"Unterricht" im Dunkeln

8 Antworten · 3'115 Aufrufe · gestartet 17. Jan. 2008 von Gforce
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Themenstarter435 Beiträge · seit 200717. Jan. 2008 · #1
🙂

Es war schon recht spät, kurz vor Sonnenuntergang, als wir beschlossen, einen Platz für die Nacht zu suchen. Unser Reiseziel, die Epupa Fälle würden wir eben erst morgen erreichen.

In dem Waldstück zwischen Okongwati und den Fällen bogen wir vom Weg ab und rumpelten ca. 20 Meter ins Gelände auf ein halbwegs flaches Areal zu. Zuerst baute jeder sein Zelt auf. Haralds Sohn sollte in der Zwischenzeit Feuerholz sammeln. Nach wenigen Minuten kam er zurück zu seinem Vater. Ich hörte Wörter wie Unbehagen und schwarze, einheimische Typen. Ich schaute mich um und sah, wie uns drei halbwüchsige Himba Jungen beobachteten. Ich winkte ihnen freundlich zu und sie antworteten ebenso. Harald schickte seinen Sohn erneut zum Holz sammeln. Die Himba Teenies schauten noch kurz zu, dann brachten sie uns in kürzester Zeit einen großen Berg des Brennmaterials. Jetzt schaute der Sohn mit großen Augen dem Treiben zu. Die Zelte standen, das Feuer wurde entzündet, Tisch und Stühle aufgebaut. Ich gab die erste Runde Drinks aus. Softdrinks für die Jungens, Bier für uns.

Da tauchte noch einer auf. Er war in den Zwanzigern. Wir grüßten einander und ich gab ihm ebenfalls ein Bier. Die Besuchergruppe schaute uns interessiert bei unseren weiteren Tätigkeiten zu. Nachdem wir gegessen hatten, schlug Haralds große Stunde. Er kramte eine Weile in seinen Sachen herum, dann kam er mit einer Stirnlampe ausgestattet und einem Buch zurück. Er setzte sich in seinen Stuhl und winkte die Einheimischen zu sich heran. Nun fing er an, mangels Sprachkenntnissen, mit dem ältesten der Gruppe eine Kommunikation mit Händen und Füßen zu beginnen. Die Jüngeren hielten sich respektvoll zurück, ohne jedoch den engen Körperkontakt zu dem Weißen abbrechen zu lassen. Der Werbemann zeigte den jungen Menschen die Bilder eines Tierbestimmungsbuchs und fuchtelte so lange herum, bis unsere neuen Freunde begriffen, dass Harald die Namen der Tiere von ihnen hören wollte. Mit diesem Wissen, begann nun ein intensives Hin und Her. Alle waren richtig bei dem Thema und ganz in der Sache vertieft. So erfuhr Harald die Himba Namen der einzelnen Tiere, ob sich diese hier in der Umgebung befinden, wie sie sich bewegen, welche Laute sie machen. Es war eine faszinierende Situation, diese Menschen bei ihrem konzentrierten „Unterricht“ zu beobachten. Unstimmigkeiten wurden rasch in ihrer Sprache geklärt. Ich nutzte diese Chance um einige Fotos zu machen.

Einige Zeit später unterbrach Harald seine Lektion um andere Dinge aus seinem Gepäck zu holen. Er kam mit einer Handvoll Bleistiften und Papier zurück. Die drei Teenager freuten sich ehrlich, als es ihnen diese Dinge übergab. Dann versuchte er ihnen klar zu machen, das er morgen früh, bevor wir diesen Platz verlassen, das Alphabet auf dem Papier sehen möchte. Er konnte außer Englisch keine andere Sprache, die Himbas sprachen kein Englisch, aber sie verstanden Harald. Glücklich verabschiedeten sie sich von uns. Harald atmete tief durch, holte sich seine Flasche Whiskey und nahm einen tiefen Schluck daraus. Darauf hatte er sich den ganzen Tag gefreut. Wir plauderten noch eine ganze Weile über das Erlebte, bevor uns die Müdigkeit bezwang.

Recht früh am nächsten Morgen, kamen die drei Jungs wieder zu unserem Platz. Als Ehrengabe seiner Eltern übergab er uns eine Kalebasse mit frischer Milch. WOW.! Das war eine große Geste. Nur, wie trinkt man das und wer fängt an? Die Himbas gaben uns die Reihenfolge vor: erst Harald, danach ich und dann sein Sohn. Wir tranken von dem genussvollen Geschenk und bedankten uns dafür. Dann versuchte ich das Jungen zu erklären, das ich die Fotos von gestern Abend in Kürze vorbeibringen würde. Ich wusste nicht, was sie von meinem Geschwafel verstanden hatten. Jedenfalls nickten sie eifrig bei meinen Bemühungen ihnen den Zusammenhang zu erklären. Nachdem wir alles gepackt hatten, verließen wir mit viel Winken diesen netten Ort. Wir fuhren zu den Fällen weiter.

Einige Wochen später kam ich wieder dort hin. Ich stellte den Motor ab und wartete. Es dauerte nicht allzu lang, da kam einer der dreien angerannt. Wir lachten uns beide an. Freudig gab ich ihm die Bilder unseres gemeinsamen Abends. Er war glücklich darüber und ich war glücklich über seine Freude.

😉 ae
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483 Beiträge · seit 200717. Jan. 2008 · #2
Hallo Gforce

Ich staune immer wieder über Deine tollen Erlebnisse und Deine sensationelle Art zu schreiben. Vielleicht kannst du mal eine Sammlung Deiner Werke ins Forum stellen, das wäre wirklich lesenswert!

Gruss, Thomas
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Themenstarter435 Beiträge · seit 200717. Jan. 2008 · #3
Hallo Thomas,

danke für deine netten Zeilen. Wenn man ein Weilchen im Süden lebt fallen einem eben solche Geschichten in den S(tift)choß.

Aber leider habe ich nichts von den Geschichten gesammelt. Ab und an schreibe ich aus meiner Erinnerung mal kleine Teile hier für´s Forum.

LG
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594 Beiträge · seit 200618. Jan. 2008 · #4
Hallo Gforce,

ich find es auch immer wieder nett und spannend Deine Geschichten zu lesen.
Dies hier war ein besonders schönes Erlebnis. Danke für's aufschreiben:)
Reisebericht April 2008
Themenstarter435 Beiträge · seit 200718. Jan. 2008 · #5
🙂

Noch so eine charmante Bemerkung und alle Bildschirme werden rot!

😗

LG
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2'721 Beiträge · seit 200618. Jan. 2008 · #6
Gforce schrieb:
🙂

Noch so eine charmante Bemerkung und alle Bildschirme werden rot!

😗

LG
Na, die müssen nicht rot werden, die dürfen ruhig mal ein paar Zentimeter wachsen. Sie gefallen mir Deine kleinen Geschichten aus Deinem Alltag. Ich finde sich spannend und kurzweilig.
Gisela
zuletzt bearbeitet 18. Jan. 2008
982 Beiträge · seit 200618. Jan. 2008 · #7
Hi GForce,
ist mal wieder eine wirklich nett geschriebene Anekdote von deinen Erlebnissen.
Follow me on Twitter. Kontaktiere mich per Facebook Reiseberichte, Bilder und Panoramen aus Afrika: http://travel-pictures.net
Gast18. Jan. 2008 · #8
Hallo Gforce,

Du kannst immer wieder kleine Geschichten in kurzen Sätzen sehr bildlich beschrieben wiedergeben.

Beste Grüße

Guido
Themenstarter435 Beiträge · seit 200719. Jan. 2008 · #9
🙂
@Holger: erlebt, nicht (er)gedichtet.
Danke dir!

🙂
@Guido: Neben der richtigen Kamera auch eine im Kopf.
Auch dir einen Dank!

🤪
LG
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