten Sitz umgehend in die Schlafposition bugsiere, muss ich zumindest kurz darüber nachdenken, wann genau ich eigentlich von der Nachteule zum Morgenmenschen mutiert bin.
Ich finde die Antwort nicht mehr heraus, denn ich bin zu schnell wieder weggedämmert. Draußen herrscht finsterste Nacht, wie im Bus auch. Ich registriere wenig, doch wir fahren zügig, immerzu bergauf und über eine offensichtlich ziemlich ruppige Schotterpiste. Nach fast zwei Stunden stoppen wir, es ist kaum heller als zuvor und die berühmten El Tatio Geysire sind auch noch nicht recht zum Leben erwacht.
In der Luft liegt ein leichter Schwefelgeruch, vor allem aber ist es bitterkalt. Hier oben sinken die Temperaturen zuweilen deutlich in den Minusbereich, an diesem Morgen dürften sie sich um den Gefrierpunkt bewegen. Wir sind mit Handschuhen, Kapuzen und Zwiebellook bestens präpariert, aber mir Frostbeule kriecht die Kälte dennoch in die Glieder.
Das Martyrium verfolgt indes einen tieferen Sinn: Die Aktivität der Geysire ist zwischen 6 und 7 Uhr am höchsten, und tatsächlich brodelt und zischt es zusehends um uns herum.
In der kalten Luft ist der aufsteigende warme Dampf besonders gut zu sehen.
Langsam steigt die Sonne über die Kegel der umliegenden Vulkane. Ein wunderschönes Schauspiel. Einsam sind wir allerdings nicht: Eine ganze Armada von Bussen hat sich aus San Pedro auf den Weg gemacht. Aber die Menschen verteilen sich auf der weiten Fläche, und mich stören wenn überhaupt eher die kleinen Mäuerchen und bunten Steinkreise, die den Sicherheitsabstand markieren. Offenbar hat der gesunde Menschenverstand in der Vergangenheit nicht immer ausgereicht: Es sollen sich schon mehrfach Menschen schlimm verbrüht haben und sogar gestorben sein.
Turmhoch steigen die Dampfsäulen in den Morgenhimmel, es ist die reinste Hexenküche.
Auf dem Rückweg zum Bus verliebe ich mich in einen Mini-Vulkan und kann mich nur schwer von ihm lösen. Er köchelt so schön vor sich hin und sieht einfach perfekt aus. Thomas ist tendenziell genervt (nicht weil ich mich verliebt habe, sondern weil ich seiner Meinung nach zu sehr trödele) und kommt, um mich zum Bus zu lotsen. Was mir wiederum nicht passt.
Es kommt zu einem Disput, der so schnell endet wie er begann. Merke: Ein Ehekrach in über 4.000 m Höhe ist ein Ding der Unmöglichkeit. Kurzatmig, wie ich bin, bringe ich kaum einen Satz zu Ende, und schon der leiseste Ärger verursacht Kopfschmerzen. Nicht unpraktisch eigentlich ...
Nicht weit entfernt vom Geysirfeld gibt es heiße Quellen und einen geothermischen Pool. Wer möchte, kann sich im 35 Grad warmen Wasser aufwärmen.
Wir entscheiden uns dagegen und wollen in den verbleibenden 45 Minuten lieber weiter die Umgebung erkunden.
Das Morgenlicht ist herrlich und wir genießen es, auf Entdeckungstour zu gehen.
Die Sonne steigt höher und meine klammen Finger tauen auf. Die Dampfwolken sind allerdings immer noch imposant.
Erst nach und nach wird der Dampf weniger. Die Landschaft bleibt einzigartig und wir fühlen uns wie auf einem anderen Planeten.
Natürlich wären wir - wieder einmal - gerne noch viel länger geblieben. Tatsächlich sind aber schon Stunden seit unserer Ankunft vergangen - und das wie im Flug. Schließlich lassen wir das Geothermalgebiet hinter uns und machen uns auf den rund 100 Kilometer langen Rückweg.
Unterwegs gibt es einiges zu sehen, darunter Vicunas, die wilden Vorfahren der Lamas. Ihre Wolle ist das feinste Tierhaar der Welt und entsprechend kostbar.
Die Landschaft ist ein Traum. Ich setzte mich im Bus ganz nach vorne und begeistere den Fahrer mit meiner Begeisterung. Er legt einige Extra-Stopps ein, aber wenn es nach mir ginge, würden wir wohl kaum noch vom Fleck kommen.
An einer Schlucht wachsen meterhohe Kakteen und auch an einer schönen Lagune würde ich gerne noch viel mehr Zeit verbringen.
Unser nächster Stopp ist das Andendörfchen Machuca, das ebenso niedlich wie winzig ist. Das Schmuckstück ist eine schöne weiße Kirche.
Thomas holt sich zwei leckere Lama-Spieße, doch insgesamt fällt uns der Aufenthalt im Dorf wieder deutlich zu lang aus. Ich bin nicht unglücklich darüber, dass wir nicht mitten in der Nacht selbst zu den Geysiren hochfahren mussten. Aber ab und an vermisse ich die Flexibilität, die wir in den ersten drei Wochen als Selbstfahrer hatten.
Schließlich sind wir am späten Mittag zurück in San Pedro und zollen dem frühen Aufstehen und der Höhe Tribut: Wir schlafen - wenn auch nur kurz. Schließlich haben wir einen Ruf zu verlieren.
Teil 2619. Juli 2019
Mondlandung
50 Jahre ist die Mondlandung her. Unglaublich, was der Mensch alles zustande bringt, ich bin immer wieder von den Bildern begeistert. Dabei war ich im vergangenen Jahr selbst auf dem Mond - ganz ehrlich!
In der Atacama-Wüste ist er nur rund 17 Kilometer von San Pedro entfernt - oder zumindest ein Teil davon: Im Valle de la Luna fühlen wir uns tatsächlich wie auf einem anderen Planeten. Eine bizarre Landschaft, längst kein Geheimtipp mehr, aber von unwirklicher Schönheit.
Eine kurze Fahrt mit dem Bus, schon laufen wir durch eine Salzschlucht inmitten einer okkerfarbenen Landschaft.
Das Salz in den riesigen Lehmwänden knackt, denn das ganze Areal ist in Bewegung und verändert sich ständig. Besonders gut ist das Geräusch bei starken Temperaturschwankungen zu hören. Keine Ahnung, ob das gerade der Fall ist, aber wir hören es laut und deutlich.
Am Ende der Schlucht geht es hinauf zur Cordillera, und einigen (extrem fußlahmen und kurzatmigen) Teilnehmern unserer abermals nicht gerade kleinen Gruppe wird selbst diese Mini-Wanderung zu viel. Sie kehren vorzeitig zum Bus zurück. Wir dagegen sind völlig in unserem Element und stürmen regelrecht den Hügel hoch. Denn wir ahnen schon: Oben eröffnet sich ein atemberaubender Weitblick.
Das Panorama mit der bizarren Mondlandschaft und den Vulkanen im Hintergrund ist gigantisch.
Unser Guide, eine sehr nette junge Frau, beweist ein feines Gespür dafür, dass wir beiden kaum zu halten sind: Sie lässt uns von der Leine. Rund 45 Minuten haben wir Zeit, die Umgebung auf eigene Faust zu erkunden. Begeistert klettern wir erst in die eine ...
... und dann in die andere Richtung. Wir fühlen uns in eine andere Dimension versetzt. Sanddünen, Salzgebirge und schroffe Felsformationen: Der Mensch - wenn auch einigermaßen zahlreich vertreten - ist in dieser kargen Landschaft nur geduldet.
Das Mondtal war einst ein See. Seismische Erschütterungen drückten seinen Grund in die Höhe und falteten ihn auf. Wieder einmal ist die Dreiviertelstunde viel zu schnell vorbei.
Auf dem Weg zum Bus quatsche ich mit unserem Guide. Ich berichte ihr von unserer Begeisterung, aber auch dem Wunsch, die Gegend individueller zu erkunden. Der nächste Tag ist unser letzter und noch nicht verplant, ich frage nach einem Autovermieter. Das sei so kurzfristig schwierig, erklärt sie. Anscheinend sorgt die Lobby der Tourenanbieter dafür, dass Autovermieter in San Pedro eher rar sind. Eine rechtzeitige Reservierung - gerade in dieser Jahreszeit - scheint relativ unumgänglich. Zudem findet die Übernahme in aller Regel am Flughafen in Calama statt - was ja sinnvoll ist.
Für eine Privattour, die sie am nächsten Tage mit zwei anderen Guides unternimmt und zu der sie uns mitnehmen würde, fühle ich mich nicht fit genug. Wir müssten ziemlich lange in ziemlich großer Höhe klettern und wir sind uns einig, dass wir dafür nicht ausreichend akklimatisiert sind. Doch sie macht mir zwei weitere Vorschläge, die ich später nach unserer Rückkehr in San Pedro am Abend austesten will ...
In Millionen Jahren haben im Mondtal Wind und Wetter Formationen und Figuren aus Sand, Salz und Lehm geformt.
Zu den bekanntesten gehören die Las Tres Marias, die drei Marien. Die Jungfrauen machen keinen besonderen Eindruck auf mich, möglicherweise mangelt es mir auch an der nötigen Phantasie: Wenn die Sonne das Salz anstrahlt, soll es aussehen, als würde sie ein heiliger Schein umgeben. Noch heute kommen die Minenarbeiter zum Beten her.
Allerdings haben die Damen ein wenig von ihrer Strahlkraft eingebüßt, nachdem sich ein Guide zu nah an sie herangewagt und eine der Marien zum Einsturz gebracht hat. Heute sind sie durch einen Steinkreis geschützt. Es geht wohl einfach nicht anders. Wo der Mensch ist, richtet er Unheil an. Sogar auf dem Mond ...
Der Bus fährt nun ein ganzes Stück voraus und wartet auf uns. Rechts von uns liegt eine große Sanddüne und links das sogenannte "Amphitheater" im späten Nachmittagslicht. Es ist ein fantastischer kleiner Spaziergang.
Der nächste Halt ist das Valle de la Muerte, das Tal des Todes. Wieder so eine unwirkliche Landschaft aus Lehm.
Wir laufen durch die salzverkrustete Hügellandschaft und sind fast allein, es ist toll. Ein großer Teil der Gruppe ist im Bus geblieben 😎. Uns kann es nur recht sein.
Der letzte Programmpunkt ist der Sonnenuntergang, er ist legendär und soll das Mondtal in Pastelltöne tauchen. Ich hätte erwartet, dass wir dieses Schauspiel auf der Cordillera oder der großen Düne erleben, doch daraus wird nichts. Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, kann ich mir fast selbst geben: Es ist zu voll und die Konzession für die Agenturen teuer.
Rückblickend bin ich froh über die organisierte Tour, denn das Gelände ist riesig und sie hat uns einen guten Überblick verschafft. Ideal wäre allerdings ein zweiter privater Besuch des Mondtals gewesen, das sogar mit dem Fahrrad aus San Pedro zu erreichen ist.
Beim Anblick des Spots direkt an der Landstraße, an dem der Bus nun hält, bleibt uns fast die Spucke weg: Sämtliche Touristen der Gegend scheinen sich versammelt zu haben. Es gelingt mir, den Trubel um mich herum einigermaßen auszublenden. Doch mit der Stille der Wüste, die ich mir ausgemalt hatte, ist es natürlich nichts. Der Sonnenuntergang ist schön, bleibt deshalb aber ein Appetithäppchen. Richtig satt macht er uns nicht.
Zurück von diesem dennoch fantastischen Ausflug gehen wir im Dorf zu dem einzigen Anbieter, der Ein-Tages-Trips nach Bolivien anbietet. Doch es scheint eine ziemliche Gewalttour zu sein und wir entscheiden uns dagegen. Ohnehin ist längst klar: Wir kommen wieder!
Wir lassen uns im Büro der Agentur beraten, bei der wir alle bisherigen Ausflüge gebucht hatten, und sie checken unsere Aktivitäten im Computer. Dabei fällt auf, dass wir zu der Gruppe mit dem kaputten Bus gehörten. Ich bin zwar weiterhin der Meinung, dass die Panne ein Glücksfall für uns war, wehre mich aber auch nicht gegen den Vorschlag, am nächsten Tag eine kostenfreie Tour zum Regenbogental als Kompensation zu machen.
Noch lieber möchten wie allerdings zum Salar de Tara. Tatsächlich findet am nächsten Tag eine Exkursion statt und es sind auch noch Plätze frei. Wenn wir nun also die Differenz zwischen dem Preis der Regenbogental-Tour und dem deutlich kostspieligeren Trip zum Salar de Tara bezahlen würden, könnten wir doch eigentlich ...? Die nette Dame mir gegenüber winkt ab: Wir müssen auch für den teureren Ausflug nichts bezahlen. Wir sind platt - und hocherfreut. Unser letzter Tag in der Atacama kann kommen!
Teil 2724. Juli 2019
The Dark Side of the Moon
Mein Kinderzimmer lag einst zwischen dem meiner älteren Geschwister. Mein Bruder hatte eine Vorliebe für Jimmy Hendrix, meine Schwester für The Doors und Pink Floyd. Ihr Faible für die britische Band hat sich auf mich übertragen, wenn auch viel später, denn während aus den Nachbarzimmern rockig-sphärische Töne klangen, lief bei mir noch Biene Maja ("In einem unbekannten Land...") in der Dauerschleife.
Als wir an unserem (bedauernswerterweise) letzten vollen Tag auf dieser Reise früh morgens das Hotel verlassen, sind wir freudig überrascht: Kein Riesengefährt wartet auf uns, sondern ein Mini-Bus. Außer uns sind ein junges, sympathisches Quartett aus Brasilien an Bord, ein (erneut weiblicher) Guide sowie am Steuer ein junger Mann, der uns nicht nur fahren wird, sondern zudem über einen exquisiten Musikgeschmack verfügt. Zu David Bowies "Space Oddity" rollen wir aus dem Ort und in Richtung Salar de Tara - was gut passt, denn wie so häufig in den vergangenen Tagen fühle ich mich in eine andere Dimension versetzt.
Die Morgenstimmung ist herrlich. Ich bin im "Happy Betti"-Modus und einmal mehr rundweg begeistert von der Landschaft um uns herum.
Wir fahren vorbei am knapp 6.000 m hohen Licancabur, der im Grenzgebiet von Chile und Bolivien liegt und seit unserer Ankunft unser visueller Dauerbegleiter ist.
Rund 150 Kilometer ist die riesige Salzpfanne (48 km²) von San Pedro entfernt, die unser Tagesziel ist. Sie liegt auf 4.300 m, doch unterwegs klettern wir mit dem Auto nicht nur deutlich höher, sondern sogar so hoch wie noch nie: auf 4.800 m. Als unser Guide mitteilt, dass der höchste Punkt nun erreicht sei, bin ich erstaunt, denn ich fühle mich ganz wunderbar.
Der Weg ist weit, aber alles andere als eintönig. Bei einer Gruppe Lamas legen wir einen längeren Stopp ein.
Sie sind im Gegensatz zu Guanakos oder Vikunjas domestiziert, allerdings ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Die Tiere ziehen frei herum und scheinen keine Beaufsichtigung zu benötigen.
Die Farben und die Weite der Vulkanlandschaft haben es mir wieder einmal angetan. Zehn Prozent aller aktiven Vulkane weltweit finden sich in dieser Gegend.
Wir treffen auf Vikunjas, die wilden Vorfahren der Lamas ...
... und halten bei einer schönen Lagune erneut an. Überhaupt gefällt mir das an diesem Trip ausgesprochen gut: Weil unsere Gruppe klein ist, gibt es keinen strikten Zeitplan und wir können mitbestimmen, wo und wie lange wir stoppen.
Andenfuchs
Schließlich verlassen wir die asphaltierte Straße, die weiter nach Argentinien führt, und biegen ins gefühlte Nirgendwo ab.
Keine Schilder, keine klar erkennbare Piste, nur Spuren im Sand weisen die Richtung. Wir würden uns hier oben heillos verirren und ich möchte die Strecke keinesfalls selbst fahren, doch wie unglaublich schön es hier ist! Unser fahrender DJ hat Pink Floyds "The Wall" aufgelegt und dreht nach Zustimmung seiner Passagiere richtig auf. "Is there anybody out there"? - nein, wohl nicht. Ich fühle mich lebendig bis in die Haarspitzen.
Nächster Halt ist die Salar de Aguas Calientes, über der sich die Monjes de la Pacana erheben, vom Wind geformte skurrile Felsformationen.
Sieht aus wie ... hm, ich komm nicht drauf. Jemand eine Idee?!?
Es ist still und die abgelegene Landschaft wirkt unendlich.
Es ist nicht mehr weit zur Salar de Tara, die nur wenige Kilometer vom Dreiländereck Chile/Bolivien/Argentinien entfernt in einer Senke liegt. Der Bus setzt uns ab und fährt voraus, während wir mit Rücksicht auf die Höhe gemächlich zur einer Lagune laufen, die in den schönsten Pastelltönen schimmert.
Sie ist das Zuhause vieler Flamingos und auch einige Nager (Murmeltier?) bekommen wir zu Gesicht, von denen ich leider wieder nicht mehr weiß, was genau sie eigentlich sind. Aber sie haben fleißig jede Menge Löcher in den Boden gebuddelt. Am Auto angekommen, gibt es einen Snack und den obligatorischen Coca-Tee, kaum ein anderer Mensch verirrt sich hierher.
Den spektakulären Hintergrund der Salzpfanne bildet die "Aschenkathedrale".
Die imposante Felswand mitten in der Wüste war einst Teil eines Vulkankraters und "ertrinkt" nun durch Erosion nach und nach in ihrem eigenen Geröll.
Zum Abschluss fahren wir mitten hinein in diese bizarre Steinformation. Wieder so ein unglaubliches Naturphänomen, die Atacama hält meine Sinne ununterbrochen auf Trab.
Die Formen und Farben sind außergewöhnlich, wir fühlen uns zwischen den bunten Felsen wie Entdecker.
Ich bin froh, dass wir für unseren letzten Tag diese Tour gewählt haben, die wir ursprünglich kaum auf dem Zettel hatten. Wir spüren die Einsamkeit der Wüste und auch die Vielseitigkeit dieses Trips ist einmalig.
Noch einmal stoppen wir auf dem Rückweg bei der Salar de Aguas Calientes, dann geht es endgültig zurück nach San Pedro.
Zurück auf Asphalt, arbeiten wir uns aus der Senke auf 4.800 m hoch. Bislang habe ich mich in der Höhe bis auf dann und wann einen leichten Kopfschmerz gut gefühlt, doch nun erwischt es mich aus heiterem Himmel. Mein Kopf dröhnt und droht zu platzen, mir ist übel und Pink Floyds "Dark Side of the Moon" - eigentlich eins meiner Lieblingsalben - tobt wie ein Presslufthammer. Die dunkle Seite des Mondes, ich stecke mittendrin.
Thomas dreht sich zu mir um und sieht mit seinem grünen Gesicht aus, wie ich mich fühle: Ihn hat es ebenfalls ereilt. Ich war sicher, dass wir nach den ersten Tagen besser akklimatisiert sind, doch das ist eindeutig nicht der Fall - und wir kommen und kommen nicht von diesem Plateau herunter. Als wir dann endlich zügig bergab rollen, geht es uns beiden schnell wieder besser. Nur ein dumpfer, ferner Kopfschmerz bleibt - und Erstaunen darüber, wie fies und plötzlich sich Höhe bemerkbar machen kann.
Am Gesamteindruck kann dieses - zum Glück sehr kleine - Intermezzo allerdings nichts ändern: Diese Tour war ein absoluter Höhepunkt und in ihrer Durchführung so ganz nach unserem Geschmack.
Ein letztes Mal streifen wir am Abend durch San Pedro, genießen die Atmosphäre und die laue sommerliche Luft. So gerne würde ich noch bleiben, doch ich bin vor allem dankbar für die vergangenen vier Wochen und diese Reise, die uns so vielfältige und unglaubliche Eindrücke beschert hat.
Am nächsten Morgen beginnt für uns mit der Busfahrt zum Flughafen in Calama der lange Rückweg über Santiago und Madrid ins winterliche Hamburg, wo der Zauber unserer Erlebnisse noch lange, lange nachwirkt.
Was an dieser Stelle bleibt, ist ein riesiges, dickes Dankeschön an alle virtuellen Mitfahrer und Ratgeber sowie ein Fazit, das in den nächsten Tagen abschließend folgt!
Teil 2826. Juli 2019
Das Fazit
Es klang wohl ziemlich deutlich durch: Für uns war diese Patagonien-Reise mit Start in Buenos Aires und Abstecher in die Atacama-Wüste eine einzige Aneinanderreihung von Höhepunkten. Es ist mir unmöglich zu sagen, was besonders hervorstach. Die Summe der Naturschönheiten und ihre Bandbreite waren fantastisch.
Route und Timing waren für uns perfekt, und ich würde die Patagonien-Tour als Ersttäter noch einmal genauso machen. Die letzten Tage in der Atacama-Wüste erscheinen möglicherweise wie ein Appendix an den eigentlich klar im Fokus stehenden Patagonien-Trip. Und ja, es ist bestimmt lohnenswert, sie wegzulassen und die Zeit zu nutzen, um noch bis Nord-Patagonien vorzustoßen.
Für mich waren (und sind) aber Patagonien und die Atacama-Wüste gleichermaßen ein Sehnsuchtsort, weshalb ich relativ kurzerhand beides eingeplant habe. Beides hat meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen. Vom polarnahen Ende der Welt mit seiner wilden Natur in die Wüste, das hatte was.
Allerdings ist es in der Folge so gekommen, wie es wohl kommen musste: Während wir in Patagonien ausreichend Zeit hatten, die Schönheiten zu entdecken und darin einzutauchen, haben wir uns in der Atacama-Wüste gerade einmal so richtig Appetit geholt.
Ziemlich schnell war offenkundig, dass die Atacama sowie die Gegend im Norden mindestens so viel Aufmerksamkeit verdienen wie Patagonien. Und so ist - auch dank eurer Hilfe - ein grober Plan für einen entsprechenden Trip entstanden, noch während ich den Reisebericht geschrieben habe. Ob wir dann allerdings tatsächlich drei oder vier Tage in Bolivien einbauen - auch wenn wir das eigentlich sehr gerne möchten -, müssen wir noch überlegen. Wir wären dort tagelang unentrinnbar in großer Höhe und die Erfahrung auf der Rückfahrt von der Salar de Tara war uns eine Warnung vor dem, was da kommen könnte.
Die Reisedauer von vier Wochen war sehr gut, aber auch das Minimum. Dass mehr Zeit natürlich immer NOCH besser ist, versteht sich von selbst. 😉 Die unterschiedlichen Landschaften, die wir erleben durften, waren außerordentlich. Was die Tiersichtungen angeht, haben wir es - wie bei den Pinguinen - natürlich häufig bewusst darauf angelegt, waren aber dennoch immer wieder von der Vielzahl und Vielfalt überrascht.
Ich bin froh, dass wir die Route zwar selbst entworfen, die Buchung aber über eine Reiseagentur abgewickelt haben. Die Kommunikation bei einer derart komplexen Zwei-Länder-Reise und dann noch ohne Spanisch-Kenntnisse hätte mich möglicherweise überfordert, zumindest aber zeitlich sehr gebunden. Das Hickhack um das Hotel Lago Grey war ein Ärgernis, aber verkraftbar.
Glücklich war ich auch mit den Vorab-Buchungen der Ausflüge, das hat unterwegs Zeit und Nerven gespart. Keiner dieser Trips hat uns enttäuscht. Auch die Strategie, Ausflüge in Eigenregie durchzuführen, sofern das möglich ist (kein Bootstrip, kein Guide etc. nötig), hat sich bewährt. Es hat uns nicht nur Zeitsouveränität verschafft, sondern auch viel Geld gespart. Denn leider sind ausgerechnet Patagonien und die Atacama-Region nicht gerade günstig. Eine Buchung in Eigenregie ist aber natürlich möglich und verständlicherweise für viele auch schon unverzichtbarer Teil der Reise.
Was unseren Mietwagen angeht, hat uns die "Schrottkarre" zwar bei der Abholung wie bei der Rückgabe Nerven gekostet und man kann sicherlich komfortabler Kilometer abreißen. Allerdings waren die Grenzübergänge kein Problem, der Motor schnurrte und Reifen sowie Karosserie hielten einwandfrei - insofern wollen wir nicht klagen. Letztlich ist es sogar so: Die "Schrottkarre" besitzt bei uns Legendenstatus.
Sowohl Chile als auch Argentinien sind unkompliziert zu bereisen. Alles hat reibungslos geklappt, die Einheimischen sind freundliche und hilfsbereite Gastgeber. Es wäre jedoch ein Fehler zu glauben, man betrete unerforschtes Terrain - unsere Route war allerdings auch nicht darauf ausgelegt. Die Touren sind top-organisiert, die Hotspots gut besucht. Alles in allem fanden wir das Touristenaufkommen aber gut verträglich.
Zum Thema Sicherheit: Wir haben uns jederzeit wohl gefühlt und keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Mit Ausnahme von Buenos Aires, wo wir - auch auf Anraten des Hotelpersonals - zum Beispiel die Rucksäcke oft gar nicht erst mitgenommen oder wenn doch nach vorne getragen haben. Eine brenzlige Situation haben wir nicht erlebt oder zumindest nicht wahrgenommen.
Was würde ich beim nächsten Mal (als Ersttäter) anders machen? Ehrlich gesagt nicht viel. Ich würde (auch mit schmerzendem Bein) versuchen, im Torres del Paine zu den Torres hinaufzusteigen. Das Hotel Lago Grey (noch) früher buchen. Ganz vielleicht einen zweiten Standort am anderen Ende des Parks bei den Torres bedenken. Auf jeden Fall einen Ersatzkanister mitnehmen. Bei der Autovermietung vorab genauer hinschauen. In der Atacama-Wüste (als Zweittäter ohnehin zwingend, aber wohl auch als Ersttäter zumindest für einige Tage) ein Auto (vorab!) mieten und vieles als Selbstfahrer unternehmen. Aber unterm Strich war die Reise für uns einfach nur perfekt.
Wir haben einen großen Teil unseres Herzens an Afrika verloren. Mindestens einmal im Jahr kehren wir dorthin zurück. Es muss sein. Doch mehr noch als das sind wir verliebt in die Welt - und ins Reisen selbst. Wie so viele hier. Deshalb freue ich mich ganz besonders, dass ihr uns begleitet, so viele tolle, freundliche Kommentare abgegeben und schon fürs nächste Mal Ideen eingepflanzt habt. Denn ein nächstes Mal wird es ganz sicher geben!
1.000 Dank für euer Interesse und liebe Grüße, Bettina & Thomas