Auf der Nashorn-SpurFrüh um 6 Uhr standen sechs wagemutige Entdecker, unser Guide und zwei Fährtenleser bereit. Ihr Ziel: eines der freilaufenden Spitzmaulnashörner ohne Tracker nur mit den Spuren am Boden aufzuspüren. So ging es bei noch völliger Dunkelheit zunächst von der Lodge hinunter ins Tal und anschließend auf einem kleinen, sich windenden Pfad Richtung Wasserstelle in der Conservancy, um dort nach ersten Spuren zu suchen.
Anfangs bemerkten wir die Kälte kaum. Doch je tiefer wir in die Täler vordrangen, desto dichter wurde der Nebel. Mit der Feuchtigkeit kroch auch die Kälte langsam, aber unerbittlich durch jede Kleidungsschicht. Da half nur das bewährte Zwiebelprinzip: Shirt, Pullover, mehrere Jacken und zum Schluss noch ein Poncho. Irgendwann sahen wir vermutlich aus wie wandelnde Kleiderschränke – aber immerhin warme.
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Nach etwa 75 Minuten Fahrt legte unser Guide plötzlich eine Vollbremsung hin. Mitten auf dem Weg war eine sehr frische Nashornspur zu erkennen. Das Glück schien uns also weiterhin hold zu sein.
Nachdem alle ausgestiegen waren und wir die Spuren gemeinsam analysiert hatten, wurde entschieden, dass die beiden Fährtenleser der Spur zu Fuß folgen, während wir mit dem Fahrzeug strategisch Position beziehen sollten, um auf ihre Informationen reagieren zu können.
Wir wünschten ihnen viel Erfolg und fuhren im dichten Nebel davon – allerdings nur für fünf Minuten. Wenige Meter neben unserem Fahrzeug tauchte plötzlich ein Schabrackenschakal aus dem hohen Gras auf und kam zielstrebig auf uns zu. Er posierte geradezu, als wolle er dem gesuchten Nashorn die Show stehlen. Natürlich wurde er als erstes Tier des Tages ausgiebig fotografiert.
Dann kam der erste Funkspruch: Das Nashorn hatte seine Richtung geändert, wir sollten umkehren.
Also wieder zurück. Am ursprünglichen Platz wartete der Schakal tatsächlich noch immer auf uns und wirkte fast beleidigt, dass wir diesmal ohne Fotos an ihm vorbeifuhren.
Kurz bevor wir unsere Position erreichten, kam bereits der nächste Funkspruch: Das Nashorn hatte erneut die Richtung geändert und war über die Hügelkette in ein anderes Tal gelaufen. Offenbar hatte es seinen eigenen Plan – und wir kannten ihn definitiv nicht.
Also wieder wenden, unterwegs die beiden Fährtenleser einsammeln und ins nächste Tal fahren. Dort fanden wir erneut frische Spuren des gesuchten Nashorns und setzten die beiden wieder ab, damit sie ihre Suche fortsetzen konnten.
Für uns ging es auf eine kleine Anhöhe, wo wir eine erste Rast einlegten. Dort entdeckten wir mehrere Giraffen. Eine stand etwas weiter entfernt, eine zweite dagegen fast direkt vor uns und ließ sich im wunderschönen Morgenlicht hervorragend fotografieren. In der Ferne waren außerdem zwei Elefanten zu erkennen. Dass wir ihnen später noch deutlich näher kommen würden, wussten wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Also wurden erst einmal fleißig weitere Fotos gemacht.
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Nach kurzer Zeit meldeten sich die Fährtenleser erneut. Das Nashorn war am Flussbett entlanggelaufen und musste eigentlich direkt an unserer Position vorbeigekommen sein. Unser Guide machte sich sofort auf die Suche nach Spuren, fand im Flussbett jedoch nichts.
Mittlerweile waren bereits zwei Stunden vergangen, seit wir die erste Spur entdeckt hatten. Langsam machte sich Ungeduld breit – ausgerechnet bei einem der scheuesten Tiere Afrikas keine besonders hilfreiche Eigenschaft.
Inzwischen waren auch die Temperaturen deutlich gestiegen. Wir trafen uns kurz mit unseren Fährtenlesern, die von ihren bisherigen Erkenntnissen berichteten. Gleichzeitig konnten sie endlich ihre warmen Kleidungsschichten ausziehen und ihre Wasservorräte auffüllen. Wie viele Kilometer sie bis dahin bereits über felsiges und unwegsames Gelände zurückgelegt hatten, konnten wir nur erahnen. Einige dürften es aber ganz sicher gewesen sein.
Anschließend machten sie sich erneut auf den Weg. Sie berichteten, dass das Nashorn das Flussbett verlassen hatte und unser Guide deshalb dort keine Spuren finden konnte. Cleveres Tier – aber unsere Fährtenleser waren mindestens genauso clever.
Wir fuhren langsam weiter und legten bei den zuvor entdeckten Elefanten eine weitere Pause ein. Gemütlich standen sie auf einem Hügel und fraßen. Gemeinsam mit unserem Guide stiegen wir sogar aus und liefen ihnen vorsichtig ein Stück entgegen, um eine bessere Sicht zu haben. Diesen beeindruckenden Tieren so nahe zu sein, war ein ganz besonderes Erlebnis.
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Als wir zum Fahrzeug zurückkehrten, warteten bereits neue Informationen auf uns. Das Nashorn war entweder in unsere Richtung in eine Senke am Flussbett gelaufen – das wäre die gute Nachricht – oder über die nächste Anhöhe in das dahinterliegende Tal verschwunden. Das wäre die schlechte Nachricht gewesen, denn dann hätten wir mindestens eine halbe Stunde wieder zurückfahren müssen, um ins nächste Tal zu kommen.
Wir entschieden uns für Optimismus und hofften, dass das Nashorn die Senke gewählt hatte. Also fuhren wir tiefer ins Tal, jederzeit bereit, auf den nächsten Funkspruch zu reagieren.
Unterwegs entdeckten wir die nächsten Tiere: mehrere Bergzebras, die in dieser Gegend ebenfalls ausgesprochen selten sind. Langsam hatten wir das Gefühl, dass die Glücksfee heute Überstunden machte.
An unserem Warteplatz zeigte sich dann noch ein weiterer Bewohner des Himmels: ein majestätischer Klippenadler.
Und dann kam endlich der erlösende Funkspruch:
„Nashorn direkt in der Senke. Keine 200 Meter entfernt."
Um das Tier nicht zu verscheuchen, verzichteten wir auf das Auto und gingen in ruhigem Gänsemarsch hinter unserem Guide her. Etwa auf halber Strecke hatte er Sichtkontakt zu den Fährtenlesern und stimmte sich mit Handzeichen ab.
Plötzlich das Kommando: „Schnell den Hügel hoch! Das Nashorn kommt auf uns zu!“
Also ging es im Eiltempo rund 50 Meter bergauf, damit das Tier uns nicht wittern konnte.
Kaum oben angekommen, folgte schon das nächste Kommando:
„Es hat wieder gedreht! Alle wieder runter!“
In diesem Moment kam sich unsere Gruppe eher wie Teilnehmer eines etwas chaotischen Fitnessprogramms als wie Safari-Gäste vor.
Also wieder hinunter, vorsichtig an den Rand des Flussbetts – und dann stand es da.
Etwa 200 Meter entfernt: ein Schwarzes Nashorn, auch Spitzmaulnashorn genannt. In diesem Gebiet leben lediglich acht Exemplare.
Spitzmaulnashörner gehören zu den am stärksten bedrohten Großsäugern Afrikas. Anders als Breitmaulnashörner ernähren sie sich überwiegend von Blättern, Zweigen und Sträuchern, die sie mit ihrer charakteristischen spitzen Oberlippe greifen.
Was für ein unglaubliches Erlebnis und was für ein Tag!
Insgesamt viereinhalb Stunden waren wir diesem seltenen und faszinierenden Tier gefolgt, und nun stand es endlich vor uns. Es handelte sich um einen knapp sechs Jahre alten Bullen namens Herrmann. Er wurde in dieser Gegend geboren und wirkte zunächst etwas unruhig, da er unsere für ihn ungewohnten Geräusche wahrnahm. Zu seinem Schutz war ihm das Horn gekürzt worden, was gut zu erkennen war. Da er hier keine natürlichen Feinde hat, beeinträchtigt ihn das im Alltag kaum, erschwert Wilderern jedoch ihre verbrecherischen Machenschaften erheblich.
Etwa 30 Minuten blieben wir bei Herrmann und genossen jede einzelne Minute. Natürlich entstanden dabei unzählige Fotos – vermutlich mehr, als Herrmann jemals freiwillig unterschrieben hätte.
Beim anschließenden Picknick war die Stimmung entsprechend hervorragend. Alle waren voll des Lobes für die beeindruckende Arbeit unserer beiden Fährtenleser. Ohne sie hätten wir Herrmann wohl niemals gefunden.
Nach dem Essen ging es wieder ins Auto und anschließend noch knapp zwei Stunden durch vier oder fünf verschiedene Täler zurück zur Lodge. Erst jetzt wurde uns bewusst, welche Strecke wir tatsächlich zurückgelegt hatten – und wie viele Kilometer unsere beiden Fährtenleser zu Fuß bewältigt haben mussten.
🎬 VideoBei einer Tasse Kaffee ließen wir diesen außergewöhnlichen Tag noch einmal Revue passieren, bevor wir unser letztes Abendessen in dieser Lodge genossen, die sich inzwischen fast wie ein zweites Zuhause anfühlte.
Morgen heißt es jedoch Abschied nehmen, denn unsere Reise führt uns weiter in den Etosha-Nationalpark.