ich hatte mir immer vorgenommen, einen Bericht über unsere Indien-Reise im März 2024 zu schreiben, nun erfülle ich endlich mein mir selbst gegebenes Versprechen. Nicht nur, aber auch, um einigermaßen in der Chronologie bleiben zu können.
Ich schiebe eine kleine Bugwelle an unbearbeiteten Fotos und RB vor mir her, ein Luxusproblem, weiterhin können und dürfen wir tolle Reisen machen. Das werde ich nie für selbstverständlich nehmen und genieße jede unserer Touren - auch wenn natürlich nicht immer alles klappt.
Diese Indien-Reise - ich werde darauf im ersten Kapitel eingehen - war nicht unsere erste. Aber sie begann so problematisch wie nie zuvor und kostete einen Haufen Nerven, bevor wir sie überhaupt angetreten hatten. Auch dazu später mehr.
Es drehte sich bei dieser 16-tägigen Reise alles um Safari; vor allem mit Fokus auf den Tiger.
Aber natürlich hat Indien in puncto Wildlife noch viel mehr zu bieten. Nicht zuletzt einen herausragenden Vogelreichtum.
Mottled Wood Owl
Vogel im Eierbecher (White-throated Fantail)
Gaur mit Besuchern
Nur auf (wilde) Elefanten mussten wir in Zentralindien verzichten, wir wussten aber, dass wir in dieser Hinsicht ziemlich sicher im Folgejahr in Sri Lanka auf unsere Kosten kommen würden. Überhaupt sollte es dort mit manch einer Art (noch) besser für uns klappen (Sloth Bear, Hornbills, Fish Owl). Aber wer Tiger in freier Wildbahn erleben möchte, muss eben nach Indien.
Ich verwarf sehr schnell die Idee, auch noch den Norden wegen Elefanten und gar den Nordosten wegen der Nashörner einzubauen. Das hätte auf dem Subkontinent einen Reisestress bedeutet, den wir uns nicht antun wollten.
Ich war schon mehrfach mit Inlandsflügen, Bus und Bahn in Indien gereist, die Entfernungen sind gigantisch, Strapazen unumgänglich. Darauf hatten wir wenig Lust und kamen ohnehin schnell zu dem Schluss, dass der Wechsel von Nationalpark zu Nationalpark per Auto nicht nur bequem war, sondern die Vielzahl der Schutzgebiete im Zentrum des Landes auch jede Menge Abwechslung bringen würde.
Das waren schließlich die Stationen:
Ich werde versuchen, so tief wie möglich in meinem Gedächtnis zu kramen. Ich mache mir keine Notizen, einige Details werden also von meiner geistigen Festplatte gelöscht sein. Es gibt hier andere Indien-Reisende, die eventuelle Fragen vielleicht beantworten können, so sie denn mitlesen, und manches (Kosten z.B.) wird sich zudem in den vergangenen zwei Jahren möglicherweise auch schon wieder geändert haben.
Ich hoffe dennoch, dass dieser Reisebericht einen guten Einblick geben kann in dieses Land voller Wunder und Widersprüche - und dass sich interessierte Mitreisende finden.
Liebe Grüße und bis hoffentlich bald in unserem virtuellen Gypsy, Betti
Teil 224. Mai 2026
Von Indien nach Afrika und wieder zurück
Meine Liebe zu Afrika begann in Indien. Vor rund 30 Jahren (oje, so lange her... 😮 ) führte mich meine zweite von mittlerweile fünf Indien-Reisen unter anderem in den Periyar-Nationalpark im südlichen Bundesstaat Kerala. Dort gibt es Elefanten und auch Tiger, doch zu Gesicht bekamen wir nichts davon, denn zu der Zeit wusste ich noch rein gar nichts über Safari, Tierverhalten und Sichtungsmöglichkeiten - also auch nicht, dass es aussichtslos ist, mitten am Tag auf die Pirsch zu gehen.
Mein Hauptinteresse galt seinerzeit noch dem entspannten Strandleben in Goa, und als meine beiden Freundinnen und ich von dort aus einige Tage lang mit dem Rucksack auf Tour gingen, um etwas mehr vom Land zu sehen, war Periyar eben auf der Liste gelandet.
Berti-Betti einige Jährchen jünger in Hampi/Karnataka
Keine schlechte Entscheidung, die Natur war eindrucksvoll und immerhin bekamen wir "Tiger-Droppings" zu Gesicht, das erlebt man auch nicht alle Tage. Apropos Tag, weil der letztlich so wenig hergegeben hatte, schlossen sich meine Freundin Katja und ich später noch zwei Rangern an, die eine Handvoll interessierter Touristen auf ihre nächtliche Patrouille mitnahmen.
Tiere gab es kaum zu sehen, mal abgesehen von den leuchtenden Augen diverser "Somebodys", die Katja einen Schreck nach dem nächsten einjagten. Schließlich ging es bei unserer Runde vor allem darum, Wilderer abzuschrecken oder gar zu erwischen - waren sie etwa die mysteriösen Gestalten im Dickicht?
Erst viel später löste sich das Rätsel: Ein ums andere Mal, wenn ich von hinten nach vorne zischte, was oder wen wir denn da in der Nacht wohl sähen, bekam die weiter vorne laufende Katja vom Ranger an der Spitze die Antwort "Somebody". Sie gab das nach bestem Wissen und Gewissen so weiter, gemeint war allerdings "Sambar deer" - also eine sehr große Hirschart.
"Somebody"...
Ungeachtet der möglichen Bedrohung durch "Somebodys" genoss ich diesen nächtlichen Spaziergang bei Vollmond durch die savannenartige Landschaft mit jeder Faser. Ich liebte die Geräusche, die Farben, die Glühwürmchen auf meinen Armen, den Geruch, einfach alles. Die Ranger zeigten uns ein Haus mitten im Nirgendwo, das man mieten konnte.
Es lag zum Niederknien schön und einsam inmitten der Wildnis, und morgens, so erfuhren wir, grasten oft Elefanten vor dem mit speziellen Treppen und Zugängen gesicherten Haus. Ich war auf der Stelle verloren. Wir grandios musste es sein, so etwas zu erleben! In Afrika wurden viel später all diese damals entstandenen Träume wieder und wieder wahr.
2011 kehrten Katja und ich nach Indien zurück. Jahre zuvor hatten wir uns geschworen, das zu tun, wenn wir beide einen Partner gefunden hätten. Und so kam Thomas zu seiner Indien-Premiere, die mich abermals in den Süden des Landes führte.
Thomas einige Jährchen jünger in Goa
Fehlte also noch der Norden, der so ganz anders ist als das, was ich bis dato trotz mittlerweile drei ausführlicher Indien-Reisen erlebt hatte. Ende 2019/Anfang 2020 ging es also für Thomas und mich (vornehmlich) ins Land der Maharajas nach Rajasthan.
Amer Fort in Jaipur
Bunte und lautstarke Angelegenheit: Wedding-Season in Indien
Wohnen im ehemaligen Palast wie eine Maharani: Samode Haveli
Ein Klassiker, der uns völlig begeisterte. Drei Wochen lang cruisten wir mit unserem wackeren und loyalen Fahrer von einem Höhepunkt zum nächsten; erkundeten auf eigene Faust märchenhafte Paläste, blaue, pinkfarbene und goldene Städte sowie verwinkelte Tempel. Auf einen Guide hatten wir bewusst verzichtet (es gibt keine Driverguides, das sind in Indien getrennte Jobs), das war für uns die richtige Entscheidung und brachte auch keinerlei Probleme mit sich.
Weil wir schon einmal in der Gegend waren, besuchten wir auch für einige Tage den Ranthambhore-Nationalpark. Ein sehr schöner Park mit guten Aussichten auf Tiger und überhaupt viel Wildlife.
Indian Scops Owl im harmonischen Doppelpack
Brrrr, kalt im Januar in Ranthambore...
Pflaumenkopfsittich
Doch die kühle Jahreszeit und mangelndes Glück (der Daxiangsche Sichtungswilli war da noch Zukunftsmusik) waren was Tiger anbelangt nicht gerade hilfreich und so blieb dies unsere einzige und flüchtige Begegnung:
Hm. Das reichte uns natürlich nicht. Und so nahm die Idee zusehends Formen an, die ohnehin schon länger in mir geschlummert hatte: Warum nicht quasi zum Ursprung von allem zurückkehren und explizit in Indien auf Safari gehen?
In Afrika waren die Preise vielerorts weiter und weiter ins Kraut geschossen, da schien Indien auch in dieser Hinsicht eine verlockende Alternative zu sein. Allein, das hatte noch bei unserer Reise 2019/2020 gerade so gegolten, 2024 dann schon nicht mehr. Die Inder waren während der Pandemie zwangsläufig in ihrem Land gereist und auf den Tiger gekommen - es gab einen regelrechten Hype und daraus resultierend mächtige Preisanstiege.
Günstig wie erhofft war die Reise also nicht. Doch wir wollten sie auf jeden Fall machen. Die Tiger warteten schließlich schon - oder etwa nicht?
Teil 328. Mai 2026
Falscher Job
Für Indien braucht man ein Visum, und da Thomas in dieser Hinsicht äußerst zuverlässig und auch geduldig ist, kümmerte er sich sehr rechtzeitig für uns beide darum - normalerweise die für alle Beteiligten beste Lösung. Diesmal allerdings hatte er in einem Anflug geistiger Umnachtung beim Antrag der eVisa unter "Beruf" wahrheitsgemäß bei uns beiden "Journalist" eingetragen, denn unsere bisherigen Einträge als "Employee" reichten nicht mehr aus.
Ein folgenreicher Patzer. Wahrscheinlich ertönte in sämtlichen Tempeln Indiens ein Warnsignal, jedenfalls bekamen wir die Visa (ohne Angabe von Gründen) nicht. Abgelehnt. Wir zogen eine Agentur zurate, was nichts brachte, außer dasselbe Ergebnis. Abgelehnt. Nur bezahlt hatten wir nun schon doppelt.
Man riet uns, direkt über das Indische Konsulat zu gehen. Das ist in Hamburg glücklicherweise nicht weit von uns entfernt, doch wir begingen den nächsten Fehler und machten wie auf der Homepage geheißen brav online einen Termin aus. Das kostete weitere kostbare Zeit und die wurde - wir ahnten es noch nicht - nun schon richtig knapp.
Um ein Haar wäre es nichts geworden mit den Tigern...
14 Tage vor Reiseantritt standen wir also wie vereinbart im Konsulat und begriffen sofort, dass sich hier niemand an irgendwelche Termine hält. Man taucht einfach auf, es macht keinen Unterschied.
Wir erläuterten dem Mann hinter der dicken Glasscheibe unser Anliegen und er schaute ungerührt-skeptisch. Als Journalisten bräuchten wir kein Touristen-, sondern ein Journalisten-Visum; unabhängig davon, dass wir nur Touristen sein würden. Und das zu bekommen, konnte Wochen, wenn nicht gar Monate dauern. Mich traf fast der Schlag. Thomas ärgerte sich schwarz, dass er dieses eine fatale Wörtchen mir nichts, dir nichts und gedankenlos zweimal eingetragen hatte.
Wir erklärten, dass wir ja nun schon mehrfach in Indien gewesen waren und uns nachweislich nichts hatten zu Schulden kommen lassen. Ob das denn gar nicht zähle? Nein, offenbar nicht. Die Prozedur blieb dieselbe und beschwerlich. Ehrlicherweise hätten wir besser gelogen.
Es half nun nichts. Wir füllten den Antrag auf ein Journalisten-Visum aus und schrieben zudem beide per Hand einen Brief an die Konsulin, in dem wir versicherten, dass wir nichts anderes wollten als nur Touristen sein. Wir reichten die wertvollen Papiere etwas zittrig durch das Loch in der Glasscheibe, der Beamte konnte nicht sagen, ob alles rechtzeitig klappte. Man würde auf uns zukommen. Immerhin das hatten wir gelernt: Darauf konnten und wollten wir nicht warten.
In der ersten Woche blieben wir noch einigermaßen ruhig. In der zweiten radelte ich täglich dank der Unterstützung meiner lieben Kollegen zum Konsulat, um zu erfragen, ob der Antrag auf wundersame Weise von der einen Pappschachtel hinter der Glasscheibe zur Konsulin gewandert war und die fertigen Pässe in die andere zurück. Die Hoffnung schwand minütlich.
Donnerstags - am Dienstag darauf sollten wir um 6 Uhr fliegen - stand ich schließlich heulend vor dem Konsulat und rief Thomas an, der ein paar Tage nicht da war. Nichts hatte sich getan und keiner konnte sagen, ob die Konsulin am Freitag überhaupt im Büro sein würde. Mir dämmerte schmerzlich: Das wurde nichts.
Dann am Freitag ein Hoffnungsschimmer: Die Konsulin sei tatsächlich im Haus, und eine nette Dame hinter der magischen Glasscheibe, die Glück von Unglück trennt, trug sogar eigens unsere Pässe sowie die Anträge hinter die gepanzerte Tür, wo jemand über meine Reise und im Zuge dessen auch nebenbei einiges an Geld entschied, das wir investiert hatten und ggf. nicht mehr zurückbekommen würden. Ich wartete und betrachtete nervös die Hochglanz-Prospekte im Regal neben mir: "Indredible India!" Das konnte man wohl sagen...
Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte die Dame zurück: Wir sollten am Montag noch einmal vorbeischauen, die Chancen stünden nicht schlecht, dann die Visa zu bekommen. Ich atmete etwas auf, blieb aber unruhig. Das war alles andere als ein klares Versprechen, und so packte ich am Wochenende nur mit halbem Herzen unsere Taschen.
Am Montagmorgen radelten wir beide zusammen zum Konsulat, und dann - das Wunder: Mittags hielten wir endlich die fertigen Pässe in unseren vor Aufregung verschwitzten Händen. Wieder hatte ich feuchte Augen - diesmal vor Erleichterung.
Fix und fertig, aber glücklich stiegen wir am nächsten Morgen in den Flieger nach Frankfurt, von wo aus es schließlich mit Qatar nach Doha und dann nach Nagpur ging.
Dort gab es bei der Einreise (und auch später bei der Ausreise) noch einmal Hin und Her wegen der Journalisten-Visa - aber kein Vergleich zu dem Theater zuvor. Seither bin ich übrigens offiziell Hausfrau - auch kein leichter Job, aber offenbar deutlich weniger verfänglich.
Hoffentlich keine leeren Versprechungen...
Teil 408. Juni 2026
Kanha Teil I: Liebe auf den zweiten Blick
Wir landeten mitten in der Nacht in Nagpur, und während wir aufs Gepäck warteten, bewunderte ich trotz meiner Müdigkeit die überdimensionalen, wenn auch teilweise schon sehr verschossenen Bilder von Tigern an den Wänden. Wenn es nur annähernd so käme, wären wir überglücklich.
Langstreckenflug, die Uhrzeit, die Warterei bei der Einreise und aufs Gepäck hatten Spuren hinterlassen, und so sank ich schließlich dankbar in die Polster des komfortablen Autos, mit dem uns der Fahrer abholte. Er würde während unserer Reise für die Transfers von Nationalpark zu Nationalpark sorgen und entpuppte sich als ruhiger, verlässlicher und zuvorkommender Gefährte.
Er sprach wenig, aber ausreichend Englisch, und war sehr auf unser Wohl bedacht. Weil er direkt bei der ersten Fahrt mitbekam, wie sehr ich Kartoffelchips liebte, fand ich künftig stets zwei neue kleine Tütchen im Fach neben meinem Sitz, sobald ich mich ins Auto setzte.
Kaum traten wir aus dem Flughafengebäude, tauchte ich wieder ein ins pralle indische Leben. Man kann es mögen oder auch nicht, doch es gibt wohl nichts Vergleichbares in unserer Welt. Die schwere Luft, der Geruch nach Feuer, die Wärme, das laute Stimmengewirr der vielen Menschen, die wackeligen Straßenstände, das Chaos - Indien eben. Doch darum ging es diesmal nicht, in den Tigerreservaten würde sicher ruhiger zugehen - zumindest meistens.
Tigersichtung in Kanha
Kaum unterwegs, sanken wir beide schnell in einen überraschend tiefen Schlaf. Im Morgengrauen hielten wir kurz an, der Fahrer stärkte sich mit einem Masala Chai. Ich bin beinahe süchtig nach diesem süßen Gewürztee, und ich freute mich darauf, ihn in den nächsten Wochen täglich formvollendet zu bekommen. Diese Gelegenheit ließ noch aus, ich war schlichtweg zu müde.
275 Kilometer waren es vom Flughafen zu unserer ersten Unterkunft beim Kanha Nationalpark. Dafür brauchten wir mehrere Stunden, zwinkerte ich zwischendurch einmal, blickte ich auf eine sehr ländliche Gegend, durch die wir auf einfachen Straßen fuhren.
Die Reihenfolge der von uns besuchten Nationalparks hatte nicht ausschließlich mit Distanzen, sondern vor allem mit den Ruhetagen in den unterschiedlichen Tigerreservaten zu tun. Die Schließtage variieren je nach Bundesstaat, mal ist es ein ganzer Tag, mal nur ein Nachmittag, manchmal sind an bestimmten Tagen nur die Kernzonen, an anderen wieder die Pufferzonen geschlossen. Es ist also ein ziemliches Puzzle, das so miteinander in Einklang zu bringen, dass die Gäste die Safarimöglichkeiten bestmöglich nutzen können. Bei uns hatte die Agentur die Logistik in die Hand genommen.
Der Brahmakauz (Spotted Owlet) ist nur 20 Zentimeter groß und wagt sich nur selten ins Sonnenlicht - hier im Garten des Soulacia.
Barasingha (Sumpfhirsch) in Kanha
Am Morgen waren wir da. Wir wurden herzlich in Soulacia empfangen, doch auf den ersten Blick war ich von der eher nüchternen Anlage etwas enttäuscht. Ich hatte etwas ähnlich Atmosphärisches erwartet wie in Ranthambhore, denn beide Unterkünfte hatten vier Landessterne. Doch hier fehlte der indisch-stylische Charme, der mit im Norden so gut gefallen hatte. Wie so oft in Indien dachte ich, dass die Handschrift einer Frau bei der Gestaltung wohl guttun würde. Allzu häufig gibt das aber die Rollenverteilung (noch) nicht her - meiner Beobachtung nach im Süden eher als im Norden.
Auf den zweiten Blick überzeugte mich die Anlage allerdings. Aus mehreren Gründen. Unser Cottage war großzügig, praktisch eingerichtet und sauber, zudem verfügte es offensichtlich über dicke Wände und Fenster, was sich als immenser Vorteil herausstellte: Es war "Wedding-Season", und diese opulenten Hochzeitsfeierlichkeiten erstrecken sich nicht nur über mehrere Tage, sondern sind auch mit einer Dauerbeschallung in gigantischer Lautstärke verbunden.
Trommeln und (für unsere Ohren) schmerzhaft hoher Gesang aus turmhohen Lautsprechern waberten aus der Nachbarschaft hinüber zu unserem Teilzeit-Zuhause. Doch kaum schlossen wir die Tür unseres Häuschens, war auf wundersame Weise Ruhe.
Am zweiten vollen Tag war es dann mit dem Lärm ganz vorbei. Wir selbst hatten uns zwar nicht getraut, mit dem Management darüber zu sprechen - schließlich waren wir zu Gast im Land und wussten um die zuweilen eben doch recht unterschiedlichen Sitten und Gebräuche.
Ein junger Inder war aber eingeschritten, und da er anscheinend über beste Kontakte zu Polizei und Forest Department in der Gegend verfügte, forderte er nicht nur erfolgreich die Einhaltung durchaus vorhandener Lärmschutz-Regeln ein, sondern stand auch morgens am Gate mit seiner Entourage und seinem Gypsy immer in der ersten Reihe.
Blick mit dem Rücken zum Gate zur "Sammelstelle". Morgens sind hier Geduld gefragt, ein geschickter Fahrer, gutes Timing und ein bisschen Glück. Links reihen sich die Normalsterblichen ein, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wer auf der Asphaltstraße direkt am Gate stehen darf, hat ordentlich Vitamin B. Kühe haben in Indien natürlich immer Vorfahrt, allerdings im Park zumindest in der Kernzone nichts zu suchen.
Abgesehen von den raren und sündhaft teuren Full-Day-Safari-Tickets - sie kosten rund 1.400 US-Dollar und erlauben den ganztägigen Aufenthalt im Park von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sowie den Wechsel zwischen allen Zonen - ist das die Pole Position. Denn es spielt durchaus eine Rolle, als wievieltes Auto man in den Park hineinfährt. Nicht nur, weil die Tiere, die sich auf den Pisten befinden, diese später schon geräumt haben und über alle Berge sind, sondern vor allem, weil man eine Menge Staub schluckt, bis sich die Wege schließlich nach und nach trennen.
Wir hatten deshalb in allen Parks über weite Strecken Tücher vor den Mund gebunden. Besonders in Kanha wurde uns dringend dazu geraten, denn im Staub befinden sich irgendwelche (sichtbar glänzenden) Partikel, sie sich angeblich in der Lunge festsetzen können.
Ich weiß nicht, was an der Geschichte dran ist, aber wir wollten es nicht drauf ankommen lassen. Auch die Guides waren allesamt komplett vermummt, sobald es staubig wurde. Also ziemlich oft.
Abends kamen wir ein paarmal ins Quatschen mit diesem jungen, selbstbewussten (und by the way auch unverschämt gutaussehenden) Inder, den ich insgeheim den "Gucci-Inder" taufte. Denn er trug immer nur die teuersten Markenklamotten, das beste Fotoequipment, hatte einen eigenen Assistenten dabei und war sichtbar an Luxus gewöhnt - so sehr, dass er ihn selbst gar nicht registrierte.
An zwei Abenden gesellte er sich zu uns, und abgesehen von Safari-Latein (er reist viel und gern, auch nach Afrika) zeigte er Fotos von seiner (ebenfalls blendend aussehenden) Frau, erzählte von seiner eigenen Hochzeit und den Nationalparks im Nordwesten, wo er lebte und wohin er uns großherzig einlud.
Ich schätze diese abendlichen Treffen rund ums Feuer, im Boma oder in diesem Fall in einer Couchecke nach dem (sehr guten) Essen, denn nebenbei erfährt man auf diese Weise auch eine Menge aus der Lebenswelt der Einheimischen - wenn auch in diesem Fall einer sehr privilegierten.
Den Ausschlag, weshalb ich unsere Unterkunft auf den zweiten Blick doch mochte, gab aber der sogenannte Naturalist. Diese bei den Hotels/Unterkünften angestellten Naturkundler organisieren für die Gäste die Safaris, sind zuweilen selbst der Guide bei den Ausfahrten und kümmern sich um alles, was mit Flora und Fauna zu tun hat.
Alter Bekannter: Hoopoe
Nitesh lernten wir direkt am ersten Nachmittag kennen, denn nach einem ausgiebigen Nickerchen direkt nach unserer Ankunft machten wir gemeinsam mit ihm eine Fußsafari durch eine der Pufferzonen, wo Begegnungen mit Tigern ausgeschlossen sind. Die Katzen halten sich in Kanha (und auch in Pench) in den Kernzonen auf, wo es dann bis auf einige ausgewiesene Picknickzonen aus gutem Grund verboten ist, das Auto zu verlassen.
Es tat gut, sich nach dem langen Sitzen und Liegen endlich etwas zu bewegen, ich sog die frische Waldluft ein und genoss den Spaziergang, wohlwissend, dass wir hier zu Fuß wohl nur wenige Tiere zu Gesicht bekommen würden.
"Somebody" is watching me...
Nitesh zeigte und erklärte uns jedoch auch die kleinsten Lebewesen und erwies sich als fachkundiger, offener und engagierter Gefährte, vor allem aber als ausgewiesener Natur- und Fotofreak.
Er teste gerade für Canon eine verbesserte Kamera mit Augenerkennung, und sofort verloren sich Thomas und er in Fachsimpelei. Mir war das nur Recht, zufrieden stapfte ich durch die herrliche Landschaft mit ihren hohen Bäumen und dem dichten Wald.
Minivet
Rotspecht (denke ich) - nur einmal auf der Reise gesehen
Vor allem aber hatte Nitesh dafür gesorgt, dass auf der großen Hotelanlage nur noch Pflanzen wuchsen, die dort auch tatsächlich hingehörten. Durch diese Renaturierung-Maßnahmen hatte er ein kleines Paradies für die einheimische Vogelwelt geschaffen, und so nutzte ich fast jede freie Minute auf der Anlage, um Eulen, Spechten und anderem Federvieh hinterher zu steigen.
Graukopfstar (Chestnut-tailed Starling)
Orangespecht, wie so oft gut verborgen
Elsterstar (Indian pied Starling)
Besonders faszinierend fanden wir, dass uns Nitesh an einem Morgen einen kleinen Sunbird zeigte, der einen kleinen Baum direkt neben dem Restaurant als Nistplatz erkoren hatte.
Gemeinsam mit ihm und anderen Gäste beobachteten wir mit viel Ausdauer den Fortschritt des ambitionierten Bauprojekts, das allerdings in Windeseile Gestalt annahm.
Wir machten es uns außerdem zur Gewohnheit, jedes Mal einen Boxenstopp an einem Flammenbaum einzulegen, der in voller Blüte und praktischerweise direkt neben unserem Cottage stand.
Hirtenmaina (Common Myna)
Purple Sunbird
Leafbird
Königsdrongo mit Schnapp
Alles in allem fühlten wir uns also pudelwohl auf der ersten Station unserer Reise. Jetzt musste es nur noch mit den Tigern klappen.
Teil 511. Juni 2026
Kanha-Nationalpark: Geduld ist gefragt - und wird belohnt
Noch im Dunkeln stapften wir morgens in Richtung Rezeption. Ich war voll kribbelnder Erwartung - in Indien fühlt sich diese Vorfreude auch nicht anders an als bei einer Safari in Afrika.
Unser Fahrer für die nächsten Tage, der sich auch als hervorragender Guide erweisen sollte, wartete schon auf uns. Ein ausgeglichener, erfahrener und darüber hinaus englischsprechender Mann, er war uns auf Anhieb sympathisch. Später erzählte uns einer der Ranger, dass schon sein Vater im Kanha-Nationalpark eine regelrechte Legende gewesen sei und auch einiges für den Schutz der Tiger getan hatte.
Tiger im Kanha-Nationalpark
Es war für uns von vornherein klar gewesen, dass wir trotz der Kosten einen Jeep exklusiv für uns haben wollten. Die Flexibilität, die damit einhergeht, hat ihren Preis, ist für uns aber alternativlos.
Schrecklich fanden wir die riesigen Canter, die vollgestopft mit Menschen durch den Wald ächzen - wir sind glücklicherweise kaum welchen begegnet. Aber auch einen der ohnehin kleinen Gypsys zu teilen, war keine Option. Allein schon, weil es uns nicht nur um Tiger ging. Wir wollten auch andere Tiere suchen und beobachten; das ist nicht jedermanns Sache. Schon gar nicht die der Inder. Sie sind völlig verrückt nach ihren Tigern.
Kleiner Hanuman-Langur, wohlbehütet auf Mamas Schoß
Axishirsch mit prächtigem Kopfschmuck
Die Möglichkeit - sofern sie überhaupt in den von uns besuchten Parks bestand -, auf dem Rücken eines Elefanten auf die Pirsch zu gehen, hatten wir von vornherein ausgeschlossen, und wie sich herausstellte, bot die Agentur das aus denselben Gründen auch gar nicht erst an.
Das Khatia Gate - eines der drei Hauptgates - ist vom Soulacia nur 500 Meter entfernt. Kaum waren wir vom Hof gerollt, hatten wir also auch schon das Ende der Straße erreicht, wo hinter dem Schlagbaum staubige Pisten tiefer in den Nationalpark hineinführen.
Wie an allen Tagen war wir nah und früh genug dran, um einen der vorderen Plätze in den sich anbahnenden Warteschlangen aus Autos zu ergattern. Beim Ranger Office stand immer noch Papierkram an, was wir glücklicherweise nicht selbst erledigen mussten, und als sich um Punkt Sechs der Schlagbaum hob, sprang noch ein Forest Guide zu uns ins Auto.
Ich durchschaute nie, nach welchem Prinzip diese Pflichtbegleitung zugeteilt wird, hatte aber den Eindruck, dass unsere Fahrer ihre Favoriten und Einfluss darauf hatten. Natürlich kennt hier jeder jeden.
Die Forest Guides, die in aller Regel aus den Dörfern rund um den Park stammten und oftmals mit ihren Familien wegen der Tiger hatten weichen müssen, sprachen in aller Regel kaum Englisch, waren aber fast ausnahmslos fachkundig und engagiert. Und natürlich kannten sie sich in den Wäldern aus, die eigentlich ihre Heimat waren.
Die wichtige Information, dass wir uns nicht nur für Tiger, sondern auch für andere Tiere und vor allem auch für Vögel interessieren, fand ähnlich großen Anklang wie in Afrika. Fahrer wie Guides goutierten das, kannten sich bestens gut aus und gaben sich alle Mühe beim Auffinden und Erklären der vielfältigen indischen Vogelwelt.
Crested Serpent Eagle
Pfau - der indische Nationalvogel
Nur einmal gesehen und schlecht erwischt (in Sri Lanka klappte das viel besser): Malabar Pied-Hornbill (female)
Stonechat
Uns kam außerdem entgegen, dass die Guides (bis auf eine Ausnahme) nicht den eigens für sie vorgesehenen Platz hinten links auf der Rückbank beanspruchten, sondern sich lieber auf den Beifahrersitz setzten bzw. stellten - wohl auch, um sich mit dem Fahrer unterhalten und abstimmen zu können.
Auf diese Weise hatten Thomas und ich jeweils eine Sitzbank ganz für uns. Das war nicht nur komfortabel, sondern speziell in meinem Fall auch gesundheitsschonend. Teilweise war der Abstand zum Vordersitz so klein, dass ich mit meinen langen Gräten keine Chance gehabt hätte, mir auf den rumpligen Waldwegen nicht die Knie blauzuschlagen. So aber konnte ich mich schräg hinsetzen und manchmal beim Warten sogar die Beine hochlegen - was sehr angenehm war bei den hohen Temperaturen am späteren Vormittag und frühen Nachmittag.
Barasingha beim kühlenden Bad
Ein aufgeregtes Surren lag immer morgens und am frühen Nachmittag kurz vor Gateöffnung in der Luft, und jede Menge Euphorie. Als es dann soweit war, brausten alle so schnell wie möglich los und tauchten die nachfolgenden Wagen in eine rote Staubwolke. Schnell verteilten sich die Jeeps aber je nach zugeteilter Zone in unterschiedliche Himmelrichtungen.
Wer hat behauptet, in Kanha gäbe es keine Elefanten?
Die frische Waldluft am frühen Morgen war herrlich, wie auch die Kulisse um uns herum. Kanha gilt als der landschaftlich reizvollste und grünste Park Zentralindiens, und tatsächlich ist er mit seinen dichten Wäldern, den Hügeln, dem weitem Grasland und seiner großen Artenvielfalt spektakulär. Ich fühlte mich wie im Dschungelbuch - auch wegen des vielstimmigen Waldkonzerts um uns herum.
Auf bestimmte Geräusche gilt es dabei besonders zu achten. Auf das Gemecker der zahlreichen Affen zum Beispiel sowie auf die "Alarm Calls" der Axishirsche und vor allem der Sambar. Diese großen Hirsche warnen die Herde und andere Tiere im Wald mit einem kurzen, aber prägnanten Ruf, sobald sie Raubtiere wie Tiger oder Leoparden wittern. Ich habe den durchdringenden Klang (wie eine gigantische Tröte), den wir mittlerweile auch aus Sri Lanka kennen, noch heute im Ohr.
Ist irgendwo im Wald in erreichbarer Nähe einer dieser Warnrufe zu hören, fahren alle Guides sofort schnurstracks zu der Stelle, wo der Verursacher zu finden ist. Am ersten Morgen waren wir kaum im Park, da hörten wir schon so einen Call. Und noch einmal. Und wieder. Also nichts wie hin. Weit war es nicht. Irgendwo da drin - beide Guides zeigten auf das Dickicht in mittlerer Entfernung - musste ein Tiger sein.
Da standen wir nun. Mal wieder. Wir kannten das schon aus Ranthambhore. Mehrfach waren wir dort den Signalen gefolgt und hatten sehnsüchtig auf das Erscheinen des Dschungelkönigs gehofft. Mit äußerst überschaubarem Erfolg. Ich erlaubte mir nun also keinen allzu großen Optimismus.
Als schließlich einige Hirsche panisch aus dem Unterholz hervorbrachen, vergaß ich kurz zu atmen. Nun musste doch ... aber nein. Nichts geschah.
Ja, es war wohl ein Tiger da - am nächsten Tag wurde er auch von anderen Gästen an dieser Stelle gesichtet. Aber uns zeigte er sich nicht, sondern hielt wahrscheinlich sein Verdauungsschläfchen. Mir sank der Mut. Hoffentlich wurde das Unternehmen Tiger nicht zur Mission Impossible.
Als wir weiterfuhren, verdrängte ich einigermaßen erfolgreich den Gedanken an den vermaledeiten Tiger und genoss die vielen anderen schönen Dinge, die der Park zu bieten hat.
In der Nähe eines kleinen Weihers war schließlich ein bisschen was los. Die Insassen einiger Jeeps schauten angestrengt und wild gestikulierend in eine Richtung. Ich sah erst nichts; dann mit viel Phantasie eine Schwanzspitze. Gleich vier Tiger sollten dort in den Büschen am Waldrand liegen, Vater, Mutter und zwei schon recht ausgewachsene Kids.
Wir warteten, was auch sonst. Sehr schemenhaft erkannten wir, wie sich Papa Tiger im Hintergrund in den Wald trollte. Mit diesem Tier war es also schon mal nichts. Mein Euphoriepegel stagnierte auf niedrigem Niveau.
Aber dann geschah das Wunder, an dem unsere Guides wohl einen gehörigen Anteil hatten. Sie hatten perfekt antizipiert, auf welchem Wege die verbliebenen Tiger wohl zum Wasser laufen würden, und so steuerten die drei einer nach dem anderen erst auf zu und stolzierten dann direkt an uns vorbei. Ein beeindrucktes Raunen ging durch die Jeeps, alle waren ergriffen. Wir auch.
In Nullkommanichts waren wir eingekeilt, bloß gut, dass Offroadfahren wegen der Vegetation ohnehin kaum möglich ist und zudem streng geahndet wird. Auf diese Weise gibt es zwar immer mal wieder auf den schmalen Waldpfaden ein kleines Chaos, aber die Tiger können ungestört ihrer Wege gehen.
Wir empfanden es als Riesenvorteil, dass sich unsere oft sehr erfahrenen Fahrer in aller Regel nicht von der allgemein ausbrechenden Hektik bei Tigersichtungen anstecken ließen. Mit ihrer Übersicht kamen sie respektive wir meist ohnehin besser ans Ziel. In Indien (wo Selbstfahren nicht möglich ist) gilt dasselbe wie für Afrika: Der Driver/Guide macht den Unterschied.
Eine Weile lungerte das Trio am Wasser herum ...
... dann war die Show schließlich vorbei und die Tigerfamilie angeführt von der Mutter vollzählig im Wald verschwunden.
Noch sagt Mama, wo's langgeht ...
Die Frühstückszeit hatten wir verpasst, es ging schon auf Mittag zu, und da mussten wir den Park verlassen haben. Wir frühstückten deshalb auf Vorschlag des Forest Guides ausnahmsweise im Auto.
Es war schön, unsere prall gefüllten und leckeren Frühstücksboxen mit Ei, gefülltem Roti und Samosas im kühlenden Schatten der hohen Bäum zu plündern, doch es blieb eine einmalige Erfahrung: Weil die Inder leider im Allgemeinen ihren Müll fallen lassen, wo sie gerade gehen und stehen, dürfen Mahlzeiten nur in ausgewiesenen Picknick-Areas eingenommen werden. Wir packten alles wieder sorgfältig zusammen und entsorgten den Müll später im Hotel.
Glücklich fuhren wir zurück zum Hotel. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass wir schon bei der ersten Ausfahrt drei Tigern so nah kommen würden. Ein bisschen waren wir auch von einer kleinen Last befreit. Tiger gucken - check!
Was machte da schon, dass wir während der Ausfahrt am Nachmittag vergeblich auf eine der mächtigen Katzen lauerten, die die Straße gequert und dann in ein Wäldchen zurückgezogen hatten.
Wir verschwendeten nur wenig Zeit mit der Warterei, es gab so viel anderes in der tollen Landschaft zu entdecken, die viel offener und weiter war als die, in der wir am Morgen unterwegs gewesen waren.
Eine große Herde Gaur weidete - abgesehen von einigen renitenten und streitsüchtigen Krähen als Passagieren - friedlich auf den Ebenen.
Gaur - das größte Wildrind der Welt
Eine kleine Familie Blackbucks begeisterte uns besonders; eine seltene Sichtung, wir haben sie auf allen Ausfahrten nur einmal gesehen.
Hirschziegenantilope, auch Schwarzbock genannt, weil die Männchen einen sehr dunklen Rücken haben, während Weibchen und Junge sandfarben sind.
Diese Hirschziegenantilopen waren einst das meist gejagte Wildtier in Indien und dadurch fast ausgerottet. Mittlerweile ist die Population wieder gewachsen, die meisten Exemplare leben in Reservaten. Wir hatten tatsächlich auch in Rajasthan im Garten eines Palastes schon einmal welche aus der Ferne gesehen, fanden aber, das zählt nicht richtig...
Am Abend ließ ich den Tag Revue passieren. So ein toller Auftakt. Mit gleich drei Tigern! Noch ahnte ich nicht, dass wir sie schon bald wiedersehen würden...
Teil 614. Juni 2026
Kanha-Nationalpark: Geschwisterliebe
Kanha ist bekannt für seine hohe Tigerpopulation, die Katzen zeigen sich allerdings aufgrund der zumeist dichten Vegetation oft nur bei sogenannten "Tiger Crossings" in voller Pracht. Also bei kurzen Sichtungen, wenn die Katzen die Waldwege oder kleine Lichtungen kreuzen.
An unserem zweiten Morgen in Kanha erlebten wir allerdings alles andere als eine flüchtige Begegnung - und schon zu diesem frühen Zeitpunkt wohl eine der besten, wenn nicht gar die beste Situation der gesamten Reise.
Kurz nach Gateöffnung fuhren wir erneut zügig in die Nähe des Weihers, wo wir die Tigerfamilie bereits am Vortag beobachtet hatten.
Die Jeeps, die sich auf dem Weg aneinanderreihten, zeigten sofort, wir waren auf der richtigen Fährte. Glücklicherweise war die Piste an dieser Stelle so breit und die Fläche davor so frei, dass es kein Problem war, eine gute Position zu finden.
Kurz nach Sonnenaufgang war die Luft noch kühl, und so hatten sich die Tiere noch nicht ins Dickicht zurückgezogen. Das junge Männchen präsentierte sich wenig schüchtern inmitten der freien Grasfläche, seine Schwester hatte direkt am Waldrand Position bezogen. Von der Mutter fehlte jede Spur, sie war wohl bei der Jagd. Was auch nötig war, denn wie sich schon bald überdeutlich zeigen sollte, waren die Kids ohne Hotel Mama noch aufgeschmissen.
Ich genoss den Anblick der beiden Dschunkel-Schönheiten, auch wenn ihr Aktionsradius zunächst überschaubar blieb. Immerhin machten sie keinerlei Anstalten, die Szenerie zeitnah zu verlassen.
Doch plötzlich kam Bewegung in die Sache. Noch konnten wir das Muntjak (eine kleine Hirschart) nicht entdecken, doch als es kurz darauf nichtsahnend auf die Ebene trabte, hatten sich die Tiger längst in Stellung gebracht.
Das Männchen hatte sich in Windeseile in einer Senke versteckt, das Tigermädchen hinter Baumwurzeln ganz flach gemacht. Vorsichtig pirschten sich beide an, ...
... liefen dann aber viel zu unkoordiniert und ungeschickt los, sodass die potenzielle Beute nicht ernsthaft in Gefahr geriet und jede Menge Zeit hatte, die Beine in die Hand zu nehmen. Die Geschwister mussten offensichtlich noch sehr viel üben...
Da guckst du. Dumm gelaufen.
Das ganze Adrenalin und die überschüssige Energie mussten aber ja nun irgendwo hin. Also reagierten sich die beiden aneinander ab. Und boten uns im Zuge dessen eine Show, die selbst die Guides in Begeisterungsstürme versetzte.
Das Duo jagte sich kreuz und quer über die riesige Ebene, rangelte immer wieder miteinander und ging sich spielerisch gegenseitig an den Kragen.
Ein paarmal dachten wir, okay, das war's nun aber. Doch die Tiger bewiesen Ausdauer und gönnten sich nur eine kleine Atempause. Dann ging die Rangelei von vorne los. Es war gut zu erkennen, wieviel massiger der Kater schon im Vergleich zu seiner Schwester war. Doch sie ließ sich nichts gefallen und drehte den Spieß regelmäßig um.
Erst nach einer guten halben Stunde kochten die erhitzten Gemüter langsam wieder runter, und weil die Sonne nun auch schon zusehends höher kletterte, marschierten die Geschwister erst in aller Seelenruhe zwischen den Autos hindurch und dann hinter uns in den Wald.
Wir guckten uns sprachlos an. Was sollte nach diesem Auftakt noch kommen?
White-throated Kingfisher
Süßer Barasingha-Nachwuchs
Jede Menge Schönes jedenfalls, und wir genossen auch die anderen Sichtungen und die herrliche Natur wieder in vollen Zügen.
Yellow (oder Grey?) Wagtail
Gefährliche Kunst: Wespennest
Doch beim Frühstück in der Picknickzone und beim Abendessen im Hotel waren die Tiger und ihre Halbstarken-Show das Thema Nummer eins unter den glücklichen Besuchern, die dabei gewesen waren. Längst waren wir angekommen im Hier und Jetzt. Der Alltag, das nervenaufreibende Theater ums Visum - all das schien Lichtjahre her zu sein.
Teil 717. Juni 2026
Kanha-Nationalpark: Eine Frage der Zone?
Die Tiger-Sichtung am zweiten Tag war sicherlich der Höhepunkt im Khana-Nationalpark, doch es ist vor allem der Gesamteindruck, der uns in Erinnerung geblieben ist. Die Tage dort vergingen wie im Flug und waren durchweg ein Erlebnis - das gilt allerdings auch für die weiteren Stationen unserer Reise.
Die grüne, vielfältige Landschaft in Kanha mit ihren dichten Wäldern, den offenen Wiesen, den Sumpfgebieten und Seen vermittelt ein echtes Dschungelgefühl, und egal in welcher Zone, jede hat ihren Reiz.
Für Tigersichtungen gelten die Mukki- (mit vielen natürlichen Wasserstellen) und die zentrale Kanha-Zone als die Premium-Zonen, sie zählen ebenso wie Kisli und Sarahi zu den Kernzonen des Reservats.
Wir haben sie alle besucht und waren zudem in Pufferzonen unterwegs, die manchmal geöffnet sind, wenn die Kernzonen geschlossen haben und wo zudem die Permits in aller Regel günstiger zu haben sind. In Kanha (wie auch in Pench) sind dort nicht unbedingt Tiger zu erwarten, sehr wohl aber viele andere tolle tierische Begegnungen.
White-rumped Shama
Green Bee-eater
Darunter auch Indische Schakale, eine Unterart des Goldschakals, aber von der Statur etwas größer.
Eine Besonderheit in Kanha sind die Barasinghas. Wir haben sie mehrfach zu Gesicht bekommen und uns sehr darüber gefreut. Sarahi ist einer der besten Spots, um die seltene Hirschart zu entdecken, wir haben sie aber auch in anderen Zonen gesehen.
Wuchtige Gaur-Dame ...
... mit noch recht zierlichem Nachwuchs
Vögel sind ohnehin allgegenwärtig, aber oft auch eine fotografische Herausforderung gerade in den zuweilen riesigen alten Bäumen in Kanha.
Halsbandsittich - gibt's mittlerweile ja auch bei uns
Crested serpent Eagle (Haubenschlangenadler)
Junglefowl
Yellow-footed green Pigeon
Grey Wagtail
Von den sechs PIrschfahrten (plus Wanderung am Ankunftstag) in Kanha hätten wir keine missen wollen. Zu sehen gibt es eigentlich immer etwas, auch an den vermeintlich ruhigeren Tagen. Es gilt dasselbe wie in Afrika: Es ist glücklicherweise kein Zoo und man muss es nehmen, wie es kommt.
Pied Bushchat
Als wir nach der vierten Nacht vormittags pünktlich von unserem Fahrer eingesammelt wurden, waren wir längst im Soulacia heimisch geworden, mit dem ich anfangs noch gefremdelt hatte. Doch wir freuten uns auch auf den Pench-Nationalpark, unsere zweite Station dieser Reise, und wieder neue Eindrücke.
Knapp vier Stunden Fahrt und 200 Kilometer lagen bis Pench vor uns. Ich lehnte mich entspannt zurück, knabberte an meinen Kartoffelchips und versuchte mir schon einmal auszumalen, wie es wohl sein würde in der Heimat des Dschungelbuchs.
Teil 828. Juni 2026
Pench Teil I: Rumble in the Jungle
Im gigantisch großen Indien ist gefühlt (fast) nichts um die Ecke. Nur rund 200 Kilometer waren es vom Kanha- zum Pench-Nationalpark, doch wir brauchten über vier Stunden dorthin. Irgendwas ist eben immer im Weg, in der Stadt andere Autos, die wuseligen Tuk-Tuks, die sich durch jedes Nadelöhr schlängeln, die vielen Menschen oder im Zweifel auch Kühe, die im Hinduismus als heilig gelten und nicht verletzt werden dürfen. Sie verursachen oft massive Staus auf den Hauptverkehrsstraßen und sind leider auch oft Auslöser schwerer Verkehrsunfälle.
Auf dem Land sieht es etwas anders aus, dort sind die schmalen, manchmal löchrigen Straßen (glücklicherweise) nicht gerade Rennstrecken, auch wenn die Hauptverbindungsstraßen oft in Top-Zustand sind. So oder so muss man aber immer reichlich Zeit einplanen für die Transfers, und das ist ja auch kein Problem, sondern manchmal auch sehr interessant.
Nur meine beiden Chipstüten, die mir unser Fahrer netterweise wieder bereitgelegt hatte, hielten die vier Stunden nicht annähernd durch. Er zeigte uns kurz nach unserer Abfahrt eine einfache, aber schön am Wasser gelegene Unterkunft, wo er die vergangenen Tage verbracht hatte und schien (wie eigentlich immer) sehr in seiner Mitte zu sein.
Pench ist zwar kleiner als Kanha, aber ein Klassiker und unterbricht zudem die gut sechseinhalb- stündige Fahrt von Kanha nach Tadoba.
Indian Roller (Hinduracke)
Trotz der dadurch kürzeren Strecke war ich froh, als wir nach über vier Stunden aus dem Auto kletterten, denn ich habe in vielen Ländern nicht so sehr ein Problem mit der Hitze, sondern vielmehr damit, dass die Fahrer die Autos extrem herunterkühlen.
Gleichzeitig möchte sie nicht dazu nötigen, bei meiner Wohlfühltemperatur zu fahren - sie würden wahrscheinlich wegdämmern. Wir fanden zwar einen guten Kompromiss, trotzdem freute ich mich, der mir verhassten Klimaanlage zu entkommen.
Der erste Eindruck von unserer Unterkunft für die nächsten drei Nächte war so, wie es der Name versprochen hatte: Das Pench Jungle Camp entpuppte sich als riesige Anlage inmitten üppiger Vegetation und schöner Landschaft und liegt zudem praktischerweise in der Nähe des Gates.
Das viele Grün und das Dschungel-Ambiente mochte ich sofort, ich wusste, ich würde wohl jede freie Minute auf der Pirsch verbringen.
Tickell's Blue Flycatcher
Indian Cuckooshrike
Magpie-Robin
Auf der riesigen Anlage gibt es einen Pool und Hauszelte, die mit ihrem kitschig-protzigen Himmel unterm Dach den westlichen Geschmack meiner Meinung nach relativ strapazieren können, ansonsten sahen sie aber ansprechend aus. Wir bezogen einen ebenfalls sehr schön umwachsenen und im Grünen gelegenen Bungalow, doch der Funke wollte nicht so ganz überspringen, und das lag ungeachtet des großzügigen Zimmers vor allem am Bad, das - obwohl gereinigt - einen unangenehmen Geruch verströmte.
Glücklicherweise gab es zwischen Hauptzimmer und Bad noch einen kleinen "Vorraum", sodass der leicht penetrante "Duft" nicht bis ins Allerheiligste Vordrang.
Ich war ohnehin die meiste Zeit draußen, selbst, wenn wir nicht auf Safari waren. Das Vogelleben um uns herum war einfach zu omnipräsent und spannend, und so wackelte ich ungeachtet der Hitze und potenzieller Erschöpfung nach den Gamedrives (die in Indien nicht so heißen) ein ums andere Mal tapfer los.
Spotted Dove
Indian Grey Hornbill
Common Hawk Cuckoo
Immer wieder entdeckte ich etwas Neues - darunter einen kleinen brütenden (White-throated Fantail), den ich stolz dem begeisterten Thomas präsentierte, der von meinen Pfadfinder-Skills zumindest damals noch überrascht zu sein schien.
Das Buffet abends gab jede Menge her und bestand überwiegend aus Hühnchen, Suppe, Salat (von dem wir wie fast überall auf Fernreisen die Finger ließen) und sehr guten indischen Currys, von denen man nicht meinen muss, sie seien alle unerträglich scharf - da gibt es wie bei den Zutaten sehr große Unterschiede. Als Vegetarierin war ich im Himmel.
Auffällig war, dass sich in dieser Lodge auch einige amerikanische und europäische Touristen unter die ansonsten auf der gesamten Reise überwiegend indischen Safarigänger gemischt hatten. Sie ist anscheinend auch bei internationalen Gruppen beliebt.
Alexandrine Parakeet (kein Halsbandsittich)
Allgemein und keineswegs nur auf Indien oder gar diese eine Lodge bezogen gab uns eine spezielle Situation zu denken. Die Tür zum Bungalow war eine dicke Holztür und wurde von innen wie von außen mit dicken Eisenriegeln versperrt, in deren Ösen man ein wuchtiges Vorhängeschloss bugsierte und dann zuschnappen ließ. Etwas umständlich, aber diese Art des Verschlusses war mir in Indien schon vorher begegnet und nicht unbekannt.
Eines Abends hatten wir allerdings nach unserer Rückkehr vom Essen im Halbdunkel wohl die Löcher nicht ganz getroffen und das Schloss zwar zugemacht, aber eben versehentlich nicht durch die Ösen gesteckt. Jedenfalls rumorte und rappelte es gehörig an der nur mit dem losen Eisenriegel gesicherten Tür, die schließlich mit einem riesigen Krachen auf- und gegen die Wände schlug.
Einige Gestalten purzelten hinterher, wir lagen schon im Bett und waren bereits weggedämmert, doch nun brüllte logischerweise Thomas herum und ich stimmte um einige Tonlagen höher mit ein - ich war vor Schreck halb erstarrt, all meine Albträume schienen nun wahr zu werden.
Die schattenhaften Gestalten - ich meinte unter anderem schemenhaft die Silhouette eines Kindes zu erkennen - wirkten allerdings ebenfalls massiv erschrocken und stolperten nun ihrerseits panisch wieder rückwärts durch die Tür heraus, durch die sie zuvor hereingeplatzt waren.
Die Familie hatte sich offensichtlich im Zimmer geirrt. Ein unglaublicher Zufall, dass unser Lapsus mit ihrem zusammentraf und in der Summe beide Parteien in helle Aufregung versetzt hatte. Insofern konnten wir das schnell wieder abschütteln.
Ich fühlte mich allerdings in dem bestätigt, was ich schon immer geahnt hatte: Im Ernstfall hört dich kein - pardon - Schwein. Oder will dich nicht hören. Trotz des ganzen Theaters tauchte in der gut gebuchten Anlage keine einzige Menschenseele auf, um zu überprüfen, ob wohl alles in Ordnung sei. Man ist wohl grundsätzlich auf sich gestellt.
Als wir früh am Morgen zum Sammelplatz der Jeeps vor der Lodge stapften, hatten wir die aufregende, aber letztlich harmlose nächtliche Begegnung schon längst verdaut.
Wir trafen unseren Guide für die nächsten Tage, der erneut einen sehr guten Eindruck machte.
Dann rollten wir noch im Dunkeln zum nur einen Kilometer entfernten Turia-Gate, dem für uns maßgeblichen Eingang zum Pench-Nationalpark - sehr praktisch! Manchmal, aber auch nur manchmal, sind sogar in Indien die Wege nicht weit.
Teil 905. Juli 2026
Pench Teil II: Wo Mowgli zu Hause ist
An den Picknickplätzen, den Rangerstationen und um den Nationalpark herum – in Pench ist das Dschungelbuch allgegenwärtig. Der Park soll Rudyard Kipling als Inspiration für seine weltberühmte Geschichte gedient haben – ein Anspruch, den allerdings auch Kanha erhebt. Als wahrscheinlich gilt, dass beide Nationalparks ihren Anteil daran haben.
Natürlich geben auch Pench bestimmte Merkmale ein besonderes Gesicht – wie zum Beispiel der namensgebende Fluss, der den Park von Norden nach Süden durchzieht.
Doch es ist nun nicht so, als würde man zum Beispiel vom roten Sand der Namib zur Flusslandschaft im Caprivi wechseln. Alles in allem sah die Gegend für mich grundsätzlich nicht viel anders aus als die, die wir am Vortag verlassen hatten. Nichtsdestotrotz ist sie wunderschön.
Auch in Pench allgegenwärtig: Sambar deer
Asiatische Wollhalsstörche
Eine Besonderheit in Pench ist die Tatsache, dass sich der Park im Grenzgebiet von Madhya Pradesh und Maharastra befindet und es Zugänge zu Gebieten in beiden Bundesstaaten gibt.
Fast alle Aktivitäten finden im größeren Teil in Madhya Pradesh statt, doch wir unternahmen auch eine Pirschfahrt in Maharastra und wunderten uns zunächst am Gate über den einheitlichen Camouflage-Dress der Ranger sowie andere (strengere) Regeln, was zum Beispiel auch eine Kameragebühr für Thomas' Tele beinhaltete. Erst dann dämmerte uns, dass wir eine Grenze passiert hatten.
Trotz der zahlreichen Tiger in Pench bestätigte sich bei unserem Besuch, dass es grundsätzlich eher schwierig sein soll, Shir Khan und Co. hier zu entdecken. Was vor allem daran liegt, dass sie sich mit Vorliebe in den dichten Busch zurückziehen, was die Sicht erschwert – wenn nicht gar unmöglich macht.
Für die meisten Besucher dreht sich dennoch auch hier fast alles um den Tiger. Dabei punktet der Park mit vielen anderen Tierarten.
Nightjar (Nachtschwalbe)
Makaken, nicht gerade zimperlich...
Racket-tailed Drongo
Eine besondere Sichtung war für uns ein Pärchen Vierhornantilopen, die einst stark bejagt wurden und von denen es weltweit leider nur noch weniger als 10.000 Exemplare gibt. Der Großteil lebt in Zentralindien.
Auch mit Leoparden hatten wir in diesem Park erstmals Glück. Das erste Exemplar entdeckten wir an einem Abend kurz vor Toreschluss zwischen den Felsen, das zweite tauchte etwas unerwartet und nicht von den üblichen Warnrufen begleitet links vom Weg zwischen den Bäumen auf.
Das elegante Tier verschwand leider ziemlich schnell, und wir waren enttäuscht. Doch dann tauchte es wieder auf, als es einen Felsen erklomm und sich genüsslich in der Morgensonne aalte. Das war schon viel besser!
Wir konnten den Leo zunächst sehr gut und in Ruhe beobachten, und da er keine Anstalten machte, seinen Platz an der Sonne so schnell wieder aufzugeben, fuhren wir schließlich erst einmal über einen kleinen Damm zum nahegelegenen Picknickplatz.
Als wir zurückkehrten, hatte sich an der schmalen Passage schon längst ein ziemlicher Stau gebildet, denn so ziemlich jeder kam um diese Uhrzeit früher oder später auf dem Weg zum Frühstück vorbei. Da sich die Katze allerdings in einiger Entfernung häuslich eingerichtet hatte, ließ sie die Aufregung um ihre Präsenz sichtlich kalt.
Zu sehen gab es auch ohne herausragende Tigersichtungen (die aber natürlich mit etwas Glück durchaus möglich sind) immer etwas auf unseren Safaris am Morgen und am Nachmittag.
Indischer Roadblock
Mottled-Wood-Owl-Pärchen
Besonders amüsiert haben wir uns über zwei Schakale, von denen einer beim Trinken am Fluss einen kleinen Ball aus dem Schlamm buddelte. Wir konnten uns nicht erklären, wie es zu dieser Kugel inmitten des Nationalparks kommen konnte, den Menschen lebten in diesem Teil des Parks nicht. Vielleicht hatte ihn das Wasser hinein gespült.
Die Tiere hatten aber riesige Freude an ihrem neuen Spielzeug und beschäftigten sich eine ganze Weile damit. Als sie schließlich das Interesse verloren, ließen sie den Ball liegen und trabten weiter. Letztlich sind es eben auch nur Hunde.
Nach drei Übernachtungen verabschiedeten wir uns von Pench, wo es uns wie schon in Kanha sehr gut gefallen hatte. Ich versuchte, all die neuen Eindrücke zu speichern, die so langsam überhandnahmen - schwer genug. Aber so muss es schließlich sein auf so einer Reise.
Schwarzstorch
Nun waren wir sehr gespannt auf Tadoba, das angebliche "Tigerparadies".
Teil 1017. Juli 2026
Tadoba Teil I: Große Versprechen
Vom Tadoba-Nationalpark (seit dem Zusammenschluss zweier Areale 1995 vollständig Tadoba Andhari Tiger Reserve) hatten wir ehrlicherweise zuvor noch nie gehört. Doch die Agentur riet uns sehr zu einem Besuch und das sogar doppelt, denn als wir die Frage erörterten, in welchem Park wir wohl die vier Safaritage ganz am Ende verbringen sollten, brachte sie einen zweiten Aufenthalt an anderer Stelle in Tadoba ins Spiel.
Wir fackelten nicht lange und verließen uns auf das Urteil der Experten, und so führte uns die Route erst in den Westen und dann in den äußersten Süden des Parks im Bundesstaat Maharashtra.
Oriental Honey Buzzard
Nach unserer letzten morgendlichen Pirschfahrt in Pench wechselten wir vom Gypsy zu unserem Fahrer in die komfortable Limousine, die Chips warteten wie immer schon auf mich. Am Nachmittag erreichten wir das Irai Safari Retreat, unsere unweit des gleichnamigen Sees gelegene Unterkunft.
Sie hatte anders als ihre beiden Vorgänger lediglich drei Landessterne, und ich fragte mich, was das im echten Leben wohl bedeuten möge. Doch wir waren positiv überrascht. Wieder ein riesiger Garten, wieder viel Natur und eine ruhige Atmosphäre.
Indian Paradise Flycatcher in weißer Lackierung
Coppersmith Barbet
Im großen, sauberen Zimmer fühlten wir uns auf Anhieb wohl. Seine schweren indischen Holzmöbel gaben dem Ganzen einen wunderbar orientalischen Touch, und die Klimaanlage brauchten wir hier tatsächlich auch. Es war deutlich heißer als zuvor. Als uns dann auch noch unaufgefordert mein heißgelieber Masala Chai aufs Zimmer gebracht wurde, war meine Welt sowieso in Ordnung.
Bunter Wachdienst draußen vor unserer Zimmertür
Das Beste aber war die Lage des Hotels, denn es ist nur Minuten vom Moharli Gate entfernt. Dieses Tor - die Kernzone hat sechs Gates - ist der älteste und etablierteste, aber auch der am stärksten frequentierte Eingang. Und das aus gutem Grund.
Vielversprechende Worte am Moharli Gate
Tadoba im Generellen, wo die Chancen auf eine Tigersichtung zu den höchsten in ganz Indien zählen, und Moharli im Speziellen gelten als Top-Destination für eine erfolgreiche Suche nach dem König des Dschungels. So wurde zum Beispiel der zweite Teil der Dokuserie Wildes Indien von National Geographic in Tadoba gedreht.
Ein Geheimtipp - was es eine ganze Weile lang war - ist das Schutzgebiet also nicht mehr, zumindest nicht die Zonen im Norden und Westen. Es heißt, die Permits für die Moharli- Zone sind die begehrtesten und müssen Monate im Voraus organisiert werden. Die größten Tiger-Legenden Indiens hatten / haben hier ihr Revier.
Wir waren nicht nur, aber viel in dieser Zone unterwegs, und anders als in anderen Parks sind in Tadoba auch in der Pufferzone, die größer ist als die Kernzone, die Chancen auf Tigersichtungen hoch. Während woanders der Mensch die Wildtiere verdrängt, ist es hier umgekehrt. Das Reserve wächst weiter, weil es die Tiger-Population durch effektive Schutzmaßnahmen ebenfalls tut.
Für die Einheimischen, deren Dörfer teilweise in den Pufferzonen liegen, bringt das sicher einige Besonderheiten mit sich. Ich erinnere mich, dass wir einmal fast mit den Hinterreifen in einem Rübenacker standen, als wir einen Tiger am Waldrand beobachteten, während die Besitzer des Stück Landes mit ihren Spitzhacken schleunigst das Weite suchten und die Szenerie aus sicherer Entfernung vom Dorf aus betrachteten.
Weil sie mittlerweile eine angemessene Wiedergutmachung erhalten, wenn nachweislich ein Tiger eins ihrer Tiere reißt, und zudem viele Dorfbewohner als Guides ihren Lebensunterhalt mit Safaris verdienen, schien uns das Konfliktpotenzial überschaubar zu sein. Ein Eindruck, der sich in den Gesprächen zumindest mit unseren Fahrern und Guides bestätigte.
Crested Serpent Eagle
Wir verbrachten einen ruhigen ersten Nachmittag im Resort, beim Abendessen waren außer uns lediglich drei weitere Gäste aus England, die am nächsten Tag abreisten und von ihren Tagen in Tadoba nur Gutes zu berichten hatten.
Der freundliche und überaus dienstfertige Restaurantmanager begann, einen Teller mit Köstlichkeiten nach dem anderen auf unseren Tisch zu stellen. Auch viel Vegetarisches war dabei und alles war sehr lecker, aber auch wieder einmal viel zu viel.
Er war noch nicht fertig mit Servieren, da kapitulierte ich schon. Was nicht nur mich betrübte, sondern auch ihn. Traurig ließ er seinen sonst so fröhlich dauerwackelnden Kopf hängen. Am nächsten Tag - wir ahnten es noch nicht - würden sich die Dinge im Hotel ändern. Vor allem aber freuten wir uns auf unsere erste Tour in den Park, dem sein guter Ruf vorauseilte. Ob er ihm wohl gerecht würde?
Teil 1119. Juli 2026
Tadoba Teil II: Zwischen Bengal-Tigern und Bollywood
Dieselbe Prozedur, anderes Setting: Am Morgen kletterten wir in den Gypsy unseres neuen Fahrers/Guides für die nächsten dreieinhalb Tagen. Ein kleiner, ernster Mittdreißiger in kubanischer Rebellenkluft, dessen erste Distanziertheit sich in guten Gesprächen und gemeinsamen Erlebnissen schnell gab.
Binnen weniger Minuten waren wir am Moharli Gate, sehr praktisch. Wie immer stieg ein Guide vom Forest Department zu, und wie zuvor machten sie auch in diesem Teil von Tadoba einen engagierten Eindruck und guten Job.
Changeable Hawk-Eagle
Jungle Owlet
Ich war überrascht über die kleine, aber perfekte Teerstraße, die als Hauptachse durch diese Kernzone führt. Sie hatte allerdings den Vorteil, dass wir nicht bei der Einfahrt in den Park von vorausfahrenden Jeeps eingestaubt wurden. Und tatsächlich hatten wir hier im Laufe der Tage auch einige schöne Sichtungen.
Darunter an einem späten Nachmittag auf dem Rückweg zum Gate einen Leoparden, der sich den Komfort der Straße zunutze machte. Wir waren das erste Auto, das den Leo entdeckte und unser Fahrer, der uns zu dem Zeitpunkt ohnehin längst überzeugt hatte, hielt nicht nur gebührenden Abstand, sondern auch die nachrückenden Fahrzeuge zum Schutz des Tieres auf Distanz, indem er die Straße geschickt mit unserem Auto blockierte.
Rechts und links war eigentlich ausreichend Platz für ein Überholmanöver, aber die Strafen fürs Offroad-Fahren sind drastisch (Lizenzentzug, Sperre) und so wagte niemand diesen Schritt. Die Empörung hinter uns war hör- und spürbar, doch er wartete unbeirrt ab, bis das Tier nach und nach die Straße räumte. Das beeindruckte uns.
Crested Serpent Eagle
Abseits dieser Straße sind die Wege wie in den anderen Parks auch staubige Pisten. Doch das Landschaftsbild ist anders als in Kanha und Pench. Weniger Dschungel, dafür üppige Teakholz- und Bambuswälder (Primärwald in den Kernzonen) sowie viele Seen und Wasserstellen, ein Eldorado für Vögel, Sumpfkrokodile und - Tiger.
Indian Thick-knee
Als wir im Laufe unserer ersten Pirschfahrt zu einem Wasserloch abbogen und dort ohne ersichtlichen Grund stoppten, wunderte ich mich noch. Was wollten wir hier, es gab nichts zu sehen, anders als sicherlich an anderen Stellen des Parks, den wir ja gerade erst zu erkunden begonnen hatten.
Ich sprach meine Gedanken nicht aus, doch der Guide hatte die schöne Angewohnheit, uns an seinen Ideen und Plänen teilhaben zu lassen. Ein mächtiger Tigermann habe hier sein Revier, erklärte er nun, und dies sei seine bevorzugte Wasserstelle. Wir würden also abwarten.
Ich gestehe, ich war im Grundsatz skeptisch und fragte mich, ob wir nicht einfach nur wertvolle Zeit vertändeltem, wurde aber durch einen zweiten Jeep abgelenkt, der nun neben uns hielt. Allerdings in der prallen Sonne, und das war ein fataler Fehler. Es war deutlich heißer als zuvor in Kanha und Pench - sei es, weil es im Laufe der Wochen ohnehin immer wärmer wird oder auch geografisch bedingt.
Die japanische Dame an Bord des zweiten Autos bekam jedenfalls nach wenigen Minuten trotz Kopfbedeckung sichtbar Probleme und sackte in sich zusammen. Ihr Guide parkte in den Schatten um und ihr Mann flößte ihr Wasser ein, das dann aber sehr schnell aufgebraucht war, ich fragte mich, wie das zu einem so frühen Zeitpunkt am Tag schon passieren konnte. Wir reichten eine noch kühle Flasche rüber, die sich zur Hälfte über den Kopf schüttete und zur Hälfte trank, das half ein wenig.
Gerade rechtzeitig, denn nun brach ein Tiger aus dem Dickicht hervor, ein wuchtiges Männchen ...
... und stapfte hinunter ans Wasser. Ich war völlig perplex, dass der Plan tatsächlich aufging und schalt mich auch ein bisschen dafür, dass ich nicht mehr Vertrauen in die Experten gehabt hatte.
Doch der Tiger hatte noch mehr Überraschungen für mich in petto. Denn statt - wie von mir erwartet - zu trinken, ließ er seinen wuchtigen Körper etwas unelegant ins Wasser plumpsen und badete nun genüsslich darin.
Wow, ich kriegte mich kaum mehr ein, das hatten wir noch nie gesehen - und ich hatte auch nicht damit gerechnet, dieses Schauspiel zu erleben, von dem ich dachte, es sei eher selten. Tatsächlich aber ist es vor allem temperaturabhängig.
Anders als die meisten anderen Katzen lieben Tiger Wasser, nutzen es an heißen Tagen zur Abkühlung und sind exzellente Schwimmer. Die reinsten Wasserratten also.
Unser Fahrer parkte flugs noch einmal aus dem Schatten in die Sonne um, um uns den bestmöglichen Blick zu verschaffen und außerdem zu verhindern, dass uns vielleicht jemand die Aussicht versperrte. Die Gefahr bestand allerdings zumindest noch nicht, denn unsere japanischen Nachbarn und wir waren zu diesem Zeitpunkt die einzigen Beobachter dieser schönen Szene.
Mit jeder Faser genoss ich die entspannte Zeit mit dem imposanten Kater, der sein Wellnessprogramm am anderen Ende des Teiches in aller Seelenruhe durchzog.
Nach fast einer Stunde wuchtete er sich schließlich aus der Schlammpackung ...
... und steuerte genau auf uns zu. Das wurde ja immer besser!
Ich tippte unserem Fahrer begeistert auf die Schulter, der mir ein strahlendes Lächeln schenkte. Er hatte gleich in mehrfacher Hinsicht den richtigen Riecher gehabt.
Schritt für Schritt bahnte sich der Tiger seinen Weg, verursachte dabei aber gehörigen Aufruhr. Kleine Fische sprangen in alle Richtungen hektisch davon, als er sich gemächlich durchs Wasser fräste.
Tropfnass erklomm er schließlich das Ufer, taperte direkt an unserem Auto vorbei und verschwand in unserem Rücken. Ich erinnerte mich daran, mal wieder zu atmen.
Als ich mich umdrehte, traute ich meinen Augen kaum. An der schmalen Zufahrt und auf dem Weg dahinter knubbelten sich die Jeeps, die von der Sichtung gehört, aber keine Chance auf einen Platz gehabt hatten. Der Tiger marschierte unbeeindruckt zwischen der Karavane hindurch und verschwand dann zügig im Wald. Was für ein Auftakt in Tadoba!
Mittags mussten wir den Park wie immer verlassen und fuhren zurück zum Hotel. Beim Lunch waren wir allein, und nachdem ich mich etwas aufs Ohr gehauen hatte, ging ich wie immer auf die Pirsch.
Tawny-bellied Babbler
Im riesigen Garten des Irai Safari Retreat, in dem es auch einen Swimmingpool gibt, sorgten die vielen unterschiedlichen Vögel für ein fantastisches Konzert.
Asian Koel (ein großer Kuckuck), male...
...und female
Indische Gartenagamen sind für ihren schnellen Farbwechsel bekannt. Dieses Exemplar war zunächst rötlich gefärbt wie der Weg, auf dem sie saß. Kaum war sie vor mir ins Gebüsch geflohen, konnte ich zusehen, wie sie im Zeitraffer erbleichte.
Es gab viel zu entdecken. Darunter auch am Ende der Anlage eine große Ansammlung vollkommen zerstörter, aber einstmals sicher sehr schöner auf Podesten gebauter Hauszelte. Ich wunderte mich, dass die Trümmer noch herumstanden und fragte beim Besitzer an der Rezeption nach, was da passiert sei.
Er berichtete, dass Termiten den Konstruktionen während der Corona-Zeit dermaßen ungehindert zugesetzt hatten, dass sie schließlich zusammengebrochen waren. Die Zelte würden aber beizeiten wieder neu aufgebaut. Ich fragte mich, warum man das nicht hatte verhindern können oder wollen und warum die Spuren der Verwüstung nicht beseitigt worden waren. Doch gerade in Indien erschien mir jedes weitere Insistieren unangemessen und ich beließ es dabei.
Der Nachmittagsdrive führte uns unter anderem an den Telia Lake, der bekannt ist für seine Tigersichtungen und ein Highlight der Moharli-Zone. Weit entfernt am gegenüberliegenden Ufer konnten wir tatsächlich eine Tigerin beobachten, sie habe dort einige Jungtiere versteckt, erzählte der Ranger.
Die bekamen wir zwar nicht zu Gesicht, die Tigerin aber noch einige Male, denn wer sich in der Moharli-Zone bewegt, kommt vom und auf dem Weg zum Gate immer an dem schönen und oft mystisch verhangenen See vorbei.
Yellow-footed Green Pigeon
Oriental Honey-Buzzard
Später saßen wir allein beim (frühen) Abendessen, das diesmal als Buffet daherkam. Wir wunderten uns etwas darüber, so viel Essen nur für uns zwei, aber praktischer war es gerade für mich auch in puncto Portionierung allemal.
Plötzlich kam ein eleganter und mit einer traditionellen Kurta gekleideter Inder herein, erblickte uns, stürmte auf uns zu, stellte sich kurz vor und begann dann ohne Punkt und Komma in makellosem Englisch auf uns einzureden. Dem Wortschwall entnahmen wir, dass er eine der kostspieligen Ganztagessafaris gemacht und dabei fantastische Sichtungen gehabt hatte.
Er war so glücklich darüber, dass wir nicht anders konnten, als uns mit ihm zu freuen. Amüsiert schauten wir uns an, und er bekam das wohl mit, denn ebenso wortreich wie zuvor lud er uns zu einer kleinen Party auf der Dachterrasse direkt über dem Restaurantbereich ein, deren Gastgeber er war und die gleich beginnen würde. Wir sagten, dass wir wahrscheinlich nach dem Essen dazustoßen würden, und er verschwand munter winkend so schnell, wie er gekommen war.
Der fröhlich-freundliche Restaurant-Manager hatte die Szene beobachtet und sein Kopf wackelte nun vor lauter Begeisterung so heftig, dass ich befürchtete, er könne vielleicht hinunterpurzeln. Ebenso strahlend wie stolz berichtete er uns, der Mann sei eine Bollywood-Berühmtheit und seit vielen Jahren mit Freunden, Familie und Entourage ein gern gesehener Gast im Hotel.
Als wir die Treppe zur Dachterrasse hinaufstiegen, nahm uns unser neuer und fraglos lebenslustiger Freund begeistert in Empfang, scheuchte uns auf zwei freie Stühle und mixte zwei ziemlich steife Drinks. Etwa 30 Menschen saßen lose verteilt, allesamt fröhlich, allesamt nett, allesamt wort- und weltgewandt.
Ich landete mit meinem freien Stuhl bei den jüngeren Semestern, zwei der drei jungen Frauen studierten in Europa und die dritte hatte sich gerade als Modedesignerin selbstständig gemacht. Sie trug auch in den kommenden Tagen auf Safari stets augenfällige, aber auch sehr stilvolle Kleidung (besonders Hüte).
Sie erzählten, dass sich ihre Großfamilien und deren Freunde seit Jahrzehnten einmal im Jahr in der Gegend treffen, um hier einige gemeinsame Tage in der Natur zu verbringen.
Silberklaffschnäbel
Indischer Nationalvogel: der Blaue Pfau
Diesmal allerdings waren wir Zeugen einer Zeitenwende, denn zum ersten Mal überhaupt durften auch Frauen dabei sein. Eine Premiere, die zur Dauereinrichtung werden sollte.
Die Zahl der Reisegruppe war dadurch auf gut 30 Personen gestiegen. Sie hatten also - bis auf unser Zimmer, wir waren einfach früher dran gewesen - das komplette Hotel mit all seinen unterschiedlichen Unterbringungs-Kategorien sowie weitere Räume und Chalets in umliegenden Resorts gebucht und waren eine ebenso gut gelaunte wie angenehme Gesellschaft.
Um Neun ging die Partygemeinde geschlossen zum Essen und wir gingen ins Bett. Kurz vor dem Einschlafen rekapitulierte ich noch einmal diesen erneut so wundersamen Tag. Die besondere Tiger-Begegnung, die "Bollywood-Party" - Incredible India hatte seinem Namen wieder einmal alle Ehre gemacht.
Teil 1228. Juli 2026
Tadoba Teil III: Tiger, Tiger, Tiger
Wir erlebten tolle Tage in Tadoba. Und eine ganze Reihe von Tigersichtungen - von der reinen Anzahl her die meisten im Vergleich zu den anderen Parks.
Die (sehr trockene) Sommerhitze mit Temperaturen teilweise über 40 Grad lockte die Katzen zum Wasser, und so hatten wir mehrfach das Glück, sie in einem der vielen Seen zu beobachten.
Schade war, dass wir die Wildhunde (Red Dogs), die während unserer Zeit in Tadoba mehrfach von anderen Gästen gesehen wurden, einmal nur hauchdünn verpassten. Eine Lippenbär-Mama brachte ihren Nachwuchs so schnell in Sicherheit, als wir uns gegenseitig entdeckten, dass kein brauchbares Foto dabei heraussprang.
Aber die Bandbreite und die Sichtungsmöglichkeiten sind schon beachtlich, gerade durch das viele Wasser.
Collared Scops Owl
Silberklaffschnabel
Am Telia Lake, bekannt als das Revier berühmter Tigerinnen, begegneten wir verlässlich einer Tigerin, die zumindest tagsüber deutlich mehr Zeit im Wasser zu verbringen schien als auf dem Trocknen.
An einem späten Vormittag legten wir auf dem Weg zum Moharli Gate einen weiteren kurzen Stopp bei ihr ein. Immerhin hatte sie sich vom weiter entfernten Ufer auf unsere Seite des Sees geschlagen, wer kann da schon Nein sagen...
Wir wollten schon weiter, da betrat plötzlich ein mächtiger Tigermann die Bühne, sicher der Vater ihrer Kids, die sie am anderen Ufer irgendwo erfolgreich versteckt hielt.
Er begrüßte seine Gattin mit Küsschen, und die Größenunterschiede zwischen Männchen und Weibchen stachen mir dabei das erste Mal so richtig ins Auge.
Ein kurzes Beschnuppern, dann war die schöne Situation auch schon wieder vorbei.
Der Tiger strich gemächlich am Ufer entlang an uns vorbei und verschwand im dichten Unterholz.
Vielleicht bandelten die beiden schon wieder miteinander an, denn wir sahen sie nicht zum letzten Mal in unseren Tagen in Tadoba.
Beim Mittagessen trafen wir die große indische Familiengruppe, ihre Jeeps waren ebenfalls dabei gewesen. Sie waren riesige Safari-Fans und machten uns den Gir-Nationalpark im westindischen Bundesstaat Gujarat schmackhaft, in dessen direkter Nachbarschaft sie lebten. Sie zeigten uns Handy-Videos von Löwen, die am Zaun entlang marschierten, der ihren Garten von dem Reserve trennt, in dem die einzige wildlebende Population von Asiatischen Löwen lebt. Wir waren schwer beeindruckt.
An einem anderen Tag erfüllte sich ein großer Wunsch von mir, und wir konnten eine Tigerin aus nächster Nähe und in aller Ruhe beobachten.
Lange blieben wir alleine mit dem relaxten Tier, das seinen Bauch im feuchten Sand eines kleinen Rinnsals kühlte.
Als schließlich etwas Bewegung in die Sache kam, dachten wir, die Siesta sei vorbei.
Doch die Katze drehte sich einfach nur um. Und wir fuhren weiter.
Nicht sehr weit davon entfernt fanden wir die Abdrücke riesiger Tatzen im Sand.
Als wir den Verursacher schließlich gefunden hatten, warteten wir geduldig, dass er sein Nickerchen beenden und sich uns eventuell in ganzer Pracht präsentieren würde. Doch diesmal ging der Plan nicht auf. Als er sich schließlich erhob, verschwand er in die andere Richtung im dichten Wald.
Der hat ja glücklicherweise noch viele andere Bewohner...
Am selben Abend trafen wir an einem anderen See das Tigerpaar vom Telia Lake wieder. Während er gut sichtbar umherstreifte, ...
... hatte sie sich ins hohe Gras am Ufer gelegt und war komplett darin verschwunden. Unserer Meinung nach fuhren in dieser Sumpflandschaft ohne überall klar erkennbare Wege viele Jeeps viel zu dicht an die Stelle heran, wo die Tigerin liegen sollte. Wir beschlossen, früh am nächsten Morgen wiederzukommen, wenn es vielleicht etwas ruhiger wäre. Doch das erste Mal auf dieser Reise hatte ich wirklich das Gefühl, dass ein Tier allzu sehr bedrängt wurde - und freute mich über die strengen Regeln auf den Wegen und auch die vielen Bäume, die das meistens zwangsläufig verhinderten.
Teil 1330. Juli 2026
Tadoba Teil IV: Von Tadoba nach - Tadoba
Unsere letzte morgendliche Tour im ersten Teil von Tadoba führte uns fast noch im Dunkeln direkt zu den beiden Tigern, die wir am Vorabend bei Dämmerung fast an derselben Stelle verlassen hatten. Wie sahen ihre beiden Köpfe, aber sie waren ziemlich verdeckt durch das hohe Gras.
Wir waren nicht die einzigen, die auf die Idee gekommen waren, zuerst nach ihnen zu schauen, es war wohl ziemlich klar gewesen, dass sie ihren Standort in der Nacht kaum verändern würden.
Fahrer und Guide bewiesen nun ihr ganzes Können und fuhren weit voraus, als sich das Männchen erhob und losmarschierte, während die Tigerin im undurchdringlichen Gras zur Gänze verschwand. Wir hielten an einer Stelle, wo unser Weg einen schmalen Pfad kreuzte, schalteten den Motor aus und warteten. Ich fand insgeheim, dass wir ganz schön pokerten. Doch schon bog der Tiger um die Ecke. So ein schönes Tier!
Ich sah aus der Ferne, wie die anderen Autos in Windeseile aufbrachen, die meisten hatten noch bei der mittlerweile unsichtbaren Katze ausgeharrt. Zu spät. Als sie zu uns stießen, war der Tiger längst im Wald verschwunden.
Die indischen Gäste unseres Hotels zeigten unserem Fahrer anerkennend den hochgereckten Daumen. Das hatte er wirklich toll vorausgeahnt.
Der Morgen war damit schon gelungen, bevor er überhaupt richtig angefangen hatte. Das war deshalb besonders schön, weil diese Safari kürzer ausfiel als gewöhnlich. Schließlich ging es im Anschluss noch fast direkt weiter zur nächsten Station unserer Reise.
Short-toed Snake Eagle (Schlangenadler)
Zum Abschluss dieser letzten Fahrt fuhren wir durch eine Gegend, in der wir vorher noch nie gewesen waren, und landeten bei in einem kleinen Areal, das offenbar zum Picknicken gedacht war. Ich war sofort im Bann einer ganzen Horde von Affen, die sich hier herumtrieb und offenbar auch die Regeln bestimmte.
Denn wir wurden nun in eine winzige Hütte geführt, in der es zwar einen Tisch und Stühle gab, in der es aber leider alles andere als gut roch. Ich wollte dringend weg von diesem Kanalisationsduft, draußen zu essen war aber verboten; sicher wegen der Languren, das sah ich schon ein. Mein Geruchsorgan und mein Magen protestierten aber so heftig, dass ich diesmal aufs Frühstück verzichtete, so wie ich es ohnehin von zu Hause gewohnt bin.
Thomas bewies etwas rustikalere Ansätze und während er drinnen aß, vertrieb ich mir begeistert die Zeit bei den Affen, die ein ziemliches Theater veranstalteten.
Allen voran ein kleiner Schmutzfink, der ein bisschen mit Mama schmuste, ...
... aber eigentlich gar kein Sitzfleisch hatte. Vielleicht wollte er auch ein bisschen angeben, als er mich und später auch Thomas als Zuschauer entdeckte, der Eindruck drängte sich jedenfalls auf. Wie ein Flummi sprang er herum, jagte seinen eigenen Schwanz und zeigte auch keinerlei Respekt vor Älteren und Stärkeren.
Die griffen teilweise zu drastischen Maßnahmen, um den frechen Kerl buchstäblich einzufangen, der immer mehr aufdrehte, bevor er schließlich zur Räson gebracht wurde.
Als sich das Affentheater beruhigt hatte, rollten wir zurück zum Hotel, wo wir deutlich früher als sonst ankamen.
Das hatte den Vorteil, dass die Vogelwelt nun anders als zur Mittagszeit noch ziemlich in Bewegung war. Wir gingen also auf die Pirsch und mussten nicht lange suchen, denn die Vögel kamen zum Wasser, und das gab es im Garten an mehreren Stellen direkt vor unserer Nase.
Indian white-eye
Scaly-breasted munia
Der Besitzer stieß zu uns. Er zählte die unterschiedlichen Spezies auf, die er schon in seinem Garten gesehen und fotografiert hatte, das war eine ziemlich imposante Liste, hier hätten wir gut und gerne auch einen Morgen ganz ohne Gamedrive verbringen können. Am besten unter seiner Mithilfe, denn er kannte die Gewohnheiten und Terrains der unterschiedlichen gefiederten Besucher genau.
Schließlich führte er uns auf die Dachterrasse, die wir schon von der "Bollywood-Party" kannten, und zeigte uns das Nest eines Coppersmith Barbet (Rotscheitel-Bartvogel) in einem Baumstamm, das man von dort aus gut und fast auf Augenhöhe sehen konnte.
Dieser Vogel ist in aller Regel schwer zu erwischen, und ich war happy.
Tagelang hatte er mich mittags in seinem Garten auf Vogelpirsch gehen sehen, und nach jeder Ausfahrt hatten wir gemeinsam mit ihm die Spatzen beobachtet, die in einem Regal in der offenen Rezeption nisteten. Warum hatte er uns nicht schon vorher in die Geheimnisse seines Gartens eingeweiht? Ihr habt ja nicht gefragt, meinte er achselzuckend. Manchmal machen mich die Inder fertig.
Noch während wir auf der Dachterrasse standen, erhielten wir einen Anruf auf Thomas' Handy. Oje, es war doch wohl nichts passiert?! Doch es gab Erfreuliches, unsere Agentur schenkte uns einen Drive für diesen Nachmittag, an dem eigentlich keiner vorgesehen war. Wir mussten nur rechtzeitig im Süden von Tadoba sein. Ok, dann aber los. Wir holten flugs unsere Siebensachen, unser Fahrer wartete schon, und düsten los. Wir waren eine ganze Weile unterwegs, kamen aber mit der Zeit locker hin.
Das Irai Safari Retreat gefiel uns auf den ersten Blick und vielleicht am besten von allen bisherigen Unterkünften, sehr moderne Bungalows mit einem Außenbad, dessen Dach aus Drahtgeflecht schwer malträtiert war von den Languren, die damit von Beutezügen abgehalten werden sollten. Die Reparaturen hörten wahrscheinlich nie auf, denn die Affen oben in den Bäumen waren zahlreich und hier auch zu Hause. Die Hotelanlage liegt inmitten eines 15 Hektar großen naturbelassenen Waldstücks.
Den großen Pool nutzte nur Thomas einmal, ich stromerte lieber am Fluss herum, der mitten durch die Anlage fließt und auch hier viele Tiere anlockt - vor allem natürlich wieder Vögel. Nur das - wie immer indische - Buffet hatte nicht ganz die Klasse wie in den Hotels zuvor. Aber schlecht war es auch nicht, und fürs Essen waren wir ja auch nicht gekommen.
Indian golden Oriole
Direkt nach unserer Ankunft stellte sich uns eine junge Inderin in Ranger-Kleidung vor, auf die sie in den nächsten Tagen verzichtete, nachdem sie bemerkte, dass wir selbst ziemlich leger in Shorts, T-Shirt und manchmal sogar Flip Flops auf den Wagen kletterten. Pallavi stellte sich uns als eine der Naturalistinnen der Lodge vor, diesmal allerdings eine, die uns auf jeder Fahrt in den Park begleiten würde.
Das waren neue Spielregeln, bislang waren wir immer zu Viert auf dem Wagen gewesen, nun verlor ich den Komfort meiner eigenen Sitzreihe, weil sie hinten links auf dem dafür auch vorgesehenen Guide-Sitz Platz nahm, während sich Fahrer und der Ranger vom Forest Department vorne tummelten.
Anfänglich war ich wenig begeistert. Wozu nun das auch noch? Doch es zeigte sich schnell, dass die Uhren hier noch anders tickten als in den anderen Parks oder Teilen von Tadoba. Der Tourismus steckte noch relativ in den Kinderschuhen und das Irai Safari Retreat, in dem wir abermals vier Nächte verbrachten, war (und ist vielleicht immer noch) das einzige Camp am Südende des Tadoba Andhari Tiger Reserve.
Wir brauchten Pallavi allein schon, um uns überhaupt mit Fahrer und Guide zu verständigen, die anders als zuvor beide praktisch auf jedem Drive wechselten. Bisher waren wir mit Englisch wunderbar durchgekommen, damit war nun Schluss. Sie hatte sich außerdem in dieser Männerdomäne durchgesetzt und diktierte klar das Geschehen. Das war gut, denn sie verstand nicht nur sprachlich die Wünsche ihrer Gäste. Wie wir war sie interessiert an allen Waldbewohnern und begeistert davon, dass wir auch nach Vögeln Ausschau halten wollten.
Spotted Owlet (Brahmakauz)
Red-naped Ibis (sieht aus, als hätte ihm jemand aus Knetmasse rote Haare eingepflanzt)
Als Wildlife-Fotografin kannte sie sich nicht nur bestens im Revier aus, sondern fand auch die bestmöglichen Positionen und Winkel. Nicht selten tauschten wir dabei spontan die Plätze und kamen ziemlich gut zurecht auf unserer gemeinsamen Rückbank.
Zu Recht war sie stolz auf ihr Diplom, das sie uns auf einem Handyfoto zeigte. Ihre Mutter neben ihr lächelte darauf ebenso stolz wie die Tochter, die ihren Traum lebte. Eine Frau in diesem Beruf, so berichtete uns die selbstbewusste und sympathische Pallavi, sei in der Generation ihrer Mutter noch nicht denkbar gewesen. Zum Glück ändern sich die Zeiten oft eben auch zum Besseren.
Das Zari Gate war nur eine kurze Fahrt entfernt und schon betraten wir das nächste Naturparadies - das in diesem ruhigeren Part des Parks keine Grenzen kennt. Es ist nicht ungewöhnlich, auf der Asphaltstraße in der Pufferzone, die zum Gate führt, Tigern, Leoparden oder Bären zu begegnen. Die Menschen leben hier mit und von der Natur, die sie umgibt.
Auf dieser ersten Bonusfahrt fanden wir allerdings nichts von alledem, auch das kann in diesem Bereich des Parks gut passieren. Der Vorteil ist allerdings auch: Wenn man etwas findet, teilt man es nicht mit so vielen Menschen wie unter Umständen woanders.
Wir waren ziemlich zufrieden mit dieser ersten Safari, und das längst nicht nur, weil sie ein Geschenk gewesen war.
Flughunde im Tiefschlaf ...
... und ein Nightjar, auch nicht ganz wach.
Die gute Stimmung mit Pallavi, bei der wir uns wunderbar aufgehoben fühlten, die vielen hübschen Vögel, das war ganz nach unserem Geschmack.
Pipit
Painted Sandgrouese (male)
Eastern Black Redstart
Painted Sandgrouese (female)
Green Imperial Pigeon
Und eine besondere Sichtung gab es dann auch noch, die noch nicht einmal unserer Naturalistin bislang untergekommen war. Zwei Indian Roller waren so in ihr Liebesspiel vertieft, dass sie keinerlei Notiz von uns nahmen.
Der Galan hatte seiner Auserwählten sehr vorbildlich vorab ein angemessenes Hochzeitsgeschenk überreicht. Die kleine Echse wurde nun minutenlang ziemlich durchgeschüttelt, wenn sie nicht ohnehin längst das Zeitliche gesegnet hatte. Was ich sehr für sie hoffte.
Das große Fressen bekamen wir dann nicht mehr mit. Flugs flogen die beiden Turteltauben, die eigentlich keine waren, nach vollzogenem Akt davon, der erstaunlich lange gedauert hatte.
Während sich die beiden Jungs vorne im Auto offenkundig gewundert hatten, was wir hier denn bloß so lange machten, redete der hintere Teil des Jeeps noch während der gesamten Rückfahrt davon, was er da Erstaunliches zu sehen bekommen hatte.
Teil 1405. Aug. 2026
Tadoba Teil V: Die Tiger-Familie
Wir mochten den Südteil des Tadoba, der uns im Vorfeld als atmosphärischer und mit mehr "Wildnisgefühl" als andernorts geschildert worden war. Die Permits sind rarer, die Besucher weniger; allerdings sind auch Tigersichtungen weniger "garantiert".
Palavi schilderte uns den Druck, unter dem die Guides (bzw. die Naturalisten) zuweilen stehen. Es war durchaus schon vorgekommen, dass das nicht gerade kleine Red Earth Tadoba ausgebucht gewesen war, aber keiner der Gäste 14 Tage lang auch nur den Fitzel eines Tigers zu sehen bekommen hatte.
Natürlich möchte jeder etwas sehen für sein Geld, aber die Inder scheinen mir in dieser Hinsicht besonders ungnädig zu sein und setzen den Guides offenbar ziemlich zu, wenn es nicht nach ihren Wünschen läuft. Wir versicherten Palavi, dass in dieser Hinsicht von uns nichts zu befürchten sei; auch wenn wir natürlich nicht zuletzt von Safaris in Afrika die Enttäuschung nur allzu gut kennen. Wenn erhoffte Sichtungen dauerhaft ausbleiben oder - fast noch schlimmer - man einen klitzekleinen Moment zu spät kommt und die Objekte der Begierde gerade erst verschwunden sind. Aber dafür kann ja in aller Regel niemand was - und irgendwas Spannendes hat die Natur sowieso immer in petto.
Wir schauten also einfach, was uns wohl auf dieser letzten Station noch so begegnen würde, ohnehin waren wir längst bei den gefühlten Zugaben angekommen.
Was nicht heißt, dass wir "satt" waren. Die Möglichkeit, etwas Besonderem zu begegnen und der Adrenalinschub, wenn dieser Fall dann tatsächlich eintritt, sind wohl neben dem ohnehin schönen Naturerlebnis der Suchtfaktor Nummer eins.
Es war noch ziemlich dunkel im Bambuswald, als wir an unserem zweiten vollen Tag durchs Zari Gate rollten - und nicht besonders weit kamen. Eine Tigerin lief über eine kleine Lichtung. Wir stoppten und machten Fotos, doch Palavi schaute sich aufmerksam um.
Diese Tigerin habe Nachwuchs, und da er noch an ihrem Rockzipfel hing, könne er eigentlich nicht weit sein, erzählte sie. Wir waren sofort hellwach - das Adrenalin, es lauerte schon.
Sie gab Anweisungen nach vorne, wir fuhren eine Schleife und hielten schließlich an einer Weggabelung an. Erst passierte nichts - und dann ganz viel. In aller Seelenruhe schlappte die Katze auf uns zu - ein toller Moment.
Palavi hatte alle Hände voll zu tun, sie gab weiter Anweisungen an Fahrer und Guide, wir rollten rückwärts, um Platz zu machen und stellten uns zudem so, dass niemand an uns vorbeifahren konnte. Nicht, um anderen den Spaß zu verderben, sondern um die mittlerweile von hinten heranbrausenden Autos davon abzuhalten, allzu nah heranzufahren und die Tiger zu stören sowie zu vertreiben. Die Sichtung hatte sich herumgesprochen unter den Guides, auch Palavi hatte ihre Kollegen informiert - Funk ist zwar verboten, aber die Kommunikation läuft über SMS.
Von hinten gab es Gemurre, man wollte näher ran, und zwar sofort. Aber Palavis Plan ging auf, nun tauchten tatsächlich die drei Kleinen aus dem Gebüsch auf. So junge Tiger - etwa drei Monate alt - hatten wir noch nie zu Gesicht bekommen.
Die Mutter versammelte das Trio kurz, das sich nun ins Dickicht direkt neben dem Weg zurückzog. Die beiden Jungs waren schon viel unabhängiger und auch kräftiger als das kleine und etwas schmächtige Tigermädchen, das immer dicht bei Mama blieb.
Auch die beiden Jungs zeigten vollkommen unterschiedliche Charaktere. Der Introvertiertere hielt sich sehr im Hintergrund, der Extrovertierte machte auf Chef, war extrem neugierig und setzte sich so in Position, dass er das allgemeine Geschehen auf jeden Fall im Blick behielt.
Es schien keine Frage, wer wohl irgendwann das Regiment in diesem Teil des Waldes übernehmen würde.
Als sich die Familie häuslich eingerichtet hatte, lotsten Palavi und die anderen Naturalisten alle Jeeps per Handzeichen zu geeigneten Plätzen. Davon gab es einige, denn der Weg war glücklicherweise genau an dieser Stelle breit genug. Millimeterarbeit blieb es trotzdem, wir hätten unseren Nachbarn leicht die Hände reichen können.
Es war großartig, die kleine Familie zu beobachten, irgendwas passierte immer irgendwo. Die Tochter blieb anhänglich und holte sich Schmuseeinheiten bei Mama ab, die innige Verbundenheit rührte uns.
Es herrschte Frieden im Wald. Nur eine indische Dame direkt in meinem Rücken zeterte vor sich hin und motzte schließlich Palavi an. Die antwortete so forsch, dass ich kurzfristig sogar von den Tigern abgelenkt war. Da ich kein Wort verstand, drehte ich mich nichtsahnend um und strahlte die Dame an. Kein böser Wille. Ich dachte wirklich nicht, dass etwas dieses Erlebnis trüben könnte.
Später fragte ich Palavi, worum es denn eigentlich gegangen sei? Die Dame - ebenfalls Gast in unserem Hotel - hatte a) gefunden, dass unser Jeep auf dem Weg selbigen hätte freigeben sollen - Rücksicht auf Tiger hin oder her.
Und b) war sie empört, dass wir nun in der ersten Reihe standen und sie "nur" dahinter. Mit ihrem Handy konnte sie nun nicht die Bilder machen, die ihr vorschwebten. Allein, an ihrer Position und dem halben Meter mehr lag es nun beim besten Willen nicht. Alle hatten - soweit es das Unterholz zuließ - freien Blick auf das schöne Geschehen.
Palavi sprach ein letztes Machtwort, und die Dame verstummte - nicht ohne vorher noch entschieden anzumerken, Palavi müsse als Inderin schließlich vorrangig die Interessen der indischen Gäste im Blick haben und nicht unsere. Rassisten gibt es überall.
Ich ahnte von alldem noch nichts und genoss einfach den Moment, und als sich die Tiger nach einer guten Dreiviertelstunde etwas weiter in den Wald zurückzogen, waren wir euphorisiert bis in die Haarspitzen.
Auch deshalb empfanden wir es nicht als Katastrophe, dass sich mittags der Himmel zusehends zuzog und es schließlich auf dem Weg zum Nachmittagsdrive zu regnen begann. Am Gate stellten wir uns unter, bei Gewitter durfte eh niemand rein, doch der Regen wurde immer heftiger. Wir hatten wenig Verlangen, uns auf dem Auto nassregnen zu lassen, und kehrten unverrichteter Dinge zur Unterkunft zurück.
Wir holten Schlaf nach, und als es viel später aufklarte, setzten wir uns erst auf unserer Terrasse und gingen dann im Garten auf die Pirsch.
Black-naped Monarch
Oriental Magpie-Robin
Alles trocknete schnell und die Vögel waren besonders aktiv, als sich die Sonne wieder zeigte.
Paradise Flycatcher (female)
Ashy Prinia
Weil es so schön war und wir uns nach dem vielen Sitzen bewegen wollten, bummelten wir in wenigen Minuten zu einem kleinen See, der beim Hotel direkt um die Ecke liegt.
Ich überlegte, dass es schön sein könnte, auch morgens einmal hierherzukommen. Dass sich die Gelegenheit unfreiwillig tatsächlich ergab, ahnte ich da noch nicht.
Am Abend suchte und fand uns Palavi beim Abendessen, mit bekümmerter Miene teilte sie uns mit, dass der Gamedrive am nächsten Morgen ausfiele, weil die lokale Agentur bei der Buchung einen Fehler gemacht habe.
Ich rief sofort dort an, was war da los? Der Mitarbeiter versuchte mich erst einmal davon zu überzeugen, dass wir schließlich als Ausgleich bereits eine Ausfahrt geschenkt bekommen hatten. Aber die, so argumentierte ich, sei doch tatsächlich ein Geschenk gewesen - und damit zusätzlich? Schließlich gab er zerknirscht zu, dass sie schlichtweg verbaselt hatten, für diese geplante Fahrt ein Permit zu buchen. Und nun war keins mehr zu bekommen. Immerhin war er nun ehrlich.
Zu machen war da nichts. Die Permits vor allem für die Kernzonen sind oft Monate im Voraus weg. Zum Ausgleich gab es immerhin (meiner etwas getrübten Erinnerung nach) einen Gamedrive am letzten Morgen in der Pufferzone.
Wir trösteten uns damit, dass wir am nächsten Morgen immerhin einmal nicht um 5 Uhr aus den Federn kriechen mussten. Und natürlich mit der tollen Erinnerung an die Tiger-Familie.
Teil 1523. Aug. 2026
Tadoba Teil VI: Abschied von Tiger und Co.
Über den nach dem Patzer der Agentur ausgefallenen Gamedrive
ärgerten wir uns nicht mehr lange. Es gefiel uns, morgens ausnahmsweise etwas länger
zu schlafen und einfach Urlaub zu machen. Thomas schwamm einige Bahnen im
großen Pool beim Restaurant-Bereich, während ich mal wieder auf die Pirsch
ging.
Common Tailorbird
Ashy Prinia
Spotted Dove
Ich liebe daran, dass man in Bewegung ist und praktischerweise
dabei auch noch Schönes entdecken kann. Überall um mich herum huschten Vögel durch
die Büsche und gaben ihr Morgenkonzert, während mich die Languren von ihren
Hochsitzen in den Baumkronen und auf den Dächern der Bungalows argwöhnisch im
Auge behielten. Ich forderte sie lieber nicht allzu sehr heraus, sie waren klar
in der Überzahl und sicher auch bereit, ihr Refugium zu verteidigen, wenn ich
scheinbar Anspruch darauf erhob.
Yellow-throated Sparrow
Später gesellte sich Thomas zu mir und wir spazierten noch
einmal zum See um die Ecke. Es ist einfach eine wunderbar friedliche Gegend und
auch auf der Anlage des Irai Safari Retreat herrschte eine himmlische Ruhe. Dass
dieser Part des Tadoba nicht unbedingt ein Hotspot für große Reisegruppen ist,
machte sich in jeder Hinsicht immer wieder positiv bemerkbar.
Brahminy Starling
Small Minivet
Unsere verbliebenen Ausfahrten waren wie all ihre Vorgänger
herrlich, auch wenn wir mittlerweile viele alte Bekannte im Wald antrafen.
Common Kingfisher mit Fang
Black-winged Kite
Egret
Unter Abnutzungserscheinungen litten wir nicht, jede Fahrt
hatte einen neuen Reiz und immer wieder freuten wir uns darauf.
Brown Fish-Owl
Oriental Honey Buzzard
Nur einmal hatten wir etwas Pech, als Fahrer und Ranger ein
unmögliches Duo abgaben. Erst holte uns der Fahrer zu spät ab und dann zeigten
beide einhellig keinerlei Motivation oder Interesse an unseren Interessen.
Palavi schritt energisch ein und rettete, was kaum zu retten war, doch wir
ärgerten uns über diese ignorante Art, die uns glücklicherweise bei all unseren
Safaris tatsächlich nur dieses eine Mal begegnete. Wir mussten für Stopps
beispielsweise bei Vögeln ziemlich kämpfen, wenn es überhaupt dazu kam, weil
sie wegflogen, wenn wir an ihnen vorbeigedüst waren und schließlich
zurücksetzten. Das war neu, einmalig und auch vollkommen unverständlich.
Asian Green Bee-eater
Common Hawk-Cuckoo
Palavi, das wussten wir mittlerweile, ließ sich so etwas
nicht zweimal bieten und führte in der Mittagspause einige Telefonate. Am
Nachmittag berichtete sie uns, dass das Red Earth Tadoba nicht mehr mit diesem
Fahrer zusammenarbeiten würde und sich zudem beim Forest Department über den
Ranger beschwert habe. Ich beobachtete, wie sie die anderen Naturalisten
entsprechend briefte. Man legte sich wohl besser nicht mit ihr an. Ich mochte diese junge indische Frau, die sich auf ihrem Weg nicht beirren ließ.
Indian Pond-Heron
Yellow-wattled Lapwing
Einmal sahen wir noch Tiger, eine Tigerin mit ihren beiden
Sprösslingen.
Die kleine Familie lagerte erst relativ versteckt an einem
kleinen Bach, wo die Tiere tranken und sich die Bäuche kühlten. Mittlerweile
wussten wir, wie es lief, irgendwann würden sie weiterziehen und wie immer war
die Frage, in welche Richtung. Die Antwort lieferten sie und ziemlich schnell,
die Mutter machte die Vorhut, ...
... bevor auch die beiden Jungtiere den Weg vor uns kreuzten
und sich an ihre Fersen heftete.
Bye-bye Tiger, ihr habt uns sehr viel Freude gemacht!
Am Morgen unserer Abreise ging es ein letztes Mal in den Wald,
in der Pufferzone begegneten wir keinem anderen Auto, und so wurde es eine
herrlich friedliche Fahrt durch schöne Natur mit schönen Begegnungen.
?
Indische Weichschildkröten
Schließlich packten wir unsere Sachen und verabschiedeten
uns schweren Herzens von Palavi und diesem immer gleichen und doch so
unterschiedlichen Lebensgefühl und Rhythmus auf Safari.
Nach etwa drei Stunden erreichten wir am Nachmittag Nagpur, der
Lärm und das Chaos einer indischen Stadt wirkten fremd nach den vielen Tagen im
Wald. Vom Tuli Imperial - nicht zu verwechseln mit dem Tuli International - mit
seinen drei Landessternen hatten wir nicht allzu viel erwartet, doch es war die
letzte große positive Überraschung auf dieser Reise. In unseren dreckigen
Safari-Klamotten fühlten wir uns ziemlich fehl am Platze in der auf Hochglanz
polierten Empfangshalle, doch wahrscheinlich war man hier an den Anblick
abgerissener Natur- und Tiger-Enthusiasten gewöhnt.
Das gediegene Zimmer war so gemütlich wie komfortabel und
ich bedauerte, dass wir noch in der Nacht fortmussten. Nach einem kleinen Power
Nap und einer Dusche gingen wir zum (inkludierten) Abendessen, das uns schon
sprachlos machte, bevor es überhaupt begonnen hatte.
Die riesigen Buffets waren überladen mit Köstlichkeiten aus
aller Welt, und gleich mehrere Köche bereiteten das Wunschessen ihrer Gäste
frisch vor deren Augen zu. Ich konnte mich kaum entscheiden und war zudem wie
immer bedauerlich schnell satt, aber den Luxus, der uns hier umgab, ließ ich
mir nach den Safari-Tagen ehrlicherweise sehr gerne buchstäblich schmecken. Die
italienische Pasta hatte tatsächlich was von Italien und das Thai-Food was von Thailand
- auf indisch verzichtete ich; ich liebe es, aber es hing mir langsam zu den
Ohren raus.
Später relaxten wir auf der Dachterrasse, wo schließlich immer
mehr herausgeputzte junge Inderinnen und Inder bei wummernden Bässen die Bar und
die schicken Polstermöbel belagerten. Es war Wochenende. Was für ein Kontrast
zu dem vollkommen anderen Leben in den vorangegangenen Tagen.
Schlaf bekamen wir nicht, dazu war die Nacht zu kurz. Wir dösten
etwas vor uns hin, bevor wir Schlag Mitternacht und pünktlich zu meinem
Geburtstag wieder auscheckten - mein Wiegenfest wurde an diesem Tag zur
Extended Version, denn wir reisten ja quasi in der Zeit zurück.
Selbst für diesen kurzen Transfer hatte mir unser Fahrer
zwei kleine Chipstüten bereitgelegt, ich packte sie für den Flug ein, weil das
Abendessen so unfassbar üppig ausgefallen war. Am Flughafen betrachtete ich noch
einmal die vielen überdimensionierten Tiger-Fotos an den Wänden, die ich bei
unserer Ankunft so sehnsüchtig bewundert hatte. Nun dachte ich, dass wir uns
wirklich nicht beschweren konnten. Über rein gar nichts.
Eine letzte kleine Debatte noch bei der Ausreise wegen des
mühsam errungenen Journalisten-Visums, dann stiegen wir in den Flieger und kehrten
zurück in unsere Welt, die so ganz anders ist als die indische.