Die Algorithmen und die Geschichte von Paternoster

2 Antworten · 240 Aufrufe · gestartet 02. Juni 2026 von tacitus
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Themenstarter1’149 Beiträge · seit 202202. Juni 2026 ·
Folgend ist kein Reisebericht aber ich stelle es trotzdem hier ein. Denn vielleicht interessiert es die bisherigen und zukünftigen Reisenden in dieses übereinstimmend als „malerisch“ wahrgenommene „ehemalige Fischerdorf“.

Den Anstoß für das Folgende gab, dass einerseits dessen Geschichte nie erwähnt wird und, das ist das eigentliche Thema, dass mir kürzlich beim Stöbern @Paternoster aufgefallen ist, dass diese aus dem www schon fast verschwunden ist.

Wenn man die Geschichte von Paternoster gxxxelt erhält man (auf Homepages von Immobilienagenturen und Touristenherbergen 😎 ) ein paar Stehsätze über ehemaliges Fischerdorf und Verarbeitungsfabriken. Wie es davon zur heutigen, weitgehend künstlichen Tourismusidylle gekommen ist, wird (wenig überraschend) weder erwähnt, noch dass das eine riesige Sauerei und Ungerechtigkeit gegenüber der einheimischen Fischerkommune war.

Südafrikanische Freunde haben mich vor Jahren darauf hingewiesen. Wenn man früher im www dazu recherchierte, ist man bald fündig geworden. Was ich damals erfahren konnte (und leider nicht archiviert habe) ist heute nicht mehr ausführlich auffindbar, weil die Suchmaschinenlogik und -klientel das eben so machen und das fehlende Interesse der Besucher es ermöglicht. Also ist Paternoster nur ein Beispiel für etwas, was sich ständig abspielt. Was sich heute noch finden lässt ist nur ein kleiner Teil dessen von früher und in ein paar Jahren wird auch das für Normalverbraucher weg sein.

Für Interessierte hänge ich daher ein paar Artikel an und folgend die/meine Kurzfassung:

Für die touristische Entwicklung der „beach front“ musste man zuerst die lokale Fischergemeinschaft vertreiben. Zuerst wurden die Leute faktisch enteignet, durch den Group Areas Act dann auch de jure, in der resultierenden Abhängigkeit und Notlage dann von der kommerziellen Fischerei in Quasi-Leibeigenschaft ausgebeutet, und als "crayfish" u. a. kommerzielle Fischerei und Verarbeitung nicht mehr genug abwarf, von den Unternehmern an die Immobilienhaie ausgeliefert und aus ihren Häusern hinausgeworfen, die bald als „picturesque cottages“ am Markt waren. Diese, oft selbst errichtet, waren aber Teil ihres Lohnes für ein lebenslanges Schuften als Fischer auf See und in der Verarbeitung, wofür sie kaum bezahlt wurden.

Die Betroffenen und ihre Nachkommen haben sich aber nicht in Luft aufgelöst und so "stören" sie folglich das heutige Straßenbild der vormals „idyllic fishermen community“, mit illegalen crayfish-Angeboten, Drogenkonsum udgl., was hier auch schon moniert wurde. Hier gibt es eine Milieubeschreibung zu alldem, und n. b., wie lange das schon so geht.
https://hakaimagazine.com/features/real-estate-apartheid/
über den o.a. miesen Umgang mit der ehemaligen Fischergemeinschaft steht auch was drin und mehr hier:

https://mg.co.za/article/1996-09-13-paternoster-fisherfolk-left-high-and-dry/
Seite 14, https://www.sahistory.org.za/sites/default/files/archive-files4/groct80.pdf
zuletzt bearbeitet 30. Aug. 2026
Themenstarter1’149 Beiträge · seit 202202. Juni 2026 ·
Und Fortsetzung, weil illegaler Crayfish-Fang und -Handel oft in einem mit Paternoster genannt wird:

Lt. Medien und von Südafrikanern Erzähltem ist mW der lokale (auch private) Konsum nicht die eigentliche Ursache der Überfischung, sondern der (illegale) Massenmarkt in Kapstadt (Tourismus) und Großraum und der Export. Diese illegale Ausbeutung (Saison, Größe, Geschlecht, Menge) ist auch nicht nur auf Paternoster beschränkt sondern findet auch in zahlreichen Küstenabschnitten des WCs statt und betrifft auch andere „Meeresfrüchte“.

Diese in der Gastronomie verbrauchten Mengen liegen weit über dem lokalen Verbrauch und sind „big business“, von dem die illegalen Zwischen- und Straßenhändler in Paternoster nur Krümel abkriegen. Es ist daher seit xx Jahren bei hohen Strafen verboten, crayfish aus Paternoster „auszuführen“ und das wird an Straßensperren an der R399 oa. kontrolliert; in so einem Stau war ich auch schon. Aber das meiste wird wohl durchschlüpfen. Manchmal werden bei Razzien gleich ein paar TAUSEND Stk. sichergestellt. Das ist industriell, mit Kühlkette von der Verpackungsmaschine zum LKW und Flughafen. Hinter dieser Größenordnung steckt ein hoher Organisationsgrad. Das ist organisierte Kriminalität, der "Kleinhandel" an der Kreuzung ist dagegen Kleinkram.

Das eigentliche Problem ist mE der große Markt in CT und international einerseits und dass es andererseits kaum andere Erwerbsquellen für die marginalisierten ehemaligen Fischer dort gibt und daher crayfish so lange alternativlos ist, so lange es nicht andere Beschäftigung gibt. Dass Einige damit auch Drogenkonsum finanzieren wäre nirgends ungewöhnlich.
Grüße

PS: Natürlich kann man auch legal Gefischte kaufen oder im Lokal konsumieren. Wer aber lieber in Kapstadt im Restaurant speist, weil dort als legal vermutet, könnte sich öfters in die eigene Tasche lügen.
zuletzt bearbeitet 02. Juni 2026
1’732 Beiträge · seit 200702. Juni 2026 ·
Dazu passend:

Poacher: Confessions from the Abalone Underworld (Paperback)
by Kimon de Greef, Shuhood Abader
ISBN: 9780795708671
Südliches Afrika seit 1992: 49 Reisen, 1.369 Tage, 174.380 km, 493 Vogelarten