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Reisebericht · namibia-forum.ch

Der achte Kontinent - Madagaskar 2026

von H.Badger · 17 Teile

Teil 116. Aug. 2026

Prolog

Am Anfang stand der Wunsch, einmal Lemuren in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Von dem, was Madagaskar darüber hinaus ausmacht, hatten wir zu diesem Zeitpunkt tatsächlich nur eine vage Vorstellung.

Das war vor etwa einem Jahr.

Und nun sind wir seit gestern wieder zurück von unserer dreiwöchigen Reise durch Madagaskar – randvoll beladen mit den unterschiedlichsten Eindrücken.

Der zweitgrößte Inselstaat der Welt ist ein Land voller Extreme. Vielleicht erlebten wir dort in mancher Hinsicht die intensivste Reise, die wir bis heute gemeinsam als Familie mit unseren nunmehr elf und vierzehn Jahre alten Töchtern gemacht haben.

Auf der einen Seite ist da die absolut faszinierende Natur der Insel mit ihren zahlreichen endemischen Tier- und Pflanzenarten. Natürlich allen voran die vielfältigen und zauberhaften Lemuren. Darüber hinaus aber noch so viel mehr an ganz besonderem Tierleben: Chamäleons in allen möglichen Größen und Farben, putzige Tenreks, seltene Votsotsas und schließlich die elegante und schwer zu beobachtende Fossa. Und auch die Vogelwelt der Insel lockte dem im Vorfeld fleißig studierten Wildlife-Guide sei Dank mit so manch interessanter Art. Wir waren also gespannt, was wir so alles im Rahmen unserer drei Wochen entdecken würden, wollten die Erwartungen aber möglichst flach halten, denn auf dem „achten Kontinent“ würde fast jede Sichtung eine Erstsichtung und damit etwas Besonderes für uns sein.

Eng mit dieser fantastischen Natur ist aber auch unübersehbar deren akute Bedrohung verknüpft. Weite Teile der nur hier existierenden Tierwelt sind vor allem durch den noch immer um sich greifenden Verlust von Lebensraum vom Aussterben bedroht. Madagaskar hat bereits rund 90 Prozent seiner Waldflächen durch Brandrodung und Ackerbau verloren. Wo es keine Bäume gibt, da gibt es auch keine Lemuren mehr.

Ein weiteres Extrem Madagaskars, das eng mit der Umweltzerstörung verknüpft ist, findet sich in der Lebenssituation weiter Teile der Bevölkerung. Mehr als drei Viertel der Menschen leben in extremer Armut – ihnen stehen weniger als 2,15 US-Dollar am Tag zum Leben zur Verfügung. Elektrizität und ein einfacher Zugang zu sauberem Wasser sind in den Ballungsräumen, vor allem aber auf dem Land alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Der Index der menschlichen Entwicklung (HDI) listet Madagaskar auf Platz 183 von 193 Staaten auf. Der Welthunger-Index beschreibt die Lage auf der Insel als sehr ernst und stuft Madagaskar auf Platz 120 von 123 ein. Fast die Hälfte aller Kinder bis fünf Jahre ist chronisch mangelernährt. Vor diesem Hintergrund ist es nur allzu nachvollziehbar, dass die Wälder der Insel von weiten Teilen der Bevölkerung vor allem als lebensnotwendiger Brennstoff gesehen werden.

Im Angesicht dieser Härten hat uns die ehrliche Freundlichkeit, Offenheit und Lebensfreude der Madagassen immer wieder fasziniert.

Politisch ist nach dem Militärputsch im letzten Jahr wieder Ruhe eingekehrt. Korruption und schwache Staatlichkeit sind aber noch immer an der Tagesordnung. Die Infrastruktur auf „Grande Terre“ ist in einem äußerst schwierigen Zustand. Die Pisten (aka Nationalstraßen) sind (vor allem im ländlichen Westen) das Abenteuerlichste, das wir bisher befahren haben. Ohne einen versierten Fahrer (und verständigen Führer) würden wir hier nicht unterwegs sein wollen. Eine Strecke von rund einhundert Kilometern kann je nach Region leicht etwa zehn Fahrstunden verschlingen, wird aber durch die Landschaft und Dörfer trotzdem kaum langweilig. Durch die Verlangsamung ist man nah dran am Leben und beginnt zu erahnen, was die Zahlen der internationalen Statistiken wirklich bedeuten.

 Und auch das Gesundheitssystem ist (sogar in der Hauptstadt Antananarivo) keinesfalls entfernt mit europäischen Standards vergleichbar. Wir sind sehr froh darüber, dass wir uns auf der Reise nicht verletzt haben oder ernsthaft krank geworden sind. Eine prall gefüllte Reiseapotheke sollte unserer Ansicht nach auf keiner Madagaskar-Reise fehlen.

Im Kontrast dazu stehen viele der Unterkünfte, in denen wir genächtigt haben – für den zahlungskräftigen Reisenden (darunter auch immer wieder madagassische Familien) gibt es hier oft den Komfort, der den allermeisten Menschen auf der Insel fremd bleiben wird.

Mit all seinen unübersehbaren Herausforderungen, den wunderbaren Menschen und der einzigartigen und oft spektakulären Natur ist Madagaskar (vielleicht mit Ausnahme der vorgelagerten Inseln, die im Juli/August vor allem italienische Badeurlauber anziehen) zwar kein Entspannungsreiseziel erster Güte, aber eben wahnsinnig reizvoll und erlebnisreich. Für uns haben die drei Wochen dort den Blick auf unsere Welt noch einmal merklich geweitet. Gern möchten wir unsere Erlebnisse hier in der Rückschau mit euch teilen. Naturgemäß wird dabei die fantastische Tierwelt Madagaskars eine Hauptrolle spielen. Am Ende aber hat die Reise so viel mehr ausgezeichnet.

Die Tour war grob in drei etwa gleich lange Etappen geteilt, die extrem kontrastreich angelegt waren und im Vorfeld sehr sorgfältig mit Hilfe einer lokalen Agentur organsiert worden sind:

1)  Die Hauptstadt Antananarivo und der Osten der Insel mit seinen grünen Regenwäldern und deren Bewohnern

2) Der Westen der Insel mit seinen Baobabs, dem Trockenwald von Kirindy und den Tsingys de Bemaraha

3) Die Insel Nosy Be mit ihren vorgelagerten Inseln

Die Transfers zwischen den drei Segmenten haben wir mutig in die Hände von Madagascar Airlines gelegt – im Volksmund wegen ihrer immer wieder mangelhaften Zuverlässigkeit gern als „Air Maybe“ bezeichnet.

Über interessierte Mitfahrerinnen und Mitfahrer, die es nicht scheuen, stundenlang über raue Pisten zu holpern und einer drohenden Nackenstarre zum Trotz in den Baumwipfeln nach Lemuren zu spähen, freuen wir uns sehr!

In den nächsten Tagen werden wir uns ans Sichten der mal wieder sehr zahlreichen Fotos machen und dann kann die Reise hier bald nochmal virtuell losgehen.

Ich bitte daher noch um etwas Geduld, denn – wie man auf Madagaskar immer wieder hört – „Mora, mora!“ Eine Einstellung, von der ich gern etwas in meinen Alltag hinüberretten möchte.


Herzlich
Sascha und Co

Teil 227. Aug. 2026

Kapitel 1: Willkommen in und auf Madagaskar!

Es ist nicht ganz so einfach, von Deutschland aus nach Madagaskar zu gelangen. Direktflüge gibt es keine. Ein knappes Jahr im Voraus haben wir unsere Flüge mit Ethiopian Airlines gebucht. Die Preisgestaltung (vor allem in den Schulferien) zeigte uns eindrucksvoll, dass auf der Strecke nach Antananarivo nicht sehr viel Konkurrenz unterwegs ist. Wir haben für Flugtickets bisher noch nie mehr Geld ausgeben müssen. Dafür sind die Flugzeiten ganz okay. Der Flug von Frankfurt nach Addis Abeba startet kurz nach 22 Uhr und bietet damit Gelegenheit zu einem kleinen Nickerchen. Das ist in Vorbereitung auf den Stopp in Äthiopien sehr willkommen, denn von circa vier Uhr früh bis acht Uhr morgens müssen wir am internationalen Terminal ausharren. Zu dieser Tageszeit ist das eine durchaus quälende Erfahrung, die dadurch nicht besser wird, dass hier Nahrung, Getränke und auch alles andere zu Mondpreisen in US-Dollar zu haben ist. Ein Snickers für 11 Dollar ist wohl rekordverdächtig. Ein zuhause vergessenes Kontaktlinsenplastikdöschen können wir immerhin für fünf Dollar erstehen. 🙃

Irgendwann geht zum Glück aber auch die längste Warterei ihrem Ende entgegen und so schleppen wir uns mehr oder weniger müde und grummelig ins Flugzeug, das uns in Richtung Terra incognita bringen soll.

Nach einigen Stunden ruhigen Weiterflugs können wir aus dem Fenster erste Blicke auf Madagaskar werfen. Es dominiert das für den Südwinter typische Braun. Die weitgehende Entwaldung der Insel ist bereits aus der Luft eindrucksvoll zu erkennen. Unterbrochen wird die Trockenheit von glänzenden Reisfeldern, die sich im Anflug auf Antananarivo (im Folgenden den Einheimischen nacheifernd silbensparend-zärtlich auch Tana genannt) unserem Blick präsentieren.


Sanft setzt das Flugzeug auf der Landebahn auf. Und trotzdem versteife ich mich in diesem Moment. Alles also wie immer – Fliegen und ich werden keine innigen Freunde mehr werden.

Das Einreiseprozedere ist dann ein wenig stressig. Wir marschieren zum Empfangsgebäude. Dort gibt es eine lange Zentralschlange, in die wir uns müde einreihen. Bald wird deutlich, dass von jedem Wartenden Einreisekärtchen auszufüllen sind. Gern hätten wir das in Ruhe an einem Tisch oder gar bereits im Flugzeug erledigt. So müssen wir dies mit Zeitdruck in einer Menschenmenge erledigen, die dem Drängeln leider gar nicht abgeneigt ist. Dies nach einer sehr kurzen und nicht gerade bequemen Nacht… Die Nerven liegen schnell ein wenig blank. Denn die Kärtchen wünschen sich dummerweise ausführliche Informationen zu Passdaten, Herkunft, Beruf, Impfstatus (Gelbfieber und Covid!), Aufenthalt in Madagaskar… Mit Hilfe von Rücken und Reiseführer sind die nötigen Informationen gerade vor Erreichen der ersten Kontrollstelle mehr oder minder leserlich zusammengetragen. Puh.

Der gesundheitsbezogene Teil des Blättchens wird an der ersten Schalterstation kurzerhand abgetrennt und fachmännisch in einen großen Karton geworfen. Nun denn. 

Dann folgt alsbald das Visa-Prozedere an zwei Schaltern. Hier (und fürderhin an vielen Stationen unserer Reise) hilft es ungemein, dass meine Frau sehr gut Französisch spricht. Das Visum schlägt derzeit mit 35 Dollar pro Person zu Buche, die problemlos per Kreditkarte gezahlt werden können. Nach der Transaktion sind schnell die Stempel in den Pass gedrückt, ein Lächeln gibt es gratis dazu und endlich sind wir ganz wirklich in Madagaskar eingereist.

In der Eingangshalle werden wir bereits von Onisoa erwartet, mit der wir die Reise im Vorfeld gemeinsam geplant haben. Nach einer intensiven Austauschzeit via WhatsApp sind wir gespannt, uns nun persönlich kennenzulernen. Schnell sind am ATM des Flughafens noch erste Bündel der Landeswährung Ariary gezogen – viele Scheine mit noch mehr Nullen. Bargeld ist bei einer Reise über die Insel im Vergleich zu anderen Ländern elementar. Nur an wenigen Orten (und Hotels!) ist eine Bezahlung per Kreditkarte möglich.

Auf dem Parkplatz vor dem Flughafengebäude lernen wir unseren Fahrerguide Alain kennen, der uns im ersten Segment der Reise begleiten wird. Der drahtige Madagasse mit gewinnendem Lächeln macht auf uns einen sehr sympathischen Ersteindruck.

Ein Kleinbus wird mit unserem Gepäck beladen, während wir sogleich von einer Traube bettelnder Menschen umringt werden. Nicht zum letzten Mal wird uns die Armut weiter Teile der madagassischen Bevölkerung schmerzlich bewusst. So unvermittelt sind wir ein wenig überfordert mit der Situation – vor allem für die Kinder sind die entgegengestreckten Hände eine schwierige Erfahrung. Soll man etwas geben? Wenn ja: Wie viel? Und jedem? Oder nur der Mutter mit dem Säugling auf dem Arm? Was löst das aus? Hält man den Blickkontakt aus? Ist ein stoisches Wegsehen eine rüde Kapitulation? Wir sind froh, als wir die Autotüren schließen können.

Die Fahrt führt uns vom Flughafen ins Zentrum Antananarivos. Vorbei an Reisfeldern werden Bebauung und Verkehr immer dichter. Der Trubel ist ein erster Vorgeschmack darauf, warum man in Madagaskar nur im Ausnahmefall entspannt am Steuer sitzen kann.

Nach etwa vierzig Minuten erreichen wir unser erstes Hotel: Le Chalet des Roses. Beim Aussteigen kommen sofort Straßenverkäufer mit Musikinstrumenten und Stofflemuren auf uns zu. Eine Erfahrung, die wir zum Glück nur hier und heute in Tana machen werden.

Beim Chalet des Roses handelt sich um ein solides Stadthotel ohne viel Schnickschnack. Unser Familienzimmer im dritten Stock ist eher klein, erfüllt für eine erste Übernachtung aber seinen Zweck. Über das enge Treppenhaus werden unsere Koffer nach oben gewuchtet. Für die Gäste gibt es sogar einen kleinen Aufzug. Rückblickend ist so etwas in Madagaskar eher eine Besonderheit. Und auch der Fakt, dass es hier zuverlässig und schnell warmes Wasser gibt, erscheint uns zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht erwähnenswert.

Blick ins Zimmer

Blick aus dem Fenster

Nachdem wir in der kleinen Lobby des Hotels mit Onisoa und Alain den Plan für den kommenden Tag besprochen haben, fragen wir die beiden, ob es eine gute Idee wäre, am fortgeschrittenen Nachmittag noch ein wenig auf eigene Faust das Zentrum Tanas zu erkunden. Die Blicke und zögerlichen Antworten lassen uns von dieser Idee aber Abstand nehmen – auch wenn uns gesagt wird, dass dies ohne Mitnahme von Wertsachen generell möglich wäre. Man sollte nur bei Tageslicht unbedingt zurück im Hotel sein.

Als Madagaskar-Neulinge überwiegt heute bei uns noch die Sorge. Wir verbringen also einige entspannte Stunden im kleinen Zimmer (schwierig, wenn man in neuen Ländern am Beginn einer Reise immer eher „Hummeln im Hintern“ hat).

Dem Hotel ist eine kleine Pizzeria angeschlossen, in der wir nach Einbruch der Dunkelheit (und diese kommt im Südwinter bekanntlich früh und schnell) ein schmackhaftes und gut bezahlbares Abendessen einnehmen. Es ist auch Zeit für die erste Dosis unserer Malariaprophylaxe, die wir glücklicherweise ohne jede Nebenwirkung vertragen werden. Unsere Kleine schluckt die Tablette routiniert. Unsere Große wächst an der Aufgabe.


Früh geht es gut gesättigt in die Betten. Die Flugzeugnacht steckt uns noch in den Gliedern und so fallen schnell die Augen zu. Am nächsten Morgen steht ein früher Start an: Wir werden weit nach Osten zum Canal des Pangalanes fahren, wo das Palmarium Reservat – und damit erste Lemurenbegegnungen – unser Ziel sein werden. Die Fahrt über die geteerte Nationalstraße 2 wird uns rund 270 Kilometer durch das Hochland führen. Für die Strecke sind mit Pausen rund neun Stunden veranschlagt.

Willkommen in Madagaskar!

Teil 331. Aug. 2026

Zur besseren Übersicht hier die Reiseroute auf einen Blick

Tag 1) Ankunft in Antananarivo

Tag 2) Fahrt zum Palmarium Reservat und abendliche Wanderungen im Regenwald

Tag 3) Palmarium Reservat

Tag 4) Fahrt vom Palmarium Reservat nach Andasibe mit Besuch eines Wiederaufforstungsprojekts und abendlicher Regenwaldwanderung

Tag 5) Wanderung im Analamazaotra Mantadia Nationalpark und Besuch des Vakona-Reservats

Tag 6) Fahrt von Andasibe nach Antananarivo mit Besuch des Peyrieras-Reptilienzoos

Tag 7) Antananarivo: Stadtführung, Besuch des Rova

Tag 8) Flug von Antananarivo nach Morondava, abendlicher Besuch der Baobab-Allee

Tag 9) Fahrt von Morondava in den Kirindy-Forest mit Tages- und Nachtwanderung

Tag 10) Kirindy-Forest mit Tages- und Nachtwanderung

Tag 11) Fahrt von Kirindy nach Bekopaka

Tag 12) Parc National Tsingy de Bemaraha

Tag 13) Parc National Tsingy de Bemaraha

Tag 14) Fahrt von Bekopaka nach Morondava mit einem zweiten Besuch der Baobab-Allee

Tag 15) Flug von Morondava nach Antananarivo

Tag 16) Flug von Antananarivo nach Nosy Be

Tag 17 bis Tag 20) Nosy Be mit diversen Ausflügen (Schnorcheln mit Meeresschildkröten / Lokobe Nationalpark / Nosy Iranja)

Tag 21) Flug von Nosy Be über Addis Abeba nach Frankfurt


Kapitel 2 sollte heute Abend folgen. 😉

Teil 431. Aug. 2026

Kapitel 2: Der Weg ins Paradies ist kurvig und weit

Beginnen wir das Kapitel mit einem kleinen Auszug aus der Reisebeschreibung unserer Agentur:

„Die Fahrt zum abgelegenen Dorf Akanin'ny Nofy führt Sie durch eine atemberaubende Landschaft, die die ganze Familie verzaubern wird. Stellen Sie sich vor, wie die Kinder auf den Sitzen kichern, während sie die verschiedenen Tiere und Pflanzen entlang der Route entdecken. Es gibt viele Kleinigkeiten zu sehen, von bunten Vögeln bis hin zu leuchtenden Blumen – perfekt für kleine Naturköpfe!“

Uiuiui! Großes Kino. 🤩

O-Ton unserer Großen: „Ich bin KEIN Naturkopf!“ 😡

Behalten wir diese kitschig-klebrigen Formulierungen, die zu einem kleinen Running-Gag unserer Tour geworden sind, ruhig im Hinterkopf, wenn wir uns nun der Reise an die Ostküste Madagaskars zuwenden.

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In aller Herrgottsfrühe verlassen wir die Betten. Zum Leidwesen des Nachwuchses gar nicht so untypisch für unsere „Urlaube“…

Das Hotelfrühstück wird in einer kleinen Café-Ecke der Lobby serviert. Eier werden auf Wunsch zubereitet, frische Früchte werden gereicht, dazu Brot mit Aufstrich. Eine kleine und durchaus feine Mahlzeit.

Bald darauf verstauen wir unser Gepäck wieder in unserem Kleinbus. Jeweils zu zweit besetzen wir eine Reihe und haben damit sehr großzügigen Platz zum Ausstrecken auf der nun anstehenden Fahrt, die eine der längsten auf der gesamten Tour werden wird. Den Musikinstrument- und Spielzeugverkäufern, die auch heute nach Verlassen des Hotels dezent um unsere Gunst werben, geben wir ein kleines Trinkgeld in Anerkennung der Kunstfertigkeit der angebotenen Waren und dann geht die Reise auch schon los.

Wir verlassen den Trubel Tanas und können vom Stadtrand aus recht schöne Blicke auf die über mehrere Hügel verteilt sich erstreckende Stadt werfen. In einer Woche werden wir wieder hierher zurückkehren und wir freuen uns durchaus darauf, die Stadt dann tatsächlich etwas näher kennenlernen zu können.

Jetzt sind wir aber erstmal ganz froh darüber, dem Trubel zu entkommen. Die Fahrt führt uns über die Nationalstraße 2 nach Osten. Es gibt dabei immer etwas zu sehen. Das Hochland der Insel ist geprägt von landwirtschaftlichen Flächen und hübschen Bergkuppen. Vor allem Reisfelder bleiben hier im Gedächtnis. Immer wieder sehen wir Menschen, die hier ohne schweres Gerät die Felder bestellen. Echte Knochenarbeit.

Auch führt der Weg regelmäßig durch größere und kleinere Siedlungen. Hier prägen Fahrrad-Rikschas das Straßenbild.


Zwischen den Ortschaften teilen wir uns die Straße mit den Taxis-Brousse – Kleinbussen, die oft bis über die Belastungsgrenze hinaus mit Menschen und Gepäck beladen sind. Manchmal steht die Hintertür des Fahrzeugs offen, damit ein bis zwei Menschen noch halb hinaushängen können. Wir sind froh, dass wir auf der Reise nicht auf den ÖPNV angewiesen sein werden. Das wäre sicher authentischer – aber eben nochmal eine ganz andere Hausnummer. 🙃

Neben den Buschtaxen wird die N2 vor allem von Schwerlastverkehr befahren. Private PKW gibt es nicht sehr viele auf der Insel. Die wirklich zahlreichen LKW – darunter ganz prominent Tanklaster – pendeln im Schneckentempo zwischen Madagaskars großem Hafen Toamasina an der Ostküste und der Hauptstadt. Der allergrößte Teil des Güterverkehrs wird auf diesem Wege abgewickelt. Und das macht unsere Fahrt anstrengend und immer wieder abenteuerlich, denn sie ist geprägt von einem Wechsel aus langsamem Am-Heck-eines-Trucks-Kleben und waghalsigen Überholmanövern bei mehr oder weniger Gegenverkehr. Dazu kommen die durchaus schwierigen Straßenverhältnisse. Die N2 ist zwar geteert, aber über weite Teile durchsiebt von tiefen und ausufernden Schlaglöchern, die stete Aufmerksamkeit und Slalommanöver erfordern. Immer wieder tauchen auch Passagen auf, an denen der Teer komplett aufgelöst ist und man über eine steinige Dirtroad bis zur nächsten Asphalt-Schwelle rumpelt. An solchen Stellen sieht man manchmal Menschen, die die schlimmsten Stellen mit Kies auffüllen und die vorbeifahrenden Fahrzeuge um einen finanziellen Beitrag für ihre Arbeit bitten. An guten Stellen der N2 kann am auf vielleicht 60 km/h beschleunigen. In der Regel ist man aber viel langsamer unterwegs. Alain meistert jede Herausforderung souverän, sodass wir uns insgesamt gut entspannen können. Vor allem im Angesicht des Schwerlastverkehrs bin ich froh, hier nicht selbst fahren zu müssen.

Irgendwo unterwegs halten wir für ein einfaches Mittagessen – eine gute Gelegenheit, unseren Driver-Guide etwas besser kennenzulernen. 

Für europäische Geldbeutel gibt es außerhalb der Hotels und Lodges auf Madagaskar Nahrung für ganz kleines Geld. Zum ersten Mal essen wir hier Ravitoto sy henakisoa. Das ist das wohl berühmteste Nationalgericht des Landes. Es besteht aus gestampften Maniokblättern und fettem Schweinefleisch, gereicht mit Reis. Da der Maniok für uns aber wie gekochter Schwarztee bitterster Ausprägung schmeckt, wird es auch das letzte Mal sein.

Je näher man der Grenze des Hochlands kommt und sich der Ostküste nähert, desto kurviger wird die Straße. Jetzt heißt es konzentriert aus dem Fenster sehen. Trotzdem fordern die Lenkmanöver über kurz oder lang ihren Tribut… Spätestens jetzt hört man kein Kichern der „kleinen Naturköpfe“ von der Rückbank mehr. 🤢

Nach vielen Stunden Fahrt, die der Nachwuchs erstaunlich duldsam über sich ergehen lässt, erreichen wir am späten Nachmittag Manambolo am Ufer des Canal des Pangalanes. Hier verabschieden wir uns für die kommenden zwei Nächte von Alain und steigen an einem schönen Sandstrand auf ein Boot um, das uns in gut einstündiger Fahrt über den Kanal bis zum Palmarium Reservat bringen wird.

Die Fahrt ist entspannt und dazu landschaftlich überaus reizvoll. Zuerst geht es über einen großen See, bis wir in einen engeren Kanal einbiegen. Dessen Ufer ist geprägt von üppig-grüner Vegetation. 

Vereinzelt liegen kleine Dörfer am Ufer, die mit ihren Holzhütten und Grasdächern für unsere Augen überaus malerisch wirken.  

Menschen waschen ihre Wäsche und ihr Geschirr. Kinder baden im seichten Wasser. Immer wieder sehen wir Fischer auf Einbäumen. Nur allzu leicht vergisst man, wie entbehrungsreich das Leben in dieser paradiesisch anmutenden Umgebung sein kann. 

Manchmal kommt uns ein größeres Taxi-Boot entgegen.

Sieht man von dem Tuckern unseres Motors ab, herrscht hier eine wunderbare Ruhe. Wir genießen die Szenerie und das herrliche Licht. Nach der langen und kurvigen Autofahrt stellt sich neben dem Reise- nun auch echtes Urlaubsgefühl ein. Zu unserer Freude entdeckt unsere Kleine sogar einen Malegassenzwergfischer. Also zur Ehrenrettung des „Programm-Teasers“ doch noch ein bunter Vogel auf der heutigen Etappe! Für ein Foto reicht die kurze Begegnung aber leider nicht. Hoffen wir also, dass wir später noch ein Exemplar sehen werden.

Kurz bevor wir das Palmarium erreichen, weitet sich der Kanal erneut zum riesigen Ampitabe-See. Eindrucksvoll nähern sich hier Horizont und Sonne an. Warum die Gegend hier auf Madagasy Akanin’ny Nofy genannt wird – was auf Deutsch „Nest der Träume“ bedeutet – können wir bereits bei der Anfahrt erahnen.

Wir steuern das Palmarium Beach Hotel an, das wunderschön direkt am Seeufer liegt. Nur elf Häuschen umfasst diese Anlage. Hier sind Ruhe und Abgeschiedenheit ein großer Teil des Programms. (Fotos des Hotels folgen an den Folgetagen.)

Viel Zeit für die Erkundung der Umgebung bleibt mir nicht, denn spontan entscheiden wir, dass ich bereits heute eine (Sicherheits-)Exkursion zur Fingertier-Beobachtung machen werde, für die das Reservat berühmt ist. Viele der im Netz zu findenden Fotos des skurrilen Tiers sind hier entstanden. Am Folgeabend werden wir dies dann en famille wiederholen. Das Palmarium ist auf Madagaskar sicher der beste Ort, um das Fingertier einmal live erleben zu können.

Während Frau und Kinder also erstmal in aller Ruhe unsere direkt am Strand gelegene Hütte erobern und die Abenddämmerung am und im See genießen, fahre ich alsbald eine ganze Weile auf einem Boot und gemeinsam mit Guide, vier anderen Hotelgästen und einem selbstverliebten Volunteer durch die Dunkelheit wieder über den See in Richtung einer Insel, auf der eine habituierte Fingertier-Population lebt.

Dort angekommen, ist es nur ein kurzer Fußmarsch zu einer dezent beleuchteten Futterstelle. Jeden Abend werden hier die Aye-Ayes mit Kokosnüssen – einer ihrer Lieblingsspeisen – vor die Kameras der Besucher gelockt. Ein weiteres Boot aus der Hauptlodge des Palamariums hat bereits am Steg festgemacht und so sind es vielleicht 15 Menschen, die sich nun geleitet von einem Guide leise und vorsichtig auf den Weg machen.

Bereits einige Meter vor Erreichen des Orts ist ein kratzendes Nagen deutlich zu vernehmen: Mit emsigen Knabbern arbeitet sich ein Fingertier durch die harte Schale einer Nuss. Beim ersten Sichtkontakt bin ich erstaunt über die Gestalt dieses ganz besonderen Lemuren: Sein zottliges Fell, der besenartige Schwanz, die weitauseinander stehenden und leuchtend gelben Augen, seine spinnenartigen Finger, von denen der Mittelfinger überproportional verlängert ist – all das macht das Aye Aye zu einem Anblick, den man nicht so schnell vergisst. Keine klassische Schönheit, aber eine unverwechselbare Erscheinung.

Nur wenige Meter trennen die Betrachter von dem emsig nagenden Fingertier. Das Fotografieren ist durch das herrschende Dämmerlicht nicht ganz einfach. Alle Anwesenden verhalten sich aber absolut ruhig und respektvoll. Man ist merklich fasziniert von dem seltsamen Primaten. So macht Tierbeobachtung in der Gruppe Freude.

Nach einer Zeit kommt ein zweites Fingertier hinzu – ein Jungtier, das bis auf seine Größe den adulten Tieren sehr ähnlich ist. Es übernimmt die bereits angenagte Kokosnuss, denn seine Zähne sind noch nicht dazu in der Lage, die unversehrte Schale zu durchnagen. Spannend ist es zu sehen, wie immer wieder der verlängerte Mittelfinger in die Nuss gesteckt wird, um das Kokosmark herauszupulen.


Später zeigt sich sogar noch ein drittes Aye Aye, das aber etwas entfernt im Schummerlicht verbleibt und sich daher unmöglich fotografieren lässt.

Wir dürfen für eine ganze Weile bei den Aye Ayes bleiben, bis der Guide irgendwann die Beleuchtung der Futterstelle dimmt und uns leise zum Aufbruch bittet. Tief zufrieden mit dem Erlebten geht es zurück aufs Boot und ich lächele auf der Rückfahrt durch die rabenschwarze Nacht immer wieder in mich hinein. Die Strapazen der langen Anfahrt sind spätestens jetzt vergessen.

(wird fortgesetzt)

Teil 504. Sept. 2026

Fortsetzung Kapitel 2

Nach meiner Rückkehr machen wir gemeinsam eine kleine Ruhepause in der schönen Hütte. Das Häuschen bietet uns zwei (offene) Etagen und damit genug Platz. Alles ist liebevoll mit Naturmaterialien gestaltet und sehr gut in Schuss. Hier kann man sich wohlfühlen. Wichtig ist nur, dass man sämtliche Nahrungsmittel nach der Ankunft im Restaurant abgibt, um nicht ungebetene Besucher in die Hütte zu locken. Denn Türen und Fenster schließen nicht vollständig dicht ab und man ist eben mitten in der Natur. Auf der einen Seite der See-Strand, auf der anderen dichter Wald.

Meine Frau und ich machen vor dem Abendessen noch einen kleinen Spaziergang auf den Waldwegen, die sich als verzweigtes Netz hinter den Hütten entfalten. Es ist bereits stockdunkel. daher bewaffnen wir uns mit Taschenlampen und sind gespannt, ob wir nachtaktives Leben entdecken können.

Sehr weit müssen wir gar nicht gehen, bis unweit des Pfades große und kreisrunde Augen im Schein der Lampen aufblitzen. Vorsichtig sehen wir genauer hin und entdecken gleich unseren ersten östlichen Wollmaki (Avahi laniger), der interessiert zurückblickt. Ein überaus putziges Kerlchen!

Auf dem Weg zum Abendessen zeigen wir den Kindern den pelzigen Gesellen und sie sind ebenso entzückt.

Das Restaurant des Palmarium Beach Hotels ist als zu den Seiten offene Plattform auf einem Hügelkamm zwischen See und Wald gebaut. Von hier aus schaut man direkt in die Bäume. Das Essen ist lecker und bezahlbar – im Vergleich zu Lokalen außerhalb von Hotels aber natürlich recht teuer. Man is(s)t hier schließlich auch gefühlt am Ende der Welt, an das alles via Boot transportiert werden muss. (Ganz bewusst haben wir die Reise nur mit Frühstück gebucht. Der Aufschlag für die Halbpension war bei ohnehin nicht ganz günstigem Gesamtpreis beträchtlich und gerade bei dem oft kleinen Hunger unserer Kinder lohnt sich eine solche Pauschalregelung nur selten. Erstaunlicherweise haben beide in Madagaskar aber nach und nach einen ausgeprägten Appetit entwickelt…😉)

Nach dem Abendessen chillen die Kinder in der Hütte, während die Eltern spontan einen Guide anheuern, der sie für eine gute Stunde über die nahen Waldpfade führt.

Bei dem Spaziergang begegnen uns mehrmals weitere Wollmakis, die hoch in den Bäumen mit der Nahrungssuche beschäftigt sind.

Besonders spannend wird es, als der Guide uns ein klitzekleines Stummelschwanzchamäleon präsentiert. Wie er diesen Zwerg an einem bodennahen Zweig entdecken konnte, ist uns ein echtes Rätsel. Es handelt sich bei dem Tier um die Unterart Brookesia Nofy, die nur knapp 3,3 cm lang wird. Die Art wurde erst 2024 entdeckt.

Ungleich größer  ist dagegen das Riesenchamäleon (Oustalet’s Chameleon), das bis zu seiner Schwanzwurzel stolze 28 Zentimeter messen kann.

Neben Wollmakis und Chamäleons entdecken wir noch einige Insekten, von denen es diese zwei Meister der Tarnung auf ein Foto schaffen.


Nach dieser schönen kleinen Exkursion geht es zurück in die Hütte – natürlich nicht, ohne unserem selbst entdeckten Wollmaki noch eine gute Nacht zu wünschen.

Die Kinder hatten währenddessen eine entspannte Zeit mit Spiel und Spaß. Bald darauf verkrümeln wir uns unter unsere Moskitozelte. Nach dem Motto „Doppelt hält besser“ haben wir eigene Moskito-Iglus mitgebracht, die sich im weiteren Verlauf der Reise als wirklich lohnende Investition erweisen werden. (Unser Dank geht an Kordula für diesen sehr guten Tipp!). Einer ruhigen Nacht steht damit kaum etwas im Wege.

Morgen geht es erstmals bei Tageslicht auf Lemurensuche. Wir sind voller Vorfreude.

Teil 607. Sept. 2026

Kapitel 3: Lemuren zum Sattsehen

Bereits vor Sonnenaufgang werde ich durch lautes Prasseln auf dem Hüttendach geweckt. Oh Schreck – es wird doch im Regenwald nicht etwa regnen? Ich versuche vergeblich nochmal einzudösen und lausche dem irgendwann schwächer werdenden Geräusch.

Leise mache ich mich ausgehfertig und lasse die Familie noch ein wenig schlafen. Im Dämmerlicht des neuen Tages gehe ich die paar Schritte zum Seeufer und genieße den Frieden der Szenerie. Alles ist ganz leise. In der Ferne watet ein Reiher. Ein Fischerboot legt ab. Das sanfte Plätschern des eintauchenden Ruders gibt der Stille Struktur. Tief ein- und ausatmen. 


Bald kommt aber ein neues Geräusch dazu: Über den See nähert sich ein Prasseln in beeindruckender Geschwindigkeit und der nächste Regenguss lädt mich unmissverständlich dazu ein, schnell in die Hütte zurückzukehren.

Zum Glück dauert dieser neue Schauer nicht sehr lange an. Und es wird der letzte Regenguss des Tages gewesen sein.

Vor dem Frühstück schauen wir schnell nach dem Oustalet’s Chamäleon und finden es erwartungsgemäß noch in seinem Schlafbaum. Die große Echse bewegt sich aber bereits langsam durch die Äste. Leider ist es durch die Bewölkung und das dichte Blätterdach hier noch so dunkel, dass wir für ein Foto lichttechnisch etwas nachhelfen müssen.

Es folgt ein leckeres Frühstück sowie eine kurze und entspannte Zeit in der Hängematte, am Strand und im See. Zum Entspannen ist das Palmarium Beach Hotel genau der richtige Ort.

Am späteren Morgen wollen wir zu einem Ausflug in den Teil des Palmarium Reservats aufbrechen, der sich bei der Hauptlodge befindet, denn dort leben die meisten Lemuren des Schutzgebiets. Dazu müssen wir gemeinsam mit einer sehr netten deutsch-madagassischen Großfamilie, die mit uns das Beach Hotel bewohnt, auf einer kurzen Bootsfahrt den See queren.

Als wir am Anleger des Beach-Hotels auf unser Boot warten, wird die Stille plötzlich durch ein lautes Brüllen durchbrochen. Wir können die Geräusche erst gar nicht zuordnen. Sie erschallen aus den nahen Baumwipfeln und sind uns völlig fremd. Entfernt erinnern sie an das Krächzen einer Krähe. Nur gestaltet sich der Schrei hier erheblich lauter. Ein genauer Blick zeigt uns schnell die Urheber im dichten Blattwerk: Einige schwarzweiße Varis sind hier unterwegs. Was ist das doch für ein Spektakel, das die hübschen Tiere veranstalten!

Vom Steg aus lassen sich interessante Kreise auf dem Seeboden entdecken, die jeweils von einem Fisch bewacht werden. Ein Nest?

Während der Überfahrt singt die Großfamilie madagassische Lieder. Welch schöner Soundtrack für die Überfahrt! Als der Bootsführer in das Lied einstimmt, entsteht ein richtiger Gänsehautmoment. 

Kurze Zeit später erreichen wir das Ufer an der Hauptlodge und steigen die Treppenstufen vom Anleger zum Garten des Hotels hinauf. Wir trauen unseren Augen nicht: Kaum haben wir die letzte Stufe hinter uns gebracht, sehen wir uns auf Nahdistanz einem kleinkindgroßen Indri gegenüber. Wie alle Lemuren im Akanin’ny Nofy Reservat, so zeigt auch dieses Tier keinerlei Scheu gegenüber Menschen und lässt sich von uns ausgiebig in Augenschein nehmen, bis es schließlich mit einem Riesensatz scheinbar schwerelos den Baum wechselt.

Ganz in der Nähe sind außerdem einige schwarzweiße Varis in den Bäumen unterwegs.

All dies findet in nächster Nähe des Hotelrestaurants in einem sauber angelegten botanischen Garten statt. Das trübt den Wildnis-Charakter natürlich ein. Beeindruckend bleiben die Nahbegegnungen aber trotzdem unbedingt.

Daher noch mal schnell zurück zum Indri, der nicht weniger fotogen als vorhin auf Augenhöhe an seinem neuen Stamm klammert.

Wenig später spazieren wir aus dem Garten in den Wald, etwas unsicher, wo wir nun hingehen können. Es gibt einen breiten Weg, von dem immer wieder kleinere Trampelfade in den tieferen Wald abgehen. Hier ist es schon etwas wilder und Menschen sind auch nicht mehr viele unterwegs.

Wir sehen erste Braune Makis, die ebenso gut an menschliche Nähe gewohnt sind.

Früher war es im Reservat laut diverser Reiseberichte erlaubt, die Lemuren auch als Tourist mit Bananen zu füttern. Bei unserem Besuch war dies (zum Glück!) nicht mehr vorgesehen und nur die Guides dürfen die Primaten mit Leckerbissen versorgen. Der Umgang mit den Tieren des Reservats erscheint uns insgesamt sehr respektvoll zu sein. Das haben wir nicht überall auf Madagaskar so erlebt.

Nach einiger Zeit ziellosen Umherstreifens können wir einen Guide auftun, der uns die nächste Zeit über die Pfade des Reservats führen und die verschiedenen Waldbewohner zeigen wird. Stand 2026 leben im Palmarium mit wenigen Ausnahmen nur noch Lemuren, die auch natürlich im östlichen Madagaskar vorkommen.

Auf dem Spaziergang durch den Wald können wir so einige unterschiedliche Arten beobachten.

Immer wieder zeigen sich uns Braune Makis.

Auch Kronenmakis kommen uns sehr nah. Bei dieser Lemurenart – die ihren angestammten Lebensraum an der Nordspitze Madagaskars hat – unterscheiden sich die Geschlechter farblich deutlich voneinander.


Außerdem finden wir einige Hybridlemuren, die aus der Verpaarung der nah verwandten Braunen Makis und Kronenmakis entstanden sind.


Wir machen eine kleine Pause am Restaurant, bevor es tiefer in den Wald geht. Hier finden wir die Indris wieder.

Im dichten Wald kommt als neue Art für uns der Rotbauchmaki hinzu. Diese Lemurenart finde ich besonders hübsch. Die Weibchen und Männchen kann man unter anderem anhand der unterschiedlichen Gesichtszeichnung gut voneinander unterscheiden. Die weiße Zeichnung zum Nasenrücken hin tragen nur die männlichen Tiere.



Wir laufen eine ganze Weile durch den Wald. Zum Abschluss nimmt ein Hybridlemur durch eine Guide-Banane motiviert für einen Moment auf der Schulter unserer Kleinen Platz. Bei solchen Kontakt-Aktionen haben wir immer ein wenig Bauchgrimmen…

Unser weiterer Weg führt uns zum Seeufer weit entfernt von der Hauptlodge. Auf dem Weg entdecken wir an einem Baumstamm einen Großen Madagaskarleguan.

Am Seestrand zeigt uns der Guide schließlich einige Madagaskar-Riedfrösche in der himmelblauen Farbmorphe. Sie sind nur zwei bis drei Zentimeter groß, aber wegen ihrer Färbung der absolute Hingucker. Auch wenn man sie im dichten Blattwerk, wo sie den Tag verschlafen, schnell übersieht.


Eine letzte Station machen wir bei einer Ansammlung fleischfressender Kannenpflanzen, die unweit des Seeufers in einem Sumpfgebiet gedeihen. Die zahlreichen Trichterfallen haben eine beeindruckende Größe.

Gut gefüllt mit neuen Eindrücken besteigen wir ein kleines Boot, das uns zurück zum Palmarium Beach Hotel bringt. Die Ruhe unserer Unterkunft empfängt uns: Hängematte, Strand und See locken als Nachmittagsprogramm. 


Wir haben die Umgebung quasi für uns allein, nur beäugt von wunderhübschen Taggeckos.

Meine Frau und ich machen außerdem einen ausgedehnten Spaziergang durch den Wald und am Strand entlang. Das Gebiet verengt sich nach einigen hundert Metern zu einer kleinen Landzunge, die auf den See hinausführt. Hier beobachten wir einige Vogelarten: Schildraben und Schmarotzermilan sind uns aus dem südlichen Afrika wohlvertraut. Ein Neuzugang auf unserer Sichtungsliste ist der Weißstirn-Regenpfeifer, der sich uns zum Glück auf passable Fotodistanz nähert, als wir still und leise am Spülsaum des Sees verharren.

Zu Einbruch der Dämmerung wird unsere Aye-Aye-Exkursion mit der ganzen Familie starten. Im Anschluss daran werden der Vater und die jüngere Tochter noch eine Nachtwanderung im Wald unweit der Hauptlodge machen. Davon aber erst im nächsten Teilkapitel mehr.

Teil 711. Sept. 2026

Kapitel 3: Fortsetzung

Kurz nach Sonnenuntergang schippert die ganze Familie über den See: Unser Ziel ist die Fingertier-Futterstelle. Der Besuch gleicht dem am Vortag. Nur ist dieses Mal zu Beginn kein Aye-Aye anwesend und es dauert eine Weile, bis sich eines an der bereitgelegten Kokosnuss zu schaffen macht. Bis wir das beständige Nagen hören, warten wir in absoluter Finsternis, denn wenn die Beleuchtung bereits vor dem Eintreffen des Fingertiers angeschaltet wird, vermeidet das Tier wohl die Annäherung.

Die ganze Familie ist begeistert von der Beobachtung. Für drei von uns ist es eine tolle Premiere. Und auch für mich hat die Begegnung nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Das Aye-Aye ist ein wirklich besonderes Tier.

Heute Abend zeigen sich nach und nach zwei adulte Tiere und ein Jungtier. Ich denke, dass es das gleiche Individuum ist, das sich am Vorabend bereits an den angenagten Nüssen gütlich getan hat.

Der starre Blick aus den gelben Augen, das borstig-struwwelige Fell: Das Fingertier ist unter den nachaktiven Lemuren unbestritten die außergewöhnlichste Kreation.

Sein Aussehen und seine Lautäußerungen, die ihm seinen Namen eingebracht haben, sorgen unter anderem aber auch dafür, dass das Tier auf Madagaskar einen schlechten Ruf genießt. Laut lokalem Aberglauben kündigt eine Begegnung mit einem Aye-Aye den schweres Unglück oder gar den Tod an. Ein bekannter madagassischer Ausspruch dazu lautet „Mangatambo hita miseo tsy tsara“ (etwa: Das Tier zu sehen bringt nichts Gutes). Das Töten des Aye-Aye gilt als einzige Möglichkeit, das drohende Unheil abzuwenden. Der Tourismus hat der Bevölkerung an den Ufern des Kanals aber auch gezeigt, dass Menschen von weither kommen, um das Tier zu sehen. Hoffentlich ein wirksames Mittel gegen den herrschenden Aberglauben.

Nach dem Besuch der Aye-Aye-Futterstelle trennen sich die Wege unserer Familie temporär. Meine Frau und die Große fahren zurück ins Beach Hotel und genießen dort ihr Abendessen und einen gemütlichen Tagesausklang.

Unsere Kleine und ich lassen sich zur Hauptlodge fahren, um dort eine geführte Nachtwanderung zu machen, die wir am Nachmittag organisiert haben.

Zuvor genießen wir aber ein harmonisches Vater-Tochter-Dinner in der Hauptlodge. Auch hier isst man gut. Die Atmosphäre des Beach-Restaurants gefällt mir aber besser. Lustig wird es, als ein Schwarzweißer Vari in die offene Lobby klettert und von den Angestellten herauskomplimentiert werden muss. Kaum sind die Vertreiber jedoch weg, kehrt der Vari zurück und das Spiel beginnt von Neuem… 😄

Nach dem Essen trifft uns unser Guide am Restaurant und kurz darauf streifen wir auch schon zu dritt durch den finsteren Wald.

In den Wipfeln quiekt und grunzt es immer wieder, als wir an den Schlafstellen tagaktiver Lemuren vorbeikommen.

Unser Interesse gilt aber der „Nachtschicht“. Bald finden wir den ersten Östlichen Wollmaki des Abends. Wunderbar frei sitzt das Tier hoch oben in einem Baum.

Besonders freuen wir zwei uns über die Entdeckung eines Stummelschwanzchamäleons. Toll, dass unsere Kleine diesen Winzling jetzt auch zu Gesicht bekommen hat!

Wollmakis sehen wir im Laufe des Abends noch einige. Hier sogar mal mit Schwanz.

Eine Erstsichtung für uns ist ein Kurzhorn-Chamäleon. Da Chamäleons zu den Lieblingstieren unserer Tochter gehören, ist sie sehr glücklich damit, jetzt auch noch ein recht großes Reptil gesehen zu haben.

Wir suchen eine ganze Weile nach den winzigen Mausmakis, leider werden wir heute aber nicht fündig.

Und so kommt es erst, als wir auf unseren Bootstransfer warten, zu einem letzten Höhepunkt unseres Ausflugs. Eine Madagaskarnachtschwalbe jagt ausdauernd Insekten, die von der Stegbeleuchtung angelockt werden. Immer wieder setzt sich der kuriose Vogel dabei kurz auf das Geländer und so können wir ein paar nette Fotos aus recht kurzer Distanz machen.

In unserer Hütte treffen wir vier uns nach rascher Überfahrt wieder. Meine Frau und ich machen noch einen kleinen Spaziergang über die Waldwege hinter den Unterkünften, denn während unserer Trennung konnten sie und unsere Große dort tatsächlich einen Mausmaki durch Geäst turnen sehen.

Nun ist uns dieses Glück leider nicht mehr vergönnt, aber der Abend soll trotzdem noch mit einem kleinen Highlight enden. Plötzlich huscht nämlich nahebei ein kleines Tier über den Pfad und ich traue meinen Augen nicht! Ich rufe kurz aus: Tenrek!

Es handelt sich um einen Großen Igeltenrek, der sich jedoch schnell in den Schutz der Pflanzen am Wegesrand zurückzieht. Es gelingen daher nur kaum zufriedenstellende Belegfotos. Wir versuchen seinen Laufweg zu antizipieren und suchen die nähere Umgebung gründlich ab, um ihn wiederzufinden. Leider scheint das vergeblich zu sein, bis meine Frau damit beginnt, auch die Baumstämme abzuleuchten.

Und dort sitzt es tatsächlich an den Stamm geklammert: Ein Wesen, das an Niedlichkeit kaum zu überbieten ist. Dem europäischen Igel äußerlich sehr ähnlich, ist dieser Tenrek jedoch viel kleiner. Und im Klettern hat er ganz sicher die Nase vorn. Lange betrachten wir den kleinen Kerl und sind ganz verzückt.

Tief zufrieden mit diesem erlebnisreichen Lemuren-Intensivtag verkrümeln wir uns in die Betten. Um 22 Uhr wird der Strom im Hotel abgeschaltet – ab diesem Zeitpunkt herrscht die Dunkelheit am Ampitabe-See.

Morgen früh werden wir das „Nest der Träume“ bereits wieder verlassen. Hier könnten wir uns durchaus vorstellen, noch einmal länger zu bleiben. Das Palmarium Beach Hotel hat das Potential zum Sehnsuchtsort.

Teil 815. Sept. 2026

4. Kapitel: Vom Canal des Pangalanes nach Andasibe

Der Tag beginnt für uns mit dem Sonnenaufgang. Herrlich ist es heute. Das Palmarium leuchtet in seinen schönsten Farben und macht uns den Abschied schwer.

Wie wundervoll sind hier Strand und Wald. Alles ist fast menschenleer und wunderbar still. Da möchte man zum Augenblicke sagen: „Verweile doch! du bist so schön!“ Das Palmarium Beach Hotel gehört als Gesamtpaket wohl tatsächlich zu den schönsten Orten, die wir bisher besucht haben:

Über den Strand spazieren wir gemütlich zum Frühstück. Und wenig später heißt es gut gestärkt Abschied nehmen vom ersten Paradies unserer Rundreise. Starke Schultern schleppen unser Gepäck dankenswerterweise zum Bootsanleger, während wir zum Glück daran denken, unseren eingelagerten Proviant aus dem Restaurant abzuholen.

Als wir auf unser Boot warten, das uns zurück in die Zivilisation bringen wird, durchbrechen einmal mehr die Rufe der Schwarzweißen Varis die morgendliche Stille. Was für ein schöner Abschiedsgruß! Eines der Tiere posiert im schönen Morgenlicht kurz für uns, bevor die Bande sich tiefer in den Wald zurückzieht. Hier entsteht eines meiner Lieblings-Lemurenfotos der Tour.

Die Bootsfahrt über Seen und durch den Kanal verschlafen die Kinder weitgehend und träumen wahrscheinlich davon, dass sie bald wieder Handyempfang haben. Denn Netzabdeckung oder gar WLAN waren im Palmarium Fremdwörter. Meine Frau und ich genießen derweil die an uns vorbeiziehende Landschaft und den Anblick der vereinzelten Dörfer.

Nach einer guten Stunde erreichen wir unser Ziel und werden fröhlich von Alain empfangen, der eine gute und entspannte Zeit am Strand verbringen konnte, nachdem wir ihm vorgestern gern ein für uns sehr kostengünstiges Upgrade auf einen kleinen Bungalow gezahlt haben. Er hätte sonst wohl im Auto übernachten müssen…

Schnell ist unser Gepäck verladen und die Fahrt über vertraut-schlaglöcherige Straßen beginnt. Auch heute sind zahlreiche Lastwagen unterwegs und so gestaltet sich der Transfer einmal mehr als eine Mischung aus Beschleunigen, Bremsen, waghalsigem Überholen und Pothole-Slalom. 🙃

Zum Glück müssen wir heute aber nicht zurück nach Antananarivo. Unser Ziel ist die Vakona Lodge nahe Andasibe. Die Fahrt wird also nur gute fünf Stunden dauern.

Sie ist trotz bekannter Strecke abwechslungsreich. Immer wieder gibt es etwas Landestyptisches zu entdecken.

Eine Straßensperrung droht uns aber für unkalkulierbar lange Zeit aufzuhalten. Alain wird sichtlich nervös. Als ein zum Leichenwagen umfunktioniertes Taxi Brousse – gut erkennbar an einer Flagge und einem in Tücher eingeschlagenen Sarg auf dem Autodach – durchgelassen wird, wittert er seine Chance und hängt sich kurzerhand an die Fersen des Gefährts. Falls wir von der Polizei angehalten werden sollten, sollten wir doch bitte sagen, dass wir unbedingt einen frühen Flug in Tana bekommen müssten. Während wir also mit mehr oder weniger großer Anspannung hinter dem Leichenwagen herfahren, können wir interessiert beobachten, wie das Leben am Straßenrand kurz innehält und die Menschen in respektvoller Geste ihre Kopfbedeckungen abnehmen, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen.

Nach einiger Zeit biegt der Leichenwagen ab und wir setzen unsere Fahrt entspannt fort, bis wir irgendwann wieder auf unsere heißgeliebten Tanklaster treffen.

Nach kurvenreicher Fahrt erreichen wir am späten Vormittag das Maromizaha-Wiederaufforstungsprojekt, das u.a. von EU und KFW finanziert wird.

Hier legen wir eine längere Pause ein und werden von einem Mitarbeiter über die hiesige Arbeit informiert. Neben der Neubepflanzung gerodeter Flächen betreibt das Projekt auch die lokale Schule. Da jedoch gerade Ferien sind, ist auf Hof und Sportplatz nichts los. Zum Abschluss können wir an einem Hang selbst ein paar Setzlinge einpflanzen. Auch wenn die Aktion keineswegs spektakulär ist, macht es gerade den Kindern Freude, hier ein wenig tätig zu werden. Und wir freuen uns darüber, das Projekt in kleinem Rahmen finanziell unterstützt zu haben.

Der Auslauf hat uns allen gutgetan und so steigen wir frohen Mutes wieder in unseren Kleinbus und kurven für die nächste Zeit weiter in Richtung Andasibe. In einem am Waldrand gelegenen Restaurant machen wir eine längere Nachmittagspause. Hier kann man richtig gut essen und der Ausblick auf Bäume und ein kleines Flüsschen ist idyllisch. Ein schöner Ort zum Verschnaufen! Hier haben wir auch das erste Mal Kontakt zu „World Cola“, der afrikanischen Alternative zu den großen Weltkonzernen, die neben Madagaskar vor allem auf dem west- und zentralafrikanischen Markt angeboten wird. Weniger süß als die amerikanische Konkurrenz – die sowieso nur selten auf der Insel zu bekommen ist – wird sie zu einem treuen Begleiter auf unserer Reise werden.

Nach der Pause fahren wir durch das Örtchen Andasibe und steuern den Wald an, in dem die Vakona Lodge liegt, unsere Herberge für die kommenden zwei Nächte. Die wenigen Kilometer Waldweg haben es für unser Gefährt jedoch nochmal in sich. Nur langsam kommen wir holpernd voran und Alain kann seine Anspannung nicht immer verbergen: Irgendwie hatte er die Anfahrt weniger rustikal in Erinnerung.

Am späten Nachmittag erreichen wir die Lodge, die abgeschieden inmitten des Waldes liegt. Das Haupthaus mit Restaurant erhebt sich in einem Talkessel am Ufer eines kleinen Sees. Am Hang gruppieren sich einige Reihenhaus-Hütten. Der Ersteindruck ist schonmal positiv.

Eigentlich wollten wir heute noch das hoteleigene Lemuren-Reservat erkunden. Jedoch ist es dafür bereits zu spät und wir verschieben den Besuch kurzerhand auf den nächsten Tag.

Das Gepäck wird die recht steilen Treppen hinauf zu unserem Häuschen geschleppt und wir sind gleich angetan von dem schönen Ausblick, den wir von unserer kleinen Terrasse auf den See haben. Das Häuschen selbst bietet wieder zwei offene Etagen und damit genug Raum für uns vier. Alles ist hier vergleichsweise schlicht und zweckmäßig gestaltet, dabei aber sauber und gepflegt.

Während die Kinder zuerst in der Hütte chillen und dann den Pool nutzen möchten, verspüren meine Frau und ich nach der langen Fahrt gleich einen großen Bewegungsdrang. Ein kleiner Trail lädt uns zum Spaziergang ein und führt uns auf nass-glitschigen Pfaden durch tiefgrüne Vegetation an einem kleinen Bachlauf entlang, den wir auf Holzstegen immer wieder überqueren. Ein wirklich schöner Spaziergang, den wir bei unserem Aufenthalt noch mehrmals machen werden. Unsere Hoffnung auf Tierbegegnungen wird aber heute enttäuscht. Zu dicht ist das Grün, zu hoch sind die Bäume.

Zurück am See der Lodge erleben wir aber dann doch noch ein kleines Vogel-Highlight, denn hier ist gerade ein winziger Malegassenzwergfischer unterwegs. Das Licht ist im Talkessel zwar nicht mehr berauschend. Trotzdem sind wir froh, dass wir den bunten Vogel auf mehreren seiner Ansitze über längere Zeit beobachten und fotografieren können.

Unaufhaltsam wird es immer dunkler und schließlich verabschieden wir uns von dem kleinen Kerl und kehren zu unserem Nachwuchs zurück, der eine gute Zeit im (nicht gerade warmen) Pool der Lodge verbracht hat. Auf dieser Reise wird uns verstärkt deutlich, dass ein wichtiger Bestandteil harmonischen Beisammenseins daraus bestehen mag, dass jedes Familienmitglied seine Freiheiten hat und kein durchgehender Aktivitätenzwang im Familienverbund besteht. Und so einigen wir uns auch jetzt darauf, dass heute Abend nur die Eltern auf eine geführte Nachtwanderung gehen werden, während die Kinder in der Hütte bleiben oder im Haupthaus Billard spielen möchten.

Was uns im nächtlichen Wald vor die Linse gekommen ist, erzähle ich aber erst im nächsten Teilkapitel.

Teil 917. Sept. 2026

Fortsetzung

Zur verabredeten Zeit treffen wir den Nightwalk-Guide an der Rezeption der Vakona Lodge. Unsere Gruppe besteht neben uns noch aus einer niederländischen Familie, die tatsächlich todesmutig als Selbstfahrer unterwegs ist. Als wir ins Gespräch darüber kommen, warum unsere Kinder nicht an der Nachtwanderung teilnehmen, aber deren Kinder schon, bekommen wir von dem Filius nur die trocken servierte Antwort: Wir wurden gezwungen… 🙃

 Im Schein der Taschenlampen marschieren wir die Auffahrt zur Lodge hinunter. Links und rechts der Straße herrscht dichte Vegetation. Immer wieder können wir schlafende Chamäleons unterschiedlichster Größe entdecken.

Den Anfang macht das von Kopf bis Schwanzwurzel nur etwa fünf Zentimeter messende Big Nose Chameleon (Calumma nasutum).

Bald darauf können wir einen weiteren Winzling entdecken: Das Perinet Chamäleon (Calumma gastrotaenia), das kaum größer als sein dicknasiger Verwandter ist.

Für Abwechslung sorgen einige Frösche – darunter ein nicht weiter bestimmter Ruderfrosch.

Das Kurzhorn-Chamäleon ist im Vergleich zu den zuvor entdeckten Zwergen ein ganz schöner Brocken.

Nachdem wir auf einen kleinen Waldweg abgebogen sind, entdecken wir im dichten Gestrüpp bald das Highlight der Exkursion: Aus großen Augen blickt uns ein Goodman-Mausmaki entgegen. 🤩Diese Gesellen zählen zu den kleineren Vertretern der Mausmakis und somit zu den kleinsten Primaten. Sie erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von nur neun Zentimetern. Ein absoluter Zuckerschock!

Die Vegetation ist hier leider sehr dicht und damit bleibt die Sicht auf den Mini-Lemuren ziemlich eingeschränkt. Wir recken Kopf und Kamera, um die Sichtung für uns zu dokumentieren. Das kleine Kerlchen hält dabei trotz unserer Hampeleien erstaunlich still. Wir vermuten, dass er sich im Torpor (Reduktion des Energieverbrauchs durch eine gezielte Verlangsamung des Stoffwechsels) befand. Diese Fähigkeit besitzen einige der kleinen Lemurenarten in unterschiedlicher Ausprägung.

Wir sind nach dieser Begegnung absolut selig: Unsere ersten Mausmaki-Fotos sind im Kasten! So niedlich!

Auf dem weiteren Weg entdeckt der Sohn der Niederländer einen kleinen Skorpion an einem Baumstamm. Auf Madagaskar gibt es keine Tiere, deren Gift dem Menschen ernsthaft gefährlich werden könnte. Das entspannt die Lage auf den zahlreichen Dickicht-Spaziergängen dieser Reise (auch im Angesicht der mangelhaften medizinischen Versorgung) doch deutlich.

Bald ist es Zeit zur Lodge zurückzukehren. Wir entdecken noch ein paar Vertreter der kleinen Chamäleonarten.

Im See der Lodge suchen wir zum Schluss noch nach Fröschen und werden recht schnell fündig: Ein Madagaskarruderfrosch (so meine Vermutung…) lugt uns fotogen aus einem Blätterkelch entgegen.

Im Restaurant treffen wir die Kinder wieder. Da die Wanderung länger als gedacht gedauert hat, haben sie bereits versucht, für sich ein Abendessen zu bestellen. So hatten wir das vor unserem Aufbruch mit ihnen abgesprochen. Die Order konnten sie dann zwar auch platzieren, jedoch hat das Personal dummerweise mit dem Servieren gewartet, bis auch die Eltern irgendwann eingetroffen sind… Wir werden also von ziemlich angesäuertem Nachwuchs empfangen. 😡

Die Qualität des Essens ist völlig in Ordnung. Und da die Tische rund um einen offenen Kamin angeordnet sind, sitzt man in recht schöner Atmosphäre. Ein Billardtisch sorgt nach dem Essen für einen versöhnlich-vergnüglichen Restabend.

Morgen soll es in den Analamazaotra Mantadia Nationalpark gehen. Hier wird die Suche nach dem Indri im Mittelpunkt stehen. Wir freuen uns, den größten Lemuren wiederzusehen und hoffentlich auch zu hören. Und wir sind gespannt, was wir darüber hinaus noch entdecken können, denn ein Regenwald beherbergt schließlich jede Menge unterschiedlichen Lebens.

Teil 1020. Sept. 2026

Kapitel 5: Der Ruf

Zu Sonnenaufgang werde ich wach. In den Ferien gelingt das kurioserweise ganz ohne Wecker vorzüglich. Ich stehle mich aus unserer Hütte und blicke direkt auf eine Nebelwand. Eigentlich wollte ich jetzt nach Vögeln suchen. Aber die müssten schon auf Armeslänge entfernt sitzen, damit man sie überhaupt erkennen oder gar sinnvoll ablichten könnte…

Sehr malerisch brechen nach einiger Zeit erste Sonnenstrahlen durch die Nebeldecke.

Und ich mache mich auf den Weg zu den Büschen, in denen wir gestern Abend Chamäleons entdeckt haben. Die Kleinen finde ich erstaunlicherweise nicht wieder. Trotz der niedrigen Morgentemperatur müssen sie schon unterwegs sein. Dafür treffe ich bald ein Kurzhornchamäleon an seinem gestrigen Schlafplatz an. Auch dieses Tier ist bereits in veritabler Zeitlupe unterwegs. Seine Vorwärtsbewegung besteht aus einem dauernden „Voranzittern“ – die Idee dahinter ist, potenziellen Beutegreifern zu signalisieren: „Ich bin nur ein welkes Blatt im Wind.  Hier gibt es nichts zu sehen. Bitte essen Sie anderswo!“ Geduldig betrachte ich die Echse, bis sie endlich in eine Position gestottert ist, die mir ein unverbuschtes Foto ermöglicht. Bestimmt zwanzig Minuten mag das gedauert haben…

Bei meiner Rückkehr zu unserer Hütte hat die Sonne den Nebel bereits weitgehend besiegt. Die Hänge der Vakona Lodge sind in schönes Licht getaucht und so freue ich mich darüber, nun endlich doch noch einen (zugegebenermaßen auf der Insel ziemlich gewöhnlichen) Vogel ablichten zu können: Eine Madagaskarstelze.

In der Zwischenzeit ist auch der Rest der Familie in den Tag gestartet und so brechen wir nach einem guten Frühstück am wärmenden Kamin zu unserem Ausflug in den Analamazaotra Mantadia Nationalpark auf, den wir nach knapp halbstündiger Fahrt erreichen.

Am Eingangstor erwartet uns bereits unser heutiger Guide: Monique. Während die patente Dame sich um die Formalitäten kümmert, erkunden wir ein kleines Museum, in dem man auf diversen Schautafeln Interessantes über die Lemurenwelt Madagaskars und besonders den Indri Indri erfahren kann.

Wenige Minuten später beginnt die gemeinsame Wanderung, die uns knapp vier Stunden über Stock und Stein durch den Wald führen wird.

Wir bestaunen die sattgrüne Pflanzenwelt mit ihren Farnen, Aloen und natürlich der Ravenala madagascariensis – dem „Baum der Reisenden“ mit seinen fächerartigen Blättern. Diese Strelitzie ist der Wappenbaum Madagaskars und typisch für die Regenwälder des Ostens.

Ein erster Vogel kommt uns vor die Linse: Ein weiblicher Madagaskardajal.

Wir staunen über den Schattenriss eines Geckos, der durch ein großes Aloenblatt hindurchscheint.

Schnell finden wir auch die ersten Braunen Makis. Etwa fünf Tiere sind weit oben in den Wipfeln der Bäume unterwegs. An vorzeigbare Fotos ist hier nicht zu denken.

Bald darauf ertönt aus weiter Ferne der Ruf der Indris und unsere Augen beginnen zu leuchten. Zaghaft legt sich der Gesang über den Wald und wir verstehen schnell, dass die Verursacher nicht in unserer Reichweite sein werden. Hoffen wir, dass es noch andere Indri-Familien gibt, die sich gerade in Wander-Distanz zu uns aufhalten…

Voller Elan setzen wir unseren Weg auf einem der Hauptpfade des Parks fort, der gut ausgebaut und leicht zu begehen ist. In den nächsten Stunden werden wir aber immer wieder auf mehr oder weniger sichtbaren Trampelpfaden von diesem Weg abweichen, um die unterschiedlichen Regenwaldbewohner aus der Nähe betrachten zu können.

Bevor wir den Weg aber zum ersten Mal verlassen werden, entdecke ich einen Blau-Seidenkuckuck, der wunderbar exponiert auf einem dicken Ast in gar nicht so weiter Entfernung sitzt. Diese Art wollte ich im Vorfeld gern sehen und fotografieren. Dann begehe ich aber leider einen folgenschweren Fehler und mache unsere Führerin auf die Sichtung aufmerksam. Und diese legt sofort los: Um den schönen Vogel anzulocken, bricht sie in ein lautstarkes Gekrähe und Gegackere aus, das den Seidenkuckuck aber wenig überraschend dazu motiviert, sich schnell tiefer ins Blattwerk zurückzuziehen. Wir sind erstmal konsterniert: Schon erstaunlich, dass Vögel auch auf Madagaskar auf lautes Rufen und Krächzen mit Flucht reagieren… Wieder was gelernt… 🙃

Etwas verschnupft gehen wir weiter und fassen insgeheim den Vorsatz, Sichtungen erst mitzuteilen, wenn wir sie dokumentiert haben…

Wenig später haben wir jedoch keine Zeit mehr zum Murren, denn Pfiffe aus dem Dickicht lassen unsere Führerin innehalten. Sie bedeutet uns, nun den Weg zu verlassen und wir staksen gemeinsam für einige Zeit vorbei an großen Termitenhügeln durchs Unterholz.

Es stellt sich heraus, dass im Nationalpark mit Spähern gearbeitet wird, die bereits früh am Morgen aufbrechen, um die Guides der Touristengruppen mit Pfiffen (oder über das Mobiltelefon) auf Sichtungen aufmerksam zu machen.

Zielsicher werden wir daher zu einer weiteren Familie Brauner Makis geführt, die abermals hoch in den Wipfeln unterwegs ist, und bereits von ein paar anderen Besuchern beobachtet wird. In hohem Tempo wechseln die Tiere mit mühelos wirkenden Sprüngen die Bäume und verharren dazwischen immer nur kurz. Das lässt sich vortrefflich mit Nackenstarregefahr beobachten. Das Fotografieren ist aber eine ganz andere Nummer: Dunkelgrünes Blattwerk, ein dichtes Gewirr aus Ästen, hellblauer Himmel als Hintergrund, braune und bewegungsfreudige Tiere: Ein Traum für jeden Fotografen.

An dieser Stelle fällt uns nicht zum ersten Mal auf, dass unsere geliebte 500er Festbrennweite nicht das perfekte Wildlife-Objektiv für madagassische Verhältnisse ist. Hier benötigt es oft mehr Flexibilität und so sind wir froh darüber, auch ein Zoom-Objektiv im Gepäck zu haben.

Fototechnisch entsteht bei dieser schönen Beobachtung daher sehr viel Ausschuss und nur wenig Vorzeigbares. Wenigstens ein Maki-Portrait soll es aber in den Bericht schaffen.

Wir reißen uns von den quirligen Lemuren los, bahnen uns den Weg zurück zum Hauptpfad und betrachten immer wieder die schöne Vegetation, von der wir leider kaum Ahnung haben. Hier stellvertretend eine nicht näher bestimmte Orchidee.

Erneute Pfiffe signalisieren uns, dass es bald wieder etwas zu beobachten gibt. Monique kündigt lächelnd an, dass wir nun in Kürze den Indris begegnen werden. Voller Vorfreude manövrieren wir uns durch das Unterholz und entdecken zuerst weitere Touristen, die bereits hoch in die Wipfel starren. Ganz weit oben erspähen wir dann auch wenig später drei Indris. Zuerst stellt sich ein Gefühl der Ernüchterung ein, denn die Tiere sind gerade so viel schlechter zu beobachten als im Palmarium Reservat, wo wir sie auf Augenhöhe in Nahdistanz vor uns hatten.

Nun heißt es also geduldig warten, bis die Tiere sich vielleicht in tiefere Gefilde herabbewegen. Zum Glück tun sie uns diesen Gefallen und so können wir die großen Lemuren doch noch ganz schön von schräg-unten aus beobachten.

Das 500er-Objektiv taugt auch hier nur für Portraits. Gut, dass auf dem zweiten Body das 100-500er montiert ist.

Scheinbar schwerelos wechseln die großen Indris mit beeindruckenden Sprüngen von Baum zu Baum.

Und dann beginnt es irgendwann: Ein Familienmitglied hebt zum Reviergesang an, die anderen stimmen nach und nach ein. Wir stehen schräg unter den Sängern und haben einen unverstellten Blick auf eines der Tiere.

Die Rufe schwellen an und ab. Sie verweben sich miteinander zu einem Sirenenteppich, der durch Mark und Bein dringt: Eine irre Kreuzung aus Buckelwal und Tüpfelhyäne. So etwas haben wir noch nicht gehört. Die Lautstärke ist beeindruckend. Die Sänger sind ausdauernd. Unwillkürlich stellt sich Gänsehaut ein und auch ein Tränchen der Rührung mag sich in das ein oder andere Auge stehlen.

[Für ein nur annähernd authentisches Erlebnis bitte jetzt den Lautsprecher bis zum Anschlag aufdrehen! 😉]

Den Gesang der Indris zu erleben, ist für uns eines der wirklich beeindruckenden Naturschauspiele dieser Welt. Und allein diese Momente wären eine Reise wert gewesen.

Verharren wir hier für einen Moment. Was der Regenwald sonst noch zu bieten hatte, folgt in einem gesonderten Abschnitt.

Teil 1122. Sept. 2026

Fortsetzung

Nach dem beeindruckenden Indri-Konzert geht die Wanderung weiter. Wir kehren zum Hauptweg zurück, folgen diesem aber gar nicht lange, bis wir ihn erneut verlassen. Wieder geht es für kurze Zeit über einen Trampelpfad und dann eine kleine und steile Böschung hinauf. Und plötzlich sehen wir uns aus vielleicht zwei Metern Entfernung einem Diademsifaka gegenüber, der sich von unserer Anwesenheit kein bisschen von seiner Nahrungssuche am Waldboden abhalten lässt. 

Wir setzen uns vorsichtig hin und beobachten den hübschen Primaten eine ganze Weile, bis er irgendwann damit beginnt, nach seinen Artgenossen zu rufen, für kurze Zeit noch in Augenhöhe an einen Stamm geklammert verharrt und seine Mahlzeit beendet, um dann mit großen Sprüngen ins Dickicht der Baumkronen zu entschwinden. Unser erster Sifaka! Einmal mehr sind wir entzückt.

Zufrieden setzen wir unseren Weg fort und begegnen bald noch weiteren Diademsifakas, die aber allesamt hoch in den Bäumen unterwegs sind. Das dichte Laub macht eine Beobachtung dabei nicht immer leicht. Lange können wir aber eine Sifaka-Mutter mit Jungtier beobachten. Der kleine Racker klettert dabei keck auf der Mutter herum, bis es dieser schließlich zu bunt wird und sie ihren Nachwuchs kurzerhand packt und mit ihm davonspringt.

Ich frage Monique, ob sie Tageseinstände von Eulen hier in der Gegend kennt und sie wispert verschwörerisch blinzelnd: „Maybe“. Den Kindern schwant eine Extrameile… Der Weg über Stock und Stein wird für sie langsam etwas beschwerlich. Die Erwachsenen sind dagegen noch immer voller Elan und versuchen den Nachwuchs zu motivieren.

Dabei hilft die nächste Begegnung ungemein. Am Wegesrand steht irgendwann eine kleine Gruppe anderer Reisender. Wir versuchen ihren Blicken zu folgen und sehen im ersten Anlauf wieder einmal nichts. Erst als wir sorgfältig angeleitet werden, können wir an einem Baumstamm eines der faszinierendsten Reptilien der Insel ausmachen: Einen Uroplatus, den absoluten Meister der Tarnung. Diese nachtaktiven Echsen verschmelzen durch Farbanpassung und flechtenartige Hautstrukturen quasi mit ihrer Umgebung. Hat man mal eines der Tiere erspäht, kommt man aus dem Staunen kaum heraus. Die Natur ist wirklich eine begnadete Künstlerin! Auf Deutsch trägt die Gattung übrigens zwei Namen: Blattschwanz- und Plattschwanzgecko. Und beide Bezeichnungen treffen auf die Tiere zu: Ihr Schwanz ist tatsächlich platt und sieht einem Blatt sehr ähnlich.

Da unser Guide bei dem Blau-Seidenkuckuck-Intermezzo und meiner Eulenfrage mitbekommen hat, dass wir uns sehr für Vögel interessieren, führt sie uns nach der Uroplatus-Beobachtung zu einem ihr bekannten Ruheplatz einer wirklich spektakulären Art. Schon als sie ankündigt, was wir wahrscheinlich gleich sehen werden, wird mein Puls in froher Erwartung schneller. Denn diese Art stand auf meinem Birding-Wunschzettel für Madagaskar ziemlich weit oben.

Ein weiterer Trampelpfad liegt hinter uns und Monique zeigt zufrieden auf eine Fläche mit trockenem Laub. Im ersten Augenblick sehen wir (wie schon beim Blattschwanzgecko) nichts, aber dann entfährt uns einmal mehr ein ehrliches „Wow!“

Vor uns kauern eng aneinandergeschmiegt zwei Halsband-Nachtschwalben. Ein weiterer Endemit Madagaskars. Und eine wirklich besondere Erscheinung in perfekter Tarnung. Diese Nightjar-Art jagt im dichten Wald und ruht am Tag gern in Paaren auf dem Boden. Interessant ist, dass – anders als bei ihrer schnarrenden Verwandtschaft – bisher kein Mensch den Gesang dieser Vögel dokumentieren konnte. Daher sind sie in der Regel sehr schwer zu entdecken.

Und weiter geht’s. Wir wandern heute tatsächlich von Highlight zu Highlight: Das nächste lässt nicht lange auf sich warten. Monique bedeutet uns zu stoppen und zeigt in einen Busch neben dem Pfad. Was es dort wohl zu entdecken gibt?

In vielleicht zwei Metern Entfernung sitzt auf Augenhöhe eine Madagaskar-Zwergohreule (Otus rutilus) und blinzelt uns aus müden Augen entgegen. Im ersten Moment erschrecke ich mich total – mit so einer Nahbegegnung hätte ich nie gerechnet! Das nächste Gefühl ist eine absolute Begeisterung im Angesicht dieses hübschen Tiers. Eulen sind bekanntlich meine absoluten Lieblingsvögel. Und so hat meine Familie alle Mühe, mich nach ausgiebigem Anstarren von dieser Sichtung wieder loszueisen.

Jetzt bin ich (auch beim Schreiben dieser Zeilen) wirklich restlos zufrieden mit dem heutigen Nationalparkbesuch: Singende Indris, Braune Makis, Sifakas, Nightjars, ein Uroplatus, eine Zwergohreule… Was will man mehr?

Kurz vor Ende der Wanderung erwartet uns am Rand des Nationsparks aber tatsächlich noch eine Zugabe: Unter einem Picknicktisch hat sich eine Madagaskarboa niedergelassen, die sich geduldig von allen Seiten ablichten lässt. Eine Schlange hat uns tatsächlich heute noch gefehlt!

Am Besucherzentrum können wir wenig später außerdem einen Madagaskar-Grünnektarvogel entdecken. Ein schönes Tier, das leider wenig fotogen am Gebäudesims herumflattert und dann verschwindet.

Nachdem wir die Pfade des Parks bereits verlassen haben und zur Verabschiedung anheben, entdecken wir zu guter Letzt ein heranwachsendes (weibliches?) Parsons Chamäleon in einem nahen Bäumchen. Die Vielzahl verschiedener Chamäleon-Arten in der Region ist wirklich faszinierend.

Und auch eine weitere Madagaskarstelze gibt sich die Ehre.

Ziemlich begeistert von der Vielfalt des Regenwalds um Andasibe verabschieden wir uns von Monique und werden von Alain nach einem Lunch im wirklich guten Restaurant vom Vortag zurück zur Vakona Lodge gefahren: Dort heißt es erstmal Ausspannen. („Endlich!“, seufzen die Kinder.) Und dann wartet (im nächsten Kapitel) das hoteleigene Reservat mit seinen Lemuren auf unseren Besuch.

Teil 1227. Sept. 2026

Kapitel 6: Eine Insel mit Lemuren

Ist das schon wieder spät geworden! Nach dem bisher schon sehr ereignisreichen Tag bleibt uns leider gar nicht so viel Zeit zum Verschnaufen, denn schließlich steht an diesem Nachmittag noch ein Besuch im Vakona Reservat an. Die Kinder tun Kund, dass ihnen die Programmtaktung heute zu dicht ist. Und außerdem hätten sie ja am Vormittag schon Lemuren gesehen. Und überhaupt… 😉Die Erwachsenen können die Nachwuchsargumente insgesamt gut nachvollziehen und so ist schnell entschieden, dass die Kids in der Lodge bleiben, während die Eltern allein in Richtung Reservat aufbrechen.

Strammen Schritts marschieren wir los. Der Fußweg dauert keine zehn Minuten. Am Eingang des Vakona Reservats sind wir mit den lokalen Guides allein. Am Nachmittag ist hier nicht viel los. Um zu den Lemuren zu gelangen, müssen wir uns mit einem Kanu über einen Kanal setzen lassen. Die künstliche Wasserader mäandert durch das Gebiet und grenzt einige Inseln voneinander ab. Auf diesen wurden verschiedene Lemurenarten angesiedelt, die dort nun halbwild leben.

Eine der Inseln darf im Rahmen einer Führung von Touristen betreten werden. Auf dieser leben drei Lemurenarten, die auch natürlich in den Wäldern der Region vorkommen. Dadurch verliert das menschenbeeinflusste Setting etwas an Zoocharakter.

Nachdem wir aus dem Kanu steigen, sehen wir uns sofort einigen Braunen Makis gegenüber, die uns aufmerksam beobachten. Die Tiere sind an Menschen gewöhnt und werden von den Guides mit Obst versorgt. Das sorgt für Nahbegegnungen. In älteren Reiseberichten haben wir gelesen, dass die Lemuren auch immer wieder auf die Schultern und Köpfe der Touristen springen würden. Solches Verhalten wurde bei unseren Besuch zu Glück nicht forciert.

Beim Spaziergang durch den Inselwald treffen wir neben den Braunen Makis auch bald auf einen Schwarzweißen Vari.

Auf einer Nachbarinsel sehen wir bald darauf einige Diademsifakas am Ufer sitzen. Unser Guide nutzt die Gunst des Moments und wirft Bananenstücke über den Kanal. Die Lemuren nähern sich sogleich mit tänzelnden Hüpfern den Landeplätzen der Früchte. Als ausgeprägte Baumbewohner laufen Sifakas nämlich nicht auf dem Boden, sondern überwinden Distanzen aufrecht „tanzend“. Es ist interessant, diese besondere Bewegungsweise hier in aller Ruhe studieren zu können.

Zurück im Wald werden wir bald erneut von Braunen Makis beäugt.

Bald darauf folgt für uns das Highlight des Spaziergangs: Eher schüchtern zeigt sich uns ein Östlicher Bambuslemur. Wir freuen uns über die Begegnung mit dieser besonders possierlichen Lemurenart. Es wird der einzige Bambuslemur unserer Reise sein.

Bald darauf endet die Führung über die Lemureninsel bereits. Wir haben alle Arten, die hier leben, beobachten können und werden daher zurück zu unserem Kanu geführt. Rückblickend war der Ausflug auf die Lemureninsel eine nette Ergänzung in unserem Programm. Wir sind aber froh, dass wir die Lemuren im Rahmen der Reise vor allem in natürlicheren Kontexten beobachten konnten. Das fühlt sich irgendwie „echter“ an.

Beim Abschied erfahren wir, dass man auf den Kanälen auch eine Kanutour machen kann. Das wäre doch bestimmt etwas für die Kinder! Heute ist es dafür leider zu spät. Zurück in der Hütte beschließen wir daher, dass meine Frau und unsere jüngere Tochter dies morgen in der Frühe nachholen werden.

Bevor die Sonne untergeht, wird auf den Lodgegelände noch ein wenig gebirdet.

Dabei können wir zwei wirklich schöne Sichtungen verzeichnen:

Zuerst zeigt sich eine scheue Cuvier-Ralle (White Throated Rail) kurz am Saum des Sees.

Wenig später können wir noch einen flinken Malagassennektarvogel (Souimanga Sunbird) bei der Nahrungssuche beobachten und sogar passabel ablichten.

Der Rest des Tages ist schnell erzählt. Gemeinsam verbringen wir den Abend am Kamin des Restaurants. Während sich die Kinder danach in die Betten zurückziehen, spazieren meine Frau und ich nochmals auf dem kleinen Pfad am Bachlauf entlang und suchen uns bereits bekannte Chamäleonschlafplätze auf. Dabei kommen uns heute ein Perinet-Chamäleon und ein Kurzhornchamäleon vor die Linse. Für Abwechslung sorgen eine Vielzahl an Fröschen und eine durchaus beeindruckende Spinne.

Morgen werden wir den östlichen Regenwald bereits wieder in Richtung Antananarivo verlassen müssen. Eigentlich schade: Denn auch hier hat es uns ausnehmend gut gefallen. Bisher ist unsere erste Madagaskar-Reise ein echter Volltreffer.

Teil 1329. Sept. 2026

7. Kapitel: Ene Besuch im Zoo

Bevor es heute zurück nach Antananarivo geht, steht für zwei von uns eine Kanu-Tour auf den Kanälen des Vakona-Reserves an. Uns war nicht klar, dass man im Rahmen der Tour nicht selbst paddeln kann, sondern sich einfach nur zurücklehnen muss und ein Guide die Arbeit übernimmt. Im ersten Moment ist unsere Jüngste darüber durchaus enttäuscht. Sie arrangiert sich aber schnell mit der Situation. Mutter und Tochter lassen sich also für eine knappe Stunde gemächlich durch das Kanalnetz schippern. Immer wieder können sie auf den Inseln links und rechts Lemuren erspähen. Da es noch früh am Tag ist, sitzen die meisten Tiere weit oben in den Bäumen an ihren Schlafplätzen.

Ganz außer sich ist der Guide, als er die Katta-Insel ansteuert. „King Julien!“ ruft er wiederholt aus. Es dauert etwas, bis der Groschen bei den Passagieren fällt.

Als meine Frau einige Enten beobachten möchte, begeht sie den gleichen Fehler, der mir tags zuvor beim Blau-Seidenkuckuck unterlaufen ist: Sie macht den Guide auf die Sichtung aufmerksam. Dieser reagiert, wie man anscheinend als Guide hier reagieren muss: Lauthals wird ein Lockruf gekrächzt und gequakt, den die Enten mit panischer Flucht quittieren… 🙃

Währenddessen packt der Rest der Familie die Siebensachen und hält Ausschau nach Vögeln. Als Erstsichtung kommt heute früh das niedliche Zwergelsterchen (Madagascar manniquin) dazu. Diese Art ist der einzige auf der Insel vorkommende Prachtfink.

Schnell beladen wir unseren Kleinbus und Alain fährt unsere Große und mich zum Reservat, wo wir auf die Kanuten warten.

Nun geht es zurück über die Holperpiste durch den Wald, bis wir Andasibe erreichen.

Hier machen wir kurz Halt an einer Apotheke, denn unser Fahrer hat sich leider etwas verletzt und benötigt ein Schmerzmittel. Dies spendieren wir ihm gern und sind überrascht davon, dass Tabletten hier nicht packungsweise sondern als Blisterzuschnitt verkauft werden.

Bald erreichen wir die uns schon vertraute Nationalstraße 2 und das Schlagloch-Umfahren und LKW-Überhol-Spiel beginnt von Neuem.

Am späten Vormittag erreichen wir das Örtchen Marozevo, das etwa 75 Kilometer von Tana entfernt liegt. Hier machen wir eine längere Pause und statten dem Réserve Peyrieras einen Besuch ab. Das Wort Reservat ist hier aber eigentlich fehl am Platz, handelt es sich doch vielmehr um einen Zoo, der von dem französischen Naturkundler André Peyrieras ursprünglich als Schmetterlingsfarm gegründet worden ist.

An einem einfachen Eingangsgebäude treffen wir unseren lokalen Guide, der uns in den nächsten knapp zwei Stunden über das Gelände führen wird. Wir sind durchaus skeptisch, ob uns dieser Stopp gefallen wird. 

Zuerst werden wir in ein vielleicht 20x10 Meter messendes Gebäude geleitet, dessen Dach aus einem feinmaschigen Netz besteht. Der Innenraum ist mit kleinen Büschen bepflanzt, zwischen denen im Schachbrettmuster Wege hindurchführen. Hier ist das Zuhause zahlreicher Chamäleonarten, die man aus nächster Nähe beobachten kann. Ich bin noch immer skeptisch… Den Kindern aber macht es Freude, im dichten Laub der Büsche auf Reptiliensuche zu gehen und dabei eine wahnsinnig hohe Erfolgsquote zu verzeichnen.

Für Makro-Fotografen ist der Park sicher ein Eldorado. Wir haben leider kein Makroobjektiv dabei und müssen uns daher mit dem zufrieden geben, was montiert ist. Und überhaupt: Solche kontrollierten Fotoumgebungen lassen das Herz des Wildlife-Hobby-Fotografen keine sehr hohen Sprünge machen. Die Tiere können natürlich nichts dafür und sind so hübsch anzusehen wie in freier Wildbahn.

Nach dem Besuch des Chamäleon-Hauses steigen wir einen kleinen Pfad in Richtung Wald empor. Hier hat das Gelände etwas mehr den Charakter eines Reservats, denn die im Wald lebenden Lemuren können sich frei bewegen. Es soll hier u.a. Braune Makis geben. Diesen begegnen wir aber nicht.

Dafür treffen wir an einer Futterstelle auf zwei Coquerel-Sifakas. Diese hübschen Lemuren sind ein weiterer Neuzugang auf unserer Sichtungsliste. Eine schöne Begegnung.

Nachdem wir dem Wald den Rücken gekehrt haben, werden wir bald zu kleineren Holzverschlägen geführt, in deren abgedunkelten Innenräumen einige endemische Amphibien gehalten werden. Beherzt greift der Guide in die Hütten und befördert nach und nach einige Bewohner ans Licht des Tages.

Auf diese Weise sehen wir das winzige Goldfröschchen und den beeindruckenden Roten Tomatenfrosch. Beide Arten hätten wir in der freien Natur nicht zu Gesicht bekommen. Daher ist es interessant die Tiere zu sehen – auch wenn es eigentlich nicht so richtig zählt…

Ein weiteres Reptilienhaus enthält eine Vielzahl von Holzterrarien, die den kleineren Echsen und Schlangen der Insel gewidmet sind. Hier können wir einige Arten der Uroplatus-Geckos nochmal in ihrer bizarren Schönheit bewundern.

Dabei ist der kleine Pfeilschwanzgecko, der wie ein vertrocknetes Blatt aussieht, ein echter Hingucker.

Und auch die winzigen Stummelschwanzchamäleons lassen sich hier aus der Nähe betrachten.

Es bleibt aber ein schaler Beigeschmack: Wir werden es immer seltsam/unpassend finden, dass die Tiere zum Zweck der besseren Sichtbarkeit regelmäßig durch den Guide aus ihren Gehegen herausgenommen und auf Rindenstücken „angerichtet“ werden. Terrarienhaltung in allen Ehren. Aber dieses direkte Herzeigen finden wir schwierig. Man mag gar nicht darüber nachdenken, was das bedeutet, wenn hier mal mehr Betrieb herrschen sollte.

Beindruckend sind die riesigen Kometenmotten, der frei in dem Terrarien-Gebäude herumflattern können. Leider gelingt hier kein vorzeigbares Foto.

Zum Schluss der Tour werden wir zu einem kleinen Gehege geführt, in dem einige Große Tenreks leben.

Was soll man jetzt von dem Ganzen halten? Unterm Strich haben wir im „Réserve“ Peyrieras einige Arten gesehen, die wir ansonsten kaum zu Gesicht bekommen hätten, weil sie a) ihren natürlichen Lebensraum nicht auf unserer Reiseroute haben oder b) quasi unsichtbar für den Normaltouristen leben. Aber der ausgeprägte Zoo-Charakter und vor allem das Herausnehmen/Herzeigen der Tiere sind einfach nicht „our cup of tea“. Und so verlassen wir den Ort mit sehr gemischten Gefühlen.

Nachdem wir in Marozevo eine einfache Mittagsmahlzeit gegessen haben, setzen wir die Fahrt in die Hauptstadt fort.

Eine kleine Pause am Straßenrand wird genutzt, um die Arbeit auf den Reisfeldern zu dokumentieren. Als Beifang zeigen sich uns hier Herr und Frau African Stonechat.


Die letzten Kilometer durch den Großstadtverkehr Tanas ziehen sich dann quälend in die Länge und wir sind froh, irgendwann unser Hotel „Nosy Manga“ zu erreichen, das in direkter Nähe des Flughafens liegt. Das Leben auf der Straße ist quirlig und das Hotel eine wirklich schöne Insel inmitten des Stadttrubels. Von außen würde man das gar nicht denken, aber das Nosy Manga ist eine richtig feine Adresse. Alles ist mit Liebe fürs Detail und ganz viel Kunst gestaltet. Das Hotel und seine Umgebung stehen damit in einem echten Kontrast zueinander.

Unser riesiges Familienzimmer ist eine echte Oase nach diesem langen Reisetag und wir freuen uns über eine Dusche, die warmes Wasser mit gutem Wasserdruck führt.

Meine Frau und ich machen (ohne Kamera!) noch einen kleinen Spaziergang durch die Umgebung und saugen einige Momente des Alltagslebens in uns auf. Wir kaufen einige Snacks und ziehen dicke Bündel Ariarys aus dem nahen ATM. Stellvertretend sei hier ein Blick aus unserem Zimmer gezeigt.

Das Restaurant des Hotels gehört zu den besten der ganzen Reise. Der Service ist wahnsinnig aufmerksam und freundlich. Das Essen ist großartig. Im Nosy Manga lässt es sich sehr gut leben.

Morgen ist Kulturtag! Nach den Regenwaldschwerpunkt im Osten der Insel ist nun die Hauptstadt mit ihren Sehenswürdigkeiten dran.

Teil 1404. Okt. 2026

Kapitel 8: Antananarivo

Der heutige Tag beginnt trotz des anstehenden Kulturprogramms wieder früh. Ein Blick von der Dachterrasse lässt die Stadt im warmen Licht erstrahlen.

Nach einem fantastischen Frühstück fährt uns Alain durch das noch morgendlich ruhige Tana auf den Analamanga, den höchsten der Hügel, auf denen die Hauptstadt sich ausbreitet.

Hier befindet sich der alte Königspalast – der Rova – und damit die Hauptsehenswürdigkeit Antananarivos. Nur noch die steinernen Fassaden sind im Original erhalten. Denn 1995 brach im Palast aus ungeklärten Ursachen ein verheerendes Feuer aus, das alle Innenräume und sämtliche Holzgebäude vernichtet hat. Jahrelang war das Areal danach wegen Restaurierungsarbeiten gesperrt, die sich auf Grund von begrenzten finanziellen Mitteln sehr in die Länge gezogen haben. Heute kann man wenigstens von außen wieder erleben, wie sich das Gebäudeensemble aus Palästen, Kirche und Grabmälern entfaltet.

Als wir vor den Toren des Rova anhalten, erwartet uns unser Guide bereits. Zahnlos lächelnd streckt er seinen Kopf durch ein Seitenfenster unseres Busses und hält uns einen wahnsinnig abgenutzten Pass, der in einer trüben Folie um seinen Hals baumelt, unter die Nase. Wir zweifeln, ob es sich bei dieser Gestalt in wenig sauberer Oberbekleidung wirklich um einen offiziellen Guide handelt. Alain aber lächelt aufmunternd und komplimentiert uns kurzerhand aus dem Auto. Schnell verabschiedet er sich und meint, dass er uns in einigen Stunden am Bahnhof im Stadtzentrum einsammeln würde – einem der Orte, vor dem immer wieder wegen des hohen Kriminalitätsaufkommens gewarnt wird. Und schon ist er weg und wir sind allein mit dem Guide. Es stellt sich schnell heraus, dass der Mann einen recht breiten Sprachmix beherrscht. Sein Englisch und Deutsch sind dabei besser als unser Malagasy. 🙃Mit Französisch kommt man etwas weiter. Während der Führung heißt es also immer wieder ganz genau hinhören, wenn er durchaus engagiert etwas erläutert. Mehr als einmal erwische ich mich aber dabei, dass meine Aufmerksamkeit sich der babylonischen Sprachentwirrung verweigert und ich auf Durchzug schalte.

Bevor wir den Komplex betreten, staunen wir nicht schlecht, als wir eine Tafel mit verbotenen Aktivitäten und Mitbringseln in Augenschein nehmen. Neben den internationalen Klassikern finden sich hier einige ganz besondere Tabus. Auf Madagaskar gibt es an vielen Orten solche speziellen Fadys – tief verwurzelte Verbote, die für den Unwissenden ziemlich exotisch anmuten.

Nun beginnt unser Rundgang, bei dem wir verschämt immer wieder in den mitgebrachten Reiseführer linsen. Verwundert sind wir darüber, dass wir an diesem Morgen die einzigen Besucher der Anlage zu sein scheinen. So viel Exklusivität hatten wir nicht erwartet.

Im Mittelpunkt des Rova steht Manjakamiadana, der große Königspalast. Königin Ranavalona I. ließ ihn zwischen 1839 und 1840 vollständig aus Holz errichten. Unter Ranavalona II. erhielt er 1867 eine steinerne Außenhülle mit hohen Rundbogenfenstern und vier Ecktürmen. So entstand jene eindrucksvolle Mischung aus traditioneller madagassischer Architektur und europäisch beeinflusstem Palastbau, die den Rova bis heute prägt. Im Inneren befindet sich seit der Restaurierung ein Museum zu den einzelnen Regionen Madagaskars und ihren typischen Erzeugnissen. Auch finden sich dort einige Fragmente der Originalbauten, die den Brand überstanden haben.

Stärker zeigt sich die traditionelle Bauweise bei Tranovola. Hier empfing der König ausländische Gesandte – das Haus wurde damit zu einem wichtigen Ort der Diplomatie. Auch nach der Rekonstruktion beindruckt das Gebäude durch seine Gestaltung.

Die königlichen Gräber von Radama I. und Rasoherina finden sich gleich neben dem Tranovola. Diese kleinen Grabhäuser sollten symbolisch den Rang der Verstorbenen sichtbar machen und ihrem Geist einen Wohnort geben.

(links der Tranovola, in der Mitte eines der Grabhäuser)

Viel europäischer wirkt dagegen Manampisoa, der „Schöne Palast“. Das elegante zweigeschossige Holzhaus wurde für Königin Rasoherina gebaut. Kostbares Rosen- und Ebenholz, kunstvoll gemusterte Parkettböden und geschnitzte Details verliehen der privaten Residenz eine besonders feine Atmosphäre. Davon ist nicht mehr viel übrig. Heute sieht man nur noch die recht schmucklose Rekonstruktion der Außenwände.

Die Rekonstruktionen der älteren Holzgebäude Besakana und Mahitsy erinnern an die ursprüngliche königliche Architektur der Merina. Besakana war ein zeremoniell besonders bedeutender Ort: Hier wurden Herrscher gekrönt und die Verstorbenen vor ihrer Beisetzung aufgebahrt. Mahitsy war stärker mit der spirituellen Welt verbunden. Hier fanden Rituale und Weissagungen statt. Beim Betreten gilt ein ganz besonderes Fady: Der linke Fuß muss zuerst in den Innenraum gesetzt werden. Beim Verlassen ist auch auf die Fußreihenfolge zu achten. Außerdem muss das Heraustreten rückwärts geschehen.

Ein besonderer Ort ist schließlich die Fiangonana, die königliche Kapelle. Sie entstand im 19. Jahrhundert aus zehntausenden handbearbeiteten Steinen und verdeutlicht die Hinwendung der Herrschenden zum Christentum.

Der Rova wirkt durch die vielgestaltigen Bauten wie ein architektonisches Spiegelbild der madagassischen Geschichte: Alte Merina-Traditionen treffen auf europäische Einflüsse, Holzpaläste auf Stein, traditionelle Rituale auf christliche Architektur.

Immer wieder bieten sich vom Palasthügel außerdem interessant Blicke über Antananarivo.

Nach der Besichtigung führt uns der Guide den Königshügel hinunter ins Zentrum Tanas. Auf dem Weg über unebene und steile Gassen entstehen nur wenige Fotos, da wir unsicher sind, ob es klug ist, Kamera oder Smartphone so offen zur Schau zu tragen.

Wir durchlaufen Marktstraßen und sind beeindruckt von dem puren Leben, das uns umgibt.

Omnipräsent ist aber auch die drückende Armut, die immer sichtbarer wird, je mehr man sich dem Zentrum in der Unterstadt nähert. Über längere Zeit hinweg werden wir von bettelnden Frauen begleitet, die sich auch nicht von uns lösen mögen, wenn wir stur in andere Richtungen blicken. Auch sehen wir immer wieder Straßenkinder, die teilnahmslos auf dem Asphalt sitzen oder gar tief und fest mitten auf dem Gehweg schlafen, während die Menschen um sie herum manövrieren. Unser Führer merkt an, dass viele dieser vielleicht kaum mehr als zehn Jahre alten Kinder Gangmitglieder seien und nach Einbruch der Dunkelheit Überfälle verüben würden. Einen Spaziergang durch Tana vergisst man nicht so leicht.

Über die Avenue de l’Indépendance, die Prachtstraße der Unterstadt Tanas mit ihren Kolonnaden, die wir uns nach Reiseführerlektüre weitaus schöner vorgestellt hatten, führt uns der Weg (etwas unentspannt und sehr auf unser Hab und Gut bedacht) zum Bahnhof, wo uns Alain bereits erwartet. Mit einem dicken Trinkgeld verabschieden wir uns dort von unserem Stadtführer. Trotz sprachlicher Einschränkungen haben wir uns gut begleitet gefühlt und der Schreck des ersten Eindrucks ist vergessen.

Durch den dichten Stadtverkehr kommen wir in der Mittagszeit nur langsam voran. In Bahnhofsnähe wird unser Bus immer wieder von bettelnden Menschen flankiert und es ist unangenehm, das Leid der anderen zu ignorieren. Aber Alain rät uns ganz deutlich davon ab, Geld aus dem Fenster zu reichen. Auch diese Momente gehören zu einer Reise durch Madagaskar dazu.

Bevor wir in unser Hotel zurückgebracht werden, machen wir einen Halt bei der Reiseagentur, über die wir unseren Aufenthalt organisiert haben. Wir lernen das ganze Team kennen und quatschen ein wenig mit Onisoa und ihrem Chef. Es ist für uns außergewöhnlich, wie sehr hier auf unsere Zufriedenheit geachtet wird.

Den Rest des Tages verbringen wir im Hotel und seiner näheren Umgebung. Auf der Dachterrasse lädt eine schöne Bar zu entspannten Stunden ein. Nebenan lockt ein kleiner Pool trotz geringer Temperatur vor allem unsere Kinder.

Wir laden Alain zu einem (sehr) späten Mittagessen auf der Dachterrasse ein und verleben gemeinsam einen schönen Nachmittag. Dabei erfahren wir viel über sein Leben und seine Familie. Irgendwann heißt es dann Abschied nehmen. Lieber Alain: Du hast uns wunderbar betreut!

Den Sonnenuntergang sehen wir uns aus dem Zimmerfester an.

Nach einem auch heute sehr guten Abendessen geht es ungewohnt früh ins Bett. Denn die heutige Nacht wird ungemütlich früh enden müssen: Unser Flug an die Westküste Madagaskars wird um sechs Uhr in der Frühe starten. Bereits um vier Uhr sollen wir uns mit Sack und Pack am Flughafen einfinden… Schöne Aussichten gepaart mit der Sorge, sich nun erstmals in die Obhut von Madagascar Airlines begeben zu müssen. 😱

Hier endet das erste Segment unserer Madagaskar-Reise: Regenwald und Ostküste liegen nun hinter uns und es ist Zeit, dem satten Grün Adieu zu sagen. Ab jetzt werden erstmal Rot- und Brauntöne dominieren. Wir freuen uns auf Baobabs, die Tsingys de Bemaraha und den Kirindy Wald (bittebittebitte mit einer Fossa-Sichtung...)

Ich hoffe, ihr seid bisher gern mit uns auf Madagaskar unterwegs! 

Teil 1508. Okt. 2026

Kapitel 9: Im Land der Baobabs

Um drei Uhr in der Früh durchschneidet das schrille Lärmen des Handyweckers die nächtliche Ruhe. Das kann doch nicht wahr sein! Aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden, gehört nicht in die Top-Ten der besten Urlaubserlebnisse. Schlaftrunken und individuell mehr oder weniger grummelig machen wir uns abreisefertig und nehmen an der Rezeption riesige Frühstückspakete entgegen: Keine Ahnung, wie wir diesen Nahrungs- und Getränkeberg nun sinnvoll verstauen sollen.

Viertel vor vier brechen wir mit einem Hotelshuttle zum nahegelegenen Flughafen auf. Um diese Zeit herrscht naturgemäß kein Verkehr und so sind wir ruckzuck am Ziel angelangt.

Dort kommen sofort einige Helfer auf uns zu, die unbedingt unser Gepäck für uns schieben möchten. Gern ermöglichen wir ihnen diesen kleinen Job. Neben einem Trinkgeld verteilen wir auch große Teile des Hotelproviants an die Anwesenden. Alles wird gern genommen.

Am Flughafen ist – welch Überraschung! – wenig los. Eigentlich wollten wir neues Bargeld ziehen, bevor wir in den ländlichen Westen aufbrechen. Leider ist aber der ATM außer Betrieb.

Der Check-In und die Sicherheitskontrollen gehen schnell von der Hand. Auf das Gewicht unseres Handgepäcks (höchstens fünf Kilo!) wird zum Glück nicht so genau geachtet und so kommt auch die Fotoausrüstung heute problemlos mit an Bord, deren Rucksack-Zuhause mehr als das Doppelte auf die Waage bringt.

In der Abflughalle ist nun Geduld gefragt. Gut eineinhalb Stunden möchten noch verdöst werden, bis unser Flug abheben wird. Gefühlt ist der Zeitraum aber deutlich länger.

Allen Unkenrufen gegenüber Madagascar Airlines zum Trotz wird unser Flug überpünktlich starten. Mit etwas Vorlauf öffnen sich die Türen der Wartehalle und es geht über das Rollfeld in Richtung Flugzeug. Mit der ATR 72 erwartet uns eine große Turboprop-Schulterdecker-Maschine. Von außen macht sie auf den Laien einen flugfähigen Eindruck, von innen auch. Trotzdem sitzen wir hier mit einer gewissen Anspannung im Angesicht der bisherigen staatlichen Infrastruktur-Erfahrungen und diverser Reisebericht-Erzählungen.

Der rund einstündige Flug verläuft dann aber zum Glück ruhig. Es gibt sogar leckere Snacks und die Blicke aus den (leider nicht fototauglich-sauberen) Fenstern zeigen uns l’île rouge im schönen Morgenlicht in ihrer ganzen Pracht. Regelmäßig sind bereits aus der Luft riesige Affenbrotbäume zu entdecken. Die Vorfreude auf den Westen wächst, die Flugsorgen sind glücklicherweise vergessen.

Die Landung am winzigen Flughafen von Morondava gelingt vorbildlich. Das Gepäck ist schnell wieder in unserem Besitz und bald treffen wir auf unseren neuen Driver-Guide. Félestin stellt sich als ein hochgewachsener Mann in seinen Sechzigern heraus. Und für uns als absoluter Glückstreffer. Denn er ist nicht nur ein versierter 4x4-Fahrer, sondern auch ein sehr guter Reiseführer und einfach ein absolut liebenswerter Mensch. Nach der gemeinsamen Zeit gehört er gefühlt mit zur Familie. 🙂

Bald ist das Gepäck in unser neues Auto verladen. Die vier Koffer passen gerade so in den Gepäckraum. Rucksäcke müssen wir auf dem Schoß tragen. Hier werden wir uns unbedingt noch etwas einfallen lassen müssen, denn in diesem Modus können wir nicht zehn Stunden und mehr auf schlechten Pisten unterwegs sein.

Durch das morgendliche Morondava fahren wir (mit Zwischenhalt an dem einzigen Geldautomaten der gesamten Region!) zum Maison Charette – unserer Unterkunft für die heutige Nacht. Dieses kleine und noch recht neue Hotel liegt etwas außerhalb der Stadt und besteht nur aus einer Handvoll Zimmer. Die Besitzerfamilie ist österreichisch-madagassisch. Alles ist hier sehr gepflegt und persönlich. Wir laden Félestin zu einem gemeinsamen Frühstück ein, um uns besser kennenzulernen und verabreden uns mit ihm für den Nachmittag, um zur berühmten Baobab-Allee zu fahren, die eine knappe halbe Stunde nördlich von hier liegt.

Die Stunden bis zur Abfahrt verbringen wir in unserer geräumigen Familieneinheit, die aus zwei Zimmern besteht. Hier haben wir genug Platz und die gemütlichen Betten locken mit der Aussicht auf einen Ausgleich zur arg verkürzten Nacht. Nach einer langen Ruhephase organisieren wir außerdem unser Gepäck um, damit wir einen großen Koffer im Hotel lassen können. Da wir vor dem Rückflug nach Tana wieder hier übernachten werden, bietet sich diese Maßnahme an. Und so ist genug Platz im Kofferraum für unsere Rucksäcke geschaffen.

Am späten Nachmittag holt uns Félestin ab. Über eine kleine Dirtroad geht es zuerst zurück nach Morondava, um dann auf asphaltierter Straße bis zum Abzweig nach Norden zu fahren. Von dort aus gibt es nur noch eine Sandpiste, die jedoch in Stadtnähe in einem ziemlich guten Zustand ist.

Links und rechts der Straße wird die Fläche landwirtschaftlich genutzt. Auch hier sind immer wieder Menschen bei der kräftezehrenden Handarbeit zu beobachten.

Wenige Kilometer hinter Morondava halten wir an ersten beeindruckenden Exemplaren der Baobabs. Es handelt sich hier um Granddidier-Baobabs, die bis zu 25 Meter hoch werden können. Im warmen Licht des Nachmittags leuchtet ihr Stamm wirklich schön. Die Fahrer der Fahrrad-Rikschas, die hier immer wieder unterwegs sind, beneiden wir auf dieser recht weichen Sandpiste nicht.

Kaum sind wir ausgestiegen, werden wir – und dabei vor allem unser Nachwuchs– von einer ganzen Schar einheimischer Kinder umringt. Ihre Blicke sind ganz ohne Scheu, bald kommt es zu Berührungen. Für unsere Kids ist das (nachvollziehbar) schnell zu viel und sie ziehen sich auf die Rückbank zurück.

Hier hören wir zum ersten Mal den Gruß: „Salut Vazaha!“. Diese Formel wird uns die nächsten Tage begleiten. „Vazaha“ nennen die Madagassen hellhäutige Fremde oder Europäer. Das Wort ist keineswegs böse oder abwertend gemeint, sondern eine ganz normale, alltägliche Bezeichnung im Land.

Einige Kilometer weiter nördlich erreichen wir schließlich die Allée des Baobabs. Hier gibt es einen größeren Parkplatz am Rand eines kleinen Dorfs. Die aus Naturmaterialien gezimmerten Hütten sind typisch für das ländliche Madagaskar – genau wie die kleinen Solarpaneele, mit denen die Bewohner vornehmlich ihre Telefone und Lampen laden. Denn Strom (und fließendes Wasser) gibt es hier nicht.

Am Eingang zur Allee finden sich einige Souvenirstände und Garküchen. Außer uns sind ein paar weitere Touristen unterwegs. Im stets wärmer werdenden Licht spazieren wir zwischen den riesigen Bäumen herum und sind beeindruckt von diesem Ort. Die schiere Anzahl der Affenbrotbäume bietet dem Betrachter ein einzigartiges Bild. Einst waren die Bäume Teil eines dichten Trockenwalds. Heute sind sie die einzigen Überbleibsel dieser Vegetation, da sie unter strengem Schutz stehen. Der Rest der Wälder wurde über die Jahre abgeholzt.

Mitten durch die Ansammlung der Baobabs führt die Nationalstraße 8 – wie bereits erwähnt, handelt es sich hier um eine einfache Sandpiste, auf der vor allem Fußgänger und Zebu-Karren unterwegs sind. Daher kostet die Baobab-Allee auch (abgesehen von einer Parkplatzgebühr) keinen Eintritt. Es gibt jedoch Pläne, die N8 zu verlegen und den Abschnitt mit der Allee zu einer gebührenpflichtigen Attraktion zu machen.

Da die große Ansammlung der Affenbrotbäume nur wenige hundert Meter Straße umfasst, haben wir genug Zeit, herumzuschlendern, bis sich Sonne und Horizont anschicken, sich anzunähern.

Der Sonnenuntergang ist der Höhepunkt eines jeden Baobab-Allee-Tages. Und daher füllt sich der Parkplatz nun auch mit recht zahlreichen Autos, die Hotelgäste aus Morondava pünktlich zum Beginn des Ereignisses abliefern. Ganz allein erlebt man den Sundowner hier also nicht, auch wenn das Besucheraufkommen zum Glück noch weit entfernt davon ist, das Prädikat „Massentourismus“ tragen zu müssen.

Der beste Blick auf die untergehende Sonne bietet sich vom Rand eines kleinen Sees aus, dessen morastige Uferzone vom Gros der Besucher gemieden wird. Hat man also gutes Schuhwerk an den Füßen, kann man sich von der Mehrzahl der Anwesenden ganz gut separieren und das asiatisch geprägte Insta-Spektakel erfolgreich ausblenden.

So richtig rot glühen, wie wir es immer wieder auf den bekannten Fotos der Allee gesehen haben, mag der Himmel heute nicht. Trotzdem ist der Blick auf die Schattenrisse der Baumriesen im Gegenlicht der untergehenden Sonne mitsamt dem wechselvollen Farbenspiel einfach wunderschön. Die Kamera klickt im Akkord und man muss sich zwingen, die Momente nicht nur durch den Sucher zu erleben.

Schnell leert sich das Areal, sobald sich die Sonne verabschiedet hat. Wir bleiben noch ein wenig und sehen u.a. den Kindern dabei zu, wie sie den dicken Stamm eines Baobabs umarmen.

Als es bereits ganz finster ist, gehen wir sehr zufrieden zurück zum Auto und werden von Félestin sicher zurück zum Maison Charette gebracht.

Den Tag beenden wir bei einem guten Abendessen im Hotel. Es gibt hier drei Menüs zur Auswahl. Alles stellt sich als sehr schmackhaft heraus. Und die Katze des Hauses bietet für die Kids einen willkommenen Streichelanlass.

Hundemüde fallen wir bald in die Betten. Morgen früh geht es bereits wieder zurück zur Baobab-Allee. Denn wir werden der N8 bis in den Kirindy Wald folgen. Hier haben wir bezüglich nachtaktiver Lemuren und Votsotsas, der Vogelwelt und nicht zuletzt der Sichtung einer Fossa (zu?) große Erwartungen, denn Kirindy gilt oft als „die“ Wildlife-Destination im westlichen Madagaskar.

Stay tuned. 😉

Teil 1612. Okt. 2026

10. Kapitel: Schöner wohnen im Kirindy Wald

Nach einem leckeren Frühstück geht es mit reduziertem Gepäck gen Norden. Wir verlassen Morondava und folgen der Nationalstraße 8 bis zur Baobab-Allee.

Am frühen Morgen ist hier touristisch noch nichts los und es herrscht eine viel ruhigere Atmosphäre als gestern Abend. Und so können wir diesen schönen Ort nochmal ganz anders genießen. Wir lassen den Wagen auf dem zu dieser Uhrzeit kostenfreien Parkplatz stehen und spazieren zuerst um den kleinen See. Wie anders wirken die Bäume im Morgenlicht!

Ein bisschen Birding-Beifang ergibt sich außerdem. Neben dem abgelichteten Kuhreiher sind auch einige Madagaskarspinte unterwegs. Leider verweigern sich die schönen Bee-eater aber einem vorzeigbaren Foto.

Natürlich wandeln wir auch noch ein wenig unter den Baobabs auf der N8. Bis auf einige Locals sind wir die einzigen Menschen hier. Und so ist dieser zweite Besuch bei den Bäumen ein rundum gelungener Auftakt des heutigen Tages.

Nachdem wir unsere Fahrt fortgesetzt haben, halten wir bereits wenig später erneut, denn wir entdecken im Gebüsch nahe der Straße einen weiblichen Madagaskar-Paradiesschnäpper. Wir pirschen dem nervösen Vogel ein wenig hinterher und können zu unserer Freude ein Foto ergattern.

Unser treues Geführt wartet derweil auf der Piste auf uns.

Weiter nach Norden fahrend wird die Landschaft deutlich waldiger: Wir nähern uns dem Kirindy Forest. Auf der rechten Straßenseite ist die Landschaft geschützt. Hier herrscht dichte Vegetation und hoher Baumbestand. Auf der linken Seite befindet sich jedoch kommunales Land. Hinter einem schmalen Buschstreifen ist alles gerodet und Trockensavanne herrscht vor. Wir halten die Daumen, dass der Schutzstatus des Waldes ihn noch lange vor diesem Schicksal bewahren möge…

Die Piste wird nun zusehends schlechter. Es gibt ausgeprägte Bodenwellen und immer wieder tiefe Auswaschungen. In der Regenzeit bleiben im Schlamm der Straße wohl regelmäßig Fahrzeuge stecken. Dieses Problem stellt sich uns heute natürlich nicht, aber auch das stetige Auf und Ab ist nicht ganz unanstrengend. Laut Félestin ist das aber noch gar nichts im Vergleich zu der Pistenqualität, die wir auf dem Weg zu den Tsingys noch erleben werden.

Südlich des Dorfes Kirindy findet sich ein Abzweig zu zwei Baobab Amoureux –Affenbrotbäumen, deren Stämme miteinander verschlungen sind. Ein netter Zwischenstopp, der dazu einlädt, bei den ansässigen Souvenirständen Baobabs im Miniaturformat zu erstehen: Das typische Souvenir der Region und wirklich sehr dekorativ.

Etwas nördlich des Dorfes zweigt eine schmale Piste nach Osten ab, die tief in den Kirindy-Wald führt. Dieser folgen wir für einige Kilometer. Hier wechseln Bodenwellen mit tiefsandigen Passagen und ich bin ganz froh, das Fahren Félestin überlassen zu können.

Bald erreichen wir die Kirindy Lodge und damit die einzige Unterkunft, die direkt im Schutzgebiet liegt. Im Dorf Kirindy gibt es noch das schickere Hotel Relais de Kirindy. Dies ist aber eben eine halbe Autostunde entfernt und für uns daher keine echte Alternative – auch wenn unsere Agentur deutlich dazu geraten hat, dort zu übernachten…

Die Kirindy Lodge ist nämlich (freundlich gesagt) überaus rustikal.

Sie ist an ein Forschungszentrum des Deutschen Primatenzentrums angeschlossen und besteht aus einem Gebäude mit Schlafsälen, einigen im Halbkreis im Wald angeordneten und durch schmale Pfade miteinander verbundenen, sehr einfachen Holzhütten und einem offenen Restaurantbereich.

Dabei macht die Restaurantplattform einen netten Eindruck. Und auch das begrenzte Vepflegungsangebot ist dort völlig in Ordnung.

Die Hütten jedoch sind teilweise in einem bedauernswerten Zustand. Einige werden augenscheinlich gar nicht mehr vermietet und fristen halb verfallen ihr Dasein. Wir bekommen die einzige Family-Unit: Ein kleines Betongebäude mit nicht mehr ganz trittfester Holzveranda. 

Erscheint das Haus von außen schon wenig einladend, so ist das Innere noch um einiges – nun ja – rustikaler. Der Schlafraum wurde vor Jahren einmal weiß getüncht – seitdem aber nie mehr gestrichen und ist entsprechend „abgerockt“. Die Zimmerdecke besteht aus einer einfachen Plane. Die Möbel sind abgewetzt und äußerst einfach. So entsteht ein recht liebloser Eindruck. Ganz sauber ist es leider auch nicht: Das betrifft die Zimmerecken, aber auch Matratzen und Wolldecken. Insgesamt wirkt der Raum eher wie eine Stallung, als wie ein Hotelzimmer.

Das angeschlossene (ebenfalls rustikale) Badezimmer weist zwar Toilette, Dusche und Waschbecken auf. Jedoch wäre es ein Euphemismus, hier vom Vorhandensein fließenden Wassers zu sprechen.

Die Kinder möchten hier eigentlich nicht bleiben. Unsere Retter sind nun die mitgebrachten Moskitozelte, die einen sauberen „Safe-Space“ entstehen lassen, mit dem sich der Nachwuchs arrangieren kann. Dass es hier keinerlei Netzabdeckung gibt, wird dann beinahe schon schulterzuckend zur Kenntnis genommen…

Einen Preis für „Schöner Wohnen“ wird die Kirindy Lodge wahrlich nicht gewinnen. Aber aus diesem Grund haben wir allen Warnungen zum Trotz auch nicht darauf bestanden, hier zwei Tage zu verbringen. Denn hier zählt allein Lage, Lage, Lage. Und da ist die Unterkunft wirklich konkurrenzlos in der Region, denn man ist mitten im Geschehen, sobald man einen Fuß aus seinem „Zuhause“ setzt.

Bereits bei unserer Ankunft können wir schon einige Riesencouas aus nächster Nähe beobachten. Diese etwa 60 Zentimeter großen Vögel, die vor allem auf dem Waldboden unterwegs sind, finden wir wirklich beeindruckend.

Außerdem treffen wir am Rand des Camps bald auf eine Gruppe Larvensifakas. Die weißen Lemuren mit ihrer schwarzen Kappe und den leuchten orangenen Augen sind ein echter Hingucker. Mit erstaunlicher Leichtigkeit springen die Tiere von Baum zu Baum und wir sind ganz begeistert, als ein Familienmitglied auch mal auf Augenhöhe zu uns herunterhüpft.

Bei solchen Campgästen schlafe ich gern mal in einer Baracke. Hoffentlich sehen das die Kinder auch noch irgendwann ähnlich… 😉

Nachdem wir uns ein wenig umgesehen und unseren ersten Eindruck von unserer Hütte verarbeitet haben, lernen wir Heri kennen, der uns während unserer Kirindy-Zeit als Guide betreuen wird. Er stellt sich als sehr kundiger und auch an der Vogelwelt interessierter Zeitgenosse heraus, der uns begeistert bei Tag und Nacht über die Waldpfade führen wird. Ein echter Glücksfall! Wir verabreden uns für den Nachmittag zu einer ersten Exkursion.

Bis dahin verbringen wir die Hitze des Tages auf der Restaurantterrasse bei kühlen Getränken. Die Kinder ziehen sich irgendwann mit ihrer „Switch“ in die saubere Weiße des Moskitozelts zurück, während die Eltern auf Vogelpirsch gehen. Hier stellt sich das Camp als ein richtig guter Ort heraus. Der lichte Wald versteckt seine Bewohner lange nicht so intensiv wie der Regenwald im Osten der Insel.

Auf den kleinen Streifzügen können wir eine ganze Reihe verschiedener Arten fotografieren.

Ganz besonders freuen wir uns über die Sichtung eines Madagaskar-Wiedehopfs.

Der Star des frühen Nachmittags ist aber unangefochten ein männlicher Madagaskar-Paradiesschnäpper, der mit seinem langen Federschwanz beeindruckt und wie ein kleiner Blitz von Baum zu Baum huscht.

Ein häufiger Vertreter der lokalen Vogelwelt ist der Madagaskardrongo mit seinem charakteristischen Schopf über dem Schnabelansatz.

Auch der Madagaskardajal ist hier ein regelmäßiger Anblick – hier in der weiblichen Version.

Bald ist es auch schon Zeit für unseren Aufbruch in den Wald. Wir sind gespannt, was wir außerhalb des Camps entdecken werden. Dazu dann mehr im nächsten Kapitel.

Teil 1715. Okt. 2026

11. Kapitel: Vielfalt im Trockenwald: Das beste kommt zum Schluss

Am Nachmittag führt uns Heri über die Pfade des Kirindy Forest. Vom Camp aus geht zuerst ein breiter Pfad in den Wald hinein, von dem regelmäßig kleinere Pfade abzweigen. Der ganze Wald ist in der Nähe des Forschungszentrums von diesen Wegen durchzogen, auf denen wir ohne Führung hoffnungslos verlorengegangen wären.

So folgen wir aber gespannt unserem Guide, der uns pfeifend und frohen Mutes voranschreitet. Heri ist begeistert von dem Lebensraum und seinen Bewohnern und es fällt ihm leicht, uns mit seiner Freude anzustecken. Zu unserer Freude sind wir ganz allein unterwegs. 

Unsere erste Sichtung ist ein weiblicher Madagassennektarvogel, der seinem deutschen Namen gerade alle Ehre macht.

Bald darauf stoßen wir auf eine Gruppe Larvensifakas, die hoch in den Bäumen unterwegs sind und uns Bodenbewohnern aufmerksame Blicke zuwerfen. Da die Bäume des Waldes zu dieser Jahreszeit nur wenig belaubt sind, können wir die Lemuren (mit der Gefahr der Nackenstarre) sehr gut beobachten.

Der Boden ist komplett von trockenen Blättern bedeckt und so rauscht es herbstlich, als wir unseren Weg durch den Wald fortsetzen.

Als nächstes können wir einen Spitzschopf-Seidenkuckuck (Crested Coua) entdecken. Vor allem die aparte Augenpartie ist ein Blickfang.

Eine ganze Weile spazieren wir auf kleinen Pfaden durch den Wald, denn Heri hat ein klares Ziel vor Augen. Als Eulenfans haben wir natürlich nach bekannten Tageseinständen gefragt und waren sehr froh zu hören, dass Heri erst vor Kurzem den Schlafplatz einer Zwergohreule entdeckt hat, zu dem er uns nun führen wird.

Am Ziel angekommen, sehen wir uns einer Torotoroka-Zwergohreule gegenüber. Anders als die Regenwald-bewohnende Madagaskar-Zwergohreule, die wir bei Andasibe entdecken konnten, zeichnet sich diese Art durch ein graues Gefieder aus. Müde blickt der schöne Vogel zu uns herab und ich bin einmal mehr selig.

Zwar wird sich die Eule – abgesehen von ihren Augenlidern – kaum bewegen, trotzdem fällt das Losreißen schwer. Es ist großartig, wie nah wir im Rahmen dieser Reise bereits zwei für uns neuen Eulenarten kommen konnten.

Bald hält der Wald ein neues Birding-Highlight bereit. Zuerst hören und dann sehen wir die Weißbrust-Stelzenralle (White-breasted Mesite). Der etwa 30 Zentimeter große und bodenbewohnende Endemit Madagaskars stand ziemlich weit oben auf der Vogel-Wunschliste für diese Reise. Und wir sind froh, dass ein Foto ganz ohne Gestrüpp gelungen ist, denn die Tiere sind scheu und verlassen nur für kurze Zeit ihre Deckung.

Und weiter geht die Wanderung, bis Heri unter einem Baum anhält und uns den Schlafplatz eines nachtaktiven Rotschwanz-Wieselmakis zeigt, der uns mit großen Augen entgegenblickt.

Die letzte Art, die uns auf der Wanderung über den Weg läuft, ist das scheue Schwarzkehl-Laufhühnchen (Madagascar Buttonquail). Leider will die scheue Familie so gar nicht stillhalten und daher sind sie im dichten Unterwuchs nur schwer zu dokumentieren.

Das Birder-Herz ist zufrieden, als wir zum Camp zurückkehren und uns mit Heri für eine Nachtwanderung verabreden.

Im Camp selbst finden wir bald nochmal den Madagaskar-Wiedehopf wieder.

Und auch ein Warzenchamäleon können wir entdecken und verzeichnen damit eine für uns neue Chamäleonart.

Wir ruhen uns ein wenig von der Wanderung aus und ich schaue am späten Nachmittag, als die Sonne langsam untergehen möchte, im Restaurant vorbei. Dort traue ich meinen Augen kaum: Im Gebälk des Gebäudes haben sich Untermieter niedergelassen: Einige Graue Mausmakis strecken vorsichtig ihre niedlichen Köpfchen hervor und machen sich bereit für die Nacht. 

Die Winzlinge erinnern uns an kleine Versionen des Galagos. In Punkto Niedlichkeit stehen sie dem Bushbaby des Kontinents absolut in nichts nach. Schnell hole ich den Rest der Familie hinzu und wir beobachten die Kobolde begeistert. Die Mausmakis sind für uns ein neuer Höhepunkt dieses Kirindy-Tages.

Zu unserer Überraschung wird dieses Highlight aber kurz darauf noch einmal überboten, denn ein Mitarbeiter macht uns darauf aufmerksam, dass am Rand des Camps tatsächlich eine Fossa gesichtet worden ist. 🤩Schnell folgen wir dem Mann hinter die Quartiere der Angestellten und sehen uns bald unserer ersten Fossa gegenüber, die ganz entspannt im trockenen Laub ruht.

Nur wenige Meter trennen uns vom größten Raubtier Madagaskars – dem Fressfeind der Lemuren – dessen Kopf-Rumpf-Länge zugegebenermaßen nur rund 70 Zentimeter misst. Dazu kommt dann noch ein etwa ebenso langer Schwanz.

Ich kauere mich auf den Boden und lange können wir Auge in Auge mit der Fossa sein. Ihr Blick ist durch die senkrechten Pupillen fremdartig. Es handelt sich hier um ein weibliches Tier, das sich wohl recht regelmäßig in Campnähe zeigt, dann aber auch immer wieder tagelang verschwindet.

Irgendwann steht die Fossa auf und streift ganz entspannt zwischen den Hütten umher. In respektvollem Abstand folge ich ihr und freue mich wie ein Schneekönig darüber, das Tier so intensiv beobachten und fotografieren zu können. 

Für mich gehören diese Minuten zu den besten Wildlife-Momenten der Reise und allein um das hier zu erleben, hat sich der Besuch in der Kirindy Lodge bereits gelohnt. Außerdem fällt uns nun ein Stein vom Herzen, denn ohne eine Fossa-Sichtung wären wir nur ungern nach Hause zurückgekehrt.

Als sich die Fossa schließlich ins Dickicht zurückzieht, wird es auch bald dunkel. Nicht mehr lange und es wird Zeit sein, zur Nachtwanderung aufzubrechen. 

Davon aber später mehr.

Der achte Kontinent - Madagaskar 2026 von H.Badger

Quelle: www.namibia-forum.ch/forum/thema/10307123-der-achte-kontinent-madagaskar-2026

Stand: letzter Berichtsteil vom 15. Okt. 2026

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