Sozialsystem

7 Antworten · 3'191 Aufrufe · gestartet 26. Sept. 2014 von Tinochika
Antworten
Themenstarter1'651 Beiträge · seit 201426. Sept. 2014 · #1
Wie ist die medizinische Versorgung der namibischen Bevölkerungsgruppen?
Gibt es ein Sozialsystem in Art einer Krankenversicherung ?
Mir sind die Himbas am Straßenrand aufgefallen, wie sieht deren medizinische Versorgung aus. Können diese Volksgruppen in ein Krankenhaus gehen und übernimmt der Staat die medizinische Versorgung?

Gruß Hartwig
ONS LEWE BEGIN WAAR DIE TEERPAD EINDIG Den Wolken zwei Tage voraus, Fiffi zeigt Tinochika Heimat, Rock and Roll mit Tinochika 2016, Tinochika, Waltzing Mathilda KTP 17,Mit Tinochika vom Kaokoveld in Löwenwelt,Tinochika mit dem Rollenkoffer,Tinochika, 32 Tage im KTP, Die Tinochikas! Hier parkste richtig.
33,1k Beiträge · seit 200627. Sept. 2014 · #2
Hallo Hartwig,
namibischen Bevölkerungsgruppen
meinst Du damit alle Menschen die in Namibia leben?
Also im afrikanischen Vergleich ist die medzinische Versorgung vorbildlich, im Vergleich zu Südeuropa immer noch sehr gut und im Vergleich zu Mitteleurop auch gut. Immerhin ist Namibia neben Südafrika und Ägypten das einzige Land in Afrika, in dem Operationen am offenen Herzen durchgeführt werden. Die staatlichen medizinische Versorgung ist praktisch kostenlos, die private ähnlich teuer wie in Deutschland. Krankenversicherungen gibt es dementsprechend.
Gibt es ein Sozialsystem in Art einer Krankenversicherung ?
Gibt es alles (und in der Art auf dem Kontinent ansonsten nur noch in Südafrika). Die Social Security, in der jeder Angestellte pflichtgemäß Mitglied sein muss, deckt Schwangerschaftsurlaub, dauerhafte Krankheit, Unfall etc. ab. Die Mitgliedsbeiträge sind verschwindend gering (Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen in gleichen Teilen) und die Leistung gut. Zudem gibt es eine staatliche Rente für jeden in gleicher Höhe (die ist sehr gering, aber immerhin reicht sie für eine Person für die Grundversorgung) oder eben ansonsten private Rentenversicherungen.

Viele Grüße aus Windhoek
Christian
Vom 23. August bis 6. September, 10. Oktober bis 18. Oktober 2026, 5. Dezember 2026 bis 17. Januar 2027 und 1. bis 30. Mai 2027 nicht/kaum im Forum aktiv!
Gast27. Sept. 2014 · #3
Hallo Christian,
travelNAMIBIA schrieb:Also im afrikanischen Vergleich ist die medzinische Versorgung vorbildlich, im Vergleich zu Südeuropa immer noch sehr gut und im Vergleich zu Mitteleurop auch gut.
Das mag für Dich als mutmaßlich privat versicherten Kunde der privaten Krankenhäuser so sein. Das Namibia im Vergleich zu Südeuropa eine sehr gute und im Vergleich zu Mitteleuropa eine gute medizinische Versorgung hat, kannst Du doch nicht ernst meinen?

Die Himbas, nach denen hier gefragt wurde, brauchen z.B. vom Marienflusstal oder Purros aus ca. 6 Stunden, um überhaupt mal ein Krankenhaus zu sehen. Aus einigen Ecken noch viel länger. Das ist dann das Krankenhaus in Opuwo und das schneidet im Vergleich zu einem durchschnittlichen Krankenhaus in Südeuropa sicher nicht all zu prächtig ab. Laut diverser Stimmen fehlt es da an allem. Fittken hier im Forum kann dazu sicher ausführlicher berichten. Die neu gebaute Mini-Klinik in Otmenje ist meines Wissens bis heute nicht eröffnet worden und verfällt langsam wieder. Ansonsten würde diese die Wege zu zumindest einfacher medizinischer Versorgung für viele Himbas drastisch verkürzen.

Davon abgesehen gibt es neben persönlichen Eindrücken auch internationale Rankings. Laut denen ist die Gesundheitsversorgung in Namibia eine mittlere Katastrophe.

Ganz aktuelles Ranking 2014/2015 des WEF im Bereich Health
Namibia : Platz 118 von 144
Südeuropa: Italien Platz 4, Spanien Platz 8, Griechenland Platz 22

Von der WHO gibt es keine aktuellen Rankings. Bei den letzten verfügbaren Daten sah es so aus:
Namibia: Platz 168 von 191
Südeuropa: Italien Platz 2, Spanien Platz 7, Griechenland Platz 14

Auch Untersuchungen im Auftrag der namibischen Regierung haben zuletzt ziemlich katastrophale Zustände in vielen staatlichen Krankenhäusern bescheinigt.

In einzelnen Bereichen hat Namibia durchaus Erfolge vorzuweisen. In Sachen Malaria kommt Namibia z.B. auch im WEF-Ranking auf einen hervorragenden Platz 22. Im Vergleich zu einigen anderen afrikanischen Ländern ist auch nicht alles schlecht. Aber im Vergleich zu Süd- und Mitteleuropa eine gute bis sehr gute medizinische Versorgung bescheinigen zu wollen, finde ich etwas abenteuerlich. Zumindest wenn wir über die Bevölkerungsmehrheit sprechen und nicht über das, was sich eine kleine Elite leisten kann.

Beste Grüße

Guido
33,1k Beiträge · seit 200627. Sept. 2014 · #4
Hi Guido,
Das mag für Dich als mutmaßlich privat versicherten Kunde der privaten Krankenhäuser so sein. Das Namibia im Vergleich zu Südeuropa eine sehr gute und im Vergleich zu Mitteleuropa eine gute medizinische Versorgung hat, kannst Du doch nicht ernst meinen?
ich sprach von der medizinischen Versorgung, nicht von der Verfügbarkeit an jeder Straßenecke. Und abgesehen davon, gehe ich lieber ins Staatskrankenhaus von Opuwo, als mich in Neapel auch nur irgendwo in ein staatliches Krankenhaus zu begeben. Aber das sind eben meine Erfahrungen. Mittlerweile können übrigens 98 % aller Krankheiten in Namibia behandelt werden; das gibt es in Afrika außer Südafrika nirgendwo. Das vieles im Argen ist, das ist in Namibia so wie vielerorts. Zahlreiche Krankenhäuser sind schlecht ausgestattet etc.

Gerade vorgestern unterhielt ich mich mit einem deutschen Chirurgen, der nun einige Zeit am Katutura-Staatskrankenhaus operiert. Er war beeindruckt (seine eigenen Worte) von der Austattung und den Fähigkeiten des Personals. Selbst das AA, dass ja überall Gefahren lauern sieht, sagt folgendes:
"Die medizinische Versorgung im Lande ist mit der in Europa nicht immer vergleichbar (Anmerkung von mir: d.h., sehr häufig ist sie es...), auf dem Lande kann sie technisch und apparativ problematisch sein, auch die hygienischen Standards sind nicht immer ausreichend. In Windhuk und den größeren Städten gibt es eine gute ambulante und stationäre Versorgung, ähnlich wie in Deutschland. ..."

Es gibt über 00 Gesundheitseinrichtungen in Namibia und nur von einer (oder zwei handvoll) hört man wirklich schlechtes (und ich spreche nicht davon, wenn irgendwo mal eine Toilette nicht funktioniert)

Die WHO hat im Mai übrigens folgendes Dokument zu Namibia erstellt: http://www.who.int/gho/countries/nam.pdf?ua=1

Aber wenn Du es besser weißt als alle die hier leben....

Viele Grüße aus Windhoek
Christian

P.S. Namibia hat natürlich auch noch mit sowas zu kämpfen 😉 http://www.namibian.com.na/indexx.php?archive_id=96562&page_type=archive_story_detail&page=859
Vom 23. August bis 6. September, 10. Oktober bis 18. Oktober 2026, 5. Dezember 2026 bis 17. Januar 2027 und 1. bis 30. Mai 2027 nicht/kaum im Forum aktiv!
zuletzt bearbeitet 27. Sept. 2014
Gast27. Sept. 2014 · #5
Hallo Christian,
travelNAMIBIA schrieb:ich sprach von der medizinischen Versorgung, nicht von der Verfügbarkeit an jeder Straßenecke.
Das in Windhoek eine medizinische Versorgung in etwa auf europäischem Niveau verfügbar ist, habe ich gar nicht bestritten. Aber das war auch nicht die Frage. Es war die medizinische Versorgung der Bevölkerung und nicht das im Land medizinisch maximal Machbare gefragt.

Sicher kann man die Methodik einiger Statistiken etwas in Frage stellen. Und es gibt generell nur sehr wenige globale Vergleichsstudien zu dem Thema, weil es ein so unendlich komplexes Thema ist. Aber man kann sich auch noch einige Einzelindikatoren anschauen. Z.B. die Müttersterblichkeit. Die Müttersterblichkeit ist hauptsächlich davon abhängig, ob für Mütter eine adäquate medizinische Versorgung verfügbar ist oder nicht. Die Müttersterblichkeit ist in Namibia rund 3.000 Prozent höher als in Südeuropa.
travelNAMIBIA schrieb:Aber wenn Du es besser weißt als alle die hier leben....
Netter Argumentationsversuch - aber immerhin interessant, dass Du für alle sprechen kannst, die in Namibia leben... 😎

Irgendwelche subjektiven Erfahrungen und Einzelbeispiele helfen wohl kaum weiter. Ich könnte sonst anführen, dass mein Sohn vor Kurzem einen Unfall hatte und nach 20 Minuten mit dem Rettungshubschrauber auf der extrem gut ausgestatteten Kinder-Intensivstation der Universitätsklinik Greifwald war. Vielleicht kannst Du mich ja mal aufklären, welcher Helikopter das Himbakind aus dem Marienflusstal oder - einfacher - das Ovambokind aus Outapi schnell in eine vergleichbar gute Klinik bringt? Das bedeutet nämlich medizinische Versorgung - nicht das in einem Krankenhaus in Windhoek theoretisch auch Operationen am offenen Herzen durchführbar sind, während ich anderswo im Land gerade mal ganz schnell ein Krankenhaus brauche, dass mir meinen Blinddarmdurchbruch operiert.

Noch mal zum Schluss: Es geht nicht darum, Namibia schlecht zu machen. Im regionalen Umfeld steht Namibia in Sachen medizinischer Versorgung ganz gut da. Aber wenn Du Namibia eine im Vergleich zu Europa (sehr) gute medizinische Versorgung bescheinigen willst, hast Du meines Erachtens die rosarote Lokalbrille auf. Für Dich als gut situierter und in der Hauptstadt Lebender ist das so ja, für weite Teile der Bevölkerung im Rest des Landes und insbesondere die hier im Thread genannten Himbas wohl eher nicht.

Beste Grüße

Guido
Themenstarter1'651 Beiträge · seit 201427. Sept. 2014 · #6
@Christian, @Guido

vielen Dank für Eure Antworten. Ich hatte mir schon gedacht, dass die medizinische Versorgung für die "privilegierte" Bevölkerung sehr gut ist. Dass es zu großen Problemen auf dem Land für die dort lebenden Menschen kommt ist mir natürlich klar, hat sich jetzt aber durch Eure Antworten bestätigt.
Mich interessiert aber speziell, welche Versorgung erhalten allgemein Personen die ohne Arbeit sind und keine Beiträge zur Sozialversicherung leisten können, wir zum Beispiel die Himbas am Straßenrand in Windhoek. Gibt es so etwas wie eine kostenfreie medizinische Versorgung.

Gruß Hartwig
ONS LEWE BEGIN WAAR DIE TEERPAD EINDIG Den Wolken zwei Tage voraus, Fiffi zeigt Tinochika Heimat, Rock and Roll mit Tinochika 2016, Tinochika, Waltzing Mathilda KTP 17,Mit Tinochika vom Kaokoveld in Löwenwelt,Tinochika mit dem Rollenkoffer,Tinochika, 32 Tage im KTP, Die Tinochikas! Hier parkste richtig.
Gast28. Sept. 2014 · #7
Hallo Hartwig,

um die 75% der Namibier haben keine Krankenversicherung. Selbst von denen, die einen Job haben, hat ganz grob ein Drittel keine Krankenversicherung - typischerweise die mit dem niedrigsten Einkommen. Das staatliche Gesundheitssystem ist im Wesentlichen nicht über ein Versicherungsbeiträge sondern über Steuern finanziert.

Willst Du als Namibier ohne Krankenversicherung medizinische Leistungen in Anspruch nehmen, so werden dafür Gebühren fällig. Diese Gebühren sind aber niedrig (und nicht kostendeckend, deshalb die Steuer-Finanzierung). Statistisch zahlt jeder Nicht-Versicherte im Durchschnitt umgerechnet 2-3 EUR pro Jahr für Behandlungen. Tatsächlich werden viele gar nichts bezahlen, weil sie nichts in Anspruch nehmen und die die Behandlungen brauchen ein bisschen mehr als 2-3 EUR. Zu den Gebührenregelungen gibt es aber auch Ausnahmen. Da habe ich aber keine Ahnung von den Details. Das kann Christian bestimmt erklären - wenn ich ihn nicht vergrätzt habe. 😉 Ich wäre da auch an paar Beispielen zur Gebührenhöhe interessiert.

Beste Grüße

Guido
197 Beiträge · seit 201028. Sept. 2014 · #8
hi there,

nun will/muss ich auch meinen senf beigeben 🙄

das Ovambokind aus Outapi schnell in eine vergleichbar gute Klinik bringt?

60km entfernt in oshikuku ist ein sehr gut ausgestattetes roman catholic hospital in welchem meine kids auch schon mehrfach behandelt wurden.
dort sind auch private und government rettungwagen stationiert.

sodele,
gutes "streiten" wuenscht david