hier startet ein weiterer „historischer“ Reisebericht von einer Reise in 2006 durch Zambia und Zimbabwe. Das „Planlos“ im Titel ist doppeldeutig. Einerseits war ich in Zimbabwe tatsächlich ohne Landkarte oder Navi unterwegs und konnte mich somit auch nicht verfahren (clever, gelle?) und andererseits ging ich die Reise wieder „ahnungslos wie ein Friseur“ an, wie mein Reisepartner durch Malawi es beschrieben hätte.
Ich hatte mich beim Auswärtigen Amt über Unruhen und bei promedmail.org über gerade grassierende Krankheiten informiert, denn unterwegs zu erkranken, ist ja auch nicht gerade das Gesündeste. In Lusaka hatte ich einen Campingplatz reserviert und einen Transport vom Flughafen dorthin. Das wars auch schon.
Von der Inflation in Zimbabwe wusste ich nichts und ansonsten auch nicht viel, aber davon reichlich. Was ich alles nicht wusste, hätte locker auch für zwei gereicht, aber diesmal war ich alleine unterwegs.
Wie ich auf das Reiseziel kam, weiß ich auch nicht mehr, vermutlich einfach, weil ich noch nie dort war. Das ist ja irgendwie auch Grund genug, wie ich finde.
Ihr könnt euch auf jeden Fall wieder auf kuriose Erlebnisse freuen und es gibt auch einen Abstecher in die Währungsgeschichte Zimbabwes, die letztlich maßgeblich dafür sorgte, dass ich heute Geldscheine sammle – natürlich mit Spezialgebiet Zimbabwe. Hier versuche ich, alle der etwa 120 verschiedenen Geldscheine seit 1980 in druckfrischem Zustand zu bekommen und parallel dazu aus dem täglichen Umlauf plus Spezialgebiete wie Ersatzscheine und Tankgutscheine. Hier mal ein erster Eindruck von den kuriosen Geldscheinen in Zimbabwe, aber dieses Thema der Inflation verdient später noch einen eigenen Beitrag.
So viel vorab. Demnächst geht’s los und diesmal mit dem Reisetagebuch als Gedächtnisstütze …
Gruß Wolfgang
Teil 211. Apr. 2026
Akane schrieb:Hallo Wolfgang, reichen meine 50 Milliarden, um mich zum Mitlesen anzumelden?
Knapp … und an dieser Stelle greife ich kurz voraus in einen Teil der Währungsgeschichte, weil das gerade so ein tolles Beispiel ist. Während der Inflation in Zimbabwe wurde der Zim$ dreimal abgewertet. Das erste Mal war im August 2006. Drei Nullen wurden gestrichen. Der Zweite Zimbabwe Dollar wurde eingeführt. In dieser Zeit war ich dort und aus dieser Zeit stammt auch Dein Schein (Mai 2008). Im August 2008 wurde erneut abgewertet, diesmal um zehn Nullen. Deine 50 Billionen entsprachen nun fünf Dollar des Dritten Zimbabwe Dollar, zu dem mein Schein gehört. Die Scheine stammen aus dem gleichen Jahr und haben denselben Nennwert, hatten aber einen völlig unterschiedlichen Wert. Die Inflation galoppierte fleißig weiter. Bereits ein halbes Jahr später (Februar 2009) wurde erneut abgewertet, diesmal um zwölf Nullen. Mein 50-Billion-Dollar-Schein war nun fünf Cents wert in der neuen Währung, dem Vierten Zimbabwe Dollar. Die Inflation wurde indes immer schlimmer. Man begann mit Scheinen zu einem Cent und endete bei 100 Trillion Dollars. Nach wenigen Monaten wurde die Währung komplett ausgesetzt. Die Preise verdoppelten sich etwa alle 15 Stunden. Diese drei Jahre von 2006-2009 waren für die Bevölkerung eine ganz schlimme Zeit.
Gruß Wolfgang
Teil 312. Apr. 2026
Ich habe einen Flughafenshuttle bestellt. Der Fahrer meint, die Strecke zu mir sei ihm seltsam vertraut vorgekommen, bis er merkte, dass gegenüber ein Freund von ihm wohne und zeigt auf das Haus. Ich antworte ihm, dass Marcus mein bester Kumpel ist. Ein halbes Jahr später treffen wir uns wieder auf dessen Geburtstagsfeier.
Marcus ist übrigens schuld daran, dass ich überhaupt zum Radreisen kam. Er hatte mich damals tagelang bequatscht und letztlich überredet, mit ihm eine Radtour zu machen und wir zogen als Schüler los, um nach Luxemburg zu radeln.
Mein Flug geht über Amsterdam, wo ich gerade noch so meinen Anschluss nach Nairobi bekomme. In Nairobi gibt es 90 min Verspätung für den Flug nach Lusaka, doch der Fahrer der Backpackerunterkunft Chachacha wartet die ganze Zeit.
Mein Fahrradkarton ist bei der Ankunft völlig zerfleddert. Das Fahrrad scheint auf den ersten Blick ok zu sein. Ich muss es bei der Einreise deklarieren und ein Formular ausfüllen. Um keine unnötigen Begehrlichkeiten zu wecken, gebe ich den Wert mit 250 Euro an. Das ist etwa das, was alleine Vorder- und Hinterrad gekostet haben. Ich bekomme davon keine Durchschrift und es wird auch nicht im Pass vermerkt. Ich vermute, der Zöllner war einfach nur neugierig.
In der Unterkunft bzw. Campingplatz schaue ich mir das Fahrrad genauer an. Der Lowrider (vorderer Gepäckträger) ist gebrochen. Auf den Fotos erkennt man, warum Kabelbinder so wichtig sind und ich einzelne Maulschlüssel Multitools vorziehe.
Das hintere Schaltwerk ist auch völlig verbogen. Ich biege es einigermaßen gerade, aber die Kette läuft nicht ordentlich und macht zudem einen Höllenlärm. Ich montiere die Ersatzkette. So geht es. Das Fahrrad ist wieder fahrbereit.
Gruß Wolfgang
Teil 412. Apr. 2026
Am nächsten Tag radle ich in die City, um Geld zu tauschen. Die Autofahrer fahren nicht schnell, aber überholen mit knappem Seitenabstand. Der Rückspiegel hilft, sich rechtzeitig darauf einzustellen.
In der Stadt strecken mir als weißem Radfahrer einige Passanten den nach oben gerichteten Daumen entgegen. Ein Autofahrer geht gerade zu seinem Auto und fragt, ob er mein Fahrrad haben kann. Ich biete ihm an, es gegen sein Auto zu tauschen. Zum Spaß willigt er ein. Kurz darauf überholt er mich winkend mit einem freundlichen Lachen.
Das ist ein schöner Auftakt zur Reise. Ich fühle mich wohl im Land und bin „angekommen“.
Gruß Wolfgang
Teil 513. Apr. 2026
Da ich von Zambia fast nichts weiß, außer dass dort die Victoriafälle sind, fahre ich erst einmal in diese Richtung. Aus Lusaka raus fahre ich über eine sechsspurige Straße. Hier ist fast kein Verkehr und so komme ich völlig entspannt aus der Millionenstadt. Der erste Vorort ist praktisch eine Müllkippe. Die Menschen, die dort leben, leben von verwertbaren Resten aus dem Müll der Stadtbewohner. Üble Zustände, aber auch das ist ein Teil von Afrika. Afrika besteht nicht nur aus Gamedrives, tollen Lodges, gutem Essen und einem Gin Tonic bei einem malerischen Sonnenuntergang am Wasser, sondern auch aus bitterster Armut und Menschen, die gemeinsam mit Ratten nach Nahrungsmittelresten im Müll suchen. Das sollte jedem klar sein, der von sich denkt, er kenne sich halbwegs mit Afrika aus.
Die weitere Strecke ist eher langweilig. Ich erreiche gegen Abend Mazabuka und übernachte in einem Guesthouse. Die heutige Etappe war gleich mal 140 km.
Kurz vor Mazabuka kommt mir ein Engländer mit dem Fahrrad entgegen. Er radelt bereits seit drei Jahren durch Afrika, zunächst auf der Westseite nach Süden und jetzt im Osten wieder zurück. Er erzählt, dass ihm Zimbabwe sehr gefallen habe. Mir kommt eine plötzliche Idee. In Zimbabwe war ich schließlich auch noch nie …
Gruß Wolfgang
Teil 613. Apr. 2026
Am nächsten Tag stecken mir die Kilometer in den Knochen, aber ich habe Rückenwind und fege mit über 30 km/h über die Straße. Das rächt sich am Mittag. Es wird heiß und ich breche ein. Laut Landkarte liegen einige Dörfer entlang der Strecke, die laut Legende etwa gleich groß sein sollen. In manchen Dörfern gibt es alles und andere Dörfer existieren überhaupt nicht. Nach 100 km beende ich den heutigen Tag in Pemba. Interessant war es unterwegs nicht gerade.
Auch der nächste Tag ist wieder unspektakulär. In Choma mache ich Mittagspause und werde von ein paar Leuten ausgefragt. Sie können kaum glauben, dass ich in nur 2,5 Tagen von Lusaka hierher geradelt bin. Später am Tag lege ich mich neben einer Kneipe in Mukwera erschöpft auf eine Bank und ruhe mich eine Weile aus. Als ich am Abend Kolomo erreiche und ein Guesthouse finde, stehen wieder 137 km auf dem Tacho.
Die gesamte Strecke bisher war ungefähr so spannend wie die die Asphaltstraße von Windhoek bis Keetmanshoop oder in den Caprivi. Allerdings muss ich alles aus eigener Kraft bewältigen und ohne Klimaanlage. Morgen sind es nochmal knapp 120 km bis Livingstone. Die gesamte Strecke ab Lusaka wäre man im Auto bequem in fünf Stunden gefahren. Ich brauche dafür vier anstrengende Tage, aber dafür habe ich es am Ende aus eigener Kraft geschafft und weiß, was 500 km bedeuten. Mit dem Auto ist es einfach eine Zahl auf dem Tacho und ein paar Stunden auf der Uhr.
Gruß Wolfgang
Teil 713. Apr. 2026
Zwischen Kolomo und Livingstone wird die Landschaft interessanter und es wimmelt zudem von Schmetterlingen. Aus den nicht ganz 120 km sind am Ende wieder 130 geworden, als ich die Backpackerunterkunft Jollyboys in Livingstone erreiche.
Die Anlage gefällt mir richtig gut. Es gibt einen kleinen Bereich zum Zelten, einen Pool, eine kleine Küche mit Kühlschrank, einen offenen Barbereich mit kleinem Essensangebot und Frühstück, einen Billardtisch und einen offenen Aufenthaltsbereich mit großem Fernseher. Hier werden abends immer Ausschnitte der tagsüber angebotenen Aktivitäten an den Victoriafällen gezeigt. Wenn es nicht gerade am Anfang der Tour wäre, hätte mich das Rafting interessiert, aber drei Jahre zuvor hatte ich mich dabei auf dem Weißen Nil so verletzt, dass ich tagelang nicht Rad fahren konnte.
Die Bar ist auch ein beliebter Treffpunkt für junge Einheimische aus der kleinen Stadt. Ich spiele abends mit einigen von ihnen Billard.
Gruß Wolfgang
Teil 814. Apr. 2026
Am nächsten Tag nutze ich den kostenlosen Shuttleservice von Jollyboys zu den Wasserfällen. Gegen Ende der Regenzeit sind sie auf Zambias Seite gerade nicht ganz so spektakulär. Schaut man rüber Richtung Zimbabwe, geht dort die Post ab. Da boxt der Papst im Kettenhemd.
Auf dem Rückweg sehe ich zufällig eine Buchhandlung. Ich beschließe, Zimbabwe in die Reise einzubeziehen, wenn ich eine Landkarte von dort bekomme. Es gibt keine Landkarten und ich ändere meinen Entschluss. Ich werde nach Zimbabwe fahren, obwohl ich keine Landkarte bekommen habe. David Livingstone hatte schließlich auch keine und „der Weg entsteht beim Gehen“, wie Antonio Machado schon erkannte. Ich werde einfach losfahren und schauen, was passiert.
Am Abend spiele ich wieder mit einigen Einheimischen Billard.
Die Inhaberin(?) von Jollyboys empfiehlt mir eine Backpackerunterkunft in Victoria Falls, mit denen sie häufig zusammenarbeiten. Sie meint auch, dort könne ich Geld tauschen. Ich solle einfach an der Bar fragen, aber nicht gerade dann, wenn jede Menge Betrieb ist. Geldwechseln in der Bank sei sehr teuer und auf der Straße riskant.
Gruß Wolfgang
Teil 914. Apr. 2026
Ich informiere mich noch ein bisschen über das Thema, aber die Inflation kommt mir dabei noch nicht ins Blickfeld. Ich weiß nun aber, dass der Wechselkurs bei der Bank etwa ein Zehntel von dem auf der Straße ist. Der Geldumtausch auf dem Schwarzmarkt ist natürlich verboten. Wird man dabei erwischt, wird das Geld konfisziert. Das sorgt dafür, dass viele Schwarzhändler mit der Polizei gemeinsam agieren. Bahnt sich ein Handel an, informiert im Hintergrund jemand die Polizei, die dann wie durch Geisterhand genau im richtigen Moment auftaucht. Das Geld wird einkassiert, der Tourist guckt in die Röhre und Polizei und Schwarzhändler teilen sich das Geld. So läuft das hier. Wenn man unterwegs in eine Kontrolle gerät und keinen Beleg einer Bank für den Geldumtausch vorweisen kann, wird das Geld ebenfalls eingezogen.
Ich komme nachmittags in der Backpackerunterkunft an, setze mich an die Bar und bestelle einen Hopfenblüteneistee. Außer mir ist nur ein weiterer Gast anwesend. Als dieser mal kurz zur Getränkerückgabe muss, nutze ich die Gelegenheit und frage nach Geldumtausch. Der Mann hinter der Theke sagt mir, er gibt Bescheid und es käme gleich jemand. Ein paar Minuten später kommt ein junger Mann hinter der Theke vorbei, schaut mich an, nickt kurz und deutet mit einer unauffälligen Kopfbewegung wortlos an, dass ich ihm folgen solle.
Wir gehen in ein Hinterzimmer. Ich sage ihm, dass ich 100 Euro tauschen wolle und bekomme 10 „Barschecks“ zu je 10.000 Zim$. Die Dinger sehen seltsam aus – purpurrot, ohne Sicherheitsfaden, Wasserzeichen und Seriennummer, einseitig bedruckt auf eine Art Hochglanz-Fotopapier. Als ich später beginne, Geldscheine zu sammeln und einen Katalog habe, sehe ich, dass es in Zimbabwe nie ein offizielles Zahlungsmittel gab, das auch nur annähernd so aussah. Es sind absolute Phantasiescheine, wahrscheinlich auf einem Farblaserdrucker gedruckt. Ich bezahle unterwegs neunmal damit und bekomme immer echtes Wechselgeld zurück. Niemand ist skeptisch wegen der komischen wertlosen Zettel. Ich nach dem ersten Einkauf auch nicht mehr.
Gruß Wolfgang
Teil 1016. Apr. 2026
Am nächsten Tag schaue ich mir die Victoriafälle von der Zimbabwe-Seite aus an. Das ist deutlich spektakulärer. Auch in der Trockenzeit ist hier richtig Betrieb.
Eine Grüne Meerkatze macht sich hier zum Affen.
Direkt nach den Wasserfällen geht auf dem Rückweg rechts ein Rundweg ab, der im Mosi-oa-Tunja-Nationalpark liegt. Hier besteht die Möglichkeit, auf Elefanten und Büffel zu treffen. Beides brauche ich vom Fahrrad aus nicht, zumindest nicht aus der Nähe. Ich sehe etliche Antilopen, diverse Paviane, und einen stattlichen Kudubullen. Diese wehrhaften Tiere lassen sich von einem Radfahrer nicht aus der Ruhe bringen. Irgendwo begegnet mir aus ungesund knapper Entfernung von etwa fünf Metern ein Wildschwein (kein übliches Warzenschwein). Der Grund für mich, diesen Rundweg zu fahren, ist ein bestimmter Baobab-Baum. Wahrscheinlich waren ursprünglich mehrere Samen, die nah zusammen gekeimt haben und dann zusammengewachsen sind. Ich stelle mein Fahrrad an den Stamm. Es ist so klein im Vergleich, dass man es im ersten Moment übersieht.
Auch in dem Städtchen kann man der Tierwelt begegnen. Am Ortsschild auf dem Weg zu den Fällen sitzt ein ausgewachsener Pavian direkt neben dem Fußweg auf einem gemauerten Pfosten. Ich wechsle die Straßenseite. Auf dem Rückweg kommt mir kurz vor der Backpackerunterkunft/Campingplatz auf dem Fußweg ein Warzenschwein entgegen. Ich weiche auf die Straße aus. Wahrscheinlich wäre der Vierbeiner achtlos an mir vorbeigelaufen, aber man muss ja nicht alles ganz genau ausloten.
Ein Einheimischer erzählt mir, dass vor zwei Tagen ein Elefant durch das Städtchen spazierte. Leute gingen gerade aus dem Supermarkt, als der Elefant darauf zusteuerte. Offenbar hatte jeder der Kunden etwas Wichtiges vergessen. Jedenfalls eilten alle wieder nach innen. 😉 Später kam er zum Campingplatz, polterte am Eingangstor aus Metall rum und begehrte Einlass. Wahrscheinlich hatte er Durst und roch das Wasser im Pool. Elefanten können ja Wasser über Kilometer weit riechen.
Gegen Abend kommen zwei Overlander-LKW an. Der im Freien stehende Pizzaofen wird angefeuert. Wer Pizza essen möchte, bekommt einen kleinen Zettel, schreibt seinen Namen drauf und kreuzt die Zutaten an, die er als Belag haben möchte. Der Preis ist immer der gleiche, egal was man ankreuzt. Die Pizza ist sehr groß und die beste, die ich bis heute gegessen habe. Der Pizzabäcker kommt nicht aus Italien, sondern aus Zimbabwe.
Gruß Wolfgang
Teil 1116. Apr. 2026
In der Tourist Information finde ich eine kleine Broschüre. Darin befindet sich eine winzige Übersichtskarte mit den wichtigsten Städten. So weiß ich zumindest ganz grob, in welche Richtung ich mich orientieren muss. Die Strecke nach Süden geht durch den Mosi-oa-Tunya- Nationalpark. Ich starte erst um 9:30 Uhr, damit sich die Tierwelt möglichst schon von der Straße verkrümelt hat. Besonders Elefanten krümeln hier häufig, wie man entlang der Straße sehen kann.
Die Strecke ist recht flach, aber dadurch auch nicht so abwechslungsreich. Ab und zu stehen ein paar Hütten am Straßenrand. Am Nachmittag überholt mich ein LKW und hält an. Es ist ein Sattelschlepper mit zwei Aufliegern. Der Fahrer fragt mich, ob ich genug Wasser habe und wohin ich wolle. Ich antworte, dass ich erstmal nach Bulawayo will. Er sagt, das seien gut 300 km und die ganze Strecke wäre ziemlich öde. Er würde mich mitnehmen, wenn ich wolle. Ich nehme das Angebot an. Seine beiden Flachpritschen sind unbeladen. Wir heben das Fahrrad hoch und schnallen es fest. Es erinnert ein wenig an die Tieflader, die bei Leerfahrten ein Bobbycar transportieren (was auf den ersten Blick lustig wirkt, aber tatsächlich einen traurigen Hintergrund hat). Der Fahrer heißt Faannie und kommt aus Namibia, pendelt aber permanent die Strecke zwischen Zambia und Südafrika. Er fährt einen Scania Hauber 540H mit 540 PS. Mit den unbeladenen Aufliegern geht die Kiste ganz schön flott vorwärts.
Unterwegs ist eine Polizeikontrolle. Faannie legt einen Geldschein zwischen die Papiere und reicht sie raus. Die Kontrolle dauert so nur Sekunden. Wenn keine Ladezeiten dazwischen liegen, fährt er bis zu 16 Stunden pro Tag. Er erzählt mir, dass auf der Strecke häufig Löwen zu sehen seien. Nachts lägen sie gerne auf dem warmen Asphalt der Straße. Bis wir Bulawayo erreichen, ist es bereits dunkel. Faannie fragt mich, wo ich übernachten wolle. Ich frage ihn, ob er einen Campingplatz kennt. Er kennt keinen, aber bietet mir an, mit ihm im Führerhaus zu übernachten. Seine Zugmaschine hat eine Fernfahrerkabine mit Etagenbett. Bevor ich jetzt bei Dunkelheit durch eine unbekannte Großstadt eiere, nehme ich auch dieses Angebot an.
Wir fahren zu einem Firmengelände, wo sein LKW am nächsten Morgen beladen wird. Er rangiert bei Dunkelheit rückwärts in die enge Einfahrt. Mein Fahrrad verbringt die Nacht im Raum eines Security-Mannes und ich im LKW-Führerhaus.
Gruß Wolfgang
Teil 1218. Apr. 2026
Am nächsten Morgen steht Faannie um 5 Uhr auf. Er muss zum Beladen doch irgendwo anders hin. Da hatte ich ihn am Vorabend falsch verstanden. Somit ist auch für mich die Nacht zu Ende. Um 5:30 Uhr rollt er mit seinem Truck vom Hof und ich folge mit dem Rad.
Dummerweise habe ich vergessen, Wasser nachzufüllen und um die Uhrzeit hat natürlich noch kein Laden geöffnet. Ich versuche erst einmal, in der richtigen Himmelsrichtung aus der Stadt zu finden und denke mir, irgendwann wird ja mal ein Dorf kommen, aber die nächsten 40 km kommt nichts. An einer Bushaltestelle am Stadtrand stehen ein Menge Leute und warten auf den Bus. Sie schauen verwundert und eine junge Frau ruft: „Give me a lift.“. Wir müssen beide lachen.
Später kommt mir irgendwo ein Jugendlich auf dem Fahrrad entgegen und schaltet zur Begrüßung eine Sirene ein. Nach 105 km erreiche ich Shangani, ein kleines Dorf. Ich darf auf dem Gelände eines Farmerclubs zelten.
Gruß Wolfgang
Teil 1318. Apr. 2026
Für den nächsten Tag steht in meinem Reisetagebuch nicht viel. Ich fahre über Gweru nach Kwekwe. Unterwegs helfe ich noch einem Polizisten, einen Platten an seinem Fahrrad zu flicken. Nach 138 km darf ich vor dem Haus einer jungen Familie zelten.
Auch der Folgetag ist unspektakulär. Es gießt morgens in Strömen, so dass ich erst um 10 Uhr starte. Ich erreiche Kodoma und fühle mich hier gar nicht wohl hier. Hier will ich nicht übernachten. Etwa 15 km weiter finde ich ein kleines Dorf, wo ich mein Zelt aufstellen darf.
Kinder entdecken mich und kommen neugierig angerannt. Sie bestaunen das Fahrrad und vor allem das Zelt. Das ist eine Sensation für sie, denn so etwas kennen sie hier natürlich nicht. Zwei Frauen bemerken den plötzlichen Tumult und kommen herbei, um etwas Ruhe ins Chaos zu bringen. Sie stellen die Kinder geordnet auf für ein Foto. Die Kinder freuen sich, als sie sich anschließend das Bild auf dem Display anschauen dürfen. Danach schicken die beiden Frauen die Kinder wieder dorthin, wo sie vorher gespielt haben, damit ich meine Ruhe habe. Da das Foto schon 20 Jahre alt ist und die Kinder längst Erwachsene, stelle ich es ausnahmsweise rein.
Gruß Wolfgang
Teil 1419. Apr. 2026
Als ich am nächsten Tag aufbreche, stehen die Kinder da und winken begeistert. Mein Besuch war wohl das Highlight des Monats. Sonst passiert in diesen kleinen Dörfern ja nichts. Es kann auch passieren, dass beim Reifenflicken eine ganze Schar Kinder lachend um einen herumsteht. Die lachen einen nicht aus oder haben Schadenfreude. Die freuen sich einfach, dass mal etwas Abwechslung da ist. Ich habe schon mal über 50 Kinder gezählt, die um mich herum standen beim Reifenflicken. Und wenn das jetzt schon der vierte Platten des Tages und man sowieso schon genervt ist, dann muss man sich schon ziemlich zusammenreißen. Die psychische Beanspruchung auf solchen Reisen übertrifft oft die körperliche. Heute allerdings nicht …
Entlang der Straße ...
Es geht meist bergauf und ich habe permanent Gegenwind. Am Mittag bin ich ziemlich platt und mache um 14 Uhr Mittagspause in einem kleinen Dorf. Die meisten Bewohner sprechen hier nur Shoona. Nach der Pause geht’s wieder einigermaßen. Jetzt geht es die meiste Zeit leicht bergab und der Wind hat aufgehört. Ich erreiche Chimonyi erst nach 18 Uhr und suche mir eine Unterkunft. Sie trägt das Wort „Lodge“ im Namen, ist aber eine absolute Bruchbude. Toilette und Dusche liegen auf dem Flur. Die Dusche ist eine absolute Heimwerker-Pfuschkonstruktion. Je weiter man das Wasser aufdreht, desto heißer wird es. Entweder ist es ein kleines Rinnsal oder man verbrüht sich fast. Ich strecke beim Duschen mal die Arme nach oben und berühre den Duschkopf. Das ganze Ding steht unter Strom. Ich bekomme mit 220 Volt eine geflammt. Unglaublich, was die hier zusammenzimmern.
Die Unterkunft kostet 30.000 Zim$, nach meinem Wechselkurs etwa 30 Euro, nach dem offiziellen knapp das zehnfache. Präsident Mugabe hatte ja nicht nur den offiziellen Wechselkurs festgelegt, sondern auch, dass Übernachtungspreise gestaffelt sind. Zimbabwer bezahlten den normalen Übernachtungspreis, Afrikaner anderer Länder das Doppelte und Besucher von anderen Kontinenten das Zehnfache, was in Kombination mit dem offiziellen Wechselkurs ja schon ungefähr das Hundertfache war. Deshalb gab es zu dieser Zeit auch so gut wie keinen Tourismus mehr.
Mugabes Gesetze und Verordnungen wurden in der Folgezeit ja immer absurder. Anfangs waren die Geschäfte noch voller Waren, aber viele Leute hatten kaum noch Geld zum Einkaufen. Kleingeld war auch nicht mehr im Umlauf, denn Münzen hatten immerhin einen Materialwert. Wer welches hatte, gab es nicht mehr aus. Wechselgeld wurde in Form von Bonbons rausgegeben.
Später wollte Mugabe die Inflation dadurch beenden, indem er festlegte, dass die Verkaufspreise niedriger sein müssen als die Einkaufspreise. Somit verkaufte natürlich niemand mehr etwas, die Läden waren leer und die Wirtschaft ein Trümmerhaufen.
Gruß Wolfgang
Teil 1519. Apr. 2026
Am nächsten Morgen fühle ich mich total schlapp. Ich trinke erst einmal 1,5 Liter Wasser mit Magnesium- und Vitamintabletten. Erst dann erfahre ich, dass im Preis auch ein Frühstück enthalten ist, welches gar nicht so schlecht ist. Es gibt Spiegelei, Rührei oder Omelett und natürlich Toastbrot und irgendwelchen Belag. Ich trinke noch fast einen Liter Kaffee und ein Glas Orangensaft. Danach geht’s einigermaßen und ich starte. Ich habe noch 35.000 Zim$, also 35 Euro. Das muss reichen für 3-4 Tage.
Unterwegs liegt eine Unterkunft, die von einer hohen Mauer umgeben ist. Davor sind zwei Angestellte dabei, eine Schwarze Mamba mit kopfgroßen Steinen zu bewerfen. Die Schlange versucht, über die Mauer zu entkommen, was ziemlich aussichtslos ist, da die Mauer ungefähr 2,50 Meter hoch ist und sie hin und wieder von einem Steinbrocken getroffen wird. Die Mauer sieht bereits aus, als hätte man sie beschossen. Da haben sie die nächsten Tage auch gleich was zu tun …
Ich habe möglicherweise einen Sonnenstich. Mir ist übel und ich muss mich innerhalb kurzer Zeit zweimal übergeben. Ich lege mich irgendwo in den Schatten und schlafe 90 Minuten. Danach ist es wieder ok und ich fahre weiter.
Am Nachmittag wird der Himmel dunkel und ein Gewitter kommt heran. Entlang der Straße treffe ich ein junges Ehepaar. Die Frau trägt ein Kleinkind auf dem Rücken. Ich frage die beiden, ob es im nächsten Dorf eine Unterkunft gibt und der Mann verneint und bietet mir an, bei ihnen auf dem Compound zu übernachten. Compound nennt man in vielen Ländern ein Grundstück, auf dem eine Großfamilie mit mehren Generationen und unterschiedlichen Verwandtschaftsgraden in getrennten Behausungen zusammenleben. Ich nehme das Angebot an und schiebe das Fahrrad den letzten Kilometer neben ihnen her. Der Compound ist klein und außer dem Ehepaar wohnt nur noch die Großmutter des Mannes dort in einer eigenen Hütte. In einer dritten Hütte wird Feuerholz und die spärlichen Vorräte aufbewahrt. Es sind kleine runde Lehmhütten mit nacktem Erdboden und Strohdach. Der Mann bietet mir an, in der Hütte der Großmutter zu verbringen, die die Nacht bei ihnen verbringen würde. Ich sage ihnen, dass das unnötig sei, da ich ein Zelt habe und darin schlafe.
Das sich anbahnende Gewitter hat sich inzwischen verzogen. Obwohl die heutige Etappe mit 50-60 km recht übersichtlich war, bin ich trotzdem ziemlich fertig. Die Hitze und die langen Etappen der letzten Tage haben doch ihre Spuren hinterlassen.
Später essen alle zusammen und man bietet mir auch etwas an. Es gibt Sadza mit irgendwelchen Fleischbrocken, die schon knorplig, sehnig und fettig aussehen. Ich bin heute Vegetarier und esse Sadza pur. Das ist der Maisbrei, der in Namibia Mealiepap genannt wird. Hier ist er kalt, also entweder vom Frühstück übrig oder kalt eingerührt und total klumpig. Eigentlich esse ich das Zeug ja recht gerne, aber heute … nun ja, es macht satt.
Dazu reicht er mir einen Becher mit einer sehr trüben Flüssigkeit. Ich denke, es wäre ein Tee und frage, was das ist. Er schaut mich an, als käme ich vom Mars und sagt, „na, Wasser halt“. Ich greife mir eine Flasche vom Fahrrad und meine, das hätte ich ja schließlich selbst dabei. Ich habe heute schon gekotzt und da muss ich mir nicht noch gleich einen Durchfall einfangen. Ich lege mich gleich nach dem Essen schlafen, obwohl es noch hell ist und schlafe durch bis zum Morgen.