31. Oktober:Weltspartag! Es ist wirklich das Erste, was ich heute denke, und ich hätte große Lust, Papa einen Gruß zukommen zu lassen.
Ein herrlicher Morgen, wir sind gut ausgeschlafen, einige Vögel bezwitschern unser Lager, rund um uns nur Stille, Weite und herrliche Szenerie! Wir packen gemütlich zusammen und Dietmar kocht extra etwas Wasser für meine längst überfällige Haarwäsche auf. Ich entscheide mich heute mal gegen die Abaya, so selbstreinigend sie auf magische Weise auch sein mag, und werde sehen, wie ich in Zivil durch den Tag komme.
Der Tag entwickelt sich wunderschön: Mit viel Ruhe, vor allem aber viel Umsicht und Geschicklichkeit bewältigt Dietmar die oft anspruchsvolle offroad-Strecke. Bei bestem Morgenlicht zeigt sich uns eine bizarre, eindrucksvolle und immer wieder anders geformte Wüsten- und Steinlandschaft. Dietmar und ich freuen uns so sehr darüber, dass wir erleben dürfen, wie schön die Welt ist!
Bevor wir zu den berühmten Mahajah Felsen kommen, möchten wir einen kleinen Abstecher zu einer auffälligen Felsengruppe in Hanglage machen. Da es dort recht tiefsandig ist, lassen wir das Auto vorsichtshalber stehen und begeben uns auf eine kleine Morgenwanderung zu dem Aussichtspunkt. Dabei trocknen meine Haare im Wind und etwas Bewegung tut auch gut.
Nach diesem Abstecher erreichen wir schon nach wenigen Minuten schließlich den Mahajah Felsen. Die mächtige Gesteinsformation hat etwas imposant Kathedralenhaftes. Wir sind beeindruckt davon, was die Natur und das Wetter bzw. die Winde samt Sand in Jahrmillionen geformt und hervorgebracht haben. Einfach großartig! Schade, dass hier alles so extrem vermüllt ist und die Felsen so viele Aufschriften und Einritzungen der saudischen Touristen tragen.
Wir testen auch die auffallende Akustik und ich habe meine Freude am Pianissimo-Singen. Auch als wir die Felsgruppe schon eine Weile verlassen haben, bietet sie uns aus der Ferne ein prächtiges Fotomotiv.
Aber nicht nur sie: Wir wissen gar nicht, welche Felsen und Gebirgszüge uns am besten gefallen. Wir kommen aus dem Staunen gar nicht heraus und wissen schon jetzt, dass unsere Fotos niemals die hier gesehenen Naturschönheiten adäquat wiedergeben können.
So schlängeln wir uns beeindruckt und beglückt durch diesen Teil der Nefud-Wüste. Für Dietmar ist diese Strecke aber überraschend herausfordernd. Tiefsandige Passagen wechseln sich ständig mit Geröll oder steinigem Untergrund ab und nicht selten muss Dietmar auf dem nackten, glatten Felsen fahren. Gerade an diesen Stellen ist oft nicht ersichtlich, wo der Weg eigentlich weiterführt, zumal er sich x-fach verzweigt und niemals eine Hauptspur auszumachen ist. GPS oder die App können wir aus bekannten Stromspargründen nur im Notfall mitlaufen lassen, und diese Notfälle treten immer häufiger ein.
Ab und zu verenden wir irgendwo im Nirgendwo, müssen umkehren oder uns selbst eine Route suchen. Das kann je nach Bodenbeschaffenheit auch gefährlich werden. Auf dieser Tour, für die wir ca. 10 Stunden Fahrzeit (gestern und heute) brauchen, begegnet uns kein einziges anderes Auto. Wir treffen lediglich ab und zu auf Kamele und zweimal auf einsame Nomadenhirten mit ihren Schafherden.
Als wir heute in der Früh starten, entdecken wir in unserer gestern frisch gezogenen Sandspur frische Pfotenabdrücke. Wir vermuten z.B. einen Fuchs. Einige Stunden später haben wir nun das Riesenglück, einen solchen tatsächlich zu sehen! Leider ist er scheu und verschwindet gleich in einer Felsengruppe, noch bevor wir ihn fotografieren könnten, aber er sieht gesund und hübsch aus, mit seinem buschigen Schwanz! Welch ein Sichtungsglück!

Auch unsere Mittagsrast mit Suppe, Bananen und Kaffee, sowie Kamelbesuch gestaltet sich recht erquicklich, kurz danach läuft es dann nicht mehr ganz so rund: An einer recht tiefsandigen Stelle bleiben wir stecken. Auch mein rückwärtiger Anschiebeversuch scheitert. Jetzt heißt es für Dietmar buddeln, mit den Händen natürlich, klar. Schaufeln oder gar Sandbleche haben wir natürlich nicht. Wir bestellt liegen aber ganz in der Nähe flache, geeignete Steine in der Landschaft, Dietmar legt sie unter die Reifen und zusammen mit meinem Anschieben sind wir bald wieder mobil. Schade um das frische Hemd, das Dietmar sich heute gegönnt hat.

Es ist aber nicht der erste „Verlust“ auf dieser Reise, Dietmars Lesebrille z.B. hat schon seit einigen Tagen nur mehr einen Bügel und bringt mich regelmäßig zum Lachen. Außerdem hat Dietmar einen komplett nagelneuen Expander auseinandergerissen, ich wusste gar nicht, dass mein Mann solche Kräfte hat. Ja, und Dietmars Fernglas hat sich auch verabschiedet. Nach 15 Jahren und vielen, vielen Reisen ist der Gucker einfach in zwei Hälften zerbrochen...
Nach unserem kleinen ungeplanten Halt im Sand können wir zwar wieder fahren, die letzten 20 km bis zur Teerstraße plagen uns aber gewaltig und verlangen viel Aufmerksamkeit, Kreativität, Ausdauer und Optimismus. Irgendwann ist es geschafft und wir haben „nur noch“ 150 km bis Al Ula.
Nach einigen gleichförmigen, langweiligen Kilometern verändert sich die Landschaft wieder und wird zauberhaft schön. Leider steigt aber auch der „Reisedruck“: Wo sollen wir heute schlafen? Sollen wir überhaupt bis Al Ula fahren oder besser nach Hegra? Und wo können wir irgendwie unsere so leeren Geräte aufladen?
Als wir an einem Gate zu einem großen umzäunten Gebiet vorbeikommen, erscheint uns dies die Lösung all unserer Probleme. Wir bitten um Einlass in ein riesiges Landschaftsgelände (wir vermuten ein Reservat für wiederangesiedelte ausgerottete Antilopen), um für eine Nacht zu bleiben. Aber leider nimmt man uns nicht auf.
Wir fahren also weiter Richtung Al Ula, aber alles wird irgendwie verkrampfter: Uns läuft die Zeit davon, es wird bald finster (dunkel), wir wissen nicht so recht, wohin mit uns und vor allem nicht, wo wir chargen sollen. Wir haben Ideen und verwerfen sie, Dietmars Stimmung wird immer schlechter.
Schließlich entscheiden wir, ca. 30 km wieder zurück zu fahren zu besagtem vorigen Gate, um dort zumindest unsere Telefone für eine Nacht abzugeben. Dann hätten wir wenigstens dieses Problem gelöst. Auf diesem Weg zurück hat mein Handy nur mehr 13% Saft, ich will aber heute Papa (ein ehemaliger Bankmitarbeiter) unbedingt zum Weltspartag schreiben. Und so nützen wir den letzten Strom meines Telefons, um genau das zu tun.
Während wir am Straßenrand halten, um ihm zu schreiben, zieht erst ein gewaltiger Sandsturm und später ein heftiges Gewitter inklusive Hagel auf. Dietmars Stimmung ist am Tiefpunkt, als die Officer am Gate auch unseren Handys für diese Nacht keine Herberge geben. Ich versuche vieles, um Dietmar aufzumuntern, es will mir gar nicht recht gelingen. Der Hagel und die schlechte Sicht beim Fahren machen alles noch unangenehmer (die Einheimischen machen übrigens Fotos von diesem Wetterphänomen und nach unserer Rückkehr aus Saudi Arabien werden wir erfahren, dass man sogar in Europa über Schnee in Saudi Arabiens Wüste berichtet hat – wir haben uns zu diesem Zeitpunkt in den Ausläufern dieses Wetterphänomens befunden).
Als Dietmar mich hinter einen großen Felsen kutschiert, weil die Blase dringend, aber bitte versteckt entleert werden will, werden wir schon von der Polizei beobachtet. Langsam fallen wir auf und trauen uns jetzt nicht mehr, die allgegenwärtigen Camping-Verbote, die in dieser Gegend herrschen, zu ignorieren. Obwohl es inzwischen stockdunkel ist, fahren wir weiter nach Hegra. Ich schlage vor, ein Hotel zu suchen, Dietmar will das nur als allerletzte Option.
Auf dem Weg nach Hegra kommen wir zu allem Übel auch noch an einem Autounfall vorbei... Wir sind beide müde und bedrückt und möchten einfach nur irgendwo ankommen. Und schließlich tun wir das auch: Das Touri-Office von Hegra schließt zwar gerade, als wir ankommen, aber man erlaubt uns, für diese Nacht einfach auf dem Parkplatz zu bleiben. Das Gewitter ist vorbei und unsere Reise für heute zu Ende.
Die sehr gepflegte, neue, warme Toilette, in der wir uns mit dem arabischen Kloschlauch duschen können, fühlt sich für mich nach Wellness-Resort an. Der romantisch beleuchtete Felsen und die Gehwege erzeugen Lodge-feeling. Ich bin glücklich und sehr zufrieden mit diesem Platz für die Nacht und jetzt konzentriere ich mich darauf, Dietmar wieder aufzumuntern. Ach, und auf dem super Klo können wir auch alle unsere Akkus aufladen – alles bestens!
Zum Abendessen reichen uns ein paar salzige Kekse und Dietmar lässt sich sein Halwa schmecken. Inzwischen ist es komplett windstill geworden, sodass wir problemlos in unserem Zelt neben dem Auto schlafen können. Zur Sicherheit platziert Dietmar noch zwei große Wasserkanister davor, damit nachts nicht versehentlich ein Fahrzeug über unsere Köpfe rollt. Dann schlafen wir wunderbar tief, fest und gemütlich!
Diese Wonne findet um 1 Uhr nachts ein jähes Ende, als zwei Männer wie wild auf die Motorhaube unseres Autos klopfen und mit grellen Taschenlampen unser Zelt bestrahlen. Dietmar springt mutig und verschlafen hinaus und erfährt von irgendeinem wichtigen Vorzeigebeamten, dass wir hier unmöglich schlafen könnten, dass wir sofort hier weg müssten und dass es „verrückt“ gewesen sei (Zitat!), dass uns am Abend diese Erlaubnis erteilt worden sei. Die Männer lassen nicht mit sich reden und so macht Dietmar sich daran, unsere Behausung wieder abzubauen und ins Auto zu packen. Wir beide sind sauer auf diesen Beamten, der sich nur wichtig macht. Weit und breit ist niemand, wen soll unser Zelt hier stören?
Während wir müde und verschlafen und ziemlich genervt alles zusammenpacken, kommt noch ein anderer Security-Typ in seinem SUV und gibt uns mit Google Translate zu verstehen, dass diese Aktion nicht sein Wille war. Na wenigstens hat einer ein schlechtes Gewissen! Ich bin total tramhappert (zu deutsch: schlaftrunken), mir fällt aber immerhin ein, diese Schlafunterbrechung für den Handywechsel am Klo zum Laden zu nutzen. Hat also auch was Gutes...
Wir beschließen, den Rest der Nacht einfach 70 m weiter hinten auf dem Parkplatz zu verbringen und zwar im Auto. Die verbleibenden Stunden schlafen wir dort bestens, den Wecker ignorieren wir souverän und hängen noch eine weitere Stunde dran. Darin tun wir gut, denn statt wie angekündigt um 6 Uhr trudeln die netten, aber gelangweilt und dümmlich wirkenden Damen der Ticketoffice erst um 8 Uhr ein!