Reisebericht

Argentinien/Chile - Gletscher, Gipfel und Geysire

von Beatnick · begonnen 21. Mai 2019 · 28 Teile

Teil 121. Mai 2019
Ihr Lieben,

nachdem der Bayern Schorsch hier im Forum das Tor zur Welt dankenswerterweise weit aufgestoßen hat, möchte ich auch hindurchgehen, schließlich lebe ich in Hamburg und glaubt man Karl Lagerfeld, ist meine Wahl-Heimatstadt ja genau das: das Tor zur Welt.

Galapagos, Pantanal, Asien, vielleicht sogar der schottische Westhighland Way? Ich habe etwas gegrübelt, welche unserer Reisen für euch interessant sein könnten, letztlich bin ich für mich persönlich zu folgenden Schlüssen gekommen a) Die Reise darf noch nicht allzu lang her sein (wie in unserem Fall das Pantanal oder Galapagos), sonst sind die Gegebenheiten vielleicht schon wieder ganz anders und die Erinnerung ist auch nicht mehr knackfrisch. b) Natur, Landschaft, Tiere sollten eine zentrale Rolle spielen.

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Unterm Strich habe ich zwei Reiseberichte in petto, die ich nacheinander schreiben werde und von denen ich hoffe, dass sie auf Interesse stoßen und euch ggf. Ideen und Informationen liefern. Dieser Bericht soll sich um unsere Argentinien/Chile-Reise im Januar 2018 drehen, für uns war es eine epische Reise. Folgen wird dann irgendwann noch ein Costa-Rica-Reisebericht von diesem Jahr, aber was diese Sphären angeht, werden wir ja derzeit sehr gut hier im Forum versorgt, insofern eilt das nicht. 🙂 Weil die diesjährige Reise unsere zweite nach Costa Rica war, würde ich dann aber auch eher auf den Vergleich abheben.

Eine Kombination aus Argentinien und Chile spukte in meinem Kopf herum, seit mir eine Kollegin vor einigen Jahren ihre Fotos aus dem Torres del Paine Nationalpark gezeigt hatte. Ich war davon regelrecht überwältigt. Im Sommer 2016 hatten wir im Rahmen einer Brasilien-Reise auch die Iguazu-Wasserfälle besucht (auf der brasilianischen und der argentinischen Seite), für Thomas war es sogar schon der zweite Aufenthalt dort. Die konnten wir diesmal also ruhigen Gewissens links liegen lassen.

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Seit einigen Jahren haben wir uns darauf verlegt, unseren jeweiligen Stopps auf Reisen mehr Zeit einzuräumen, um die Möglichkeiten am Ort intensiver zu nutzen. Alles passt sowieso nie in eine einzelne Reise, und schon gar nicht in einem so riesigen Land wie Argentinien. Da Feuerland, vor allem aber Südpatagonien eine zentrale Rolle spielen sollten, kam hinzu, dass wir mit launenhaftem Wetter rechnen mussten. Deswegen planten wir mit "Reservetagen". Weitere Stationen sollten Buenos Aires und die Atacama-Wüste sein, deren Besuch ein ausgesprochener Herzenswunsch von mir war.

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Ich habe die Reise wie immer selbst geplant und leider relativ schnell festgestellt: Sie wird alles andere als günstig. Die Ergebnisse meiner Überlegungen habe ich an eine Agentur weitergegeben, die nochmal drübergeschaut und schließlich alles festgezurrt hat. Das war auch deshalb eine gute Idee, weil wir beide kein Spanisch sprechen. Wir waren überwiegend in Drei-Sterne-Hotels untergebracht.
Herausgekommen ist am Ende diese rund vierwöchige Tour (28.12.17 - 25.1.18):

3 ÜN Buenos Aires (Hotel Cyan De Las Americas)
3 ÜN Ushuaia (Hotel Altos Ushuaia) --> am letzten Abend Mietwagenübernahme
2 ÜN Punta Arenas (Hotel Jose Nogueira Boutique)
4 ÜN Torres del Paine (Unterkunft einmal gewechselt, später mehr dazu; aber überwiegend Hotel Lago Grey)
4 ÜN El Calafate (Hotel Bahia Redonda)
5 ÜN El Chalten (Hotel Hosteria Senderos)
Fahrt nach Calafate zum Flughafen, Abgabe Mietwagen, Flug nach Buenos Aires (ließ sich nicht anders bewerkstelligen)
1 ÜN Buenos Aires (Hotel Cyan De Las Americas)
Flug nach Calama, per Bus weiter nach San Pedro de Atacama
4 ÜN San Pedro des Atacama (Hotel La Casa De Don Tomas)
Int. Rückflug via Santiago

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Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr uns auf dieser virtuellen Tour durch Schnee, Eis, Berge, Wüste und grandiose Natur begleitet! Die Sonne schien übrigens überraschend oft, im Reisebericht scheint sie sogar immer, falls ihr die Kommentare nicht mitlesen möchtet. 😎

Viele liebe Grüße,
Bettina

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Teil 223. Mai 2019
Buenos Aires: 3 Tage im Paris Lateinamerikas

Der Flug nach Buenos Aires bleibt mir kaum in Erinnerung, was ich als gutes Zeichen deute. Allerdings gehe ich auch schwer angeschlagen an Bord und dämmere wohl überwiegend etwas lethargisch vor mich hin. Eine heftige Erkältung hat mich kurz zuvor schachmatt gesetzt, und während wir bei unserem Zwischenstopp im zugigen Terminal des Flughafens von Madrid auf stählernen, kalten Stühlen mit Lochmuster herumlungern, möchte ich nach wochenlanger Vorfreude ausgerechnet jetzt nirgendwo hin - außer in mein warmes Bett.

Die Warterei wird zur Tortur, bis ich endlich hundeelend und mit vom langen Sitzen eingestanzten Lochmuster am Hosenboden in den Flugzeugsitz von Iberia plumpse. Nachdem wir unseren Langstreckenflug, der diesen Namen auch wirklich verdient, endlich hinter uns gebracht haben und früh morgens am Zielort landen, fühle ich mich wenig überraschend kaum besser. Doch unsere Abholung klappt bestens, in Buenos Aires ist es sonnig und sommerlich heiß, das reicht, um meine Lebensgeister zumindest für den Moment wieder zu wecken.

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Als wir die Lobby unseres Hotels betreten, werden wir schockgefroren. Ein Phänomen, das ich aus vielen Ländern kenne und das mich jedes Mal ärgert: Im Sommer wird weiter runtergekühlt als im Winter hochgeheizt. Ab sofort sind leichte Jacken und Tücher fester Bestandteil unseres Tagesrucksacks, und das erweist sich später auch noch für andere Zwecke als hilfreich. Auch beim morgendlichen Frühstück komme ich in den nächsten Tagen nicht auf Touren, es ist mir einfach zu kalt. Ansonsten ist an dem Hotel absolut nichts auszusetzen, aber auch nichts besonders hervorzuheben, mal abgesehen von der wunderbar zentralen Lage im eleganten Recoleta.

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Als wir am Nachmittag durch das Viertel mit seinen hübschen kleinen Parks und prächtigen Fassaden streifen, wird uns schnell klar, warum Buenos Aires als Paris von Lateinamerika gilt. Allzuviel Tatendrang verspüren wir allerdings beide nach dem langen Flug nicht, und so besuchen wir den berühmten Friedhof La Recoleta, der ohnehin ganz in der Nähe ist. Auf dem Platz davor gibt es einige Cafes und Restaurants mit großen Freiluftterrassen, die in den nächsten Tagen immer wieder unsere Anlaufstelle werden. Eine entspannte Oase inmitten der pulsierenden Metropole.

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Durch die frühe Ankunft haben wir praktisch drei volle Tage in Buenos Aires, hinzu kommen viel später noch einmal ein halber Tag und eine Übernachtung, bevor wir in die Atacama-Wüste fliegen. In der Nachbetrachtung hat das für mein Empfinden gereicht, um zumindest einen guten Eindruck von der Stadt zu bekommen.

Casa Rosada, der Präsidentensitz
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Buchhandlung El Ateneo in einem ehemaligen Theater
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Tango, Fußball, Kultur, großartige Steaks und pralles Leben: Klar, Klischees, doch sie stimmen alle - und das im besten Sinne. Sicher geht es auch sehr touristisch zu, doch das Flair stimmt für uns. Es dauert nicht lange, da summen wir die bekannten Tangomelodien, ohne es überhaupt zu merken.

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Volkshelden 🙂
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Und natürlich sucht Thomas nach dem besten Steak der Stadt. Er findet viele davon - im Gegensatz zu mir, was sich schlicht damit erklären lässt, dass ich Vegetarierin bin. Immerhin ist auch für mich immer etwas auf der Karte dabei.

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Wir verzichten bewusst auf die oft rein touristischen und dazu noch sauteuren Tangoshows, und auch um die langen Schlangen vor dem berühmten Cafe Tortoni machen wir einen großen Bogen. Tango findet sich hier sowieso an fast jeder Ecke, vor allem in den alten Stadtvierteln La Boca und San Telmo. Natürlich sind auch dort die Touristen der Hauptadressat der Street-Dancer, dennoch gefallen uns Stimmung und Ambiente sehr.

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Was ich besonders an Buenos Aires mag: Jedes Viertel hat ein eigenes Gesicht.

Bunt, aber arm: La Boca
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La Bombonera, Heimatstadion der legendären Boca Juniors
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San Telmo, geprägt durch Altbauten. Viele Gebäude stehen unter Denkmalschutz.
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Der Hop-on-hop-off-Bus ist oft, aber nicht immer eine gute Fortbewegungsmöglichkeit. Für Buenos Aires ist er perfekt. Nach einem Besuch des wunderschönen Teatro Colon hüpfen wir an Bord.

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Und weil das Ticket 24 Stunden lang gültig ist, nutzen wir es am nächsten Vormittag gleich nochmal. Allerdings hat wohl jemand bei der Konstruktion das Dach vergessen - bei weit über 30 Grad werden wir fast eingeschmolzen. Die mitgebrachten Tücher sollten uns eigentlich vor den Klimaanlagen und ihren Folgen schützen. Nun bewahren sie uns davor, dass wir auf den Schalensitzen festpappen oder gar wegschwimmen.

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Als mein persönlicher Favorit entpuppt sich das kreative Viertel Palermo im Nordosten der Stadt. Restaurants, Cafes, Bars, Designlädchen, hier ist Buenos Aires jung. Viele Monde sind vergangen, seit ich mir die Nächte um die Ohren gehauen habe. Dennoch fühlen wir uns wohl, und als sich abends ganze Straßenzüge in eine einzige Open-Air-Bar verwandeln, bleiben wir auf spontane Einladung eines Club-Besitzers noch auf eine Cola und ein Bier. Wir kommen ins Quatschen (auf Englisch) und er schwärmt dermaßen von der Natur Patagoniens, dass wir uns noch mehr darauf freuen als ohnehin schon. Am Morgen nach dieser herzerfrischenden Begegnung geht es für uns weiter nach Feuerland. Und weil wir ganz früh raus müssen, ist für uns die Straßenparty beendet, bevor sie für die jüngeren Semester überhaupt richtig begonnen hat.

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Teil 326. Mai 2019
Ushuaia: Reise ans Ende der Welt

Nach einer denkbar kurzen Nacht bekommen wir in unserem Hotel sogar in aller Herrgottsfrühe ein kleines Frühstück und sind auch nicht alleine damit, denn viele Airlines bringen hier ihre Crews unter. Auch diese Abholung klappt wie alle auf dieser Reise reibungslos. Um 5.50 Uhr startet unsere Maschine vom nationalen Airport in Richtung Ushuaia, gegen 11.30 Uhr Ortszeit landen wir wohlbehalten am "Ende der Welt", das nicht zuletzt dafür bekannt ist, dass sich die Elemente häufig hemmungslos austoben.

Immerhin, bei unserer Ankunft ist es trocken und mit etwas Phantasie sogar sonnig. Der Temperatursturz beträgt dennoch nach dem sommerlich-heißen Buenos Aires rund satte 30 Grad! Die vielen kleinen Felseninseln im Beagle-Kanal erinnern an Skandinavien, die Umgebung ist rau, Berge, viel Wasser, Weite, Abgeschiedenheit. Die Stadt selbst hatte ich mir allerdings anders vorgestellt; kleiner, beschaulicher, malerischer. Eine romantische Vorstellung, zugegeben, denn natürlich ist die Stadt mit dem Tourismus mitgewachsen und längst keine idyllische Einöde mehr. Die Andenausläufer im Rücken und den imposanten Beagle-Kanal vor der Haustür, ist das "Setting" aber schlichtweg großartig.

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Unser Hotel liegt etwas oberhalb der Stadt und eine Viertelstunde zu Fuß vom Zentrum entfernt an einem steilen Hang und ist schon wegen der Aussicht ein Volltreffer. Auch unser Zimmer gefällt uns auf Anhieb. Hell, freundlich und leicht beheizt - gemütlich. Und während sich Thomas glücklich mit Ladegeräten, Laptop und allem möglichen Zeugs am Schreibtisch breit macht, schlafe ich mir zwei Stunden lang endgültig die Reste der Erkältung weg.

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Am Nachmittag nutzen wir die letzte Gelegenheit und kaufen in einem kleinen Kiosk Wasser und einige Kleinigkeiten für die nächsten Tage ein. Es ist Silvester, und alles macht dicht. Auch die Restaurants haben entweder geschlossen oder sind von Gesellschaften geblockt - wie das in unserem Hotel. Jetzt ist guter Rat teuer, denn gegessen haben wir an diesem Reisetag fast nichts. Meine Laune rutscht in den Keller und ich mache keinen Hehl aus meinem Unverständnis darüber, dass es nicht möglich sein soll, Hotelgästen wenigstens eine Kleinigkeit anzubieten. Nach einigem Palaver gibt es schließlich am frühen Abend (lang, bevor die Abendgesellschaft die Tische belagert) eine Pasta für mich und Fleisch für Thomas. Beides ist schlecht, aber wenigstens müssen wir nicht mit knurrendem Magen ins Bett. Wir versenden noch Silvestergrüße nach Deutschland, wo es bereits Mitternacht ist, dann holt uns der Jetlag ein. Den Jahreswechsel verbringen wir selig schlafend.

Am Morgen sind wir früh wach. Um 8 Uhr soll uns ein Mietwagen gebracht werden, den wir schon von Deutschland aus für einen Tag gebucht haben, um damit den Feuerland-Nationalpark zu erkunden. Wir hatten bei Buchung der Reise von unserer Agentur ein ganzes Paket mit Vorschlägen erhalten, welche Ausflüge sich an welchem Ort anbieten würden. Der Haken: Die Aktivitäten sind zwar allesamt hochattraktiv und in Reiseführer sowie Internet auch vielfach empfohlen, treiben jedoch in organisierter Form den ohnehin nicht gerade schlanken Reisepreis noch einmal wesentlich in die Höhe.

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Am Ende haben wir vorab nur gebucht (was angeblich günstiger ist, ich habe es nicht überprüft), was wir nicht selbst bewerkstelligen konnten. Also Bootstouren, Pinguintouren, die ohne Guide gar nicht erst erlaubt sind oder auch Gletscher-Trekking (ebenfalls nur mit Guide). Alles andere haben wir in Eigenregie unternommen. Das war für uns eine sehr gute Lösung.

Kein Auto kommt um 8 Uhr, an der Hotelrezeption herrscht nicht nur Katerstimmung, sondern auch Ratlosigkeit. Wir gehen frühstücken, was sollen wir auch sonst tun, gegen Neun schlägt dann tatsächlich ein junger Mann mit verdächtig verstrubbeltem Haar auf - der Arme, er lag wahrscheinlich bis gerade noch im Silvesterkoma. Das Auto, ein schlichter Pkw, hat schon bessere Tage gesehen, wirkt aber fahrtüchtig. Wir bekommen den Schlüssel in die Hand gedrückt und einen Zettel nebst Adresse, wo wir den Wagen bis zum nächsten Mittag wieder abgeben sollen. Das war's. Sehr unbürokratisch das Ganze, sollten wir uns deshalb Sorgen machen? Wir lassen's. 🤪

Nur zwölf Kilometer sind es von Ushuaia in den Feuerland-Nationalpark, die Straße ist gut zu befahren, auch die Gravelroad im Park. So relativ früh am Neujahrsmorgen sind wir zunächst weit und breit die einzigen Menschen, es ist herrlich.

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Wir fahren zunächst zum äußersten Punkt im Westen des Parks, an der malerischen Lapataia-Bucht parken wir und starten zu einer längeren, einsame Wanderung. Das Wetter spielt wunderbar mit, es ist sonnig, warm und windstill. Was letztlich dazu führt, dass wir immer wieder von den größten Mücken überfallen werden, die wir je gesehen haben. Na toll, unser eigens mitgebrachter Repellent liegt im Hotelzimmer, noch wohlverpackt. Und dabei wird es auch bleiben. Der Nationalpark Tierra del Fuego ist der einzige Ort, an dem wir den Mückenschutz benötigt hätten. 😣

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Wir genießen die herrliche Natur mit dem vielen Wasser, den knorrigen Bäumen, den üppigen Blumenwiesen und schneebedeckten Bergen. Auch an mehreren Biberdämmen kommen wir vorbei. Die Nager gehören eigentlich nicht hierher, sind einst wegen ihrer Felle eingeschleppt worden. Als sich herausstellte, dass sich das Fell im subarktischen Klima nicht so entwickelt wie gedacht, wurden die Tiere ihrem Schicksal überlassen. Mit fatalen Folgen für die Umwelt. Die Biber haben sich ungebremst vermehrt und sind seit Jahren eine ernste Gefahr für die Baumbestände und das Ökosystem. Und wie uns später ein Guide erzählt, hat niemand eine rechte Idee, wie das Problem gelöst werden kann.

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Zurück am Parkplatz stellen wir fest, dass wir längst nicht mehr alleine sind. Kreuzfahrer, Feiertagsausflügler, Touristen, es ist einiges los. Doch schon wenige Meter jenseits der vielen schönen Aussichtspunkte haben wir die Natur weiterhin fast für uns.

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Bild oben: Ein kleiner Trampelpfad führt am Ufer des Lago Roca entlang. Thomas hat sich trotz der frühlingshaften Temperaturen vermummt, um sich vor den Attacken der Mücken zu schützen - ohne Erfolg. Sie haben locker durch unserer Tücher durchgestochen und zwei Tage lang sahen wir im Gesicht aus, als hätten wir die Beulenpest.

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Unser letzter Stopp des Tages ist das berühmte Postamt in der Bahia Ensenada.

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Hier startet der Küstenwanderweg entlang des Beagle-Kanals. Die Natur ist überwältigend, der Ausblick auf die chilenischen Berge jenseits des Wassers spektakulär.

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Es ist der Höhepunkt eines grandiosen Tages - und das Wetter hat auch mitgespielt.

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Teil 428. Mai 2019
Im Reich der Pinguine

Wir könnten eigentlich ausschlafen an unserem zweiten vollen Tag in Ushuaia, doch noch immer treibt uns der Jetlag mit dem Morgengrauen aus dem Bett. Der erste prüfende Blick aus dem Fenster lohnt sich, für einige Augenblicke ist die gesamte Bucht vor uns wie in Gold und Silber getaucht.

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Auf diesen Tag habe ich mich besonders gefreut, denn wir haben einen Ausflug zur Pinguinkolonie auf der Isla Martillo gebucht. Wegen der angeblich höheren Pinguinaktivität am Nachmittag haben wir von zwei möglichen Slots am Tag den späteren gewählt und bis zur Abholung am Mittag viel Zeit.

Den Mietwagen müssen wir erst im Laufe des Vormittags zurückgeben, und so fahren wir nach einem ausgiebigen Frühstück die kurvige Straße hinter unserem Hotel hinauf bis zur wenige Kilometer entfernten Sesselliftstation an den Hängen der Martial Mountains. Der Sessellift endet normalerweise am Marcial Gletscher, von dem aus man bei klarer Sicht einen tollen Blick über Ushuaia und den Beagle-Kanal haben soll. Doch der Lift ist seit Jahren außer Betrieb und es sieht auch nicht so aus, als würde er in nächster Zukunft repariert. Warum, kann uns keiner erklären. Von der Talstation starten aber auch lohnenswerte Wanderungen, wenn auch ohne uns. Wir haben andere Pläne.

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Wir fahren erst einmal hinunter in den Ort und müssen ein bisschen suchen, bis wir das Haus unseres Autovermieters gefunden haben. In seinem kleinen Hof und auf der Straße stehen jede Menge mehr oder minder funktionstüchtige Wagen herum, er ist wohl ein begnadeter Bastler. Wir übergeben ihm Auto und Schlüssel, beteuern auf Nachfrage, dass alles "muy bien" gewesen sei, noch ein feuchter Händedruck, schon heißt es "adios". Wenn's nur immer so einfach wäre. Im Ortszentrum tauschen wir in einer Wechselstube ebenfalls unkompliziert noch etwas Geld und machen uns dann ein wenig kurzatmig auf den steilen Rückweg.

Am Mittag werden wir abgeholt und mit einer kleinen Gruppe zur Estancia (=Farm) Haberton gefahren. Zum riesigen Gelände der ersten Estancia auf Feuerland gehören viele kleine Inseln, eine davon haben Pinguine vollständig mit Beschlag belegt. Zu dieser Jahreszeit ist die Kolonie der Magellan-Pinguine vollständig hier, brütet und zieht ihren Nachwuchs groß. Ich weiß nicht mehr, warum wir diese Tour nicht mit einer Bootsfahrt auf dem Beagle-Kanal verbunden haben, die Möglichkeit besteht aber. 90 Kilometer sind es von Ushuaia bis zur Estancia, und die Fahrt führt durch Südbuchenwälder und später eine herrliche offene Landschaft.

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Warme und winddichte Klamotten waren uns im Vorfeld empfohlen worden, beides brauchen wir an diesem Tag nur bedingt. Die Wolken hängen tief, doch es bleibt trocken. Die Bootsfahrt hinüber zur Isla Martillo führt durch eine tolle Schärenlandschaft und ist bedauerlich schnell vorbei.

Kaum habe ich einen Fuß auf die Insel gesetzt, bin ich von den Eindrücken völlig erschlagen. Ich weiß kaum, wo ich zuerst hinschauen soll, die Pinguine sind überall.

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Einige watscheln neugierig auf uns zu, als wir da so zweckfrei auf ihrem Strand herumstehen, die meisten scheren sich aber keinen Deut um uns.

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Erst auf den zweiten Blick registriere ich auch die viel größeren Eselspinguine (die so heißen, weil sie so klingen), alle zusammen veranstalten sie ein ohrenbetäubendes Spektakel.

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Ich bin begeistert - und sogar regelrecht geplättet, als mich Thomas auf zwei Königspinguine aufmerksam macht. Diese Pinguine brüten hier zwar nicht, tauchen aber immer mal wieder unversehens auf. Auch sie machen ihrem Namen alle Ehre: Ich finde sie wirklich ziemlich majestätisch und elegant.

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Interessanterweise halten sich die beiden Königspinguine vor allem in der Nähe oder sogar inmitten der Eselspinguine auf. Die krakeelenden, wuseligen Magellan-Pinguine scheinen als Nachbarn nicht allzu beliebt zu sein.

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Während bei Esels und Königs daheim das reinste Familienidyll herrscht, ...

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... wird bei Magellans geworben, gerangelt und jede Menge diskutiert.

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Eine Stunde haben wir für die Tour über die kleine, schmale Insel Zeit. Genug, um die Tiere in aller Ruhe zu beobachten. Aber ich könnte hier auch problemlos den ganzen Tag verbringen.

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Die gesamte Insel ist mit vielen kleinen Höhlen übersät, von denen sich auch einige mitten auf dem Weg befinden. Die Guides - einer an der Spitze, einer am Ende der Gruppe - achten aufmerksam darauf, dass niemand versehentlich auf eine dieser Höhlen tritt und die Nistplätze zum Einsturz bringt.

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Bei YouTube ansehen ↗

Aus Kanada eingeschleppte Bisamratten (Danke, Leona!) rennen auf der Insel herum, es deutet aber nichts darauf hin, dass sie den Pinguinen irgendwie das Leben schwer machen. Die Guides sind gerade nicht direkt in meiner Nähe und später vergesse ich leider zu fragen.

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Die Zeit verfliegt, ich kann mich nur schwer trennen und klettere schließlich als letzte wieder an Bord unseres Bootes.

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Zurück im schönen Cafe der Estancia stärken wir uns am offenen Kamin mit heißem Tee und Kuchen, danach gibt es noch eine Führung durch ein kleines Naturkundemuseum und ein (sehr übel riechendes) Labor, das der Erforschung von Meeressäugetieren dient. Beides hinterlässt keinen bleibenden Eindruck bei mir - im Gegensatz zu den Pinguinen. Bloß gut, dass wir sie nicht zum letzten Mal auf dieser Reise sehen!

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Teil 530. Mai 2019
Schietwetter und eine Schrottkarre

An unserem letzten vollen Tag in Ushuaia hat uns das Wetterglück verlassen. Ein bisschen dürfen wir beim allmorgendlichen Blick vom Balkon noch hoffen, ...

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... doch dann öffnet der Himmel unerbittlich seine Schleusen. Wir haben für den Tag einen weiteren Ausflug gebucht, der sich "Lakes Off-Road Tour" nennt. Um 9 Uhr werden wir abgeholt und überqueren eineinhalb Stunden später den Garibaldi Pass, doch die Hoffnung, dass das Wetter auf der anderen Seite der Anden besser ist, zerschlägt sich leider.

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Bild oben: Ein häufig vorkommendes Schild. Für die Einheimischen ist glasklar, wem die Falklandinseln gehören. Scherze, Sprüche oder Diskussionen rund um dieses heikle Thema sind unbedingt zu vermeiden, und britische Touristen zählen nicht gerade zu den beliebtesten Gästen ...

Der Defender erklimmt die steilsten, matschigsten Pfade in den tiefsten Wäldern und wühlt sich fast mühelos durch den Kiesstrand am riesigen Fagnano-See. Die Aussicht bei besserem Wetter muss sensationell sein, an diesem Tag wird daraus so gut wie nichts.

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Bei einem Stopp gibt es Mate-Tee, das typische Trinkgefäß geht reihum. Für die Argentinier eine wichtige Zeremonie, soll sie doch eine Gemeinschaft - wie unsere, die aus acht Personen besteht - zusammenschweißen. Nicht, dass mir unsere Mitstreiter nicht sympathisch wären. Aber mit anderen aus demselben Becher zu trinken war noch nie mein Fall - und auch mit dem bitteren Nationalgetränk werde ich mich auf dieser Reise nicht anfreunden können. Mehr als ein Anstandsschlückchen ist leider nicht drin.

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Magellanspecht

Die Fahrt endet in einem wunderschönen Wald, er wirkt wie verzaubert. Bei Sonnenschein muss es fantastisch sein.

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Nach einem halbstündigen Fußmarsch stehen wir vor einer kleinen Blockhütte, idyllisch am Fagnano See gelegen, ein Traum. Eine andere Gruppe ist schon da, und gemeinsam trocknen wir unsere Sache am gemütlichen Ofen, während uns Fahrer und Guides am Grill ein waschechtes "Asado" bereiten. Was für ein Schmaus, auch meine vegetarische Variante schmeckt richtig gut, und so kehren wir am Nachmittag rundum zufrieden von dieser ungewöhnlichen, wenn auch verregneten Tour zurück.

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Wir lassen uns im Ortszentrum von Ushuaia absetzen, denn wir haben noch etwas zu erledigen. Um 17 Uhr sollen wir unseren Mietwagen bei Alamo abholen, doch als wir pünktlich vor der Tür der kleinen Filiale stehen, ist keiner da. Wir warten, und schließlich sogar mit Erfolg. Doch es folgt die nächste Hürde. Das Auto, radebrecht der junge Mann, sei noch beim Mechaniker. Er könnte es uns aber am nächsten Tag zum Hotel bringen. Ich winke ab, denn wir wollen am nächsten Morgen ganz früh los in Richtung Punta Arenas. Er ruft also beim Mechaniker an, und der will innerhalb der nächsten halben Stunde mitsamt Wagen auftauchen.

So weit, so gut. Dann also erstmal die Formalitäten. Wir präsentieren unsere Unterlagen, bitteschön, alles geregelt und bezahlt. Zumindest fast, konstatiert unser Gegenüber. Es fehle noch die Einweggebühr. 800 US-Dollar sollen wir dafür berappen, mich trifft fast der Schlag. Wir lesen noch einmal alle Papiere, kreuz und quer, und was soll ich sagen: Der Mann hat recht. Das nicht unwesentliche Detail, dass diese Kosten noch nicht im Endpreis enthalten sind, ist uns entgangen. Autsch, das tut weh!

Zu ändern ist nun allerdings nichts. Wir müssen blechen. Und weiter warten. Denn auch nach einer weiteren Stunde ist von dem Mechaniker nichts zu sehen. Sein Handy hat er vorsorglich ausgeschaltet. Der Autovermieter ist sichtlich genervt, aber ratlos. Noch am Vormittag hatte ich ein Loblied angestimmt, wie reibungslos alles klappt. Damit ist es nun vorbei.

Es wird Abend, und noch einmal versucht der Autovermieter, uns auf den nächsten Tag zu vertrösten. Aber in meiner Seele herrscht finsterste Nacht. Keinesfalls rühre ich mich ohne Auto vom Fleck. Und dann, oh Wunder, springt der Vermieter auf. Der Wagen, er kommt. Ich drehe mich um. Aber wo denn? Na da, in der Einfahrt! Thomas guckt genauso verdattert wie ich: Mit diesem Ding sollen wir mehr als 1.000 Kilometer durch die Gegend gondeln???

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Das Auto, versichert der Mechaniker, sei nun einwandfrei. Ich krame in meiner Erinnerung. „VW Golf oder ähnlich“, so war es in unseren Unterlagen vermerkt. Daneben das Foto einer funkelnden, makellosen Karosse. Dieser ramponierte Fiat ist das genaue Gegenteil und in einem beklagenswerten Zustand. Thomas dokumentiert vorsorglich die Mängel, was sich in Anbetracht ihrer Vielzahl als Sisyphos-Arbeit erweist. Mich beeindruckt besonders die Stoßstange, die in mehrere Teile zerbrochen ist und nur noch von Gaffa-Band gehalten wird.

Als ich schließlich meine Sprache wiederfinde, bitte ich darum, uns ein anderes Auto zu geben. Der junge Mann schaut bekümmert, er bedaure. Dieser Wagen verfüge als einziger über die erforderlichen Papiere für die Grenzübertritte. Dem ist nichts hinzuzufügen, notgedrungen fügen wir uns in unser Schicksal. Um 800 Dollar leichter und mit einem fragwürdigen Vehikel unter dem Allerwertesten gurken wir hügelaufwärts zu unserem Hotel. Das kann ja heiter werden!

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Bild oben: Gleich zu Beginn habe ich unseren Mietwagen - erst spöttisch, später sogar beinahe liebevoll - "Schrottkarre" genannt. Hier ein einträchtiger Moment im Torres del Paine Nationalpark.
Teil 603. Juni 2019
Spektakuläre Fahrt nach Punta Arenas

Ein letztes Mal genießen wir am frühen Morgen den schon zum Ritual gewordenen Blick auf den Beagle-Kanal, dann kehren wir dem "Ende der Welt" und dem "Tor zur Antarktis" endgültig den Rücken. Ein zügiges, wie immer nicht besonders herausragendes Frühstück, dann verstauen wir unser Gepäck so gut es geht im ziemlich klein geratenen Kofferraum unserer "Schrottkarre". Punkt acht Uhr sind unterwegs in Richtung Punta Arenas.

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Rund 630 Kilometer beträgt die Strecke, für die Google rund acht Stunden veranschlagt. Zudem wir haben den einen oder anderen Umweg nebst Stopp geplant. Wir haben keine rechte Vorstellung, wie lange wir wohl brauchen werden, und eher großzügig kalkuliert. Wie sind die Straßenverhältnisse, wie schnell geht es an der Grenze, wie verlässlich fahren die Fähren an der Magellanstraße und werden wir dort vielleicht Schlange stehen müssen? Wir wissen es nicht.

Das Wetter ist trüb und regnerisch, wird aber besser, als wir die Berge hinter uns lassen. Die Landschaft verändert sich, die hügeligen Wälder hinter Ushuaia wechseln über in die Steppe Feuerlands. Die Weite fasziniert mich, es sind kaum andere Autos unterwegs und wir fühlen uns auf dieser endlos scheinenden Straße noch mehr ans Ende der Welt versetzt als zuvor in Ushuaia.

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An der Grenze zu Chile ist schon deutlich mehr los. In dem Gewimmel finden wir schließlich die richtigen Schlangen und dann geht alles reibungslos seinen behördlichen Gang. Papiere hier, Stempel da, schließlich heißt es für uns "Adios Argentina". Wenn auch nur für ein paar Tage.

Kurz hinter der Grenze bei San Sebastian werden meine schlimmsten Albträume wahr. Die Schotterpiste ist extrem holprig, etwas später zudem schmal und verstopft. Wir sind umzingelt von gigantischen amerikanischen Trucks, die uns kaum wahrzunehmen scheinen. Unser fragiles Vehikel kämpft sich wacker über dicke Steine und durch tiefe Schlaglöcher, doch es leidet - und ich gleich mit. Oh weh, soll das etwa bis Punta Arenas so gehen?

Nach rund 40 Kilometern ist der Horror an einer Abzweigung zum Glück vorbei - es war schlichtweg eine Baustelle, in der wir relativ lange feststeckten. Rechts führt nun eine nagelneue, perfekt asphaltierte Straße nach Punta Arenas. Wir biegen jedoch nach links auf eine gute Schotterstraße ab, über uns kreist der erste Condor am Himmel.

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Nur 20 Minuten sind es von hier zum Parque Pinguino Rey, den ich unbedingt besuchen möchte. Ich war deshalb überglücklich, als sich herausstellte, dass wir ohnehin fast daran vorbeifahren. Königspinguine kommen eigentlich nur südlich des Südpolarkreises vor. Und so staunte die Besitzerin des riesigen Geländes an der Bahia Inutil, einer Meeresbucht an der Magellanstraße, nicht schlecht, als vor einigen Jahren Königspinguine bei ihr angeschwommen kamen und auch blieben.

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Wir haben vorsorglich am Vortag eine (kostenfreie) Reservierung auf der Homepage vorgenommen. Ich weiß nicht, ob das notwendig ist, aber wir werden tatsächlich danach gefragt. Außer uns sind noch eine Gruppe tapferer Radfahrer und einige Touristen-Paare hier. Es soll zuweilen wetterbedingt schwierig sein, die Bucht zu erreichen. Doch an diesem Tag scheint die Sonne und auch mit den gefürchteten patagonischen Winden haben wir immer noch keine Bekanntschaft gemacht.

Nach einer kurzen Einweisung dürfen wir los und ich bin heilfroh, dass wir diesen Schlenker mit in unsere Tour eingebaut haben. Irgendwie hatte ich mir alles viel schwieriger vorgestellt - ein immer wiederkehrender Gedanke auf dieser Reise.

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Wie schon auf der Isla Martillo muss ich mich erst einen kleinen Moment daran gewöhnen, dass die Tiere nicht wie in meiner Vorstellung auf Eis, sondern auf der grünen Wiese stehen.

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Wir müssen einigen Abstand halten, ein Zaun, ein markierter Weg sowie ein kleiner Flusslauf sind die Grenzen. Übermäßig viel Aktivität darf man nicht erwarten, Königspinguine sind nicht die temperamentvollsten aller Geschöpfe und üben sich meist in vornehmer Zurückhaltung. Dennoch bin ich fasziniert von dieser Kolonie und freue mich, dass sie offenbar beständig wächst.

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Links, zwo, drei, vier...

Man kann die Königspinguine auch mit einer Tagestour von Punta Arenas aus besuchen. Das ist dann schon sehr weit und ich möchte nicht beurteilen, ob der Weg lohnt, denn man wird zwangsläufig zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Ich kann jedoch sagen, dass uns schon allein die wunderschöne Landschaft in dieser Region und ihre Abgeschiedenheit zumindest bei gutem Wetter begeistert hat.

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Etwas mehr als eine Stunde verbringen wir bei den Pinguinen, dann machen wir uns wieder auf den Weg. Hinter dem Abzweig ist die Straße in tadellosem Zustand und wir kommen zügig voran.

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Trotzdem ist die Fähre über die Magellanstraße, die Feuerland vom Festland trennt, noch immer die große Unbekannte in unserer Zeitrechnung. Wir haben (bei viel Pech) von langen Schlangen und mehrstündigen Wartezeiten gelesen, und als die Bahia Azul in Sicht kommt, sind wir sehr gespannt, was uns erwartet.

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Es ist das genaue Gegenteil dessen, womit wir gerechnet hatten: gähnende Leere. Keine Menschen, keine Autos weit und breit. Wir rollen langsam bis zum Ende der Straße vor und sehen, wie die Rampe der Fähre unten am Wasser just geschlossen wird. Hmpf, so ein Pech! Ich will gerade den Rückwärtsgang einlegen, da senkt sich wie von Zauberhand die Klappe und uns wird wild gewunken. Als letztes Auto flutschen wir an Bord - was für ein Dusel!

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Wir besorgen uns im Bauch der Fähre Tickets, dann genießen wir während der kurzen Überfahrt den tollen Blick.

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Thomas ganz happy. Es läuft wie am Schnürchen!

Hinter uns liegt Feuerland und vor uns Chile in goldenem Licht. Noch 170 Kilometer sind es bis Punta Arenas.

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Nur mal so Kilometer abspulen, das funktioniert hier allerdings nicht. Es gibt einfach zu viel zu sehen. Immer wieder Landschaft ...

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... und eine Art "Geisterstadt". Die Estancia San Gregorio war einst eine gigantische Ranch, die vornehmlich Wolle produzierte. Wir hatten im Vorfeld nichts von ihr gehört oder gelesen, doch an einem spontanen Stopp führt für uns kein Weg vorbei. Es ist ein kurzer, aber faszinierender Blick in die Vergangenheit.

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Sonne und Wolken wechseln sich ab und sorgen für eine einzigartige Gewitterstimmung.

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Ich werde am Steuer (weil ich glaube, dass ich es besser kann) ganz unruhig bei all den Farben und Eindrücken und würde am liebsten alle paar Kilometer anhalten. So kommen wir aber natürlich nie ans Ziel und Thomas als Fotograf auf dem Beifahrersitz (weil er es definitiv besser kann) hat alle Hände voll zu tun.

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Am frühen Abend erreichen wir schließlich Punta Arenas. Unser Hotel Jose Nogueira liegt nicht nur zentral, sondern ist überdies ein echtes Schmuckstück, und die tüchtige kleine "Schrottkarre" darf im Hof wohlverwahrt übernachten. Wir sind erschöpft, aber glücklich: Es war eine lange, spektakuläre Fahrt, und selten hat das Motto "Der Weg ist das Ziel" für uns so gut gepasst!

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Müde ist sie. Es war ein langer, aber auch wunderbarer Tag.
Teil 705. Juni 2019
Im Reich der Pinguine, Teil II

Das Hotel Jose Nogueira gefällt uns ausgesprochen gut. Nicht, weil die Zimmer außergewöhnlich luxuriös wären, sondern weil das gesamte Gebäude, das von 1890 stammt und eins der ältesten Patagoniens ist, Geschichte atmet. Fassade und Interieur sind weitgehend original erhalten. Das Frühstück im Wintergarten hat deutlich mehr Stil als unsere Outdoor-Klamotten und wir fühlen uns - wenn auch leicht underdressed - in eine andere Zeit versetzt.

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Nach dem Frühstück schlendern wir durch Punta Arenas, mit über 120.000 Einwohnern schon fast eine Großstadt.

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Die Lage direkt am Wasser ist ein klares Plus, es gibt viele alte Gebäude und außerdem Restaurants für jeden Geschmack. Für mich als Vegetarierin eine Offenbarung, am Vorabend habe ich mir die Pizza aus dem Steinofen so richtig schmecken lassen. Insgesamt ist der Charme der Städte, Buenos Aires ausgenommen, bislang jedoch einigermaßen überschaubar, zumindest hat er uns kaum erreicht - im Gegensatz zur weitgehend unberührten Natur, und darauf kommt es uns ja an. Der Friedhof in Punta Arenas wird uns ans Herz gelegt, aber Friedhof hatten wir schon und überhaupt drängt die Zeit.

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Denn unser eigentliches Ziel ist die Isla Magdalena. Die unbewohnte Insel liegt unweit der Stadt inmitten der Magellanstraße und ist um diese Jahreszeit das Zuhause Zehntausender Magellanpinguine. Da wollen wir hin!

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Der Fährhafen liegt rund 25 Kilometer nördlich von Punta Arenas und schon auf den ersten Blick wird klar: Das hier ist ein ganz anderer Schnack als die kleine, persönliche Tour auf die Isla Martillo. Wir sind froh um die Tickets, die wir schon lange im Voraus gebucht haben, denn der Andrang ist erheblich und nicht jeder kommt mit. Die Überfahrt ist relativ ruppig und zieht sich, dann endlich: Land in Sicht.

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Bis auf einen Leuchtturm gibt es hier nichts. Nichts außer Pinguinen. Aber die wie Sand am Meer.

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Das Empfangskomitee hat leichte Verspätung und watschelt im Eiltempo heran, verliert aber schnell das Interesse. Pah, wieder nur so olle Touristen...

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Ich selbst bin von derlei Coolness meilenweit entfernt und hin und weg - was hier los ist!

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Eine Stunde haben wir Zeit, auf einem Rundweg kommen wir den drolligen Tieren wie schon auf der Isla Martillo sehr nah.

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Die Insel ist mit Bruthöhlen übersät, und alle sind "fully booked".

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Bei den Pinguinen läuft es etwa so: Im September schwimmen die Jungs zu Zigtausenden an Land, streiten um die besten Villen mit Meerblick, dann wird renoviert und grundgereinigt, bis schließlich zwei Wochen später die Mädels folgen. Wenn alles passt, legen die Weibchen im Oktober je zwei Eier, nach 40 Tagen schlüpfen die ersten Jungtiere, die dann rund zwei Monate von ihren Eltern großgezogen werden. In diese späte Phase der Familienplanung fällt unser Besuch.

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Keine Chance für Singlebörsen: Die Pinguine bleiben ihrem Gefährten ein Leben lang treu. Nur wenn er verstirbt, binden sie sich neu. Was zuweilen zu Beziehungschaos führt. Denn taucht der alte Partner verspätet noch auf, wird der neue eiskalt abserviert. Das nenne ich konsequent!

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Sieht nach A cappella aus, klingt aber nach verrostetem Nebelhorn. Was das "Getröte" der Pinguine genau bedeutet, haben wir nicht so richtig herausgefunden.

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Die Möwen haben ihr eigenes Appartement in diesem riesigen Wohnkomplex und bleiben weitgehend unter sich.

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Viel zu schnell ist die Stunde rum, und wir müssen zurück aufs Schiff. Er war grandios, unser zweiter Besuch im Reich der Pinguine, der leider auf dieser Reise auch der letzte war.

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Teil 807. Juni 2019
Die Vögel

Nach den Pinguinen ist vor den Kormoranen, wir sind im Vogel-Wahn. Schon auf dem Hinweg zum Fährhafen waren mir die vielen verwitterte Molen an der Uferpromenade aufgefallen. Dort haben sich Kormorane angesiedelt. Zurück in Punta Arenas gehen wir dorthin. Hitchcock lässt grüßen, es herrscht reger Flugverkehr.

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Die Vögel pendeln zwischen Mole und Strand hin und her und tauchen immer wieder direkt vor unseren Linsen auf. Ein herrliches, friedliches Spektakel, wir haben keinen Zeitdruck und sind völlig entspannt.

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Wir sitzen auf dicken Steinen, genießen die Abendstimmung und die Gesellschaft unserer gefiederten Hauptdarsteller.

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Die Möwen faszinieren uns. Sie lassen Muscheln gezielt auf die Steine fallen, um sie so zu knacken und an ihren Inhalt zu gelangen. Ganz schön schlau!

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Was hat diese Gegend doch an Naturwundern zu bieten!

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Eins davon landet an diesem Abend auf Thomas' Teller: die Königskrabbe (oder auch - wie ich finde völlig zu Recht - Monsterkrabbe) prangt auf allen Speisekarten und ist damit für Thomas praktisch eine Pflichtübung.

Mit vollem Magen und vollen Speicherkarten machen wir uns schließlich auf den Weg ins Hotel. Morgen ist ein großer Tag: Wir fahren in den Torres del Paine Nationalpark. Für mich ein Sehnsuchtsort, der die Initialzündung zu dieser Reise gab. Ob er meinen hohen Erwartungen wohl gerecht wird?

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Teil 910. Juni 2019
Irrungen, Wirrungen und das perfekte Panorma

Der Weg von Punta Arenas zum Torres del Paine Nationalpark ist mit rund 350 Kilometern nicht allzu weit.

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Schnappschüsse aus dem Autofenster. Das Licht spielt zwar nicht mit, doch einmal mehr zeigt sich: Die Fahrten sind - ähnlich wie in Afrika - weit mehr als nur ein notwendiges Übel, um von A nach B zu gelangen.

In Puerto Natales legen wir einen Zwischenstopp ein, denn hier befindet sich die letzte Tankstelle weit und breit. Um ein Haar wäre die kleine Hafenstadt sogar deutlich mehr als nur ein Tankstopp für uns gewesen. Was zunächst einmal kein Drama sein muss, weil sie durch ihre privilegierte Lage direkt am Fluss und mit Blick auf die Berge durchaus attraktiv ist. Doch wir hatten sie in unserer Planung zugunsten von vier Übernachtungen und somit drei vollen Tagen im Nationalpark bewusst ausgespart.

Ich hatte unserer Agentur gegenüber mehrfach betont, wie sehr uns an den Übernachtungen innerhalb des Parks gelegen ist und sie gebeten, rechtzeitig aktiv zu werden. Die Mehrkosten für die exklusive Lage haben wir dabei billigend in Kauf genommen. Uns wurde im Gegenzug mehrfach versichert, dass es keinerlei Zeitdruck gäbe. Was sich als Trugschluss erwies: Schließlich war das von mir favorisierte Hotel Lago Grey bereits ein Jahr zuvor ausgebucht - ohne uns.

Diese traurige Tatsache hat uns die Agentur, mit der wir ansonsten bei all unseren Reisen nach Mittel- und Südamerika nur gute Erfahrungen gemacht haben, allerdings nicht mitgeteilt, sondern uns stattdessen ohne entsprechenden Hinweis für vier Nächte nach Puerto Natales verfrachtet. Erst bei der Durchsicht des finalen Reiseplans bin ich darüber gestolpert - und aus allen Wolken gefallen. Knapp eineinhalb Stunden pro Strecke hätten wir von Puerto Natales zum Südeingang, dem nächsten Zugang zum Park, gebraucht. Und das auch nur in der Theorie. Denn als wir in der Praxis auf die Schotterstraße zum Südeingang einbiegen wollen, ist sie gesperrt.

Wir müssen also noch einmal rund 50 Kilometer weiterfahren bis zum Nordeingang und dann wieder ein ganzes Stück quer durch den Park zurück - völlig ausgeschlossen, an drei Tagen in Folge zwischen Puerto Natales und Torres del Paine zu pendeln.

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Der Umweg allerdings entpuppt sich als landschaftlich reizvoll und zudem äußerst tierreich.

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Wir sind nun bereits ganz in der Nähe des Torres del Paine und der Verkehr ist noch überschaubar als ohnehin schon - von einigen leichtsinnigen Passanten abgesehen...

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Je näher wir dem Nationalpark kommen, desto schlechter wird leider das Wetter.

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Am Parkeingang melden wir uns an und entrichten die Gebühr für die nächsten Tage, dann nehmen wir die letzten 50 Kilometer quer durch den Park zum Hotel Lago Grey unter die Räder.

Wir haben die Hotelproblematik am Ende so gelöst: Für die erste Nacht haben wir in Eigenregie über eine Buchungsplattform noch ein Superior-Zimmer im Lago Grey ergattert. Für die Nächte drei und vier hat die Agentur ein Standard-Zimmer im selben Hotel bekommen. Bei der zweiten Übernachtung war allerdings nichts zu machen, wir haben immer wieder nachgeschaut, doch das Hotel blieb ausgebucht. Wir haben deshalb auf eigene Faust eine andere Unterkunft unweit des Südeingangs gebucht (an der Südzufahrt, aber aus dem Park kommend weit vor der Straßensperrung), sodass sich die Fahrerei absolut in Grenzen hielt.

Unterwegs können wir die Schönheit um uns herum nur erahnen, von den berühmten Granitnadeln ist nichts zu sehen. Ich hoffe, dass uns die nächsten Tage besseres Wetter bescheren.

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Die Schotterstraße, über die wir in Richtung Süden holpern, ist in ziemlich miserablem Zustand, wir werden ordentlich durchgerüttelt. In den Schlaglöchern steht das Wasser, und ich kann ihre Tiefe nur erahnen. Doch weil ich an unserer "Schrottkarre" ohnehin kaum mehr etwas verderben kann, fahre ich tendenziell forsch. Es hat eben alles auch sein Gutes. 😉

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Auf den letzten Kilometern wechselt der schlechte Schotter über in groben Kies. Der Knall, wenn einer der Steine gegen das Bodenblech prallt, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Doch wir gewöhnen uns überraschend schnell daran. In den nächsten Tagen wird uns das Gepolter immer weniger auffallen, bis wir es am Ende kaum mehr wahrnehmen.

Ich hatte mir das Hotel Lago Grey, das am namensgebenden See und Gletscher ganz am Ende des Parks liegt, in den Kopf gesetzt - und es enttäuscht mich nicht. Ich fühle mich auf Anhieb wohl. Es beherbergt auch Reisegruppen, ist also nicht gerade klein. Doch der reduziert-skandinavische Stil gefällt mir, und beim Blick durch die riesigen Panoramafenster stockt uns regelrecht der Atem.

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Auch in unserem modernen Superior-Zimmer mit Blick auf den Grey-Gletscher könnten wir es ziemlich gut einige Zeit aushalten. Schade, dass wir es am nächsten Tag schon wieder räumen müssen.

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Ein neugieriger Nachbar linst schamlos in unser Schlafzimmer.

Das Essen im Restaurant ist okay, jedoch seinen mangels Alternativen hohen Preis nicht wert. Der Ausblick tröstet darüber allerdings locker hinweg.

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Kurz vor Sonnenuntergang heben sich schließlich sogar die Wolken. Plötzlich sind sie da, die berühmten Torres, und mit ihnen all der Zauber, den ich mir von diesem besonderen Ort erhofft hatte.

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Teil 1012. Juni 2019
Ice Ice Baby

Am nächsten Morgen werfe ich einen bangen Blick aus dem Fenster: Ist das Wetter besser als am Tag zuvor? Wir haben einen Bootstrip zum Grey-Gletscher gebucht, doch eine zufriedenstellende Antwort bekomme ich nicht: Das Wetter ist indifferent.

Wir packen unsere Sachen und geben sie im Gepäckraum ab, denn irgendwann später am Tag müssen wir noch unserer Herberge für die zweite Nacht ansteuern. Das Frühstück ist sehr gut, um Punkt neun sind wir an der Rezeption, dem Sammelpunkt für den Bootstrip. Es gibt ungeahnte Instruktionen, wir müssen nun erst eine kleine Strecke mit unserem Auto fahren, dann an der Guarderia Grey parken und schließlich durch einen kleinen Wald und am Seeufer entlang zum Boot laufen. Um zehn Uhr legt die MS Grey III ab, ausreichend Zeit also für den Weg, und das ist gut so, denn er besitzt jede Menge Charme.

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Das Wetter wird immer besser, die dicken Wolken lösen sich auf.

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An manchen Tagen soll das Boot wegen zu starken Windes nicht fahren können. Doch an diesem Tag weht nicht das leiseste Lüftchen.

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Blick auf das Hotel Lago Grey. Wir laufen zwischen See und Fluss über den Kiesstrand zum Boot.

Pünktlich legen wir ab ...

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... und fahren immer näher an den Gletscher heran.

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Der Gletscher kalbt in den See, uns so kommen wir an vielen Eisbergen vorbei.

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Fast schon am Eisfeld angekommen, legen wir an und einige Wanderer gehen von Bord. Ganz in der Nähe liegt das Refugio Grey, es ist herrlich abgeschieden hier. Dann schippert der Katamaran in gemächlichem Tempo an die drei Gletscherarme heran und an ihnen entlang.

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Ich bin dankbar für die Sonne, die sich zwar nicht durchgängig, aber doch großzügig zeigt. Der Gletscher heißt zwar "Grey" - aber in ihrem Licht leuchtet das Eis intensiv blau.

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Auch an den bizarren Eisformationen kann ich mich nicht sattsehen. Kein Bildhauer kriegt das besser hin.

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Schließlich kehren wir um. Auch auf dem Rückweg lassen wir uns Zeit, betrachten die Eisberge aus nächster Nähe. Nach drei Stunden spektakulärer Bootsfahrt sind wir durchweg begeistert zurück an Land.

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Es ist Mittag und ich hatte im Vorfeld ausgelotet, welche Wanderungen sich für uns anbieten würden. Ich bin passionierte Joggerin, zu dem Zeitpunkt aber von hartnäckigen Problemen am Hüftbeuger ausgebremst. Die Schmerzen waren auch bei den Streifzügen durch Buenos Aires immer wieder präsent und meine Grundkondition hatte in den Wochen zuvor mangels Training ohnehin gelitten. Die ganz großen Sprünge traue ich mir deshalb auf dieser Reise eigentlich nicht zu.

An diesem Tag fühle ich mich allerdings gut und so versuchen wir uns am Aufstieg zum Mirrador Ferrier. Der Trail startet in unmittelbarer Nähe des Lago Grey an der Grey Ranger Station, wo wir uns registrieren müssen. Die Distanz beträgt zwar insgesamt nur 7,5 Kilometer, doch der Pfad ist schmal und steil, als Level wird von Rangern wie Reiseführer "schwierig" angegeben.

Es gibt wohl auch aus diesem Grund deutlich populärere Tracks im Park; was den Vorteil hat, dass außer uns nur eine fünfköpfige Familie den giftigen Anstieg über 700 Höhenmeter in Angriff nimmt. Rund zwei Stunden soll der Aufstieg dauern, der eine ziemlich schweißtreibende Angelegenheit ist.

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Die Strecke wird zunehmend steiler, auf einem kleinen Plateau entschließen wir uns schließlich zur Umkehr. Aus verschiedenen Gründen. Mein Bein schmerzt, und auch wenn der Mirador Ferrier zu den besten Aussichtspunkten auf das Torres-del-Paine-Massiv zählt, wird davon wohl bis zu unserer Ankunft so gut wie nichts mehr zu sehen sein: Es hat begonnen zu nieseln. Der steile Weg wird dadurch zudem rutschig und der Abstieg somit noch schwieriger als ohnehin schon.

Meine Sportlerehre ist schwer angeknackst, doch wir drehen schweren Herzens um - gemeinsam mit einer Frau aus der fünfköpfigen Gruppe. Immerhin ist der Ausblick auch von hier schon sehr, sehr schön.

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Rechts am Bildrand das Hotel Lago Grey

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Im Nachhinein ärgere ich mich natürlich, dass wir Flachlandtiroler uns (zum ersten und bislang letzten Mal) nicht durchgebissen haben. Am Abend treffen wir allerdings per Zufall die Familie wieder und das Quartett, das (scheinbar mühelos, alles Handballspieler und topfit) oben war, bestätigte die eingeschränkte Sicht bei zunehmend schlechtem Wetter. Immerhin war ich froh, dass wir die frühe von zwei möglichen Bootsfahrten gewählt hatten, hier lag mir deutlich mehr an Sonne und Licht.

Zurück im Auto stellen wir auf dem kurzen Weg zum Hotel Lago Grey fest, dass die Tanknadel hektisch auf und ab tanzt und keinerlei verlässliche Informationen liefert. Was soll das bedeuten, am Vortag war doch noch alles okay? Fakt ist: Durch die Sperrung des Süd-Zugangs ist die nächste Tankstelle 150 Kilometer entfernt. Wir haben die Strecken im Park unterschätzt, keine Ahnung, wieviel Benzin noch im Tank ist und keinen Reservekanister an Bord. Das macht mich alles in allem ziemlich nervös!

Auf den wenigen Metern bis zum Hotel schaffe ich es, mich in die Problematik regelrecht hineinzusteigern. An der Rezeption im Lago Grey frage ich daher zwar wenig hoffnungsfroh, dafür aber spürbar verzweifelt vorsorglich noch einmal nach: Kein Benzin weit und breit, nada de nada?

Es ist der Beginn einer streng geheimen Mission. Der Rezeptionist kommt um sein Pult herum, nimmt uns zur Seite, nennt uns Codewort und Adresse. Dort, so versichert er, bekämen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit Treibstoff - sofern gerade eine "Lieferung" eingetroffen sei und welcher vorhanden ist. Ich fühle mich wie 007 - Betti Bond, auch nicht schlecht.

Die Spur führt durch den Südausgang (Serrano) hinaus aus dem Park und kurz dahinter zu einer Farm. Dort nennen wir das Zauberwort und bestellen zehn Liter Benzin, die umgehend ihren Weg von einem Kanister durch eine zum Trichter umfunktionierte Plastikflasche in unseren Tank finden - perfekt! So ganz geheim kann unsere Mission übrigens nicht gewesen sein, denn hinter uns tauchen zwei junge Österreicherinnen auf. Sie haben das Geheimnis um die verborgene Tanke ebenfalls gelüftet.

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Für uns geht es heiter weiter beziehungsweise ein paar Meter zurück, denn erfreulicherweise hatten wir schon zuvor bemerkt, dass unsere heutige Unterkunft nur einen Steinwurf von den findigen Spritverkäufern entfernt liegt.

Unsere "Cabana" im Hotel del Paine ist ein wenig muffig und definitiv überteuert, aber für eine Nacht völlig okay. Schließlich waren wir froh, nach dem Buchungsdesaster überhaupt eine Lösung gefunden zu haben. Beim Abendessen kommt es zu einem Disput, denn es gibt nur ein Buffet und ich soll den vollen Preis zahlen, obwohl für mich als Vegetarierin fast nichts dabei ist. Ich trete in den Hungerstreik, was wiederum den Manager auf den Plan ruft. Schließlich darf ich mir für die Hälfte des immer noch stolzen Preises einen Teller Pasta mit Tomatensauce gönnen, allerdings keinesfalls etwas nachnehmen - was mir ohnehin nicht eingefallen wäre, denn es schmeckt weder Thomas noch mir. Aber immerhin gab es ein Entgegenkommen und auch der Blick auf das Bergmassiv ist gelungen.

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Am Ende eines ausgefüllten Tages fallen wir in unsere mäßig komfortablen Betten, deren Qualität schlussendlich keine Rolle spielt: Mir erscheinen im Schlaf Gletscher, Berge und Eis - es ist der reinste Traum!

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Teil 1114. Juni 2019
Von Enten und Eisbergen

Am Morgen werden wir vom Regen geweckt, der energisch aufs Dach prasselt. Wir drehen uns noch einmal um. Kein Grund zum Aktionismus bei diesem Schietwetter! Viel später laden wir nach einem faden Frühstück unser Gepäck ins Auto, rollen die paar Meter von unserer Bleibe zur Rezeption - und dann öffnen sich die Schleusen, wie ich es selten erlebt habe. Wir sind gefangen in der "Schrottkarre". Ein Kingfisher wartet direkt neben uns ebenfalls auf bessere Zeiten. Ich öffne das Fenster einen Spalt und will mit ihm zu plaudern, doch er hat keine Lust auf Smalltalk und zeigt mir die kalte Schulter.

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Während einer der seltenen Regenpausen begleicht Thomas unsere Rechnung und durch den Südzugang (Serrano) sind wir ruckzuck zurück im Park, denn das Dreitagesticket behält auch seine Gültigkeit, wenn man ihn zwischendurch verlässt. Es bleibt verregnet, und auf dem kurzen Weg zum Hotel Lago Grey ist vom Panorama nichts zu sehen.

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Im Hotel können wir schon am späten Vormittag unser Zimmer beziehen, was sehr erfreulich ist. Die Standard-Variante ist ein ganz anderer Schnack als unser Superior-Zimmer in der ersten Nacht. Kein Panorama-Blick, viel kleiner, viel schlichter, keine Extras, kein Chichi. Doch ich bleibe dabei, dass ich mich hier wohlfühle. Das Flair passt für uns, und den Großteil der Zeit sind wir ohnehin unterwegs oder relaxen im Cafe/Barbereich mit dem gigantischen Ausblick.

Mittags reißt der Himmel auf. Für die geplante Tour quer durch den Park mit einigen kleineren Wanderungen ist es uns zu spät. Wir hoffen auf bessere Bedingungen am nächsten Tag, der unser letzter im Torres des Paine sein wird. Ohnehin ist uns an diesem Tag nach den vielen bisherigen Erlebnissen und Eindrücken gemütlich zumute, der Kopf kommt nicht hinterher. Wir entscheiden uns für eine Wanderung zu einem Aussichtspunkt am Lago Grey, die direkt am Hotel beginnt und als Loop etwa zwei Stunden dauert.

Der Weg führt zunächst am Fluss entlang, wir sind fasziniert von einer kleinen Ente, die sich tapfer gegen den reißenden Strom stemmt und immer wieder blitzschnell abtaucht. Sturzbachenten (Torrent Duck) sind, so lernen wir später auf Nachfrage, nicht nur ziemlich eigenbrötlerisch, sondern auch Zeichen eines intakten Ökosystems. Das ist ja mal eine gute Nachricht!

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Durch den Wald, den wir schon vom Vortag kennen, geht es hinunter zum Strand, die Gäste vom Vormittags-Bootstrip sind gerade auf dem Rückweg.

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Mittlerweile ist es sonnig und angenehm warm - und herrlich, einfach so die Zeit zu vertrödeln. 🙂

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Am Ende des Beach Trails liegt rechts das Boot, doch wir biegen nach links ab zum Aussichtspunkt.

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Der Blick über den See und auf den Gletscher in der Ferne ist fantastisch. Im Wasser treiben große, blaue Eisblöcke. Was für eine Kulisse!

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Die Grey III fährt an uns vorbei, der Nachmittagstrip hat begonnen. Er ist an diesem Tag - anders als bei uns, als morgens die Sonne schien und es später nieselte - die deutlich bessere Wahl.

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Ich träume vor mich hin und genieße die Stille, ...

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... bis sie plötzlich von einem tiefen, fremdartigen Grollen durchbrochen wird. Ein Erbeben? Ich klammere mich vorsorglich am Boden fest. Dem Grollen folgt ein Knacken und Krachen, und ich bin erst im Bilde, als der Eisberg direkt vor uns erst wie in Zeitlupe kippt und dann regelrecht kollabiert. Wow, was für ein Getöse, das hätten wir uns im Traum nicht vorstellen können!

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Als der Wind heftiger wird, schlendern wir langsam zurück. Am See entlang, durch den kleinen Wald, über eine Hängebrücke und dann parallel zum Fluss bis vor die Haustür.

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Im Hotel lassen wir es uns gutgehen. Wir holen unserer Bücher, erobern ein Sofa mit Ausblick im Barbereich und bedauern einen Reiseleiter, der verzweifelt versucht, die unterschiedlichen Befindlichkeiten seiner Gäste bei der Essensauswahl zu berücksichtigen. Wir freuen uns auf den nächsten Tag, denn da wollen wir früh raus und in ganz andere Bereiche des Parks vorstoßen - wenn bloß das Wetter mitspielt!
Teil 1216. Juni 2019
Durch den Torres del Paine, Teil 1

In unseren letzten vollen Tag im Torres del Paine starten wir früh. Der Lago Grey liegt in fantastischem Morgenlicht, das Wetter ist vielversprechend. Wir müssen einmal um das Bergmassiv herum auf die andere Seite, und als wir aufbrechen, ist noch kaum jemand außer uns im Park unterwegs.

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Die 50 Kilometer quer durch den Nationalpark sind wir schon bei unserer Anreise gefahren, konnten jedoch im Nieselregen kaum etwas erkennen. Deshalb wollten wir diese Strecke unbedingt noch einmal bei besserem Wetter erleben. Die Straße ist nur noch auf den ersten Kilometern rumpelig, dann in das Geholper plötzlich vorbei: Sie ist in den wenigen Tagen seit unserer Ankunft geschoben worden und in deutlich besserer Verfassung als zuvor.

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Wir fahren vorbei am türkisblauen Pehoe See, ...

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... an stillen Lagunen und legen an den Aussichtspunkten viele längere Stopps ein.

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Wir hatten uns sehr gewünscht, das gewaltige Bergmassiv wolkenfrei erleben zu dürfen. Nun geht dieser Wunsch in Erfüllung.

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Wer wandern will, ist im Torres del Paine im Paradies. Neben dem berühmten "W" und dem "O", beides mehrtägige Trekkingtouren, sind etliche Tagestouren möglich. Der Klassiker ist der Aufstieg zum Mirador Base de las Torres, die 20 Kilometer (Hin- und Rückweg zusammengerechnet) sowie die gut 1.000 Höhenmeter traue ich mir aber mit meinem angeschlagenen Bein leider weiterhin nicht zu. Ich hoffe, dass ich bis El Calafate wieder fitter bin, wo es eine vergleichbare Wanderung gibt, die ebenfalls an einer (beziehungsweise zwei) Lagune(n) endet.

Wir entschließen uns an diesem Tag zu zwei kürzeren Wanderungen, und machen nach einer ebenso gemütlichen wie spektakulären Autofahrt schließlich kehrt in Richtung Parkzentrum.

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Am Parkplatz Salto Grande hat die "Schrottkarre" Pause, während wir zunächst dem Wasserfall einen Besuch abstatten.

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Dahinter beginnt der Wanderweg über eine Hochebene zum Mirador Cuernos (="Hörner"), der zwar beliebt, aber für meinen Geschmack keineswegs überlaufen ist.

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Gut eine Stunde sind es (ohne längere Fotostopps) bis zum Aussichtspunkt, und ich bin vom ersten bis zum letzten Schritt völlig begeistert von diesem einfachen, aber abwechslungsreichen Trail.

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Der Weg führt vorbei am idyllischen Nordernskjöld Lake.

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Nicht nur hier, in der gesamten Gegend sind immer noch die Spuren eines verheerenden Brandes zu sehen, den einige Jahre zuvor ein Tourist durch Unachtsamkeit verursacht hat. Insgesamt wurden seit 1980 - so habe ich es zumindest gelesen - fast 30 Prozent der Schutzfläche zerstört, weil nachlässige Besucher Waldbrände ausgelöst haben. Mittlerweile ist offenes Feuer im Park verboten.

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Der Anblick des Paine-Massivs, auf das wir direkt zulaufen, ist gigantisch.

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Rechts im Bild die markanten "Los Cuernos", links - ein wenig in den Wolken - der Cerro Paine Grande, der mit 3.050 m die anderen Berge überragt.

Kurz vor dem Ziel treffen wir auf eine große Gruppe Guanacos. Ein Wanderer hinter uns erstarrt zur Salzsäule, als eins der Tiere von unten im Schweinsgalopp auf ihn zurast, doch es schlägt kurz vor ihm einen Haken und sprintet haarscharf an ihm vorbei. Eigentlich sucht es nur Familienanschluss. 🙂

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Soooooooo müde, erstmal ablegen.
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Wer passt auf wen auf? Babysitter auf Guanaco-Art.
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Am Aussichtspunkt sitzen schon mehrere Wanderer, mit denen wir sofort ins Gespräch kommen. Wir tauschen Reiseerfahrungen aus, genießen den Ausblick auf die bizarren "Cuernos" und die Sonne, über uns kreisen die Kondore - es ist herrlich!

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Teil 2 zu diesem Tag folgt...
Teil 1318. Juni 2019
Unterwegs im Torres del Paine, Teil 2

In Hochstimmung kehren wir schließlich den "Cuernos" den Rücken und machen uns auf den Rückweg. In den Bergen hängen die Wolken fest, aber über uns scheint die Sonne.

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Wir kommen nicht weit, denn die Guanacos sind auch noch da ...

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... und wieder legen wir einen längeren Stopp ein. In dieser Kulisse wäre ich auch gern Zuhause.

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Am Mittag sind mehr Wanderer unterwegs als bei unserem Start am Morgen. Dennoch überwiegt der Eindruck von Weite und Einsamkeit.

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Neben mir raschelt es, und ich brauche einen Moment, bis ich den Verursacher identifiziere. Ein kleines Gürteltier scharrt hektisch am Boden. Wir bleiben wie angewurzelt stehen, um es nicht zu erschrecken.

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Die Sorge erweist sich allerdings als unbegründet. Als es sich fast bis zu meinen Füßen vorgearbeitet hat, blickt es kurz auf, schaut gelangweilt aus der Wäsche und widmet sich dann wieder ungerührt seiner Aufgabe.

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In einem kleinen Kiosk am Parkplatz ist das Angebot überschaubar, doch wir ergattern einigermaßen gekühlte Limos. Es ist richtig warm geworden und wir setzen uns in die Sonne. Die Magellan-Gänse haben Nachwuchs und versüßen uns die Pause.

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Dann fahren wir ein Stück am Lago Pehoe entlang ...

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... bis zum Camping Pehoe. Dort startet eine Wanderung hinauf zum Mirador Condor, die wir uns zum Abschluss vorgenommen haben. An den Hängen des Hügels rasten häufiger Kondore, und so besteht mit etwas Glück die Chance, diese riesigen Vögel bei Landung oder Aufstieg aus der Nähe zu beobachten.

Der Pfad zum Mirador führt erst sanft, dann steiler ansteigend durch eine grüne Hügellandschaft, die 200 Höhenmeter sind aber keine besondere Herausforderung. Nach etwa einer Stunde sind wir oben.

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Von hier oben haben wir eine geniale Rundumsicht mit Blick auf den Pehoe-See und das Bergmassiv, und die idyllische Hügellandschaft mit den Lagunen in unserem Rücken wirkt völlig unberührt.

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Drei ziemlich laute Italiener sind auf der Bergkuppe, als wir ankommen, doch sie kehren schon bald um. Es folgt ein junger Mann mit Guide, der ihm einiges über Kondore erzählt, doch sie haben keine Zeit oder keine Geduld und verschwinden nach wenigen Minuten. Wir sind ganz allein, und für einen kleinen Moment gehört mir die Welt. Ich bin rundum glücklich.

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Thomas' Glück ist perfekt, als schließlich tatsächlich ein Kondor über dem Hügel seine Kreise zieht.

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Auf dem Hügel bläst zusehends der Wind, und so machen wir uns nach einer guten Stunde leicht durchgefroren auf den Rückweg. Die Natur ist traumhaft, allerdings sind auch hier die Spuren des schlimmen Waldbrandes noch allgegenwärtig. Wir hoffen sehr, dass die Schutzmaßnahmen greifen. Nach knapp drei Stunden sind wir zurück am Auto.

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Wir fahren gemütlich zurück zum Lago Grey, genießen dort zum letzten Mal die Abendstimmung am See. Wir hätten problemlos mehr Zeit im Torres del Paine verbringen können, wären noch zur stillen Laguna Azul gefahren oder hätten vielleicht doch an einem schmerzfreien Tag den Aufstieg zu den Torres gewagt. Doch wir sind randvoll mit einzigartigen Eindrücken und Erlebnissen und freuen uns auf die nächsten Abenteuer. Am Morgen geht die Reise weiter, die nächste Station heißt El Calafate.

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Teil 1420. Juni 2019
Von Torres del Paine nach El Calafate

Am Morgen verabschieden wir uns ein bisschen wehmütig vom Torres del Paine, der uns so viele großartige Momente beschert hat.

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Wir lassen es langsam angehen. Nur knapp 300 Kilometer sind es vom Lago Grey nach El Calafate, und wir haben den ganzen Tag Zeit. Die Wolken, die noch am Vortag in den Bergen festhingen, haben sich fast aufgelöst und das Panorama präsentiert sich zum Abschied von seiner besten Seite. Auch der Gipfel des Cerro Paine Grande, auf den wir bis dato nur einmal richtig freie Sicht hatten, blitzt noch einmal hervor.

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Die Torres, die dem Park seinen Namen geben, haben wir bislang nur aus großer Entfernung gesehen. Nun zeigen sich die Granitnadeln, die sich bei unserer Ankunft im Dunst versteckt hatten, in ihrer ganzen Pracht.

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Auch jenseits der Parkgrenze legen wir immer wieder Stopps ein. Wüssten wir nicht, dass wir den Nationalpark verlassen haben, würden wir es wohl auch ziemlich lange nicht merken. Denn es bleibt einsam und reich an Natur.

Guanaco beim Frühsport ...äh, Staubbad.
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"Irgendwann muss es doch mit dem Sixpack was werden."
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So sieht sie wohl aus, die reine Glückseligkeit.
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An einem See parken wir und gehen ein Stück spazieren. Wetter und Umgebung sind zu schön, um im Auto zu sitzen. Wolken wie an diesem Tag habe ich noch nie gesehen, sie sehen aus wie aufeinandergestapelte Pfannkuchen.

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Das Land um uns herum wird weit und flach, und es gibt immer was zu sehen. Wir kommen nur im Schneckentempo voran, aber das ist eigentlich auch egal. 🙂

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In Grenznähe verwandelt sich die Straße wieder vorübergehend in eine holprige Schotterpiste. Die Beamten sind freundlich, die Stimmung ist entspannt und die Wartezeit kurz. Ich hatte mir die Grenzübergänge irgendwie komplizierter vorgestellt - wie so vieles andere auch. Aber sie sind überhaupt kein Problem.

Kurz hinter der argentinischen Grenze gehen mir die Augen über, wir fahren kilometerlang durch ein einziges Blumenmeer. Irgendwann fahre ich rechts ran, denn ich kann nicht anders: Ich muss da einmal durchlaufen und fühle mich wie ein Kind.

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Wieder gleiten wir auf dieser Fahrt von einer Traumkulisse in die andere, immer begleitet von Kondoren, die hoch über uns kreisen. Die Gebirgszüge der Anden bei El Calafate können wir über die flachen Ebenen schon von Weitem sehen, die Vorfreude auf die nächsten Tage steigt.

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El Calafate ist nicht besonders groß, aber eine stetig wachsende Kleinstadt und als Ausgangspunkt für Besuche im Los Glaciares Nationalpark fest in touristischer Hand. Die Hauptstraße ist gesäumt von Restaurants, Hotels und Tour-Anbietern, doch die Atmosphäre ist gelassen und gefällt uns.

Unser motelähnliches Hotel, das völlig in Ordnung ist, aber keinen besonderen Charme versprüht, liegt ruhig in einer Nebenstraße, aber fußläufig zum Stadtzentrum. Wir finden es ziemlich toll, abends zur Abwechslung nicht auf ein einziges Restaurant angewiesen zu sein, sondern eine Auswahl zu haben. Besonders gut gefällt es uns in der bunten, lässigen Pura Vida Resto Bar, einer Empfehlung unseres Hotels. Herausragend ist aber einmal mehr die Lage des Städtchens am Südufer des türkisblauen Lago Argentino, dem größten See Argentiniens, mit Blick auf die Anden. Hier werden wir es bestimmt gut aushalten!

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Teil 1521. Juni 2019
Auf Bruce Chatwins Spuren

Als Jugendliche mochte ich Bruce Chatwin. Sein Buch "In Patagonien" hat bei mir allerlei Kopfkino ausgelöst, außerdem Fernweh und den damit verbundenen, wenn auch irgendwie kaum greifbaren Gedanken, diesen entlegenen Sehnsuchtsort irgendwann einmal selbst zu erkunden. Während unserer Reise muss ich immer wieder daran denken, aber an diesem Tag ganz besonders.

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Um kurz nach acht werden wir am Hotel von einem kleinen Bus eingesammelt, die "Schrottkarre" darf parken, denn wir haben für die nächsten Tage Ausflüge gebucht. Heute fahren wir zur Estancia Cristina, was auch immer das ist, bei El Calafate denkt der gemeine Tourist in aller Regel zuerst an den berühmten Perito Moreno Gletscher - so auch ich. Die Agentur hatte uns diesen Ausflug allerdings sehr ans Herz gelegt. Ausreichend Zeit war da und das Geld konnten wir auch noch zusammenkratzen, warum also nicht? Es war eine eher spontane Entscheidung - und wir sollten sie nicht bereuen.

Die längere Busfahrt endet in Punta Bandera am Lago Argentino, wo wir an Bord eines Schiffes gehen. Als wir losschippern, ist das Wetter durchwachsen. Und weil ich darüber hinaus so gar nicht im Bilde bin, was eigentlich auf uns zukommt, bewegt sich der Level meiner Euphorie auf einem insgesamt überschaubaren Niveau.

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Das ändert sich allerdings schlagartig, als nicht nur die Lichtverhältnisse wechseln, sondern auch die ersten Eisberge in Sicht kommen.

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Ich bin wie verzaubert und werde nur vom Bordfotografen aus meinen Tagträumen gerissen. Er will mich zu "lustigen" Fotos inspirieren, ich soll mich so hinstellen, dass es aussieht, als klebe meine Nase an einem Eisberg fest oder als lege ich meine Hand auf dessen Spitze. Und dann natürlich das Ergebnis käuflich erwerben. Er will es zuerst nicht glauben, aber nichts von alledem kommt für mich in Betracht, und so gehen wir ziemlich schnell und ziemlich konsequent getrennte Wege.

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Wir gleiten am riesigen Upsala-Gletscher entlang, und plötzlich hören wir wieder dieses tiefe Rumpeln und Grollen, das wir schon am Lago Grey erlebt haben: Ein großer Eisberg kippt vor uns spektakulär um und offenbart seine nicht minder spektakuläre Unterseite. Sie besteht aus blankem Eis und ist deshalb leuchtend blau - eine beinahe unwirkliche Farbe.

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Die Bootsfahrt ist schlichtweg großartig und dauert zwei Stunden, dann sind wir da. Die Estancia Cristina inmitten des Los Glaciares Nationalpark wurde 1914 von Auswanderern gegründet, ist nur mit dem Boot zu erreichen und die traumhafte, unberührte Natur sowie die Abgeschiedenheit nehmen mich sofort gefangen. Es muss fantastisch sein, in dieser wilden, stillen Umgebung wenigstens eine Nacht oder auch mehrere Tage zu verbringen - was einige der anderen Gäste tun, denn die Ranch ist eine Lodge und vermietet schöne Cottages.

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Für uns geht es per Jeep über eine steile, ruppige Schotterstraße hinauf in die Berge, zuletzt führt ein kurzer, leichter Spaziergang durch eine von Gletschern geprägte, dramatische Landschaft zu einem Aussichtspunkt.

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Dort verschlägt es uns den Atem. Nicht nur wegen des imposanten Ausblicks auf Gletscher, Anden und türkisblaues Wasser.

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Sondern auch, weil uns der patagonische Wind erstmals voll erwischt. Er bläst so heftig und konstant, dass er mich wie ein Luftkissen trägt.

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Wir verbringen eine ganze Zeit hier oben, staunen und können uns kaum sattsehen.

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Zurück auf der Estancia sind wir von all den Eindrücken schier erschlagen. Wir haben auf das Drei-Gänge-Menü verzichtet, das wir im Vorfeld hätten bestellen können, und gönnen uns stattdessen im schönen, hellen Restaurant der Ranch nur einen Snack. Auch der Besuch eines kleinen Museums findet ohne uns statt. Ich habe die Historie allerdings später nachgelesen und sie ist hochspannend! Wie es wohl gewesen sein muss, an solch einem Ort zu leben? Auf jeden Fall nicht immer leicht. Wir laufen noch ein wenig herum, saugen Atmosphäre auf und sinken schließlich erschöpft auf eine Bank, wo wir einträchtig einschlummern.

Ich weiß, was ihr jetzt denkt. Aber nein, wir haben die Abfahrt des Katamarans nicht verschlafen. Auch wenn ich wirklich unglaublich gerne dort übernachtet hätte. 🙂
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Das Boot macht zurück richtig Tempo, nur durch den engen "Teufelsschlund" fast am Ziel kriechen wir regelrecht hindurch. Mit der Sonne ist es vorbei. Der Wind heult und wirft das Boot in den hohen Wellen hin und her, doch schließlich ist es geschafft. Wir krabbeln von Bord und in den Bus, elf Stunden nach unserer Abfahrt sind wir wieder am Hotel. Noch ein schnelles Abendessen, dann fallen wir ins Bett. Es war ein langer, ereignisreicher Tag, der all meine Vorstellungen von Patagonien übertroffen hat. Mein Kopfkino hat Hochkonjunktur. Ganz so, wie es Bruce Chatwin gefallen würde.

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Teil 1623. Juni 2019
Aufs Glatteis geführt

Reisen macht süchtig, das wissen wir alle nur zu gut. Ich bin schon ziemlich lange abhängig, und die Enttäuschungen hielten sich in all den Jahren sehr in Grenzen. Eine der wenigen erlebten wir 2015 auf einer Neuseeland-Rundreise. Da waren wir schon in voller Montur auf dem Weg zum Helikopter, der uns auf dem Fox-Gletscher absetzen sollte, als der Trip wetterbedingt buchstäblich in letzter Sekunde gecancelt wurde - aus der Traum vom Gletscher-Trekking. Ich war daher gleich doppelt froh, dass es auf dem Perito Moreno vergleichbare Touren gibt.

Unsere Wahl fiel auf das "Mini Trekking", quasi die kleine Schwester der "Big Ice Tour", bei der zwar doppelt so lange gewandert wird, die allerdings auch doppelt so viel kostet. Wieder werden wir morgens am Hotel abgeholt, und per Bus geht es in den rund 50 Kilometer entfernten Los Glaciares Nationalpark. Dort fahren wir weitere 20 Kilometer durch einen schönen Wald, in dem ich sogar einen Fuchs erspähe, bis sich uns der erste Blick auf den berühmten Perito Moreno eröffnet.

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Das Wetter macht auf Diva, ist launenhaft und unberechenbar, zuweilen aber schön. Der Bus stoppt an einer kleinen Anlegestelle, von hier schippert uns ein Boot über einen Seitenarm des Lago Argentino hinüber zur anderen Seite, wo die Gletscherwanderung startet.

Es ist nur eine kurze Fahrt, aber sie ist spektakulär. Fast auf Tuchfühlung gleiten wir an der Gletscherzunge vorbei und die zerklüfteten Eismassen ragen riesig über uns auf.

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Wir laufen zuerst zu einer rustikalen Hütte, denn wir sollen nur das Nötigste mitnehmen und unser Gepäck in den Schließfächern zurücklassen. Ich streife vorsorglich meine Regenhose über und tue gut daran, denn als wir ein kurzes Stück am Strand entlang und durch ein Waldstück wandern, beginnt es zu nieseln.

Am äußersten linken Rand des Gletschers liegt das Perito Moreno Base Camp, wo unsere kleine Gruppe mit Steigeisen ausstaffiert wird.

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Im empfinde die sperrigen Dinger nur im ersten Moment als Klotz am Bein, schnell kommen wir gut zurecht. Wie die Lemminge gehen wir in einer langen Linie hintereinander auf den schmalen Gletscherpfaden. Es läuft sich erstaunlich leicht auf dem Eis, und ich kann es kaum abwarten, weiter hinaufzusteigen.

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Doch daraus wird so bald nichts, denn eine einzelne Dame legt den Laden völlig lahm. Sie hat nicht nur ganz offensichtlich während der Einweisung die Ohren auf Durchzug gestellt und rutscht nun trotz der Steigeisen immer wieder nach hinten ab, sondern bleibt zudem alle zwei Meter stehen, um sich von ihrem jugendlichen Lover in Gipfelpose ablichten zu lassen. 😣

Vom Fleck sind wir noch nicht gekommen und die nachfolgende Gruppe rückt schon spürbar nah. Ein Hoch auf den Guide, denn er fackelt nicht lange. Er klemmt sich Madame halb unter den Arm und schleift sie regelrecht den Gletscher hoch. Thomas und ich ergreifen zudem weitere Vorsichtsmaßnahmen und lassen uns ganz ans Ende der Gruppe zurückfallen. So können wir im Rahmen des Erlaubten zumindest ein kleines bisschen selbstbestimmt gehen.

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Es ist eine leichte Wanderung und - daran habe ich keine Sekunde auch nur den geringsten Zweifel - völlig ungefährlich. Und so können wir uns vollständig auf die zerklüftete Gletscherlandschaft mit tiefen Spalten und kleinen Tümpeln, in denen sich knallblaues Wasser gesammelt hat, konzentrieren.

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Um uns herum schimmert es weiß, türkis und blau, es ist eine bizarre Kulisse mit von der Natur modellierten Eisskulpturen. Einfach toll! Längst hat die Sonne den Regen abgelöst.

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Die Zeit vergeht wie im Flug, schließlich steigen wir nach etwas mehr als einer Stunde zu einer improvisierten Bar hinab, wo (laut Thomas nicht besonders guter) Whiskey mit Gletschereis auf uns wartet. Das von meiner Oma zeitlebens hochgeschätzte vormittägliche "gute Tröpfchen für den Kreislauf" erzielt bei mir allerdings seit jeher das genaue Gegenteil und so verzichte ich in Anbetracht der frühen Stunde dankend. 🙄

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Zurück am Camp geben wir unsere Steigeisen ab und laufen gemächlich durch den Wald zurück zur Hütte.

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Dort brennt nun im offenen Kamin ein Feuer, an dem wir unsere durchfeuchteten Sachen trocknen, es ist urgemütlich. Zwei Französinnen gesellen sich zu uns, die eine hat Geburtstag und packt standesgemäß eine Flasche Schampus aus. Schon wieder so ein früher Tropfen, also diese Franzosen, sie haben schon irgendwie Stil...

Nach einer ausgiebigen Pause geht es zurück aufs Boot ...

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... und schließlich per Bus zu einem sechs Kilometer entfernten Parkplatz. Hier ist es ziemlich trubelig, denn wir sind ganz in der Nähe der Gletscherbalkone. Von (barrierefreien) Wegen und Aussichtsplattformen bietet sich aus verschiedensten Perspektiven ein fantastischer Blick auf den Perito Moreno, der allerdings an diesem Tag im hinteren Bereich ziemlich verhangen ist.

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Der Perito Moreno ist weder der größte noch der höchste Gletscher Patagoniens, aber dennoch der bekannteste. Denn er ist nicht nur schön und extrem leicht zugänglich, sondern auch einer der wenigen Gletscher der Erde, der nicht schrumpft. Regelmäßig "kalbt" er in den Lago Argentino, und die uns vom Guide vorgegebene Stunde ist schon beinahe um, da werden wir Zeuge dieses imposanten Naturspektakels: abgebrochene Eismassen, groß wie ein Häuserblock, stürzen unter lautem Getöse ins Wasser.

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Wir sind froh, auch diesmal wieder großzügig geplant zu haben, denn am nächsten Tag werden wir auf eigene Faust noch einmal wiederkommen. Mit eigenem Auto, ganz viel Zeit und ohne großen Plan. Es ist unser "Bonustag" in El Calafate. Wir nehmen's, wie's kommt - und auf jeden Fall gelassen.

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Teil 1725. Juni 2019
In der Ruhe liegt die Kraft

Es ist unser letzter voller Tag in El Calafate, und nach zwei gebuchten Touren in Folge freuen wir uns, relativ planlos unterwegs zu sein. Dennoch machen wir uns mit der gut erholten "Schrottkarre" bewusst früh auf den Weg, um der Masse vorweg zu fahren. Das hat sich bisher auf all unseren Reisen rentiert und so ist es auch diesmal.

Kurz hinter der Stadtgrenze ist das Vogelreservat Laguna Nimez, das wir schon aus dem Busfenster erspäht hatten, unser erster Stopp. Dort sind viele Wasservögel beheimatet, darunter Flamingos, sie sind allerdings scheu und bleiben auf Distanz.

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Der Lago Argentino taucht seine Umgebung in ein unwirkliches Blau und das Wetter verspricht nochmal besser zu werden als am Vortag.

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Kurz nach Öffnung des Nationalparks um 8 Uhr sind wir am Eingang, bezahlen den Eintritt (ca. 20 Euro p.P.) und rollen gemächlich durch den stillen Wald mit einigen schönen Aussichtspunkten.

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Das Boot, das uns am Vortag zum Ice Trekking gebracht hat, ist schon wieder fleißig bei der Arbeit. 🙂
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An einem Picknickplatz entdecken wir einen jungen Caracara, er plärrt nach Futter und die Eltern wirken leicht gestresst. 😉

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Die großen Parkplätze am Ende der Straße sind noch menschenleer, und auch auf den Wegen und Aussichtsplattformen mit Blick auf den Perito Moreno sind wir fast allein.

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Es ist herrlich still, nur von Zeit zu Zeit kracht und knarzt es im Eis. Platzt ein großes Stück ab, klingt es jedes Mal wie eine heftige Detonation.

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29 Kilometer ist der Perito Moreno lang und 5 Kilometer breit, die Wege führen auf unterschiedlichen Ebenen und im Zickzack an der Front des gigantischen Gletschers entlang. Der höchste Punkt ragt 75 Meter aus dem Wasser heraus.

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Der Ausblick von den "Balcones" ist schlichtweg imposant. Wir betrachten die jahrtausendealte Eiswüste aus allen möglichen Winkeln ...

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... und werden auch abseits davon bestens unterhalten.

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Am Mittag wird es spürbar voller, ganze Busladungen ergießen sich auf die Plattformen. Ein Platzproblem gibt es nicht, denn die Balkone sind riesig, doch mit der ganz großen Ruhe ist es vorbei. Nach drei Stunden ohnehin vom auffrischenden Wind durchgepustet, brechen wir schließlich auf.

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Auch auf dem Rückweg lassen wir uns wieder viel Zeit. Der junge Caracara tyrannisiert weiter seine Eltern und wagt erste Flugversuche, jedoch ohne weit zu kommen.

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Zurück in El Calafate bummeln wir durch den Ort, machen einige Besorgungen, besuchen ein Cafe und später ein Restaurant - kurzum, lassen es uns gutgehen. Wäre ich nicht schon ein Fan großzügiger Zeitpläne, dann wäre ich es auf dieser Reise geworden: Wir müssen zwischenzeitlich zwingend entschleunigen, um nicht von den vielen Eindrücken erschlagen zu werden. Zumal das nächste große Kapitel auf uns wartet: Am nächsten Tag geht es weiter nach El Chalten.

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Teil 1827. Juni 2019
Im Rausch der Farben

El Chalten macht mich glücklich, bevor wir auch nur annähernd da sind.
Viel Regen, viele Stürme, wenige Sonnenstunden - nicht nur, aber auch das hatte ich im Vorfeld über den Ort gelesen. Die bange Frage lautete also: Würden wir den berühmten Fitz Roy überhaupt zu sehen bekommen? Die Antwort fällt erfreulich aus und wird zudem völlig unerwartet schon während der Fahrt geliefert.

Nur rund 215 Kilometer sind es von El Calafate nach El Chalten. Einst muss die Strecke eine echte Herausforderung gewesen sein, heute ist die schlechte Schotterpiste längst einer Asphaltstraße gewichen, die nicht nur makellos ist, sondern auch wenig befahren.
Die Strecke führt zunächst am Lago Argentino entlang und dann Richtung Norden.

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Wir sind noch nicht lange unterwegs, da erspähe ich eine Silhouette am Horizont, die mir irgendwie bekannt vorkommt. Als der Groschen fällt, bin ich ganz aufgeregt, denn vor uns - wenn auch noch zig Kilometer entfernt - sehen wir den Gipfel des Fitz Roy in den blauen Himmel ragen. Meine Angst ist so groß, dass er im unbeständigen patagonischen Wetter plötzlich auf Nimmerwiedersehen verschwindet, dass Thomas alle paar Kilometer Fotos machen muss. 😵

Die Befürchtung erweist sich allerdings als unbegründet, denn das Wetter wird immer besser. Auch landschaftlich ist die Fahrt, die erst am Lago Argentino und dann am Lago Viedma entlangführt, eine Sensation.

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Der Blick über die Gletscherseen ist spektakulär.

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Wir kommen wieder einmal nur langsam voran, denn an den Aussichtspunkten legen wir viele längere Stopps ein und versuchen die Eindrücke in uns aufzusaugen.

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Kaum ein anderes Auto begegnet uns auf dem Weg durch die unendliche Weite der patagonischen Steppe: Die Provinz Santa Cruz ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen der Welt.

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Schließlich führt die Straße schnurstracks auf die Berge zu. Ich platze fast vor Euphorie, schaue rüber zu Thomas und sage nur: "Happy Betti!" Unser Code dafür, dass mein Stimmungsbarometer am obersten Limit angekommen ist - mehr geht nicht.

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Kurz vor El Chalten, nach rund dreieinhalbstündiger, gemächlicher Fahrt, sind wir wieder im Los Glaciares Nationalpark - allerdings ein ganzes Stück nördlicher als zuvor bei El Calafate.

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El Chalten ist ein kleines Dorf mit nur knapp 2.000 Einwohnern, die im Einklang mit der Natur und vom Tourismus leben. Seine exponierte Lage mitten im Bergmassiv und der direkteste Zugang zum Cerro Torre und Fitz Roy machen den Ort zum Wanderparadies. Fast ausschließlich Individualtouristen und Einheimische, die sich aus bergverliebten Kletterern, Wanderern und Aussteigern zusammensetzen - ich mag die Atmosphäre sofort.

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Unser Hotel direkt am Ortseingang ist schnell gefunden, uns gefällt der rustikale, urige Stil mit viel Holz und gemütlicher Sofaecke im Erdgeschoss. Sie erweist sich in den nächsten Tagen - ähnlich wie Lagerfeuer in den Camps in Afrika - als sozialer Treffpunkt, hier kommen wir abends mit den anderen Gästen ins Gespräch und erhalten manch wertvollen Tipp.

Am frühen Nachmittag nehmen wir eine ersten kleine Wanderung in Angriff, die unweit unseres Hotels am Besucherzentrum startet. Sie ist nur wenige Kilometer lang und führt zu zwei Aussichtspunkten. Das Wetter ist weiterhin so gut, dass wir vom "Mirador Los Condores" nicht nur die namensgebenden Andenkondore vor den Granitfelsen des Fitz Roy beobachten können, ...

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... sondern sich sogar der "Cerro Torre" zeigt. Ein seltenes Vergnügen, er soll so gut wie immer verborgen sein. Selbst an diesem herrlichen Tag präsentiert er sich immer nur minutenweise, um dann gleich wieder zu verschwinden.

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Der Cerro Torre mit seiner berühmten Eiskappe. Unter Bergsteigern gilt der über 3.000 m hohe Berg mit seinen steil aufragenden, glatten Granitwänden und dem vereisten oberen Bereich als einer der schwierigsten und zugleich schönsten Gipfel der Welt.
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Es ist nicht sehr weit bis zum zweiten Aussichtspunkt. Der "Mirador Aguilas" eröffnet den Blick wie von einem natürlichen Balkon in die entgegengesetzte Richtung. Der Gegensatz könnte krasser nicht sein, doch auch die Aussicht auf das karge Umland, den Lago Viedma und die grünen Berge besitzt einen ganz eigenen Reiz.

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Es ist ein perfekter Start in El Chalten und wir hoffen, dass das Wetter auch in den nächsten Tagen einigermaßen durchhält.

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Meinem Bein geht es besser, die Wanderpumps stehen bereit - am nächsten Tag steht die erste längere Tour auf dem Programm.

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Teil 1901. Juli 2019
Mystische Laguna Torre oder: Bye-bye Wanderpumps

Es gibt unzählige Wandertouren in El Chalten. Zum Start gehen wir einen echten Klassiker an, die Tour zur Laguna Torre. Die Wetterprognose klingt gut, und so nehmen wir nach dem Frühstück die insgesamt rund 22 Kilometer, für die sieben Stunden veranschlagt werden, gut gelaunt in Angriff.

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Der Weg führt zügig aus dem Ort heraus nordwärts. Auf den ersten Kilometern geht es sanft, aber stetig bergauf, es sind jedoch insgesamt keine großen Höhenunterschiede zu überwinden.

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Die Strecke ist wunderschön. Wir sind früh dran und noch sind außer uns kaum andere Wanderer unterwegs.

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In einem kleinen Waldstück entdecken wir ein Magellanspecht-Weibchen. Ich beobachte es fasziniert und so dauert es eine Weile, bis ich das permanente, penetrante Geräusch um uns herum registriere.

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Ein paar Meter weiter wird das durchdringende Gezeter immer lauter, und der Verursacher linst unweit des Weges vorwitzig aus seiner Baumhöhle.

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Wir setzen uns auf einen Baumstamm und harren der Dinge, die da kommen mögen. Der kleine Kerl mit Sturmfrisur veranstaltet ein Heidenspektakel ...

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... und endlich, wir haben schon fast eine halbe Stunde gewartet, lässt sich die Mutter erweichen und füttert ihren ungeduldigen Filius.

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Die Aktion ist leider schnell vorbei. Die Mutter fliegt davon, der kleine Specht zieht sich in seine Höhle zurück. Wir warten weiter ab, doch bis auf das unentwegte Krakeelen aus dem Baumstamm war's das mit der Show.

Weiter geht es durch die abwechslungsreiche Landschaft. Wir laufen durch offenes Gelände mit vielen Aussichtspunkten, urwüchsigen Wald und ein weites Tal, am Fluss Fitz Roy entlang, die Berge vor uns immer im Blick.

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Zuletzt müssen wir die Gletschermoräne überwinden.

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Und dann sind wir da. Vermutlich war der Cerro Torre, der nun direkt vor uns liegt, am Vortag zumindest für einige Momente zu sehen. Doch obwohl es sonnig geworden ist, versteckt er sich an diesem Tag - wie beinahe immer - in den Wolken. Er ist verflixt scheu, dieser Berg.

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Die Aussicht ist dennoch grandios. Der grüne See, die Berge dahinter und der leuchtende Glaciar Grande verfehlen ihre Wirkung nicht - es ist eine beinahe mystische Atmosphäre.

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Wir machen ausgiebig Rast und picknicken, erst als es immer voller wird, kehren wir um. Auf dem Rückweg kommen uns viele Wanderer entgegen und wieder sind wir froh über unseren relativ frühen Start am Morgen.

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Wir laufen einige Kilometer gemeinsam mit einem älteren Ehepaar aus Südafrika, das seit fast ein Jahr mit seinem kleinen Wohnmobil durch Südamerika tourt. Beide sind sehr nett und haben faszinierende Geschichten auf Lager. Heimweh haben sie nicht, aber demnächst, so erzählen sie, wollen sie wieder einmal in die Heimat reisen, um ihre Enkelkinder zu sehen. Was sie danach machen, wissen sie noch nicht. Irgendwie macht es mir immer Mut, wenn wir solch spannende Menschen auf unseren Reisen treffen ...

Bei dem kleinen Magellanspecht legen wir noch eine Pause ein. Er ist zwar nicht zu überhören, lässt sich jedoch nicht noch einmal blicken.

Ich bin begeistert von der Tour, allerdings zuletzt auch maulig: An einem meiner Wanderschuhe hat sich die Hartschale verformt und drückt nun unentwegt gegen den Knöchel, der höllisch schmerzt. Ich denke, dass die Steigeisen am Perito Moreno das Problem ausgelöst haben, was letztlich auch egal ist, denn zu ändern ist es nicht mehr.

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Ich würde am liebsten barfuß gehen und quäle mich auf den letzten Metern ins Ziel. Nach fast zehn Stunden zurück am Hotel, fliegen die nichtsnutzigen Treter - die mir allerdings jahrelang gute Dienste geleistet haben - im hohen Bogen in den Müll. Auf Nimmerwiedersehen! Dumm nur, dass ich nun gerade noch zwei Paar Schuhe in petto habe - wenig wandertaugliche Flip Flops und Turnschuhe. Ob ich damit auf unseren nächsten Trips weit komme? 😣

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Teil 2003. Juli 2019
Das Kind muss an die frische Luft

Mit steifen Gliedern schleppe ich mich am Morgen die steile Treppe in den Gastraum hinunter zum Frühstück. Die über 20 Kilometer vom Vortag stecken mir in den Knochen, und so bin ich beim Aufwachen nicht unglücklich, dass heftiger Regen aufs Dach prasselt. Ein fauler Tag kommt mir zumindest nicht ungelegen - ich bin mit mir und der Welt im Reinen, als ich mich mit meinem Buch in der Sofaecke lümmle. Draußen ist es finster und schüttet wie aus Eimern. Irgendwie schade, aber auch ziemlich gemütlich.

Gegen Mittag wird das Prasseln erst sachter und verstummt dann ganz, die Wolken hängen nicht mehr tintenschwarz über uns. Thomas wird unruhig, ich nicht. Doch ich sehe (zunächst etwas widerstrebend) ein, ich muss meine Sofaecke verlassen. Schließlich entstammt Hape Kerkeling nicht nur meiner Generation, sondern auch meiner Heimatstadt. Sein Buch "Der Junge muss an die frische Luft" ist ein Abklatsch meiner Ruhrpott-Jugend. Und so geht es mir wie ihm: Spielt das Wetter mit, insistieren meine längst verstorbenen Vorfahren aus den Tiefen meines Unterbewusstseins "Kind, du musst an die Luft!" Das steckt so in mir drin, da kann ich nicht aus meiner Haut; bis heute nicht und wohl auch nie mehr. (Heute kommt allerdings zusätzlich zum Wetter- natürlich auch noch der Zeitfaktor hinzu. Wie man das Problem mangelnder Luft in Zeiten intensiver Arbeitstage löst, wurde mir leider nicht mit auf den Weg gegeben.)

Nach allzu großen Sprüngen ist mir in Anbetracht meiner schmerzenden Knochen und Muskeln trotzdem nicht, und wir entschließen uns zu einer kleineren Wanderung, die wir ohnehin als "Joker" im Hinterkopf hatten. Sie beginnt beim Lago Desierto, einem See direkt bei der chilenischen Grenze, der noch bis vor einigen Jahren eine wesentliche Rolle im letzten Grenzkonflikt zwischen Chile und Argentinien spielte.

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Knapp 40 Kilometer sind es auf einer abenteuerlichen Schotterstraße dorthin, die nicht nur äußerst holprig und zuweilen steil, sondern nach den starken Regenfällen auch stellenweise überflutet ist. Weil unsere kleine "Schrottkarre" aber offenbar bei ihrer Montage in einen Topf Zaubertrank gefallen ist und zudem glaubt, ein erstklassiger Jeep zu sein, meistern wir alle Hürden mit Bravour.

Die Natur an dieser einsamen Strecke ist beeindruckend. Wir fahren parallel zum Fluss, der nach dem Regen etwas aus dem Ruder gelaufen ist, durch einen märchenhaften Wald und kommen immer wieder direkt an Wasserfällen vorbei.

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Die Straße endet als Sackgasse an einem Campingplatz. Der Lago Desierto liegt inmitten des patagonischen Waldes und einmal mehr fühlen wir uns ans Ende der Welt versetzt. Hier startet unsere Wanderung zum Glaciar Huemul, der benannt ist nach einer seltenen Andenhirschart, die wir leider nicht zu Gesicht bekommen.

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Fast die gesamte Region ist in Privatbesitz, weshalb wir einen kleinen Obolus entrichten müssen, bevor wir am Campingplatz vorbei in den Buchenwald verschwinden. Er ist märchenhaft, wild und ungezähmt, und weil es immer weiter aufklart, scheint nun auch die Sonne durch die knorrigen alten Bäume.

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Ich komme ins Schwitzen, denn der Weg hinauf zum Gletscher ist zwar nur wenige Kilometer weit, allerdings auch steil und schmal. Zum Glück erweisen sich meine Turnschuhe nach dem vorzeitigen Ableben meiner Wanderschuhe als ziemlich rutschfest. Oben angekommen, werden wir nicht nur mit strahlendem Sonnenschein, sondern auch einem herrlichen Rundblick belohnt.

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Noch vor einer Stunde hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass sich der Fitz Roy, den wir diesmal von der anderen Seite betrachten, an diesem bis dato verregneten Tag zeigt. Doch zusehends taucht er aus den Wolken hervor.

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Am smaragdgrünen Bergsee mit Blick auf den Glaciar Huemul legen wir eine längere Pause ein, es ist herrlich hier oben. Und weil diesen Ausflug nur wenige Touristen auf der Agenda haben, sind wir über weite Strecken ganz allein.

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Wir lassen uns alle Zeit der Welt, klettern ein wenig über die Felsen, sitzen in der Sonne und genießen das (subjektive) Gefühl der völligen Abgeschiedenheit. Nur einige Vögel leisten uns Gesellschaft.

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Die Rückfahrt ist ziemlich entspannt, die Wasserlachen sind schon etwas geschrumpft und der Fluss hat sich dorthin zurückgezogen, wo er hingehört: ins Bett. Bei strahlendem Sonnenschein und in bester Stimmung kommen wir zurück nach El Chalten, wo wir einen guten (echten!) Italiener entdecken. Das toppt natürlich die Sofaecke, ich bin bekennender Pasta-Junkie und lasse mir die hausgemachten Nudeln richtig schmecken. Einmal mehr war es ein wunderbarer Tag - und die "Schrottkarre" hat sich schon wieder ein Sonderlob verdient.

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