Diese Reise liegt schon länger zurück, und ich schreibe sie erst jetzt auf, nachdem mein damaliges Reisetagebuch verlorengegangen ist – ein genaues Jahr nenne ich deshalb bewusst nicht, nur so viel: Malawi litt zu jener Zeit noch schwer unter AIDS. Ich reise zu zweit mit Thomas, den ich über eine Reisepartnerbörse gefunden und vorher nie getroffen habe; wir lernen uns erst am Flughafen in Amsterdam kennen. Mit dem eigenen Fahrrad geht es von Lilongwe an den Malawisee bei Salima und Senga Bay, in den Liwonde-Nationalpark am Shire River und weiter bis Cape MacLear, bevor wir uns wegen unterschiedlich langem Urlaub trennen und ich allein eine Schleife über Nkhotakota zurück in die Hauptstadt fahre.
Ich erzähle das bewusst nicht als durchgehendes Tagebuch, sondern als lose Schnipsel einzelner Begegnungen abseits der üblichen Sehenswürdigkeiten. Wo asphaltiert, sind die Strassen gut, sonst geht es über staubige oder steinige Pisten – eine sechs Kilometer lange Abfahrt über kopfgrosse Steine bei einem Militärgelände ist die anstrengendste Etappe der ganzen Reise. Tagsüber ist es bei fast 40 Grad im Schatten drückend heiss, nachmittags kippt es oft in ein heftiges Gewitter, und Wasser muss ich unterwegs an Dörfern nachkaufen. Ich zelte bei einer Missionsstation und auf dem Gelände eines Waisenhauses, und an einem Flussufer nähert sich mir nachts unbemerkt ein junges Flusspferd bis auf wenige Meter. Weil Radfahren im Nkhotakota Game Reserve wegen Löwen und Elefanten verboten ist, sitze ich dort stattdessen stundenlang auf einem hoffnungslos überladenen Lastwagen.
Teil 128. März 2026
Moni onse (was so viel heißt wie „hallo zusammen“ auf Chichewa, der dortigen Landessprache),
ich arbeite eine weitere Reise aus der Vergangenheit in Form eines Reiseberichts auf und nach zwei Berichten von Reisen auf anderen Kontinenten geht es diesmal wieder irgendwo durch den „Schwarzwald“, also durch Afrika.
Wie auch ihr vielleicht nicht wisst, hieß Malawi bis 1964 Njassaland und gehörte zur Föderation Rhodesien und Njassaland. Kurz nachdem Njassaland unabhängig wurde und seitdem Malawi heißt, folgte noch im gleichen Jahr Nordrhodesien und wurde zum heutigen Zambia. Südrhodesien hieß nun Rhodesien und wurde 1980 zu Zimbabwe.
Malawi liegt im nordöstlichen Südafrika. Die Ostafrikaner sagen, es liegt im südlichen Ostafrika und die Einwohner selbst sprechen vom südöstlichen Zentralafrika. Malawi ist ein Land, wo kein Ort mehr als 7 km von einem anderen entfernt ist. Warum das so ist, müssen auch wir erst noch lernen.
Da mein Reisetagebuch verschollen ist, werde ich etwas improvisieren und einzelne Erlebnisse und Begegnungen nicht immer in chronologischer Reihenfolge herausgreifen, bei denen Ort und Reihenfolge aber völlig belanglos sind. Es sind aber Erlebnisse dabei, die „normale“ Touristen eher selten bis gar nicht erleben werden und vielleicht gerade deshalb könnte es für einige von euch interessant sein. Für Leute, die Unterkunftstipps und Infos zu sog. „Highlights“ suchen, wird es wohl eher ödes Brachland.
Der Bericht hat wenige Bilder, aber eines kommt mal vorab. Der Name der Dorfkneipe beschreibt die Zustände im Land schon ganz gut.
Gruß Wolfgang
Teil 230. März 2026
Die Idee zur Reise entstand wie so oft sehr kurzfristig. Ursprünglich sollte es in die Atacama-Wüste in Chile gehen und ich hatte eine Reisepartnerin, mit der ich mich vorher auch getroffen hatte und die auch etwas Spanisch konnte. Unglücklicherweise hatte sie etwa drei Wochen vor Reisebeginn einen Fahrradunfall mit kompliziertem Armbruch, der eine OP erforderte. Ohne Spanischkenntnisse wollte ich nicht alleine durch Chile und überlegte mir was Neues. Malawi sollte es spontan werden.
Ich setzte ein Reisepartnergesuch in das damals noch bestehende Forum des Outdoor-Ausrüsters Globetrotter. Dieses Forum war nicht besonders stark frequentiert, aber qualitativ sehr gut, weil alle dort die gleiche Art des Reisens bevorzugten – also spontan drauflos und nicht jede Unterkunft monatelang im Voraus buchen.
Ich bekam eine Nachricht von Thomas und wir telefonierten. Die Zeit reichte nicht mehr für ein Treffen vorab, da wir 400 km voneinander entfernt wohnten. Wir sprachen kurz darüber, dass sich jeder zutraut, alleine weiterzureisen, falls es nicht harmoniert und man sich trennen müsste und dann buchte ich die Flüge – einmal von Frankfurt und einmal von München nach Amsterdam, wo wir uns dann vor dem Langstreckenflug erstmals sahen.
So gings los und in Kürze geht’s weiter.
Gruß Wolfgang
Teil 330. März 2026
Auf dem Flughafen Schiphol in Amsterdam begegnen wir uns irgendwo im Terminal und einer spricht den anderen auf Verdacht an, weil wir beide jeweils eine Fahrradpacktasche als Handgepäck haben. Treffer. Wir haben uns zufällig gefunden und gehen gemeinsam zum Check-In.
Der Flug verläuft unspektakulär, aber das Gepäck von Thomas ist nicht dabei. Grande Malheur de Kack. Sein Fahrrad ist mitgekommen, aber Zelt und Klamotten fehlen.
Ein Taxi bringt uns zur Backpackerunterkunft mit Campingplatz (ich glaube, es war das Mabuya Camp) in der Hauptstadt Lilongwe. Die Kartons mit den Fahrrädern bindet der Fahrer etwas abenteuerlich aufs Autodach. Man ist von der Unterkunft in 15 min zu Fuß in der Stadtmitte, aber dennoch liegt es sehr ruhig in einer Seitenstraße. Während ich im Zelt übernachte, hat sich Thomas ein Zimmer genommen.
Am Abend sitzen wir zusammen im Außenbereich der kleinen Bar, als Thomas irgendwann meint: „Schau mal nach oben“. Zwei Meter über unseren Köpfen laufen Ratten emsig hin und her und stören sich überhaupt nicht daran, dass Leute in so kurzer Entfernung sind.
Später am Abend spiele ich mit einem Angestellten noch eine Partie Bao Game. Das ist ein in vielen Ländern Afrikas beliebtes Mancala-Spiel, das es in etwa 60 Varianten mit unterschiedlichen Regeln und Namen gibt. In Malawi nennt man es auch Bawo, in Namibia Owela. Das Spiel kann einen sehr komplexen Verlauf nehmen. Auf Zanzibar habe ich mal mit einem Einheimischen eine Partie gespielt, die zwei Stunden dauerte.
Am nächsten Morgen fährt Thomas nach dem Frühstück mit dem Taxi zum Flughafen. Sein Gepäck ist immer noch nicht da. Wir gehen in die Stadt, da Thomas bei dem schwülheißen Wetter gerne mal frische Klamotten anziehen möchte. Das ist gar nicht so einfach, da Thomas etwa 1,90 m groß ist und die Malawier im Normalfall eher um einiges kleiner sind. Das sorgt auch im Laufe der Tour dafür, dass er sich fast täglich an einem Vordach oder beim Betreten einer Hütte den Schädel anschlägt. Irgendwo werden wir fündig und finden ein Hemd in passender Größe. Es trägt sich so angenehm, dass Thomas während der ganzen Tour fast nichts anderes anhat, außer wenn das Hemd nach dem Durchwaschen trocknet.
Am zweiten Tag ist sein Gepäck dann endlich mitgekommen und die Reise kann beginnen.
Gruß Wolfgang
Teil 430. März 2026
Als Info vorab noch ein paar Zahlen, damit man sich besser auskennt (Zahlen aus der Reisezeit). Malawi gehört zu den ärmsten Ländern weltweit. Der durchschnittliche Monatsverdienst beträgt etwa 17 Euro, aber die Preise im Supermarkt sind fast wie bei uns. Aufgrund von AIDS ist die durchschnittliche Lebenserwartung auf 37 Jahre gesunken. Unter den AIDS-Opfern sind auch etliche Lehrer. Um die vielen Kinder überhaupt noch unterrichten zu können, sind die Klassengrößen riesig und es wird im Zweischichtbetrieb unterrichtet. Die Hälfte der Kinder geht morgens zur Schule, die andere Hälfte am Nachmittag.
Heutzutage sieht die Situation glücklicherweise besser aus. AIDS konnte eingedämmt werden und die Lebenserwartung ist wieder auf ca. 70 Jahre gestiegen. Der monatliche Durchschnittsverdienst gehört mit etwa 40 Euro aber immer noch zu den geringsten weltweit. Wer selbst durch Malawi reist, sollte dies im Hinterkopf haben und nicht unangemessen mit Trinkgeld um sich werfen.
Kinder in Malawi gehen durchschnittlich fünf Jahre zur Schule. Der Großteil der Menschen lebt von Handwerk oder Landwirtschaft. Wer Glück hat, findet etwas in der Tourismusbranche.
Jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann hier als Arzt oder Heiler wirken. Man befestigt eine etwa 4 m lange Holzstange am Dach seiner Hütte und befestigt ein Stück farbigen Stoff daran - fertig ist die Arztpraxis. Die Farbe des Stoffes zeigt das Fachgebiet an. So gibt es z.B. Farben für Hebammen, Naturheiler, Allgemeinärzte, Zahnärzte. Keiner von ihnen hat eine wirkliche Ausbildung, sondern gibt das Wissen von einer Generation zur nächsten weiter. Ärzte, wie wir sie kennen, gibt es nur in den größeren Städten.
Ähnlich wie in Äthiopien und Ghana gibt es auch in Malawi viele Rasta-Anhänger. Wegen meiner vergleichsweise langen Haare werde ich von Rastas oft als einer von ihnen begrüßt, während ich in Zambia täglich als Jesus angesprochen wurde.
An Spielzeug haben Kinder nur das, was sie sich selber bauen. Das sind oft Autos aus Draht mit funktionsfähiger Lenkung, aber hier sind auch andere Varianten möglich. Hier mal eine Auswahl von selbstgebautem Kinderspielzeug. Die Fotos stammen nicht nur aus Malawi, sondern auch aus Tanzania, Rwanda, Namibia, Ghana, Sierra Leone und Guinea-Bissau. Die Situation für Kinder ist ja überall gleich …
Gruß Wolfgang
Teil 531. März 2026
Aus Lilongwe raus geht es bald einige Kilometer bergauf. Wir machen kurze Pause in einer kleinen Bretterbude am Straßenrand bei Tee und trockenem Weißbrot. Licht fällt nur durch die offene Tür in die fensterlose winzige Hütte. Thomas meint, er denke gerade an seine Kollegen und fügt hinzu: „Niemand von denen wäre hier jemals reingegangen“.
Später holen wir uns an einer Tankstelle eine kalte Cola und stellen uns einen Moment in den Schatten. Ein Bettler kommt auf uns zu und wird von einem Security-Mann vom Gelände verwiesen. Er fängt an zu diskutieren und wir merken, dass er offenbar geistig eingeschränkt ist. Der Security-Typ zieht ihm kurzerhand ein paar mit dem Schlagstock über und entschuldigt sich dann bei uns dafür, dass wir belästigt wurden. Die Aktion war unnötig. Das hätten wir auch gewaltfrei hinbekommen, ohne dass der arme Kerl mit einer Platzwunde am Kopf abzieht. Wir wissen natürlich nicht, was hier evtl. in der Vergangenheit vorgefallen ist.
Wir übernachten irgendwo unspektakulär bei Salima.
Gruß Wolfgang
Teil 631. März 2026
Am nächsten Tag ist es eine kurze Etappe bis Senga Bay am Malawisee. Um die Mittagszeit sind wir dort und finden eine Unterkunft namens Cool Runnings. Es ist ein kleiner Campingplatz direkt am Ufer, aber es gibt auch feste Hütten.
In der Toilettenschüssel lebt ein kleiner Frosch, der offenbar auf Moskitos lauert. Er versteckt sich immer oben unter dem Rand, wird aber bei jedem Spülvorgang vom Wasser nach unten gerissen.
Die Besitzerin des Geländes ist eine Amerikanerin, die in ihrer Freizeit an ihrem Chevy-Pickup aus den 70ern schraubt. Teilweise sitzt sie dabei sogar im Motorraum. Wahrscheinlich ist sie zu klein, um von der Seite an die Mitte des Motorraums zu gelangen.
Die Küche ist begrenzt. Es gibt jeden Abend ein Gericht zur Auswahl. Entweder wählt man es oder man lässt es bleiben. Man muss es bis mittags vorbestellen und es wird zu einer festen Uhrzeit serviert.
Für den nächsten Tag buchen wir eine Bootstour zur nahe gelegenen Insel Lizzard Island.
Hier gibt es eine kurze Wanderung über die sehr kleine Insel, aber Hauptpunkt ist Schnorcheln vor der Insel. Hier leben Buntbarsche, von denen einige Arten nur im Malawisee vorkommen. Buntbarsche gehören zu den sog. Maulbrütern. Sie begleiten die Jungfische auch noch nach dem Schlüpfen und bei Gefahr öffnen sie ihr Maul und bieten dem Nachwuchs darin Schutz, bis die Gefahr vorüber ist. Die Natur bietet immer wieder Überraschungen.
Die traditionellen Einbäume der Malawier haben eine ungewöhnliche Form. Der ausgehöhlte Bereich in der Mitte ist nur für die Beine gedacht. Die Leute selbst sitzen dabei auf dem Rand des Bootes, wodurch das insgesamt eine sehr instabile Lage ergibt. Von einem Deutschen, der in Malawi Freiwilligendienst leistet, erfahre ich, dass er mal versucht habe, mit so einem Boot zu fahren. Mehr als wenige Sekunden habe er nie geschafft, bevor er mit der ganzen Fuhre umkippte und im Wasser lag. Das Brett am vorderen Ende des Bootes ist dafür gedacht, beim nächtlichen Fischfang Lampen daran zu befestigen, um die Fische anzulocken.
Gruß Wolfgang
Teil 731. März 2026
Am Nachmittag kommen wir an einer Chibuku-Bar vorbei und kehren kurz ein. Thomas kennt Chibuku nicht und ich finde, Thomas könne mit dieser Wissenslücke ja schließlich unmöglich aus Malawi zurückkehren.
Chibuku ist ein Bierersatz aus Sorghum-Hirse und man bekommt es in keinem Supermarkt, sondern fast ausschließlich in solchen Chibuku-Bars, in denen es keine anderen Getränke gibt. Es kostet einen Bruchteil normalen Bieres und gilt daher als Getränk der einfachen Bevölkerung. Einige einfache Dorfkneipen auf dem Land bieten es auch parallel zu Bier und Cola an und wenn man sich auf einem Markt durchfragt, kann man auch mal einen Händler finden, der es unter der Hand verkauft. Chibuku sieht ungefähr aus wie Trinkjoghurt mit Bröckchen drin und wenn man es verschüttet, sieht es etwa so aus, als habe sich da jemand übergeben. Thomas reicht der erste Schluck. Er findet es ziemlich übel. Ich habe auf meinen Touren in Ostafrika überhaupt nur noch einen Weißen getroffen, der das Gebräu trinken konnte. Selbst ein Afrikaner hat mich mal überrascht angesprochen und gemeint, wenn er davon auch nur einen Becher trinke, hätte er innerhalb von 10 min Durchfall.
Noch ein kleiner Ausflug in die Geschichte: Auf dem Malawisee (damals noch Njassasee) fand auch die wohl erste „Seeschlacht“ des Ersten Weltkriegs statt, zumindest aber die skurrilste. Njassaland war damals britische Kolonie und im Norden grenzt Tanzania (damals Deutsch-Ostafrika) an den See. Beide Länder hatten je ein bewaffnetes Dampfschiff auf dem See und die Besatzungen beider Schiffe besuchten sich jahrelang regelmäßig. Als am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, erfuhren die Briten in Njassaland am 4. August per Telelegramm davon. Sie bekamen raus, dass das deutsche Schiff wohl zur Reparatur im damaligen Sphinxhafen lag. Sie starteten am 13. August und erreichten den Hafen am folgenden Morgen, wo sie begannen, das deutsche Schiff zu beschießen. Der deutsche Kapitän kam ihnen mit einem Ruderboot entgegen und beschwerte sich. Daraufhin wurde er vom britischen Kapitän informiert, dass Krieg ausgebrochen sei (die Deutschen wussten davon nach über zwei Wochen seit Kriegsbeginn noch nichts) und wurde festgenommen. Ab dem 14. August wusste man es nun auch in Deutsch-Ostafrika. Die Briten entfernten das Bordgeschütz und wichtige Maschinenteile, so dass das Schiff unbrauchbar war.
Aus dieser Epoche zeige ich euch auch mal einen Geldschein aus Deutsch-Ostafrika. Aus Njassaland habe ich leider keinen, da die sehr schwer zu bekommen sind. Ein Geldschein mit Beschriftung auf Deutsch und Swahili und der Währung „Rupie“ dürften aber auch nur wenige von euch bisher gesehen haben.
Gruß Wolfgang
Teil 801. Apr. 2026
Wir fahren am nächsten Tag Richtung Süden. Die Asphaltstraßen im Land sind überraschend gut. Es ist eben und geht recht flott voran. Es ist morgens um 11 Uhr schon 38 Grad im Schatten, aber wir sind natürlich nicht so blöd, bei diesen Temperaturen auch noch in den Schatten zu gehen. Viel zu heiß dort.
Die Temperatur bleibt über den Tag stabil, aber am Nachmittag zieht ein Gewitter auf. Wir sehen zu, dass wir rechtzeitig das nächste Dorf erreichen und eine Unterkunft finden, denn Gewitter mit dem Fahrrad ist echt doof. Das war mir Jahre zuvor schon mal am Rande der Namib passiert, als ich mitten in ein Gewitter geriet. Die Blitze schlugen um mich herum ein und ich sah im Geiste schon die Schlagzeile der Zeitung: „Radfahrer in Wüste vom Blitz erschlagen“. Ich konnte förmlich schon die Druckerschwärze riechen.
Wir finden eine ganz einfache Unterkunft und sie haben noch zwei freie Zimmer. Es sind einfache Bretterbuden und es gibt auch keine Toiletten. Wer auf Toilette muss, findet davor ein freies Fleckchen am Straßenrand mit etwas Sichtschutz zur Straße hin. Direkt anschließend und zur Unterkunft gehörend befindet sich ein kleiner Bretterverschlag, der als Bar oder Kneipe dient.
Die Temperatur ist innerhalb weniger Minuten von 38 auf 27 Grad im Schatten abgesunken und wir sind zuvor durch die Sonne geradelt. Vor wenigen Tagen stand ich zuhause morgens noch bei Frost im T-Shirt am Auto und habe die Scheiben freigekratzt und jetzt muss ich mir bei 27 Grad einen Fleecepulli überziehen, weil mir kalt ist. Das hätte ich mir nie vorstellen können.
Wir setzen uns in die Baracke und bestellen einen Gerstenvollkornsprudel. Viele Alternativen gibt’s hier im Dorf ja nicht, zumal es inzwischen wie aus Eimern schüttet und es noch zu früh zum Schlafen ist. Wir sitzen noch nicht lange, als zwei Polizisten erscheinen, sich zu uns an den Tisch setzen und ebenfalls ein Bier ordern. Sie hauen sich ihr Bier in den Hals und bestellen eine Runde nach der anderen, als gäbe es kein Morgen mehr. Mir wird es irgendwann zu viel, verabschiede mich und lege mich schlafen.
Irgendwann in der Nacht weckt mich meine Blase, da das Bier wieder an die frische Luft möchte. Schlaftrunken öffne ich die Tür und stoße in der Dunkelheit fast gegen etwas. Man hat hier am Abend ein Rind geschlachtet, in Viertel zerteilt und unter den Vordächern aufgehängt. Ein Rinderviertel haben irgendwelche Vollhonks genau vor meine Tür gehängt, obwohl es links und rechts auch andere Stützbalken des Vordachs gegeben hätte. Die haben doch wirklich einen nicht unerheblichen Fehlbestand im Aufbewahrungsmobiliar für Heißgetränkgefäße. Wäre ich dagegen gelaufen, wäre ich vom Gesicht abwärts blutverschmiert und hätte mich mangels Wasser nicht mal waschen können. Afrika …
Morgen geht es zum Liwonde Nationalpark und dann gibt es auch wieder Fotos.
Gruß Wolfgang
Teil 902. Apr. 2026
Entlang der Straße verkaufen ein paar Kinder Mangos. Eigentlich ist das Quatsch, denn hier stehen überall Mangobäume und alle hängen voll mit Mangos. Die Äste hängen tief genug, dass man sie aus dem Stand pflücken kann. Wir finden es aber gut, dass die Kinder nicht betteln, sondern auf ehrliche Art Geld verdienen möchten und wollen das unterstützen. Wir fragen, was sie kosten sollen und sie nennen uns umgerechnet 10 Cent. Wir geben ihnen das Geld und erhalten dafür nicht eine Mango, sondern gleich zwölf.
Jeder von euch, der schon mal zwölf Mangos auf dem Fahrrad transportiert hat, kann sich bestimmt gut daran erinnern, wie diejenigen aussahen, die man nach zwei Tagen noch nicht gegessen hatte und einen Teil der Strecke über Piste ging. Die anderen können es sich vielleicht vorstellen. Wem die Vorstellungskraft fehlt, der kann ersatzweise mal ein Rudel Tomaten am Wochenende auf ‚nem Radausflug spazieren fahren. So ähnlich wurde wahrscheinlich Ketchup erfunden. Und Mangochutney …
Wir biegen irgendwann links ab und treffen an der Abzweigung einen einheimischen Radfahrer, den wir fragen, ob das der Weg zum Liwonde Nationalpark sei. Er bejaht es und meint, er würde uns begleiten und den Weg zeigen. Das ist völlig überflüssig, weil es keine weiteren Abzweigungen auf der Piste gibt und ich rechne fest damit, dass er anschließend Geld für seine Arbeit als Guide verlangt, aber das ist unbegründet. Er verabschiedet sich und radelt wieder zurück. Er ist einfach mal 20 km mit uns geradelt, aber vielleicht wohnt er auch in einer der zahlreichen kleinen Siedlungen entlang der Piste und wäre einen Teil der Strecke sowieso gefahren.
Wir fragen am Eingang des Nationalparks, ob wir mit den Fahrrädern reindürfen. „Sure, no problem“, heißt es. Damals ritten Cowboys noch auf Dinosauriern, Gummistiefel waren noch aus Holz und Radfahrer durften tatsächlich noch in den Nationalpark. Alle drei Dinge haben sich inzwischen geändert.
Wir fahren etwa zwei Kilometer bis zu einem Fluss. Das Camp liegt auf der anderen Seite des Flusses. Ein Boot setzt uns und die Fahrräder über. Ich denke, dieser Parkeingang wird vor allem von Angestellten des Camps benutzt, die im nahe gelegen Dorf wohnen. Autotouristen nutzen meist eine andere Zufahrt zum Park, da sie ansonsten auf angebotene Touren angewiesen wären, denn das Auto muss man logischerweise am Ufer stehenlassen. Das Camp selbst ist von Palisaden umgeben, was aber eher Deko ist, denn die beiden Zufahrten sind immer offen und haben keine Tore. Der Campingbereich liegt ohnehin außerhalb und wir sind die beiden einzigen Camper. Man belehrt uns, das wir aus Sicherheitsgründen das Camp mit den Rädern nicht verlassen dürften. Zum Verlassen des Parks dürfen wir später wieder mit den Rädern raus, aber zwischendrin nicht.
Wir stellen die Zelte auf, wobei ich meines wegen des guten Wetters und der Windstille nicht richtig abspanne. Am Vorabend unserer Ankunft waren hier Elefanten zu Besuch. Das Foto entstand leider erst vor der Abreise, weshalb die Haufen schon vertrocknet und zerfallen sind.
Nur 30 Meter entfernt ist das Ufer des Shire Rivers. Hier gibt es zahlreiche Krokodile und jede Menge Flusspferde. Wir achten deshalb darauf, einen grasfreien Bereich zu wählen, damit uns diese gefährlichen und gleichzeitig auch irgendwie dämlichen Tiere nachts nicht in die Quere kommen.
Wir gehen in das kleine offene Restaurant und essen etwas, sitzen noch zum Quatschen beisammen und schauen auf den Fluss. Später begleitet uns ein bewaffneter Ranger mit Handscheinwerfer an die Zelte, stellt eine Petroleumlampe davor, damit Tiere rechtzeitig erkennen sollen, dass da jemand ist und erklärt uns, dass wir die Zelte erst wieder verlassen dürfen, wenn es hell wird.
Gruß Wolfgang
Teil 1003. Apr. 2026
Da wir mit den Rädern nicht weiter in den Park dürfen, machen wir am nächsten Tag eine Bootstour auf dem Shire River mit. Außer uns ist noch ein amerikanisches Ehepaar dabei. Der Liwonde Nationalpark ist ein relativ kleiner Park mit nur etwa einem Zwanzigstel der Fläche des Krugerparks oder Etosha, hat aber eine sehr hohe Tierdichte besonders an Flusspferden und Elefanten. Teilweise lebten hier fast zwei Elefanten pro Quadratkilometer, bevor etwa 40% davon ins Nkhotakota Game Reserve umgesiedelt wurden. Im Vergleich dazu sind es pro Quadratkilometer im Krugerpark etwa 0,8 und im kargen Etosha 0,1.
Für Vogelfreunde ist es bei über 400 Vogelarten auch lohnenswert. Das Gebiet mit den Nashörnern ist aus Schutz vor Wilderern gesondert eingezäunt und nur mit Guide besuchbar. In diesem Bereich leben auch die etwa 1.200 Büffel.
Die Elefanten im Park machen einen sehr entspannten Eindruck. Das liegt wahrscheinlich einerseits an der geringen Besucherzahl im Park und andererseits daran, dass der Shire der Ablauf des Malawisees ist und ganzjährig einen stabilen Wasserstand hat. So haben die Tiere keinen Stress, genügend Wasser zu finden.
Die Flusspferde sind weniger entspannt. Das liegt wohl an der Kombination von großer Anzahl und ausgeprägtem Revierverhalten. Einmal taucht ein Flusspferd direkt hinter dem Boot auf und reißt drohend sein Maul auf. Der Guide gibt zügig Gas und sieht zu, dass er Abstand gewinnt.
Die Bootstour ist klasse mit vielen Tierbegegnungen und die Elefanten vom Wasser aus zu erleben, ist wirklich toll. Leider ist das Fotografieren aus dem schaukelndem Boot schwierig, aber einige Fotos zeige ich trotzdem, um einen Eindruck zu vermitteln. Fast schon witzig ist das Foto mit dem Elefantenbaby, das fast im Gras verschwindet. Und vielleicht kann jemand den Vogel auf dem völlig verwackelten letzten Bild aufgrund seiner auffallenden Farben trotzdem identifizieren?
Gruß Wolfgang
Teil 1104. Apr. 2026
Für den nächsten Nachmittag buchen wir einen Gamedrive. Auf dem Weg zum Frühstück laufen wir am Schwimmbecken des Camps vorbei. Es ist gerade eine größere Gruppe einer Organisation im Camp, die hier offenbar irgendeine Fortbildung machen. Sie waren uns am Vortag schon aufgefallen, als sie aus einem Gruppenraum in der Nähe des Restaurants kamen. Heute ist Schwimmkurs. Wie so viele Afrikaner sind die Jugendlichen und jungen Männer der Gruppe alle Nichtschwimmer. Unbeholfen machen sie ihre ersten Versuche. Als wir nach dem Mittagessen vorbeikommen, machen sie bereits ein Wettschwimmen als Staffel.
So ähnlich könnte es auch bei Eric Moussambani angefangen haben. 1999 war er noch Nichtschwimmer und wenige Monate später startete er für Äquatorialguinea bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. Manches geht schnell in Afrika, Anderes ändert sich nie. Eric Moussambani wurde zwar mit großem Abstand Letzter, aber er war Olympiateilnehmer und hatte ein denkwürdiges Rennen, das in die Geschichte einging.
Der Gamedrive ist so mittelmäßig ergiebig. Die Bootstour am Vortag war eine Klasse besser. Zum Sonnenuntergang machen wir bei kühlen Getränken und kleinen Snacks einen Stopp am Flussufer. Die beiden anderen Teilnehmer der Tour kennen wir bereits von der Bootstour.
Bei den Flusspferden wundere ich mich immer wieder, dass diese massigen Tiere mit ihren kurzen Beinen schneller laufen können als der schnellste Mensch.
Auf dem Rückweg durch die Dunkelheit nimmt der Guide außen auf dem Sitz an der Front Platz und leuchtet mit einem Handscheinwerfer die Gegend ab. Auf dieser Etappe der Fahrt sehen wir jedoch nur Bäume und die stehen da wie angewurzelt.
Gruß Wolfgang
Teil 1204. Apr. 2026
Am nächsten Morgen verlassen wir den Park. Man bringt uns wieder auf die andere Flussseite und meint dann: „Passt auf, es sind aktuell gerade Elefanten entlang der Strecke“.
Thomas und ich unterhalten uns extra laut, damit uns die Tiere rechtzeitig hören können und wir sie nicht überraschen, denn das Dickicht beidseits der Piste lässt wenig Sicht zu. Da uns gerade nichts Besseres einfällt, zitieren wir Gedichte von Heinz Erhardt. Diesen Moment werde ich wohl nie vergessen – zwei Radfahrer im Nationalpark, die lautstark Gedichte zitieren. 😉
Und dann passiert es trotzdem … drei der grauen Langnasen haben ihre riesigen Horchlappen nicht benutzt und treten durch das Dickicht von links auf die Piste. Wir bleiben sofort stehen, obwohl wir -von rechts kommend- eigentlich Vorfahrt hätten. Die Elefanten bemerken uns und bleiben auch kurz stehen. Nach einer Sekunde setzen sie sich in Bewegung und verschwinden im Trab rechts im Dickicht.
Thomas meint später, die waren höchstens zehn Meter entfernt, ich schätze 20-30. Wie auch immer … auf jeden Fall ein bisschen zu nahe für Radfahrer.
Nach dem Verlassen des Parks fahren wir die gleiche Piste zurück wie auf dem Hinweg. Heute scheint Sonntag zu sein, denn im Vergleich zum Hinweg wimmelt es hier heute von Kindern. Viele grüßen und winken nur, die restlichen kommen zur Piste gerannt, strecken die Arme aus und wollen einen abklatschen. Ich muss mich abwechselnd zwischen links und rechts entscheiden, da ich im Gegensatz zu Zaphod Beeblebrox nur zwei Hände habe und eine davon am Lenker bleibt. Die Kinder freuen sich jedes Mal ein Loch in den Bauch und am Ende der 20 km habe ich sicherlich 100 Kindern eine Freude gemacht. Das ist einer dieser Momente, die man in dieser Form nur auf einer Radreise erleben kann.
Zwischen den Siedlungen ist die Piste schmal und häufig von Dickicht umgeben. Nach etwa 20 km erreichen wir wieder Asphalt und fahren weiter …
Unterwegs fragen wir manchmal ab und zu, wie weit es bis zum nächsten Dorf ist. Es sind fast immer „seven kilometers“. Wenn es zu weit zum Laufen ist oder die Leute keine Ahnung haben, sind es sieben Kilometer. Sieben Kilometer können ganz schön lang sein – heute über 80 zu den bereits 20 geradelten … Warum wir trotzdem immer wieder fragen, weiß ich selbst nicht. Wir kennen die Antwort ja schon vor der Frage und sie ist nie hilfreich. Wirklich nie.
Wir fragen irgendwo, wie weit es bis X ist (den Namen habe ich vergessen, aber dort sollte es eine Missionsstation mit einer Übernachtungsmöglichkeit geben). Es seien 7 km, heißt es. Nach 20 km fragen wir erneut. 7 km, heißt es. Nach weiteren 20 km fragen wir wieder und ihr ahnt es bereits … - es sind 7 km. Weitere 20 km später fragen wir erneut ein paar junge Männer. Sie beraten sich kurz und antworten dann „6 km“. Ich sage zu Thomas: „Und ich hätte wetten können, es sind sieben“. Thomas antwortet trocken: „Ja, so kann man sich täuschen“. Er haut in jeder Situation noch irgendeinen Spruch raus. Nach einer weiteren Stunde oder mehr erreichen wir im letzten Tageslicht den Ort X und die Missionsstation.
Wir bekommen noch ein Zimmer, aber zu essen gibt es nichts mehr. Eine kalte Hopfenschaumsuppe im Glas können wir uns noch mit ins Zimmer nehmen und schlafen die Nacht wie Babys. Am nächsten Morgen besuchen wir nach dem Frühstück das kleine Museum der Mission. Der Missionsleiter erklärt uns viele Dinge zur Geschichte und zur aktuellen Situation im Land. Hier erfahren wir auch, was hinter den farbigen Fahnen auf den Hütten steckt, die uns vorher schon immer wieder auffielen und wir keine Erklärung hatten.
Gruß Wolfgang
Teil 1305. Apr. 2026
Die nächsten Beiträge kommen ohne Fotos. Das liegt daran, dass wir beide mit je einer analogen SLR und einer digitalen Knipskiste unterwegs sind. Je nach Situation wird die eine oder andere Kamera verwendet und die Dias sind nicht eingescannt.
Es geht heute zum Cape MacLear und Monkey Bay an der Südspitze des Malawisees, dessen Nord-Süd-Ausdehnung etwa 580 km beträgt. Die Region ist ziemlich touristisch und für mich ist es eigentlich schon zu viel. Auch Thomas mag lieber ursprünglichere Regionen. Es gibt einen kleinen Bootsverleih und ich leihe mir ein „Kajak“, das sich so als Mischung zwischen Kajak und Surfbrett mit Sitz entpuppt. Hauptsache, es schwimmt. Ich bin ziemlich weit draußen, als in der Ferne hinter mir ein Gewitter aufzieht und starker Wind einsetzt. Ich hatte vorher gelesen, dass auf dem See bei Unwetter Wellen bis 3 Meter Höhe auftreten können. Ein Fischerboot kommt mir entgegen. Die Männer im Boot paddeln fast schon panisch in Richtung Ufer und rufen mir zu, ich solle mich beeilen. Der Wind sorgt für eine starke Strömung, so dass ich nicht auf direktem Weg zurück paddeln kann, sondern mich seitlich abtreiben lasse, um überhaupt erst mal das Ufer zu erreichen. In Ufernähe ist die Strömung geringer und so komme ich leichter zurück zum Bootsverleih. Kaum bin ich an Land, verzieht sich das aufkommende Gewitter und der Wind hört auch langsam auf.
Am nächsten Tag geht es weiter über Piste …
Wir kommen am Nachmittag wieder an den Shire River und finden eine Unterkunft am Flussufer. Davor sind 3-4 Männer dabei, mit Ästen auf eine kleine Schlange einzuprügeln. Thomas fragt sie, was das soll und sie antworten, sie könne giftig sein. Thomas entgegnet, sie könne auch völlig ungefährlich sein und nach kurzer Diskussion kann er sie tatsächlich überzeugen, die Schlange in Ruhe zu lassen. Das Tier hat aber schon einiges abbekommen und wirkt etwas desorientiert. Wir hoffen, sie erholt sich wieder.
Der Übernachtungspreis für die Hütten ist uns zu hoch und wir fragen, ob wir stattdessen hier zelten dürfen, wenn wir im Restaurant essen und den Bierumsatz steigern. Das geht in Ordnung und sie schließen eine der Hütten auf, damit wir sogar die Toilette benutzen können. Auf Nachfrage versichern sie uns, dass es hier keine Flusspferde gäbe.
Wir bauen die Zelte auf und begeben uns sodann ins Restaurant. Außer uns kommt an diesem Abend auch keiner mehr, aber es gibt eine kleine Speisekarte und am Essen kann man nicht meckern.
Da ich meine Taschenlampe im Zelt liegengelassen habe, gehe ich im letzten Tageslicht raus, um sie zu holen. Als ich wieder aufstehe, sehe ich etwas. Ein Flusspferd, dass es hier angeblich gar nicht gibt, steht nur 4-5 Meter links von mir. 30-40 Meter rechts von mir ist der Shire River. Ich dazwischen – eine Konstellation, in die man nie geraten sollte. Es ist zum Glück noch ein recht junges Tier, das nicht so recht weiß, was es tun soll. Es steht nur da und glotzt blöd. Ein ausgewachsenes hätte mich wohl schon umgebracht, bevor ich kapiert hätte, was überhaupt passiert ist. Wir sagen im Restaurant Bescheid und ein paar Männer treiben das Tier mit Geschrei zum Fluss zurück. Der Wachmann bewacht heute Nacht ausschließlich die Flussseite des Geländes.
So schnell kanns gehen. Ein Moment der Unachtsamkeit kann der letzte Moment sein.
Gruß Wolfgang
Teil 1406. Apr. 2026
Irgendwie wissen wir heute nur, dass wir in Richtung Osten fahren, aber wir fahren auf einer Piste und die führen gewöhnlich irgendwo hin. Irgendwo ist also das Ziel und wir sind sicher, dass wir dort ankommen. Wenn man kein Ziel hat, kann man sich nämlich auch nicht verfahren. Das ist total praktisch.
Um die Mittagszeit erreichen wir ein kleines Dorf und auf dem Markt verkauft jemand frittierte Kartoffelstückchen, also so ähnlich wie Pommes, nur nicht in der bei uns üblichen Form. Thomas hat Hunger und kauft welche. Als er sie isst, stehen etwa 20 Kinder mit großen Augen im Halbkreis davor und schauen ihm zu.
Später am Tag sitzen wir irgendwo in einer anderen Siedlung mal einen Moment im Schatten, als ein Minibus ankommt. Einer der Passagiere kommt direkt auf uns zu, stellt sich als Arzt vor und fragt, ob wir irgendwelche Beschwerden hätten – Kopfweh, Fieber, Malaria, Durchfall … Er trägt ein etwas verschlissenes Jackett und eine kleine Arzttasche, wie man sie manchmal in Westernfilmen sieht und kramt eine Handvoll loser Tabletten aus seiner Hosentasche, die er uns vorzeigt und erklärt.
Gegen Abend erreichen wir ein weiteres Dorf und werden vom Dorflehrer vor dessen Haus angesprochen. Wir fragen ihn, ob wir hier zelten dürfen und das geht in Ordnung. Er lädt uns später noch zum Abendessen ein. Es gibt Nsima ndi Mululuza. Nsima ist das, was in Kenya und Tanzania als Ugali bezeichnet wird, in Zambia als Sadza und in Namibia als Mieliepap, also ein Brei aus Maismehl. Mululuza ist Bitterleaf, was nach langer Wässerung und entsprechender Zubereitung ungefähr mit Rahmspinat vergleichbar ist. Gegessen wird natürlich mit der Hand.
Während wir mit dem Dorflehrer essen, stehen Frau und Kinder in der Tür und hoffen, dass sie auch noch satt werden. Es ist üblich, dass sie warten müssen, bis die Männer fertig sind und dann das bekommen, was übrigbleibt. Sie schauen ähnlich wie die Kinder heute Mittag auf dem Markt. Obwohl es gut schmeckt und wir viel Hunger haben, halten wir uns zurück, damit Frau und Kinder noch genug bekommen. Wir werden uns schließlich morgen irgendwo was kaufen können. Die Frau und vor allem die Kinder können das nicht…
Gruß Wolfgang
Teil 1506. Apr. 2026
„Ein neuer Tag, ein neuer Moment“. Und es gibt wieder einige Momente, die bei einer durchgeplanten Reise nicht auftreten.
Irgendwann in der Mittagszeit erreichen wir ein Dorf mit einem Markt, auf dem aber so gut wie alles schon abgeräumt wurde. Wir können gerade noch eine Bananenhand ergattern, setzen uns in den Schatten und fangen an, das Obst zu vertilgen. Leider haben die Dinger ihre beste Zeit schon hinter sich und gären bereits. Von der typischen Süße ist nichts mehr übrig. Sie schmecken mehr so nach nichts mit einer unangenehm säuerlichen Note. Wir essen sie trotzdem auf und haben für den Rest des Tages ein ziemliches Gerumpel im Gedärm.
Gegen Abend erreichen wir ein Dorf, aber es gibt auch auf Nachfrage keine Unterkunft (Unterkünfte in afrikanischen Dörfern haben oft kein Schild angebracht und ohne Nachfragen erkennt man die Hälfte nicht mal, wenn man direkt davorsteht). Wir finden aber zufällig ein Waisenhaus an der Hauptstraße. Ich frage die Leiterin, ob wir auf dem Gelände zelten dürfen, da es im Dorf keine Unterkunft gibt und sie erlaubt es. Thomas bedankt sich mit Buntstiften, Bleistiftspitzern und einem Beutel Luftballons. Die Leiterin erklärt uns, wo wir am besten unsere Zelte hinstellen können und wo die Toiletten sind, die auch die Kinder nutzen, wenn sie tagsüber draußen spielen. In ihren Unterkünften haben sie glücklicherweise andere.
Bis wir die Zelte aufgestellt haben, dämmert es bereits. Wir gehen und schauen uns mal die Toiletten an. Oh je. Schon die Außenwand ist übersät von Kakerlaken. Wir gehen bis zur Tür und leuchten mit einer Taschenlampe hinein. Es ist ein Plumpsklo mit etwa sechs gemauerten Sitzmöglichkeiten ohne Trennwand dazwischen. Auf dem Boden, an den Wänden und der Decke tummeln sich Tausende Kakerlaken. Man könnte nirgendwo einen Fuß hinsetzen, ohne gleich auf mehrere zu treten. So etwas habe ich noch nie gesehen, nicht einmal annähernd. Wir sind ja beide nicht anspruchsvoll, aber hier müssen wir verweigern. Wir überlegen, was wir tun, wenn die gärenden Bananen eine nächtliche Revolte anzetteln. Letztlich bleibt nur der Straßenrand als Option.
Wir gehen nochmal los, aber weit kommen wir nicht. Genau gegenüber ist ein Lokal und direkt daneben eine Kneipe – beides in landesüblicher Ausführung … eine kleine Hütte halt.
Thomas isst risikofreudig etwas. Ich würde auch gerne, aber befürchte, das würde die Bananen noch mehr zur Unruhe animieren und nachts eilig einen Haufen am Straßenrand der Hauptstraße abzusetzen ist nun auch nicht so erstrebenswert.
Wir wechseln anschließend nach nebenan in die Kneipe, da es im Lokal keine Getränke gibt. Hier wird’s lustig. Außer dem Betreiberehepaar sind noch drei Einheimische dort, die sich über Besuch von Weißen wundern, aber zugleich sehr neugierig sind. Einer von ihnen spricht Englisch und kann übersetzen. Nachdem sie wissen, dass wir aus Deutschland sind, wollen sie unsere Namen wissen und versuchen, sie auszusprechen. Bei „Thomas“ klappt das gut, aber bei meinem Namen tauchen schon größere Hürden auf. Mir ist in anderen Ländern schon aufgefallen, dass die Kombination der Buchstaben „olfg“ in meinem Namen eine Hürde darstellt und das „f“ in dieser Kombination oft nicht ausgesprochen werden kann und weggelassen wird. Sie amüsieren sich, dass das so schwierig ist und sagen uns ihre Namen. Das klappt jetzt umgekehrt fallweise auch nicht besser und sie freuen sich, dass es uns nicht besser ergeht.
Jetzt zeigen sie auf irgendwelche Gegenstände, fragen nach dem Namen und versuchen immer nacheinander, es auszusprechen. Dann nennen sie uns das Wort auf Chichewa und wir sind wieder dran. So geht das zwei Stunden lang, bevor wir uns verabschieden und uns schlafen legen.
Solche Erlebnisse sind der Grund, warum ich in fremden Ländern so gerne in so kleine Kaschemmen gehe, in denen man auf Menschen trifft, die sonst nie mit Touristen in Kontakt kommen. Schon Erich Kästner schrieb seinerzeit: „Toren besuchen im fremden Land die Museen. Weise gehen in die Tavernen.“
Gruß Wolfgang
Teil 1607. Apr. 2026
Am nächsten Morgen sehe ich mir erstmal die Toilette bei Tageslicht an. Die Kakerlaken sind alle wieder in der Unterwelt und man kann die Toilette tatsächlich benutzen. Das ist gut, denn jetzt im Hellen mag ich erst recht nicht am Straßenrand … Anschließend besuchen wir noch die zwei jungen Leute aus Deutschland, die hier im Waisenhaus ein freiwilliges soziales Jahr leisten. Die Leiterin hatte es am Vorabend erwähnt.
Irgendwie radeln wir den ganzen Tag stetig bergauf, aber wenn es hoch geht, geht es irgendwann auch wieder runter, nur diesmal auf ganz unangenehme Weise. Und wir orientieren uns wieder in Richtung Westen, da wir ja irgendwie wieder nach Lilongwe müssen.
Die Piste führt direkt zu einem Militärgelände, welches für den öffentlichen Verkehr gesperrt ist. Das würde einen großen Umweg bedeuten, aber sie lassen uns mit dem Fahrrad durch. Wir müssen nur versprechen, die sechs Kilometer nach der eigentlichen Kaserne zu schieben. Wie wir bald feststellen, geht das auch gar nicht anders. Man kommt sich vor wie auf der Abraumhalde eines Steinbruchs. Der Weg besteht nur aus kantigen kopfgroßen Steinen und das sechs Kilometer relativ steil abwärts. Jetzt haben wir endlich Gefälle und es ist die anstrengendste Passage der gesamten Reise. Man muss bei jedem Schritt genau aufpassen wohin man tritt und ich muss die gesamte Zeit beide Bremsen fest anziehen. Als wir endlich unten sind, tun mir die Unterarme weh.
Auf der Strecke kommt uns gelegentlich ein Militärfahrzeug entgegen. Es sind dreiachsige Allrad-LKW. Die Kategorie Land Rover bzw. Land Cruiser scheint man auf dieser Strecke lieber zu vermeiden, wenn es nicht unbedingt sein muss. Als wir am Ende das Militärgelände verlassen, fragt niemand von den Wachposten, wie wir als Zivilisten überhaupt da reingekommen sind.
Von der restlichen Strecke und Übernachtungen bis zur Asphaltstraße habe ich keine Erinnerung an ungewöhnliche Erlebnisse mehr. Vielleicht habe ich auch die Reihenfolge durcheinandergebracht und die Sache mit dem Flusspferd passierte erst hier.
Irgendwo kommen wir in ein kleines Dorf. Vor einer der Hütten befinden drei aufwändigere Grabmale. Das deutet darauf hin, dass es sich um die Hütte des Dorfchefs handelt. Während normale Dorfbewohner auf einem Friedhof bestattet werden, werden die Ahnen der Dorfchefs in vielen Ländern Afrikas auf dem eigenen Grundstück bestattet.
In einer Kleinstadt gibt es etwas wie ein Kino oder DVD-Verleih. Wie man sieht, sind Actionfilme wie Rambo sehr beliebt. Noch populärer sind Kampfsportfilme mit Bruce Lee, Chuck Norris oder Jean-Claude van Damme. Die kennt hier jedes Kind. Fotografiert man Kinder, imitieren sie häufig eines ihrer Vorbilder mit geballten Fäusten und grimmigem Blick.
Wir erreichen wieder Senga Bay, wo wir zu Beginn der Reise schon waren und übernachten wieder auf dem Campingplatz. Meine Isomatte hat die Hitze nicht verkraftet und zeigt Auflösungserscheinungen.
Thomas und ich trennen uns hier, denn er hat eine Woche weniger Urlaub. Er fährt am nächsten Tag eine andere Route zurück nach Lilongwe, als die, die wir auf der Hinfahrt wählten. Ich bleibe noch einen Tag in Senga Bay, laufe im Dorf herum und mache etliche Fotos von Kindern, die ich aber nicht ins Internet stellen möchte und entdecke am Nachmittag die Kneipe, die schon den Bericht einleitete.
Am Tag darauf starte auch ich und fahre noch eine Schleife Richtung Norden über Nkhotakota …
Gruß Wolfgang
Teil 1708. Apr. 2026
Nkhotakota liegt ebenfalls direkt am Malawisee. Ich komme am Nachmittag dort an und finde eine einfache Unterkunft. Eine einfache Straßenküche finde ich auch und damit bin ich für heute zufrieden. Am nächsten Tag schaue ich mir das Dorf und den Markt an. Am Eingang des Marktes weist ein Schild Verkäufer und Besucher darauf hin, Müll nicht überall hinzuwerfen, sondern nur auf die dafür vorgesehenen Plätze. Damit ist offensichtlich „unten“ gemeint.
Auf dem Markt ist heute fast nichts los. Die Marktstände sind aus allem zusammengeklöppelt, was gerade verfügbar ist.
Ein Händler baut aus alten Glühbirnen, Konservenblech und dem Boden von Spraydosen Petroleumlampen. Ich finde das sehr originell und kaufe zwei.
Gruß Wolfgang
Teil 1808. Apr. 2026
Die nächste Etappe Richtung Westen soll mich zu einer Asphaltstraße führen, die mich in südlicher Richtung wieder in die Hauptstadt führt. Die Piste führt mitten durchs Nkhotakota Game Reserve. Ich fahre aus Nkhotakota raus und komme nicht weit. Am Eingang zum Game Reserve ist eine Schranke, daneben eine Hütte und davor sitzen zwei Rangerinnen. Sie lassen mich mit dem Rad nicht durchfahren, da es zu viele Löwen und Elefanten gäbe. Ich müsse irgendwo mitfahren. „Ja, ok, nur wo und wann“, denke ich mir. Aber Afrika liefert für viele Probleme ja gleich eine Lösung mit. Hier fahren LKW als Busersatz. Ich sitze vielleicht 20 min bei den Rangerinnen, als einer dieser LKW kommt. Eine der Rangerinnen meint, sie kläre das und spricht mit dem Fahrer auf Chichewa. Es gäbe hier feste Preise und sie will sicherstellen, dass ich nicht über den Tisch gezogen werde.
Ich bin ja schon einige Male auf einem LKW mitgefahren, aber diesmal ist es anders. Der LKW ist voll bis zum Rand mit Menschen und Gepäck. Auf dem hinteren Drittel ist ein großer Gepäckberg. Davor ist alles voller Menschen. Auf dem Rand der Pritsche sitzen Frauen und Kinder. Die Männer stehen in der Mitte, einige sitzen auf dem Dach des Führerhauses. Mein Fahrrad wird mit zwei meiner Spanngurte außen am Heck befestigt und mein Gepäck landet lose oben auf dem Gepäckberg. Ich will auf den Hinterreifen steigen, um auf die Pritschte zu kommen, aber der LKW hängt so tief, dass mein Fuß gar nicht zwischen Reifen und Kotflügel passt. Von oben kommen mir zwei Hände entgegen. Ich stemme einen Fuß an die Seitenwand. Die beiden Afrikaner ziehen kräftig und ich stoße mich gleichzeitig mit dem Fuß ab und bin sofort oben. Ich stehe auf den Füßen anderer und entschuldige mich. Gleichgültiges Schulterzucken ist die Antwort. Es ist nicht genug Platz auf dem Boden. Ich kann gar nicht anders, als auf den Füßen anderer Leute zu stehen. Ein vollgestopfter Bus in Deutschland ist ein Scheißdreck dagegen.
Ich kann mit der rechten Hand den Gepäckberg erreichen und mich an einem Mangosack festhalten und mit der linken an der Schulter eines Afrikaners. Überhaupt hält sich hier jeder an jemandem fest. Das Geschaukel durch die Schlaglöcher und die kurzen Drifts in den Sandlöchern sorgen für eine ausgelassene Stimmung. Es ist ein Gejohle wie auf der Achterbahn. Mir hingegen ist überhaupt nicht wohl in dieser Lage. Ein Afrikaner bemerkt das und bietet mir bei einem kurzen Stopp an, die Plätze zu tauschen. Nun kann ich mich hinten in Fahrzeugmitte an den Gepäckberg lehnen und habe einen stabilen Stand. Jetzt stehen zwar andere Leute auf meinen Füßen, aber so ist die Fahrt deutlich entspannter. Auf der Bordwand stehen hinten zwei Männer seitlich am Gepäckberg und werfen das Gepäck wieder nach oben, was durch das Geschaukel nach unten kullert. Sie achten auch drauf, dass nichts hinten vom LKW fällt.
Die Fahrt dauert Stunden und ich bin froh, als ich es überstanden habe. Für die Menschen hier ist es ein ganz gewöhnlicher Tag. Für mich war es ein Horrortrip bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich an den Gepäckberg anlehnen konnte.
Als am Ende alle absteigen, wird das Gepäck wieder verteilt. Keiner vermisst etwas. Eine gut gekleidete Frau in blauem Kleid spricht mich an und fragt, ob ich einen Platz für die Nacht habe. Ich bin mir sicher, sie hätte mich bei entsprechender Antwort mit zu ihrer Familie genommen. Ich antworte ihr, dass ich hier eine Unterkunft finden werde. Es ist eine Kleinstadt und hier muss es mindestens eine Unterkunft geben. Es dauert auch nicht lange, bis ich eine finde.
Was für ein Tag. Mir wird klar, dass ich die Strecke bei der Pistenbeschaffenheit mit dem Fahrrad niemals an einem Tag hätte schaffen können und sich unterwegs auch wenige Gelegenheiten zum Zelten geboten hätten.
Gruß Wolfgang
Teil 1908. Apr. 2026
Am nächsten Tag passiert zunächst nichts Spannendes. Am Nachmittag komme ich in eine größere Ortschaft und finde eine Unterkunft. Ich bringe mein Fahrrad ins Zimmer und mache mich zu Fuß auf den Weg, um etwas Essbares aufzutreiben. Ich frage einen jungen Mann, ob es hier im Dorf etwas zu essen gibt. „Ja, aber nichts für Leute wie dich“, sagt er (damit meint er wohl generell Europäer).
Egal, wird schon passen, denke ich mir. Ich habe Hunger. Er schickt mich zum Markt. Ich finde einen Stand, der Reis mit Bohnen und Ei anbietet. Das klingt ok und macht satt.
Was weniger ok ist, sind die hygienischen Verhältnisse. Es gibt hier auf dem Markt keine Wasserleitung. Das Spülwasser wird möglicherweise aus einem Bach oder Tümpel herbeigeholt und das passiert nicht allzu häufig. Ich beschreibe es mal als wasserähnliche Substanz, was sich in der Spülschüssel befindet. Die Schüssel des Vorgängers wird flüchtig durch die trübe Flüssigkeit gezogen und dabei kurz mit der Hand abgewischt. Es sind noch etwa drei Esslöffel Spülwasser in der Schale, als meine Portion draufkommt. Dazu erhalte ich einen seltsam glänzenden Löffel. Ich setze mich hin und fahre mit dem Finger über den Löffel. Er ist völlig fettig. Da ich hungrig bin, esse ich alles auf. Meine Darmflora ist ja schon einiges gewöhnt, aber hier stößt sie an die Grenzen. Ab dem nächsten Abend habe ich Durchfall, der auch noch acht Wochen nach meiner Rückkehr nach Deutschland anhält.
Zurück in der Unterkunft finde ich an einer Tür eine Gottesanbeterin. Über der Tür befindet sich eine Lampe und darunter kreisen Dutzende schwarzgelber Käfer. Die Gottesanbeterin pflückt sich etwa alle drei Minuten einen Käfer aus der Luft und frisst ihn ratzfatz auf.
In Malawi gibt es sehr spannende Gottesanbeterinnen. Eine Art sieht aus wie Teile einer Blüte. Sie lauert entsprechend in größeren Blüten. Andere sehen aus wie die vegetarischen Stabheuschrecken, die wie dünne Zweige aussehen oder die „Wandelnden Bätter“, nur halt jeweils als carnivore Varianten. Die hier auf dem Foto ist eine gewöhnliche, wie man sie so kennt, in diesem Fall vermutlich eine Ghana-Gottesanbeterin.
Im gleichen Gebäude befindet sich auch eine Disco, wie ich bald feststelle und es scheint Wochenende zu sein. Die wummernden Bässe dröhnen bis fünf Uhr morgens und als sie verstummen, versuchen kreischende Hähne und hupende Autos sie zu ersetzen. Ich schlafe wie jemand, der kein Auge zukriegt.
Gruß Wolfgang
Teil 2009. Apr. 2026
Auf dem weiteren Weg nach Süden nimmt der Verkehr zu und es wird schneller gefahren. Ich habe noch nie so viele überfahrene Hunde gesehen wie auf dieser Strecke. In jedem Dorf liegt mindestens einer.
Irgendwo unterwegs kommt der Staatspräsident entgegen, begleitet von einer großen Eskorte mit Polizeisirenen. Weit voraus fahren auf beiden Fahrspuren zwei Geländewagen mit Blaulicht nebeneinander. Alle Autofahrer müssen von der Straße, Radfahrer natürlich auch. Eine Weile dahinter kommen jede Menge Motorradpolizisten und dann der Präsident mit irgendwelcher Security in weiteren Fahrzeugen. Der ganz Konvoi rast wie bekloppt über die Straße.
In einer Kleinstadt gehe ich in einen Supermarkt, weil meine Wasservorräte aufgebraucht sind und kaufe zwei 2-Liter-Flaschen Wasser. Die Flaschen am Fahrrad fassen etwa 3,8 Liter und ich fülle direkt um, den Rest trinke ich gleich aus.
Vor dem Supermarkt stehen kleine Grüppchen Männer. Mir fallen zwei Männer auf, die diese Flaschen haben wollen, aber möglicherweise übersehe ich auch noch weitere Interessenten, sonst hätte ich die beiden Flaschen so verteilt. In solchen Situationen werfe ich die Flaschen nicht in den Mülleimer, sondern stelle sie davor. So ist klar, dass ich sie nicht mehr brauche, aber die Leute müssen nicht noch im Müll wühlen. Der Moment, in dem ich die Flaschen loslasse, ist immer der „Startschuss“. Dann muss ich drauf achten, dass ich keinem im Weg stehe. Einer der beiden Männer ist schneller und greift sich gleich beide Flaschen. Der andere beschwert sich. Aus einem hitzigen Wortwechsel entsteht eine Rangelei. Bevor es weiter eskaliert, zeigt sich der Gewinner einsichtig und überlässt dem Kontrahenten eine der Flaschen.
Was wir in Deutschland achtlos als Müll wegwerfen, ist für Menschen anderswo auf der Welt evtl. ein Wertgegenstand, um den sie sich im Extremfall prügeln würden. Diese Erkenntnis kommt bei vielen Touristen nicht so deutlich an, weil sie solche Situationen nie erleben. Wenn ich in solchen Momenten eine schwangere Frau oder mit Kleinkind auf dem Rücken sehe, dann spreche ich sie natürlich direkt an und frage sie, ob sie den Behälter brauchen kann. Natürlich nicht in Windhoek, sondern eben auf dem Land in ärmeren Regionen ...
Gruß Wolfgang
Teil 2109. Apr. 2026
Nach meiner Rückkehr in Lilongwe suche ich wieder das (vermutlich) Mabuya Camp auf. Mein Fahrrad benötigt für die nächste Tour einige Ausbesserungen. Überhaupt ist an dem Rad außer dem Rahmen kaum noch etwas original. Viele Teile wurden schon mehrfach ersetzt – Laufräder, Tretlager, Schaltung, Sattel, Lenkergriffe, Zahnkränze und Ritzel, Kette, Gepäckträger …
Die Packtaschen sind seit 1994 im Einsatz und werden vor der nächsten Reise ersetzt. Sie waren ursprünglich mal wasserdicht und haben jetzt jeweils ein Loch an der Stelle, wo sie auf Pisten ständig gegen die Achsenden schlugen. Zwei der Taschen wurden zudem mit Klebeband geflickt, da sie von Tieren angefressen wurden – 1995 von einem Squirrel in Alaska und 2003 von einer Ratte in Kamerun.
Auch ausgetauscht werden Lenkergriffe und Sattel sowie Zahnkranz, Ritzel und Kette. Das wäre schon vor der Tour nötig gewesen, denn von ursprünglich 24 sind nur noch vier verwendbar. Immerhin drei mehr als bei den Rädern der Einheimischen. 😉
Wir sind nun am Ende dieses Berichts und ich hoffe, ich habe auch evtl. Landeskennern Malawi mal aus einer teilweise anderen Perspektive zeigen können. Im Idealfall machen einige Beispiele auch ein bisschen nachdenklich. Viele Reisende möchten nur die Sonnenseite eines Reiselandes sehen, soz. das Wohnzimmer. Ich schaue auch in den Keller und die Rumpelkammer.
Thomas und ich kamen unterwegs so hervorragend klar, dass wir im Folgejahr direkt wieder gemeinsam unterwegs waren.