NachoThemenstarter1’066 Beiträge · seit 202316. Sept. 2026 ·
Afrikanischer Nussknacker
Während ich auf der Veranda sitze, einen Cappuccino genieße und in Glückseligkeit schwelge, erlebt Uwe im Zimmer eine kleine Anekdote.
Er erzählt: Ich bin gerade fertig mit Duschen und halb angezogen, da höre ich dich an der Tür klopfen. Ich rufe: ‚Ist offen!‘ – ich dachte, die Tür klemmt wieder. Du klopfst nochmal. Also trotte ich zur Tür… aber hääää – da ist niemand. Ich zweifle an meinem Gehör. Und dann: Wieder ein Klopfen. Diesmal kommt es von unten. Da sitzt ein Togo, ganz lässig, und haut auf der Suche nach Insekten seinen Schnabel in die Wand. Vorher hat er die Tür misshandelt. Das Beste: Der Insektenspecht lässt sich nicht mal von mir beeindrucken, obwohl ich kaum einen Meter neben ihm stehe.
Wir lachen beide. Der Busch liefert manchmal auch schräge Begegnungen – direkt vor der Tür und mitten ins Herz.
Auf zum geführten Drive - mit neuer Hoffnung.
Um halb vier werden wir abgeholt. Mit im Fahrzeug: ein weiteres Ehepaar. Wir fahren keinen Kilometer, da bleiben wir stehen. Unser Guide zeigt auf eine Makalani-Palme, in deren Krone ein Geiernest thront. Nicht, dass wir Geier gänzlich uninteressant finden – aber von dieser Spezies haben wir mittlerweile Hunderte gesehen. Mir schwant, er will Zeit schinden, weil er selbst keine große Hoffnung hat, dass er uns etwas richtig spannendes zeigen kann. Zwar haben wir noch keine Geier in einem Loft mit Palmwedel-Markise gesehen, aber nach ein paar Minuten ist der Wow-Effekt dann auch verflogen. Wir könnten jetzt gerne weiterfahren. Doch unser Guide verliert sich in seiner Erzählung – und redet, und redet, und redet. Während dessen bereue ich schon, dass wir den Drive gebucht haben. Ich möchte bitte weiter und Löwen finden.
Endlich kommt er zum Ende seiner Ausführungen und fährt weiter. Und fährt…und fährt, ohne nennenswerte Sichtungen. Die Zeit vergeht. Wir finden... Geflügel.
Doch das Reservat an sich ist ein Träumchen. Überall bieten sich idyllische Landschaftsmotive – ich würde am liebsten alle fünf Minuten ein Foto machen. Aber für die Schönheit der Umgebung hat unser Fahrer kein Auge. Er rumpelt durchs Gehölz und schüttelt uns ordentlich durch. Fotografieren während der Fahrt? Unmöglich.
Dann rauscht das Funkgerät. Eine Nachricht kommt durch – und unser Guide gibt plötzlich Gas. Was er uns zeigen möchte, wissen wir nicht. Es könnte alles sein. Aber hoffentlich ist es nicht alles, sondern „nur“ ein Löwe, oder von mir aus auch zwei.
Wir kommen an einen kleinen Hügel mit viel Gebüsch. Hier sollen zwei etwa vier Wochen alte Löwenbabys sitzen und auf ihre Mama warten. Leider habe ich gar keine gute Sicht. Mir scheint, der Fahrer sucht eine Position, bei der er selbst die beste Sicht hat – denn mir setzt er konsequent einen Busch vor den Ausguck. Unsere Bitte, ein bisschen vor- oder zurückzufahren, wird ignoriert. Im Geiste streiche ich ihm schon das Trinkgeld, und die Worte, die ich ihm gerade gedanklich zuwerfe, sind nicht jugendfrei.
Uwe hat ein Quäntchen mehr Glück als ich. Selten sehe ich ihn so angefixt. Der Wunsch, ein Foto von einem Löwenbaby mit nach Hause zu nehmen, weckt sogar in ihm die Bereitschaft, seine sonstige Zurückhaltung zu vergessen und mit vollem Körpereinsatz zirkusreife Akrobatik einzusetzen. Er versucht es mit der Lumix – wird aber nix. Der Autofokus ist mehr am Gebüsch interessiert als am Teddybären dahinter. Mit dem Handy funktioniert es ein Ticken besser. Aber es ist nicht das, was wir uns wünschen.
Wer findet den Teddy?
Ich greife zum Feldstecher, versuche wenigstens etwas zu sehen, wenn ich schon nicht fotografieren kann – und tatsächlich: Da ist es. Ein kleines Teddybär-Gesicht mit Knopfaugen, mitten im Grün. Ich bin nah dran, vor lauter Glücksgefühl Herzkammerflimmern zu bekommen. Die Plüschtiere ziehen sich ins Gebüsch zurück. Vielleicht sind ihnen die mittlerweile drei Fahrzeuge zu nah auf die Pelle gerückt – verständlich, wer will schon Paparazzi vorm Kinderzimmer.
Unser Guide legt den Rückwärtsgang ein und umrundet den Hügel. Er fährt sogar den Hang hoch. Ja, für uns ist es schon schön, wenn er versucht, nah an die Tiere heranzukommen – aber das ist grenzwertig. Die Kleinen tun mir leid. Wobei sie eher neugierig als ängstlich wirken, trotzdem vorsichtig. Ganz nach Mamas Anweisung: Nicht aufmachen, wenn jemand anklopft.
Uns wurde erklärt, dass die Löwenmama ihre Babys erst am Tag zuvor umgesiedelt hat. Vielleicht genau aus diesem Grund. Das Gebüsch wäre eigentlich perfekt, um ihre Jungen zu verstecken- dicht, geschützt, unauffällig. Aber gegen Spurenleser hat sie keine Chance.
Wir stehen in einer Art Baggergrube – ein Natur-Amphitheater mit der Option, Simba zu sehen. Auch wenn er sich offenbar entschieden hat, heute nicht vor den Buschvorhang zu treten. Mir bleibt der Blick auf die beiden Löwenbrüder verwehrt. Also drehe ich mich um und fotografiere die Landschaft, während alle anderen versuchen, das Gebüsch zu lasern.
Eine neue Funknachricht kommt. Unser Guide wird plötzlich geschäftig. Er findet, dass wir hier außer Busch sowieso nicht mehr viel erkennen werden – und gibt dem Auto die Sporen. Es geht wieder recht flott durchs Gehölz, dann querfeldein durch eine Graslandschaft.
Und dann – Stopp. Da sind sie: Zwei stattliche Löwenbrüder liegen gemütlich im Gras und machen Siesta. Träge, majestätisch, unbeeindruckt von unserer Ankunft. Dafür geben sie uns eine Kostprobe ihrer Gesangskünste. Gänsehaut-Faktor hoch zehn. Ihr Brüllen lässt die Luft vibrieren – tief und durchdringend. Wir sind schwer beeindruckt, diesen Ruf live zu hören und aus nächster Nähe. Weil die beiden noch faul sind, beschließen wir, den Sundowner einfach im Jeep zu nehmen – und dabei zu warten, ob sich die Herren vielleicht doch noch zu einer kleinen Abendvorstellung entschließen.
Leider wieder ein recht lausiges Foto und auch nur mit einem der beiden Löwen.
Im Dunkeln fahren wir zurück zur Lodge.
Das Dinner schmeckt wieder ausgezeichnet, und wir schaffen gerade noch so das Dessert, bevor wir hochgradig erledigt in die Betten fallen.
NachoThemenstarter1’066 Beiträge · seit 202317. Sept. 2026 ·
Donnerstag 29. Mai - Abschied vom Etosha und die Suche nach dem Heiligen Wisch
Nach einem gemütlichen Frühstück packen wir unsere Koffer, verfrachten sie im Auto und gehen zum Check out.
Wir bekommen unsere Rechnung, viel kann es nicht sein- außer ein paar Getränken. Aber denkste. Was ist das? Uns wurde der Hide in Rechnung gestellt? Den haben wir schon vor ewigen Zeiten gebucht und bezahlt. Was sucht der auf unserer Rechnung? Wir weisen die nette Dame an der Rezeption auf den Irrtum hin. Das beeindruckt sie aber nicht. Ihr PC sagt, die Rechnung sei noch offen. „Ich brauche ihren Voucher.“
Mein Hirn rattert. Wo hab ich den Wisch bloß hingesteckt? Dann dämmerts mir: Klar, wo sonst als in den Untiefen meines großen Koffers. Jackpot. Bin maßlos begeistert. Uns bleibt nichts anderes übrig als erst mal das Auto wieder halb auszuräumen, damit wir den Riesenkoffer aufklappen können. Ich wühle mich durch die Kleiderschichten und maule vor mich hin. Weil einen Fehler gemacht haben, kann ich jetzt meine ganzen Sachen durchwühlen. Erst eine Seite – Nichts. Dann eben die andere Seite. Und da – ganz unten – liegt sie: die Mappe mit den selbstgebuchten Aktivitäten. Und mittendrin: der heilige Hide-Voucher.
Zurück an der Rezeption, wedle ich siegreich mit dem Wisch und übergebe ihn der Mitarbeiterin. Die bleibt aber skeptisch. Ich versteh die Welt nicht: Wo ist denn bitte das Problem? Das Papier belegt doch eindeutig, wann ich bezahlt habe. Es hängt sogar ein Kontoauszug als Beweis dran. Mir schwillt langsam der Kamm.
Das Theater zieht sich. Schließlich kommt eine ranghöhere Kollegin dazu, wirft einen Blick auf meine Unterlagen und entscheidet: „Passt“. Zwar fehlt immer noch der Eintrag im System, aber meine Papiere überzeugen. Sie macht Kopien, wir kriegen grünes Licht – und endlich können wir gehen.
Während wir auf dem Weg zum Tor noch ein bisschen über den Zwischenfall nörgeln, lässt sich ein Gnu zum Abschied blicken – nett, dass es Tschüss sagt – und schon ist der unangenehme Zwischenfall Schnee von gestern.
Das Himmelsbild wechselt heute zwischen strahlend blau bis Winterblues. Neben den Straßen sehen wir Einheimische, die Holz schleppen – auf Fahrrädern, mit Schubkarren oder auf den Schultern. Offenbar rüsten sich auch die Locals für die kalten Tage – oder sie verkaufen es.
Das silbergraue Gras, das mich wochenlang an das schneeweise Fell eines Polarfuchses erinnert hat, wirkt nun gelb und trocken wie reifes Korn.
Plötzlich taucht eine Giraffe auf. Wurde sie uns als Begrüßungskomitee der Lodge geschickt? 😄
Wir freuen uns auf Kambaku. 2022 waren wir im März hier und waren total begeistert von allem, obwohl das Reservat an sich bei weitem nicht das interessanteste der damaligen Reise war, hatten die Drives mit ihren Guides einen enorm hohen Unterhaltungswert. Auch das Gästeklima im Allgemeinen hätte besser nicht sein können. Das Wetter war sonnig und angenehm warm, mit gelegentlichen Schauern. Unsere Erwartungshaltung ist hoch.
Unsere Reise neigt sich inzwischen dem Ende zu. Der Mai gibt das Zepter an den Juni weiter und der Winter hält Einzug. Der Himmel wechselt die Farben heute von strahlend Blau zu Winterblues. Neben den Straßen sehen wir Einheimische, die Holz schleppen – auf Fahrrädern, mit Schubkarren oder auf den Schultern. Offenbar rüsten sich auch die Locals für die kalten Tage – oder sie verkaufen das Brennmaterial.
Das silbergraue Gras, das mich zum Anfang unserer Route an das schneeweiße Fell eines Polarfuchses erinnert hat, wirkt inzwischen gelb und trocken wie reifes Korn. Es scheint, als diene es tatsächlich als Winterfutter. Überall liegen die „Riesen-Klopapierrollen“ gut verpackt und bereit zum Abtransport.
Das Pförtnerhäuschen am Eingangstor ist verwaist. Vor drei Jahren wurden wir hier mit einem Lächeln empfangen. Heute: kein Smalltalk, kein Hallo. Unsere Ankunft fühlt sich an wie der Besuch einer Lodge die im Dornröschenschlaf liegt.
Wir parken vor der Rezeption und steigen aus – brrr, was für ein Temperatursturz! Ich greife nach meiner Steppjacke auf dem Rücksitz.
Drinnen? Gähnende Leere. Kein Mensch zu sehen. Wie war das noch mit dem Dornröschenschlaf? Wir warten ein paar Minuten, dann kommt eine Mitarbeiterin – freundlich, herzlich, mit einem Welcome-Drink in der Hand. Sie erkundigt sich nach unseren Wünschen bezüglich Aktivitäten für die kommenden zwei Tage. Wir müssen sie bremsen: Nur eine Nacht, nur ein Drive – heute Nachmittag, bitte.
Dann geht’s zum Zimmer. Die Tür öffnet sich, und im ersten Moment wirkt es sehr dunkel und kalt. Nicht wegen des Stils – das Zimmer ist charmant, kompakt, gemütlich. Aber ich friere erbärmlich. Eine Heizung? Sehe ich nicht. Auch sonst: keine Wärmestation in Sicht. Da friere ich nicht nur körperlich, der Frost legt sich auch auf meine Seele, meine Begeisterungsfähigkeit, meine Stimmung.
Wir stellen unsere Koffer ab, ich tausche meine Steppjacke gegen den Wintermantel – das ist sozusagen mein Upgrade in Sachen Überlebenskampf gegen Erfrieren. Dann nichts wie raus, zurück ins Tageslicht. Vielleicht schafft es ein Sonnenstrahl mich aufzuwärmen und wenn nicht - frieren kann ich auch draußen.
Der Wind vertreibt zwar die düsteren Wolken, aber die Sonne hat nicht mehr viel Power und kommt gegen das kalte Gebläse des Winterwindes nicht mehr an.
Auf der Veranda steht ein langer Tisch, eingedeckt und bereit fürs Lunch. Gleich daneben die Kaffeemaschine, die mich magisch anzieht. Das dampfende, schwarze Lebenselixier verspricht Wärme von innen. Einige Gäste haben es sich schon gemütlich gemacht und wir werden zu ihnen gebeten. Da sitze ich nun in sibirischer Winterkluft und wärme meine Hände an der dampfenden Tasse. Das Essen sieht fantastisch aus und schmeckt auch hervorragend. Ich würde es allerdings ohne Zögern sofort gegen ein prasselndes Kaminfeuer eintauschen.
Die Aussicht, gleich im Busch-Cabrio durchs Gehölz zu fahren, löst momentan keinen emotionalen Luftsprung in mir aus.
Während des Essens kommen wir mit den anderen Gästen ins Gespräch.
Sie sind zum Reiten nach Kambaku gekommen. Dafür ist die Lodge hier geradezu prädestiniert.
Vor drei Jahren habe ich mich als Nichtreiter auch einmal auf einen Gaul geschwungen. Vor mir ein Guide, der mein Pferdl davon abhielt, mit mir durchzubrennen; hinter mir ein zweiter, der meinem Galoppi ab und zu einen Schubs gab, damit es überhaupt weiterlief – denn mein „fahrbarer Untersatz“ war mehr am Grasen interessiert als daran, mich durchs Gehölz zu tragen. Der Spaßfaktor hielt sich in Grenzen. Daher entscheiden wir uns heute trotz Kälte fürs Busch-Taxi.
Der Kaffee ist geleert, das Geschirr abgetragen. Die Stallmeisterin holt ihre Leute, um die Pferde für den Ausritt zu satteln – und auch unsere Guide kommt, um uns abzuholen.
Sie ist jung, vielleicht gerade mal zwanzig, und arbeitet hier als Praktikantin. Klein und zart, wie sie ist, verschwindet sie beinahe hinter dem Lenkrad des Jeeps. Doch später zeigt sich: Das Safari-Schiff hat sie souverän im Griff.
Außer uns klettert ein weiteres Paar auf die hinteren Plätze. Deutsche – das verspricht zumindest einfache Konversation.
Das Reservat selbst ist mir vom letzten Aufenthalt nicht unbedingt als Highlight in Erinnerung geblieben. Die Lodge hat durchaus Charme – keine Frage. Doch die Tiersichtungen im März waren eher mäßig, die Landschaft war wenig spektakulär. Und mit meiner unterkühlten Begeisterungsfähigkeit heute ist sie es noch weniger.
Markus, der Manager, Marie und Julian, die damals als Guides hier arbeiteten, und Viva, die Stallmeisterin – sie alle hatten sich sofort in unser Herz geschlichen. Unsere Begeisterung für Kambaku hatte wohl vor allem mit den Menschen zu tun, die damals hier waren. Mir war natürlich klar, dass sich die Magie von damals nicht wiederholen lässt. Marie und Julian sind inzwischen andere Wege gegangen, arbeiten nicht mehr hier. Das wussten wir nicht – und Uwe hatte sich so sehr gewünscht, noch einmal herzukommen. Es ist ja auch eine tolle Lodge, und an den heutigen Mitarbeitern gibt es nichts auszusetzen. Das wäre unfair. Es fehlt nur eben… der Zauber von damals. Heute springt der Funke einfach nicht über.
Jetzt sitzen wir im Busch-Cabrio, fahren gemächlich über den Acker und durch das Gehölz. Unsere Guide wirkt schüchtern und unerfahren, erzählt wenig – und Tiere zeigen sich keine. Die Fahrt ist eher ruhig, fast ein bisschen langweilig.
Immerhin entdecken wir eine neue Ecke des Reservats. Ein großes Wasserloch liegt vor uns – allerdings ohne jede tierische Bewegung. Die Fahrt wirkt wie Zeit totschlagen.
Uwe scherzt: „Die Viecher stehen alle schon zum Überwintern im Stall und dürfen erst im Frühling wieder raus.“ Da wir vom Cockpit aus nur spärlich mit Informationen versorgt werden, kümmern wir uns selbst um die Unterhaltung. Das andere Ehepaar teilt unseren Humor – und so wird es wenigstens lustig, wenn schon der Aha-Moment ausbleibt.
Wir albern auf Deutsch, was unser Fräulein am Steuer sichtlich verunsichert. Vielleicht wird sie auch deshalb immer wortkarger weil sie unser Geplänkel nicht unterbrechen möchte. Sie versteht uns natürlich nicht – aber das ist uns gerade egal. Es tut mir leid für sie, aber im Moment steht mein Ego im Vordergrund. Ich will mich einfach mal nicht mit Englisch plagen und die Chance genießen, zu reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist.
Plötzlich stoppt der Wagen. Hat sie etwas entdeckt? Sie steigt aus – und präsentiert eine Aloe Vera. Ein kleines Stück wird abgeschnitten, dann folgt ein Mini-Lehrgang über deren Anwendungsmöglichkeiten. Okay, darüber könnte selbst unser Apothekerschrank zuhause einen Vortrag halten. Keine Titelblatt-Story, aber sie zeigt Einsatz – und das rechne ich ihr hoch an.
Weiter geht die Fahrt. Ich traue meinen Augen kaum: Zwei Giraffen stehen da und kümmern sich um die Parkpflege. Ein Viertelstündchen später zeigt sich sogar ein Wasserbock. Jo, damit haben wir heute gar nicht mehr gerechnet. Aber das war’s dann auch mit dem Safari-Feeling.
Das Highlight der Fahrt bildet der Sundowner. Das ist dann doch noch ein würdiger Abschluss einer sonst eher unspektakulären Fahrt.
Romantisches Dinner mit Jäger Latein
Durchgefroren kommen wir zur Lodge zurück. Ich weiß von unserem letzten Besuch, dass das Dinner an ein Hochzeitsmahl erinnert. Da wäre ein hübsches Outfit und ein bisschen Styling schon passend. Aber es ist inzwischen stockdunkel und ich mag mich in der Kälte weder ausziehen, noch ist mir meine äußere Erscheinung gerade wichtiger als Wärme. Ich zieh noch eine wärmende Schicht mehr unter meinem Steppmantel an. Dann kann es losgehen.
Im Haupthaus lodert neben dem Treppenaufgang ein romantisches Kaminfeuer. Davor steht ein liebevoll gedeckter Tisch für zwei – ganz klar: Hochzeit. Ich bleibe kurz stehen, genieße die stimmungsvolle Szene und die Wärme, die das knisternde Feuer verströmt. Hinter uns erscheinen J. und B., die uns heute auf unserer Busch-Exkursion begleitet haben. Sie feiern ihren Hochzeitstag. Wie schön. Sie laden uns ein, uns dazuzusetzen – obwohl wir ihre Gesellschaft sehr schätzen, lehnen wir dankend ab. Das ist ihr Moment. Für uns und die anderen Gäste wurde oben auf der Dachterrasse ein Open-Air-Dinner vorbereitet – eine besondere Oase mit windschützenden Mauern, einem offenen Kamin in der Ecke und dem Sternenhimmel über uns. Die Romantik lässt keine Wünsche offen. Der Tisch wurde nicht weniger festlich eingedeckt -wie für die erweiterte Hochzeitsgesellschaft des trauten Paares unten am Kamin.
An den Tischenden stehen Gas-Pilze, und unsere Plätze liegen direkt neben der Wärmequelle. Mein Herz schlägt einen Saldo. Jackpot. Was bin ich doch für ein Glückskind.
Mit unseren Tischnachbarn haben wir ebenfalls Glück – sie sind alle deutschsprachig unterwegs. Neben mir sitzt eine junge Mitarbeiterin, mir gegenüber, ein waschechter Jäger und neben ihm ein Gast, der zum Jagen hier ist und sein Hobby versucht vor uns zu rechtfertigen. Wir lassen ihn eine Weile reden und lenken dann das Thema in eine andere Richtung. Der professionelle Jäger hält sich zurück mit dem üblichen Jägerlatein. Stattdessen erzählt er uns eine Geschichte, die ich so schnell nicht wieder vergessen werde:
Früh am Morgen, sagt er, es ist noch dunkel, sitzt er mit einem Kollegen und zwei Gästen in einem Verschlag. Sie warten auf Wild. Die Jäger sind noch müde, die Stimmung ist ruhig. Plötzlich entdeckt er im ersten Morgengrauen etwas unter der Bank eines Gastes. Er fokussiert den Punkt, hat einen Verdacht, braucht aber eine Weile, bis er sicher ist, worum es sich handelt. Dann der Schock der Erkenntnis – die schlimmste aller Vorstellungen bestätigt sich: eine schwarze Mamba, eine der giftigsten und zugleich aggressivsten Schlangen Afrikas, liegt zusammengerollt – keine Handbreit hinter dem Fuß eines Gastes.
Seiner Verantwortung bewusst, und bemüht, sich seine eigene Angst und Panik nicht anmerken zu lassen, sagt er so ruhig wie möglich zu dem Gast: „Bitte bewegen Sie Ihre Beine nicht.“ Der Gast erstarrt. Die Luft knistert vor Spannung. Alle spüren: Da stimmt etwas nicht – und niemand zweifelt daran, dass es sich um etwas Gefährliches handelt. Panik steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Bleib mal ruhig sitzen, wenn du hörst, du sollst dich nicht bewegen, weil Gefahr im Verzug ist. Er und sein Kollege beraten sich, was sie tun könnten – sie finden keine Lösung. Also funken sie einen dritten Kollegen an, der sich besser mit Schlangen auskennt. Dieser rät ihnen: „Jetzt sofort langsam aufstehen. Und raus.“
Noch ist es kühl, die Schlange träge. Aber mit jedem Grad mehr steigt die Gefahr. Dann beginnt der Spießrutenlauf auf Messers Schneide: Einer nach dem anderen steht mit eiserner Disziplin und Angstschweiß auf der Stirn in Zeitlupe auf und bewegt sich, die Panik unterdrückend, an der Schlange vorbei zum Ausgang. Die Mamba – sie rührt sich Gott sei Dank nicht. Draußen angekommen nehmen alle sicheren Abstand und atmen tief durch. Hui, der erzählt aber spannend! Ich hänge an seinen Lippen. Zum Glück sind wir schon beim Dessert, sonst wäre das sensationelle Essen womöglich kalt geworden.
Mit den ersten Gästen, die den Rückwärtsgang in ihre Zimmer einlegen, verabschieden auch wir uns und schlendern den kurzen Weg zurück in unser Sweet Home. Am Himmel glitzern ein paar Sterne, der Mond wirft sein gedimmtes Licht auf unseren Pfad. In den Bäumen hängen Laternen – es sieht zauberhaft aus. Fast wie aus einem Film. Romantik pur.
Gummiwurst und Todesangst Im Zimmer ist es leider arschkalt. Mit einem Affenzahn machen wir uns bettfertig und schlüpfen unter die Decke. Mein Bein berührt etwas Langes, Warmes. Ich zucke erschrocken zurück – aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Denn sofort wird mir klar, was da in meinem Bett liegt: zwar ungewöhnlich, aber eindeutig – eine Wärmflasche. Und nicht irgendeine, sondern eine in Wurstform. Kurios, unerwartet, aber herrlich effektiv. Wer auch immer auf die Idee kam, dieses Ding ins Bett zu legen, verdient eine Auszeichnung als bester Mitarbeiter des Monats.
Die Kälte, die sich heute über den ganzen Tag in meine Knochen geschlichen hat, verabschiedet sich. Ich ziehe meine Decke bis zur Nasenspitze und während ich glückselig meine Gummiwurst umarme, entspannt sich mein Körper. Ich schlafe bald ein. Irgendwann in der Nacht weckt mich ein leises Grunzen. Gnus, denke ich benommen. Sie ziehen manchmal am Fenster vorbei. Der Schotter unter ihren Klauen knirscht, als würde jemand über Glasscherben laufen.
Ich lausche kurz – dann meldet sich die Blase. Widerwillig schäle ich mich aus dem Bett, versuche, Uwe nicht zu wecken, und schlürfe Richtung Badezimmer. Ohne Licht. Der Mond wirft seinen silbrigen Schein durch die Fenster, gerade genug, um den Weg zu erkennen.
Kurz vor der Tür nehme ich eine Bewegung wahr. Ein Schatten – eine Gestalt, etwa in meiner Größe und Statur. Es ist nicht Uwe, der liegt zweifelsfrei im Bett. Mein Herz beginnt zu rasen. Noch schlaftrunken begreife ich nicht, was gerade passiert. Die Gestalt kommt auf mich zu, streckt mir die Hand entgegen – Adrenalin schießt durch meinen Körper. Ich rechne damit, im nächsten Moment überwältigt zu werden – und schreie, was das Zeug hält.
Uwe schreckt hoch, macht das Licht an – und jetzt erkenne ich, wer sich da auf mich zubewegt. Ich bin’s! Mein eigenes Spiegelbild. An der Badezimmertür hängt ein Ganzkörperspiegel, und das Licht des Mondes reichte aus, um den Grusel im wahrsten Sinne des Wortes greifbar zu machen.
Uwe sitzt im Bett und lacht sich schlapp. Er war kurz vor mir auf der Toilette und ist auch über sein Spiegelbild erschrocken. Meine Spannung löst sich, mein Herz schlägt wieder normal und jetzt lachen wir beide, bis die Tränen fließen und hoffen dabei, dass die Nebenzimmer nicht belegt sind. Ansonsten stehen jetzt dort die Gäste im Bett und rufen den Wachdienst.
Drei Meter, ein Schatten, ein Schrei und ich: als Hauptfigur im Spiegel-Schocker. Na dann: Süße Träume.
rechts im Bild erkennt man den Spiegel
Freitag 30. Mai - Navi-Ausfall, Blaulicht und Verkehrsopfer
Wir wachen mit dem ersten Licht der Morgendämmerung auf, noch eingekuschelt in unsre warmen Decken. Ein paar Seiten lesen, ein bisschen quatschen – bevor wir uns endlich dazu durchringen, das mollige Nest zu verlassen. Dann Katzenwäsche, mehr aus Pragmatismus als aus Eile. Gegen halb acht schleichen wir zum Frühstück.
Draußen sind die Reiter schon unterwegs zum Pferdesatteln. Der erste Ausritt vor dem Frühstück – Respekt. Die Jeep-Fraktion wird ebenfalls eingesammelt. Bei dieser Kälte und der tierischen Ruhe im Reservat bin ich heilfroh, dass wir den inkludierten Drive für heute abgelehnt haben.
Wir nähern uns dem Restaurant. Und was sehe ich? Der lange Tisch von gestern ist wieder draußen eingedeckt. Spinnen die, bei der Affenkälte?
Für die Aktiven, die erst um zehn zurückkommen, mag das ja passen – vorausgesetzt, die Sonne zeigt sich gnädig. Aber ich? Ich setze mich heute ganz bestimmt nicht ins Freie. Da wird das Ei auf dem Weg vom Teller zum Mund schon kalt. Vielleicht gibt’s ja drinnen Hoffnung.
Wir betreten den Speisesaal. Ein Kaminfeuer prasselt – hurra, meine Rettung. Die Wärme umarmt mich sofort. Doch Tische sind keine eingedeckt. Ich frage den nächstbesten Angestellten, ob wir drinnen frühstücken dürfen. Ein kurzes Nicken, ein paar Anweisungen – und schon beginnen zwei Mitarbeiter, Tische herzurichten. Wir lassen sie machen, schnappen uns eine Tasse dampfenden Kaffee und setzen uns an den Kamin. Die Tasse wärmt die Hände, das Feuer die Seele.
Das Frühstück gehört zu den besten unserer Reise. Schon beim ersten Blick aufs Buffet wird klar: Hier müssen wir Prioritäten setzen. Alles zu probieren ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Ein netter Plausch mit anderen Gästen entsteht ganz von selbst. Auch sie sind auf dem Absprung. Abschiedsstimmung liegt in der Luft, aber diesmal ohne Wehmut – der Funke hat einfach kein Feuer werden wollen, und das lag nicht an der Lodge. Hier wird alles richtig gemacht. Aber die Magie des ersten Besuches, wo das Wetter perfekt war, ich meine Wohlfühltemperatur hatte, die Gäste wie die Faust aufs Auge zu uns passten, andere Mitarbeiter hier waren, die wir gern wiedergesehen hätten – das sind alles rein emotionale Faktoren, auf die eine Lodge keinen Einfluss hat.
Dann checken wir aus und machen die Fliege.
Sorry, jetzt hab ich keine Fotos mehr für diese Episode.
Kaum auf der B1, da kommt uns ein ganzer Konvoi entgegen – Blaulicht, Blinker, volle Dröhnung. Offenbar wird hier jemand von Rang und Namen chauffiert. Die Straße gehört ihnen, jede Spur wird vereinnahmt. Wir, das gemeine Fußvolk, kennen unseren Platz in der Rangordnung – und tun, was man von uns erwartet: Für uns reicht der Acker. Also weichen wir aus, machen Platz für Herrn oder Frau Wichtig. Zum Glück heißt uns der Grünstreifen an dieser Stelle willkommen, ohne uns gleich in den Graben zu schicken. Wir stehen still und schlucken den Staub der vorbeiziehenden Eskorte.
Road closet - und wohin jetzt?
Überall wird gemäht - und Ballen werden gepresst. Eine kleine Familie Warzenschweine lässt sich kurz am Wegrand blicken, aber es ist nur ein ganz flüchtiges Hallo, und schon verschwinden sie wieder im Gehölz.
Den Blick auf die Straße gerichtet, fallen uns die vielen Leichen auf, die den Asphalt pflastern- Schakale, Mangusten oder andere, nicht mehr identifizierbare Tiere – das sind wirklich erschreckend viele Verkehrsopfer.
Die Landschaft zeigt sich nicht sonderlich abwechslungsreich, und so fahren wir weiter, bis etwa 70 Kilometer vor Windhoek plötzlich Schluss ist: Road closed. Kein Umleitungsschild, kein Hinweis, nichts. Unser Navi zuckt nur mit den Schultern und verweigert die Aussage auf unsere Frage, „Wohin jetzt“.
Wir stehen ratlos da, bis ein paar Einheimische auftauchen und die Sperre kurzerhand umfahren. Uwe beobachtet das Ganze und hält es für eine gute Idee, es ihnen gleichzutun. Wenn die Einheimischen das machen, kann es ja nicht völlig falsch sein – denkt er.
Am Straßenrand stehen auch ein paar Tramper, die offenbar ebenfalls in unsere Richtung wollen. Das bestärkt Uwe in seiner Theorie, dass die Straße längst wieder befahrbar ist und nur das Schild vergessen wurde. Oder ignoriert. Oder beides. Zwanzig Kilometer kommen wir gut voran. Dann ist wieder Schluss.
Kurz vor der Sperre war doch ein Wohngebiet mit Schranke und Wächterhäuschen, oder nicht? Ganz bestimmt sogar. Also: Umdrehen, zurückfahren und fragen, wo’s langgeht.
Der Mann am Tor ist freundlich, sein Englisch allerdings schwer verständlich. Er öffnet die Schranke, weist uns einen Parkplatz zu und sagt, er käme gleich. Tut er auch. Dann beginnt er, uns einen Schleichweg zu erklären. Wir verstehen vielleicht 25 Prozent, nicken aber freundlich lächelnd und bedanken uns mit einem Trinkgeld für seine Mühe.
Dann fahren wir los – und stecken schon nach ein paar hundert Metern in einer Sackgasse fest. Also wieder zurück, irgendwo abbiegen, irgendwie durch das Wohngebiet navigieren. Ja, da läuft doch unser nächster Hoffnungsträger. Wir fragen, er antwortet. Wir verstehen mindestens die Hälfte, bedanken uns und fahren los. Diesmal kommen wir sicher dreihundert Meter weiter – dann ist aber wieder Schluss. Das Schlimme: Wir sehen die Straße, auf die wir wollen, finden aber keinen Weg dorthin.
Also kehren wir erneut um, drehen die nächste Ehrenrunde durchs Wohngebiet – und treffen wieder auf unseren Hoffnungsträger von vorhin. Er grinst schon, versucht ein weiteres Mal, uns den Weg zu erklären, und sieht wohl in unseren Gesichtern, wie es uns die Fragezeichen raushaut. Er unterbricht seine Rede: „Ich kann ein Stück mitfahren“, bietet er an. Ja Mensch, da sagen wir nicht Nein. Das finden wir wahnsinnig freundlich – und wollen wir mal festhalten: Wir sind nur Ausländer! Er steigt ein. Es geht ein paarmal links, ein paarmal rechts, und dann sagt er: „Hier nur noch geradeaus, dann habt ihr die Straße, die euch nach Windhoek bringt.“
Wir sind erleichtert – sitzt uns doch die Zeit für die Autorückgabe im Nacken. Natürlich möchten wir diesem wahnsinnig netten Mann ein großzügiges Trinkgeld geben. Aber er weigert sich, es anzunehmen. Uwe redet auf ihn ein, und schließlich nimmt er es nur, weil Uwe sagt, er solle es seinen Kindern geben.
Er steigt aus und verabschiedet sich. Er ist bestimmt einen Kilometer mitgefahren – die Strecke muss er zurücklaufen, und das nimmt er mit allergrößter Selbstverständlichkeit hin. Wir würden ihn auch zurückfahren, aber dann finden wir den Weg wieder nicht – und das weiß er. Im Nachhinein frage ich mich, ob wir ihn in seiner Ehre verletzt haben, weil wir seine Hilfsbereitschaft „bezahlen“ wollten. Vielleicht war unsere Geste gut gemeint, aber kulturell nicht ganz passend. Oh Mann – das täte mir wirklich leid.
Kann jemand, der die namibische Mentalität besser versteht als ich, einschätzen, was in diesem Moment richtig gewesen wäre? Ein Trinkgeld – oder doch lieber nur ein herzliches Danke? Arm hat der Mann nicht ausgesehen. Er war auch in einem eher wohlhabenden Wohngebiet unterwegs – allerdings trug er Arbeitskleidung. Vielleicht war er ein Bauarbeiter oder Handwerker, der dort gar nicht selbst wohnt. Ich hoffe, wir haben ihn nicht in seiner Ehre verletzt. Das täte mir wirklich leid.
Unseren Zeitpuffer von mehr als einer Stunde brauchen wir auf. Bis wir den Wagen wieder vollgetankt haben, kommen wir sogar noch 10 Minuten zu spät bei Zaris in Windhoek an. Darüber verliert aber niemand ein Wort. Der Mitarbeiter umrundet unser Auto und nickt. Dann wird die Kaution freigeschalten. Wir steigen mit samt dem Mitarbeiter wieder ins Auto, diesmal sitzt er am Steuer – dann werden wir zur Voigtland Ranch gefahren.
NachoThemenstarter1’066 Beiträge · seit 202317. Sept. 2026 ·
Gustav in Flirtlaune
Wir rollen wieder durch das einladende Voigtland-Tor auf den Hof und verabschieden uns von unserem Fahrer.
Der Check-in geht flott über die Bühne. Unser neues Zuhause, Zimmer Nr. 4, ist groß, hell und liebevoll eingerichtet. Das Beste: Es hat eine Heizung! Jawoll – endlich eine Wärmequelle. Wir drehen sie ohne zu zögern bis zum Anschlag auf. Die Kälte hat uns seit Tagen fest im Griff.
Die Koffer werden in die Ecke geschoben. Es ist bereits High-Tea-Zeit, und die Giraffen Gustav und Marie warten schon ungeduldig auf ihr Popcorn to go. In der Sonne, wenn der eisige Wind gerade mal Pause macht, lässt es sich ganz gut aushalten.
Wir füttern das hübsche Pärchen mit den langen Beinen. Währenddessen hat Sophie das Bedürfnis, den Wasserhahn aufzudrehen. Der Strahl gleicht einer Feuerwehr-Fontäne. Ohhh, das findet Gustav äußerst anziehend. Er nähert sich ihr von hinten und hält prompt sein halbes Gesicht unter den Strahl – scheint ein Spa-Erlebnis Deluxe zu sein. Anschließend flehmt er genüsslich.
Man munkelt, Sophie erwarte Nachwuchs. Vielleicht wollte er auch nur einen Schwangerschaftstest durchführen, oder prüfen Sophie zum Flirten bereit ist oder ihr der Sinn nach Liebesdingen steht. Er macht ihr keine weiteren Avancen. Vielleicht ist das Testergebnis tatsächlich positiv?
Es ist schon ein tolles Erlebnis die Tiere hier so nah zu sehen und doch habe ich auch bei der Fütterung nicht mehr das gleiche begeisterte Gefühl wie bei unserem Besuch vor vier Wochen. Es reicht mir die Tiere zu beobachten und darüber kann ich mich tatsächlich freuen, aber eben nicht mehr so euphorisch. Da haben wir wieder den Wiederholungseffekt. Das zweite Mal ist eben nicht das erste Mal.
Dann ist es an der Zeit, uns unserer eigenen Fütterung zu widmen: Kaffee und Kuchen gehen immer.
Anschließend gehe ich ein wenig auf Fotopirsch. Hier auf Voigtland sieht man deutlich, dass der Winter Einzug gehalten hat. Etliche Blumen sind verblüht, andere wurden bereits in ein frostfestes Mäntelchen gehüllt.
Melancholie liegt in der Luft. Die Tage sind jetzt kurz, Sonnenstunden keine Selbstverständlichkeit mehr und der Wind weht empfindlich frisch. Aber die Stimmung hat sicher auch damit zu tun, dass Morgen Abreisetag ist. Es hat eben alles seine Zeit und wenn wir all das was wir gesehen und erlebt haben immer hätten, würde es uns nicht mehr so faszinieren und begeistern. Insofern ist es gut ein Jahr lang schmachten zu müssen, bis wir wieder afrikanische Luft schnuppern dürfen. Der Wintermonat Mai wird aber definitiv nicht zu meiner bevorzugten Reisezeit.
Für den restlichen Nachmittag suche ich mir einen Platz in der Sonne und lese auf der Terrasse.
Uwe setzt sich zu mir, und gemeinsam genießen wir unseren letzten Sonnenuntergang. Einen, der sich wirklich sehen lassen kann. Der Feuerball am Himmel gibt uns eine stimmungsvolle Abschiedsvorstellung, bis er schließlich hinter den Bergen verschwindet.
Sofort wird es empfindlich kalt. Wir flüchten in unser schön angewärmtes Zimmer und bleiben dort, bis es Zeit fürs Dinner ist. Nach dem Duschen heißt es: Kofferpacken – flugtauglich und teils mit System, teils nach dem Motto: „Ach, das stopfe ich da noch rein.“
Das Dinner wird uns wieder im Wintergarten serviert, und ein Heizstrahler sorgt für muckelige Wärme. Ich kann sogar meinen Mantel ausziehen, ohne es sofort zu bereuen. Die Atmosphäre ist romantisch und stilvoll – das Essen hält, was das Ambiente verspricht.
Bald ziehen wir uns zurück und lassen uns von der Bettschwere besiegen.
Letzter Drive und das Ende unseres Wintermärchens
Gegen halb sieben wache ich auf – draußen ist es noch stockfinster. Frühstück gibt es erst in zwei Stunden. Für mich Frühaufsteher fühlt sich das fast wie Mittag an. Uwe schlummert noch im Reich der Träume. Ich nutze die Zeit, um zu lesen und mein Reisetagebuch auf den neuesten Stand zu bringen. Irgendwann öffnet mein Herzblatt die Augen, wir quatschen ein bisschen und machen uns dann startklar für unseren letzten Tag.
Draußen herrscht strahlendblauer Himmel. Die ersten Sonnenstrahlen schaffen es über die Hügel. Frühstück ist noch nicht in Sicht, aber Gustav und Marie geben bereits ihr Bestes um uns einen letzten Jenseits von Afrika-Moment zu spendieren.
Aus Sorge, wir würden am Abreisetag mehr oder weniger nur noch auf unser Taxi warten, wurde bereits bei der Unterkunftsbuchung auf unseren Wunsch hin ein Drive für heute mit auf die Rechnung gesetzt. Den ersten am Ankunftstag fanden wir ja nicht so dolle, das bräuchten wir eigentlich kein zweites Mal. Aber nu isses halt so, schaukeln wir ein letztes Mal durchs Gelände.
Sehen werden wir nicht sehr viel. Uwe unterhält sich stattdessen angeregt mit unserem netten Guide.
Auf Voigtland leben weit über 200 Simmertaler Rinder, frei und artgerecht. Unser Guide fragt, wie bei uns die Rinder im Winter Futter finden. Wir versuchen, ihm einen europäischen Mastbetrieb zu erklären – doch sein Gesicht sagt: Wers glaubt wird seelig. Für ihn ist so eine Tierhaltung gänzlich unvorstellbar.
Unser Ziel ist der Sundowner Platz, den wir bereits beim ersten Drive angefahren sind. Die Aussicht ist zwar sehr schön, aber jetzt am späten Vormittag fehlt leider die Atmosphäre.
Zurück auf der Farm wird geduscht. Um 15 Uhr gibt es noch einmal High-Tea – deshalb verzichten wir auf Lunch. Ich nutze die Zeit für eine letzte Foto-Runde und verteile Streicheleinheiten an den verschmusten Esel, der sie dankbar annimmt. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich seine Zuneigung weniger genieße als er meine.
Ich muss noch mal ins Zimmer – Uwe bleibt auf der Terrasse. Als ich wieder rauskomme, fährt ein Taxi auf den Hof. Und wer steigt aus? J. und B., die wir in Kambaku kennengelernt haben. Ein freudiges Hallo! J. erzählt, sie hätten es bedauert, dass wir keine Nummern ausgetauscht haben, und gehofft, uns am Flughafen wiederzusehen. Das hätte aber gar nicht funktioniert – sie fliegen erst morgen zurück. Es bleibt ein kurzes Wiedersehen, dann kommt unser Taxi. Der Moment, in dem wir Namibia hinter uns lassen, ist nicht mehr aufzuhalten.Unsere Maschine startet pünktlich, der Flug ist angenehm – und am nächsten Morgen landen wir in Zürich, bei Eiseskälte. Anfang Juni. So haben wir uns das nicht vorgestellt. Wo ist bitte der Schalter, der uns zurück nach Namibia bringt?
Liebe Leserschaft,
Dankeschön fürs Durchhalten. Jetzt habt ihr es geschafft. Ich verabschiede mich hiermit.