3.11.2019 Durchs äthiopische Hochland Nach dem Frühstück habe ich am Hotel eine kurze Unterhaltung mit einem äthiopischen Mitarbeiter der deutschen Botschaft, der in Leipzig studiert hat: Ja, die Lage in Harar ist immer noch problematisch. Mehr wisse er aber auch nicht. Wir fahren weiter auf der A2 nach Norden. Es beginnt wieder zu regnen.
Über Serpentinen geht es hoch auf über 3.100 Meter in Richtung Tarmaber Pass und dann durch einen 1938 durch die Italiener während der Besatzungszeit erbauten Tunnel in Richtung Debre Sina. Direkt hinter dem Tunnel sehen wir einige Dschelada (Blutbrustpaviane) am Straßenrand sitzen.
Blicke kurz hinter der Passhöhe ins Land:
In der Umgebung von Debre Sina lebt das Volk der Argobba. Muslime, die der Überlieferung nach von arabischen Einwanderern aus dem Stamm des Propheten Mohammed abstammen, die den Islam nach Äthiopien brachten. Tatsächlich gibt es historische Quellen, die belegen, das Mohammed 614 und 615 mehrere gefährdete Familien seiner engsten Anhänger, darunter auch seine beiden späteren Ehefrauen Umm Habiba und Umm Salama heimlich aus Mekka nach Äthiopien in Sicherheit bringen ließ. Dies wird als die erste Hidschra (Flucht) aus Mekka bezeichnet. Der in Mekka herrschende Stamm der Quraisch, der enge Handelsbeziehungen nach Äthiopien unterhielt, verlangte darauf am Hof in Axum die Auslieferung dieser Flüchtlinge. Der König von Axum lehnte dies jedoch ab und gewährte den Moslems sichere Zuflucht. Dies soll Mohammed später veranlasst haben zu verkünden, dass das christliche Äthiopien von der gewaltsamen Verbreitung des Islam mit Feuer und Schwert ausgenommen bleiben soll.
Aufgrund der jahreszeitlich sehr ungewöhnlichen Regenfälle der letzten Tage überqueren wir einen reißenden Fluss bei Jewaha.
Mittagspause in Ataya. Meine Frau und ich laufen mal wieder die Hauptstraße entlang. Schon bei der Einfahrt ist uns ein Militärposten aufgefallen. Jetzt sehen wir in kurzem Abstand im Ort zwei weitere Militärposten. Auch einige bewaffnete Zivilisten sind unterwegs. Wir kehren nun doch lieber um und setzen uns auch ins Lokal und trinken etwas. Wir erfahren hier, dass es die letzte Tage auch in Ataya Unruhen gegeben hat. Daher die hohe Militärpräsenz. Während wir so mit Blick auf die Straße dasitzen hält vor dem Lokal ein alter Mercedes-LKW. Den nehme ich natürlich genauer unter die Lupe. Mit viel Kreativität wurde der Laster immer wieder repariert.
Am Nachmittag fahren wir weiter bis Kombolcha und bauen unser Rotel beim Hotel Sunnyside auf.
Nachts regnet es schon wieder.
Teil 2220. Jan. 2020
24.11.2019 Auf nach Lalibela Am Morgen geht es nach Kombolcha sofort steile Serpentinen nach oben. Zunächst haben wir noch einen tollen Blick zurück ins sonnige Tal. Aber als wir höher kommen, tauchen wir in die tiefhängenden Wolken ein.
Immer wieder gibt es kurze Regenschauer.
Bei einer Buschpause am Vormittag kommen vom Berghang einige Bauern mit ihren Kühen und einem Dromedar zu uns herunter, während wir noch unsere Blase erleichtern. Ich blicke zu einem der Bauern und zucke lachend mit den Schultern. Er lacht zurück. Ja, auch die Ferenji (Fremden) müssen mal pinkeln. Das Eis ist gebrochen. Meine Bitte um ein Foto wird freudig bejaht.
Danach stellen wir noch fest, das ich viel weniger Haare auf dem Kopf haben als einer der Bauern. Wer den Schaden hat, braucht nicht für den Spott zu sorgen.
Zwei junge Frauen unterhalb auf einem Feld winken uns zu. Auch sie lassen sich gerne fotografieren.
Wir sind jetzt im Gebiet der christlichen Amharen. Und was soll ich sagen: Uns kommen die Menschen hier viel entspannter und fröhlicher vor. Wir bleiben bis Weldiya auf der A2 und machen dort im Lal-Hotel Mittagspause.
Wieder laufen meine Frau und ich lieber etwas die Straße auf und ab, als im Hotelrestaurant zu essen. Wir möchten geröstetes Sorghum (die größte Hirseart) kaufen, das geschmacklich an Popcorn erinnert. In einem kleinen Laden versuchen wir uns mit Händen und Füßen verständlich zu machen, da wir leider die Bezeichnung des „Popcorns“ nicht kennen. Irgendwie begreift der Inhaber, was wir wollen, hat es aber nicht. Er nimmt uns am Arm und führt uns in den Nachbarladen. Dort liegt das Objekt unserer Begierde in der Auslage. Danach kaufen wir noch Wasser und nahe am Hotel an einem Straßenstand Bananen zum Ferenji-Preis. Trotz hartnäckigen Handeln unsererseits zahlen wir letztlich zu viel (wie wir durch ähnliche Käufe an anderen Tagen merken). Wir zahlen für 6 Bananen nicht die geforderten 50, sondern nur 35 Birr. 1 Euro entspricht etwas 32 Birr. Später zahlen wir für 4 Bananen ehrlichere 15 Birr. Letztlich tun uns die Ferenji-Preise nicht wirklich weh. Es geht immer nur um Cent-Beträge für uns. Der Birr hat in den letzten 10 Jahren unglaublich an Kaufkraft gegenüber dem Euro verloren. Vor 10 Jahren bekam man für 1 Euro etwas 12 Birr, heute rund 33 Birr !
Teil 2320. Jan. 2020
Wir biegen nach der Mittagspause auf die B52 ab. Diese führt gen Westen und würde uns bis zum Tana-See bringen. Wir biegen aber in Gashena auf eine unbefestigte Sandpiste ab. Ehrlich gesagt, bei uns würde man sagen: Ein schmaler Feldweg. Das ist die Straße nach Lalibela ! Auf einer kurvenreichen Piste geht es jetzt mit teils spektakulären Ausblicken auf einer steilen Serpentinenstraße am Hang eines langen Bergtals immer höher hinauf. Die Hänge des Tals sind mit terrassierten Teff-Feldern überzogen. Ein atemberaubender Anblick.
Teil 2420. Jan. 2020
Oben sind wir einige Zeit auf einer Hochebene mit vielen Rundhütten und Gehöften unterwegs.
Dann geht es wieder in steilen Serpentinen bergab. Dunkle Wolken ziehen auf. Wir fahren durch einen doppelten Regenbogen und erreichen gerade noch rechtzeitig den bereits asphaltierten Teil der Straße, bevor wieder ein starker Regenschauer einsetzt.
Als es schon dunkel wird, erreichen wir das Seven Olives Hotel in Lalibela. Hier werden wir 3 Nächte verbringen. Nach der langen Anreise gönnen wir uns 2 volle Tage in Lalibela. Und hier werden wir auch jeweils im Hotel frühstücken. Die Rotelküche bleibt also auch morgens zu.
Teil 2520. Jan. 2020
EXKURS zum historischen Hintergrund des Ortes Lalibela und des von der Zagwe-Dynastie gegründeten Reiches: Als das Aksumitische Reich (wir werden das 300 km nördlich liegende Axum noch besuchen) ab 600 n. Chr. nach und nach an Einfluss verlor, begann das „dunkle Zeitalter“. Hierüber gibt es leider kaum Aufzeichnungen. Gesichert ist nur, dass das Christentum unter dem Druck eines jüdisches Reiches nach Süden in die unzugängliche Region um Lalibela ausweichen musste. Lalibela war die Hauptstadt der Zagwe-Dynastie, die nach dem Niedergang des Aksumintisches Reiches und dem „Dunklen Zeitalter“ hier vom 10. - 13 Jahrhundert ein mächtiges politisches und religiöses Reich begründeten. Die semitische Sprache Ge´es als religiöse Sprache war bei den Zagwe genauso etabliert wie zuvor im aksumitischen Reich und alle religiösen Schriften sind in Ge´es verfasst. Überhaupt führten sie die religiöse Praxis nahtlos weiter und es lässt sich kaum ein Unterschied zu vorherigen und nachfolgenden Dynastien feststellen. Anders als die aksumitischen Könige, die in regen Austausch mit Europa und dem Vorderen Orient standen, beschränkte sich der Kontakt der Zagwe vornehmlich auf Ägypten, Jemen und Jerusalem. Besonders der Handel mit Ägypten florierte, da dieser Handelsweg damals sicher war und die Karawanen ihn ohne Störungen nutzen konnten. Die Zagwe betreiben auch Fernhandel per Schiff, bevorzugt über den Hafen von Zeila, ganz im nördlichsten Somalia, an der Grenze zu Dschibuti. Es gelang auch die Piraterie im Roten Meer einzuschränken, weshalb keine Woche verging, an dem nicht ein äthiopisches Schiff im Hafen von Aden im Jemen anlegte. Heute neigen die Historiker zu der Ansicht, das die Kirchen vermehrt im beginnenden 13 Jahrhundert vor und während der Regentschaft von König Lalibela (ca. 1200-1225) entstanden. Vermutlich sollte mit der nördlichen Kirchengruppe ein neues Jerusalem für christliche Pilger entstehen, denn zur Zeit Lalibelas waren die Pilgerwege nach Jerusalem von Feinden blockiert. 1268 endete die Herrschaft der Zagwe-Dynastie durch die Wiedereinsetzung der salomonischen Dynastie, die dann bis zu Kaiser Haile Selassie im 20. Jahrhundert über Äthiopien herrschten. Über das Leben des hochverehrten Königs Lalibela gibt es folgende Überlieferungen: Bereits seine Wiege soll von einem Schwarm Bienen umschwirrt worden sein, was seine Mutter als Zeichen seiner späteren Königsherrschaft deutete. Aber zunächst herrschte sein älterer Bruder, der ihn nach der Legende aus Angst vor einer Entmachtung vergiften wollte. Drei Tage schlief Lalibela daraufhin und in einem Traumgesicht zeigte ihm Gott Jerusalem und forderte ihn auf, ein zweites Jerusalem zu bauen. Einer anderen Legende zufolge soll Lalibela tatsächlich in Jerusalem gewesen sein. Überliefert ist aus dortigen Quellen zumindest, das Sultan Sala ad-Din, genannt Saladin (1137-1193) den Äthiopiern gestattete, eine Kirche in Jerusalem zu bauen. Als Lalibela dann König wurde, begann er laut der Legende den Bau der Kirchen mit Hilfe von Engeln, die Nachts die am Tag begonnenen Arbeiten der Steinmetze fortsetzten. Einige architektonische Elemente der Kirchen lassen aber darauf schließen, das auch ausländischen Handwerker beteiligt waren, vermutlich aus Ägypten, Indien und Armenien. Laut Legende sollen so in nur zwanzig Jahren Bauzeit die elf Kirchen entstanden sein. Historiker gehen heute eher davon aus, das die Kirchen mindestens über drei Generationen erbaut wurden. Eine weitere Legende erzählt, das König Lalibela häufig längere Zeit den Herrscherhof verlassen habe, um unter einfachen Bedingungen beim Bau der Kirchen mitzuhelfen. Einmal folgte ihm heimlich seine Ehefrau, die nicht daran glaubte, das er wirklich ständig auf den Baustellen weilte und eher eine Nebenbuhlerin vermutete. Als sie sah, das alles wahr ist, soll sie sich so geschämt haben, das sie selbst eine Kirche erbauen ließ. Wir werden auch diese am morgigen Nachmittag besuchen.
Teil 2621. Jan. 2020
25.11.2019 Die Felsenkirchen von Lalibela Der Ort Lalibela hieß ursprünglich Roha und wurde erst zu Ehren des Königs Lalibela nach diesem benannt. Lalibela liegt inmitten der Lasta-Berge auf 2.700 Metern. Entsprechend frisch ist es am Morgen. In eine Jacke gehüllt und mit Mütze auf dem Kopf verlasse ich das Hotelgelände und beobachte das erwachende Leben in Lalibela. Besonders interessieren mich heute die an vielen Orten in Äthiopien am Straßenrand aufgestellten Kicker. Ein paar Jungs sind schon am Spielen und ich betrachte es mir mal etwas näher, denn irgendwie hört sich das Geräusch anders an als bei uns. Und tatsächlich, anstelle der wohl längst kaputten Bälle spielen die Jungs mit abgerundeten kleinen Steinen.
Durch die Sonne wärmt sich die Luft sehr schnell wieder auf, so das wir um 9 Uhr ohne Jacken zur Besichtigung der ersten Kirchengruppe starten können.
Vorher haben wir uns sicherheitshalber die Socken und Hosenbeine mit Flohgift eingesprüht. Soll es doch in den Teppichen der Felsenkirchen möglicherweise diese kleinen Untermieter geben. Wir laufen von unserem Hotel die kurze Strecke bergab zum Eingang der nördlichen Kirchengruppe. Als Tourist sieht man hier nur noch wenige Gläubige, denn seit einigen Jahren wurden die Gebetszeiten von den Besichtigungszeiten getrennt. Morgens ab 5 Uhr finden die Morgenandachten statt. Von 8-12 und 14-17 Uhr „gehören“ die Kirchen dann den Touristen.
Am Eingang erfolgt wie immer eine Taschenkontrolle sowie eine Leibesvisitation. Dann können wir endlich den Kirchenbezirk betreten. Direkt nach dem Eingang kommen wir zur Kirche Beta Medane Alem (Haus des Erlösers der Welt), die wie einige andere von einer gewaltigen Stahlkonstruktion aus den 60er Jahren zum Schutz von Erosion überspannt wird.
Die Kirche ist angelehnt an die Alt-Aksumitische Architektur aus dem Fels gehauen worden und die größte Kirche in Lalibela. Die Fenster der unteren Reihe imitieren alt-aksumitische Vorbilder mit den „Affenköpfe“ genannten Balkenenden.
Was oft nicht erwähnt bzw. wertgeschätzt wird: Neben den aus den Fels geschlagenen Kirchen existiert ein ausgeklügeltes System zu Entwässerung mit über das ganze Areal verteilten, separat in den Felsen geschlagenen Gräben. Eine großartige planerische und handwerkliche Leistung
Nachdem wir unsere Schuhe ausgezogen haben, treten wir ins Innere und sehen den von Säulen durchzogenen großen Innenraum. Die Säulen sind durch Halbbögen miteinander verbunden.
In einem der Rundbögen sind drei Schilde angebracht. Einer davon soll der Schild König Lalibelas sein. Etliche Gemälde mit zumeist christlichen Darstellungen sind im Raum verteilt.
Eines der Gemälde zeigt vier Könige. Der zweite von rechts ist König Lalibela.
Daneben gibt es drei längliche Vertiefungen, welche die Gräber von Abraham, Isaak und Jakob symbolisieren.
Praktisch alles in Lalibela ist von solch symbolischer Bedeutung erklärt man uns.
Teil 2721. Jan. 2020
Wir verlassen die Kirche, ziehen unsere Schuhe wieder an und laufen durch einen schmalen, tunnelartigen Durchgang in den nächsten Hof zur Kirche Beta Mariam (Haus der Maria). Dies ist vermutlich die älteste Kirche Lalibelas und soll die Lieblingskirche von König Lalibela gewesen sein. Im Hof sehen wir ein im Boden eingelassenes Taufbecken.
Etwas abseits sitzen mehrere Frauen und bereiten Mehl für das Brot zur Speisung während der Gottesdienste.
Die Fassade der viereckigen Kirche ist mit einer Vielfalt unterschiedlicher Fenster und drei hervorstehenden Eingangsportalen versehen. Das Hauptportal wird von zwei gemeißelten Reitern überragt, die einen Drachen töten.
Die Fenster sind in Form des Andreaskreuzes und des indisches Schwastika (Glücksbringer) gestaltet. Nach der Überlieferung sollen auch indische Arbeiter beim Bau der Kirchen beteiligt gewesen sein.
Zunächst zeigt uns aber ein Priester aus der daneben liegenden kleinen Kirche Bete Meskel (Kreuzkirche) ein 900 Jahre altes Kreuz im Lalibela-Stil.
Auch hier ziehen wir wieder unsere Schuhe aus und geben sie in die Obhut einer Äthiopierin, der „Hüterin unserer Schuhe“, welche uns den ganzen Tag begleiten wird.
Sich solch eine Hüterin zu engagieren ist ein sinnvolle Investition. Zum einen findet man so seine Schuhe wieder heil vor und zum anderen sind die Kirchen teils aneinander gebaut, so das wir dort ohne Schuhe von Kirche zu Kirche wechseln – und am Ende an ganz anderer Stelle unsere freundlich lächelnde Hüterin samt unseren Schuhen vorfinden. Wir treten in die sehr kleine Bete Meskel ein. Der Priester macht uns auf das Kreuz anstelle eines Gewölbes im rechten Teil der Kirche aufmerksam.
Diese kleine Kirche war ursprünglich von sehr hoher Bedeutung, soll hier doch ein Teil des Kreuzes Christi aufbewahrt worden sein. Daher auch der Name Kreuzkirche. Auch hier gibt es einige Gemälde.
Teil 2821. Jan. 2020
Aufgrund der Enge sind wir schnell wieder draußen und betreten durch das Hauptportal nun die Beta Mariam. Welch ein Kontrast. Die Kirche ist reich mit Fresken, Malereien und Verzierungen versehen.
Die 13 Meter hohe Kirche besitzt eine zweite galerieartige Etage, die nur von den Priestern betreten werden darf und als Aufbewahrungsort für Kirchenreliquien dient.
Die Wandmalereien zeigen Szenen aus dem Leben Christi und Marias sowie verschiedene geometrische Motive (griechische Kreuze, Hakenkreuze, Davidsterne, Sonnenscheiben).
Auch Tiere werden abgebildet. So ein roter und schwarzer Stier im Kampf als Sinnbild des Kampfes zwischen Gut und Böse.
Am Wichtigsten ist hier allerdings die verhüllte „Säule des Lichts“. Diese Säule soll bis ins 16. Jahrhundert geleuchtet haben.
Auf ihren 4 Seiten sind in griechisch und Ge´es die 10 Gebote, die Geschichte von der Entstehung und von Ende der Welt und die Entstehungsgeschichte der Kirchen von Lalibela eingraviert sein. Die Säule ist verhüllt, weil es sehr gefährlich sein soll für den einfachen Menschen. Allenfalls „hochgestellte“ Priester dürfen sie anzusehen.
Teil 2921. Jan. 2020
Nach dem Verlassen der Kirche betreten wir im gleichen Hof noch die Kirche Beta Denagel ( Jungfrauenkapelle ), die ursprünglich wohl von Nonnen im Dienst des Königs genutzt wurden.
Die Kirche ist deutlich gröber aus dem Fels gehauen. Hier sehen wir ein sehr altes Gemälde von St. Georg.
Wir verlassen nun auch diesen Hof, steigen eine Treppe hinab und folgen rechts einem Graben zum dritten Hof des nördlichen Kirchenkomplexes.
Wieder ziehen wir unsere Schuhe aus und betreten die Kirche Bete Debre Sina (Heiliger Berg Sinai) . Die Kirche ist sehr schlicht gehalten mit ihren kreuzförmigen Säulen. Durch eine Tür kommt man in die Kirche Debre Golgota – wenn man ein Mann ist. Frauen haben keinen Zutritt. Hier fallen sofort mehrere lebensgroße Reliefs von Heiligen ins Auge. Einige der Reliefs sind noch gut erhalten, so das sich anhand der Inschriften die äthiopischen Märtyrer Cherkos und Georg sowie der Evangelist Johannes bestimmen lassen. Neben den südlichen Relief sind an der Wand auch noch lebensgroße Wandmalereien von Heiligen zu erkennen.
Hinter einem Vorhang befindet sich der Priesterbereich mit dem symbolischen Grab Jesu. Hinter dem Priesterbereich liegt der Zugang zur Selassie-Kapelle, die nur von Priestern betreten werden darf. Sie ist der heiligste Platz in Lalibela. Dort befinden sich drei Altäre, die dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geist gewidmet sind. Diese Kapelle, so vermuten Historiker, könnte ursprünglich die Totenkapelle der Könige von Zagwe gewesen sein. Nach Verlassen der ineinander übergehenden Kirchen kommt man durch eine Art Turm aus der nördlichen Kirchengruppe heraus. Dreht man sich nun um, entdeckt man am Turm ein Kreuzfenster, welches das Grab Adams symbolisieren soll.
Wir laufen jetzt ein Stück an einigen doppelstöckigen Tukuls, den traditionellen Rundhäusern der Region vorbei.
Die Bewohner hat man vor einigen Jahren daraus vertrieben, um hier eine Art „Freilichtmuseum“ einzurichten. Oder auch nur, weil man meint, der Anblick der einfachen Bevölkerung könnte die Touristen stören ? Jetzt warten hier jedenfalls aufdringliche junge Souvenirverkäufer auf uns. Als wir uns durchgearbeitet haben, laufen wir ein kurzes Stück auf einer Straße nach rechts und biegen dann auf einen Fußweg ein
Teil 3021. Jan. 2020
Leicht zu erkennen, das es hier zur bekanntesten Kirche Lalibelas geht: Entlang des Weges haben Souvenirhändler ihre Stände aufgebaut. Wir nähern uns von oben der Kirche Beta Giyorgis, die mit ihrer Kreuzform weltweit viele Reiseführer und Bücher über Äthiopien als Titelbild ziert.
Auf einem kleinen Hügel oberhalb haben wir nun genau diesen Postkartenblick. Und der ist wirklich sehr eindrucksvoll. Die Kirche wurde in einem Stück in den Fels hineingeschlagen.
Durch einen schmalen ebenfalls tief in den Fels geschlagenen Graben steigen wir schließlich nach einiger Zeit zur Kirche hinab. An einer Seite des Grabens sollen die Hufspuren des Pferdes von St.Georg zu sehen sein, dem diese Kirche geweiht ist.
Durch zwei in den Fels geschlagene Durchgänge kommen wir schließlich unten im Hof der Kirche an.
In der Wand einer Seite ist eine Vertiefung geschlagen. Hier liegen die Gebeine von 3 Pilgern, die auf dem Rückweg aus Jerusalem hier gestorben sind.
Auch in diesem Innenhof gibt es Vertiefungen, in denen heiliges Wasser gesammelt wird. In der Kirche sind in einer Truhe die Werkzeuge von König Lalibela aufbewahrt, die dieser nach Beendigung der Bauarbeiten hier niedergelegt haben soll.
Denn diese Kirche war wohl die letzte erbaute Felsenkirche in Lalibela. Dazu ist noch ein 500 Jahre altes Gemälde von St. Georg zu sehen. An der Decke wieder Kreuze und die 12 Säulen, welche die 12 Apostel symbolisieren. Nach diesen Besichtigungen laufen wir zurück zum Hotel, um erst einmal Mittagspause zu machen. Wir setzen uns an einen Tisch im Garten, bestellen Kaffee und ich notiere alles, was mir noch einfällt von den vielen Erläuterungen.
Teil 3123. Jan. 2020
Um 14 Uhr brechen wir wieder auf. Diesmal geht es zur südlichen Kirchengruppe. Die Bauten dieser Gruppe wurden vermutlich zunächst für weltliche Zwecke erbaut. Die Umwidmung zu Kirchen erfolgte wohl erst später. Wir erreichen den Eingang neben einem tiefen grabenartigen Einschnitt, der den Jordan symbolisieren soll.
Das Areal ist komplett umgeben von tiefen Gräben und ähnelt daher eher einer Burgfestung. Vor dem Zugang zur Doppelkirche Beta Gabriel und Raphael über eine neuere Brücke ziehen wir wieder unsere Schuhe aus. Schon die Fassade der Kirche lässt eher an eine ursprünglich funktionale Nutzung als Palastbezirk für den Adel oder Klerus denken als einen Kirchenbau.
Unten im 30 Meter tiefen Innenhof sehen wir die Öffnungen zur Wasserzisterne. Ein weiteres Indiz, das dieser Gebäudekomplex ursprünglich als befestigter Palast mit autarker Versorgung für den Ernstfall angelegt wurde.
Auch beim Eintreten fällt sofort auf, das die übliche Einteilung in Kirchenschiffe fehlt. Eher grob gehauene Säulen stützen die Decke ab. Wir sehen auch hier wieder etliche christliche Gemälde und ein Priester zeigt uns ein Kreuz.
Durch eine weitere Tür kommt man in die Raphael-Kirche, von der man auf den Balkon kommt. Von hier hat man einen guten Blick zum Eingang und in den Innenhof.
Wieder zurück über die Brücke ziehen wir unsere Schuhe an, die wie am Morgen, gut gehütet wurden. Durch eine Tür und einen Tunnel gelangen wir weiter in den Komplex der Bauten. Wieder im Freien im inneren Areal laufen wir zum halb verfallenen Beta Lehem (Haus des Brotes), in dem vermutlich das während der Gottesdienste gereichte Brot gebacken wurde.
Wir steigen einen steilen in den Fels gehauenen Weg hinab zum Fuß des Baus. Hier begeben wir uns in einen 40 Meter langen Gang in völliger Dunkelheit. Natürlich hätten wir Lampen dabei. Aber wir folgen dem Rat unseres Guide und tasten uns wirklich in völliger Dunkelheit durch den Tunnel. Ein eindrucksvolles Erlebnis. Am Ende des Tunnels gelangen wir zur Kirche Beta Mercurios. Einige der Kammern des Gebäudes wurden wohl auch einmal als Gefängnis genutzt, wie Kettenfunde nahe legen. Das Gebäude wurde bei einem Erdbeben bereits im 16. Jahrhundert teilweise zerstört. Nur ein kleiner Teil des Gebäudes ist noch erhalten.
Hier sehen wir sehr alte Wandmalereien, die teilweise nur noch schwer zu erkennen sind. Dargestellt sind hier die 12 Apostel und die drei Weisen aus dem Morgenland.
Ein Priester zeigt uns ein weiteres Kreuz.
Einige der Kreuze haben wie dieses hier Gravuren auf der Vorder- und Rückseite:
Durch eine Tür können wir den Bau verlassen und kommen in den durch das Erdbeben zerstörten Teil. Die Größe der Säulen und der Trümmer lässt erahnen, wie gewaltig dieses Gebäude ursprünglich gewesen sein muss.
Teil 3223. Jan. 2020
Zurück im Gebäude kommen wir nach zwei weitere Kammern durch eine Tür ins Freie und über eine Steile Treppe in der Innenhof der Emmanuel-Kirche. Die prachtvoll aus dem Fels gehauenen Fassade weist die klassische aksumitische Bänderung auf und war wohl im Gegensatz zu den vorherigen Gebäuden von Anfang an als Kirche geplant.
Sie diente wohl als königliche Kapelle und war über einen Gang direkt mit der Residenz verbunden. Ein Teil dieses Ganges ist der dunkle Tunnel, durch den wir uns zuvor getastet haben. Wir sehen wieder Gemälde und ein Kreuz im Inneren.
Wir verlassen den Kirchhof über einen kleinen Tunnel, der als Regenwasserabfluss dient und befinden uns nun im südlichen Teil des Grabens, der die ganze Anlage umschließt. Unser Weg führt über Treppen hinab zu einem weiteren Wasserbecken und schließlich durch einen schmalen Felsspalt zur letzten Kirche.
Die Abba-Libanos-Kirche, die der Legende nach von der reumütigen Ehefrau Lalibelas mit Hilfe der Engel in einer Nacht erbaut wurde, weist eine Besonderheit auf: Sie wurde seitlich in den Fels geschlagen und ist oberhalb noch mit dem Muttergestein verbunden. Der Anblick erinnert ein wenig an die Felsenstadt Petra in Jordanien.
Dennoch gibt es einen frei gehauenen Rundgang, der auch dieser Kirche an allen vier Seiten eine Fassade verschafft. Im Innern wurden die Säulen, Rundbögen und Vorsprünge sehr sorgfältig aus dem Fels gearbeitet.
Teil 3323. Jan. 2020
Mit dieser Kirche endet – eigentlich - unsere Besichtigungstour durch die Kirchen, aber ich habe bereits am Vormittag zufällig dem Guide einer anderen Besuchergruppe zugehört wie dieser seinen Gästen erklärt hat, dass das Eintrittsticket für die Kirchen mehrere Tage lang gültig ist und die Gäste somit auch am nächsten Tag nochmals ohne erneut zu zahlen die Kirchen besuchen könnten. Da wir ein einziges Gruppenticket haben, bitte ich unsere Reiseleiterin, uns Kopien anfertigen zu lassen, damit wir morgen nachmittag nochmals auf eigene Faust zu den Kirchen gehen können. Außerdem möchten auch jetzt 6 von uns mit dem Gruppenticket die verbleibenden 45 Minuten nutzen, um nochmals in die nördliche Kirchengruppe zu gehen. Da unsere „Hüterin der Schuhe“ auch in diese Richtung nach Hause gehen will, zeigt sie uns den Weg. Zunächst gehen wir einen engen Pfad an ursprünglichen Tukuls vorbei. Hier wurden die Bewohner nicht vertrieben. Dann erreichen wir die Verbindungsstraße zur anderen Kirchengruppe. Von hier haben wir auch einen beeindruckenden Blick auf die Landschaft, die von der Sonne in ein tolles Licht getaucht wird.
Bei der nördlichen Kirchengruppe kommen wir tatsächlich zunächst problemlos durch den Eingang, aber der Zugang zu den Kirchen ist bereits abgesperrt. Einer der Wächter würde uns sogar nochmals öffnen, ein anderer macht uns aber auf das Museum aufmerksam. Wir beschließen, das Museum an der Rückseite der Eingangsgebäude zu besichtigen. Es liegt in einem Raum unterhalb der Toiletten - und ist ebenfalls bereits abgesperrt. Ich bin ehrlich gesagt sehr skeptisch. Afrikanische „Museen“ dieser Art waren bisher eher eine herbe Enttäuschung. Aber der Wärter ist bereits los geeilt und kommt mit einem Mann zurück, der das Museum öffnet und uns durch die Ausstellung führen will.Das Museum besteht aus einem langgezogenen Raum. An den Wänden ringsum und nochmals in einer Doppelreihen in der Mitte stehen hohe Glasvitrinen voller Ausstellungsgegenstände. Alle Vitrinen sind regelrecht überfüllt. OK, ich sehe auf den ersten Blick, meine Skepsis war unbegründet. Der Inhalt der Vitrinen würde für einen eigenen Museumsbau mit mehreren Ausstellungsräumen reichen. Und tatsächlich zeigt uns unser Führer zum Schluss den Außenentwurf eines geplanten Museumsbau. Leider dürfen wir keine Fotos machen. Unser Führer erklärt uns nach und nach den Inhalt der Vitrinen. Wir sehen zunächst alte Altäre, vier Kronen der alten Könige von Lalibela und sehr viele alte Kreuze im Axum-, Lalibela- und Gondarstil. Dann folgen alte Bücher, riesige Folianten, die auf Lesepulten in den Glasvitrinen aufgeschlagen liegen. Kein Mensch könnte diese Bücher zum Lesen in der Hand halten. Die Bücher sollen 500-900 Jahre alt sein und sind in der alten Sprache Ge´es geschrieben. Ge´es ist die antike, äthio-semitische Wurzel des heutigen Tigrinya, der Sprache der Tigray-Region, in der auch unser nächstes Reiseziel Axum liegt. Ge´es ist bis heute die liturgische Sprache der Gottesdienste. Alle Priester beten, singen und lesen in Ge´es. Plötzlich liest uns unser Führer eine Seite aus dem 900 Jahre alten Buch auf Ge´es vor. Als er endet, applaudieren wir spontan. Es herrscht plötzlich eine besondere Stimmung. Aus dem schnell mal durchs Museum laufen wird eine längere, ausführliche Führung. Wir bekommen jetzt auch ein dreisprachiges Buch auf arabisch, altgriechisch und in Ge´es gezeigt ! Ich muss an die berühmte dreisprachige Stele von Ezana in Axum denken, die in archäologischen Kreisen als ähnlich bedeutend wie der Stein von Rosette angesehen wird. Und hier liegt ein ebenfalls dreisprachiges Buch einfach so in dieser Glasvitrine. In der nächsten Vitrine liegt ein aufgeschlagener, ebenfalls sehr alter Foliant. Es handelt sich um ein 500 Jahre altes Liederbuch, ebenfalls auf Ge´es. Unser Führer singt uns eines dieser alten Lieder auf Ge´es vor. Es ist einfach wunderschön. Wir sechs hier allein mit unserem Führer. Es ist, als würde die Zeit einen Moment still stehen. Wir sind jetzt im Ende des Raumes angekommen und wenden uns der Vitrinenreihe an der Stirnseite des Raumes zu. Hier sind Gemälde und Zeichnungen zu sehen. Die alle in einem erkennbar sehr alten, einfachen Stil gehalten sind und sich deutlich von den meisten neueren und kunstvolleren Bildern in den Kirchen unterscheiden, die wir bisher gesehen haben. Sie ähneln im Stil den alten Wandbildern in der Kirche Beta Mercurios. Wir kommen nun zu den Vitrinen der gegenüberliegenden Wand und bewegen uns somit langsam zurück Richtung Ausgang. Hier sind zwei sehr große Trommeln ausgestellt. Eine ist aus Silber die andere aus Gold. Bisher haben wir in den Kirchen nur Trommeln aus Holz gesehen. Weiter geht es mit alten, reich verzierten Weihrauchbehältern mit vielen Schellen zum Schwenken, einem großen Korb für das heilige Brot, etlichen alten Behältern für heiliges Öl und alten und neuen Gewändern von Priestern und Patriarchen. Daneben noch ein Zepter und Gebetsstab der Könige von Lalibela und alte Musikinstrumenten wie Washint (Flöten), Krar (sechsseitige Leier), Massinko (einseitige Fidel), Begena (mehrseitige Harfen), Rasseln, etc. Dann kommen wir zu einer Vitrine mit Holzmodellen, die als Vorlagen für die Baumeister der Kirchen von Lalibela gedient haben sollen. Laut unserem Führer wurden die Entwürfe der Kirchen zunächst aus dem Holzklotz heraus geschnitzt und dann nach diesem Modell durch die Steinmetze eins zu eins aus dem Felsgestein geschlagen. Nach knapp einer halben Stunde verlassen wir das Museum und bedanken uns mit einem großzügiges Trinkgeld bei unserem Führer. Die anderen streben schnell zum Ausgang, denn das Ende der Öffnungszeiten um 17 Uhr ist ja bereits erreicht. Ich sehe vor dem Museum ein Besucherbuch und da ich von anderen Reisen in Afrika weiß, das die Menschen sehr stolz sind, wenn wir Reisende uns darin eintragen, schlage ich es auf und schreibe auf deutsch ehrlich gemeint hinein: Ein tolles Museum, das man unbedingt besuchen sollte und ein wunderbarer Führer. Dann übersetze ich das Geschriebene unserem Führer. Er strahlt und verrät mir jetzt sein Geheimnis: Unter seinem Umhang holt er ein Priesterkreuz hervor. Er ist gar kein Museumsguide, sondern einer der Priester Lalibelas. Ich sage ihm, das ich so etwas schon vermutete, seit er uns in fließendem Ge´es aus dem Buch vorgelesen und dann auch noch einen liturgischen Gesang vorgetragen hat. Er nimmt mich bei der Hand und wir laufen Hand in Hand zum Ausgang, wo uns bereits ein Wächter (ich erfahre vom Priester das es ein Polizist in Zivil ist) erwartet. Der Priester verabschiedet vor dem Eingang nun noch jeden einzelnen von uns mit einem Händedruck und dann laufen wir beschwingt die Straße bergan zurück zu unserem Hotel.
Bis zum Abendessen ist noch etwas Zeit, dieses wunderbare, unerwartet intensive Erlebnis in Ruhe nachwirken zu lassen.
Teil 3423. Jan. 2020
26.11. Bergauf Morgens wandern wir mit einem Teil unserer Gruppe samt unserem lokalen Guide auf den Mount Asheton.
Der Weg beginnt direkt neben unserem Hotel. Es ist kein Wanderweg, sondern ein Fußpfad, der ebenfalls von vielen Einheimischen genutzt wird. Ziel ist das Asheton Maryam Kloster. Der Rest unserer Gruppe, der sich die Wanderung den Berg hoch nicht zutraut, wird mit einem Bus über eine Straße folgen. Der Weg führt bergan zunächst noch an Häusern vorbei. Etliche Leute sind hier unterwegs. Ein Stück folgen wir nun einer Piste, dann biegen wir auf einen Bergpfad ein und jetzt geht es richtig steil nach oben. Schon eine kurze Zeit später bietet sich ein beeindruckender Blick auf das in der Morgensonne unter uns liegende Lalibela.
Je höher wir steigen, umso grandioser wird der Blick in die Landschaft. Ein junges Mädchen überholt uns mit einem in ihren Umhang auf den Rücken gebundenen Korb.
Immer wieder machen wir Platz für Einheimische.
Auch zwei Reiter auf Eseln kommen den schmalen Bergpfad herauf geritten.
Wir steigen über ein Grat weiter bergan.
Oberhalb der steilen Wand öffnet sich unvermutet ein grünes, fruchtbares Plateau mit vielen Gehöften vor dem dahinter aufragenden Mount Asheton. Wir laufen auf Pfaden zwischen den Feldern und Gehöften bergan.
Wir erreichen den Eingang zum Anstieg auf das Kloster gerade, als auch der Rest unserer Gruppe gefahren kommt. Da der Eintritt für das Kloster innerhalb eines Jahres fast verdoppelt wurde auf jetzt 350 Birr, haben meine Frau und ichschon am Morgen entschieden, dieses Kloster nicht zu besuchen, sondern stattdessen wieder nach Lalibela hinab zu steigen und mit unserem immer noch gültigen Ticket nochmals den Bezirk der Felsenkirchen in Ruhe zu besuchen. Wir lassen unsere Gruppe zurück und beginnen alleine den Abstieg, bei dem uns zwei sehr junge Mädchen mit großen Säcken auf dem Rücken überholen, die sichtlich sehr schwer für die beiden sind.
Ein Stück weiter müssen sie Rast machen und wir überholen sie wieder. Ein Stück weiter müssen wir erneut Platz machen: Einige Rinder kommen auf dem Pfad den Berg herunter.
Auf dem weiteren Weg bergab drehe ich mich immer mal um und sehe, wie die Mädchen sich auch auf den Weg gemacht haben. Eines spricht dem anderen dabei wohl immer wieder Mut zu.
Das Leben der Frauen und auch der Mädchen ist hier wirklich sehr schwer.
Teil 3523. Jan. 2020
Zurück am Hotel stärken wir uns erst mal mit einem Fruchtsaft. Mittlerweile wurde auch unser Gruppenticket kopiert. Mit dieser machen wir uns auf den Weg zum Eingang der nördlichen Gruppe. Sicherheitshalber begleitet uns unserer lokaler Guide, falls es Schwierigkeiten gibt. Aber wir werden ohne Probleme durchgelassen. Nun können wir zu zweit in Ruhe das Areal erkunden. Wir haben nicht mehr vor, in die Kirchen zu gehen. Wir wollen eher das Ambiente in Ruhe nochmals genießen. Schon bei der ersten Kirche Beta Medane Alem hören wir den typischen Gebetsgesang.
Wir steigen aus den Kirchenhof nach oben zum Bethlehem-Turm. Hier sitzen zwei Priester.
Diese erklären uns, das in der nur durch die Beta Debre Sina und die Debre Golgotakirche erreichbare und nur für Priester zugängliche Selassie-Kapelle ein hoher Würdenträger einen Gottesdienst hält. Ob es sich wohl um jenen Würdenträger handelt, der gestern Abend ebenfalls im Restaurant unseres Hotels gespeist hat ? Unsere äthiopischen Guides jedenfalls sind bei seinem Anblick sofort aufgestanden und an seinen Tisch gegangen, um sich von ihm segnen zu lassen. Ein Verhalten, das sie bei „einfachen“ Priestern während unserer Besichtigungen nicht an den Tag gelegt haben. Die Priester jedenfalls meinen, wir können ruhig zu diesen Kirchen gehen. Das wäre völlig in Ordnung. Aber vorher sollen wir doch noch auf den Felsbogen zwischen den Kirchen Beta Medane Alem und Beta Mariam laufen. Dort hätten wir einen guten Blick auf das Kirchengelände und auch auf die sich außerhalb verteilten Gläubigen, die mittels der Übertragung per Lautsprecher am Gottesdienst teilnehmen.
Tatsächlich sehen wir auch außerhalb des Kirchenkomplexes einige Gläubige in Gruppen unter Bäumen in Andacht versunken stehen.
Uns fällt auch auf, das heute nur 2-3 kleine Gruppen Touristen in der Anlage sind. Zögerlich überlegen wir nach Verlassen des Kirchenhofes der Beta Mariam in Richtung der Kirchen zum Gottesdienst zu laufen oder das Areal zu verlassen und auf der Straße zur Kreuzkirche Beta Giyorgis zu gehen. Nach kurzer Überlegung siegt unser Respekt vor den Gläubigen und wir gehen zur Kreuzkirche. Hier sehen wir etliche Eidechsen auf den Felsen. Und irgendwie ist da plötzlich auch ein Moment, in dem die Sonne durch die Wolkendecke ein ganz besonderes Licht erzeugt. Die Fassade der Kirche ist überzogen mit Moos und wir bilden uns ein, dieses leuchtet plötzlich besonders intensiv.
Da heute sehr wenige Touristen unterwegs sind, können wir den Innenhof der Kirche ganz in Ruhe für uns genießen. Auf dem Rückweg beschließen wir, durch den Turm mit Adams Grab doch noch mal zur Kirchengruppe um die Beta Debre Sina zu schauen. An der Mauer der Kirche lehnen immer noch Gläubige im Gebet versunken.
Als wir im Graben unterhalb der Steinbrücke durchgelaufen sind, die zum Eingang der Kirchen führt, strömen plötzlich die Gläubigen aus der Kirche. Wir bleiben etwa 15 Meter entfernt stehen und beobachten das Schauspiel, wie immer neue Menschen aus der Kirche treten, ihre Schuhe anziehen und sich über die kleine Steinbrücke zum Ausgang schieben.
Wir staunen, wie viele Leute da nach und nach aus der Kirche kommen. Ganz zum Schluss kommen sogar noch einige Touristen mit ihrem einheimischen Guide, die wir zuvor bei den ersten Kirchen schon gesehen haben, aus der Kirche. Nach diesem Erlebnis laufen wir durch die Gräben und Kirchhöfe zurück zum Eingang und weiter zum Hotel.
Nach dem Abendessen hat unsere Reiseleiterin noch einige einheimische Musiker und Tänzer/innen engagiert. Kein typischer Folkloreabend, hat sie uns versichert. Wir sind gespannt. Vier Musiker sowie je zwei Tänzerinnen und Tänzer spielen für uns auf. Der Tanzstil des Eskista-Tanzes ist für uns faszinierend zu beobachten. Die Beinarbeit ist hierbei nicht so relevant. Entscheidend ist das Rollen und blitzschnelle ruckartige Schütteln mit den Schultern und dem Kopf. Hierbei entsteht eine unglaubliche Dynamik, die aber auch ein hohes Maß an Spannkraft im Oberkörper voraussetzt. Die Tänzer beherrschen dies perfekt. Das dies keine Folklore für Touris ist, merken wir schnell daran, das es weder unsere Guides noch die Bedienung an ihren Plätzen hält. Immer wieder mischen sie sich unter die Tänzer. Aber auch wir werden aufgefordert, mitzutanzen. Da meine Frau und ich vorne sitzen, werden wir immer wieder von verschiedenen Tänzer und Tänzerinnen auf die Tanzfläche geholt. Da wir nach dem Essen auch den einheimischen Honigwein Tej verkostet haben, (ab dem zweiten Schluck hat er uns geschmeckt) lassen wir uns nicht lange bitten. Unterbrochen werden die Tänze immer wieder von Liedern, die der lokal wohl sehr bekannte Chef der Musiker vorträgt. Er spielt dabei auf der traditionellen Massinko, einer einseitigen Fidel. Dann sind wieder die Tänzer dran. Diesmal mit einem Sora-Tanz. Die Tänzer stehen sich gegenüber, beugen sich vor, so dass ihre Köpfe nebeneinander sind und dann wirbeln sie im Takt der Musik wild ihre Köpfe hin und her. Uns stockt der Atem, aber ihre Köpfe knallen nicht gegeneinander. Am Nebentisch sitzt währenddessen eine italienische Reisegruppe und isst stoisch zu Abend, ohne die Musiker und Tänzer zu beachten. Auch einen demonstrativ bereits mit unseren Geldscheinen gefüllten Sammelkorb ignorieren sie. Als sie fertig gespeist haben, verlassen sie grußlos das Restaurant. Sehr zur Freude aller Äthiopier ausgerechnet, als ein Tänzer mit Schwert zum Adua-Lied einen wilden Tanz aufführt. Der Adua-Tanz hat wieder funktioniert und die Italiener in die Flucht geschlagen ! In Adua haben die Äthiopier unter Menelik II. im Jahr 1896 die italienische Armee besiegt. Der einzige Sieg einer traditionellen afrikanischen gegen eine moderne europäische Armee. Dieser Sieg sicherte die äthiopische Unabhängigkeit. Jetzt drehen die Musiker und Tänzer richtig auf. Auch bei den Kellnern und Kellnerinnen gibt es kein Halten mehr. Alles tanzt. Selbst die Köchinnen haben ihre Küche verlassen und klatschen im Rhythmus mit. Auch wir sind jetzt endgültig nicht mehr zu halten und tanzen, was das Zeug hält. Viel zu schnell geht die Zeit vorüber und irgendwann ertönt das letzte Lied. Zeit zu Bett zu gehen. Morgen früh verlassen wir mit etwas schwerem Herzen Lalibela.
Teil 3626. Jan. 2020
27.11.2019 Erneut auf Abwegen Heute wollen wir Richtung Axum aufbrechen. Da dies an einem Tag aber zu weit ist, lautet unser Tagesziel Mekele, der Hauptstadt der Region Tigray. Auch das ist ein weiter Weg, daher gibt es bereits um 6 Uhr Frühstück, 7 Uhr Abfahrt. Wir fahren abseits der großen Fernstraßen auf einer Piste durch eine atemberaubende Landschaft.
Viele Bauern sind auf den Feldern, ernten und dreschen auf traditionelle Art mit dem Vieh das Getreide.
Traditionelle Tukuls drängen sich auf den Höhen der Hügel zu kleinen Dörfern zusammen.
Wo schon ein bisschen mehr Wohlstand vorhanden ist, sind die Rundhütten eckigen Hütten mit Blechdächern gewichen.
Noch vor Mittag erreichen wir das Städtchen Sekota nahe der Grenze der Regionen Amhara und Tigray. Hier in der Region war in den 80er Jahren die Hungersnot mit am stärksten. Am Stadtrand sehen wir eine große Halle. Ein Verteilzentrum für Lebensmittel.
Noch heute werden Nahrungsmittelhilfen in einige Teile Äthiopiens geliefert und einmal im Monat an die Bevölkerung verteilt. Die Waren werden über eine Hafen in Djibouti angelandet und dann per LKWs in die Verteilzentren transportiert. Am Verteiltag kommen die Menschen aus der ganzen Umgebung hierher. Wie sinnvoll diese „Hilfe“ ist, mag ich nicht beurteilen, denn in Äthiopien hat es seit vielen Jahren keine Dürre und Missernten mehr gegeben. Sollten die Hilfsorganisationen nicht besser die Menschen dabei helfen, wieder selbst ihre notwendigen Nahrungsmittel anzubauen ? 5 bis 6 Millionen Menschen sind nach offiziellen Angaben dauerhaft von Lebensmittellieferungen abhängig. Es kursiert der bittere Spruch in der Region: „Die Bauern beten für Regen in Kanada“. Auch in Äthiopien regen sich kritische Stimmen. Die Zeit hat ihr ihrer Ausgabe 17 von 2003 bereits darüber berichtet. https://www.zeit.de/2003/17/Aethiopien/seite-6 Und auch Arte hat über diesen Teufelskreislauf bereits im Jahr 2004 anhand der Situation in Sambia berichtet: https://www.youtube.com/watch?v=5_4o9dOL0Ck
Nachdenklich fahren wir weiter.
Teil 3726. Jan. 2020
Hinter Sekota haben das Militär und später auch die regionale Tigray-Police verstärkt Check-Points eingerichtet. Nach einer weiteren Stunde halten wir am Pistenrand mit Blick auf die Schlucht des Tekeze und machen Mittagsrast.
Natürlich kommen auch hier schnell einige Anwohner von den Feldern herbei, um die Ferenji zu begutachten.
Nach einer Stunde fahren wir weiter. Wir liegen gut in der Zeit. Mekele ist nicht mehr fern. Die Piste ist gut befahrbar. Die Gegend wird wieder bergiger.
Am Hang der Tekeze-Schlucht sehen wir etliche Baobabs stehen.
In Serpentinen geht es abwärts, bis vor uns einige LKWs stehen.
Aus irgendeinem Grund geht es nicht mehr weiter. Kurze Zeit später sehen wir mit eigenen Augen das Problem. In einer engen Kehre hat der Fahrer eines LKWs mit einem Bagger auf dem Auflieger die Kurve falsch angefahren und die rechten Hinterreifen des Aufliegers in den Graben gesetzt. Der Bagger ist halb herabgerutscht. Das Ganze ist bereits gestern Abend passiert. Aktuell fährt in Zeitlupentempo eine Planierraupe die Serpentinen hoch. Als sie endlich da ist, wird versucht, mit ihr den Bagger wieder auf den Auflieger zu schieben.
Aber naja, beim Versuch bleibt es. Nach einiger Zeit geben die vielen Helfer auf. Da wird wohl heute nichts mehr passieren.
Am Ende der Reise erzählt unsere Reiseleiterin, was sie in der Zeit, als wir an der Unglücksstelle die Bergungsversuche beobachtet haben, versucht hat: Ein Bus aus dem nur noch 100 Kilometer entfernten Mekele sollte gechartet werden, um uns entgegenzufahren. Wir hätten das Rotel komplett geräumt und die Reise als Hotelreise fortgesetzt. Denn ihr war sofort klar: Das wird Tage dauern, bis die Piste wieder frei ist. Aber es war einfach kein Bus aufzutreiben. Dann erkundete der Fahrer die Piste und fand tatsächlich etwa 100 Meter zurück eine etwas breitere Stelle, an der er möglicherweise unseren überlangen LKW wenden könnte. Letztlich blieb nur dieses Manöver, das dann auch in fünf Zügen gelang. Wir saßen dabei mit etwas Beklemmung im Fahrzeug. Wir fahren jetzt also die Piste mehrere Stunden zurück nach Sekota. Unser äthiopischer Guide hatte herausgefunden, das in Sekota ein Hotel mit Hof existiert, in dem wir das Rotel sicher abstellen und aufbauen können. Wie es dort genau aussehen würde, wusste aber natürlich niemand. Als wir etwa eine Stunde zurück gefahren waren, plötzlich ein Knall und Splittern von Glas. Die linke vordere Scheiben des Fahrgastraums ist zertrümmert. Was ist passiert ? Zwei Jungs haben Steine geworfen. Einer der faustgroßen Steine hat das Fenster getroffen. Zum Glück hatte unsere Mitreisende auf dem Platz eine große Tasche am Fenster aufgehängt. Diese hat die Wucht des Steines abgebremst, so das sie unverletzt blieb. Ein längerer Stopp folgte, die Scherben wurden aus dem Fahrgastraumraum gekehrt und der Fahrer dichtete mit einer Plane und Panzerband die Öffnung ab. Eine Verfolgung der Jungs wäre völlig sinnlos gewesen. Welches Gesetz würde uns hier mitten im Hochland beistehen ? Betroffen fahren wir weiter. Kurz vor Sekota sehe ich einen weiteren Jugendlichen drohend einen Stein in der Hand halten. Er wirft ihn zum Glück nicht. Was ist hier los ? Nachdem wir wieder den Militär-Checkpoint passiert haben, suchen und finden wir das Hotel. Im Hof steht ein UN-Fahrzeug, also kann es hier wohl nicht so schlecht sein. Das Hotel ist zwar nur halb fertig ausgebaut, aber einige Zimmer sind bezugsbereit. Zusätzlich gibt es noch Etagenduschen und -toiletten. Reisender, was willst du mehr ? Abends sitzen wir in der Rezeptionshalle und warten auf ein improvisiertes Abendessen aus von uns besorgten Nudeln und Tomaten. Es dauert recht lang, da die Hotelküche nicht darauf ausgelegt ist, für 20 Personen Nudeln zu kochen. Als das Essen dann doch gelingt, erfreuen wir uns an einem Teller Nudeln mit 1 kleinen Löffel Tomatensoße und ein Stück Weißbrot. Dazu ein Bier. Ich schlafe in dieser Nacht sehr gut.
Teil 3826. Jan. 2020
28.11.2019 Gewaltmarsch nach Axum Am Morgen stehen wir bereits um 5 Uhr auf, Frühstück um 6 Uhr, Abfahrt um 7 Uhr. Denn der Plan ist klar: Erst fahren wir eine ca. 100 Kilometer lange, völlig unbekannte Querverbindung zur A2. Dieser folgen wir dann über Mekele bis Adigrat. Von dort dann über einen hohen Gebirgspass über Adua nach Axum. Praktisch 2 Tagesetappen. 500 Kilometer. In Afrika. An einem Tag. Aber sonst müssten wir nach Harar auch noch Axum aus unserem Reiseprogramm streichen. Zunächst geht es einige Kilometer auf der uns bekannten Piste zurück. Dann biegen wir auf die Querverbindung ein. Die Piste ist gar nicht mal so schlecht. Keine Schlaglöcher, aber es geht stundenlang Serpentinen hoch, oben auf den Grat sieht man ins nächste schmale Tal, es geht sofort wieder Serpentinen runter und unten angekommen sofort wieder Serpentinen hoch. Am Grat angekommen, sieht man ins nächste Tal usw.
Wir fahren dabei durch eine Wahnsinns Landschaft. Irre schön. Mir wird keine Minute langweilig.
In den Tälern immer wieder Gehöfte und Bauern bei der Arbeit. Hier sind wir wirklich weit ab von jeglichen Tourismus.
Wir merken dies sofort bei der ersten Buschpause. Lediglich ein Mädchen kommt scheu in unsere Nähe.
Ansonsten ist da niemand weit und breit. Niemals sonst hatten wir soviel ungestörte Zeit für unsere Buschpause. Und weiter geht es durch diese atemberaubende Landschaft.
Endlich, es ist schon nach 11 Uhr haben wir diese ersten 100 Kilometer (!) geschafft. Bei Korem erreichen wir die A2. Ab jetzt geht es zügiger.
Teil 3926. Jan. 2020
Mittags halten wir wieder am Straßenrand und machen eine Stunde Picknick. Immer wieder laufen Einheimische zu Fuß an der Straße entlang an uns vorbei.
Wir sind schon ein echt befremdlicher Anblick mit unseren Klappsitzen am Straßenrand auf unserer Abwegen durch Äthiopien ! Aber die Menschen reagieren alle sehr freundlich auf uns. Ganz anders wird das dann einige Zeit später an einem Checkpoint der Tigray-Police. Diese regionalen Polizeikräfte haben eigentlich keinerlei Befugnis, Touristenfahrzeuge zu kontrollieren. Dies dürfen nur Bundespolizei und Militär. Aber die Tigray sind nach dem Machtverlust nach dem Sturz ihres Präsidenten und der jetzt eingeläuteten Verfolgung und Vertreibung korrupter Tigray durch die amtierende Regierung einfach ganz wild darauf zu zeigen, wer hier das Sagen hat. Eine längere, heftige Diskussion folgt. Es hilft nichts. Die Polizisten verlangen, das wir aussteigen. Ausweiskontrolle, Leibesvisitation und am Ende wohl noch Busdurchsuchung drohen. Da platzt unserem äthiopischen Guide der Geduldsfaden. Wütend schreit er die Polizisten an, wenn ihr uns kontrolliert, will ich auch eure ID-Cards sehen, damit ich euch an das Tourismus-Ministerium in Addis Abeba melden kann. Da ist es plötzlich vorbei mit dem forschen Auftreten der Polizisten. Nach einem kurzen Moment macht einer eine unwirsche Geste, das wir einsteigen und weiterfahren sollen. Um 15 Uhr erreichen wir endlich Mekele. Ab hier wären wir, wenn gestern alles planmäßig gelaufen wäre, heute morgen um 8 Uhr zu einem Fahrtag nach Axum aufgebrochen. Jetzt haben wir diesen kompletten Fahrtag noch vor uns. Zunächst werden wir in Mekele aber plötzlich von einem Zivilisten auf einem Motorrad gestoppt. Er ruft einen Tigray-Polizisten hinzu: Wir hätten eine Check-Point durchfahren, ohne zu stoppen. Ein erneuter Disput beginnt. Unser Fahrer stellt sich dem Polizisten in den Weg, als dieser unbedingt in den Fahrgastraum möchte. „No way“ ruft er, ihr habt nicht das Recht Touristen zu kontrollieren. Mehrere weitere Passanten sammeln sich langsam. Die Situation wird immer hitziger. Zum Glück kommt auch ein Bundespolizist in Uniform vorbei. Er hat die einfache Lösung: „Wenn Sie keinen Check-Point gesehen haben, können Sie ihn ja auch nicht missachtet haben.“ Das klingt für alle Beteiligten logisch. Plötzlich dreht die Stimmung. Alle lachen, schütteln sich die Hände und wir können weiterfahren. Für uns ist das erst mal nicht verständlich. Denn nach unserem deutschen Rechtsempfinden ist ein Vergehen ein Vergehen. Und muss bestraft werden. Aber mit Blick auf die uns erzählten Anekdoten (Foto und Kreisverkehr) des äthiopischen Sinns der Bestrafung, nämlich hier auch immer eine Belehrung erfolgen sollte, macht es dann doch Sinn: Wenn wir den Check-Point nicht gesehen haben, müssen wir ja nicht belehrt, sprich nicht bestraft werden, da wir ja nicht bewusst gegen etwas verstoßen haben. Eine Strafe ist also unnötig. Logisch. Wieder einmal komme ich ins Grübeln: Ist unsere deutsche Sicht der Dinge wirklich immer die beste oder einzig Wahre ? Hinter Mekele müssen wir sofort wieder Höhe machen. Die Serpentinen schrauben sich in engen Kurven nach oben. Danach kommen wir in ein immer trockeneres Gebiet. Als wir Adigrat erreichen, setzt schon die Dämmerung ein. Und jetzt müssen wir in völliger Dunkelheit, da es fast Neumond ist, die engen und steilen Serpentien hoch fahren zur Passhöhe der zwischen uns und Axum liegenden Berge. Zum Glück haben wir ab der Passhöhe einen einheimischen LKW vor uns, der ein ähnliches Tempo wie wir fährt. Bei der extrem steilen Abfahrt können wir uns hinter ihn hängen, um so vom Wissen des einheimischen Fahrers zu profitieren. Die Verständigung der LKW-Fahrer ist international. Der einheimische Fahrer erkennt schnell, das wir ihn als Lotsen brauchen. Vor jeder engen Kurve blinkt er um uns diese anzuzeigen. So folgen wir ihm bald eine Stunde durch die stockdunkle afrikanische Nacht und können die Abfahrt von der Passhöhe sicher bewältigen. Als es flacher wird, fährt es langsamer werdend rechts zu Seite, um uns passieren zu lassen. Mit Lichtzeichen bedankt sich unser Fahrer bei unserem unbekannten Helfer. Die Fahrt zieht sich hin, bis endlich die Lichter von Adua auftauchen und dann dauert es gefüllt nochmals ewig, bis endlich die Lichter von Axum in Sicht kommen. Gegen 21:30 Uhr erreichen wir unser Hotel. Dort wurde extra für uns das Buffet nochmals befüllt. Es schmeckt uns allen ganz besonders gut. Unser Fahrer hat an diesem Tag mit uns 504 Kilometer zurückgelegt und ist dabei 9.144 Höhenmeter hoch (und auch wieder runter) gefahren. Eine irre Fahrt. Müde, aber auch etwas aufgedreht fallen wir in die Koje.
Teil 4026. Jan. 2020
EXKURS 1: Liegt Äthiopien in Afrika ? Aus unserer europäischen Sicht des durch den Geschichtsunterricht geprägten Bildes der klassischen Antike des (europäischen) Mittelmeerraumes betrachtet liegt Äthiopien zunächst mal ganz klar in Afrika. Aber stimmt das ? Meine Sichtweise bzw. Blickwinkel wurde durch unsere Reise nach Äthiopien stark verändert bzw. erweitert. Wobei hier nur der von uns bereiste nördliche Teil Äthiopiens gemeint ist, wenn ich Äthiopien schreibe. Die völlig andere Geschichte und Kultur des östlichen Teils des heutigen, muslimischen Äthiopiens um die Stadt Harar musste ja leider außen vor bleiben bei unserer Reise. Von diesem neuen Blickwinkel aus betrachtet ergibt sich ein viel umfänglicheres Bild der antiken Welt: Beispielsweise bemühen sich viele Historiker seit langem, das sagenhafte Land Punt zu lokalisieren. Erwähnt wird dieses Land in den antiken Quellen häufiger. So auch auf den Reliefs des Totentempels der Pharaonin Hatschepsut, die um 1470 v. Chr. eine große Handelsexpedition ins Land Punt entsandte. Weitere ägyptische Inschriften verorten das Land Punt mal im Süden (also dem heutigen Nordäthiopien,Eritrea), dann wieder im Osten (also Oman und Jemen, dem Reich der Sabäer ). Einig ist man sich in einem: Aus dem Land Punt kommen Weihrauch und Myrrhe. Beides hochbegehrte Handelsgüter in der antiken Mittelmeerregion. Neuere Entdeckungen der Archäologen haben nun in der Nähe von Aden im Jemen Siedlungsreste aus dem 14.-13. Jahrhundert v. Chr. zutage gefördert. Das besondere dabei: Es waren Rundhütten, wie sie zu der Zeit nicht im Jemen, dafür aber in Äthiopien und Eritrea üblich waren. Dazu Keramikscherben, deren Stil und Machart eindeutig auf Äthiopien und Eritrea als Herkunftsland wiesen. Paläobotaniker konnten schließlich sogar den endgültigen Beweis liefern: Sie fanden Pflanzenreste von der afrikanischen Seite des Roten Meeres in einem der Gefäße. Auf der anderen Seite des roten Meeres in Eritrea und Nordäthiopien das gleiche Bild. Hier fanden die Archäologen ab etwa 1.000 v. Chr. Siedlungsspuren der Sabäer. Diese Siedlungen mit ihren typischen, rechteckigen Steinbauten mit sabäischen Inschriften tauchen hier parallel zu den Siedlungen der Afrikaner mit ihren Rundhütten auf. Das besondere: Anders als im Jemen sind die Siedlungen der Sabäer hier in Afrika nicht befestigt. Dies deutet auf eine friedliche Koexistenz hin. Der Grund für die Siedlungen der Sabäer in Nordäthiopien sehen die Historiker in der ab 1.000 v. Chr. belegten stark steigenden Nachfrage nach Weihrauch. Die arabischen Regionen Jemen und Oman konnten die Nachfrage allein nicht decken. Ab 1.000 v. Chr. pflanzten die Sabäer daher auch in Äthiopien und Eritrea in geeigneten Gebieten ganze Gärten von Weihrauchbäumen an. Neuere Forschungen am Relief im Totentempel der Hatschepsut von 1470 v. Chr. legen nun nahe, das die darauf abgebildeten Bewohner des Landes Punt teils schwarzer, teils hellbrauner Hautfarbe waren. Die alten ägyptischen, römischen und griechischen Quellen sowie diese archäologischen Befunde zusammen lassen bei vielen Historikern mittlerweile die Vermutung reifen, beim legendären Land Punt handelt es sich im eine größere Region auf beiden Seiten des Roten Meeres. Also Nordäthiopien, Eritrea, Jemen und Oman. Wir haben es hier also mit einer gemeinsamen Region zu tun, die schon über viele Jahrtausende hindurch von gegenseitigem Austausch geprägt war. Was wäre daher also natürlicher, als das Sabäer mit Weihrauchbaumpflanzen in dieser gemeinsamen Region über das Rote Meer ziehen, um dort ihren Lebensunterhalt mit dem so stark nachgefragten Weihrauch zu verdienen ? Und umgekehrt Menschen aus dem afrikanischen Teils Punts über das Rote Meer ziehen, um dort durch Handel oder Viehzucht ihren Lebensunterhalt zu bestreiten ? Von diesem Standpunkt aus gesehen, liegt Äthiopien plötzlich gar nicht mehr so eindeutig in Afrika.