THEMA: Reisebericht Sierra Leone
27 Mär 2013 19:54 #282710
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Teil 4 -

Egal, ob man von Makeni (viertgrößte Stadt) über Magburaka (direkter Weg) in Richtung Bo oder Kenema (zweit- bzw. drittgrößte Stadt) fährt, führt der Weg zwangsläufig über Piste. Der erste Teil ist ok und Kleinbusse fahren bis Yele. Danach ist die Piste zu schlecht für normale Pkw, die hier mangels Bodenfreiheit einfach hängenbleiben würden. Irgendwie ist es ziemlich anstrengend und ich habe keine Lust, die Kamera rauszukramen. Hier sind nur noch einige Geländewagen unterwegs. Als Verkehrsmittel fahren hier Allrad-Lkw. Kaum zu glauben, dass ich auf direktem Weg zwischen zwei der größten Städte des Landes unterwegs bin. Die einzige Tankstelle nach Magburaka auf der Strecke ist eine Ruine, Benzin wird überall entlang der Strecke literweise in Plastikflaschen verkauft. So können sich die vielen Motorradtaxis mit Sprit versorgen. Übernachtungsmöglichkeiten sind unterwegs rar, aber es gibt sie. Man findet sie alleine allerdings nicht und muss nachfragen.

Als ich Bo erreiche, frage ich mich zu einer Unterkunft durch. Warum ich überhaupt einen Reiseführer dabei habe, weiß ich selbst nicht. Ich benutze ihn nicht und habe auch vor der Reise nicht reingeschaut. Nächstes Mal kaufe ich erst gar keinen mehr. Scheint mir noch überflüssiger als 'ne Uhr. ;-)
Die Unterkunft liegt relativ ruhig in einem Randbereich und wie immer sind nur wenige Gäste dort, allesamt Afrikaner. Die Marktstände in der Umgebung sind bei Dunkelheit alle mit aus Dosen gebastelten Öllampen beleuchtet. Das sieht irgendwie total toll aus. Ich beschließe, mir zwei solche Lampen als Erinnerung zu kaufen, aber die verkauft man dort nicht. Dafür müsse ich in die Stadt gehen, sagt man mir.

Am nächsten Tag lerne ich in einer kleinen Kneipe gegenüber meiner Unterkunft einen Engländer kennen, der hier in einer Klinik arbeitet. Er ist erstaunt, dass ich bisher erst einen Platten hatte und meint, er habe im Durchschnitt pro Woche zwei Platten mit dem Auto. Als ich ihm sage, dass ich am nächsten Tag in die City will und überlege, ein Motorradtaxi zu nehmen, rät er mir ab. Es sei zu gefährlich. Er sehe jeden Tag die Unfallopfer in der Klinik. Stattdessen erklärt er mir eine Abkürzung, einen Fußweg durch die kleinen Gassen, der mich in 30 Minuten in die Stadtmitte bringt. Entlang der Straße würde ich mindestens die dopellte Zeit benötigen. Das hätte ich -nachdem ich diesen Weg per Rad kam- auch geschätzt.

Die Menschen sind scheinbar verwundert, dass ein Weißer hier entlang läuft. Weiße gehen schließlich keine längeren Strecken zu Fuß. Ich finde auch bereits auf dem Weg zwei Stände, die solche Lampen verkaufen und kaufe jeweils eine. In der Innenstadt bricht an einer Tankstelle gerade Jubel aus. Eine große Zahl Motorradtaxis und Autos wartet davor. Anscheinend gab es einige Zeit kein Benzin, aber heute ist welches verfügbar. Die meisten haben noch Flaschen oder Kanister dabei, um einen kleinen Vorrat mitzunehmen. Auf dem Weg finde ich noch ein Internetcafé und denke, ich könne ja mal nach meinen Mails schauen. Ich weiß nicht, warum da "Internetcafé" auf dem Schild steht, aber es gibt keinen einzigen Computer. Ich kann nicht einmal erkennen, ob der Laden einen Stromanschluss hat. Als ich nachfrage, komme ich zu der Erkenntnis, dass die Besitzer vermutlich gar nicht wissen, was ein Internetcafé eigentlich ist. Dabei kann ich mich aber auch täuschen, denn an dieser Stelle ist eine Verständigung mangels Englischkenntnissen der Besitzer praktisch nicht möglich. Es drängt sich der Verdacht auf, dass man das Schild irgendwo abgeschrieben hat.

Auf dem Rückweg komme ich noch an einem für mich schockierenden Schild vorbei.


Die RUF (Revolutionary United Front) war die Rebellentruppe, die den Bürgerkrieg anzettelte und über 11 Jahren die Zivilbevölkerung terrorisierte und eine sechsstellige Zahl von ihnen ermordete. Nach dem Krieg -das wusste ich bisher nicht- wurde die RUF politische Partei (RUF Party) und ist bis heute aktiv. Sie haben bei den Wahlen immer so um die 2,x Prozent der Stimmen, aber das finde ich schon schlimm genug.

Die zeitweise nur einspurige Piste ist von bis zu 4m hohen Gräsern umgeben


Blick aus Yele


Entlang der Piste


Unterwegs nach Bo


Unterwegs nach Bo


Schlafende Hundefamilie in Bo


Kinderspielzeug


Schulgebäude mit Brunnen im Vordergrund


Irgendwo in Bo


... in Kürze gehts wieder zurück in die Hauptstadt und von dort weiter in die Gegenrichtung ...

Gruß
Wolfgang
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28 Mär 2013 16:52 #282814
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Teil 5 -

Bei der Abreise aus Bo begegne ich doch tatsächlich mal weißen Touristen. Zwei Männer mit Rucksack überholen mich auf Motorradtaxis stadtauswärts. Die Straße ist nun wieder prima, aber die oft schrottreifen Fahrzeuge sorgen dafür, dass die nächsten Tage im Durchschnitt alle 100 Meter ein großer Ölfleck die Straße ziert (groß = mindestens 100 cm). Viele Autos stehen defekt am Straßenrand. Ein Lkw hinterläßt eine so dichte und große Qualmwolke, dass das Fahrzeug tatsächlich gar nicht mehr durch die Abgase zu sehen ist.

Unterwegs stehen gelegentlich seltsame Bäume. Stamm und Äste sind wie mit einer Art Dornen bedeckt und zahlreiche rote Blüten sind zu sehen. Nur sehr wenige bis gar keine Blätter hängen an den Ästen.


Bevor ich erneut Mile 91 (diesmal aus der anderen Richtung) erreiche, ist am Horizont Rauch zu sehen.


Die Straße führt auf den Brandherd zu und schließlich dran vorbei. Das Feuer ist noch Hunderte Meter entfernt und nur gelegentlich sind auflodernde Flammen zu sehen, aber die Geräuschkulisse ist beachtlich. Ich ertappe mich kurz bei dem Gedanken, in Richtung Feuer zu laufen, um ein paar bessere Fotos machen zu können, aber kurz darauf setzt mein Verstand wieder ein. Einerseits ist gerade alles an unangenehmen Getier wie z.B. Giftschlangen unterwegs von dort nach hier und ohnehin schon gestresst und andererseits habe ich keine Ahnung, wie viele Minen als Überbleibsel aus dem Krieg noch in der Gegend rumliegen. Ich beschränke mich also lieber auf die Fotos, die ich von der Straße machen kann.







Als ich nach Mile 91 komme, stoppe ich an der dortigen Tankstelle, kaufe ein kaltes Bier und setze mich erst einmal in den Schatten. Kurz später kommt zufällig George aus Südafrika vorbei. Er arbeitet hier in der Nähe für ein Aufforstungsprojekt. Wir kommen ins Gespräch und er überredet mich noch zu dem ein oder anderem Bier. Ist ihm vermutlich auch nicht allzu schwergefallen. ;-)

Auf dem Weg von Mile 91 komme ich zwangsweise auch wieder durch Masiaka, der Kleinstadt mit den Ratten in der Unterkunft. Ich mache eine kurze Pause, entschließe mich dann aber, weiter in Richtung Freetown zu fahren. Am Stadtrand von Freetown suche ich mir ein Guesthouse, da der Straßenverkehr zum Abend hin sehr gefährlich wird. Es sind sehr viele Autos und auch Lkw unterwegs, die mich auf der hier nur schmalen Straße oft extrem knapp überholen. Die Betreiberin des Guesthouses ist sehr freundlich und hilfsbereit, aber gleichzeitig ist die Unterkunft und besonders die Toilette auch die schmutzigste der ganzen Reise. Statt Ratten sind hier Kakerlaken am Start, aber das ist sicherlich das kleinere Übel. Anhand der Kilometersteine am Straßenrand weiß ich, dass ich heute mindestens 150 km geradelt bin. In den ersten Tagen wäre dies bei der Hitze gar nicht möglich gewesen.

Etwa 300 Meter entfernt liegt eine beliebte Kneipe bzw. "Biergarten". Auf einem großen Bildschirm wird Fußball aus Europa übertragen. Gleichzeitig läuft laute Musik bis morgens um 5 Uhr. Um 7 oder 8 Uhr morgens öffnet man wieder - sieben Tage die Woche.

Gruß
Wolfgang
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28 Mär 2013 18:21 #282827
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... hier noch ein Erlebnis, das zeitlich irgendwo in den vorherigen Beitrag gehört. Irgendwo vor Masiaka ...

Irgendwo auf der Strecke überholt mich ein Kleinbus und bremst ab. Durch die geöffnete Hecktür bedeutet mir ein junger Mann, ich solle anhalten. Das mache ich auch, denn mit dem Auto hätten sie mich eh gleich wieder eingeholt, wenn ich weiterfahren würde. Aus dem Kleinbus steigen etwa zehn Männer in verschiedenem Alter zwischen ca. 20 und 70 Jahren und geben mir freundlich die Hand, wie es halt so üblich ist. Der Fahrer, ein etwas untersetzter Mann in Trainingshose und Unterhemd stellt mir ein paar Fragen und will dann plötzlich meinen Pass und das Visum kontrollieren. Ich schütle den Kopf und antworte, er sei schließlich kein Polizist. Ich will weiterfahren, doch der Typ springt mir vors Rad und hält entschlossen den Lenker fest. Ich habe kurz etwas weiche Beine und fürchte, die Situation könne eskalieren, doch die anderen Leute bleiben gelassen stehen. Einige bestätigen, dass er Polizist sei.
Um die Situation etwas zu beruhigen, entschuldige ich mich und erkläre, dass ich ihn ja nicht als Polizist hätte erkennen können. Er selbst behauptet noch, er sein Bürgermeister und Politiker und macht sich wichtig. Ich komme nicht drum herum, meinen Pass rauszukramen und anschließend fragt er mich aus, was ich im Land mache und was in meinen Packtaschen ist. Zunächst will er die auch kontrollieren, aber ich erzähle ihm, dass da halt Klamotten, Ersatzteile und ein Zelt drin sind und damit ist er dann zufrieden. Nach langem wichtigtuerischem Geschwafel und Belehrungen verschwindet der unsympathische Zeitgenosse mit seinen Begleitern wieder. Alle geben mir zum Abschied wieder freundlich die Hand. Ich bin bis heute der Meinung, dass es sich nur um einen Wichtigtuer und ca. zehn sehr neugierige, aber freundliche Leute handelte. Aber wie schnell könnte eine solche Situation auch anders ausgehen ...

Über Ostern gehts weiter.

@Janet
Bei gutem Wetter gibts dann auch mal ein Foto von den Öllampen. Ich hoffe, ich finde was, was sich als Docht eignet. Aber erwarte nichts Großartiges. Das sind einfach zwei olle Blechdosen in der Größe einer kleinen Kondensmilchdose mit 'nem angelöteten Henkel und 'ner Öffnung oben. Typische Gebrauchsgegenstände halt und kein Kunsthandwerk.

Gruß
Wolfgang
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29 Mär 2013 14:21 #282936
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...

Am nächsten Morgen fahre ich die letzten Kilometer in die Stadt und suche wieder die Unterkunft auf, in der ich zu Beginn übernachtete. Hier hatte ich meinen Schlafsack deponiert, den ich sinnloserweise mit nach Sierra Leone genommen hatte. Aufgrund der großen Hitze habe ich immer mit freiem Oberkörper geschlafen. Es gibt hier zu dieser Jahreszeit nichts Überflüssigeres als einen Schlafsack. Sobald es hell wird, suchen sich die Schweißtropen den Weg aus den Poren. Jeden Morgen bin ich schon schweißgebadet, bevor ich mich überhaupt bewegt habe.

Ich besuche nochmal die kleine Kneipe, in die ich Anthony (den einheimischen Radler, der mir am ersten Tag den Weg zeigte) eingeladen hatte. Einige der Kinder sowie die freundliche Großmutter nehmen für ein Foto Platz.



Das Zimmer in meiner Unterkunft befindet sich im ersten Stock. Ich habe einen kleinen Balkon, auf dem ich zwei gewaschene T-Shirts aufhänge. Dabei schaue ich auf die Blechdächer des Nachbargrundstücks, von dem mich ein paar Kinder beobachten und nach einem kurzen "Hallo" und "Wie heißt du?" und "Woher kommst du?" möchten sie, dass ich sie besuchen komme. Die Behausung sieht von oben ziemlich übel aus, aber eigentlich ist es ganz ok. Es gibt sogar einen Stromanschluss und elektrisches Licht. Eines der Kinder bringt mir sofort einen Plastikstuhl und ein Mann fragt mich, ob ich etwas trinken möchte und hat schon eine Flasche in der Hand. Natürlich lehne ich das ab, denn besonders viel Geld hat die Familie sicherlich nicht. Es stehen zeitweise 15 Kinder um mich rum und wenn eines geht, kommt ein anderes. Insgesamt mögen es vielleicht um die 20 Kinder sein und auf dem Grundstück wohnen offenbar 2-3 Familien. Wie das räumlich funktioniert, ist mir schleierhaft. Auch sind sämtliche Kinder sauber gekleidet, was in dieser Umgebung eine zusätzliche Herausforderung darstellt. Am nächsten Morgen steht eine Frau im Hof und wäscht Klamotten mit der Hand. Nach einer gefühlten Ewigkeit hängen einige Wäscheleinen voller Kleidung.




Auf diesem Foto ist auch die offene Abwasserrinne am linken Bildrand zu sehen. In der Regenzeit riecht das hier bestimmt besonders aromatisch. Im Moment gehts noch.


Heute Abend spielt Arsenal London gegen Bayern München. Europäischer Fussball ist beliebt und solche Spiele kann man überall sehen. Mir passiert es auf der Reise auch mehrfach, dass mich wildfremde Leute über die Ergebnisse aus der Bundesliga oder dem DFB-Pokal informieren, nachdem sie erfahren, dass ich aus Deutschland komme. Ich besuche eine dieser unauffälligen Blechhütten, die sich manchmal Cinema oder Entertainment Center nennen. Zum Glück hängen ein paar Ventilatoren an der Decke und die Temperaturen sind erträglich. Der Eintritt kostet 1.000 Leones für die Holzbänke im vorderen Bereich, 1.500 Leones für einige der Plastikstühle dahinter und 2.000 Leones (<40 Cents) für die sechs Polsterstühle. Als einziger Weißer werde ich gar nicht erst gefragt. Man verlangt 2.000 Leones und bugsiert mich dann auf einen der 6 Polsterstühle. Ich zähle die Zahl der Bänke und die Leute pro Bank. Etwa 150-200 Menschen sitzen hier auf engstem Raum. Der Gang, um die Bänke zu erreichen, wird am Ende auch noch mit kleinen Bänken zugestellt. Jeder Zentimeter Raum wird genutzt und die Hütte ist gerammelt voll. Die meisten der Zuschauer sind für die Bayern, ein Teil auch für Arsenal. In der Hütte ist eine Bombenstimmung; im Stadion selbst kann es nicht besser gewesen sein. Nach dem Spiel laufe ich um ca. 22:30 Uhr durch Freetown und habe keinerlei Bedenken bzgl. Sicherheit, außer dass ich irgendwo auf den kaputten Straßen in ein Loch treten und umknicken könnte.

Morgen gehts zur Strandregion nach Aberdeen. Dort soll es wohl etwas Tourismus geben.

Gruß
Wolfgang
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Letzte Änderung: 20 Jul 2013 13:19 von BikeAfrica.
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31 Mär 2013 11:00 #283110
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Teil 7 ...

Am nächsten Morgen fahre ich nach Aberdeen. Der mir entgegenkommende Verkehr ist fast zum Erliegen gekommen. Die Autos bewegen sich kaum von der Stelle. Ich habe den Eindruck, dass viele Autofahrer gerne mit mir tauschen würden, als sie sehen, wie ich fröhlich vor mich hinradle.
In Aberdeen quatscht mich jemand an, den ich schon in der Stadt gesehen habe. Ich kann mich zwar nicht erinnern, aber er kennt tatsächlich meine Mailadresse. Ich habe einfach mit zu vielen Leuten gesprochen, als dass ich mich an jeden einzelnen erinnern könnte. Leider habe ich auch nach unserem erneuten Treffen seinen Namen vergessen.

Er erzählt mir, dass seine Mutter während oder kurz nach seiner Geburt starb. Sein Vater wurde während des Bürgerkriegs mit Macheten ermordet, als er 11 Jahre alt war. Er verwendet dabei das Wort "geschlachtet/abgeschlachtet", während er davon erzählt. Er selbst konnte flüchten, aber es wurde mit Gewehren auf ihn geschossen. Ein Streifschuss erwischte ihn am Nacken. Die Narbe ist mehrere Zentimeter lang.
Er freut sich wie ein kleines Kind, als er seinen Heimatort auf meiner Landkarte findet. Er liegt im Osten nahe der Grenze zu Liberia. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit einem winzigen Laden, der kaum breiter ist als die Tür. Die Öffnungen daneben gehören schon zu den angrenzenden Shops.


Es dauert keine 10 Sekunden, bis er auf diesem Baum steht.


In Aberdeen suche ich nach einer Unterkunft, aber entweder sind sie sehr teuer oder einfach schlecht. Ich fahre weiter in Richtung Lumley am Strand entlang. Hier gibt es mehrere Hotels und Unterkünfte, aber unter 90 US$ pro Nacht geht da nichts. Ein Hohn für die Einheimischen, die hier mit 30 Euro einen ganzen Monat überleben müssen.
An einer Unterkunft frage ich gerade nach, als mir zwei junge Männer bettelnd entgegenkommen. Sie brauchten Geld für Medikamente, sagen sie. Die Hand des einen ist dick angeschwollen und ein Finger ist offen. Ich wimmele sie ab und antworte, dass ich mir zunächst eine Bleibe für die Nacht suchen muss. Das gelingt mir später dann in Lumley auch zu einem vernünftigen Preis. Das Zimmer hier ist ganz ok und groß.


Das Preisschild in der Unterkunft lässt eine gewisse Geräuschentwicklung befürchten, aber ich irre mich.


Am nächsten Tag sehe ich die beiden wieder und die Hand sieht wirklich nicht gut aus, irgendwie wie aufgeblasen. Der verletzte Finger ist doppelt so dick wie die anderen und farblich passt er auch schon nicht mehr ganz dazu. Ich sage dem Verletzten, dass er in ein Krankenhaus gehen soll und er antwortet, dass er das schon versucht hat und die 15.000 Leones (< 3 Euro) für die Untersuchung nicht bezahlen konnte. Dabei muss er fast weinen. Da stehe ich nun. Auf der einen Seite unterstütze ich Bettelei nicht sehr (Ausnahmen wie Behinderte ausgenommen) und weiß, dass es das Problem oft noch verstärkt, aber hier geht es um ein offensichtliches gesundheitliches Problem und der junge Mann wird hier vielleicht seinen Finger, die ganze Hand oder noch mehr verlieren können. Ich gebe ihm also kein Geld, sondern gehe mit ihm zum nächsten Krankenhaus. Dort freue ich mich erst einmal, dass ich nicht selbst zur Behandlung dort bin, aber immerhin sind die Spritzen steril verpackt.

Ich bezahle die erste Untersuchung durch den Arzt und bin auch bei der Untersuchung und Behandlung dabei, die definitiv schmerzhaft ist. Er muss auch in den nächsten 5 Tagen täglich zur Behandlung, die nächsten 2 Wochen alle 3 Tage zum Kontrollbesuch zum Arzt, braucht Tabletten und Spritzen. Danach -so hofft man- wäre es wieder ok. Ich bezahle die komplette weitere Behandlung im Krankenhaus vorab für die nächsten zwei Wochen. Es kostet mich insgesamt keine 20 Euro. Mehr kann ich wohl nicht tun, weniger aber auch nicht. Mein Gewissen würde mich wahrscheinlich nicht mehr schlafen lassen. Wegen 20 Euro hätte der junge Mann hier in Kürze vielleicht seine Hand verloren.

Zwei Tage später treffe ich den Verletzten wieder. Seine Hand sieht schon deutlich besser aus. Er bedankt sich überschwenglich für meine Hilfe und ich spüre, dass ihm diese Situation auch nicht angenehm ist. Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass ich an der richtigen Stelle eine Ausnahme gemacht habe, was die Reaktion auf Bettelei angeht.

Gruß
Wolfgang
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01 Apr 2013 18:30 #283255
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Teil 8 ...

Der Strand zwischen Aberdeen und Lumley ist 3-4 km lang. Hier ist während der Woche absolut nichts los.


Am Wochenende jedoch reiht sich vormittags ein provisorisches Fußballfeld an das nächste. Am Sonntagnachmittag ab ca. 16:30 Uhr trainiert hier auch der Amputee Soccer Club. Zufällig hatte ich ein paar Tage zuvor einen Spieler kennengelernt, der auch schon bei Weltmeisterschaften gespielt hat. Er war später auch der auffälligste Spieler auf dem Feld.

Hier spielen Kriegsversehrte, die durch Minen ein Bein verloren haben. Der Torwart ist der einzige Spieler mit zwei Beinen, aber dieser hat nur einen Arm. Wer nun denkt, dass ein solches Spiel an eine Altherrenveranstaltung erinnert, täuscht sich gewaltig. Die Spieler sind unglaublich fit. Die Krücken sinken bei jedem Schritt bis zur Oberkante des Gummistopfens ein, aber die Spieler sind durch einen Zwischenschritt auf dem verbliebenen Bein fast so schnell wie zweibeinige Spieler und es geht richtig zur Sache. Da wird reingegrätscht wie bei einem normalen Fußballspiel. Nach nicht einmal 10 Minuten ist in einem fairen Zweikampf die erste Krücke zerbrochen. Vor dem Spiel stehen alle Spieler in einem Halbkreis um den Präsidenten und es gibt eine kleine Zeremonie mit einem Lied und einer Art Gebet, um an die Opfer des Bürgerkriegs zu denken.

Wer diesen Krieg überlebt und ein Bein verloren hat und dennoch Sport treibt, der hat sein Leben wohl wieder einigermaßen im Griff. Viele haben das sicherlich nicht mehr geschafft. Besonders diejenigen mit abgehackten Armen können den Rest ihres Lebens nicht mehr ohne fremde Hilfe auskommen. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone war von üblen Dingen überschattet. die Rebellen der RUF wollten gegen die Regierung vorgehen, kämpften de fakto aber gegen die Zivilbevölkerung, um Druck auf die Regierung auszuüben. Oft wurden ganze Dörfer überfallen und die Menschen ermordet. Zehntausenden wurden die Arme mit Macheten abgehackt. Gelegentlich sieht man die verstümmelten Menschen im Getümmel auf den Straßen. Diese grausammen Taten und das ansonsten so friedlich scheinende Land passen nur schwer zusammen.

Vom Fussballspiel habe ich keine Fotos gemacht, aber ich verlinke mal drei Videos vom gleichen Schauplatz. Da kommen auch noch einige Infos über das Land mit.

Gruß
Wolfgang





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