Hallo, liebe Fomi’s!
Über zwei Monate war ich nun weg. In Afrika natürlich, und ausschließlich in SA. Keine Safaris, keine Abenteuer, kein Sanddurchpflügen, nur Reha und Verwandte. Auch schön (na, ein paar Ausflüge gab’s auch: Pilanesberg, Cradle of Human Mankind, Botsalano, Mafikeng Game Reserve etc. Es muss nicht immer Krüger sein, auch das Kleine ist schön…). Ich habe gezögert zu schreiben, weil ich niemandem einen Rat für seine Fahrt geben kann. Niemandem hilft es für seine Reisevorbereitungen. Trotzdem.
Ich war zum 32sten Mal in SA. Ich habe Verwandte in Mafikeng (Hauptstadt der North-West Province) und in JNB. 1986 war ich zum ersten Mal in Mafikeng (Pfadfinder kennen den Ort); damals ein netter, schöner Ort. Ich habe über die Jahre die Entwicklung verfolgen können. Und das Urteil ist vernichtend. Warum?
M. (und ich schreibe konsequent aus dieser Perspektive; ob die Beobachtungen verallgemeinert werden können, weiß ich nicht. Ich möchte es jedenfalls nicht) ist Hauptstadt geworden – einfach deswegen, weil es im Homeland Bophuthatswana Hauptstadt war. Eine glatte Fehlentscheidung. Wenn ich mir M. heute anschaue, ist es die dreckigste Stadt, die ich aus dem südl. Afrika kenne. An jeder Straßenecke türmen sich Berge von Müll¸ Plastiktüten verfangen sich in jedem Busch oder Baum. Meine Schwester besitzt ein nettes altes Anwesen im sog. ‚Imperial Reserve‘ (von wo aus früher Botswana verwaltet wurde). Als ich ankam, war die Müllabfuhr, die früher 2x pro Woche kam, sieben Wochen nicht gekommen. Wir waren 2x bei der Verwaltung, um uns zu beschweren, man versprach uns alles. Nach zwei Wochen kam der Müllwagen vorbei, nahm die Hälfte mit, der Rest blieb liegen. Seitdem hat man den Wagen dort nicht mehr gesehen. Der Norden von M. hat sich zur inoffiziellen Müllregion entwickelt. Wo früher Schafe weideten, ist ein hektargroßes Areal wilde Müllkippe. Und in Teilen der Stadt sieht es nicht anders aus. Es geht so weiter: Die Straßen werden nicht ausgebessert. Ich liebe jedes Schlagloch, weil es mich an die Fahrten vor x Jahren erinnert. Sie werden halt immer tiefer. Ich glaube, der nächste Slalomweltmeister kommt aus Mafikeng. Die Trainingsmöglichkeiten auf der Straße sind enorm. Dabei hat eine Straßenbaufirma einen Dauerauftrag, Schlaglöcher zu beseitigen. Das tut sie auch, aber so, dass beim nächsten Regen alles wieder ausgewaschen wird. Ein ewiger Auftrag. Schade, dass ich noch hier als Pensionär bin. Dort würde ich bis auf ewig reich werden …
Es geht weiter so. Alle paar Tage wird der Strom für ein paar Stunden abgestellt; jeder Woche platzt ein Wasserrohr, dann liegt das Viertel brach. Es wird nichts instandgehalten, nur geflickt, nichts neu investiert. Man lebt nach den Investitionen der Siebziger Jahre („Warum sollte man etwas tun? Es funktioniert doch alles!“). Geht was kaputt, errichtet man neben der Ruine ein neues Gebäude. Cui bono? Nomadenmentalität?
Meine Schwester war (jetzt frisch pensioniert) in leitender Stellung an der Uni dort angestellt. Ich kenne alle Insider-Geschichten. Grausig. Stellen werden nicht nach Qualifikation, sondern nach Parteibuch, Hautfarbe und Geschlecht besetzt. Gnadenlos und konsequent. Eine schwarze Frau mit ANC-Parteibuch ist a priori für alle Posten geeignet. Folge: Nichts funktioniert mehr. Alles versinkt in totaler Inkompetenz. Ein Beispiel für den Alltag: Meine Schwester war (u.a.) für die Sitzungen, das Protokoll und die inhaltlichen Berichte für das Council verantwortlich. Ihre Nachfolgerin (durchaus kompetent; ich kenne sie seit 20 Jahren) erkrankte Anfang dieses Monats (Ihr Mann starb, Moslem, musste also noch am selben Tag beerdigt werden, aber in Kimberley, 400 km entfernt), klappte zusammen und wurde bis Ende dieses Monats krankgeschrieben. Weil sie nicht schlafen konnte, verschrieb ihr der Arzt ein Schlafmittel. Die Uni brauchte aber für eine Sitzung einen Bericht über irgendetwas. Ihre Chefin und weitere parallele Angestellte hätten das auch tun können, jedenfalls steht das so in ihrer Stellenbeschreibung. Aber sie kamen eben über das ANC- und Frauenticket in ihre Ämter: Sie konnten es nicht. Also: Die Chefin ließ sich von drei Frauen begleiten, kamen ins Haus und legten neben der tief Schlafenden einen Laptop und Aktenordner ab – mit der Maßgabe, bis morgen den Bericht zu schreiben. Wie die Sache ausging, weiß ich nicht. Weitere Geschichten könnte ich noch erzählen, tu ich nicht, keine Angst.
Fazit: Die Führung ist inkompetent, und das aus Prinzip. Der ANC dominiert alles, das Parteibuch berechtigt zu allem. Umgekehrter Rassismus ist gang und gäbe (historisch ja verständlich, aber Mandela hat man vergessen), auch im Alltag (kleine Anekdote: Ich stehe vor dem Schalter der Clicks-Apotheke in der Schlange. Da rauscht eine Schwarze heran und drängelt sich vor mich. Ich, höflich, wie ich fast immer bin, sage ihr, dass das Ende der Schlange hinter mir liege. Sie: „I am a black woman!“ Ich habe zum ersten Mal eine Frau angebrüllt. Es half immerhin…).
Ich könnte noch seitenweise erzählen. Es sind halt Seiten der dortigen Gesellschaft, die ein Tourist nicht mitkriegt. Und, so sagt man mir, das sei vor allem in ‚North West‘ so, woanders sei es besser. Inwieweit man also verallgemeinern darf und inwieweit derlei Tendenzen, den Staat an die Wand zu fahren, auch in Namibia zu beobachten sind, das mögen andere beurteilen.
Eine versöhnliche Beobachtung zum Schluss:
Ich sitze auf der Terrasse in M., auf den Querpfosten habe ich auf etlichen Nägeln halbe Äpfel aufgespießt. Ein Vogelpaar kommt: Crested Barbet. Sie sitzt rechts, er links. Da fliegt er zum nächsten Apfel, hackt ein großes Stück heraus, fliegt zurück und überreicht es ihr. Und dann sitzen beide nebeneinander und fressen beide vom selben Stück Apfel. Für diese kleine Szene gebe ich jedes Löwenrudel her…
Herzlichen Gruß
Rodrigo
Über zwei Monate war ich nun weg. In Afrika natürlich, und ausschließlich in SA. Keine Safaris, keine Abenteuer, kein Sanddurchpflügen, nur Reha und Verwandte. Auch schön (na, ein paar Ausflüge gab’s auch: Pilanesberg, Cradle of Human Mankind, Botsalano, Mafikeng Game Reserve etc. Es muss nicht immer Krüger sein, auch das Kleine ist schön…). Ich habe gezögert zu schreiben, weil ich niemandem einen Rat für seine Fahrt geben kann. Niemandem hilft es für seine Reisevorbereitungen. Trotzdem.
Ich war zum 32sten Mal in SA. Ich habe Verwandte in Mafikeng (Hauptstadt der North-West Province) und in JNB. 1986 war ich zum ersten Mal in Mafikeng (Pfadfinder kennen den Ort); damals ein netter, schöner Ort. Ich habe über die Jahre die Entwicklung verfolgen können. Und das Urteil ist vernichtend. Warum?
M. (und ich schreibe konsequent aus dieser Perspektive; ob die Beobachtungen verallgemeinert werden können, weiß ich nicht. Ich möchte es jedenfalls nicht) ist Hauptstadt geworden – einfach deswegen, weil es im Homeland Bophuthatswana Hauptstadt war. Eine glatte Fehlentscheidung. Wenn ich mir M. heute anschaue, ist es die dreckigste Stadt, die ich aus dem südl. Afrika kenne. An jeder Straßenecke türmen sich Berge von Müll¸ Plastiktüten verfangen sich in jedem Busch oder Baum. Meine Schwester besitzt ein nettes altes Anwesen im sog. ‚Imperial Reserve‘ (von wo aus früher Botswana verwaltet wurde). Als ich ankam, war die Müllabfuhr, die früher 2x pro Woche kam, sieben Wochen nicht gekommen. Wir waren 2x bei der Verwaltung, um uns zu beschweren, man versprach uns alles. Nach zwei Wochen kam der Müllwagen vorbei, nahm die Hälfte mit, der Rest blieb liegen. Seitdem hat man den Wagen dort nicht mehr gesehen. Der Norden von M. hat sich zur inoffiziellen Müllregion entwickelt. Wo früher Schafe weideten, ist ein hektargroßes Areal wilde Müllkippe. Und in Teilen der Stadt sieht es nicht anders aus. Es geht so weiter: Die Straßen werden nicht ausgebessert. Ich liebe jedes Schlagloch, weil es mich an die Fahrten vor x Jahren erinnert. Sie werden halt immer tiefer. Ich glaube, der nächste Slalomweltmeister kommt aus Mafikeng. Die Trainingsmöglichkeiten auf der Straße sind enorm. Dabei hat eine Straßenbaufirma einen Dauerauftrag, Schlaglöcher zu beseitigen. Das tut sie auch, aber so, dass beim nächsten Regen alles wieder ausgewaschen wird. Ein ewiger Auftrag. Schade, dass ich noch hier als Pensionär bin. Dort würde ich bis auf ewig reich werden …
Es geht weiter so. Alle paar Tage wird der Strom für ein paar Stunden abgestellt; jeder Woche platzt ein Wasserrohr, dann liegt das Viertel brach. Es wird nichts instandgehalten, nur geflickt, nichts neu investiert. Man lebt nach den Investitionen der Siebziger Jahre („Warum sollte man etwas tun? Es funktioniert doch alles!“). Geht was kaputt, errichtet man neben der Ruine ein neues Gebäude. Cui bono? Nomadenmentalität?
Meine Schwester war (jetzt frisch pensioniert) in leitender Stellung an der Uni dort angestellt. Ich kenne alle Insider-Geschichten. Grausig. Stellen werden nicht nach Qualifikation, sondern nach Parteibuch, Hautfarbe und Geschlecht besetzt. Gnadenlos und konsequent. Eine schwarze Frau mit ANC-Parteibuch ist a priori für alle Posten geeignet. Folge: Nichts funktioniert mehr. Alles versinkt in totaler Inkompetenz. Ein Beispiel für den Alltag: Meine Schwester war (u.a.) für die Sitzungen, das Protokoll und die inhaltlichen Berichte für das Council verantwortlich. Ihre Nachfolgerin (durchaus kompetent; ich kenne sie seit 20 Jahren) erkrankte Anfang dieses Monats (Ihr Mann starb, Moslem, musste also noch am selben Tag beerdigt werden, aber in Kimberley, 400 km entfernt), klappte zusammen und wurde bis Ende dieses Monats krankgeschrieben. Weil sie nicht schlafen konnte, verschrieb ihr der Arzt ein Schlafmittel. Die Uni brauchte aber für eine Sitzung einen Bericht über irgendetwas. Ihre Chefin und weitere parallele Angestellte hätten das auch tun können, jedenfalls steht das so in ihrer Stellenbeschreibung. Aber sie kamen eben über das ANC- und Frauenticket in ihre Ämter: Sie konnten es nicht. Also: Die Chefin ließ sich von drei Frauen begleiten, kamen ins Haus und legten neben der tief Schlafenden einen Laptop und Aktenordner ab – mit der Maßgabe, bis morgen den Bericht zu schreiben. Wie die Sache ausging, weiß ich nicht. Weitere Geschichten könnte ich noch erzählen, tu ich nicht, keine Angst.
Fazit: Die Führung ist inkompetent, und das aus Prinzip. Der ANC dominiert alles, das Parteibuch berechtigt zu allem. Umgekehrter Rassismus ist gang und gäbe (historisch ja verständlich, aber Mandela hat man vergessen), auch im Alltag (kleine Anekdote: Ich stehe vor dem Schalter der Clicks-Apotheke in der Schlange. Da rauscht eine Schwarze heran und drängelt sich vor mich. Ich, höflich, wie ich fast immer bin, sage ihr, dass das Ende der Schlange hinter mir liege. Sie: „I am a black woman!“ Ich habe zum ersten Mal eine Frau angebrüllt. Es half immerhin…).
Ich könnte noch seitenweise erzählen. Es sind halt Seiten der dortigen Gesellschaft, die ein Tourist nicht mitkriegt. Und, so sagt man mir, das sei vor allem in ‚North West‘ so, woanders sei es besser. Inwieweit man also verallgemeinern darf und inwieweit derlei Tendenzen, den Staat an die Wand zu fahren, auch in Namibia zu beobachten sind, das mögen andere beurteilen.
Eine versöhnliche Beobachtung zum Schluss:
Ich sitze auf der Terrasse in M., auf den Querpfosten habe ich auf etlichen Nägeln halbe Äpfel aufgespießt. Ein Vogelpaar kommt: Crested Barbet. Sie sitzt rechts, er links. Da fliegt er zum nächsten Apfel, hackt ein großes Stück heraus, fliegt zurück und überreicht es ihr. Und dann sitzen beide nebeneinander und fressen beide vom selben Stück Apfel. Für diese kleine Szene gebe ich jedes Löwenrudel her…
Herzlichen Gruß
Rodrigo
Omnia vincit amor