Moin Steinbeisser,
Du schreibst:
Ich finde, man darf bei allen Einschätzungen auch nie vergessen, daß in Europa, in den rund 200 Jahren nach Kant (und vieler, vieler vorhergehender schlauer Leute) deutsche Kleinstaaterei, Machtstreben und -erhalt vor Gemeinwohl und Vernunft, zahlreiche Kriege, Völkervernichtung usw. bis zum heutigen Tage anhalten. Was erwarten wir von afrikanischen "Stammes" - Gesellschaften? Das soll aber den Wahnsinn in Zim und natürlich die exzellente und zutreffende Glosse von Carsten, die auch anderswo auf der Welt angewandt werden könnte, überhaupt nicht in Abrede stellen, dem ist nämlich nichts hinzuzufügen, leider auch nichts Hoffnungsvolles...“
Zu den hier anklingenden Fragen gibt es ein ausgezeichnetes Buch des langjährigen Afrika-Korrespondenten der ZEIT:
Ach, Afrika. Berichte aus dem Inneren eines Kontinents
Bartholomäus Grill
Goldmann TaschenbuchWeiter schreibst Du:
Gerade laufen ganz erhebliche Querelen innerhalb der SWAPO, und ich denke, der Weg Namibias wird sich deutlich positiver entwickeln. Man sollte nicht verkennen, daß eben auch die Ehemaligen und Gestrigen zufrieden gestellt werden müssen. Aber da ist natürlich auch viel Hoffen dabei.
Da ist auch sehr viel Hoffen nötig!
Namibia ist eine Republik, eine parlamentarische Demokratie. Es besitzt Oppositionsparteien, die sich frei betätigen können. Es gibt eine freie Presse. Alles so weit, so gut also! Oder vielleicht doch nicht?
Die Regierungspartei SWAPO hat mit einem Wahlergebnis von zuletzt knapp mehr als 75% die absolute Gestaltungsmöglichkeit im Land. Sie ist Ovamvo-dominiert, der mit knapp 50% größten Volkesgruppe im Land. Die SWAPO stellt 55 von 78 Parlamentsabgeordneten. Die nächstgrößere Partei, der Congress of Democrats (COD), stellt mit etwas über 7% 5 Abgeordnete. De facto ist Namibia also ein Einparteienstaat. Muss ja in einem afrikanischen Land nicht unbedingt das Schlimmste sein. Wie sieht es aber nun aus?
Wie ZANU-PF und auch ANC ist die SWAPO von ihrer Herkunft und Struktur her eine marxistische Kaderpartei mit Zentralkomitee und Politbüro. Namen können Schall und Rauch sein, aber sind sie es auch?
In unserem letzten Urlaub 2006 wurde in der Druckausgabe des Namibians darüber berichtet, dass in der Region Gobabis und -meiner Erinnerung nach- in Rundu die Wahl der Parteitagsdelegierten durch örtliche Größen manipuliert wurde. Diese Manipulationen seien der SWAPO-Zentrale gemeldet worden. Was daraus gefolgt ist, vermag ich nicht zu sagen.
Ebenfalls zu der Zeit war im Namibian ein Rückblick auf die Wahl Pohambas zum offiziellen Präsidentschaftskandidaten. Darin wurde noch einmal auf Nujomas damalige Drohung (Überspitzt: Entweder Pohamba oder Bürgerkrieg) vor der entscheidenden Abstimmung hingewiesen und dass es niemals herausgefunden wurde, wer die Armeeeinheit herbei kommandiert hatte, die das Abstimmungsgebäude vor der Abstimmung umstellt hatte. Leider enthält die Website des Namibian nur einen Teil der Druckausgabe und kein Archiv mit Suchfunktion.
Die SWAPO behandelt, wie nahezu alle aus Befreiungsbewegungen hervorgegangenen politischen Parteien, Abweichler jedweder Art als Verräter. Die Einheit muss um jeden Preis erhalten werden. Dies verhindert eine offene Auseinandersetzung um Sachthemen und sichert dem „Big Man“ des Befreiungskampfes einen nahezu unüberwindbaren Vorteil im parteiinternen Machtkampf. Der Parteivorsitzende ist immer noch Nujoma und Pohamba, sein selbst ausgewählter Nachfolger als Staatspräsident, spielt dort nur eine nachrangige Rolle. Nujoma als nächsten Präsidentschaftskandidaten der SWAPO schon abschreiben zu wollen, halte ich für verfrüht. Dies zumal die Aufarbeitung der Ermordung vorgeblicher Verräter in den angolanischen Lagern der SWAPO immer noch aussteht, und es hier für die damaligen Verantwortlichen zu üblen Enthüllungen kommen dürfte.
Aber selbst eine so strukturierte Partei unter dem Kommando der Altvorderen kann ja immer noch etwas Gutes für das Land bewirken! Stimmt, könnte sie! Ich will jetzt auch gar nicht all die von mir hier schon geposteten Sachverhalte, die einer derartigen Einschätzung entgegenstehen, wiederholen. Ich beschränke mich auf zwei Ereignisse.
Das erste Ereignis ist die Beteiligung der namibischen Armee an der Seite u.a. Zimbabwes im kongolesischen Bürgerkrieg Ende der Neunziger. Meines Wissens hat es keine parlamentarische Aufklärung oder Entscheidung hinsichtlich des Grundes des Einmarsches dort, noch hinsichtlich der Kosten und der menschlichen Opfer oder der möglichen Profiteure in den Kreisen der üblichen Verdächtigen gegeben. Hierzu aus der englischsprachigen Wikipedia:
Zimbabwe
President Robert Mugabe was the most ardent supporter of intervention on Kabila's behalf, and was lured by Congo's rich natural resources and a desire to increase his own power and prestige in Africa. Kabila and Mugabe had signed a US$200 million contract involving corporations owned by Mugabe and his family, and there were several reports in 1998 of numerous mining contracts being negotiated with companies under the control of the Mugabe family. Mugabe had resented being displaced by South African Nelson Mandela as the premiere statesman of southern Africa and the war was also a chance to confront another prominent African president, Yoweri Museveni of Uganda. As the head of the SADC's Organ on Politics, Defence and Security Mugabe believed he could reclaim his position as southern Africa's premiere statesmen by aiding Kabila.
Namibia
President Sam Nujoma had interests in Congo similar to that of Mugabe, with several family members deeply involved in Congolese mining. Namibia itself has little issues of natural interest at stake in the DRC and the Namibian intervention was greeted with dismay and outrage by citizens and opposition politicians.
http://en.wikipedia.org/wiki/Second_Congo_WarDas zweite Ereignis hat die Unterstützung Mugabes mit 40 Millionen US$ durch NamPower zum Thema. Das Geld ist geflossen, die Kohlemine in Hwange liefert immer weniger, die Stromausfälle in Zimbabwe nehmen zu, aber im November soll Strom aus dem dortigen Kraftwerk zu Sonderkonditionen nach Namibia fließen. Mal sehen, ob das daraus wird, was ich vermute.
Besteht also Grund zur Hoffnung? Ich glaube nicht, da in Namibia schon alle „Strukturen“ für die totale Machtübernahme durch einen „Big Man“ errichtet wurden. Ich glaube, dass die Situation in Namibia ähnlich schnell kippen kann, wie sie das in Zimbabwe ab den späten Neunzigern tat. Ich sehe niemanden innerhalb der SWAPO, der die Autorität hätte, einer „Mugabisierung“ der Partei durch Nujoma und seine Spießgesellen entgegen zu treten.
Also hoffen wir mal weiter, dass nicht auch noch die Bevölkerung des letzten schwarzafrikanischen Landes von seinen Eliten verraten wird.
Gruß, Michael<br><br>Post geändert von: Yoshikawa, am: 19/07/2007 16:12