Dialog mit den Hereo und Entschädigungen.

15 Antworten · 3'675 Aufrufe · gestartet 03. Feb. 2012 von Guido.
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ThemenstarterGast03. Feb. 2012 ·
Hallo,

vielleicht interessiert es ja Einige:

In der AZ steht heute mal wieder ein Bericht zum Dialog zwischen Deutschland und den Hereros bezüglich der Verbrechen von deutscher Seite während des Kolonialkrieges. Bemerkenswert fand ich die sprachliche Kreativit der Herero. Haben die PR-Berater? Sie fordern nun "restaurative Justiz und Gerechtigkeit". Das klingt doch viel sympathischer als die plumpe Forderung nach Milliardenzahlungen.
http://www.az.com.na/politik/friedensdialog-ist-zu-retten.142270.php

Dann gab es heute noch ein Urteil des Internationalen Gerichtshofes, das auf den ersten Blick gar nichts mit den Hereros zu tun hat. Tatsächlich dürfte es zumindest im juristischen Sinne alle Chancen der Herereo begraben, jemals eine Entschädigung zu bekommen.

Worum ging es: Ein Italiener wollte für seine Zwangsarbeit während der Nazizeit von Deutschland entschädigt werden. Nachdem er bei deutschen Behörden abgeblitzt war, klagte er in Italien. Er scheiterte in der ersten Instanz und in der zweiten Instanz. Staaten genießen schließlich Immunität. Das höchste italienische Gericht urteilte aber überraschend, dass Staaten zwar schon Immunität genießen, aber wenn es um schwerste Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht geht, darf man sie trotzdem auf Schadensersatz verklagen. Dann wurde mal fix eine deutsche Immobilie in Italien gepfändet. Die Griechen wollten freudig mitmachen und gleich mal das Goethe-Institut in Athen pfänden.

Deutschland hat dann vor dem Internationalen Gerichtshof gegen Italien und Griechenland geklagt. Und heute Recht bekommen. Hätte der internationale Gerichtshof anders geurteilt, dann hätten auch die Herero gute Chancen auf dem Klageweg gehabt. Zweimal haben sie schon versucht, Deutschland auf Milliardensumme zu verklagen. Dann hätte man allerdings die Büchse der Pandora geöffnet und weltweit eine gigantische Klagewelle gegen viele Länder losgetreten. Man denke nur an die Kolonialzeit, die in vielen Gegenden erst zwischen 1945 und 1975 auslief.

Das Ganze ist natürlich immer eine zweischneidige Angelegenheit, weil dem klagenden Italiener zweifelsohne großes Unrecht angetan wurde. Allerdings nicht von der heutigen Generation, die nun zahlen müsste.

Beste Grüße

Guido
zuletzt bearbeitet 03. Feb. 2012
5'538 Beiträge · seit 200803. Feb. 2012 ·
Danke, Guido, für diesen Artikel.

Ich denke, dass die Herero so lange keine Ruhe geben werden, bis die Generation der jetzigen Häuptlinge gegangen ist. Ich hoffe sehr, dass dann die jüngere Generation diese Forderungen nicht übernehmen wird. Ich sehe unabhängig von der Schuldfrage ohnehin keine Chance für die Hereros, denn mit Recht weist Du auf die weltweiten Folgen eines Nachgebens der Bundesrepublik hin. Da wird sicherlich schon vom Ausland auf Berlin großer Druck ausgeübt werden nicht nachzugeben.

Wie Du auch sehr richtig schreibst, sind es unsere Vorvorvorfahren gewesen, die sich möglicherweise mit Schuld beladen haben. Ich mag das nicht beurteilen, denn ich habe da so viel Widersprüchliches gelesen und gehört, dass ich mir wirklich kein Urteil erlauben kann. Aber eines sehe ich unabhängig von der Schuldfrage nicht ein. Dass die jetzige Generation dafür büssen soll, was vor Urzeiten passiert ist.

Liebe Grüße
Gerd
1'115 Beiträge · seit 201003. Feb. 2012 ·
Na also, jetzt hat der int. Gerichtshof das Ganze mal gestoppt.

Ansonsten wäre ich dann auch aktiv geworden. Die Aufwendungen, die wir Helvetier durch unsere Auswanderung, der Niederlage von Bibracte durch Cäsar, sowie die Zwangsweise Rückkehr, hätte ich dann mal in Italien eingefordert 🤩 😈

Gruss Rajang
1'125 Beiträge · seit 200603. Feb. 2012 ·
Ja, Rajang, und ich hätte mich angeschlossen wegen Caesars Sieg gegen Ariovist, einen Sueben - denen ich angehöre. Und da dieser Sieg im Elsaß stattfand, hätte sich Sarkozy mir angeschlossen.
Ist natürlich grotesk überzogen, aber es zeigt in der Überspitzung die Unsinnigkeit des Begehrens.
Ich würde mich gerne mal von einem objektiv schreibenden, von keinerlei ideologischen Interessen geleiteten Historiker (falls es so jemanden geben kann) darüber informieren lassen, was eigentlich damals wirklich vorgefallen ist. Ich lese dies und jenes - und immer habe ich das Gefühl, da ist entweder Apologie oder Ideologie im Spiel.
Kann mir jemand eine Lektüreempfehlung geben, die mich zur 'Wahrheit' führt? Aber an der Wahrheitsfrage sind schon andere gescheitert.... (Pontius Pilatus: 'Was ist Wahrheit?'). Irgendetwas, was auch den naiven Berliner Schülern (niemand werfe ihnen das vor!) weiterhelfen könnte (AZ-Berichte + Leserbriefe, bei denen mich auch manchmal graut)? Bei der Lehrerin habe ich diese Hoffnung verloren.
Dieser Post ist ernsthaft gemeint und eignet sich nicht für Polemik.
Mit herzlichem Gruß
Rodrigo
Omnia vincit amor
zuletzt bearbeitet 03. Feb. 2012
5'538 Beiträge · seit 200803. Feb. 2012 ·
Hallo Guido,

ich habe mal den ersten von Carsten erwähnten Aufsatz gelesen. Ist zwar leider ein für mich nicht nachvollziehbarer Zahlenfriedhof, aber der nachfolgende Satz hat mich doch sehr überrascht:

.......wies auch auf die Tatsache hin, daß der Befehl zwei Monate nach der entscheidenden Schlacht bei Hamakari gegeben wurde, als der Krieg so gut wie vorbei war, und sie legte dar, daß der Befehl ein erfolgreicher Versuch in psychologischer Kriegsführung war, dem keine Taten folgten.

Das stellt aus meiner Sicht die ganzen Genozid-Behauptungen in Frage. Ich traue mir zwar immer noch kein Urteil zu, aber wenn das stimmt, sehe ich erst Recht überhaupt keinen Grund, den Forderungen der Hereros nachzukommen.

Liebe Grüße
Gerd
4'142 Beiträge · seit 200904. Feb. 2012 ·
Hallo,
eigentlich wollte ich mich ja zu solchen Themen nicht äußern.
Aber als Historiker geht es mir schon seit einiger Zeit sehr gegen den Strich, dass bei dem Schießbefehl von Trotha immer nur die erste Seite zitiert wird. Wenn man die zweite Seite dazu nimmt, wo ausdrücklich kein Töten der Kinder und Frauen verlangt wird, dann kann man meines Erachtens nach der Definition von "Genozid" nicht von einem solchen sprechen.
Siehe dazu:
http://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/00663/index-15.html.de
Gruß:
Burschi
21x Namibia, 6x Botswana, 6x Südafrika, 4x Simbabwe, 2x Sambia, 1x Tansania, 2x Kenia, 1x Mauritius, 1x Sansibar
359 Beiträge · seit 201004. Feb. 2012 ·
Liebe Fomis,

also die Diskussion um Entschädigung finde ich gar nicht das Problem. Habe ich mich auch nicht so intensiv mit beschäftigt. Der arme Lindner hat da nach seiner tollen Arbeit in Nairobi echt einen undankbaren Job abbekommen.

Was mir aber echt Angst macht ist die Diskussion die hier allenthalben geführt wird, wenn mal eine Schulklasse aus D einen ja, unglücklichen Brief schreibt.

Und wenn ich dann in der (meines erachtens gibt es bessere Schülerzeitungen) AZ eine ganzseitige 100 Jahres Reiterdenkmalfeier Reportage sehe, in der doch allen ernstes Typen abgebildet werden die extra aus Deutschland angeflogen kommen um mit originalgetreuer Uniform und Reichskriegsflagge zu posieren kriege ich echt Schüttelfrost (wurden zu der Feier eigentlich die Herero Häuptlinge eingeladen?).

Ich habe absolut nichts gegen das Reiterdenkmal und die Beschäftigung mit Geschichte und Tradition. Aber ich weiss ja nicht was z.B. los wäre, wenn die Russen jedes Jahr auf der Straße des 17. Juni eine Panzerparade abhalten würden.

Gruß aus Windhoek
Kowo
zuletzt bearbeitet 04. Feb. 2012
5'538 Beiträge · seit 200804. Feb. 2012 ·
Hallo Kowo,

Und wenn ich dann in der ..... AZ eine ganzseitige 100 Jahres Reiterdenkmalfeier Reportage sehe, in der doch allen ernstes Typen abgebildet werden die extra aus Deutschland angeflogen kommen um mit originalgetreuer Uniform und Reichskriegsflagge zu posieren kriege ich echt Schüttelfrost (wurden zu der Feier eigentlich die Herero Häuptlinge eingeladen?).

da hast Du Recht. Und diese Typen sind m. E. mit ein Grund dafür, dass bestimmte Themen nicht zur Ruhe kommen. Denn diese Veranstaltungen sind aus meiner Sicht nichts anderes als Herausforderungen von ewig Zurückgebliebenen an die heutige Generation. Aber leider finden sich ja noch mehr als genug, die bei solchen Veranstaltungen laut Beifall klatschen und der "heldenhaften" Vergangenheit nachtrauern.

Nein, ich bin nicht links und nein, ich gehöre auch nicht zu denen, die alles, was unsere Ururgroßeltern gemacht haben, als falsch empfinden. Ich bin sogar der Meinung, dass wir ihnen nicht gerecht werde, wenn wir deren Handeln heute mit unseren heutigen Kenntnissen beurteilen. Das finde ich nämlich ziemlich unfair. Wenn wir schon meinen, ein Urteil abgeben zu müssen, dann sollten wir uns auch in die Situation von damals versetzen. Was hatten die Menschen damals für einen Wissensstand? Wie waren sie erzogen worden (z. B. in Bezug auf schwarz und weiß)? Wie war die politische Lage? Wie standen die Kirchen zu der Rassenfrage? Fühlten sich die Farmer im Recht, weil sie der Meinung waren, das Land rechtmäßig erworben zu haben? Und das sind nur ein paar Fragen, die wir uns beantworten müssen, bevor wir ein Urteil über die Handlungen von damals fällen.

Und deshalb kann ich weder die Denke der Heldenverehrer noch die der roten Heidi 2004 nachvollziehen.

Liebe Grüße
Gerd
zuletzt bearbeitet 04. Feb. 2012
359 Beiträge · seit 201004. Feb. 2012 ·
Hallo Gerd,

genauso sehe ich es auch. Tröste Dich, ich gehöre ja der jüngeren Generation an. Hier in Windhoek kennen wir mittlerweile sehr viele Deutsch-Namibier und keiner von denen tickt so.

Leider wird die Vergangenheit (die Zeit der Apartheid ist noch so gut wie kein Thema)immer erst mit etwas Abstand verarbeitet und dabei einigermassen neutral behandelt. Liegt ja in der Natur der Sache.

Für Leute wie uns ist es jedoch schon bedrückend nach Windhoek zu ziehen und von den Nachbarn mit einem: "Toll, ihr habt ja die richtige Hautfarbe" begrüsst zu werden (wir wohnen in Eros wo es so ziemlich gar keine dunkelhäutigen Hausbesitzer gibt), oder mit dunkelhäutigen Bekannten zum Reiterhof zu fahren und gesagt zu bekommen, dass es hier so etwas ja noch nie gegeben habe".

Ich bin jedenfalls einigermassen gespannt wie lange die AZ mit solcher Berichterstattung noch existieren kann und wie der 150igste Geburtstag vom Reiterdenkmal so aussieht.

Gruß aus Windhoek
Kowo
5'538 Beiträge · seit 200804. Feb. 2012 ·
Hallo Kowo,

Ich bin jedenfalls einigermassen gespannt wie lange die AZ mit solcher Berichterstattung noch existieren kann und wie der 150igste Geburtstag vom Reiterdenkmal so aussieht.
......und ab wann Africaans eine nur noch von einer sehr geringen Minderheit beherrschten Sprache wird.

Gruß
Gerd
557 Beiträge · seit 200912. Apr. 2012 ·
Hallo und guten Tag,

ich habe heute einen Artikel in der AZ gelesen, der vielleicht das eine oder andere Forumsmitglied interessiert:

http://www.az.com.na/politik/von-der-vershnung-zur-spaltung-spuren-der-entfremdung.146285.php

Gruß Eto
Reisebericht: Nördliches Tansania u. Sansibar 2010 http://www.namibia-forum.ch/forum/158-diverses/153776-reisebericht-noerdltansania-usansibar-febr-2010.html
69 Beiträge · seit 201012. Apr. 2012 ·
Hallo zusammen,

Ja und wiedermal diese Frage!

Wichtig, es muss unterschieden werden zwischen den historischen Geschehnissen damals und dem politischen und gesellschaftlichen heutigen Umgang damit. Das sind zwei Fragen welche nicht direkt miteinander verbunden werden können. Zu den Geschehnissen von damals sind sich heute sogut wie alle ernstzunehmenden Historiker einig, dass es sich klar um einen Genozid/Völkermord handelte- dies ist aber ncoh keine Antwort darauf wie heute damit umgegangen werden soll.

Sehr zu empfehlen dazu:
Kolonialschuld und Entschädigung:
der deutsche Völkermord an den Hereros (1904-1907)
Frontcover
Janntje Böhlke-Itzen

oder allgemeiner in Bezug auf die Deutsch-Namibische Geschichte:
Namibia-Deutschland, eine geteilte Geschichte:
Widerstand, Gewalt, Erinnerung
Frontcover
Larissa Förster, Dag Henrichsen, Michael Bollig

Und sehr neu und sehr gut und ausführlich zur Geschichte Namibias allgemein:

A History of Namibia:
From the Beginning to 1990
Frontcover
Marion Wallace, John Kinahan

Grüsse, Gion
5'538 Beiträge · seit 200812. Apr. 2012 ·
Hallo Gion,

Zu den Geschehnissen von damals sind sich heute sogut wie alle ernstzunehmenden Historiker einig, dass es sich klar um einen Genozid/Völkermord handelte

Es gibt ja auch Historiker, die das nicht als Genozid ansehen. Sind die nicht ernst zu nehmen?

Nachdenkliche Grüße
Gerd
49 Beiträge · seit 200812. Apr. 2012 ·
..."zu den Geschehnissen von damals sind sich heute so gut wie alle ernstzunehmenden Historiker einig, dass es sich klar um einen Genozid/Völkermord handelte"

so, so - ich habe damals im Studium gelernt, dass in den Sozialwissenschaften das Popper-Kriterium anzuwenden sei - womit sich die Frage wohl erübrigt, welche Historiker danach wissenschaftlich ernst zu nehmen sind - oder ?

Zumal ja auch Frau Böhlke-Itzen ".. fehlt es der Arbeit an begrifflicher Reflexion. Das ist etwa beim zentralen Begriff des Genozids der Fall, der laufend gebraucht, aber nirgendwo erklärt wird"
siehe : http://www.sehepunkte.de/2004/10/6481.html

Also lassen wirr es doch bleiben, Anderen hier etwas einzureden wollen ( wie hier vom Genozid )....

der Olli
1'287 Beiträge · seit 200613. Apr. 2012 ·
Wer sich grundlegend philosophisch und nicht philodox der Thematik nähern möchte, dem kann ich dieses ganz frisch erschienen Buch empfehlen:

Michael Schefczyk
Verantwortung für historisches Unrecht
Eine philosophische Untersuchung (Ideen & Argumente)

Das Buch bietet die erste systematische Untersuchung der Frage nach der Verantwortung für historisches Unrecht seit dem Erscheinen von Karl Jaspers' "Die Schuldfrage". Mit den Mitteln der modernen philosophischen Analyse untersucht es Gründe und Grenzen moralischer und krimineller Verantwortung und unterbreitet Lösungsvorschläge für das Problem der Wiedergutmachung für vergangenes Unrecht. Natürlich kommt das Wort "Herero" nicht vor, die gedanklichen und rechtlichen Aspekte und Überlegungen sind allerdings sehr wohl übertragbar.
Walter de Gruyter Verlag, 468 Seiten, € 64,95 ISBN-13: 9783110245776

unter google books hier
http://books.google.ch/books?id=9G-94E4rwPAC&pg=PR8&hl=de&source=gbs_selected_pages&cad=3#v=onepage&q&f=false


Mit sonnigen Grüßen aus Zürich
Carsten Möhle