Tadoba Teil II: Zwischen Bengal-Tigern und BollywoodDieselbe Prozedur, anderes Setting: Am Morgen kletterten wir in den Gypsy unseres neuen Fahrers/Guides für die nächsten dreieinhalb Tagen. Ein kleiner, ernster Mittdreißiger in kubanischer Rebellenkluft, dessen erste Distanziertheit sich in guten Gesprächen und gemeinsamen Erlebnissen schnell gab.
Binnen weniger Minuten waren wir am Moharli Gate, sehr praktisch. Wie immer stieg ein Guide vom Forest Department zu, und wie zuvor machten sie auch in diesem Teil von Tadoba einen engagierten Eindruck und guten Job.
Changeable Hawk-EagleJungle OwletIch war überrascht über die kleine, aber perfekte Teerstraße, die als Hauptachse durch diese Kernzone führt. Sie hatte allerdings den Vorteil, dass wir nicht bei der Einfahrt in den Park von vorausfahrenden Jeeps eingestaubt wurden. Und tatsächlich hatten wir hier im Laufe der Tage auch einige schöne Sichtungen.
Darunter an einem späten Nachmittag auf dem Rückweg zum Gate einen Leoparden, der sich den Komfort der Straße zunutze machte. Wir waren das erste Auto, das den Leo entdeckte und unser Fahrer, der uns zu dem Zeitpunkt ohnehin längst überzeugt hatte, hielt nicht nur gebührenden Abstand, sondern auch die nachrückenden Fahrzeuge zum Schutz des Tieres auf Distanz, indem er die Straße geschickt mit unserem Auto blockierte.
Rechts und links war eigentlich ausreichend Platz für ein Überholmanöver, aber die Strafen fürs Offroad-Fahren sind drastisch (Lizenzentzug, Sperre) und so wagte niemand diesen Schritt. Die Empörung hinter uns war hör- und spürbar, doch er wartete unbeirrt ab, bis das Tier nach und nach die Straße räumte. Das beeindruckte uns.
Crested Serpent EagleAbseits dieser Straße sind die Wege wie in den anderen Parks auch staubige Pisten. Doch das Landschaftsbild ist anders als in Kanha und Pench. Weniger Dschungel, dafür üppige Teakholz- und Bambuswälder (Primärwald in den Kernzonen) sowie viele Seen und Wasserstellen, ein Eldorado für Vögel, Sumpfkrokodile und - Tiger.
Indian Thick-kneeAls wir im Laufe unserer ersten Pirschfahrt zu einem Wasserloch abbogen und dort ohne ersichtlichen Grund stoppten, wunderte ich mich noch. Was wollten wir hier, es gab nichts zu sehen, anders als sicherlich an anderen Stellen des Parks, den wir ja gerade erst zu erkunden begonnen hatten.
Ich sprach meine Gedanken nicht aus, doch der Guide hatte die schöne Angewohnheit, uns an seinen Ideen und Plänen teilhaben zu lassen. Ein mächtiger Tigermann habe hier sein Revier, erklärte er nun, und dies sei seine bevorzugte Wasserstelle. Wir würden also abwarten.
Ich gestehe, ich war im Grundsatz skeptisch und fragte mich, ob wir nicht einfach nur wertvolle Zeit vertändeltem, wurde aber durch einen zweiten Jeep abgelenkt, der nun neben uns hielt. Allerdings in der prallen Sonne, und das war ein fataler Fehler. Es war deutlich heißer als zuvor in Kanha und Pench - sei es, weil es im Laufe der Wochen ohnehin immer wärmer wird oder auch geografisch bedingt.
Die japanische Dame an Bord des zweiten Autos bekam jedenfalls nach wenigen Minuten trotz Kopfbedeckung sichtbar Probleme und sackte in sich zusammen. Ihr Guide parkte in den Schatten um und ihr Mann flößte ihr Wasser ein, das dann aber sehr schnell aufgebraucht war, ich fragte mich, wie das zu einem so frühen Zeitpunkt am Tag schon passieren konnte. Wir reichten eine noch kühle Flasche rüber, die sich zur Hälfte über den Kopf schüttete und zur Hälfte trank, das half ein wenig.
Gerade rechtzeitig, denn nun brach ein Tiger aus dem Dickicht hervor, ein wuchtiges Männchen ...
... und stapfte hinunter ans Wasser. Ich war völlig perplex, dass der Plan tatsächlich aufging und schalt mich auch ein bisschen dafür, dass ich nicht mehr Vertrauen in die Experten gehabt hatte.
Doch der Tiger hatte noch mehr Überraschungen für mich in petto. Denn statt - wie von mir erwartet - zu trinken, ließ er seinen wuchtigen Körper etwas unelegant ins Wasser plumpsen und badete nun genüsslich darin.
Wow, ich kriegte mich kaum mehr ein, das hatten wir noch nie gesehen - und ich hatte auch nicht damit gerechnet, dieses Schauspiel zu erleben, von dem ich dachte, es sei eher selten. Tatsächlich aber ist es vor allem temperaturabhängig.
Anders als die meisten anderen Katzen lieben Tiger Wasser, nutzen es an heißen Tagen zur Abkühlung und sind exzellente Schwimmer. Die reinsten Wasserratten also.
Unser Fahrer parkte flugs noch einmal aus dem Schatten in die Sonne um, um uns den bestmöglichen Blick zu verschaffen und außerdem zu verhindern, dass uns vielleicht jemand die Aussicht versperrte. Die Gefahr bestand allerdings zumindest noch nicht, denn unsere japanischen Nachbarn und wir waren zu diesem Zeitpunkt die einzigen Beobachter dieser schönen Szene.
Mit jeder Faser genoss ich die entspannte Zeit mit dem imposanten Kater, der sein Wellnessprogramm am anderen Ende des Teiches in aller Seelenruhe durchzog.
Nach fast einer Stunde wuchtete er sich schließlich aus der Schlammpackung ...
... und steuerte genau auf uns zu. Das wurde ja immer besser!
Ich tippte unserem Fahrer begeistert auf die Schulter, der mir ein strahlendes Lächeln schenkte. Er hatte gleich in mehrfacher Hinsicht den richtigen Riecher gehabt.
Schritt für Schritt bahnte sich der Tiger seinen Weg, verursachte dabei aber gehörigen Aufruhr. Kleine Fische sprangen in alle Richtungen hektisch davon, als er sich gemächlich durchs Wasser fräste.
Tropfnass erklomm er schließlich das Ufer, taperte direkt an unserem Auto vorbei und verschwand in unserem Rücken. Ich erinnerte mich daran, mal wieder zu atmen.
Als ich mich umdrehte, traute ich meinen Augen kaum. An der schmalen Zufahrt und auf dem Weg dahinter knubbelten sich die Jeeps, die von der Sichtung gehört, aber keine Chance auf einen Platz gehabt hatten. Der Tiger marschierte unbeeindruckt zwischen der Karavane hindurch und verschwand dann zügig im Wald. Was für ein Auftakt in Tadoba!
Mittags mussten wir den Park wie immer verlassen und fuhren zurück zum Hotel. Beim Lunch waren wir allein, und nachdem ich mich etwas aufs Ohr gehauen hatte, ging ich wie immer auf die Pirsch.
Tawny-bellied BabblerIm riesigen Garten des Irai Safari Retreat, in dem es auch einen Swimmingpool gibt, sorgten die vielen unterschiedlichen Vögel für ein fantastisches Konzert.
Asian Koel (ein großer Kuckuck), male......und femaleIndische Gartenagamen sind für ihren schnellen Farbwechsel bekannt. Dieses Exemplar war zunächst rötlich gefärbt wie der Weg, auf dem sie saß. Kaum war sie vor mir ins Gebüsch geflohen, konnte ich zusehen, wie sie im Zeitraffer erbleichte.Es gab viel zu entdecken. Darunter auch am Ende der Anlage eine große Ansammlung vollkommen zerstörter, aber einstmals sicher sehr schöner auf Podesten gebauter Hauszelte. Ich wunderte mich, dass die Trümmer noch herumstanden und fragte beim Besitzer an der Rezeption nach, was da passiert sei.
Er berichtete, dass Termiten den Konstruktionen während der Corona-Zeit dermaßen ungehindert zugesetzt hatten, dass sie schließlich zusammengebrochen waren. Die Zelte würden aber beizeiten wieder neu aufgebaut. Ich fragte mich, warum man das nicht hatte verhindern können oder wollen und warum die Spuren der Verwüstung nicht beseitigt worden waren. Doch gerade in Indien erschien mir jedes weitere Insistieren unangemessen und ich beließ es dabei.
Der Nachmittagsdrive führte uns unter anderem an den Telia Lake, der bekannt ist für seine Tigersichtungen und ein Highlight der Moharli-Zone. Weit entfernt am gegenüberliegenden Ufer konnten wir tatsächlich eine Tigerin beobachten, sie habe dort einige Jungtiere versteckt, erzählte der Ranger.
Die bekamen wir zwar nicht zu Gesicht, die Tigerin aber noch einige Male, denn wer sich in der Moharli-Zone bewegt, kommt vom und auf dem Weg zum Gate immer an dem schönen und oft mystisch verhangenen See vorbei.
Yellow-footed Green PigeonOriental Honey-BuzzardSpäter saßen wir allein beim (frühen) Abendessen, das diesmal als Buffet daherkam. Wir wunderten uns etwas darüber, so viel Essen nur für uns zwei, aber praktischer war es gerade für mich auch in puncto Portionierung allemal.
Plötzlich kam ein eleganter und mit einer traditionellen Kurta gekleideter Inder herein, erblickte uns, stürmte auf uns zu, stellte sich kurz vor und begann dann ohne Punkt und Komma in makellosem Englisch auf uns einzureden. Dem Wortschwall entnahmen wir, dass er eine der kostspieligen Ganztagessafaris gemacht und dabei fantastische Sichtungen gehabt hatte.
Er war so glücklich darüber, dass wir nicht anders konnten, als uns mit ihm zu freuen. Amüsiert schauten wir uns an, und er bekam das wohl mit, denn ebenso wortreich wie zuvor lud er uns zu einer kleinen Party auf der Dachterrasse direkt über dem Restaurantbereich ein, deren Gastgeber er war und die gleich beginnen würde. Wir sagten, dass wir wahrscheinlich nach dem Essen dazustoßen würden, und er verschwand munter winkend so schnell, wie er gekommen war.
Der fröhlich-freundliche Restaurant-Manager hatte die Szene beobachtet und sein Kopf wackelte nun vor lauter Begeisterung so heftig, dass ich befürchtete, er könne vielleicht hinunterpurzeln. Ebenso strahlend wie stolz berichtete er uns, der Mann sei eine Bollywood-Berühmtheit und seit vielen Jahren mit Freunden, Familie und Entourage ein gern gesehener Gast im Hotel.
Als wir die Treppe zur Dachterrasse hinaufstiegen, nahm uns unser neuer und fraglos lebenslustiger Freund begeistert in Empfang, scheuchte uns auf zwei freie Stühle und mixte zwei ziemlich steife Drinks. Etwa 30 Menschen saßen lose verteilt, allesamt fröhlich, allesamt nett, allesamt wort- und weltgewandt.
Ich landete mit meinem freien Stuhl bei den jüngeren Semestern, zwei der drei jungen Frauen studierten in Europa und die dritte hatte sich gerade als Modedesignerin selbstständig gemacht. Sie trug auch in den kommenden Tagen auf Safari stets augenfällige, aber auch sehr stilvolle Kleidung (besonders Hüte).
Sie erzählten, dass sich ihre Großfamilien und deren Freunde seit Jahrzehnten einmal im Jahr in der Gegend treffen, um hier einige gemeinsame Tage in der Natur zu verbringen.
SilberklaffschnäbelIndischer Nationalvogel: der Blaue PfauDiesmal allerdings waren wir Zeugen einer Zeitenwende, denn zum ersten Mal überhaupt durften auch Frauen dabei sein. Eine Premiere, die zur Dauereinrichtung werden sollte.
Die Zahl der Reisegruppe war dadurch auf gut 30 Personen gestiegen. Sie hatten also - bis auf unser Zimmer, wir waren einfach früher dran gewesen - das komplette Hotel mit all seinen unterschiedlichen Unterbringungs-Kategorien sowie weitere Räume und Chalets in umliegenden Resorts gebucht und waren eine ebenso gut gelaunte wie angenehme Gesellschaft.
Um Neun ging die Partygemeinde geschlossen zum Essen und wir gingen ins Bett. Kurz vor dem Einschlafen rekapitulierte ich noch einmal diesen erneut so wundersamen Tag. Die besondere Tiger-Begegnung, die "Bollywood-Party" - Incredible India hatte seinem Namen wieder einmal alle Ehre gemacht.