Ich reise 2004 allein mit dem Fahrrad durch Gambia, den Senegal und Guinea-Bissau. Von Banjul aus fahre ich am Nordufer des Gambia-Flusses ostwärts, mache einen Abstecher ins nördliche Senegal und quere auf einem schmalen Trampelpfad zurück nach Gambia. Weiter geht es in die Casamance und nach Ziguinchor, wo ich im November noch kurzfristig mein Visum für Guinea-Bissau bekomme, und schließlich über Varela bis in die Hauptstadt Bissau, bevor ich über den Senegal zurück nach Gambia radle.
Ich schlafe im Zelt oder werde von Fremden eingeladen: Krankenpfleger nehmen mich während des Ramadan für eine Nacht bei ihrem Hospital auf, eine Großfamilie lässt mich zwei Tage auf ihrem Compound bleiben, und in einem Dorf in Guinea-Bissau übernachte ich beim Dorfchef, der einen aus Sierra Leone geflüchteten jungen Mann bei sich aufgenommen hat. An Polizeisperren zahle ich kein Schmiergeld, verliere aber mein Pfefferspray. Für die Fahrkarte an der Fähre in Banjul muss ich mich in ein Gedränge am Schalter zwängen, weil es dort keine Schlange gibt. In Bakau besuche ich den heiligen Krokodilteich Katchikally und fasse das zahme Krokodil Charly aus nächster Nähe an.
Von einem Militärputsch in Guinea-Bissau, der kurz vor meiner Einreise stattfand, erfahre ich erst nach der Heimkehr – vor Ort fällt mir nur auf, dass halb Guinea-Bissau bewaffnet unterwegs ist. Auf der Rückfahrt durch Guinea-Bissau liefere ich mir mit einem einheimischen Radler auf leerer Straße ein spontanes Wettrennen kurz vor der Grenzstadt.
Reisezeitraum
November 2004
Länder
Gambia, Senegal, Guinea-Bissau
Gruppe
1 Person (Soloreise)
Reiseart
Selbstfahrer mit eigenem Fahrrad, ohne Guide oder Veranstalter
Fahrzeug
eigenes Fahrrad
Unterkunftsart
Zelt, dazu mehrfach bei Gastfamilien/Einheimischen und eine Unterkunft in Ziguinchor
Route
Banjul (Camping Sukuta) – Nordufer Gambia-Fluss ostwärts – Abstecher nördliches Senegal – zurück nach Gambia – Casamance – Ziguinchor – Varela (Guinea-Bissau) – Bissau – zurück über Senegal – Banjul/Serekunda
Fahrstrecke
keine Gesamtkilometer im Bericht
Flug/Anreise
Flug nach Banjul, Abholung vom Flughafen durch den Campingplatz
Besonderheit
Reise fällt in die Zeit des Ramadan; kurz vor der Einreise nach Guinea-Bissau hatte dort ein Militärputsch stattgefunden, wovon der Autor erst nach der Heimkehr erfährt
da mein Reisebericht über die Radtour in Sierra Leone einigermaßen gut ankam, habe ich endlich begonnen, meine Erlebnisse einer schon länger zurückliegenden Reise zusammenzufassen und niederzuschreiben. Die Tour fand bereits 2004 statt und führte mich durch Gambia, das südliche Senegal nach Guinea-Bissau und wieder zurück. Wie ich auf die Idee kam, diese Länder zu bereisen, weiß ich heute nicht mehr. Für den folgenden Reisebericht habe ich mein Tagebuch von damals gar nicht verwendet. Ich schreibe alles aus der Erinnerung. Wird trotzdem lang genug (oder sogar zu lange), auch wenn ich noch das ein oder andere Erlebnis vergesse oder weglasse ...
Hier zunächst noch ein paar Infos zur Region. Gambia ist von West nach Ost etwa 300 km lang, von Nord nach Süd nur ungefähr 30 km. Durch einen nach Westen fließenden Fluss ist das Land praktisch zweigeteilt. Bis auf das Stück Küste ist das Land komplett vom Senegal umschlossen. Was man so üblicherweise von Senegal kennt, ist der nördliche Teil. Der südliche Teil ist feuchter und fruchtbarer und wird Casamance genannt. Die Rebellenbewegung MFDC versucht seit Jahrzehnten, die Casamance vom Senegal abzusplitten und unabhängig zu machen. Dabei gibt es immer wieder mal Unruhen und Gefechte mit dem Militär. Ob ich da durchfahren kann, weiß ich vor Reisestart nicht und erfrage ich vor Ort. Deshalb habe ich auch vorab kein Visum für Guinea-Bissau beantragt, was noch weiter südlich liegt. Das Visum hoffe ich, im Konsulat in Ziguinchor, der Hauptstadt der Casamance, zu bekommen. Vielleicht gibts da dann auch 'ne Landkarte, so meine Idee. In Guinea-Bissau war ein mehrjähriger Bürgerkrieg im Jahr 1998 beendet worden (in 2000 noch einmal kurz aufgeflammt). Die Rebellen der MFDC aus der Casamance ziehen sich immer wieder nach Guinea-Bissau zurück und haben den westlichen Grenzbereich vermint.
Interessant auf der Reise ist übrigens, dass die Amtssprache in Gambia Englisch, im Senegal Französisch und in Guinea-Bissau Portugiesisch ist. Gambia ist zu ca. 95% islamisch und der Senegal zum größten Teil ebenfalls. In Guinea-Bissau kommt noch ein guter Anteil Naturreligionen hinzu. Während meiner Reisezeit ist zufällig gerade Ramadan, was es besonders interessant macht. Ich wusste das vorher allerdings gar nicht ...
Teil 203. Mai 2013
Nach dieser Vorab-Info fange ich einfach mal an - diesmal beginnt der Bericht schon vor der Reise ...
Wie immer lasse ich meinen Flug durch ein Reisebüro buchen. Sollen die sich um die Transportbestimmungen für das Fahrrad kümmern. Die Mitarbeiterin im Reisebüro sagt mir dann beim nächsten Besuch, dass der Transport auf der Strecke möglich ist. Es seien auch bereits vier andere Fahrräder angemeldet. Ungewöhnlich ... Ich entdecke bei der Suche nach einer Unterkunft im Internet einen kleinen Campingplatz, der auch feste Hütten hat. Das passt gut, denn so kann ich nach der abendlichen Ankunft meinen Krempel einfach erstmal abstellen. Ich frage, ob sie mich vom Flughafen abholen können und dabei Platz für ein Fahrrad haben. Der Besitzer antwortet mir, dass er sowieso zum Flughafen fährt und auf dem Rückweg schon vier Fahrräder transportieren muss. Da würde meines schon auch noch reinpassen. Da radeln also noch andere in Gambia rum. Ich bin neugierig, was das wohl für Leute sind ...
Das Flugzeug landet unplanmäßig in Spanien, um nochmal aufzutanken. Das erzählt man zumindest den Fluggästen. Mit etwas Verspätung kommen wir in Banjul an. Der Flughafen hier wurde mit Unterstützung der NASA seinerzeit als transatlantischer Notlandeplatz für das Space Shuttle ausgebaut. Am Flughafen wartet bereits Joe von Camping Sukuta mit einem Kleinbus. Die Fahrräder werden in der abendlichen Dunkelheit aufs Dach verfrachtet. Auf dem Campingplatz sitzen die Neuankömmlinge mit Joe erst einmal bei einem Bier zusammen und lernen sich gegenseitig kennen. Die anderen vier Radler kennen sich nämlich auch noch nicht. Es ist eine geführte Reisegruppe aus Deutschland, bestehend aus einer Reiseleiterin, einer einzelnen Frau und einem Ehepaar. Sie werden entlang der Küste in die Casamance fahren und später wieder zurück.
Am nächsten Tag radeln sie zum Eingewöhnen in Richtung Strand, laufen ein Stück dort entlang und kehren zwischendurch in eine Strandbar ein. Ich schließe mich ihnen an und bin anschließend froh, kein Reiseleiter zu sein. Ich frage mich manchmal, ob die Reiseleiterin denen morgens auch noch die Schuhe binden muss. Während die Truppe am nächsten Tag entlang der Küste gen Süden aufbricht, fahre ich nach Norden. In Banjul muss man mit der Fähre den Gambia River überqueren, der hier an der Mündung so breit ist, dass das andere Ufer nur zu erahnen ist. Am Fährterminal dann gleich die erste Herausforderung - der Fahrkartenkauf.
Vor dem Schalter für die Fahrkarten steht keine Schlange, sondern ein riesiger Pulk von Menschen drängt sich in Richtung Fahrkartenverkäufer. Mit dem Fahrrad habe ich hier keine Chance und ich schaue mich um. Eine Polizistin spricht mich an und sagt, sie passe auf mein Fahrrad auf. Ich versuche, auf einigermaßen höfliche Art zu einer Fahrkarte zu kommen, aber das ist in dem Gedränge unmöglich. Ok, wer hier mitspielen will, muss sich wohl an die Spielregeln halten. So drängle ich mich eben auch nach vorne. Hier gibt es keine Fensteröffnung, sondern eine Art waagrechte Schießscharte knapp unter Schulterhöhe, durch die die Leute das Geld reinreichen und ihre Fahrkarte bekommen. 20 Leute strecken da gleichzeitig ihre Arme rein, bekommen eine Fahrkarte zurück und ich kann bei den zusammengeknüllten und fremden Scheinen nicht erkennen, was es kostet. Es steht auch nirgendwo angeschrieben und ob das Fahrrad zusätzlich kostet, weiß ich auch nicht. Die Leute hier ordern ihre Fahrkarte auf Mandinka oder Wolof und ich verstehe kein Wort. Ich schiebe mich langsam vor die Öffnung und strecke beide Arme rein, um sie seitlich abzuspreizen und mich in voller Breite mit den Ellbogen in der "Schießscharte" zu verkeilen. Ich halte das für eine grandiose Strategie, wobei ich mit dieser Meinung ziemlich alleine dastehe. Auch ohne Mandinkakenntnisse kann ich den Unmut der Leute am Tonfall und der Lautstärke erkennen. Aber nur so kann ich nach dem Preis fragen und erklären, dass ich ein Fahrrad dabei habe und der Verkäufer auf der Innenseite kann mich nicht weiter ignorieren, weil keine anderen Arme mehr zu ihm durchkommen, an die er was verkaufen könnte. Mit einer Fahrkarte für mich und einer fürs Fahrrad komme ich zurück zur Polizistin, die mich fragt, was für eine Fahrkarte ich bekommen habe und ich zeige ihr beide. Sie nimmt wortlos eine, gibt sie einem der um eine Fahrkarte Kämpfenden, bekommt dafür das Geld und gibt es mir zurück. Sie meint, als Fußgänger mit Fahrrad reicht eine Fahrkarte und so ist es dann auch.
Auf der anderen Seite des Flusses geht es in Kürze weiter ... dann auch wieder mit ein paar Fotos ...
Gruß Wolfgang
Teil 304. Mai 2013
Auf der Nordseite des Flusses fahre ich die Piste in Richtung Osten. Hier irgendwo liegt übrigens der Ort Juffureh, der Heimat von Kunta Kinte, der durch den verfilmten Roman "Roots" bekannt wurde. Ob es Kunta Kinte jemals gab, ist historisch jedoch nicht einwandfrei belegt.
Die Piste auf der Nordseite des Flusses wird übrigens lieber befahren als die Asphaltstraße auf der Südseite. Diese sei nämlich so schlecht, dass die Fahrt aufgrund der Schlaglöcher dort mehr als doppelt so lange dauern soll. Ich bin schon gespannt auf den Rückweg.
Hier mal die Hauptverkehrsader des Landes auf der Nordseite des Flusses:
Es dauert nicht lange und ich komme an eine Polizeisperre. Man kontrolliert Ausweis und fragt umständlich nach allerlei Sachen und durchsucht ein bisschen. Mir ist klar, dass man ein wenig Schmiergeld von mir will. Ich tue so, als habe ich alle Zeit der Welt und nach einer Weile lassen sie mich so vorbei. Diese Erlebnisse habe ich nun fast jeden Tag, manchmal mehrfach. Die längste Polizeikontrolle dauert ca. 90 Minuten, aber ich zahle nirgendwo etwas. Mir scheint, die Polizisten warten hier seit Wochen oder Monaten auf ihr Gehalt und müssen sich selbst behelfen. Ich weiß allerdings nicht, ob es tatsächlich so ist. An manchen Polizeikontrollen fahre ich einfach vorbei, wenn die Polizisten unbewaffnet sind und kein Fahrzeug zur Verfügung steht. Einmal findet man bei einer Kontrolle mein Pfefferspray, das ich vorsichtshalber gegen Hunde dabei habe. Man kassiert es ein, da es illegal sei und droht damit, dass ich ins Gefängnis müsse. Ein Polizist schreibt einen Bericht, was sehr interessant ist, da er von oben nach unten schreibt (ich glaube, die Wolof schreiben so). Anschließend dreht er das Blatt um 90 Grad und gibt es mir zu lesen. Astreine Schrift. Man erkennt nicht, dass es auf so eigenartige Weise geschrieben wurde. Seine Schmiergeldforderungen sind zunächst etwas "versteckt", aber da ich mich begriffsstutzig stelle, spricht er sie offen aus. Ich drohe damit, mich in der Hauptstadt über ihn zu beschweren. Könnte auch schiefgehen, funktioniert hier aber. Ich darf plötzlich gehen.
Am späten Nachmittag komme ich in eine größere Ortschaft und sehe ein Hospital mit Grünflächen zwischen den einzelnen Gebäuden. Ich frage nach, ob es eine Übernachtungsmöglichkeit im Dorf gibt oder ob ich irgendwo in der Umgebung einen sicheren Platz für mein Zelt finde. Man antwortet mir, ich solle mein Zelt doch einfach hier aufstellen. Während ich mein Zelt aufstelle, bauen die Krankenpfleger/innen Tische und Bänke auf. Als mein Zelt steht, will ich ins Dorf, um mir etwas zum Essen zu kaufen. Man fängt mich ab und bittet mich an einen Tisch. Es wird dunkel und nun darf während des Ramadan getrunken und gegessen werden. Ich bin eingeladen. Erst gibt es eine große Tasse Tee mit Milch und viel Zucker und dann wird ordentlich gespachtelt.
Als ich am nächsten Morgen mein Fahrrad startklar mache, kommt von nebenan ein Krankenpfleger aus seiner Wohnung und meint, er ginge jetzt zur Arbeit, aber ich könne seinen Wasseranschluss nutzen und solle anschließend einfach nur die Tür zuziehen. Die Menschen hier sind offenbar jedenfalls freundlicher drauf als die Polizei. Ich fülle meine Wasserflaschen auf. Das Wasser filtere ich zuvor lieber mal. Als ich das Gelände des Hospitals verlasse, steht vor dem Eingang ein "Krankenwagen". Ein etwa Zwölfjähriger sitzt auf einem einachsigen Eselskarren. Wenn jemand krank ist und nicht mehr laufen kann, bringt er ihn ins Hospital. Leider möchte er nicht fotografiert werden.
Fortsetzung folgt ...
Teil 406. Mai 2013
... Irgendwo auf der Strecke sitzen ein paar junge Männer unter einem Baum und sagen mir, ich solle eine Pause machen, da ich ziemlich erschöpft aussähe. Ich setze mich zu ihnen und sie bieten mir Erdnüsse an. Die wachsen hier wie blöde wild und sie ziehen immer mal wieder einen Büschel raus. Sie fragen mich nach Wasser und ich gebe ihnen welches. Sie öffnen mir dafür in affenartiger Geschwindigkeit die Nüsse. Bis ich selbst drei Nüsse geöffnet habe, streckt mir schon wieder jemand 'ne ganze Handvoll Kerne entgegen. Die Pause zur Abkühlung tut mir gut, die Nüsse auch und die Begegnung mit den netten Leuten erst recht. Ein Pickup hält. Sie steigen auf. Ich fahre weiter.
Es gibt Momente, in denen ich denke, ich kann nicht mehr. Wenn dann ein Fußgänger entgegenkommt, den Daumen nach oben zeigt und "Yes" ruft oder ein Auto hupend entgegen kommt und alle drei Beifahrer sich bis zur Hüfte aus dem Fenster schwingen und mich anfeuern, dann ist plötzlich wieder Kraft in den Beinen und der Hintern schmerzt auch nicht mehr. Das kann man wohl nur nachvollziehen, wenn man es mal erlebt hat.
Irgendwo kommt mir ein Auto mit vier jungen Männern entgegen. Sie stoppen kurz und fragen, ob alles ok ist und wohin ich wolle. Am Nachmittag überholen sie mich auf ihrem Rückweg in Farafenni und halten an. Sie fragen mich, wo ich übernachten wolle. Es würde ja schließlich bald dunkel. Ich antworte ihnen, dass es bestimmt eine Übernachtungsmöglichkeit gäbe und sie sagen, die wäre viel zu teuer. Ich könne auch bei ihnen kostenlos auf dem Compound übernachten und das wäre ganz in der Nähe. Ich solle ihnen einfach hinterher fahren. Sie fahren entsprechend langsam, damit ich ihnen auf den sandigen Pisten folgen kann. Dort angekommen sehe ich eine Großfamilie. Vom einjährigen Kind bis zur bestimmenden Großmutter ist hier alles vertreten. Islam hin oder her - hier ist die Großmutter als Frau der Chef). Sie bieten mir einen Raum an und dafür würde extra jemand umziehen. Ich bedanke mich und baue nach kurzem Gespräch mein Zelt auf. Mein Fahrrad kommt jedoch sicherheitshalber in einen verschlossenen Raum.
Inzwischen wird es dunkel und zum Sonnenuntergang gibt es wieder Tee mit Milch und viel Zucker. Danach gibts etwas zum Essen. es gibt eine große Schale, aus der ich mit den anderen Männern esse. Statt Besteck gibt es hier Brot. Damit klappt man um die Sachen in der Schüssel herum. Das Brot ist somit gleichzeitig Besteck und Nahrungsmittel. An der Stelle wird es aber extrem schwierig für Linkshänder. Die linke Hand wird hier üblicherweise anstelle des Klopapiers verwendet. Zum Essen wird die rechte Hand verwendet. Wer hier als Linkshänder seine gewohnte linke Hand in das gemeinsame Essen führt, macht sich keine Freunde.
Die Frauen und Kinder sitzen ein Stück entfernt und essen ebenfalls aus einer gemeinsamen Schüssel. Am Abend sitze ich bis spät in die Nacht mit den Männern bei grünem Tee zusammen. Es werden immer zwei Gläser aufgebrüht. Eines davon bekomme als Gast fast immer ich, das andere wechselt reihum. Einige hier rauchen Weed oder Dagga, oder wie das Zeug hier genannt wird. Offizielle Mindeststrafe im Falle des Erwischtwerdens sind fünf Jahre Gefängnis. In der Praxis wechseln dann wohl einfach ein paar Scheine in die Taschen der Uniformierten.
Die Familie bittet mich, noch einen Tag zu bleiben und das mache ich dann auch. Am nächsten Morgen koche ich mir Wasser und die etwas älteren Kinder spielen abseits Fussball. Die so ca. 3-5 jährigen stehen vorsichtig ein paar Meter entfernt, aber der Kleinste von ihnen, vielleicht 1,5 Jahre alt, kommt völlig ohne Scheu zu mir und setzt sich neugierig direkt neben mich. Als ich meine Tasse auspacke, läuft er los und lässt sich von einer der Frauen eine Tasse geben. Dann kommt er wieder zu mir und ich mache uns beiden einen Kakao. Zum Essen habe ich gerade nichts Anderes als etwas trockenes Brot vom Vortag, aber das ist dem Dreikäsehoch egal. Er sitzt zufrieden mit seinem Kakao neben mir und mampft etwas von dem Brot in sich hinein. Einige der Frauen beobachten das Ganze amüsiert aus einiger Entfernung.
Am Vormittag begleiten mich drei junge Männer auf den Markt. später laufe ich ein wenig durch die Kleinstadt und zur Dämmerung sitze ich wieder mit den Männern beim Essen. Heute gibt es Nudeln, die ich im "Supermarkt" gekauft habe. Außerdem habe ich etwas Tee mitgebracht. Wir sitzen später auch anschließend wieder stundenlang beisammen. Ohne Tee geht es hier nicht ...
Hauptstraße in Farafenni:
Auf dem täglichen Markt von Farafenni gibt es auch Markenartikel bekannter Sportfabrikanten. 😉
Und hier noch ein paar Fotos vom Wochenmarkt außerhalb der Stadt.
Fortsetzung folgt ...
Teil 507. Mai 2013
Begegnungen unterwegs:
Grenzübergang nach Norden
Auf meinem Weg nach Osten biege ich irgendwann für einen Abstecher in den nördlichen Senegal nach links ab. Der Grenzübertritt ist problemlos und danach fahre ich ein wenig über Pisten durch die Dörfer. Hier ist es mit Englisch natürlich schon schwieriger und viele Menschen sprechen auch kein Französisch, sondern nur Wolof und/oder Mandinka. Irgendwo treffe ich einen Mann, der sehr gut Englisch spricht und frage ihn, wie ich zurück nach Gambia komme. Er geht mit mir durchs Dorf, um mir den Weg zu zeigen und als wir an einer Gruppe im Schatten sitzender Männer vorbeikommen, erklärt er mir zur allgemeinen Erheiterung, wie ich sie auf Wolof begrüßen muss und wie man darauf antwortet. Am Ende des Dorfes kommen wir zu einem Trampelpfad und er meint, diesen müsse ich einfach folgen und dann käme ich nach Gambia. Der Pfad führt stundenlang zwischen dornigen Büschen durch und ist sehr eng. Wird der Weg sandiger und ich muss schieben, scheuern die Packtaschen auf der einen Seite und auf der anderen Seite kratze ich meine Unterschenkel auf. Gelegentlich komme ich durch kleine Dörfer und weiß nicht, ob ich schon wieder in Gambia oder noch im Senegal bin. Hier kann ich mich mit niemandem mehr verständigen. Auf mein fragendes "Gambia?" zeigt man mir immer die Richtung an und es geht weiter über Pfade und Pisten, bis ich irgendwann die nördliche Hauptpiste in Gambia erreiche.
Dorfbrunnen am Rande der Dörfer unterwegs
Möglicherweise habe ich nun ein Problem. Ich habe einen Ausreisestempel von Gambia und einen Einreisestempel vom Senegal, bin aber ohne entsprechende Stempel für die Rückkehr wieder in Gambia, da ich auf irgendeinem Trampelpfad an unbekannter Stelle die Grenze überschritten habe. Ich fahre in die nächste Kleinstadt mit Polizeiwache und erkundige mich, aber nach Durchsicht meines Passes meint man, das wäre ok so. Nach meiner Einreise in Gambia dürfe ich 30 Tage im Land sein und es sei egal, ob ich zwischendurch das Land verlassen habe und wie ich da wieder zurück kam.
Löwe oder nicht? ...
Irgendwo in der Pampa sehe ich 50-70 Meter entfernt ein Tier laufen. Es hat diesen lässigen "schlurfenden" Gang eines Löwen, doch diese sollen sehr selten sein und nur noch viel weiter östlich vorkommen. Durch das Gestrüpp kann ich das Tier nicht so recht erkennen und rede mir ein, dass es wohl ein großer Hund sein wird. Fernab eines Dorfes klingt das allerdings auch nicht wirklich plausibel. Jetzt gibt es auf Anhieb zwei Möglichkeiten: ich radle weiter und lebe fortan jahrelang mit dem Zweifel, ob das ein Löwe war oder nicht. Alternativ könnte ich auf das Tier zugehen und Gewissheit erlangen, aber möglicherweise nicht mehr jahrelang leben. Ich entscheide mich für Variante A und erkenne erst später eine dritte Variante: wahrscheinlich hatte ich gerade eine neue Tierart entdeckt. 😉
Fortsetzung folgt ...
Teil 610. Mai 2013
Casamance
Ich fahre in Richtung Casamance und frage unterwegs einen Polizisten, wie die Sicherheitslage aufgrund der Aktivitäten der MFDC dort gerade ist. An der Grenze frage ich ebenfalls nach. Beide Male erzählt man mir, dass es derzeit ruhig ist und ich passiere die Grenze auf dem Weg nach Süden, um die Hauptstadt Ziguinchor zu erreichen. Gelegentlich gibt es kleine Militärcamps entlang der Straße, aber die Leute wirken völlig entspannt. Da die MFDC bei ihren Aktionen zudem darauf achtet, dass keine unbeteiligten Touristen in Mitleidenschaft gezogen werden, scheint mir eine Fahrt durch die Casamance unproblematisch. Ohne größere Geschichten nun einfach mal ein paar Fotos von Eindrücken und Begegnungen unterwegs. Von Ziguinchor dann wieder mehr Text ...
Mit Sand gefüllte Sardinenbüchsen sind das vermutlich einzige Spielzeug dieser Kinder. Und sie sind stolz darauf ...
Wegweiser in einer Kleinstadt und ein aus flachgeklopften Fässern gebauter Schuppen
In einer kleinen Kaschemme mache ich kurze Mittagspause. Während mein Fahrrad gelangweilt an der Tür steht, stille ich meinen Wissensdurst und probiere das erste Bier des Senegals. Davor hält ein Bus und ich beobachte das geschäftige Treiben einiger Händler, die mit ihren Waren an den Bus gelaufen kommen und sie durchs Fenster verkaufen.
Anschließend fotografiere ich noch einige Kinder, die sich meist sehr darüber freuen. Dieser Junge hier ist besonders stolz, das Hauptmotiv zu sein. Er verkauft grünen Tee, der hier und in Gambia traditionell immer in einer kleinen Kanne aufgebrüht wird. Dann wird ein Teeglas aufgefüllt und aus zunehmender Höhe in ein zweites gegossen. Das wird mehrere Male wiederholt, wobei der Tee etwas zu schäumen beginnt. Nach einigen Durchgängen sind beide Gläser einigermaßen voll. 😉
Dieses Foto erinnert mich immer an die Daltons ... 😉
Dieses Foto hat eine missglückte Idee als Grundlage. Damit ich die Kinder nicht von oben fotografiere, gehe ich in die Hocke. Die Kinder machen es mir umgehend nach und sorgen dafür, dass die Perspektive praktisch unverändert bleibt. 😉
Am Wochenende gehts weiter ...
Teil 712. Mai 2013
Ziguinchor
Der Weg nach Ziguinchor führt durch Mangrovengebiete. Zeitweise ist die Straße auch links und rechts direkt von Wasser umgeben.
Ziguinchor hat etwa 200.000 Einwohner, einen Hafen und einen Flughafen. Trotzdem wirkt die Stadt nicht wie eine Großstadt auf mich. Ich finde eine Unterkunft, die ich zunächst nicht bezahlen kann. Ich habe kein Geld mehr und wegen der Feier zum Ende des Ramadan sind alle Banken zwei oder drei Tage geschlossen. Ich frage einige Leute, wo ich Geld tauschen könne und jemand zeigt mir den Weg zu einem Supermarkt. Der indische Besitzer wechselt zum offiziellen Kurs auch nebenbei Geld. Irgendwie gibts in Afrika wohl scheinbar immer eine Lösung.
In Ziguinchor finde ich ein kleines Lokal, in dem ich essen gehe. An einem der Tische sitzt eine junge Frau, die ein Buch liest, mich neugierig anspricht und fragt, woher ich komme. Als sie hört, dass ich aus Deutschland komme, freut sie sich. Ihr Buch ist ein Sprachführer für die deutsche Sprache. Nun versucht sie, sich auf Deutsch mit mir zu unterhalten, was auch relativ gut klappt. Sie erzählt, sie wäre verheiratet, aber ihr Mann habe sicherlich nichts dagegen, wenn ich bei ihnen übernachte und sie wohne ganz in der Nähe. Da ich ja bereits eine Unterkunft habe, lehne ich das ab, begleite sie aber nach Hause und lerne auch ihren Mann kennen.
Moschee in der Stadt
In meiner Unterkunft frage ich am nächsten Morgen, ob man zufällig weiß, wo sich das Konsulat von Guinea-Bissau befindet. Zufällig weiß man es. Es befindet sich im Gebäude nebenan. Am nächsten Morgen gehe ich dorthin und sehe, dass es heute geschlossen ist. Morgen ist wieder geöffnet. Ein Passant meint, ich solle ruhig mal über die Außentreppe hochgehen, denn er habe jemanden kommen sehen. Ich gehe also nach oben und klopfe an. Der Konsul ist tatsächlich kurz da, weil er etwas im Büro vergessen hatte und es holen kam. Er ist sehr nett und erteilt mir das Visum für Guinea-Bissau außerhalb der Öffnungszeiten. Er freut sich, dass ein deutscher Tourist hier ist und spricht auch ein wenig Deutsch. Die Daten meines Passes und des Visums werden in ein Buch eingetragen. Ich bin Mitte/Ende November erst der 25. des Jahres, der hier ein Visum ausgestellt bekommt. Da es noch früh am Morgen ist und die Grenze nicht weit, fahre ich gleich los. Eine Landkarte habe ich zwischenzeitlich natürlich nicht bekommen. In meinem Westafrika-Reiseführer ist eine Karte in der Größe einer Zigarettenschachtel abgebildet. Etwa fünf Städte sind eingezeichnet und keine Straßen. Zur groben Orientierung wirds schon reichen, denke ich mir.
Das Gebäude mit der Markise ist meine Unterkunft. Das Gebäude davor mit der Flagge ist das Konsulat von Guinea-Bissau.
Kinder beim Tischfußball. Man achte auf das Schild mit dem Namen des Ladens ...
Guinea-Bissau
Als ich die Grenze erreiche, erkundige ich mich erst einmal wieder nach der Sicherheit. Ich denke an die Rebellen der MFDC und die Minengebiete im Bereich der Grenze in Richtung Küste. Es sei alles ok, heißt es. Was ich erst nach meiner Rückkehr auf der Seite des Auswärtigen Amtes lese, ist eine Schilderung von einem Militärputsch, der nicht mal eine Woche zuvor stattgefunden hatte. Europäer sollten sich nicht im Land aufhalten und schon gar keine Reisen über Land durchführen. Jetzt ist mir auch nachträglich klar, warum jeder Zweite hier mit einem Gewehr unterwegs war. Ich habe naiverweise gedacht, die schießen sich hier halt bei Gelegenheit was fürs Abendessen. An der Grenze muss ich in vier Baracken (Zoll, Militär, Polizei, Intelligence Office), wo man jedesmal wichtigtuerich den Pass durchblättert und mir dann insgesamt vier Einreisestempel verpasst. Was ich erst viel später merke, ist die Tatsache, dass mein Visum erst am dem nächsten Tag gilt. Die hätten mich noch gar nicht einreisen lassen dürfen.
Die Verständigung wird nun deutlich schwieriger. Portugiesisch spreche ich nicht, aber selbst 70% der Einwohner sprechen nur Kreol/Creole. Englisch oder Französisch (mein Französisch ist vergleichbar mit meinen Kiswahili-Kenntnissen) spricht kaum jemand. Ich fahre zunächst zur Küste in Richtung Varela. Die Piste verlasse ich wegen der Minengefahr nicht. In einem kleinen Dorf am Strand kann ich mein Zelt aufstellen. Vor dem Bürgerkrieg hat man hier begonnen, auf Tourismus zu setzen und eine Hotelanlage und ein Einkaufszentrum zu bauen. Die Ruinen stehen hier noch rum. Das Dorf hat vielleicht 300(?) Einwohner.
Piste nach Varela
Bauruinen am Strand
Überreste eines gestrandeten Schiffes
Mitten in der Nacht plötzlich ein lauter Knall. Ist das ein Schuss und vielleicht ein Überfall der Rebellen? Gefühlte drei Sekunden setzt mein Herzschlag aus. Kurz später merke ich, dass nur ein Zeltgestänge gebrochen ist. Das Zelt ist nagelneu und seit gerade zwei Wochen in Benutzung. Es gab weder windiges oder gar stürmisches Wetter auf der Reise und das Material habe ich auch umsichtig behandelt. Ich habe hier ein Zelt der damals hochgelobten Firma Wechsel, die für deutsche Wertarbeit steht. An dieser Stelle möchte ich daher angemessene Werbung für diese Firma machen. Mein bisheriges Zelt (von Eureka) war 10 Jahre bei zum Teil heftigen Stürmen im Einsatz und das Außenzelt hielt nun der UV-Strahlung einfach nicht mehr stand und ging kaputt. Das Gestänge sah aber immer noch aus wie am ersten Tag.
Wer also mal eine Reise plant, während der er sich auf sein Zelt verlassen können muss und ein Abenteuer erleben will, dem kann ich ein Zelt der Firma Wechsel nur wärmstens empfehlen.
Fortsetzung folgt ...
Teil 823. Mai 2013
... so, weiter gehts.
Kinder posieren stolz für ein Foto. In der Bildmitte ein selbstgebastelter "Lkw" aus einem Karton und Konservendosen.
Der Lkw hat einen Achsschaden und muss repariert werden.
In Richtung Hauptstadt
Ich will in die Hauptstadt und auf dem Weg dorthin steuere ich die erste auf meiner kleinen Karte verzeichnete Stadt ein. Ich gehe davon aus, dass es sich hierbei um die fünf größten oder wichtigsten Städte handeln würde. So leicht kann man sich irren. Ich fahre zunächst auf einer sehr guten Asphaltstraße, die aber langsam schmaler wird. Sie wird einspurig, dann zur Piste und endet an drei Hütten vor einem breiten Fluss. Zwei Männer kommen und bieten mir an, mich mit einem Einbaum überzusetzen. Kreol und Portugiesisch verstehe ich nicht, aber einer der Männer kann auch Französisch und nennt mir den Preis für die Überfahrt. Der Betrag ist völlig überhöht und so "verstehe" ich den auch nicht. Ich hole etwas Geld hervor, das ich für angemessen halte und zeige es ihnen. Der eine der beiden nickt nun und wird vom anderen sofort ausgeschimpft. An die Zusage hält man sich nun aber und ich komme für diesen (immer noch zu hohen) Betrag auf die andere Seite. Das Boot fährt hier zwischen Mangrovenwurzeln durch, an denen Schlammspringer zu sehen sind. Dann lässt man mich an einem Trampelpfad aussteigen. Nach 500 Metern komme ich in ein kleines Dorf mit ein paar hundert Einwohnern. Es entpuppt sich tatsächlich als eines der "Städte", die auf meiner Karte verzeichnet sind.
Auf dem Trampelpfad vom Fluss ins Dorf kommend werde ich sofort angesprochen und gefragt, woher ich komme und wohin ich will, aber natürlich zunächst mal wieder die üblichen Verständigungsprobleme ... Kreol, Portugiesisch. Ich frage auf Französisch, ob es im Dorf jemanden gibt, der Englisch spricht und man schickt sofort ein Kind los, um ihn zu holen (es gibt nur einen). Nur wenige Minuten später kommt ein junger Mann mit Trikot und Fußballschuhen. Man hat ihn direkt vom Spielfeld geholt. Er ist 18 Jahre alt und stammt aus Sierra Leone. Seine Eltern wurden im Bürgerkrieg ermordet. Was mit seiner Schwester passierte, weiß er nicht. Er konnte als Kind flüchten und kam schließlich in dieses Dorf, wo ihn der Dorfchef quasi adoptierte. Er lebt seit Jahren bei ihm und fragt ihn, ob ich mein Zelt vor seinem Haus aufstellen darf. Etwa 30 Leute stehen nun herum und schauen zu, wie ein Zelt aufgebaut wird. So etwas hat man hier ja noch nie gesehen. Abends sitzt er mit mir und dem Dorfchef beisammen und wir essen Reis zu dritt aus einem Topf. Am nächsten Morgen zeigt er mir das Dorf und erklärt mir, wie man Palmwein herstellt. Ein aus einer Kalebasse gemachter Schöpflöffel liegt von Insekten übersäht im Gras. Er wird kurz abgeschüttelt und Palmwein eingefüllt. Dann trinken wir abwechselnd daraus. Ein paar kleine Käfer und Fliegen schwimmen noch darin rum. Solche Kleinigkeiten stören hier aber keinen. Die trinken ja auch kaum was von dem Palmwein ... Irgendwo kommen wir an einem Gelände vorbei, an dem etwa ein Dutzend Frauen eine Fläche roden. Hier soll eine Schule entstehen. Eine der Frauen, die hier mit der Spitzhacke am Werke ist, ist hochschwanger und hat zusätzlich noch ein kleines Kind auf den Rücken gebunden. Ich bin fassungslos, aber hier ist sowas völlig normal. In Deutschland befände sie sich längst in Mutterschutz und hier schuftet sie wie ein Bauarbeiter. Die Männer sitzen derweil im Schatten eines Mangobaumes und diskutieren über die Gründe, warum es in Afrika nur so schleppend voran geht ...
Mit Kürbispflanzen bewachsene Hütte im Dorf
Fortsetzung folgt ...
Teil 924. Mai 2013
... und weiter gehts mit dem bereits letzten Teil. Ich kann ja auch nix dafür, dass mein Urlaub immer so kurz ist. 😉
Dorf entlang der Straße in Guinea-Bissau
Alte portugiesische Relikte in einer kleinen Stadt
Die Hauptstadt Bissau und der Rückweg
Als ich in die Hauptstadt komme, stehen am Straßenrand zerschossene Panzer. Zu diesem Zeitpunkt denke ich, dass die noch aus dem Bürgerkrieg stammen. Vielleicht stammen sie aber auch vom kürzlich erfolgten Militärputsch, von dem ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nichts weiß. Die Stadt selbst gefällt mir gar nicht. Ich verlasse sie noch am gleichen Nachmittag und finde in einem kleinen Dorf in der Nähe ein Platz für mein Zelt.
Auf dem Rückweg in Richtung Senegal halte ich mich nun an die großen Straßen mit Wegweisern. Die Straßen sind in einem Top-Zustand und kaum befahren. Irgendwo zieht ein Einheimischer mit einem Rennrad an mir vorbei. Ich merke, dass er an der Stelle extra beschleunigt und lasse mich nicht auf ein Wettrennen ein. Das ist anscheinend überall in Afrika ein beliebter Zeitvertreib, aber unbeladen ist er zu schnell und außerdem dauert der Tag noch lange. Er ist bald aus meinem Blickfeld verschwunden, aber einige Stunden später sehe ich ihn wieder. Er fährt immer noch auf der gleichen Strecke wie ich und es ist für Afrikaner sehr ungewöhnlich, Langstrecken mit dem Rad zu fahren. Das Fahrrad wird in vielen Ländern verwendet, um in einem Dorf oder bis zu dem übernächsten etwas zu transportieren oder die Strecke zurückzulegen, um etwas zu erledigen, aber dieser Radler hier fährt seit mindestens 60 km in diese Richtung. Ich komme langsam näher und er dreht sich ständig um und versucht, den Abstand zwischen uns nicht zu verkleinern, aber er hat sich ein bisschen verschätzt und ist am Ende seiner Kräfte. Als die Grenzstadt in Sichtweite kommt, animiert mich das nun doch zu einem Wettrennen. Ich schalte die Kette nach rechts und gebe Gas. In der größten Übersetzung jage ich auf ihn zu und er dreht sich immer wieder um und gibt alles. Kurz vor den ersten Häusern, der imaginären Ziellinie, spurte ich an ihm vorbei. Er dreht lächelnd seinen Kopf zur Seite, nimmt eine Hand vom Lenker und zeigt anerkennend mit dem Daumen nach oben. Dann lassen wir beide das Rad wieder ausrollen. Das sind so die völlig sinnlosen Momente einer Radreise, aber auch die machen manchmal Spaß.
Banjul und Serekunda
Irgendwann zurück in Gambia besuche ich zwei der heiligen Krokodilpools, von denen es wohl drei im ganzen Land gibt. Der eine ist ziemlich enttäuschend, aber an dem Katchikally Pool in Bakau leben etwa 100 Krokodile in einem Teich, den man auf einem Fußweg umrunden kann. Die bis zu vier Meter langen Krokodile liegen hier oft direkt am Ufer, manchmal auch auf der anderen Seite des Weges. Die Einheimischen kommen hier zum Beten her, aber für die wenigen Touristen ist es natürlich eher ein Spektakel. Man kommt sehr nahe an die Tiere und läuft manchmal nur in 2-3 Meter Abstand an ihnen vorbei. Ein Krokodil hat sogar einen Namen. Charly ist bekannt dafür, dass er völlig apathisch in der Sonne liegt und sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Man kann das Krokodil sogar anfassen und scheinbar interessiert es das Tier gar nicht. Auch ich habe Charly neugierig angefasst, aber man sollte trotzdem bedenken, dass es ein wildes Tier ist und im Falle eines Falles extrem schnell reagieren und zubeißen kann. Mit über 2 Meter Länge sollte man ihm zumindest in Wassernähe nicht zu nahe kommen. Im Wasser hat man gegen das Tier keine Chance mehr.
Prostitution
Die Region um die Hotels an der Küste sind recht beliebt bei Sextouristen beiderlei Geschlechts. Pauschalreisen nach Gambia sind günstig und die Einheimischen brauchen Geld. So kommt zusammen, was sich sucht. Man sieht immer wieder mal etwas ältere Männer und Frauen mit meist deutlich jüngeren Einheimischen des anderen Geschlechts. Manche dieser Begegnungen mögen unverfänglich sein, aber manchmal ist es recht eindeutig. Ich komme mit verheirateten Leuten ins Gespräch, die hier ohne Ehepartner unterwegs sind und sie erzählen zum Teil erschreckend freizügig.
Zurück in Deutschland
Nach meiner Rückkehr nach Deutschland erfahre ich, dass in Guinea-Bissau gerade ein Militärputsch (ist anscheinend Volkssport im Land) war, während ich noch in Gambia und Senegal unterwegs war. Das Auswärtige Amt rät aus Sicherheitsgründen von Überlandfahrten in Guinea-Bissau ab. Ich war nur wenige Tage danach unterwegs und bekam gar nichts davon mit. Ich wunderte mich nur, warum viele Menschen mit Gewehr unterwegs waren und dachte, sie schießen sich vielleicht gelegentlich mal ein Abendessen. Falsch gedacht ... war wohl zur Verteidigung im Falle weiterer Eskalationen ...
So, das wars mal wieder. Vielleicht schreibe ich demnächst mal 'nen kurzen Bericht über die allererste Radtour, mit der alles begann. Ich habe das Improvisieren auf Radtouren schon als Schüler unterwegs in Deutschland gelernt ... 😉