Der hier bereits gepostete Tag 8 sowie auch (!) der nun folgende Tag 9 sind seit kurzem auf meiner Seite online.Tag 9 – El Peñón
Vulkanische Puna, archäologische Puna, tierreiche Puna oder kurz gesagt: Ich bin im Safari-Himmel
Das Frühstück nehme ich wieder zusammen mit dem Herrn aus England ein. Seiner Frau geht es weiterhin nicht gut und sie wird heute in der Unterkunft bleiben. El Peñón liegt auf etwa 3.500 Metern und ist in der Puna damit fast schon als gemäßigt zu bezeichnen, aber dennoch hoch genug gelegen, um unter Soroche zu leiden. Zum Glück geht es mir nach wie vor gut, nur die Trockenheit macht mir ein wenig zu schaffen, ständig behalte ich meine sich in Windeseile leerenden Wasservorräte im Auge - und natürlich meine Zähne mit den immer wiederkehrenden Flecken, die dann über Nacht wundersamerweise wieder verschwinden.
Kurz nach 08:00 Uhr sitzen mein Guide und ich bereits im Pickup. Auf der geteerten Straße fahren wir bis Antofagasta de la Sierra, wo nicht nur der Asphalt endet, sondern wo wir auch bis zum Abend die letzten Spuren menschlicher Ansiedlung hinter uns lassen werden. Wir biegen Richtung Osten ab und legen unseren ersten Stopp am Campo las Tobas ein. Die archäologische Sehenswürdigkeit in Form von 10.000 Jahre alten Petroglyphen ist mir ebenfalls bisher nicht bekannt gewesen.

Unweit vom Campo las Tobas liegt der Canyon de Membrita. Ich laufe alleine los. Von einem ungesicherten Felsvorsprung schaue ich in die Tiefe auf eine Vega. Das lebensspendende Blau des Wassers, das für das Gelb und Grün an seinen Ufern verantwortlich zeichnet, liefert einen interessanten Kontrast zum Rot und Grau der Umgebung. Ich stelle mir vor, wie es wäre, hier einen Puma zu sehen, aber die Wahrscheinlichkeit einen Sechser im Lotto zu erzielen, liegt möglicherweise höher als solch eine Sichtung. Schade, mit dieser Sichtung wäre mir die Entscheidung für den Titel meines Reiseberichtes leicht gefallen, Puma in der Puna. Nun gut, man kann nicht alles haben. Lange kann ich diesem Gedankengang nicht nachhängen, denn meine Einsamkeit hat ein Ende, als drei Männer mit ihrem Guide vorfahren und sich nähern. Wie üblich, werde ich von allen freundlich gegrüßt und einer fragt mich, woher ich käme. Nachdem ich die Frage beantwortet habe, mache ich geschwind ein paar Fotos, unter anderem eines mit unserem Wagen im Matchbox-Format auf Felsen.

Mein Guide und ich unterhalten uns über die mir so witzig erscheinenden gleichlautenden Doppelnamen. Während des Gespräches lerne ich einen neuen dieser Namen kennen, Muña Muña. Es handelt sich um eine Pflanze, die in den hohen Regionen der Anden wächst und unter Einheimischen als natürliches Viagra bekannt ist.
Die Landschaft, durch die wir nun fahren, ist einmal mehr wieder komplett anders als alles, was ich in den vergangenen Tagen gesehen habe, aber nicht minder schön und ebenso einsam. Die Puna erstaunt mich ständig aufs Neue, es ist kaum zu glauben, dass es in der Kargheit solch eine Vielfalt von Formen und Farben geben kann. Keine Minute ist mir langweilig, ständig prasseln neue Eindrücke auf mich herab. Ich merke, wie sich meine interne Speicherkarte mehr und mehr füllt. Das ist auch gut so, denn die Speicherkarte meines Fotoapparates kann diese Landschaften nur begrenzt erfassen.
Dann stehen wir vor dem Eingang des Cañón de Real Grande, die 4.000 Meter Marke haben wir schon längst ein weiteres Mal überschritten. Hier am Beginn des Canyons steht ein Schild, das darauf hinweist, dass dieser Abschnitt nur mit 4 x 4 zu befahren ist. Nun gut, jeder, der es bis hierher geschafft hat, wird sicherlich nicht ohne auf der ihm hinter liegenden Strecke ausgekommen sein.
Etwa 15 Minuten dauert die Fahrt auf recht rauer und zuweilen so enger Piste, dass nur wenige Zentimeter zwischen Fahrzeug und Felswänden liegen.
Die Piste, die nun folgt, hat den Namen nur zeitweise verdient, denn des Öfteren ist sie nicht existent. Nach meiner Einschätzung ist dies der bisher anspruchsvollste Streckenabschnitt, den wir auf meiner Tour durch die Puna fahren. Dafür ist die Landschaft um mich herum einmal mehr atemberaubend, sogar Büßerschneeformationen in Bonsaigröße finden sich zu meiner Freude am Wegesrand. Wie kalt es hier werden kann, zeigt sich auch am Eis auf den Bachläufen.

Nach langer, aber spektakulärer Fahrt durch Landschaften, die mir keine Minute des Durchatmens gönnen, was in Anbetracht des spärlichen Sauerstoffes in dieser Höhe beinahe doppelt anstrengend klingen mag, stehen wir am Mirador auf 5.140 Metern am Kraterrand des Vulkans Galán und schauen hinunter auf die Laguna Diamante, die im südwestlichen Bereich der Caldera liegt. Obwohl dieser Vulkan eine der größten Calderas mit einem Durchmesser von mehr als 40 Kilometern umfasst, gehört er eher zu den unbekannten, heißblütigen Repräsentanten seiner Art auf unserem Planeten. Dieser gigantische Krater entstand bei einer Supereruption vor mehr als 2 Millionen Jahren, wurde aber tatsächlich erst durch Satellitenaufnahmen entdeckt.

Wir fahren hinunter zur Lagune. Es bläst ein eisiger Wind. Auf einem etwas erhöhten Aussichtspunkt halte ich ein paar Meter Abstand zum Abgrund, da der Wind hier nicht nur eisig, sondern mit solcher Kraft an mir zerrt, dass ich Probleme habe, nicht den Halt zu verlieren. Lange halte ich es daher hier oben nicht aus und flüchte mich ins Auto, in dem ich mich fast ein wenig wie auf einem Boot fühle, so sehr schwankt es. Recht nahe an der Wasserkante ist es nicht mehr ganz so stürmisch.
Für mich und meine Kamera gibt es kein Halten mehr, so sehr nimmt mich die Szenerie gefangen. Irgendwann trenne ich mich aber auch von diesem Ort. Vor uns liegen weitere Programmpunkte und auch dieser Tag ist endlich. Die Straßenverhältnisse im Krater sind auch nicht die allerbesten, um es vorsichtig zu formulieren.

Zu meiner Überraschung gibt es hier sogar ein kleines Areal mit Fumarolen, nichts Spektakuläres, wenn man bereits andere ähnliche Gebiete oder Geysire gesehen hat, aber auf alle Fälle lohnenswert für einen kurzen Stopp, wenn man ohnehin gerade in dieser Gegend unterwegs ist. Mein Guide wartet wieder im Auto, während ich einige Fotos von den Fumarolen mache. Hier begegne ich wieder den Männern vom Membrita Canyon. In fließendem Englisch fragt mich einer der Männer tatsächlich, ob ich für ein Naturmagazin oder eine Universität arbeite. Ich bin völlig erstaunt, als er mich dies fragt und wundere mich, wie er darauf kommt. Möglicherweise, so meine Annahme, weil es eher ungewöhnlich ist, ausländische Touristen hier anzutreffen und dann noch eine allein reisende Frau mit Guide. Nein, ist meine Antwort, ich bin nur eine Touristin, die bereits schon einige Male in Argentinien war und immer wieder gerne durch dieses schöne Land reist. Jetzt ist es an ihm, völlig erstaunt zu sein. Im Nachhinein frage ich mich, was er wohl dachte, als ich ihm meine Antwort mit unterschiedlich weißen, dafür aber mit obendrein hellweiß gesprenkelten Zähnen entgegnet habe. Zumindest hat er sich nichts anmerken lassen. Wir unterhalten uns kurz, er erzählt mir, dass er Argentinier sei, aber in Europa lebt und arbeitet. Das war eine sehr nette Begegnung und auch die einzige, seitdem wir das Asphaltband hinter uns gelassen haben.
Wir verlassen den Krater mit seinen gigantischen Ausmaßen und halten nur kurz an einem Aussichtspunkt, der mich auf eine weitere kleinere Lagune blicken lässt, bevor wir unsere Fahrt zur Laguna Grande fortsetzen.
Die Szenerie, die die Laguna Grande umgibt, ist wunderschön. Wir suchen uns oberhalb der Lagune einen Platz, wo wir unser verspätetes Mittagessen mit spektakulärem Blick auf die Lagune einnehmen. Leider ist es so windig, dass wir unser Sandwich im Auto essen müssen, aber mit was für einem Ausblick werde ich belohnt. Hinter dem Wagen befinden sich Felsformationen, die mich an Hoodoos in Nordamerika erinnern und wenn ich mich nach links drehe, schaue ich auf eine weitere kleinere Lagune, die eine gänzlich andere Farbe aufweist.

In der Laguna Grande tummeln sich unzählige James Flamingos. Im Winter friert alles zu, aber sobald der Frühling erwacht, finden sich die rosa-weiß gefiederten Vögelchen ein. Die Lagune auf 4.150 Metern Höhe ist eine ihrer größten Sammelpunkte in den Anden. Zeitweise beherbergt die Lagune sogar 25 % der gesamten Population des James Flamingos. Ich habe bereits einige Lagunen in den Anden besucht und immer wieder Flamingos gesehen, aber noch nie in dieser Anzahl, und ich bin mir zudem nicht sicher, ob ich zuvor schon einmal James Flamingos gesehen habe.
Ich kann mich nicht satt sehen und mein Fotoapparat muss im Akkord arbeiten; ich bekomme in der Puna keine Atempause, warum sollte er.
Gerade, als wir die Lagune verlassen wollen, sammelt sich eine größere Gruppe und vollzieht einen Tanz, wie ich in bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Die Gruppe stolziert gemeinsam nach rechts, dreht sich dann geschlossen um und stolziert nach links, um anschließend das gleiche Ritual ein weiteres Mal zu vollziehen. Dieses Schauspiel wiederholt sich mehrmals. Es ist einfach nur faszinierend und ich kann es mit eigenen Augen sehen. Ich bin nicht in Afrika, ich bin in der Puna und dennoch bin ich im Safari-Himmel, jetzt und hier.
Langsam wird es zur Gewohnheit, das Abendessen nehme ich wieder gemeinsam mit dem Herrn aus England ein und wieder führen wir sehr angenehme Gespräche. Seine Frau fühlt sich immer noch nicht fit genug, um das Zimmer zu verlassen. Ich hoffe für die beiden, dass sie ihre Reise, die die nächsten Tage noch ganz andere Höhen als El Peñón abverlangen wird, gut überstehen und sie diese auch genießen werden können. Ich werde die netten Gespräche vermissen, denn beide werden morgen abreisen, ich hingegen habe noch einen weiteren Tag, einen letzten Tag in der Puna. Auf mich wartet ein ganz besonderes Highlight, auf das ich mich sehr freue.