MAmakis537 Beiträge · seit 202006. Okt. 2024 · @Jaw: ich kann leider nur einmal den Dankebutton druecken, darum nochmal eine Antwort von mir:
Danke, danke und nochmals danke fuer deine Worte! Du hast meine Gedanken eins zu eins zu Papier gebracht, und ich unterstreiche jeden einzelnen Satz den du geschrieben hast.
Die Himba brauchen keine Hilfe, um einen westlichen Lebensstil anzunehmen. Sie brauchen auch keine Hilfe um zu ueberleben, denn sie sind wunderbar angepasst an ihre Umgebung, und auch wenn sie vielleicht an Geld arm sind: sie sind reich an Erfahrung und an Traditionen, auf die sie zu Recht stolz sind.
Wer helfen mag, sollte das lieber dort tun, wo unsere westliche Lebensweise schon Schaden angerichtet hat. Es gibt so viele Kinder, die vernachlaessigt werden, weil ihre Muetter nicht mehr im doerflichen Verband leben wo sie Unterstuetzung haetten. Kinder, die aus Vergewaltigungen hervorgehen oder weil ihre Muetter zu jung und uninformiert sind.
Es gibt Waisenhaeuser die sich um diese Kinder kuemmern, Suppenkuechen fuer Kinder aus einkommensschwachen Familien, Kindergaerten und After-School -Care fuer Kinder deren Eltern den ganzen Tag arbeiten muessen, eine tiergestuetzte Therapiestaette fuer behinderte Kinder (in Windhoek) - sie alle sind auf Spenden angewiesen, und da tut man dann wirklich etwas Gutes und Sinnvolles. Eine Organisation, die sich intensiv landesweit darum kuemmern wuerde, dass Kinder und Jugendliche nach der Schule sinnvoll beschaeftigt werden (Sport, Musik, traditionelle Handwerkskunst) sofern sie keine haeuslichen Aufgaben uebernehmen muessen, am besten mit Einbeziehung der Eltern und Grosseltern, damit denen nicht in der Pubertaet die Hormone ueberschiessen, dann gaebe es auch viel weniger Schulabbrueche wegen Schwangerschaften und weniger ungewollte Kinder, die ihrerseits dann denselben Weg gehen.
All das waere Aufgabe der Regierung, da sie dem aber nicht ausreichend nachkommt, waere es eine lohnende Aufgabe bzw Spendenziel, mit der Gewissheit, etwas wirklich Gutes zu tun. Und ein solches Projekt kaeme auch ohne pathetisches und polemisches Vokabular aus a la "lasst uns die dunklen Naechte erhellen".
jaw2'048 Beiträge · seit 200706. Okt. 2024 · Hallo Makis,
ja es gibt da viele Probleme und nicht selten ist es der Alkohol, der Gemeinschaften und Familien zerstört. Dazu kommt der abwesende Mann, der zum Einen Krankheiten mitbringt, zum Anderen eben zum Außenschutz der Familie fehlt.
Die Kinder haben immer Aufgaben im Kral. Sind sie in der Schule, dann fehlen sie dort. Insbesonder trägt die Mutter immer nur das jüngste Kind auf dem Rücken. Wird ein weiteres Kind geboren, dann übernimmt eine ältere Schwester oder Cousine/Tante das zuvor geborene Kind. Sind diese nicht da (weil in der Schule) dann wird das zuvor geborene Kind "gedroped" mit vielen Risiken.
Eine Buschmann-Grundschule hat das Problem gelöst, in dem die älteren Schwestern die kleinen Geschwister mit in die Schule bringen konnten. Zuerst fand der Unterricht dann mit Bruder oder Schwester auf dem Rücken statt, später wurde dort ein Kindergarten eingerichtet, wo die kleinen Geschwister bis zur Einschulung betreut werden konnten. Das war aber alleine dem Engagement der Schulleitung geschuldet, staatlich war es nicht wirklich unterstützt. Aber es gab Gelder vom Lady Pohamba Trust für die Speisung der Schulkinder (und Geschwister).
Bei den Himbas kenne ich keine wirklich guten Lösungen. Meist sind die Lehrerinnen Herero und die Bereitschaft zum Entgegenkommen für die traditionell lebenden Himbas oft erstaunlich gering. Ich reise meist mit Hereros als Übersetzer im Himbaland. Da ist die Verachtung und die Ablehnung meist auch sehr stark spürbar bis hin zur christlichen Missionierung. Als Hintergrund muss man verstehen, dass Himba und Herero Schwester-Ethnitäten sind und das Leben der Herero exakt dem Leben der Himba entsprach, bevor der Weiße Mann ankam. Die Herero ließen sich taufen und assimilierten im viktorianischen Stil incl. Uniformkult bis heute während die Himba bis auf Werkzeuge alles Neue ablehnten und weiter ihr traditionelles Leben verteidigten - zum Teil bis heute. Daher ist die Sprache auch so ähnlich. Aber die Himba lehnen meist auch die christlichen Einflüsse ab und behalten ihre Naturreligion alleine, die bei den Herero (z.B. mit dem Ahnenkult) nur im Hintergrund erhalten ist.
die Marginalisierung und Diskriminierung der Himba und San ist nicht nur im Schulwesen sehr ausgeprägt. Da sie (meist) nicht an den Wahlen teilnehmen gibt es kaum ein politisches Interesse. Sie sind eher schmückendes Beiwerk für den Staat, ähnlich wie die Tiere in der Etosha. Verlassen sie ihre zugewiesenen Gebiete fängt bereits eine gewisse Lästigkeit an. So passiert es mir immer mal wieder, dass Geldscheine abgelehnt werden, die durch Himbahände gefärbt wurden. Nicht im Nordwesten aber in Windhoek immer wieder.
Aber ich kann auch die traditionell lebenden Himba sehr gut verstehen. Sie sind glücklich wenn der Regen kommt, das Vieh genügend Weide hat und weil sie glücklich sind verachten sie das moderne Leben mit seinen vielen, unerfüllten Bedürfnissen, die alle nicht von der Natur und ihrem Vieh befriedigt werden können. Sie sind glücklich, wenn sie ausreichend davon haben, was sie zum Leben brauchen. Sie schlachten sehr selten Vieh, weil der Viehbestand Sparbuch, Reichtum und Wohlstand nach außen sichtbar symbolisiert. Andere Statussymbole sind der Schmuck aus Metall etc. aber alles andere Lebensnotwendige gibt ihnen die natürliche Umwelt. Daher sehen sie die Schule auch so kritisch, da die Kinder (völlig unnötige) Bedürfnisse bekommen, die eben nicht mahr von Vieh und Natur gedeckt werden können. Das fängt schon mit der Schuluniform an. Dafür fehlt das Verstännis und wenn Hemd oder Hose an einer Dorne aufgerissen werden zeigt sich eben auch wie unpraktisch sowas ist. Daher verdirbt der Schulbesuch die Kinder. Sie verlieren ihr Zufriedenheit und entwickeln immer mehr und immer weniger befriedigbare Bedürfnisse. Die Himba sehen im modernen Leben eine Bedrohung und tatsächlich zerstört alles Moderne ihre Zufriedenheit.
Es wird über mehrere Generationen hinweg unmöglich sein im modernen Leben, auch mit Schulbildung, für die jungen Menschen auch nur annähernd die Zufriedenheit ihrer Eltern, Großeltern und Vorfahren zu erreichen. Daher ist das nur geeignet Unglück über die Gemeinschaften zu bringen. Andererseits wird die Schere (das "Gap") zwischen modernen Herero und traditionellen Himba immer größer - meist auch mit Unverständnis und Verachtung verbunden. Das tut manchmal richtig weh. Aber ich sehe keine guten Lösungen derzeit. Die Living Museumsprojekte sind möglicherweise ein guter Ansatz. Aber es ist keine Lösung für alle Himba.
Nachdenkliche Grüße
jaw
Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden (Mark Twain)
jaw2'048 Beiträge · seit 200706. Okt. 2024 · makis schrieb:
am besten mit Einbeziehung der Eltern und Grosseltern, damit denen nicht in der Pubertaet die Hormone ueberschiessen, dann gaebe es auch viel weniger Schulabbrueche wegen Schwangerschaften und weniger ungewollte Kinder, die ihrerseits dann denselben Weg gehen.
Das Thema Sexualität ist nochmal eine besondere Nummer. Die Himbamädchen erhalten nach Einsetzen der Menses eine Art Freigabe Geschlechtsverkehr zu haben. Das ist auch äußerlich an der Haartracht für alle Erkennbar. Geschlechtsverkehr vor dieser Freigabe ist Regelwidrig und der Mann wird traditionell bestraft - örtlich bis hin zur Todesstrafe. Daher sind die überschießenden Hormone der Pubertät so nicht wirklich zutreffend, da Vergewaltigungen vielfach von anderen Ethnitäten ausgehen (Herero, Ovambo und auch Chinesen im Himbaland oder den Städten). Der nackte Oberkörper ist für viele Herero oder Himba ohne sexuelle Attraktivität. Diese geht besonders vom immer verdeckten Hinterteil aus. (siehe auch falsche Übersetzung von Omatako-Berge). Das unterscheidet die Himba und Herero von anderen Männern und wird weder von den Weißen noch von Facebook verstanden.
Kinder zu bekommen unterstreicht den Wert der Frau.
Das Problem der Mädchen ist aber der traditionelle Brautpreis, den die jungen Männer der Umgebung einfach nicht aufbringen können. Daher können heiratswillige Mädchen oft ab 13 oder 14) keinen Mann finden, haben aber bereits länger die Freigabe zum Geschlechtsverkehr. Der von Makis angesprochene Schulabbruch kommt aber alleine von den Schulen. Teilweise erhalten bereits schwangere Mädchen Schulverbot, aber spätestens die Unmöglichkeit den Säugling mit in die Schule zu nehmen zwingt die jungen Mütter zum Abbruch. Auch hier wären bessere Lösungen sehr sinnvoll.
Und wenn ein Mädchen vor der Ehe bereits ein Kind geboren hat, so hat sie ja gezeigt, das sie fruchtbar sein kann. Die größte Schande und ein möglicher Grund für den Ausschluss aus der Gemeinschaft ist die Unfruchtbarkeit. Voreheliche Kinder sind eher kein wirkliches Problem, wenn genügend Nahrung vorhanden ist. Aber "moderne" Geschlechtskrankheiten wie Tripper können über aufsteigende Infektionen und Verklebung der Eileiter eben genau zu dieser Unfruchtbarkeit führen - von HIV mal ganz abgesehen. Das Wissen darüber ist meist sehr gering oder gar nicht vorhanden. Die Sprache unterscheidet nicht von der Zeugung eines Kindes und sexueller Aktivität. Eine Moderne Trennung durch die Anwendung von Empfängnisverhütung wie Kondome ist schon sprachlich nicht möglich ohne das englische "Sex" zu verwenden. Es gab in der AIDS-Prävention den Versuch das zu umgehen indem den Jungs erklärt wurde, dass sie ja auch im Alltag eine Mütze tragen und auch ihr bestes Stück eben eine Mütze (Kondom) braucht. Ich habe lange benötigt bis ich den Sinn verstanden habe - davor fand ich es eher lustig wie die meisten Leser jetzt auch.
Viele Grüße
jaw
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