27. September: It's a long way homeAbreisetag. Fühlt sich nicht so richtig toll an. Nicht, dass ich nicht gern Zuhause wäre. Aber unterwegs bin ich noch lieber.
Die Belegschaft vom Malaika Camp steht Spalier, als wir nur ein klein wenig später als sonst ins Auto klettern. Wir winken fröhlich zum Abschied, bestimmt gibt es ein Wiedersehen. Es spricht nicht wirklich viel dagegen. Das kleine, schlichte, freundliche Camp mit seiner perfekten Lage am Mara River hat genau das erfüllt, was wir erwartet hatten und war die ideale Basis für Safariverrückte wie uns.
Die Sonne geht gerade auf, als wir vom dicht bewachsenen Busch auf die Ebenen der Mara rollen. Wir werden den Vormittag über noch einen Gamedrive machen und dabei schon peu à peu in Richtung Gate rollen. Zeit haben wir genug, denn der Rückflug von Nairobi nach Deutschland startet erst am späten Abend.
Unser erster größerer Fund ist ein Löwe, der sich unbehelligt von Autos wie von Artgenossen über seinen nächtlichen Riss hermacht.
Ein schaurig-schöner Anblick und auch was für die Ohren, weil in der Stille des Busches die Knochen so laut knacken. Von Zeit zu Zeit wechselt der Löwe die Position, denn schon steigt die Sonne wieder höher und brennt ihm auf den Pelz.
Obwohl schon ganz schön ramponiert, scheint der Kadaver noch ziemlich schwer zu sein, als er ihn schließlich in den Schatten der umliegenden Büsche schleppt. Vielleicht ist aber auch einfach nur die vollgefutterte Plauze im Weg...
Weil wir aus Zeitgründen keine großen Pirschfahrten unternehmen können, fährt Livingstone mit Funk. Wir sind offenbar ganz in der Nähe der berühmten Geparden-Brüder (die nur teilweise welche sind), die wir schon einige Male zuvor beobachtet hatten. Als wir uns nähern, starten die Kater gerade einen Jagdversuch, der allerdings hauchdünn scheitert.
Die ehemaligen "Fast Five", zu diesem Zeitpunkt ein Quartett und leider mittlerweile auf ein Trio geschrumpft, bleiben auf Beutezug und queren genau unseren Weg.
Der ist nach dem vielen Regen tief und schlammig, und einige der Autos, die sich nun nach und nach versammeln, sind wie auf Kufen im Schlingerkurs unterwegs. "This guy will get stuck soon", prognostiziert Livingstone und zeigt auf einen Wagen, der sich durch eine schlammige Spur mehr oder minder querfeldein wühlt.
Kaum ausgesprochen, hat sich der Wagen schon eingegraben. Livingstone fährt hin und übernimmt das Kommando, weil die jungen Selbstfahrer offenbar von 4x4 so viel Ahnung haben wie ich von der Raumfahrt.
Rechts und links grasen Elefanten, Vorsicht ist also geboten, doch es hilft nichts: Die Besatzung muss raus und schieben; bis auf zwei junge Damen, die stehen in hellen Sommerkleidchen und mit am Handgelenk baumelnden Riemchensandalen knöcheltief im Matsch und feuern ihre Jungs an. Ist ja auch schon mal was.
Der Fahrer gibt Gas, wühlt sich mühsam heraus und dann im Schneckentempo vorwärts. Die beiden Anschieber springen ins Auto und auch eine der Frauen. Die andere bleibt mitten in der Landschaft stehen und fotografiert seelenruhig mit ihrem Smartphone die Elefanten links von ihr, während der andere Teil der Gruppe von rechts immer näher rückt. "Oh my God", sagt Livingstone ungläubig, als sie schließlich barfuß und mit wehendem Saum die 200 m zum Auto durch den Schlamm hüpft.
Als auch wir weiterfahren, überholen wir die Gruppe sehr bald. Was auch deswegen kein Kunststück ist, weil sie schon wieder hoffnungslos feststeckt. Livingstones Kollege will sie herausziehen, wenn Zeit dafür ist.
Das ist momentan deshalb nicht der Fall, weil die Cheetahs Gnus erspäht haben und nun ausschwärmen. Sie halten nach einem jungen oder kranken Tier Ausschau, doch ohne Erfolg. Die Antilopen sind in bester Verfassung - und so ist auch dieser etwas verzweifelte Versuch zum Scheitern verdammt.
Die Gnus sind nun allerdings in zwei Gruppen gespalten, und währen die eine auf der Hut und somit kein potenzielles Opfer mehr ist...
...galoppiert die andere aufgeregt in die entgegengesetzte Richtung und durch eine Senke - just dort, wo wir zuvor den fressenden Löwen beobachtet hatten. Der macht nun abermals fette Beute und als wir dazustoßen, sehen wir gerade noch, wie er den nächsten dicken Brocken auf den anderen Kadaver stapelt - er weiß schon kaum mehr wohin mit all dem Zeugs.
Die Geparde geben auf und ziehen sich in den Busch zurück, es wird immer wärmer und sie sind erschöpft. Für uns das Signal zum Aufbruch.
Ein letztes Frühstück im Busch und letzte Impressionen von den Weiten der Mara, dann sind wir gegen Mittag am Gate. Wie schade!
Obwohl nicht eingezäunt und auch nicht immer so einsam wie erhofft, ist die Rückkehr aus der Mara in die Zivilisation nach über einer Woche ein kleiner Schock. Viele Autos, viele Menschen, Lärm, Hektik, Dreck - ich habe es nicht vermisst.
6,5 Stunden hat Livingstone vorsorglich bis Nairobi veranschlagt. Besonders der Verkehr am Escarpment - wenn auch mit schönem Blick in den Grabenbruch - kann mit Pech zum Erliegen kommen und Nairobi ist mit Baustellen gespickt. Wir rauschen aber problemlos durch und sind viel zu früh in der Nähe des Flughafens, wo uns Livingstone zu einer schönen Mall bringt mit netten Cafes, Shops und Restaurants. Ein unverhofft netter Zeitvertreib, der sich richtig nach afrikanischem Alltag in Nairobi anfühlt - wenn auch gut betuchtem.
Gegen 20 Uhr sind wir schließlich am Flughafen. Der Abschied von Livingstone fällt denkbar schwer, wir sind wunderbar miteinander ausgekommen und hoffen auf ein Wiedersehen. Noch ahnen wir nicht, dass es schon knapp drei Monate später soweit ist.
Viel gibt es nicht zu tun am Flughafen. Wir waschen uns, ziehen uns um, doch die Wartezeit schleppt sich dahin. Dann meldet auch noch die App Verzug: Start um 23.30 Uhr statt um 22.50 Uhr. Blöd, aber noch längst nicht das Ende vom Lied, denn es kommt knüppeldicke: Abflug verschoben auf 6 Uhr - das muss ja wohl ein Irrtum sein?!?
Ich versuche mich zum Check-In vorzukämpfen, was leidlich gelingt, denn die Amerikaner, die über Frankfurt in die Heimat fliegen, sind not amused und laufen Sturm. Das Flughafen-Personal ist überfordert, ratlos, die Lage chaotisch und der Informationsfluss auch.
Hm, ein paar Stunden in einem der benachbarten Hotels, dann ist es eben so, trösten wir uns. Doch daraus wird nichts. Warum? Man weiß es nicht. Wir haben schrecklichen Durst, das versprochene Wasser wird nicht verteilt, wohl aber Zettel. Wir sollen einchecken und die Nacht im Wartebereich verbringen. Etwas widerwillig folgen wir der Anweisung, was auch sonst? Wissen wir doch weiterhin nur rudimentär, was eigentlich los ist und wann der Flieger nun eigentlich kommt.
Im Terminal hinter dem Sicherheitscheck richten wir uns auf zwei Hartschalensitzen mit verlängerter Fläche, in denen wir wenigstens die Beine hochlegen können, so gut wie möglich ein. Polstern sie mit Tüchern und dicken Pullovern, die ich vor der Gepäckaufgabe noch schnell aus den Taschen gezogen habe. Wenigstens frieren werden wir nicht. Aber auch nicht satt. Am hastig zusammengestellten Buffet beim Gate gibt es nur Hühnchen aller Art; im Salat, auf dem Sandwich, im Brötchen, sogar als Geschmacksrichtung der Kartoffelchips. Ich bin eine hungrige Vegetarierin und knurrig.
Ich rolle mich auf dem Sitz zusammen und ringe um Schlaf. Ein ebenso langwieriges wie mühsames Geschäft, doch es gelingt: Ich dämmere weg. Wenn auch nur kurz. Dann weckt mich der nette Mann vom Buffet: "Your vegetarian sandwich arrived." Ich brech fast zusammen. Es ist 3 Uhr nachts, der Hunger verflogen. Der Schlaf leider auch.
Schlag 6 sitzen wir im Flieger. Der war am Vortag in Frankfurt schon auf dem Rollfeld, als der Flugradar ausfiel. Das ist Pech und Glück zugleich. Besser am Boden als in der Luft.
Die Amerikaner sind auf Paris umgebucht und dadurch viele Plätze frei. Ich entere eine Viererreihe, mach mich lang und schlafe durch. Träume mich ein paar Stunden zurück. Zurück in die Savanne.
Nur in Frankfurt wird es noch einmal hart: Die Inlandsflüge sind wegen Corona weiterhin rar und die Wartezeiten lang. Zwölf Stunden später als geplant landen wir schließlich in Hamburg. Fast schon wieder mit einem Bein im Büro und völlig k.o. Von der Lufthansa gibt's später ordentlich was zurück.
Schon längst ist die turbulente Rückreise Geschichte. Was bleibt, sind die vielen wunderbaren Eindrücke, die tollen Begegnungen, aber auch Lehren, die wir aus dieser Reise gezogen haben. Das Fazit folgt.