Schmierestehen für ein Steak – Südafrika im Feb. 26
von Nacho · ab Jan. 2026 · Selbstfahrer · 64 Teile
Über diesen Reisebericht
Februar 26 für 4 Wochen als Paar mit dem Hilux unterwegs in festen Unterkünften. Unsere Route führt uns von Kapstadt zur Westküste, über die Cederberge und das Namaqualand bis nach Augrabies Falls, dann weiter in den KTP – dem Herzstück unserer Reise. Vom KTP fahren wir durch die Große Karoo mit einer Transitübernachtung in Sweetfontein nach Graaff-Reinet und weiter in den Karoo Nationalpark. Danach geht es nach Swellendam, mit einem Abstecher ins De Hoop Nature Reserve, bevor wir nach Kapstadt zurückkehren.
Abwechslung wird auf dieser Reise großgeschrieben. Wir erleben raue Küsten, Backofenhitze in den Cederbergen mit atemberaubender Kulisse und schönen Pässen. Im Naries Namakwa Retreat und im Goegap Nature Reserve haben wir Gelegenheit, den Hilux auf Herz und Nieren zu testen und mit der Technik zu spielen. Augrabies kommt wegen einer zwangsweisen Urlaubsverkürzung leider zu kurz. Dafür entschädigt uns der KTP mit Löwen, Cheetahs, Eulen und anderen Tieren. Die Fahrt durch die Große Karoo wäre in der Blütezeit zwar noch beeindruckender, aber auch jetzt freuen wir uns über jeden Kilometer, den wir durchs Land rollen. Das Valley of Desolation beeindruckt uns nachhaltig, und der Karoo NP überrascht uns mit einer Sichtung, die wir nicht erwartet haben, sowie mit einer unglaublich schönen 4x4-Strecke. Swellendam, De Hoop und auch das Weingut Vergelegen begeistern uns am Ende der Reise ein weiteres Mal – genauso wie der wunderschöne Clarence Drive und unsere Tuchfühlung mit den Pinguinen in Betty’s Bay.
Die Route an sich war nahezu perfekt für uns. Mit der ursprünglich geplanten Zusatzwoche wäre sie deutlich entspannter gewesen – weniger Einzelnächte, mehr Zeit zum Genießen.
Teil 104. März 2026
Wer schreibt hier eigentlich?
Ich bin Silvia, 61 Jahre alt und gemeinsam mit Uwe zum zweiten Mal auf Tuchfühlung mit Südafrika. Eines vorab: Erwartet bitte keine wissenschaftliche Abhandlung über die Migrationsmuster der Gnus. Ich schreibe über das, was passiert, wenn die Emotionen hochkochen und der Staub zwischen den Zähnen knirscht. Mein Bericht ist für alle, die Inspiration suchen und vielleicht (noch) nicht als abgebrühte Busch-Profis geboren wurden. Ich teile nicht nur Tiersichtungen, sondern das ungeschönte Reiseerlebnis zwischen Gänsehaut und Herzklopfen.
Wo hat es uns hinverschlagen? Unsere Route war nichts für saubere Autos. - Hier fehlt das Foto: Der Dreck war quasi unser Offroad - Diplom und sollte zeigen: Wir waren wirklich im Busch! Jetzt müsst ihr mir einfach glauben weil ein Manager am Ende unserer Reise und vor unserem Beweisfoto, ungefragt unser Auto waschen lies - Service des Hauses 🤩
Kapstadt Anstelle von Sideseehing in der Mother-City, fahren wir gleich Richtung Nordwesten in ein Dorf, wo der Fisch so fangfrisch ist, dass er fast noch vom Teller springt.
Cederberge Eine Lektion über den Wert von Wasser und ein Haus wie im Märchen
Namaqualand Vom Staubfressen und dem Abenteuer auf Offeroadpisten. Und das Rätsel warum man für ein Steak Schmiere stehen muss.
Augrabies Wo der Wassrefall in die Tiefe donnert und die Sterne explodieren.
Das Herzstück der Reise Acht Nächte im KTP Wo eigentlich die Löwen brüllen sollten und die Dünen im Moment nicht rot, sondern saftig grün aussehen.
Die große Überraschung im Karoo NP wo wir Bekanntschaft mit einer wahren Größe machen. Dann Erdmännchen, Idylle, aufregende Passfahrten und ein edler Tropfen – oder auch zwei.
Am Ende eine unplanmäßige Urlaubsverlängerung
Na, neugierig geworden? Dann schnallt euch an und kommt mit auf unsere Reise!
Teil 206. März 2026
Visuelle Vorspeiße gefällig?
Nachtlager Chronik:
2 N. Paternoster Farr Out Guesthouse 2 N Cederberge – Mount Ceder Lodge: Pepperboom House 2 N Naries Namaqua Retriet – Manor House 1 N Augrabies Falls 1 N Upington – River Place Manor 1 N Twee Rivieren Rest Camp 1 N Urikaruus Wilderness Camp 2 N Kalahari Tented Camp 2 N Nossob Rest Camp 1 N Bitterpan Wilderness Camp 1 N Twee Rivieren Rest Camp 1 N Upington River Place Manor 1 N Sweetfontein Boutique Farm Lodge 1 N Graff-Reinet Drosdy Hotel 2 N Karoo NP Rest Camp 2 N Raw Karoo Guest House 2 N Swellendam Rthman Manor 2 N Kapstadt Parker Cottage
Wie ein Reiseplanpuzzle entsteht:
Waaas, spinnt die, so viele Einzelnächte? Hast du das gerade gedacht? Na dann muss ich dir absolut recht geben. Ihr sollt ja hier inspiriert werden. So bitte nicht! Leider hat uns die Glücksfee nicht alles gegeben, worum wir sie baten und uns zu kreativen Änderungen unserer ursprünglichen Planung gezwungen. Denn eigentlich war alles perfekt.
Ursprünglich hatte ich eine Woche mehr Urlaub, alles fein säuberlich von der Reiseagentur gebucht. Dann kam der Jobwechsel und zack – eine Woche weniger Zeit, aber dieselbe Route. Also: Nächte kürzen, ohne die Reise zu kürzen. Wie die typische Erwartungshaltung beim Frisör: Ich hätte gern eine ganz andere Frisur, aber bitte nichts abschneiden! Ein Traum für jeden Experten.
Das KTP - Betten – Lotto
Wir wollten nehmen, was wir kriegen – Hauptsache zwei Nächte am Stück. Bekommen haben wir dann: 3× Doppelübernachtung, 2× Einzelübernachtung und Bitterpan mitten im Sandwich. Blöderweise kann man dort nicht groß rumfahren, also was sollen wir dann für zwei Nächte dort? Wir sind keine Rumhocker. Also haben wir eine Nacht gestrichen und uns stattdessen am Ende noch eine Einzelübernachtung in Twee Rivieren geangelt.
Das Camdeboo Dilemma
Drei Nächte im Privatreservat sollten es werden, aber bitte zum Preis von zwei – wie jedes Jahr im Angebot. Dieses Mal hat man uns aber monatelang hingehalten, nur um uns im November fröhlich mitzuteilen: „Ätsch, dieses Jahr nicht.“ Großartig. Also mussten wir drei Nächte irgendwo anders unterbringen. Logistisch ein Albtraum. Finde mal in Rekordzeit eine passende Alternative die das Puzzleteil ersetzt.
Ich wollte unbedingt das Valley of Desolation sehen. Also unser Konstrukt passend gemacht und so wurden es eine Nacht Graff Reinet und zwei Karoo NP.
Das Fazit unserer Betten-Rallye:
Viel zu viele Einzelnächte und ein Reiseplan wie ein bunter Flickenteppich. Aber komm, sei mal nicht so streng mit mir. Er ist doch immerhin richtig schön bunt.
Oder nicht? Mount Ceder - Pepperboom House
Sweetfountein - Boutique Farm Lodge
Graff Reinet - Drostdy Hotel
Rothman Manor - Swellendam
Parker Cottage - Kapstadt
Teil 307. März 2026
Aber jetzt geht es los:
Fly away – die leicht chaotische Kunst des Reisens
Natürlich mussten wir uns wieder die große philosophische Frage stellen: Wem schenken wir diesmal unser Geld und unser Vertrauen? Und da ist unser Test-Sieger einfach die Qatar Airways, der elegante Vogel aus Doha, der uns bisher am zuverlässigsten durch die Lüfte getragen hat.
Reiserücktrittsversicherung? Nein Danke, dachten wir. Schließlich sind wir schon viel gereist, ohne dass je etwas war. Na gut, außer Corona. Aber das zählt nicht, das war ja quasi ein globales „Pech gehabt“. Und der Praxistest zeigte: Eine Versicherung ist wie ein alter Regenschirm – wenn`s wirklich schüttet, nicht zu gebrauchen. Also sparen wir uns diesen Lotterieschein.
Schließlich buchen wir am 3. Juni 2025 unseren Flug. Alles ist gut und entspannt. Bis zum 13. Juni. Die Medien sprechen von einer Eskalation zwischen Israel und dem Iran. Na prima, wir sind begeistert – also… innerlich schreiend, äußerlich bemüht, normal weiterzuatmen.
Jetzt ist eine optimistische Haltung gefragt und die Hoffnung, dass sich die Lage bis Februar 2026 wieder beruhigt. Politisch interessierte Menschen würden das vermutlich „naiv“ nennen. Und das kann ich ihnen nicht verübeln. Aus meinem Selbstschutzbedürfnis heraus beschäftige mich nur in homöopathischen Dosen mit dem politischen Weltgeschehen. Mehr verkrafte ich einfach nicht. Uwe ist zwar „Otto-Normalo“ informiert, aber auch kein Experte. Seine Reaktion mir gegenüber: Jetzt haben wir die Tickets und hoffen, dass sich bis Februar alles wieder beruhigt hat.
Samstag 31. Januar - Wir sind dann mal weg!
Die Koffer stehen im Flur, die Katzen ahnen den Abschied bereits. Pünktlich auf die Minute klingelt es – unser Taxi ist da. Ein letzter Fellknutscher und tschüss: Wir sind dann mal weg.
Am Flughafen läuft alles entspannt. Einziger Störfaktor im Flieger ist der üble Mundgeruch in meinem direkten Umfeld. Gekrönt wird das Ganze nur noch von einem heftigen Stinkstiefel-Mief der Kategorie Verwesungsduft, an dem uns ein Mitreisender großzügig teilhaben lässt. Seine oder ihre Füße dürfen Fischluft schnuppern – man gönnt sich ja sonst nix und ich werde auch gleich mitbeschenkt. Bei mir meldet sich wirklich mehrmals der Würgereflex. Hätten nicht mehrere Gäste die Schuhe ausgezogen, hätte ich den Übelriecher persönlich gebeten, seine Füße wieder zu verpacken - am Besten Vakuum.
Sonntag 1. Februar - Ankunft in Kapstadt
Erstmal tief durchatmen. Die Mother City begrüßt uns mit 27 Grad, und ich schäle mich sofort aus meinem Eisbärenkostüm. Endlich wieder Wohlfühltemperatur. Die Koffer sind schnell gefunden. Die Autoabholung verläuft zügig und gut.
Wir sind echte Landeier und schmeißen uns nicht erst ins Sightseeing, sondern suchen direkt das Weite. Rein ins Auto, raus aus der Stadt, nordwestlich Richtung Paternoster. Die Straße, das Meer in der Ferne und endlich Platz um uns herum – genau das, was wir wollten.
Tisch-Notstand am Melkbosstrand:
Sommer, Sonne, Wind, Meer – und Hunger. So könnte man unsere Situation beschreiben. Wir steuern das Damhuis Restaurant am Melkbosstrand an. Leider ist heute Sonntag, und offenbar will die halbe Provinz den letzten Tisch. Schon die Parkplatzsuche zieht sich, und wir laufen am Ende ein gutes Stück. Im Damhuis dann das Schild: Fully booked. Weiter zum nächsten Restaurant: Fully booked. Noch eins: Fully booked. Schließlich landen wir in einem kleinen Bistro, das uns ohne großes Aufheben einen Tisch anbietet. Burger, kaltes Getränk, freundliche Besitzerin, ein bisschen Smalltalk – genau richtig, um im Urlaubsmodus zu landen.
dieser sensationelle Burger wurde aber nicht am Melkbosstrand serviert, sondern ins Sweetfontein 🙂
Rückweg mit Anhang
Wir laufen die lange Strecke zurück, und schon in der ersten Straße wird ein Parkplatzwächter auf uns aufmerksam. Er folgt uns, obwohl er unseren Parkplatz unmöglich gesehen haben kann. Dafür hätte er einen Aussichtsturm gebraucht. Wir ignorieren ihn, er ignoriert unser Ignorieren. An der Fahrertür steht er schließlich in einer Haltung, die deutlich macht, dass er mit einer kleinen Anerkennung rechnet. Aber fürs Hinterherlaufen gibt es keinen Lohn. Auch wenn es uns nicht leichtfällt, bleibt es dabei – dreistes Auftreten findet bei uns keine finanzielle Anerkennung.
Müdigkeit breitet sich aus
Nach dem Essen fahren wir keine zehn Minuten, da klappt bei mir innerlich der Rollladen runter. Von jetzt auf gleich. Die Augen wollen zu, der Rest vom Körper ist derselben Meinung. Die lange Anreise fordert ihren Tribut. Ich halte trotzdem durch, weil ich die Langebaan-Lagune sehen will. Wir sind beide so müde, dass selbst einfache Überlegungen plötzlich zum Hochleistungs-Denksport ausarten.
Navigationsfehler im Halbschlaf
Ich hatte geplant, dass wir durch den Westcoast Nationalpark fahren. Jetzt zweifeln wir an allem. Dürfen wir den Park überhaupt als Transitstrecke benutzen? Oder stehen wir am Ende vor einer Schranke und müssen den Rückwärtsgang einlegen? Wir fahren zum Eingang und fragen die Beamtin, ob wir nach Paternoster durch den Park fahren müssen. Zugegeben – saublöd formuliert! Müssen muss man schließlich gar nix – so hat sie unsere Frage interpretiert und uns direkt auf die R27 geschickt. Unser Zentralcomputer hatte wohl ein paar Gehirnwindungen blockiert. Erst kurz vor Paternoster realisieren wir, dass wir die Lagune weiträumig umfahren haben. Kurz geärgert, dafür schneller am Ziel – und am Ende sogar ganz froh drum.
da wollten wir eigentlich hin
Welcome im Farr Out Guest House
Marion begrüßt uns wie alte Bekannte und fragt, ob wir fürs Dinner schon etwas reserviert haben. Haben wir nicht. Und wir sind viel zu kaputt, um noch irgendwohin essen zu gehen. Der Burger war sowieso aus dem Regal für Nachhaltigkeit. Wir sind noch gut satt. Für heute passen wir, aber für morgen sehr gern. Marion greift zum Telefon und reserviert im Gaaitjie Strandrestaurant einen Tisch für uns.
Teil 408. März 2026
Hallo-wach-Effekt
Wir können direkt ins Zimmer, fragen noch nach Getränken, weil die Supermärkte schon geschlossen haben, und gönnen uns dann eine ausgiebige Dusche. Danach kehren die Lebensgeister zurück. Der Strand ruft – also los zum ersten Spaziergang und zur ersten Fotopirsch. Paternoster wirkt ein bisschen verträumt. Überall Boote. Nicht nur im Wasser, sondern auch in den Gärten, wo sie offenbar ein zweites Leben führen. Wir genießen unseren ersten Strandspaziergang, während uns die typische Meeresbrise in die Nase steigt.
Feierabend
Unser Zimmer ist groß, hell und gemütlich eingerichtet, mit einem großzügigen Balkon und herrlicher Aussicht. Heute suchen wir allerdings nur noch eine Aussicht – und die führt direkt ins Land der Träume. Wohlig umarmt uns fast augenblicklich ein erholsamer, tiefer Schlaf.
Montag 2. Februar - Zurück aus dem Koma
Wir schlafen wie zwei Tote und erwachen um 6.30 Uhr frisch und ausgeruht für neue Abenteuer. Es ist herrlich ruhig, die Sonne blinzelt schon durchs Fenster und die Singvögel geben ihr Bestes. So darf gerne jeder Tag beginnen.
Schlachtfeld für Fortgeschrittene
Kurz nach acht sitzen wir am Frühstückstisch und quälen uns mit der Frage des Tages: Was essen wir zuerst – und wie viel passt rein, bevor es kritisch wird? Alles ist so reichlich und liebevoll angerichtet, obwohl wir die einzigen Gäste sind. Aber wir stellen uns dem Kampf mit Hingabe. Am Ende gehen wir als klare Sieger hervor.
Unterwegs im Marsmobil
Pünktlich um neun holt uns Deon ab. Sein Marsmobil steht startklar vor dem Haus. Türen hat das Wägelchen keine – man schwingt sich einfach so elegant wie möglich rein, in unserem Fall eher „wie möglich“ als „elegant“. Mit Marion können wir gepflegt auf Deutsch plaudern, aber Deon spricht überwiegend Afrikaans und unterhält uns auf Englisch. Ein bisschen was verstehe ich, aber oft muss Uwe dolmetschen – und das nervt mich irgendwann. Also greife ich zu meiner altbewährten Strategie: Uwe redet, ich knipse. So bleibt jeder in seinem Kompetenzbereich.
Postkartenidylle mit Farbpolizei
Deon zeigt uns Restaurants, hübsche Wohnviertel und alles, was man in Paternoster gesehen haben sollte. Dieser Ort ist ein wahres Idyll und ich versuche mir einige Fotomotive zu merken, die Uwe später nochmal für mich anfahren muss. Die Häuser sind gepflegt, Kap holländisch und allesamt weiß gestrichen. Dion erklärt uns: Ein Komitee achtet darauf, dass niemand auf die Idee kommt, kreativ zu werden und Farbe ins Spiel zu bringen – außer mit Booten und Blumen.
Fundsache: Vermisst die jemand von euch?
Dünenkräutergarten
Dann geht es raus auf die Dünen, entlang der Küste bis zur Austernfarm und wieder zurück zum Guest House. Deon erklärt uns, dass der Name „Farr Out“ auf Afrikaans „Ganz weit draußen“ bedeutet. Und tatsächlich liegt es immer noch angenehm abseits – aber leider nicht mehr ganz so einsam wie früher.
Der Baldrian - Effekt
An einem verlassenen Wohnhaus machen wir ein Päuschen mit Blick aufs Meer. Das Wellenrauschen wirkt wie Baldrian und sorgt für Tiefenentspannung. Wir beobachten, wie die Wellen brechen; überall sitzen Raubvögel auf Pfosten und Büschen, für die hier das All you can eat Buffet angerichtet ist.
Nach etwa 90 Minuten endet die sehr schöne Fahrt, und ich stelle einmal mehr fest: Gib mir ein bisschen Botanik, und die Begeisterung geht wie ein Gaul mit mir durch.
Teil 511. März 2026
Vom Kräutergarten zur Küstenkulisse
Kurzer Badezimmer-Stopp, dann schwingen wir uns in den Hilux. Auf dem Weg stoppen wir bei den Postkartenmotiven, die ich am Morgen entdeckt habe und kaufen im Supermarkt Getränke und Snacks ein – dann ab in den West Coast Nationalpark.
Die Lagune macht Siesta – die Vögel auch
Zur Mittagszeit ist das Licht hart, die Luft diesig, und die Lagune hat offenbar Entwässerungspillen geschluckt. Bei normalem Wasserstand leuchtet sie satt türkis – heute eher wie ein ausgewaschener Lappen.
Wir schlendern zum Vogel-Hide, aber wir wissen ja: Der frühe Vogel… Wir sind definitiv Team Mittag. Wir sehen zwar erstaunlich viele Vögel – allerdings nur auf den Fotos an der Wand. Immerhin entdecken wir einen Flamingo. Einen echten „Farr-Out“-Flamingo: ganz weit draußen.
Wir bleiben nicht lange. Mit den Vögeln wird das heute nichts, und die Lagune sieht aus wie in eine Pfütze gepinkelt.
Tischset statt Blütenteppich
Einige Blümchen lassen erahnen, wie grandios es hier im August/September aussehen muss. Teppiche sind es heute nicht. Aber ihr wisst ja, so viel brauch ich nicht um in Entzückung zu geraten. Für mich reicht auch ein Tischset, wenn gerade kein Teppich zur Verfügung steht.
Atlantik-View-Point – und plötzlich Action
Wir fahren weiter zum Atlantik-View-Point. Und was uns dort erwartet, verschlägt uns die Sprache. - Die Wellen donnern spektakulär gegen die Felsen. - Fontänen schießen in die Höhe. - Möwen und andere Vögel führen lautstarke Gespräche. - Wir beobachten, wie sie Muscheln fallen lassen, um an das Fleisch zu kommen – wenn nicht ein Konkurrent schneller ist.
Uwe klettert ein bisschen in den Felsen herum und ruft mir zu, dass es hier ganz schön nach Verwesung stinkt. Dann taucht er wieder hinter irgendeinem Felsen ab und unsere Augen führen uns in verschiedene Richtungen. Er kommt zurück und sagt: Bin gerade fast auf eine tote Robbe getreten. Er zeigt mir ein Foto. Ich muss echt suchen, denn das Tier ist schon ein bisschen aufgebläht und perfekt in seine Umgebung integriert. Ich hätte sie auch für einen Stein gehalten.
Wir stellen uns vor, was passiert wäre, wenn er wirklich draufgetreten wäre: Nein, stellt ihr es euch besser nicht vor. Belassen wir es dabei. Stundenlang treiben wir uns hier herum und sehen dabei zu wie gigantische Wellen auf die Felsen peitschen und ihre Gischt versprühen. Immer das Handy bereit zum Ablichten, falls doch noch eine größere Welle anrollt. Wie zwei Junkies im Glücksrausch warten wir auf den nächsten Schuss.
Darüber hinaus sehen wir Ibisse, Bonteboks, zwei Mangusten, zwei Straußenhähne, einen Hasen, diverse unbekannte Vögel und eine Vogelfamilie, die aussieht wie Natalfrankoline. Das ist weit mehr Getier als wir erwartet haben.
Jetzt am späten Abend sieht auch die Lagune so aus, wie wir uns das vorgestellt haben. Gut, dass wir noch mal dran vorbeifahren.
Sonnenkuss und Röstaromen
Die Sonne küsst uns aufdringlich, ja fast ein bisschen penetrant und sie hinterlässt Knutschflecken. Wir ignorieren sie, bemerken vor lauter Glücksrausch nur beiläufig, wie sich unsere Haut beschwert, und anfängt zu ziehen. Erst nach der Dusche am Abend erkennen wir das Ausmaß der Röstaromen, die wir angenommen haben. Unser Sonnenschutz war wohl eher ein symbolischer Akt. Heute kommt die Lotion sehr großzügig zum Einsatz, bis die Schwarte glänzt wie der Mondschein auf dem Wasser.
Mondschein, Magie & ein hug für den Koch
Heute freuen wir uns auf das Dinner im Gaaitjie. Es ist ein charmantes Strandrestaurant direkt am Wasser, und als wir eintreten, ziemlich voll. Wir dürfen uns an den letzten Tisch setzten und warten eine ganze Weile, bis Getränke und Menü kommen. Der Gastgeber entschuldigt sich mehrfach – völlig unnötig. Bei dieser Aussicht könnte man uns auch zwei Stunden parken, und wir würden immer noch selig dreinschauen.
Während wir warten, beobachten wir, wie der Mond aufsteigt und sich im Wasser spiegelt. Das sieht so märchenhaft aus, dass man fast vergisst, dass man eigentlich Hunger hat.
Und als das Essen dann kommt, ist es ein Gedicht: butterzartes Fleisch, feine Aromen, alles auf dem Punkt. Wir überlegen, ob wir mal kurz in die Küche gehen und den Koch knutschen, bevor wir gehen, belassen es dann aber dabei, dem Service zu sagen: “A big hug for the cook, please.”.
Dieses Restaurant können wir wärmstens empfehlen – genauso wie das Farr Out Guest House. Wir wohnen im Zimmer The East Wing. Es hat sogar eine kleine Küche, falls man Self Catering vorzieht… wobei wir uns ernsthaft fragen, wer hier freiwillig selbst kochen würde.
Teil 612. März 2026
Dienstag 3. Februar - Wer fliegt wie ein Adler, aber landet wie ein Brathähnchen?
Wenn Brathähnchen und Berge rufen
Unser Plan ist es, heute über Lamberts Bay zu fahren, um den Brathähnchen-Brutkasten zu besichtigen. In Clanwilliam, oder genauer gesagt im Yellow Aloe Guest House, soll es einen guten Coffee Shop geben. Dort nehmen wir gern einen Schluck Kaffee und ein Stück Kuchen. Danach möchten wir Schotter unter den Rädern haben und etwas von den Ceder Mountains sehen – und das geht doch am besten obenrum mit einer schönen Tour über den Pakhuis Pass, Hoek se Berg Pass und Kouberg Pass. Ziel ist die Cederberg Mountain Lodge.
Das ist eine rechte Strecke, aber für uns eine Genussfahrt. Es wird sowieso ein Stopp and Go, weil ich Uwe alle Furzlang zum Anhalten nötige, weil ich kurz mal aussteigen und ein Foto machen muss – das geht schließlich nicht immer aus dem Autofenster raus. Und ja, er muss auch für das eine oder andere Blümchen anhalten. Außerdem meldet sich ständig mein Schrittzähler und sagt mir: Laufen Sie herum! Und wenn der das sagt…
Gepflegter Schnack mit Marion – Zeitplan ade
Vor unserem großen Ausflugstag gibt es natürlich noch ein fürstliches Frühstück. Der Plan ist es, früh aufzubrechen, damit alles schön entspannt bleibt. Aber wenn ein Schnack mit einem waschechten Hamburger Mädel nicht drin ist, mach ich was falsch. Ich plane zwar, doch in der Praxis wird getan wonach uns gerade der Sinn steht – jetzt steht er nach quatschen mit Marion. Wir verquatschen uns natürlich. Sie erzählt uns von rückgängigen Besucherzahlen und dem Wunsch noch zehn Jahre weiterzumachen. Wir verstehen sie so gut. Paternoster ist halt ein Chill-Ort und keine Partystadt. Die Alten werden weniger und die Jungen kommen nicht nach. Wir fühlen mit ihr, wie mit einer Freundin und wünschen diesen beiden Herzensmenschen – ihr und Deon, dass es ihnen gelingt, mit ihrem wunderbaren Guesthouse so lange durchhalten zu können.
Ganz praktisch steht nah am Tisch eine Sammlung mit Kräutersalzen und Tees. Wir finden, das wäre ein perfektes kleines Mitbringsel für unsere lieben Nachbarn, und dann steht da noch so eine herzige Butterdose – die muss auch mit für unsere Tochter. Mission Mitbringsel ist damit erfüllt. Für uns selbst haben wir gar nicht drangedacht, etwas mitzunehmen. Als hätte es Marion geahnt, drückt sie uns zum Abschied noch ein Gastgeschenk in die Hand: Kräutersalz und Tee. Wir kommen fast eine Stunde später los als geplant. Aber macht nichts – im Grunde können wir auch erst am Abend ankommen. Unser Braai Paket ist ja vorbestellt.
Planung und Umsetzung – heute zwei linke Schuhe
Auf ein Wort zu unserer Routenplanung: Ich bin diejenige, welche die Unterkünfte aussucht, die Aktivitäten plant und schaut, wo es interessante Pisten und Pässe gibt. Dann schreibe ich die Route in Stichworten auf und gebe sie Uwe. Er muss sie dann ins Navi einpflegen – zum einen, weil er der Fahrer ist, zum anderen, weil er seine bevorzugte Map benutzt und ich das mit dem Einpflegen gar nicht kann. Manchmal weiß er nicht, was ich meine, weil seine Map ihm nicht anzeigt, was ich geschrieben habe. Fragt er nach, wenn ich auf etwas anderes konzentriert bin, höre ich oft nicht richtig zu – und dann kommt es zu Missverständnissen.
Willkommen im Kommunikationschaos
Irgendwie kam es auch bei dieser Route zu Missverständnissen. Denn wir suchen in Elands Bay nach Bird Island - Kap Tölpel Kolonie, und ich blicke nicht, dass wir gar nicht in Lamberts Bay sind. Uwe denkt, ich meinte, die Kaptölpel wären in Elands Bay. Ich verstehe sein Problem nicht – und er nicht, wo die Tölpel sind. Wir fragen Leute auf der Straße – die kennen Bird Island nicht, scheinen noch nie davon gehört zu haben. Kap Tölpel? Auch da klingelt nichts. Ich denke: Wie ist das möglich, dass die an ihrer eigenen Bay die Kap Tölpel nicht kennen? Liebe Güte, ist das ein Stress, und mein lieber Uwe und ich reden aneinander vorbei, wie es schlimmer nicht geht. Der Stresspegel steigt. Dicke Luft! Uwe will das Navi neu programmieren – aber just in dem Moment meldet es sich ab und verweigert seinen Dienst. Ich denke: Wir haben ja noch die Karte von unserer Reiseagentur. Die dürfte besser sein als das Ding aus meinem Reiseführer. Ich krame in den Unterlagen und bin verwirrt. Hä… Naukluft National Park? Der ist doch in Namibia….Häääää??? Ist das eine Doppelkarte? Nein, ist es nicht. Die Agentur hat uns versehentlich eine Namibia Karte mitgeliefert. Jetzt wissen wir nicht mehr recht weiter.
Endlich fällt der Groschen
Der scharfe Ton zwischen uns löst wohl den Knoten in der Hirnwindung, denn plötzlich fällt der Groschen und wir erkennen, dass wir noch gar nicht in Lamberts Bay sind. Wir fragen nach Lamberts Bay: Ahhhh, ja da müsst ihr in diese Richtung fahren…Okay, wir haben uns gar nicht verfahren, wir sind nur noch nicht da. Irgendwie schnallt das jetzt auch unser Navi. Nur haben wir wegen dieses Missverständnisses eine ganze Stunde Zeit verloren und heute Morgen beim Schnack mit Marion kamen wir auch schon eine Stunde später weg als geplant. Uwe fragt: sollen wir in Anbetracht der Zeit jetzt überhaupt noch nach Lamberts Bay fahren? Geht’s noch? Die Kaptölpel auslassen? Auf gar keinen Fall! Ich habe diese wunderschönen Vögel zum ersten Mal in Bettys Reisebericht gesehen und mich schockverliebt. Das ist eines meiner Highlights. Einfach streichen? Das wäre ein Frevel an meiner gesamten Urlaubsplanung. Also: weiter Richtung Lamberts Bay – egal, wie spät es wird. Wir werden es trotzdem locker vor Einbruch der Dunkelheit schaffen in der Lodge anzukommen.
Na endlich – Inselboden in Sicht
Na wer sagt’s denn – da vorne beginnt schon das Vogelparadies. Nur ein paar Meter mittels eines Steges vom Parkplatz getrennt. Ein Steinwurf, mehr nicht. Ich wusste nicht welche Parksituation uns hier erwarten würde und war darauf eingestellt, dass wir beide nur abwechselnd für ein Viertel Stündchen auf die Insel gehen könnten. Oder Uwe für fünf Minuten und ich für 25… Aber der Gedanke war überflüssig. Der Parkplatz ist leer. Daneben ein Restaurant dessen Angestellten auf Kundschaft warten und das tun sie vor der Tür stehend – das ist quasi eine kostenlose Auto-Security. Perfekt! Außerdem wird sich auf dem menschenleeren Platz und unter den Augen der Angestellten niemand trauen, unserem Auto zu nah zu kommen.
Teil 712. März 2026
Inselzugang mit Abenteuerfaktor
Das Wetter ist… nennen wir es mal „motivationsdämpfend“. Aber wir haben ja inzwischen gelernt, dass die gute Fee der Urlaubsplanung unsere Wünsche eher als unverbindliche Anregungen interpretiert. Ich bin schon dankbar, überhaupt hier zu sein – da kann ich über trübe Himmelsstimmung und suboptimalen Lichtverhältnisse großzügig hinwegsehen. Wir laufen über den Steg. Die Brüstung befindet sich im Ruhestand und liegt dekorativ am Boden. Die Sicherheitshinweise stehen im Kleingedruckten. Aber der Weg ist breit genug, dass ein Auto drüberfahren könnte. Solange es nicht stürmt, besteht keine Gefahr, über die „Bordsteinkante“ zu segeln, und die Möven auf ihren Felsen um Asyl bitten zu müssen.
Wo sind sie?
Es ist erstaunlich ruhig hier. Ich höre und sehe erst mal nur kreischende Möwen, dann auf etwa halbem Weg eine Gang schwarzer Kormorane. Ich schnuppere – der Ruf der Tölpel besagt ja, dass man sie riecht, bevor man sie sieht. Aber nein, heute nicht. Vielleicht hat der Wind gute Laune und bläst ihr "O de Toalette" heute jemand anderem ins Gesicht – wäre ja sehr nett von ihm.
Und dann: Da sind sie – meine Supermodel Westküsten Vögel. Ich liebe ihr cremeweißes Federkleid mit dem leichten Goldpuder Touch auf dem Kopf. Die Augen wie mit einem Eyeliner bis zum Schnabel nachgezogen und zur Krönung wunderschöne eisblaue Augen.
In der Luft sehen sie majestätisch und kräftig aus. Dann die Landung: Flügel rudern, Füße sortieren, „Huch, da war der Boden schneller als gedacht“. Liegt jemand im Weg – Pech gehabt. Der Landeanflug erinnert einfach ein bisschen an ein Brathähnchen, das versucht, nicht mit dem Schnabel im Boden zu landen.
Und wie schön es ist, ihnen beim Cuppeling zuzusehen, wenn sie sich gegenseitig das Gefieder pflegen. Das sieht sehr liebevoll aus.
Selfie Distanz
Ich hatte ja ernsthaft Sorge, dass ich mit meinem Handy nur weiße Pixel auf blauem Hintergrund fotografiere. Diese Sorge war unbegründet. Es gibt einen Hide. Verglast, offenbar so, dass uns die Vögel nicht sehen. Sie kommen ganz nah ans Fenster und schnäbeln sogar an der Scheibe herum. Ich fotografiere wie eine Wilde, auch wenn die Scheiben schon länger keinen Lappen mehr gesehen haben und man die Flecken auf den Fotos sehen wird. Aber egal. Die schönen Fotos gibt’s im Reisebericht von Betti. Sie liefert Kunst, ich die Flecken-Edition – aber mit dem Herzen waren wir wohl beide dabei.
Echt jetzt? Foto ohne Erlaubnis? Du hast Nerven!
Wir bleiben ungefähr 40 Minuten. Dann machen wir uns wieder auf die Socken. Wir fahren nach Clanwilliam einen Kaffee trinken – so der Plan.
Teil 815. März 2026
Cafe Verschwindikus
Es ist gut halb eins, als wir am Yellow Aloe Guesthouse ankommen. Tor zu. Schild dran. Gäste sollen anrufen. Ja klar – klingt total nach einem Café, das spontan Lust auf Kundschaft hat. Dabei sehe ich durch den Zaun einen Märchengarten, bei dessen Anblick ich kurz überlege, ob ich paparazzomäßig über den Zaun klettern und ein paar Fotos machen soll.
Was jetzt? Wir verspüren ein Hüngerlein und haben noch einen weiten Weg vor uns.
Plan B – Supermarktidylle
Ich zu Uwe: „Da war doch vorhin ein Supermarkt. Dann holen wir uns halt dort einen Gaumenkitzler. Kühle Getränke haben wir ja an Bord.“ Also rein, etwas Essbares geschnappt und auf schnellstem Weg wieder raus aus der Stadt.
Aber vorher natürlich noch die Wild Flower Church fotografieren. Die sieht doch echt wild geflowert aus – oder nicht?
Navi empfiehlt Mutprobe
Unser Navi schlägt wieder eine Route vor, die klingt wie: „Wenn ihr euch traut…“ Direkt durchs Township. Wir schauen uns an, zucken mit den Schultern und fahren los. Es ist ja Mittagszeit, was soll schon passieren? Komm wir Machens einfach! Und wir vermuten richtig. Die Leute sind alle entspannt und winken uns teilweise sogar zu. Ob es leichtsinnig ist? Ich weiß es nicht. Wir haben aber keine vernünftige Karte, mit der wir einen anderen Weg suchen könnten und das Navi will uns ums Verrecken da durch Lotsen – es zeigt null Diskussionsbereitschaft.
Kaum liegen die Baracken hinter uns, macht die Landschaft einen auf Hollywood: Zitrusplantagen, Olivenhaine, Postkartenpanorama. Leider auch verbranntes Land vom Feuer im Dezember/Januar. Aber selbst die verkohlten Bäume treiben schon wieder frisches Grün.
Glückseligkeit reist mit
Die Pässe enttäuschen uns nicht. Der Umweg ist jede Minute wert. Es geht rauf und runter über Teer, Schotter und Pflasterstein. Berge links, rechts und vor uns – ein bisschen Namibia-Feeling. Nur unserem Navi trauen wir noch nicht so ganz. Ob wir noch richtig sind? Andererseits, wie soll man sich hier verfahren? Und dann taucht sie auf die Mount Cederberg Lodge.
Warme Welcome – besser geht´s wirklich nicht
Wir werden mit großer Herzlichkeit empfangen. Zur Begrüßung entschuldigt sich die Rezeptionistin, weil sie uns ein Glas Oliven schenkt – das ist das Gastgeschenk des Hauses und sie weiß, dass ich den Salat ohne Oliven geordert habe. Aber auch wenn wir keine Olivenliebhaber sind: Wie süß ist das denn bitte? Ich bin echt gerührt.
Dann wird uns unser Braai Paket gebracht. Ich trau meinen Augen nicht und überlege, wie groß die Nachbarschaft ist, die wir einladen könnten. Davon können wir eine Woche essen. Wir fragen, ob die Portion für beide Abende ist – ist sie nicht. Dann müssen wir das für morgen wieder abbestellen. Alles okay lautet die Antwort – wird erledigt! Neben der riesigen Menge an Salat, Fleisch, Wurst, Brot und Dessert, ist es auch noch absolut schön und appetitlich angerichtet. Sogar eine Tischdecke wird mitgeliefert. Ich bin wirklich entzückt. Das verdient großes Lob.
Pepperboom- Filmkulisse
Im Inneren ist das Häuschen schnuckelig eingerichtet. Es hat den Charme vom Eagels Nest in Klein Aus Vista. Ein bisschen Großmutter- Vintage, wie bei den Waltons, wo man denkt: Gleich kommen John-Boy und Mary-Ann zur Hintertür rein.
Ich bin ein bisschen schockverliebt. In der Küche gibt es sogar einen Backofen und eine ähnliche Ausstattung, wie man es auch zuhause hat, nur halt nicht gerade auf Thermomix Niveau. Das ist hier eine richtige Perle. Draußen höre ich nur Naturgeräusche: Grillen, Vögel, Regentropfen.
Zu Besuch bei Fam. Waltons in den 1930ern
Vor lauter Pässe, Zitrusbäume und Olivenhaine, haben wir unterwegs gar nicht mehr ans Essen gedacht und unseren Snack vom Supermarkt nicht mal angerührt. Jetzt meldet sich unser Magen lautstark: „Hallo Hunger- Essen her, und zwar ein bisschen Dalli“
Richten muss ich ja zum Glück nichts. Uwe schmeißt den Grill an, während ich uns schon mal häuslich einrichte. Bald steigen uns die duftenden Grillaromen in die Nase. Ich habe noch einen Rest Wein von Paternoster, der ist jetzt genau richtig und Dank Fridge im Auto, schön gekühlt. Es regnet ganz sachte, aber zum Glück nicht lange. Wir können trotzdem draußen essen.
Der große Auftritt der Riesen
Nach dem Essen, das mich in einen Zustand glückseliger Bewegungsunfähigkeit versetzt hat, und einer Dusche, die mich wieder halbwegs funktionsfähig macht, kommt Uwe mit der Idee ums Eck, noch mal zum Haupthaus zu laufen. Mails checken. Wir sind ja schließlich zwei höchst wichtige Menschen, die zur Rettung der Welt unverzichtbar sind.
Wir hängen also in der Lobby rum, trinken was und tun so, als würden wir globale Krisen lösen. Zum Glück schau ich auch mal hoch und zum Fenster raus. Die Berge glühen! Nicht so ein „Oh, hübscher Sonnenuntergang“-Glühen, sondern eher: Wer hat da mal eben auf die Schnelle eine total unwirklich wirkende Filmkulisse aufgebaut?
Die Bergspitzen glühen so surreal, dass man meinen könnte das wären nur Lampen-Attrappen, die jemand von innen beleuchtet. Ich springe hoch wie von einer Tarantel gestochen und hechte nach draußen, um diesen Moment zwischen Traum und Wirklichkeit festzuhalten. Also wenn das nicht der siebte Himmel ist, weiß ich auch nicht.
Die große Schwitzorgie
Wir schlendern in unser Häuschen zurück. Da wartet noch der Abwasch, der ist allerdings schnell erledigt und wir dann auch. Jetzt die große Frage: Ehebett? Das ist schätzungsweise 1,40 Meter breit und eignet sich perfekt, um seine Ehe zu beenden, oder für einen Zweikampf, wenn man drauf steht aus dem Bett gekickt zu werden. Alternativ gibt es die schmalen Einzelbetten im Wohbereich. Aber – natürlich! – die Klimaanlage hängt über dem Ehebett. Uwe braucht nicht mal etwas zu sagen. Sein Blick sagt: „Ich schlafe da. Punkt.“. Ich würde gerne auch noch nach dem Urlaub verheiratet sein und gebe Klein bei. Für mich wird es in dem Fall dann eines der Einzelbetten ohne Venti, ohne Klimaanlage und ohne Überlebensgarantie. Na, dann gute Nacht.
Meine Güte – wie viel Schwitzen geht eigentlich? Die Backofentemperatur im Raum sorgt sehr schnell dafür, dass ich den Aggregatzustand Well done erreiche. Das kann ja kein normaler Mensch überleben. Ich brauche eine Lösung und greife zur Taktik: „Eco-Klimaanlage“, was in diesem Fall bedeutet: nasses Handtuch. Meine Rettung. So überstehe ich die Nacht zwar nicht gerade komfortabel, aber immerhin fühle ich mich nicht mehr wie ein Backofenprodukt.
Uwe schreckt mitten in der Nacht hoch – irgendwas ist nass. Scheiße, es regnet ihm ins Gesicht. Komisch, dabei hat es doch längst aufgehört zu regnen. Da! Wieder ein Tropfen. Und noch einer. Er knipst das Licht an und entdeckt den Übeltäter: Die Klimaanlage über dem Bett spuckt Kondenswasser. Direkt. In. Sein. Gesicht. Karma hat Humor.
Er zieht das Bett ein Stück von der Wand weg – und das Gestell überlebt diese Aktion nur knapp, ohne sich spektakulär in seine Einzelteile zu verabschieden. Doch damit nicht genug: Hinter dem Kopfteil hat sich bereits eine hübsche kleine Pfütze gebildet, und die Steckdose baumelt direkt darüber. Mit einem Kabel, das man eigentlich schon vor drei Jahren in den wohlverdienten Ruhestand hätte schicken müssen.
Das ist der Moment, in dem Uwe die elektrische Lufterfrischung aufgibt und stattdessen beschließt, mich zum nächtlichen „wer verdampft das meiste Wasser“ herausfordert. Er gewinnt. Er kennt meine Eco Klimaanlage nämlich noch nicht.
Teil 918. März 2026
Mittwoch 4. Februar – Wandern mit Verpuffungsgefahr
Urlaub und Ausschlafen – nope
Es ist kurz nach 5.00 Uhr - Augen Auf - Stille. Urlaub und Ausschlafen? Ein Mythos, den ich wohl nie verstehen werde. Während die Welt um mich herum noch im Tiefschlaf versinkt, steht mein Akku bereits auf 100%. Mein Blick wandert zum Fenster: Das erste, zaghafte Licht kriecht über den Rasen.
Mein taktischer Vorteil heute: Getrennte Schlafzimmer. Mein Revier in unmittelbarer Nähe zum Kühlschrank und – oder viel wichtiger – zum Wasserkocher. Uwe wird vor halb acht nicht zur Besinnung kommen. Meiner Mission steht nichts im Weg: Operation Verwöhn-Aroma.
Das leise Brodeln des Wassers ist der einzige Soundtrack im Haus. Ein Spritzer Wasser ins Gesicht, schnell in die Klamotten – und dann dieser erste, unvergleichliche Duft von frischem Filterkaffee.
Auf leisen Sohlen schleiche ich raus auf die Terrasse. Die Luft ist nach dem Regen heute Nacht noch angenehm mild und klar – doch es wird nicht lange dauern, bis die südafrikanische Sonne den Grill wieder anfeuern wird. Ich nehme den ersten Schluck Kaffee und genieße die Stille, die nur vom Morgenkonzert der Vögel unterbrochen wird. Einige hüpfen über das nasse Gras und suchen nach ihrem Frühstück. Manchmal wird auch um den Wurm der Begierde gezankt.
So sehr ich allerdings diese exklusive Morgenstimmung genieße, sitzt mir die Aussicht im Nacken, dass wir viel zu spät zu den Stadsaal Caves aufbrechen werden, denn das Frühstück wird erst um 8.00 Uhr serviert. Vorher hat Uwe den Elan eines Löwen in der Mittagshitze.
Ich empfinde diese späten Frühstückszeiten in vielen Unterkünften echt problematisch. Wer möchte denn im Sommer, wenn die Temperaturen gegen die 40 Grad-Marke steigen, erst um 9.00 Uhr los? Und dann kommt ja auch noch die Anfahrt zum Startpunkt dazu. Missmut macht sich in mir breit.
Notiz an mich, für die nächste Urlaubsplanung: Nur noch Unterkünfte mit kompletter Selbstversorgung buchen. Uwe muss ja noch nicht wissen, dass „Selbstversorgung“ bedeutet: Frühstück um 6.00 Uhr, Abmarsch um sieben. Problem gelöst.
Der „Expertencheck“ beim Frühstück
Während Uwe sein heiliges Frühstücksei genießt, bemüht er Mr. Google, um endlich herauszufinden, was ihn bei den Stadsaal Caves eigentlich erwartet. Er hat – wie üblich – keinen blassen Schimmer. Langsam dämmert ihm, dass heute eine Wanderung auf dem Programm steht, obwohl ich das mehr als einmal erwähnt habe, naja, vielleicht zu leise. Aber auf diesem Ohr hört er einfach schlecht.
Kauend murmelt er: „Schatz, da steht, wegen der Brände sind einige Wanderwege gesperrt. Willst du trotzdem hin?“ Natürlich wusste ich von den Flächenbränden, aber dass die Wanderwege immer noch nicht zugänglich sind, ist ein echter Dämpfer für meinen Entdeckerdrang. Ich hatte mich so auf die spektakulären Caves gefreut. Doch mein Motto steht: Lieber ein kleines Stück vom Paradies als gar nichts. Uwe nickt verdächtig schnell. Ich sehe es in seinen Augen: Er hofft inständig, dass die anstrengende Wanderung heute durch einen gemütlichen Spaziergang ersetzt wird.
Science-Fiction-Kulisse
Wie erwartet kommen wir spät los und haben noch über eine Stunde Fahrt vor uns. Grrrr! Der Himmel ist zwar gnädig bewölkt, dennoch steigt das Thermometer bereits auf die 30-Grad-Marke zu. Vor Ort folgt die Ernüchterung: Das Areal, das wir betreten dürfen, ist tatsächlich winzig. Der Dämpfer ist größer als gedacht und mir blutet das Herz – Bewegungsfreiheit sieht definitiv anders aus.
Doch dann stehen wir da und blicken auf eine Welt, die wie das Set eines Science-Fiction-Films wirkt. Links: Das totale Nichts. Schwarz, verbrannt, karg – die pure Endzeitstille. Rechts: Saftiges Grün und pralles Leben. Und mitten aus der Asche sprießen bereits die ersten hellgrünen Schösslinge. Es ist faszinierend zu sehen, wie die Natur sich ihr Revier einfach zurückerobert, kaum dass die Flammen erloschen sind.
Plan B - mach das Beste draus!
Weit und breit sind wir die einzigen Menschen hier. Es weht ein angenehmer Wind. Laufen is ja leider nicht. Also machen wir ein paar Fotos und setzen uns in eine der Höhlen. Draußen hat es ruck zuck 33 Grad. Hier drinnen auf unseren klimatisierten Logenplätzen lässt es sich aber erstaunlich gut aushalten
Keine Wanderung, kein Kilometerfressen. Stattdessen sitzen wir einfach nur da und schauen. Die Aussicht ist gigantisch, und das Einzige, was die Stille unterbricht, sind wir oder das private Vogelkonzert was uns hier geboten wird. Trotz der Zerstörung drumherum ist es unglaublich idyllisch.
Am frühen Nachmittag rollen wir zurück zum Papperboom House – bereit für eine Siesta und ein Eis.
Teil 1018. März 2026
Der „familienfreundliche“ Wasserfall Walk
Optimismus bei 35 Grad
Um die Wanderung zum Wasserfall kommt Uwe heute nicht herum. Ich brauche Bewegung. Er auch (Er weiß es nur nicht). Es ist 17.00 Uhr. Das Thermometer steht leider immer noch bei 35 Grad! Aber ich denke, wir können davon ausgehen, dass es jetzt schnell kühler wird. Spoiler: Wird es nicht.
Es ist ziemlich bewölkt. Vielleicht regnet es noch und bringt zusätzlich Abkühlung. Regenklamotten gibt unser Gepäck aber leider nicht her. Bleiben wir optimistisch. Ansonsten gibt’s halt ne Dusche. Wer am kühlen Morgen den Elan eines schlafenden Löwen hat, muss halt am Abend zum Wasserloch traben.
Mit dem Wasserfall Walk habe ich uns auch einen sehr moderaten Spaziergang auswählt. Ich bin ja schließlich kein Unmensch und weiß, dass Wandern nicht zu Uwes Leidenschaften gehört und ich bin auch kein Langstreckenläufer. In der Broschüre heißt es, es sei ein familienfreundlicher Walk. Wenn Dreijährige ihn schaffen, schaffen wir ihn doch wohl auch.
An der Rezeption heißt es: „5,5 km fahren, dann kommt ein Gate.“ Wir hören: Gate = Tor. Klingt eindeutig. Wir fahren. 5,5 km. 6,5 km. 7,5 km. Nichts. Wie zwei demente Senioren fahren wir mehrmals hin und her, aber wir sehen kein Tor – nur ein parkendes Fahrzeug auf einem Abstellplatz. Ich sag: Das muss doch da irgendwo sein. Nach dem dritten Mal hin und her, sieht Uwe gegenüber dem Abstellplatz ein paar Steine am Boden liegen und ruft: Da! Das soll das Gate sein! Klar: Gate bedeutet nicht Tor sondern Zugang. Aha – wieder was gelernt.
Hydrierung vs. Koffein
Auto geparkt, Rucksack auf, Hut auf, los geht’s.
Die Wasserfrage klären wir minimalistisch: Es ist ja nur ein 40-minütiges Beine vertreten. Ich nehme einen halben Liter Wasser mit, Uwe einen Liter Cola. Ein ausgewogenes Verhältnis von Hydrierung zu Koffein. Im Auto haben wir genügend kühle Getränke, wenn wir zurück sind.
Der Weg beginnt harmlos. Dann wird’s schilfig. Dann buschig. Dann bücken wir uns ein bisschen und kriechen mehr oder weniger durch einen Dschungel Tunnel. Danach Steine. Große Steine. Kleine Steine. Matschlöcher. Ein bisschen hüpfen, ein bisschen kraxeln. Wir schwitzen, schnaufen und trinken deutlich mehr als erwartet.
Das „bemühte“ Rinnsal
Uns kommt eine Gruppe Wanderer entgegen: „Schöner Weg – aber ein bisschen tricky. Ein richtiger Dschungelpfad.“ Ach nee. Jetzt, wo ihr’s sagt…
Zehn Minuten später stehen wir vor dem Wasserfall. Wir sind jetzt gut 40 Minuten unterwegs gewesen – Huch, da habe ich die Broschüre wohl falsch verstanden und mit 40 Minuten war nur eine Richtung gemeint.
Der Weg runter war machbar, aber „familienfreundlich“? Ich weiß ja nicht, ob ich hier ein Kleinkind auf den Schultern tragen möchte. Oder ob ein Vierjähriges da freiwillig mitmacht und durchhält. Aber wir müssen es zum Glück nicht rausfinden.
Der Wasserfall? Ein Rinnsal. Ein sehr bemühtes Rinnsal. In der Beschreibung stand: „Badesachen mitnehmen, vielleicht mal reinhüpfen.“ Also bitte. In diese braune Brühe würde ich nicht mal meinen Zeh halten. Nicht mal im Dunkeln.
Trotzdem würde ich jetzt gerne ein paar Minuten hier sitzen. Aber ausgerechnet hier gibt es keinen einzigen Stein. Und in den Dreck setze ich mich nicht. Also bleiben wir stehen und das nicht allzu lange. Es ist auch fast schon sieben und kaum kühler geworden, doch der Tag verabschiedet sich — und wir uns vom Wasserfall.
Verpuffungsgefahr auf dem Dschungelpfad
Der Rückweg wird dann zur reinen Willensleistung. Die Hitze steht wie eine Wand zwischen den Bäumen. Ich habe das Gefühl, wir könnten jeden Moment einfach verpuffen. Meine Knie zittern, das Wasser ist längst aufgebraucht, und ich muss alle zehn Meter stehen bleiben. Ich schleiche nur noch wie in Trance durch das Dickicht, der Kopf schummrig, meine Umgebung flimmert.
Mein Fels in der Brandung
Uwe, der sonst eher den „Löwen in der Mittagshitze“ mimt, wird mir zum Felsen in der Brandung. Er besteht darauf, dass ich von seiner Cola trinke. Ich sorge mich, dass er sich selbst dehydriert, während er seinen Rest mit mir teilt. Er gibt sich souverän, aber ich sehe ihm an: Er kämpft gerade genauso hart gegen die 35 Grad wie ich.
Und falls einer von uns Schlapp macht und Hilfe braucht, dann lieber ich. Wenn sich Uwe auf meine Orientierung verlassen muss, sind wir beide am Arsch. Ich finde hier allein nie wieder raus.
Tatsächlich biegen wir einmal falsch ab. Nach ungefähr 10 Meter merkt es Uwe. Ich hätte schwören können, dass wir auf diesem Weg hergelaufen sind. Aber Uwe soll Recht behalten. Er führt uns sicher zurück auf den richtigen Pfad.
Die Erlösung am Parkplatz
Dann endlich nach zwei Stunden: Parkplatz in Sicht. Hört ihr wie der Stein von meinen Schultern plumpst?
Lektion gelernt: Das Wasser-Debakel
Ein Wort zum Thema „Genug trinken“: Ich gehöre zu den Menschen, die selten Durst spüren und ihren Bedarf massiv unterschätzen. Bei 35 Grad ist das eine gefährliche Kombination. Aus geplanten 40 Minuten „Spaziergang“ wurden zwei Stunden Marsch an der absoluten Belastungsgrenze.
Mein Rat: Nehmt die Warnungen in den Broschüren ernst. Wandert morgens um sieben, nicht in der Nachmittagshitze. Es kühlt einfach nicht ausreichend genug ab um noch bei Tageslicht den Rückweg zu schaffen.
Mein Fazit: Der Walk war wunderschön – ein echtes Dschungel-Abenteuer und ich bin kein einziges Mal hingeflogen! Aber: „Familienfreundlich“? Nur, wenn die Kinder Bergziegen-Gene haben oder ihnen das Wandern im Blut liegt. Für uns bleibt es eine peinliche, aber lehrreiche Lektion in Sachen Kondition.
Dusche, Braai und Feierabend
Wir kommen fix und fertig zurück, duschen zum zweiten Mal und essen das restliche Braai von gestern – das uns immer noch überlegen ist.
Später schlendern wir noch kurz zur Lounge für den E Mail Check. Dann zurück ins Häuschen – und wir fallen wie Fliegen ins Bett.
Teil 1119. März 2026
Donnerstag 5. Februar
Flucht aus der Tropfsteinhöhle
Schönheitsschlaf ade, ich schwitze wie ein Wolf. Bevor mein Bett zur Tropfsteinhöhle mutiert, kommt wieder meine Eco-Klimaanlage zum Einsatz. Damit kann ich zumindest dösen, bis ich ohne Licht genug sehe, um die Koffer zu packen. Wenn Uwe aufwacht, sind wir startklar und können direkt nach dem Frühstück losfahren.
Umweg des Glücks
Wir sind unverbesserliche Landschaftsliebhaber und nehmen auch heute wieder zwei Stunden extra Fahrt in Kauf, weil wir diese fantastische Bergwelt mit ihren Pässen so grandios finden. Mit Wandern hatten wir ja Pech. Jetzt versuchen wir halt unser Glück auf vier Rädern. Denn wegen der Berge sind wir ja hier. Schnellster Weg im Tausch gegen beste Aussicht! Es geht also wieder obenrum über die Pässe und über Clanwilliam.
Frühstücks-Sonderschicht
Ein fettes Lob an das Team der Lodge: Engagement wird hier großgeschrieben. Ein kurzer Satz, dass wir gerne eine halbe Stunde früher frühstücken würden, und schon wird es möglich gemacht. Um Punkt 8:00 Uhr rollen wir vom Hof – die Koffer sind verladen und die Vorfreude auf den Schotter groß. Namaqualand, wir kommen.
Schotter-Glück
Die Strecke bis Clanwilliam ist ein optischer Rausch und zieht uns in seinen Bann. Ein unglaubliches Bergpanorama umgibt uns. Wir holpern über Staub und Schotter und lieben jede einzelne Sekunde.
Der Kontrast zwischen braun-schwarzer Landschaft, die noch von den jüngsten Bränden gezeichnet ist und den unversehrten Arealen, wirkt surreal. Dann kommen Olivenhaine reif für die Ernte
und Obstplantagen mit lila Früchten - vermutlich Mangos.
Dann ziehen wieder vom Brand gezeichnete Areale an uns vorbei,
oder Flüsse und Dämme. Ab und zu wachsen sogar Blumen am Wegrand. Dann wieder ein verbranntes Schild als Zeuge des gewaltigen Feuers. Wir fühlen uns wie in verschiedenen Szenen eines Filmes.
Das eigentliche Spektakel sind jedoch die Pässe. Fahrerisch sind sie keine Mutprobe. Aber die Aussicht raubt mir schlicht den Atem. Obwohl wir die gleiche Strecke hergefahren sind, wirkt heute alles anders, völlig neu – eine andere Perspektive, ein anderes Licht und ein unbeschreibliches Gefühl von Lebensfreude. Gefühlt halten wir alle paar Meter an, um den Augenblick und die Aussicht zu genießen.
Zwischen den Pässen werden die Schotter und Sandpisten eng und es schüttelt uns ordentlich durch. Wenn uns ein LKW entgegenkommt, wird es kuschlig. Da darf man keine allzu zarten Nerven haben. Wir müssen mehrmals ausweichen, weil uns ein Schwergewicht entgegenkommt. Dann heißt es – zumindest für mich – Luft anhalten. Ich werde immer wieder mit einem exklusiven ungefilterten Blick direkt in den Abgrund belohnt.
Gelassenheit lässt grüßen
Die N7 macht ihrem Ruf alle Ehre: Sie ist zäh wie Kaugummi. Doch dann überholen wir einen Pick-up, der einen kompletten Umzug geladen hat. Mittendrin, eingequetscht zwischen Möbeln und der Ladewand, kauert ein junger Mann. Er liegt mehr auf der Seite, als er sitzt – bequem ist definitiv anders.
Aber als wir vorbeiziehen, lacht er uns an und winkt mit einer Lebensfreude, die uns im klimatisierten Wagen schlagartig den Spiegel vorhält. Da sitzt er, nimmt das Leben und seine Möglichkeiten so, wie sie sind, wahrscheinlich einfach dankbar darüber, dass er den Weg nicht laufen muss. Ein kurzer Moment, der uns zeigt, wie verwöhnt wir in unserer Luxus-Blase eigentlich sind
Kommunikation – offensichtlich nicht unser Ding
Ich spiele schon länger mit dem Gedanken, Uwe zu fragen, ob er Lust auf ein Upgrade hat. Online ist noch eine Mountain Suite frei. Ich zeig ihm die Bilder und muss nicht viel dazu sagen. Er ist sofort dabei. Wir fragen in Naries.
Die Begrüßung ist recht herzlich, aber die Kommunikation hakt irgendwie. Auf unsere Frage, ob wir das Upgrade buchen können, kommt ein zögerliches Nein. Ich verstehe es nicht.
Sie bringt die Preisdifferenz zur Sprache. Wir antworten, dass wir die natürlich bezahlen. Dann windet sie sich und wir spüren ihr Unwohlsein. Keine Ahnung, wo das Problem liegt. Doch bevor sie sich vor lauter Ratlosigkeit auf den Boden schmeißt, beenden wir die Diskussion und nehmen, was wir gebucht haben.
Es wird das Eckzimmer Nr. 5. im Manor House. Die Terrasse ist zum Parkplatz ausgerichtet. Der ist aber leer und schön angelegt, stört also nicht. Im Zimmer gibt es vor dem Bett ein großes Fenster mit Gartenblick. Ansonsten ist es hübsch eingerichtet, groß und hell, mit funktionierender Klimaanlage. Auch das Badezimmer ist hell und groß.
Hier überrascht mich der Blick ins Waschbecken. Wie hübsch ist das denn bitte. Da geht mir das Herz auf. Das sind einfach solche liebevollen Kleinigkeiten die entscheidend dazu beitragen, ob man sich willkommen fühlt. Jetzt wo wir unsere Bleibe sehen, finden wir tatsächlich, dass sie eigentlich keine Wünsche offenlässt.
Teil 1219. März 2026
Buxen-Knappheit kündigt sich an
Wir richten uns ein und machen den ultimativen Buxen-Check. Die Bilanz ist ernüchternd. Wir haben 8 Nächte KTP vor uns und sowohl vorher als auch danach mehrere Einzelnächte. Kurzum: Wenn wir hier nicht waschen lassen, müssen wir unsere Höschen zum Tragen wenden. Wollen wir in den kommenden zwei Wochen Aprilfrische im Schrittbereich haben, besteht heute die letzte Chance dafür zu sorgen.
Wir fragen nach Laundry-Service. Es kommt ein klares Nein! Totschlagargument: Wasserknappheit! Ich bin ein bisserl stutzig, denn im Waschbecken schwimmen Blumen, der Brunnen plätschert fröhlich vor sich hin und der Pool ist randvoll und lädt zum Arschbombenwettbewerb ein. Versteh einer die Welt.
Aber so sehr ich Wassersparen auch unterstütze: Ich bin kein Freund von Wendeklamotten und definitiv ein Vertreter von Aprilfrische. Also bleibt mir nur die gute alte Handarbeit am Waschbecken. Ob das sparsamer ist, möchte ich bezweifeln. Dass wir - ich weiß nicht, 80 Liter? - Frischwasser im Auto durch die Gegend fahren, fällt mir natürlich erst ein, als unsere Dessous bereits den Badewannenrand dekorieren. Wäscheleine habe ich keine dabei. Geht schon.
Dinner mit Höhen und Tiefen
Ansonsten steht heute absolute Funkstille auf dem Programm. Nach diesem Marathon-Fahrtag gibt es nur noch das heilige Dreigespann: Duschen, Chillen und Bekochen lassen.
Die Vorspeise ist optisch wie geschmacklich schon mal ein Gedicht.
Meine Hauptspeise ist eine Lektion in südafrikanischer Prioritätensetzung: Ich bekomme ein wunderbares, butterzartes Steak, flankiert von Gemüse, das seinen Garpunkt allerdings schon vor einer Weile überschritten hat. Wobei: Bei der Portionsgröße muss man ohnehin strategisch vorgehen – das ist wieder so eine Portion, mit der man die Nachbarschaft gleich mit durchfüttern könnte. Wenn ich schon kapitulieren muss, dann hat erst mal das Fleisch Priorität. Ich kämpfe mich aber tatsächlich bis zum letzten Bissen durch. Von wegen die Nachbarschaft mit durchfüttern.
Vor dem Dessert brauchen wir dann aber doch eine kleine Verschnaufpause. Dann passiert eine Tragödie: Es hätte der absolute Knaller sein können. Aber der Koch gab wohl die Anweisung: Kipp da mal ordentlich Ahornsirup drüber, der muss weg…noch ein bisschen…komm nicht geizen da ist noch Platz bis zum Tellerrand. Selbst für einen absoluten Ahorn-Sirup-Fan wäre das entschieden zu viel. Für meine Geschmacksnerven ist Sirup jeder Art ein hochwirksames Brechmittel.
Für mich wurde diese Gaumenfreude leider komplett versaut. Mit dem Denken hab ich es offensichtlich auch nicht so. Denn ich probiere von der "Leckerei" eine winzige unversehrte Ecke. Es schmeckt himmlisch. Aber hätte ich das Kunstwerk unberührt zurückgehen lassen, hätte sich vielleicht jemand anderes darüber gefreut. So endet das Meisterwerk vermutlich im Mülleimer. Vor lauter Schreck über dieses Dessert-Desaster habe ich auch noch vergessen ein Foto zu machen.
Schlafen in trockenen Tüchern
Nach einem Tag voller wunderbarer Eindrücke gibt uns das Dinner den Rest. Bettschwere macht sich breit. Unser Nachtlager hat wieder eine Breite, die man als ehefreundlich bezeichnen könnte. Die Klimaanlage kühlt, ohne uns im Schlaf mit Kondenswasser ertränken zu wollen. Nach den schweißtreibenden Nächten in der Cederberg-Sauna fühlt sich das hier an, wie der pure Luxus. Also Beine ausstrecken, Augen zu und Licht aus. Gute Nacht!
Nachwort: Die Cederberg-Lodge war jede Schweißperle wert!
Teil 1322. März 2026
Freitag 6. Februar
Frühaufsteherglück?
Wir schlafen wunderbar in unserem perfekt klimatisierten Zimmer und ich wache um 6.00 Uhr ausgeruht und bereit für den Tag auf.
Tja, ratet mal, wann es Frühstück gibt! Ich habe also zwei Stunden Zeit um – keine Ahnung was zu tun? Ich zieh mich an und drehe eine Runde übers Anwesen.
Im Augenwinkel sehe ich ein Tier weglaufen oder hüpfen. Anatomie und Bewegung sprechen für einen Hasen. Aber wenn es einer war, dann war es ein Mutanten Hase – er war riesig. So schade, dass ich den Hausbesucher nicht richtig gesehen habe.
Souvenir für meine Seele
Die Sonne erobert bereits ihr Revier und berührt mit ihren warmen Strahlen Zentimeter für Zentimeter Büsche, Wege und mich. Alles sieht aus, als wäre es mit einem Töpfchen leuchtend gelben Honig übergossen worden.
Die Stimmung ist friedlich und still. Von Reinhard May gibt es ein Lied mit dem Titel: "Irgend ein Depp mäht irgendwo immer". Das kann ich zuhause nur bestätigen. Hier liegt aber alles in verträumter Stille. Keine menschlichen Stimmen, kein Motorengeräusch, nichts als Ruhe und Vogelgesang vom Feinsten. Ich fühle dieses ganz bei mir Selbst sein, einen Frieden, eine Freude– wie ich es nur sehr selten empfinde, weil mich meistens der Alltag zu sehr im Griff hat. Ich bin vollkommen bei mir selbst im Hier und Jetzt. Selbst meine Gedanken stehen still.
Den Moment kann ich nicht festhalten, aber ich nehme ein Geräusch-Kulissen-Video auf. Vielleicht wird es zu meiner Brücke: Wenn die Welt da draußen später wieder zu laut wird, dann schließe ich die Augen, stelle mir diesen Ort vor und höre mir mein Video an. Vielleicht hilft es mir, mich wieder zu erden und meinen inneren Frieden zu finden.
Zwei Stunden verbringe ich in diesem "Garten Eden" der sich wie eine Blase anfühlt, in der ich ganz allein bin und mich liebevoll umarmt fühle. Ein Souvenir an meine Seele.
Zwei Wege zum Glück
Beim Frühstück sitzt außer uns nur ein einziger Gast.
Wir kommen ins Gespräch. Er erzählt begeistert von seiner bevorstehenden 'Mammut-Tour' durch Südafrika und Namibia. In nur zehn Tagen will er von Kapstadt über Naries zum Fish River Canyon, nach Klein Aus Vista, Sossusvlei und durch das Aba-Huab-Tal bis zum Etosha-Nationalpark und schließlich wieder runter nach Windhoek. Zehn Tage für diese Distanz!
Er zeigt uns stolz seine Unterlagen, weil er seine Stationen gerade nicht im Kopf hat. Ein Experte hat ihm diese Reise zusammengestellt. Dass ihm selbst der Überblick fehlt, wundert mich bei diesem Pensum kaum. Er strahlt, freut sich auf das Abenteuer und vertraut blind seiner Agentur.
Ich komme gerade von meiner 'Seelenwanderung' zurück, habe aufgetankt und in der Stille zu mir selbst gefunden. Und er? Er sucht sein Glück in einer Art Hochgeschwindigkeits-Safari. Mir wird schon vom Zuhören schwindelig. Natürlich hat jeder seine eigenen Vorlieben, doch ich frage mich: Wie wird er diese Reise im Nachhinein bewerten? Für alle, die sich das geografisch gerade nicht gut vorstellen können, habe ich die Route mal bei Google Maps eingegeben.
Wenn man die Distanzen betrachtet und den einen oder anderen Game-oder Natur Drive in Betracht zieht, klingt das für mich nach einer Reise, die man fast ausschließlich im Rückspiegel erlebt.
Aber wie gesagt, vor uns sitzt ein sympathischer Mann, der sich auf seine Reise freut und ich wünsche ihm, dass es ihm nichts ausmacht in diesem Tempo durchs Reiseglück zu rauschen.
Offroadfieber und ein Uwe in Glückseligkeit
In unserer Agenda steht heute das Goegap Nature Reserve. Wir fahren über den Spektakelpass – der außerhalb der Blütezeit gar nicht so spektakulär ist – ins Nature Reserve.
Uns steht der Sinn nach gepflegtem Offroad-Fahren. Wir wählen den Goegap Eco Trail, der mit 17 bis 20 km Länge und zwei bis drei Stunden Fahrzeit angegeben ist. Laut meiner Infos wird er auf einer Schwierigkeits-Skala von 1-5 bei 3 oder 3+ eingestuft.
Bodenfreiheit, Untersetzung und vielleicht ein bisschen Vorerfahrung mit moderaten 4x4 Strecken sind empfehlenswert. Ich meine mich zu erinnern, dass dieser Trail nur mit 4x4 erlaubt ist. Uwe hat letztes Jahr in Ababis ein Fahrtraining absolviert. Dort hat er viel über technisches Fahren gelernt. Zu wissen, was das Auto kann, und wie man es machen lässt, was es machen soll, ist schon die halbe Miete.
Ganz allein im Namaqualand Outback?
Wir melden uns an und bekommen gesagt, dass wir sehr wahrscheinlich heute die Einzigen sein werden, die ins Reservat fahren. Oh – das ist ja beruhigend, falls wir Hilfe bräuchten und keinen Empfang haben! Aber wir haben Wasser für mehrere Tage an Bord und ein paar Knabbereien; die uns für ein, zwei Tage vor dem Hungertod bewahren würden. Die ersten Kilometer haben „Warm-up-Qualität“.
Schon nach wenigen Minuten entdecken wir in der Ferne Strauße, Hartmann-Bergzebras und Oryx-Antilopen. Meine Fotos taugen leider nicht zum Vorzeigen.
Doch mit dem Fernglas genießen wir unsere Begegnung trotzdem. Wir hatten überhaupt nicht damit gerechnet, heute Tiere zu sehen, und dann werden wir gleich mit drei Gattungen in dieser kargen Landschaft beschenkt. Da höre ich mich nicht motzen. Wir fühlen uns beschenkt.
Outback- Idylle aus Sand und Stein
Manchmal schimmert der Sand rötlich, wie ein Vorbote der Kalahari. Granit-Koppies geben dem Reservat seine raue Ausstrahlung. Köcherbäume und Sukkulenten krallen sich zum Teil in nackte Felsspalten – ein Bild vollkommener Schönheit. Es ist traumhaft und es fühlt sich privilegiert an, ganz allein hier durch diese Weite zu fahren.
Die liebevoll angelegten Picknickplätze verdienen es ebenfalls, erwähnt zu werden. Sie sehen sehr einladend aus, aber uns steht gerade nicht der Sinn nach Pause – wir sind ja erst angekommen und möchten noch viel entdecken.
Ohne Technik geht hier nix
Nach dem Warm-up verändert sich das Gelände in eine abenteuerliche Variante: Unter den Rädern spüren wir grobes, loses Gestein. Das Auto arbeitet, vibriert und sucht nach Grip. Als Nächstes fordern tiefe Weichsand-Passagen Schwung, und steile Aufstiege auf massivem Felsen verlangen Uwe volle Konzentration ab.
Die Achsenverschränkung wird auf die Probe gestellt. Ein paar Mal steige ich aus, um ihn einzuweisen – der Abstand der Reifen zu den Kanten ist aus dem Cockpit schwer abzuschätzen, wenn es um Zentimeter über scharfkantigem Granit geht. Einen Platten möchten wir nicht riskieren – schon der Gedanke an den Hi-Lift-Jack lässt uns vor Respekt vorsichtiger fahren.
Beim Aufstieg zum Carolusberg und auf die Hochplateaus schaltet Uwe die Untersetzung zu. Wir kriechen im Zeitlupentempo nach oben, während der Motor zeigt, was er draufhat.
Teil 1422. März 2026
Und dann: ein spektakulärer, grenzenloser Blick über das Namaqualand. Einfach nur grandios! Auf den Fotos sieht man die Tiefen und Entfernungen leider nicht. Die sehen fast schon langweilig aus. Aber Hey, die Realität treibt dir Tränen des Glücks in die Augen.
Glück ist – wenn man Zeit hat
Nach drei Stunden ist der Zirkel geschlossen. Aber es ist so unsagbar schön hier. Wir wollen auf keinen Fall schon zurückfahren und hängen noch eine Schleife dran. Am Ende sind wir fast sechs Stunden unterwegs bis wir wieder in Naries sind.
Würde der Park nicht schon um 16:00 Uhr schließen, wären wir heute Abend liebend gern ein zweites Mal den Eco Trail gefahren. Im Abendlicht muss er noch um ein Vielfaches schöner sein. Auf der anderen Seite kann man schwer abschätzen, wie lange man individuell für den Loop braucht. Da würde uns die Öffnungszeit im Nacken sitzen und wir könnten den Drive gar nicht richtig genießen. Insofern ist es gut so wie es ist.
Zum Abschied grüßt das Murmeltier - oder Erdhörnchen 😛
Unsere Reise ins Ich
Wir hatten den perfekten Vormittag. Der Trail war die physische Fortsetzung meiner morgendlichen Stille. Dieses tiefe, beeindruckende Empfinden begleitet uns noch öfter auf dieser Tour – es ist das, was sie für uns so einzigartig macht. Denn diese Reise ist tatsächlich anders als alle anderen Afrikareisen bisher. Nicht schöner, denn schön waren alle.
Es ist wie, wenn du mehrere Tage durch den NP fährst und gefühlt jedes Tier schon zigmal gesehen und fotografiert hast. Manchmal fährst du dann an ihnen vorbei, weil du denkst: „von den üblichen Verdächtigen habe ich jetzt genug Fotos“. Dann fängst du an die Perspektive zu ändern und achtest plötzlich auf andere Dinge, die auch schon die ganze Zeit da waren, aber du hast sie nicht beachtet. Jetzt richtest du aber deine Kamera auf Insekten, Blumen, Vögel oder was auch immer dein Herz berührt.
Diese Reise ist weniger Adrenalinrausch für uns, dafür mehr genussvolle Stille. Man könnte sagen, eine Art „Entschleunigung mit Makro-Effekt“.
Dass diese Reise etwas mit mir gemacht hat, wurde mir erst so richtig bewusst, als ich wieder zu Hause war. Eine Kollegin meinte an meinem ersten Arbeitstag: ‚Du siehst ganz anders aus.‘ Und damit meinte sie nicht meine Bräune, sondern eine andere Ausstrahlung – entspannt und im Einklang mit mir. Ist es nicht schön, wenn der eigene Seelenfrieden für andere sichtbar wird?“
Zurück in der Welt der Menschen
Es ist bereits Nachmittag, als wir in die Zivilisation zurückkehren – ohne Platten, ohne sonstige Fahrzeugprobleme. Unser Wägelchen hat sich als ein sehr zuverlässiges Instrument für alle Geländearten erwiesen und Uwe hat die Prüfung zum Offroad-Fahrer Stufe 3-4 mit Bravour bestanden
Zur Belohnung gönnen wir uns eine Kaffeepause im Schatten eines großen Baumes am Pool. Da uns draußen niemand sieht, mache ich mich für die Bestellung auf den Weg zur Rezeption. Unterwegs fällt mein Blick auf eine Getränkekarte: Latte Macchiato! Wirklich? Lecker, damit hätte ich hier gar nicht gerechnet. Die Vorfreude steigt.
Hallo – oder wie grüßt man hier?
Ich begrüße die Dame an der Rezeption mit einem fröhlichen Hallo. Sie ist in ihr Handy vertieft und hört mich nicht. Ich wiederhole meinen Gruß, aber sie liest wohl noch schnell was Wichtiges zu ende. Ich warte kurz und gebe ihr Zeit - sie schaut aber nicht auf. Ich sage ein weiteres Mal Hallo. Sie reagiert nicht! Hat sie Kopfhörer im Ohr?
Wie auch immer: Ich seh den Latte Macciato schon vor mir und will den jetzt haben. Also nehme ich mir die Freiheit und laufe um den Tresen herum, um mit einem Schulterklopfen auf mich aufmerksam zu machen. Aber ich nehme die Kurve zu knapp und stoße irgendwo dagegen, was Krach macht. Ich erschrecke – sie erschrickt und lässt fast ihr Handy fallen. Muss ja sehr fesselnd gewesen sein. Sie entschuldigt sich sofort vielmals.
Na denn Prost…
Ich sag: Kein Problem und ordere das Getränk meiner Begierde. Sie antwortet: Machen wir nicht, nur Cappuccino oder Espresso. Na, dann eben Cappuccino- mag ich auch gerne. Eine viertel Stunde später kommt sie mit einem Milchkaffee an unseren Tisch: „Sorry, Cappuccino hat nicht geklappt – geht aufs Haus“. Hat sich meine Wunsch-Fee hier irgendwo versteckt? Die hat ganz schön was an den Ohren, so oft wie sie in diesem Urlaub falsch liefert. Aber macht nix. Meine Seele befindet sich nach diesem wunderbaren Vormittag im Zen. Ein Blick nach innen genügt, um mich wieder nach Goegap zu beamen. Es ist alles gut. Das Leben ist schön, auch mit Milchkaffee.
Besuch auf der Terrasse
Während wir unseren Kaffee trinken und über den sagenhaften Trail sprechen, besucht uns eine kleine Streifengrasmaus. Die ist sowas von gar nicht schüchtern und kommt bis an unsere Füße. Sie sucht Krümel am Boden und verschwindet immer wieder damit in ihrem Apartment um gleich drauf wieder um unseren Tisch herum zu tanzen. Wir sind ganz begeistert von diesem herzigen Entertainment.
und im nächsten Abschnitt hoffe ich, dass es mir gelingt, eine Szene so zu beschreiben, dass ihr genauso wie wir Tränen lachen werdet. Es geht um das Schmiere stehen worauf sich mein Titel des Reiseberichtes bezieht. Aber mehr wird noch nicht verraten.
Teil 1525. März 2026
Orientierung steht auf dem Schlauch
Gegen halb fünf meldet sich wieder unser Tatendrang. Die Mittagspause unter dem Baum war erholsam, aber die Abenteuerlust flüstert uns zu, dass der Tag noch nicht zu Ende ist. Unser Ziel: der Wildhoek-Pferde-Pass. Zumindest steht das so in meinen Notizen als eine Möglichkeit die Uwe ins Navi einpflegen sollte.
Die Praxis sieht allerdings anders aus. Sagen wir es diplomatisch: Uwe hat seine Hausaufgaben an diesem Tag eher... oberflächlich erledigt. Oder er hat den entscheidenden Hinweis in meinen Unterlagen schlichtweg als "künstlerische Freiheit" interpretiert. Kurz gesagt: Wir sind komplett falsch unterwegs.
Im Nachhinein betrachtet war Uwes kleiner Blackout ein echter Glücksfall. Hätten wir den Wildhoek-Pass tatsächlich gefunden, wären wir mitten im Namaqua National Park gelandet – und dort hätte man uns um diese Uhrzeit vermutlich längst den Riegel vorgeschoben.
Mehr Spargel-als Spektakel Pass
Durch diese glückliche Fügung landen wir stattdessen auf der R355 Richtung Westen. Hier, wo die Straße als Spektakelpass in engen Windungen vom Plateau in die Ebene abfällt, gibt es weder Zäune noch Torschlusszeiten. Wir tauchen wieder ein in die Einsamkeit und rollen Richtung Kleinzee.
Die Straße windet sich an steilen Hängen entlang und bietet uns eine Aussicht, die ganz nett ist. Aber mit dem, was uns im Goegap geboten wurde, kann unsere Abendausfahrt nicht mithalten. Der Pass spart sich seinen Auftritt für die Blütezeit, dann macht er seinen Namen ganz bestimmt alle Ehre. Im Moment ragen nur die trockenen, dünnen Stängel der Sukkulenten aus der Erde. In diesem Zustand ist er für uns ehrlich gesagt mehr Spargel- als Spektakelpass.“
Archäologische Ausgrabungen
Wir lassen die Serpentinen hinter uns und rollen in eine wellige Halbwüste. Es ist faszinierend zu sehen, wie es vereinzelt sogar stattliche Bäume schaffen, in dieser trockenen Gegend zu überleben.
Und dann treffen wir sie: die „grasenden Wildpferde“. Okay, es sind genau zwei. Meine Fotos sind zum Zeigen leider ungeeignet - und „grasen“ ist ein sehr optimistischer Begriff für das, was sie da tun. Es sieht eher nach einer verzweifelten archäologischen Ausgrabung von essbaren Wurzeln aus. In diesem staubigen Boden nach Nahrung zu suchen, ist ein wahrlich mitleiderregender Anblick. Man möchte ihnen am liebsten eine Portion Heu vorbeibringen.
Auf dem Rückweg zeigt sich das Outback dann doch noch von seiner fotogenen Seite: Ein kleiner Klippspringer posiert am Wegrand. Leider muss ich gegen das Licht fotografieren, was die Sache technisch schwierig macht. Aber was soll’s? Manchmal muss man sich eben einfach am Augenblick freuen, statt nur am perfekten Foto zu arbeiten.
Rushhour auf Namaqualand-Art
Sobald wir wieder Teer unter den Rädern haben, verändert sich die Szenerie. Die Landschaft um uns herum wird plötzlich grüner und wir geraten prompt in eine kleine „Rushhour“: Eine Gruppe Esel blockiert die Straße und nimmt sich das Vorfahrtsrecht. Auch Schafe, Ziegen und ein paar Kühe sind unterwegs und trotten gemütlich ihrem Feierabend entgegen.
Mein Fazit: Unsere Abendfahrt konnte mit dem Offroad-Feuerwerk vom Morgen nicht mithalten. Vielleicht tue ich ihr auch ein wenig Unrecht. Nach dem Glücksrausch vom Vormittag waren wir emotional wahrscheinlich einfach „am Anschlag“. Wenn das Level, bei dem sich Begeisterung einstellt, erst einmal so hoch liegt, was kann dann da noch mithalten? Aber für das heutige „Namaqualand-Zen“ war es dennoch eine ausreichende Dosis Bodenhaftung.
Gleich geht es weiter und zwar mit der lustigsten Geschichte unseres Urlaubs. Ich hoffe, ich kann sie auch nur halbwegs so komisch beschreiben, wie sie wirklich war. Bis gleich
Teil 1625. März 2026
Mission: Impossible
Heute sind wir die einzigen Gäste – was sich noch als großes Glück erweisen wird. Die Speisekarte beinhaltet zwei Vorspeisen, zwei Hauptgerichte mit Fleisch und ein Dessert. Ich mag beide Fleischangebote nicht und bestelle – ohne so ganz genau zu wissen, was es eigentlich ist – jenes, welches mir als geringeres Übel erscheint. Dass ich auch einfach nur Gemüse und Beilagen hätte bestellen können, dieser Geistesblitz trifft mich erst später.
Das Essen kommt. Ich sehe sofort: Es ist Schmorfleisch. Den meisten von euch läuft vielleicht bei so etwas wie geschmorten Kalbsbäckchen das Wasser im Mund zusammen. Ich bekomme schon beim Gedanken daran Herpes auf der Zunge. Was ich wirklich überhaupt nicht ertragen kann, ist Glibber- Konsistenz im Mund und geschmorte Sehnen gelieren nun mal.
Mutig versuche ich, meinen Ekel zu überwinden, und nehme – eine Tapferkeitsmedaille verdienend – eine erste vorsichtige Gabelladung. Der Glibber berührt meine Zunge. Es schüttelt mich. Dann, todesmutig, eine zweite, und ich muss fast kotzen. Es geht nicht! Ich kann das nicht essen und ich kämpfe gegen die Tränen, weil ich es abgrundtief schlimm finde, Fleisch zurückgehen zu lassen. Für die Menschen, die hier leben und arbeiten, wäre das ein Festtagsessen. Der Koch hat ja nichts falsch gemacht.
Ich lasse normalerweise kein Essen zurückgehen – das „Dessert-Desaster“ war da ebenfalls eine absolut seltene Ausnahme. Uwe betont oft, dass ich so gut wie immer alles esse, was auf dem Teller liegt, auch wenn es mir mal nicht schmeckt. Aber zwischen „schmeckt mir nicht“ und „geht gar nicht“ liegen Welten. Uwe sieht mich voller Mitleid an und sagt: „Lass es stehen und iss nur die Beilagen.“ Würde ich ja, aber was soll ich sagen, wenn ich gefragt werde, ob es mir nicht geschmeckt hat? Auf diese Frage haben wir beide keine Antwort.
Doch wie heißt es so schön? Not macht erfinderisch. Humor ist unser Ventil! Wir diskutieren: Jetzt wäre eine Tupperdose von Vorteil. Wir haben Mr. Bean vor Augen, wie er im Film sein Tatar löffelweise in die Zuckerdose oder der Dame am Nachbartisch in die Handtasche schaufelt. Wir denken an diverse Blumenvasen, die im Raum stehen, an die Schubladen in der Kommode, an den Blumentopf in der Ecke, an den Ofen, oder daran, es unter dem Teppich zu verteilen... Der Gaul geht mit uns durch und wir lachen Tränen bei der Vorstellung, wie jemand nach ein paar Tagen versucht, die Quelle des üblen Gestanks zu finden.
Dann sagt Uwe: „Pack es doch in eine Plastiktüte.“ Ja, klar, als ob ich eine Plastiktüte im Hosensack hätte! Er: „Soll ich im Zimmer schauen, ob ich eine finde?“ Ich: „Und dann? Wohin damit? Dann musst du mir meinen Rucksack auch mitbringen.“ Kaum ausgesprochen, steht Uwe auf und tut es. Wir haben Glück, dass Uwe nicht erst eine Viertelstunde zur Mountain Suite fahren muss – das zu erklären, wäre auch interessant gewesen. Unser Zimmer ist nur ein paar Schritte vom Speisesaal entfernt. Er findet im Bad einen leeren Müllbeutel und bringt ihn mir samt Rucksack.
Ich will schon anfangen, das Diebesgut einzutüten, da raunt mir Uwe zu: „Warte noch. Ich steh Schmiere. Wenn jemand kommt, verwickle ich die Person in ein Gespräch…“ Ich öffne schon mal den Rucksack und richte die Tüte auf meinem Schoß aus. Uwe zischt mir zu: ...„Warte – du musst unbedingt noch ein bisschen was auf dem Teller lassen, sonst fällt das auf. Und bete, dass nicht so schnell jemand kommt, die würden glatt denken, dass du noch hungrig bist, und dir eine zweite Portion bringen.“
Okay, leuchtet ein. Uwe steht Schmiere. Ich zittere vor Aufregung. Mit dem Löffel schaufle ich die noch heißen, glibberigen Fleischbrocken in den Beutel auf meinem Schoß – dabei saue ich mir auch noch das T-Shirt ein. Dann: Tüte verknotet, in den Rucksack befördert und gehofft, dass kein Dampf daraus hochsteigt. Mission Impossible erledigt!
Ich esse dann noch den Rest auf dem Teller und der schmeckt wirklich gut. Angespannt warten wir darauf, dass abgeräumt wird. Wir hoffen so innig, wie man nur hoffen kann, dass ich nicht gefragt werde, wie es geschmeckt hat. Sonst müsste ich wohl einen Hustenanfall simulieren, der mich außer Stande setzt zu antworten. Aber das wäre auch geheuchelt. Oh weh, wenn die Teller nur schon weg wären!
Das Glibber-Schicksal meint es aber gut mit mir. Der leere Teller scheint für sich zu sprechen und wird kommentarlos mitgenommen.
Wir lachen Tränen über diese skurrile Situation, noch Tage und Wochen später. Wann immer wir mit einer zu großen Portion kämpfen, kommt der Müllbeutel zur Sprache. Wir warten bis es dunkel ist, und packen das Fleischpaket heimlich wie zwei Kriminelle in die Kühlbox im Auto. Wir überlegen hin und her, was wir damit machen sollen. Jemandem Essen in einem Müllbeutel anzubieten, scheint uns würdelos. Dazu kommt das Problem, dass wir die Ladefläche öffnen müssten, um an die Kühlbox zu kommen, wenn wir es unterwegs jemandem geben möchten. Ins Gebüsch werfen? Das soll man auch nicht.
Uns fällt, so schlimm es ist, nichts Besseres ein, als es irgendwo in einen Mülleimer zu befördern. Tja, damit wisst ihr jetzt, was es mit dem Titel meines Reiseberichtes auf sich hat – obwohl es kein Steak war, Aber wie hätte auch „Schmorbraten“ geklungen?
Ich hoffe, der Abschnitt hat euch amüsiert. Doch obwohl wir sogar heute noch über die Komik lachen müssen: Stolz bin ich wirklich nicht darauf, dass ich Fleisch weggeworfen habe!
Teil 1729. März 2026
Samstag 7. Februar
Operation Kofferrevolution
Kofferpacken steht wieder an – auf in den Kampf! Die elende Schlepperei mit der ganzen Koffer-Armada plus Handgepäck nervt uns nur noch. Man fängt mit System an zu packen und hört mit dem Stopfen von Löchern auf. Am Ende sucht man verzweifelt nach Dingen, die man garantiert erst wieder findet, wenn man sie nicht mehr braucht.
Wir treffen eine harte Entscheidung: Radikaler Minimalismus. Wir ernennen das Handgepäck zur autarken Einsatzzentrale für sechs Tage. Nur noch wirklich Überlebenswichtiges darf mit – und das ist erstaunlich wenig. Die großen Koffer erhalten einen Dauerparkschein im Kofferraum. Dieses Experiment funktioniert zu unserer vollen Zufriedenheit. Wir notieren für die Zukunft: Ein Drittel der Klamotten reicht völlig. Abwechslung im textilen Bereich wird total überbewertet. Sogar das schicke Restaurant-Outfit wird überflüssig, wenn wir Selbstversorger sind. Noch so ein Vorteil, den ich in diesem Urlaub zu schätzen lerne.
Belohnt werden wir für diese logistische Meisterleistung mit einem vitaminreichen Frühstück, zu dem wir uns nicht zweimal bitten lassen.“
Wann sind wir endlich da?
Nach ein paar Tassen Kaffee schieben wir schließlich unsere Hintern ins Auto. Getreu unserem Prinzip, Teer so gut es geht zu meiden, wählen wir wieder den Weg durchs Hinterland. Rückblickend: Eine grandiose Fehlentscheidung meinerseits. Die Gravel Roads ziehen sich wie Kaugummi. Die Landschaft ist zwar weit, aber stellenweise so ereignisarm, dass ich schon dazu neige, die Steine am Wegrand zählen zu wollen. Die Zeit hätten wir besser im Nationalpark genutzt.
Nationalpark im Rückspiegel
Unser Ziel ist die Augrabies Falls Lodge. Wie schon erwähnt, mussten wir unsere Reisezeit zwangskürzen – nicht die Anzahl der Unterkünfte, sondern leider die Dauer der Aufenthalte. Der Augrabies Falls NP zählt zu unseren „Zeit-Opfern“. Anstelle von entspanntem Wandern und gepflegten Loops steht jetzt wohl eher „Nationalpark-Speed Running“ auf dem Programm. Wie war das mit dem Reiseerlebnis im Rückspiegel? Scheint, als hätten wir das auch drauf.
Sand unter den Rädern
Ein paar schöne Highlights hat die Strecke dennoch hier und da. Tiefsandpassagen bringen ein bisschen Spannung in die Fahrt. Für mich sind diese Abschnitte besonders fotogen, so dass ich ein paar Mal aussteige – neue Föhnfrisur gibt es gratis dazu, denn der Wind weht wie ein Föhn auf Powerstufe 3.
Am Himmel bilden sich Bilderbuchwolken und heben das strahlende Blau noch hervor. Ich kann mich kaum satt sehen. Schattenplätze sind rar gesät und sehr begehrt.
Rutsch mal: Ich pass da auch noch mit drunter.
Vogel-Villa mit Stromanschluss.
Die Tierwelt scheint hier allerdings kollektiv auf Selbstmordmission zu sein: Ein Riesen-Hase vollzieht, wie aus dem Nichts kommend, einen filmreifen Drift direkt vor unserer Stoßstange. Kurz darauf überquert ein Erdhörnchen die Piste mit fatalistischem Gottvertrauen, ganz nach dem Motto: Gestern kam nix, kommt heute auch nix – huch, wieso ist da ein Auto? Nach diesem Schreckensmoment rettet es sich per Hechtsprung direkt in seine Residenz neben der Piste. Hier kann es in der Sicherheit der Unterwelt seine Nahtoterfahrung verarbeiten.
Vierzig Grad und kein Erbarmen
Das Thermometer schwankt unerbittlich zwischen 38 und 40 Grad. Der Wind hat offensichtlich den Auftrag, dem Land den letzten Schluck Wasser zu entziehen. Mitten in dieser flimmernden Hitze ein herzzerreißender Anblick: Ein einsamer, abgemagerter Gaul schleicht fast wie totgeweiht durch die Einöde. Er findet offensichtlich weder einen Halm noch einen Tropfen Wasser. Ein Anblick, der mir das Herz zerreißt.
Teil 1829. März 2026
Der Check-in Sprint
Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen wir in der Augrabies Falls Lodge an. Die Rezeption? Verwaist. Wir stehen und warten. Dann sieht uns jemand vom Küchenpersonal und holt den Mitarbeiter von der Bar im Nebenraum. Der kommt im Stechschritt angerauscht, ringt sich im Vorbeigehen ein schnelles Hallo ab, drückt uns einen Zimmerschlüssel in die Hand, erklärt kurz, wo wir unsere Bleibe finden – und schon ist er wieder weg, um sich um seine Gäste an der Bar zu kümmern. Wow – so schnell kommen wir gar nicht mit und stehen einen Augenblick perplex vor der Treppe. Wir wurden bei einem Check-in noch nie so effizient abgefertigt. „Man spürt förmlich das inoffizielle Motto: Herzlich willkommen – wenn es denn unbedingt sein muss.“
Sauna ohne Ausgang
Wir öffnen die Tür und eine Hitzewelle schlägt uns wie ein Brett gegen den Kopf. Mein erster Reflex: Wo ist die Balkontür?! Doch statt frischer Luft finde ich nur eine mysteriöse zweite Zimmertür. Der Schlüssel darin lässt sich endlos drehen – ein mechanisches Nichts. Sorry, aber ein Zimmer ohne Balkon ist inakzeptabel. Uwe plädiert in seiner typischen Ruhe für „Augen zu und durch“, schließlich sei es ja nur für eine Nacht. Aber nicht mit mir! Ich habe ein Zimmer mit Balkon gebucht, und ich werde heute Abend draußen sitzen und mein Gläschen Wein genießen. Also heißt es: Selbst ist die Frau.
Ich marschiere umgehend zurück zum Barmann – auch auf die Gefahr hin, den Betriebsablauf empfindlich zu stören – was ich tatsächlich tue. Sein Blick, als ich behaupte, es gäbe keinen Balkon? Eine Mischung aus tiefem Unglauben und der Sorge um meine Zurechnungsfähigkeit. Sichtlich genervt kommt er mit nach oben, doch schon an der Schwelle verlässt ihn seine Souveränität. Er macht einen Satz rückwärts: „Uiii, ist das heiß hier!“ Ach was? Er stürzt sich auf die Zwischentür, macht dieselbe Erfahrung mit der Endlosdrehung wie wir, zieht den Schlüssel aus dem Loch. Abgebrochen. Nur fürs Protokoll: Das waren nicht wir! Was für mich optisch aussieht wie eine Zimmertür, ist also tatsächlich die Balkontür – nur eben in der Funktion einer Sperrzone.
Zimmer im Retro-Chic gefällig?
Während der Barkeeper das Schlüssel-Dilemma klärt, sitzen wir in der Lobby – wie bestellt und nicht abgeholt. Wer nun glaubt, dass uns bei lächerlichen 38 Grad im Schatten ungefragt ein Glas Wasser angeboten wird, hat die Rechnung ohne den „herausragenden“ Service dieses Hauses gemacht.
Die Lösung: Ein Zimmerwechsel. Das neue Quartier ist zwar kleiner, aber okay. Auch hier schlägt uns beim Öffnen der Tür ein massives Hitze-Brett ins Gesicht, doch der entscheidende Unterschied offenbart sich sofort: Die Balkontür lässt sich öffnen! Zwar haben wir keinen privaten Balkon, dafür aber ein riesiges Gemeinschaftsexemplar. Da die Nachbarzimmer leer bleiben, erklären wir den Bereich kurzerhand zu unserem persönlichen Hoheitsgebiet.
Auf den Fotos sieht das Zimmer gar nicht so übel aus – fast schon gemütlich mit den warmen Erdtönen und den weichen Decken.
Aber die Kamera fängt eben weder die stehende Hitze noch das Badezimmer ein. Letzteres habe ich erst gar nicht fotografiert, weil ich es niemandem zeigen wollte. Es reicht völlig aus, wenn es sich mir allein ins Gedächtnis brennt. Der Blick in den Wellnesstempel offenbart: ein Design-Konzept aus dem frühen letzten Jahrtausend – diesen speziellen „Chic“ können nicht mal die KTP-Bäder toppen. Aber immerhin: Das Wasser läuft, und zwar genau dahin, wo es auch hinlaufen soll. Das ist ja auf Reisen auch nicht immer an der Tagesordnung. Zum Glück hat unsere Klimaanlage ordentlich Wumms und nimmt sofort den Kampf gegen die stehende Hitze auf.
Offroad-Abenteuer für Einsteiger
Eigentlich bräuchten wir nach der zähen Anreise eine Pause, aber der Park schließt um 18:00 Uhr. Also wird nur schnell geduscht, ein Käffchen getrunken und dann, gegen 16.00 Uhr, machen wir uns wieder auf den Weg. Die Ausbeute? Ein Waran, eine Giraffe und eine Landschaft, die mit jedem Kilometer schöner wird. Soooo schade, dass wir nur so wenig Zeit haben. Hier wäre ich liebend gerne ein Stück weitergefahren.
Ein Highlight auf dem Hin- und Rückweg sind die Wasserfurten. Laut Bushlore-Einweisung verträgt unser Wägelchen 70 cm Wassertiefe – eine Markierung am Auto erinnert uns ständig an unser theoretisches Potenzial. Wir begnügen uns heldenhaft mit 20 Zentimetern. Abenteuer ja, U-Boot-Modus muss nicht.
Heute anstatt Erstsichtung: Jungfernfahrt durch die Fluten. Endlich können wir auch mal behaupten, dass wir eine Wasserfahrt gemeistert haben, ohne unser Fahrzeug dabei zu ersäufen. Ich würde sagen: Wir sind stolz auf uns!
Wildlife am Augrabies Fall
Am Wasserfall fällt der Zeitdruck von uns ab. Wir sind mutterseelenallein. Das ist sicher keine Selbstverständlichkeit. Erst als wir gehen, kommen die nächsten Besucher. Ein Hochwasser hat hier immensen Schaden angerichtet. Teile der Aussichtsplattform sind gesperrt. Überall liegen Bretter von weggerissenen Stegen herum – könne man vielleicht mal beseitigen – nur so eine Idee.
Die Wassermassen sind sicher nicht in Höchstform, sind aber dennoch ein beeindruckendes Spektakel, das sich sehen lassen kann.
Auf dem Rückweg treffen wir die wahren Herrscher des Parks zumindest für heute: Dassies. Auf eine Distanz von ein paar Metern posieren die goldigen und tiefenentspannten Knuddel geduldig für unser privates Fotoshooting. Von „Fluchtmodus“ haben die noch nichts gehört. Seelenruhig klettern sie in den Bäumen herum und spielen Fangen.
Am Wasser war es kühl, jetzt holen uns die 38 Grad wieder ein – naja, vielleicht sind es auch nur noch 37,5.
Dinner for Two auf dem Folterstuhl
Wir sind platt, wir sind hungrig, und praktischerweise hat das Hotel ein Restaurant. Meine Erwartungen an Service und Geschmack parke ich vorsichtig im Keller. Ein Blick in die Karte bestätigt mein Bauchgefühl: Ein Gourmet-Tempel für Schnecken-Fetischisten! Wir lesen nur: Snails... Snails... Snails. Für unsere normalen Geschmacksnerven bleibt die Auswahl extrem überschaubar. Aber gut, Steak geht immer. Also ordern wir einen ordentlichen Bollern Fleisch mit Pommes und Pfeffersoße. Das Servicepersonal sendet derweil konsequent die nonverbale Botschaft: Bitte nicht stören. Lächeln verboten.
Dann die Stühle. Ein wahrgewordener Albtraum. Aaaauuuutsch! Ich trage kurze Hosen – fataler Fehler. Die Sitzfläche besteht aus grobem Netz, dessen Schnüre sich schon nach 30 Sekunden schmerzhaft in Beine und Hintern fräsen. Wenn ich aufstehe, sehe ich wahrscheinlich aus, als hätte ich ein dekoratives Karomuster-Tattoo auf den Oberschenkeln. Der Designer verdient den Orden für den ‚Besten Folterstuhl des Jahres‘. Aber eigentlich passt er perfekt zum Gesamtkonzept: Bleib bloß keine Minute länger sitzen als unbedingt nötig!
Das Essen? Eine Überraschung! Es schmeckt deutlich besser als erwartet. Die Soße hat zwar die Konsistenz von Pudding auf dem Weg zum Aggregatzustand ‚Glibber‘, ist aber geschmacklich völlig in Ordnung. Allein wegen der Folterschmerzen verzichten wir aber auf das Dessert und flüchten aufs Zimmer, um die Druckstellen mit einem Glas Wein zu betäuben. Jetzt ruft der Balkon, unser mühsam erkämpftes Hoheitsgebiet. Der Abendhimmel zeigt sich in wunderschönen Farben. Es ist nach 20:00 Uhr und gefühlt immer noch 30 Grad warm. Kein Lüftchen weht, aber der Wein sorgt für die nötige Bettschwere. In diesem Sinne: Gute Nacht.
Teil 1901. Apr. 2026
Sonntag 8. Februar
Achtung Landeanflug
Das Beste an diesem Hotel ist bis jetzt eindeutig die Klimaanlage. Wir schlafen richtig gut. Aber wie immer bin ich schon vor der Dämmerung wach. Im Schlafi setze ich mich auf den Balkon und genieße die angenehme, lauschige Luft. Nach einer Weile löst das Morgengrauen die Nacht ab. Die ersten Vögel pfeifen. Dann geht es zu wie auf dem Flughafen. Die Piepmätze nutzen unseren Balkon als Einflugschneise und landen im Sekundentakt. Sie sind sichtlich auf Futtersuche...
Der friedliche Morgen bekommt im Badezimmer allerdings einen herben Dämpfer: Als ich ein frisches Handtuch benutzen möchte, ist dieses übersät mit ekligen Flecken. Ein weiterer Punkt der mir bestätigt, dass das Haus mit dem Begriff „Kundenzufriedenheit“ nicht viel anfangen kann.
Ich überlege: Soll ich dem Management eine Rückmeldung geben? Ist bei der Motivation, die ich hier durchweg sehe, eine Kritik überhaupt wirksam? Ganz ehrlich: Ich habe keine Lust, mich weiter mit den Defiziten hier zu befassen, und behalte lieber den schönen Park und den Wasserfall in Erinnerung. Immerhin kann ich über die Unterkunft sagen, dass die Klima funktioniert, das Wasser abläuft und das Abendessen besser war als erwartet. Ich denke, dabei belasse ich es.
Frühstück mit viel Tellerrand
Wir sind die ersten Frühstücksgäste – und ich Depp habe natürlich nicht an den Folterstuhl gedacht und wieder kurze Hosen an. Die Quittung folgt sofort in Form des bekannten Karomusters auf meinen Oberschenkeln- blau unterlaufen wie Originaltattootinte. Eine Karte? Fehlanzeige. Ein Buffet? Träum weiter. Der Service pflegt weiterhin seine stoische ‚Bitte nicht stören‘- Attitüde vom Vorabend und serviert ein Frühstück, das unverschämt überschaubar bleibt und strikt darauf achtet, viel vom Tellerrand zu zeigen. Wie ich das finde? Kein Kommentar.“
Unser Fazit zur Augrabies Falls Lodge
Einmal reicht uns völlig. Bis auf die Klimaanlage hat uns wenig überzeugt – außer vielleicht der Tatsache, dass Pfeffersoßenpudding besser schmecken kann als erwartet. Naja, wir haben keinen Schaden genommen, dafür an Erfahrung dazugewonnen. Memo an mich: Von SANParks gibt es die Oranjekom-Schlucht Cottages. Fürs nächste Mal wähle lieber die Eine-Million-Dollar-Aussicht über der Schlucht und verzichte gleich auf nichtvorhandenen Service – Selbst ist die Frau!
Bandscheiben-Härtetest
Nächstes Ziel: Upington – River Place Manor. Die Route: Schotterpisten mit Umweg… mal wieder.
Wir rollen auf die Pad. Manche Abschnitte haben ihre besten Zeiten bereits hinter sich und besitzen die Qualitäten einer kräftigen Thai-Massage – ganz für umsonst. Wer braucht schon ein Spa, wenn das Fahrwerk die Lymphdrainage übernimmt? Während unsere Wirbel wieder eingerenkt werden, genießen wir das exklusive Landschaftskino: Seen, Flüsse, kleine Bäche und hier und da ein paar Buschbewohner, die unseren Slalom beobachten.
Supermarktrally: Zwischen Wunschzettel und Pfeif drauf!
Wir liegen gut in der Zeit und stellen uns noch vor dem Check-in der Herausforderung in der Kalahari Mall. Zwar ist der Supermarkt gut sortiert, aber scheinbar haben wir Wünsche, für die der afrikanische Gaumen kein Verständnis hat. Pfeif drauf, dann ist eben Improvisationstheater angesagt, wenn ich im KTP die Töpfe zum Küchentango herausfordern werde. Nichtsdestotrotz läuft der Einkauf deutlich entspannter ab, als ich mir vorgestellt hatte. Das vorbestellte Fleisch holen wir ohnehin erst morgen früh in der Slaghuis-Metzgerei ab.
Für das kulinarische Überleben unterwegs tun es Kekse, Kräcker und Schokolade – viiiiel Schokolade. Letztere wird mit chirurgischer Präzision in die allerletzten Lücken unseres Coolers operiert. Passt, wackelt und hat Luft.
Einmal VIP-Gefühl bitte? Kommt sofort!
Zum Hotel ist es jetzt nur noch ein Katzensprung. Im River Place Manor erwartet uns herausragender Service – schon die herzliche Begrüßung und der lockere Smalltalk geben uns sofort das Gefühl, willkommene Gäste zu sein. Wir werden direkt zu unserem Zimmer Nr. 1 begleitet: ein wunderbar privat gelegenes Eckzimmer mit direktem Flussblick. Die freundliche Mitarbeiterin erklärt uns kurz die Technik und überlässt uns dann unserer Zweisamkeit.
Hygienephobie…?
Mich plagt aber noch ein Problemchen: Die Unterwäsche, die ich vor ein paar Tagen mit homöopathischen Wassermengen von Hand gewaschen habe, fühlt sich mehr nach „gut gemeint“ an als nach hygienisch sauber. Ich finde, die Fuhre braucht dringend das Werk einer echten Maschine. Wir sind aber nur für eine Nacht hier. Jetzt ist es schon 14.00 Uhr. Ich mache mich skeptisch auf den Weg zur Rezeption, um nach einer Expresswäsche zu fragen – mehr mit dem Gedanken: „Ich habe es wenigstens versucht“, als mit echtem Glauben an ein Wunder.
Die Antwort lautet: „Absolut kein Problem.“ Ich kann mir einen kleinen Luftsprung nicht verkneifen und jauchze unterdrückt. Das Personal ist über meinen Freudentanz sichtlich amüsiert. Wer hätte gedacht, dass saubere Unterbuxen so ein Hochgefühl auslösen können? I feel good!
Füße hoch und Vogelkino
Nach der vierstündigen Slalom-Fahrt und der obligatorischen Einkaufsralley in der Mall haben wir uns den Nachmittag auf dem Balkon mehr als verdient – finden wir. Der Kaffee dampft, der Portwein auf unserem Tisch will gekostet werden – und die erste Tafel Schokolade wird skalpiert.
Unser Logenplatz liegt im kühlen Schatten, mit freiem Blick auf Fluss und Garten. Kein Mensch weit und breit. Nur wir und die Vögel. Da mutieren wir kurzerhand zu Hobby-Ornithologen und beobachten, was uns da so um die Nase flattert. Gehirnakrobatik zur Vogelbestimmung? Das wird nichts werden – aber wozu gibt es schließlich Apps? Die ist dann auch schuld, wenn wir Schmarrn erzählen.
sogar ohne App erkannt, African Hoopoe (laut Tinkers KTP) 🤩
Wir kommen so langsam in die Tiefenentspannung, vielleicht liegt’s auch am Portwein. Jedenfalls verspüren wir den Wunsch, uns noch ein wenig Wellness zu gönnen. Es wird königlich geduscht, die Schwarte mit wohlriechender Lotion der Marke „Geht aufs Haus“ einbalsamiert und dann weiter gechillt, bis es Zeit ist fürs Dinner.
Gaumenfreude mit Aussicht
Im Restaurant ist ein Tisch direkt am Fenster mit wunderbarem Blick ins Grüne eingedeckt. Das Drei-Gänge-Menü lässt keine Wünsche offen – allein die Quiche zur Vorspeise hätte locker als Hauptmahlzeit durchgehen können und sprengt meine Aufnahmefähigkeiten. Die Hauptspeise wird dann fast ein bisschen zu flott serviert, da habe ich erst die Hälfte der Quiche geschafft. Den Rest lasse ich mir aber kurzerhand einpacken. Für dieses Schmankerl braucht es keine Plastiktüte. 😄 Er schmeckt mir am nächsten Tag mindestens genauso gut! Das Personal freut sich sichtlich darüber, dass nichts zurückgehen muss, und ich spare nicht mit Lob für Küche und Service. Ein rundum gelungener Abschluss.
Wird’s was oder wird’s nix?
Mit dem leicht mulmigen Gefühl, ob unsere Wäsche morgen Früh um 9.00 Uhr tatsächlich schon abfahrbereit ist, lassen wir den Abend noch auf unserem Balkönchen ausklingen.
Denk nie, du bist allein
Ich wache mitten in der Nacht auf und bin hellwach. Also setze ich mich ziemlich sparsam bekleidet und nicht gerade Lady-Like auf unseren schnuckeligen Balkon, betrachte Mond und Sterne und hänge meinen Gedanken nach. Es ist so ein schöner Moment, allein und in dieser herrlichen Ruhe hier zu sitzen. Plötzlich: der Schein einer Taschenlampe – daran hängt die Hand des Nachtwächters und der grüßt mich sehr aufmerksam und freundlich. Huch, da sitze ich im vermeintlichen Schutz der Dunkelheit und fühle mich ein wenig unrühmlich ertappt. Wer hätte gedacht, dass meine Sternguckerei noch Publikum bekommt?
Montag 9. Februar
Auf ins Abenteuer
Guten Morgen Afrika – Auf zur Schlacht am Frühstücksbuffet. Ein prüfender Blick: Alles da, was das Herz begehrt. Anschließend nur noch an der Rezeption vorbei und nach unserer Wäsche gefragt: Yapp, ist fertig und liegt bereit zur Abholung. Der Preis: Kein Schnapper, aber dafür porentief rein und wohlig duftend. Da legen wir gern noch ein bisschen Trinkgeld obendrauf, diese Turboleistung verdient schließlich Anerkennung.
KTP wir kommen! Heute natürlich auf direktem Weg. Ach Nee, wir müssen ja noch am Slaghuis vorbei. Wäre ja ein Desaster wenn wir den Grill anschmeißen und nur Brot rösten könnten. Aber das ist ja kein Umweg.
Wir parken direkt vor der Tür und sind noch nicht drin, schallt es durch den Laden: Silvia? Jawoll die bin ich. Und schon kommt unser vorbestelltes Fleisch tiefgefroren anmarschiert. Na, das nenne ich Service. Schnell noch ein Glas Nudelsalat geschnappt, an der Kasse mit den Scheinen gewedelt und schon kanns losgehen. Wir hören ihn schon, den Ruf der Kalahari.
Teil 2003. Apr. 2026
Das Geheimnis um den heiligen Wisch
Wir passieren das Tor nach Twee Rivieren und stellen uns direkt den ersten Herausforderungen für KTP-Neulinge. Die Anmeldung verläuft noch einigermaßen verständlich, aber beim Thema „Laufzettel“ stoßen wir an unsere kommunikativen Grenzen. Es folgt ein Ganzkörpereinsatz mit Händen und Füßen – das sieht zwar sportlich aus, bringt aber wenig Licht ins Dunkel. Das Permit für den 4x4 Trail, den wir heute noch fahren möchten, wandert allerdings erfolgreich in die Tasche.
Wenn der Laufzettel zum Zettellauf wird
Wir nehmen das gute Stück also erst mal mit und versuchen unser Glück beim Torwächter. Dieser nimmt uns das Papier prompt ab, was uns stutzig macht: Sollten wir diesen heiligen Gral nicht immer bei uns haben? Also im Rückwärtsgang zurück zur Rezeption, Klärungsbedarf anmelden. Ergebnis: Ja, wir brauchen den Wisch. Also wieder zum Wächter und unseren Freifahrtschein zurückerobert.
Luxus-Eis und Holzbeschaffung
Die Schönheitskür unseres Chalets ist leider noch nicht vollendet. Es braucht noch ein paar Streicheleinheiten vom Reinigungstrupp.- Soll es haben. Wir warten! Die Zeit nutzen wir für eine Inspektion des Shops. Die Auswahl? Erstaunlich gut! Mein Blick bleibt an der Tiefkühltruhe hängen: Ein Eis! Das ist jetzt genau das Richtige.
Neben dem Feuerholz landet also eine Portion gefrorenes Glück auf dem Tresen. Huiii – der Preis ist allerdings eine echte Ansage. Ich suche nach einer einleuchtenden Rechtfertigung. Dafür habe ich nur eine Erklärung: Es wurde vermutlich durch den Panamakanal und anschließend per Esel-Express hierher befördert und musste mehrmals neu tiefgefroren werden. Das wäre natürlich eine logistische Herausforderung, die den Preis nachvollziehbar machen würde. Aber das macht mir gleichzeitig wieder bewusst, wo ich gerade bin, und das trocknet die Tränen, die mir in die Augen steigen, während ich mein Geld über den Tresen hinweg verabschiede. Dafür schmeckt meine kleine Glückseligkeit..naja, sagen wir interessant.
Paradies am Ende der Straße
Das Eis – Geschmack hin oder her – war erfrischend, und das halbe Stündlein Wartezeit, bis uns der rote Teppich auf dem Weg in unsere Residenz ausgerollt wird, ist angenehm kurzweilig. Wir halten den Schlüssel zum Glück in den Händen und rollen bis fast ans Ende des Weges. Unsere Unterkunft ist ein Doppelhaus-Chalet; die andere Seite ist nicht belegt und das nächste Nachbarhaus in angenehmer Distanz.
Auto abgestellt. Einmal ums Haus – schon stehen wir auf unserer großzügigen Terrasse. Der Blick in die Landschaft? Schlichtweg super! Von außen betrachtet gefällt uns sehr, was wir sehen. Jetzt steigt die Neugier, was uns im Inneren erwartet. Wir drehen den Schlüssel, öffnen die Tür und stellen fest: Deutlich schicker, als es der Ruf des Camps und befürchten ließ.
Die Küchenzeile und den Kühlschrank sehe ich zuerst und bin zufrieden. Ein Blick in die Schränke: Alles da, was ich brauche. Zwar schlafen wir heute Nacht wohl in getrennten Betten, aber davon gibt es immerhin vier. Uns reichen zwei – die anderen beiden werden praktischerweise als Kofferablage missbraucht.
Auch der prüfende Blick in Dusche und WC besteht den Skepsis-Test.
Ja mei, was soll ich sagen? Wir sind happy!
Projekt Busch-Bäcker
Zum ersten Mal als Selbstversorger unterwegs, lege ich gleich am ersten Tag die Prüfung zum Busch-Bäcker ab. Im Supermarkt haben wir Brotbackmehl mit Triebmittel gefunden – praktisch, das verwende ich zu Hause auch. Wasser und Salz rein, kneten, ruhen lassen, so der Plan. Doch schon beim Kneten merke ich: Irgendwie werden wir heute keine Freunde. Der Teig verhält sich widerspenstig, die Haptik fühlt sich anders an als in der heimischen Küche. Hartnäckig erzwinge ich eine einigermaßen homogene Masse, Deckel drauf und ab in die Ruhephase.
Ich gönne meinem Body derweil eine schöne Brause. Danach sitzen wir vor unserer Hütte und genießen die Stille und unsere unverbaute Aussicht. Nach einer halben Stunde der erste Kontrollblick: Okay, absoluter Phlegmatismus in der Schüssel. Da rührt sich nichts. Mein Verdacht: Womöglich ist die Klimaanlage zu effektiv und schockfrostet die Hefebakterien. Also wird nicht lang gefackelt und die Schüssel kurzerhand nach draußen gestellt. Die Sonne Afrikas wird’s richten. Der Teig muss jetzt aber einen Zahn zulegen, wir wollen in 30 Minuten los. Die Schonfrist verstreicht: Wieder ein prüfender Blick, und der Mehlklumpen hat sich immer noch keinen Millimeter bewegt. Was bitte kann man bei der Zugabe von Wasser und Salz falsch machen? Ratlos verfrachte ich die Schüssel zurück in die Küche. Das erste Abenteuer ruft – um das Brot-Rätsel kümmere ich mich später.
Rush Hour auf den Straßen
Wir nehmen Kurs Richtung Rooiputs. Kaum fünf Minuten auf der Pad, da liegen sie schon: Eine Gruppe Gnus samt Kindergarten, direkt am Wegesrand. Von Scheu keine Spur – unser Erscheinen wird mit stoischer Gelassenheit ignoriert. Ja, gibt’s denn sowas? Unsere Herzen schlagen Purzelbäume. Doch das ist erst das Vorspiel. Nur ein paar Meter weiter taucht die nächste Gruppe auf, und plötzlich füllt sich die Bühne: Oryxe erscheinen auf der Bildfläche. Meine Güte, das ist ja gleich die volle Dröhnung!
Wir stellen den Motor ab und genießen die Vorstellung. Es ist ein Kommen und Gehen: Eine Herde nach der anderen zieht vorbei – Oryxe, Gnus und mehr Springböcke, als wir zählen könnten. Was für ein Auftakt!
Kurz bevor wir am Wasserloch Leeuwdril auf die 4x4-Piste abbiegen, erwartet uns der nächste Hochkaräter: Ein Kampfadler hockt tiefenentspannt im Baum, fast auf Augenhöhe. Was für ein gewaltiges Exemplar! Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so einen Brocken von Federvieh so nah gesehen zu haben. Er schaut mich an, als wolle er sagen: Na mach schon dein Foto und blockier mir nicht die freie Sicht.
Achtung Gegenverkehr!
Dann biegen wir auf die 4x4-Piste ab. Wir lieben die grüne Saison – nur wenn es um die Kalahari geht, finden wir es doch recht schade, dass wir vor lauter Gras die rote Erde kaum sehen. Der Trail selbst gibt sich anfangs eher bescheiden, vielleicht gerade, weil sich die Wüste unter ihrem grünen Teppich versteckt. Doch die ersten höheren Dünen erinnern uns daran, dass wir nichts als weichen Sand unter den Rädern haben.
Uwe freut sich, die Technik im Auto einsetzen zu können. Mühelos arbeiten wir uns damit über die Kämme. Gerade in dem Moment, als wir einen „Gipfel“ erklimmen und uns fragen, wie es dahinter weitergeht – steil bergab oder direkt in eine Kurve? –, schreckt ein Oryx auf. Das Tier hat wohl nicht mit Gegenverkehr gerechnet und schießt los wie der geölte Blitz, um Sekunden später hinter dem nächsten Sandhaufen zu verschwinden.
Teil 2103. Apr. 2026
An einer kleinen Wasserstelle treffen wir auf zwei Sekretäre, die offenbar Lust auf eine Runde „Such mich doch“ haben. Egal, wie wir den Wagen positionieren oder wohin wir lenken, um eine bessere Perspektive zu finden: Die beiden Stelzenläufer fühlen sich in ihrer Privatsphäre gestört. Ein Katz-und-Maus-Spiel im Zeitlupentempo!
Zum Ausgleich bescheren uns einige Erdhörnchen einen echten Genussmoment. Geschäftig gehen sie ihren Erledigungen nach und beleben possierlich das sonstige Stillleben in diesem riesigen Sandkasten.
Landschaftskino im Abendlicht
Der Loop endet schließlich auf der Auob-Piste. Von hier aus wäre es eigentlich nur noch ein Steinwurf zurück ins Camp, aber die Landschaft leuchtet jetzt im tiefen Abendlicht so verführerisch, dass uns der Sinn noch längst nicht nach Feierabend steht. Selbst wenn sich kein einziges Tier mehr zeigen sollte – dieser Anblick ist es wert, eine weitere Runde zu drehen.
Wir beschließen, noch bis Auchterlonie weiterzufahren. Es bleibt tatsächlich fast ausschließlich bei einer reinen Landschaftsfahrt, was der Magie der Atmosphäre aber keinen Abbruch tut. Wir wurden ja bereits mit der vollen Dröhnung der „üblichen Verdächtigen“ beschenkt. Und falls die Wunschfee uns jetzt noch eine Hyäne oder einen Löwen vor den Kühler schieben wollte – wir wären bereit. Aber die Gute hat wohl schon Feierabend.
Vor einem Kameldornbaum geben ein paar Giraffen ein fotogenes Motiv ab.
Ansonsten… liegt da nur ein langer schwarzer Stock weit vor uns auf der Pad – bis er plötzlich zum Leben erwacht und blitzschnell im hohen Gras verschwindet. Was auch immer das war, für eine nähere Bestimmung sind wir schlichtweg zu langsam. Aber ehrlich gesagt: Selbst wenn wir dem geheimnisvollen Besucher tief in die Augen hätten schauen können, würde unsere Expertise sicher zu wünschen übriglassen.
Surprise, Surprise!
Glücklich kommen wir zurück ins Camp. Meine erste Amtshandlung: Ein Blick in die Schüssel. Doch dieser Mistkerl von Teigklumpen verweigert tatsächlich die Kooperation und ist an der Oberfläche auch schon recht angetrocknet. Eigentlich war das „Stockbrot“ als Basis für das morgige Frühstück gedacht, denn für unser heutiges Candle-Light-Dinner reicht uns Salat. Aber morgen früh Brotaufstrich ganz ohne Unterlage? Das wird selbst für Nutella-König Uwe eine Herausforderung.
Egal, jetzt hauen wir den Bregel einfach auf den Grill! Entweder das Ding wird was oder eben nicht – zur Not holen wir morgen im Shop Toast. Während Grillmeister Uwe gewissenhaft die Pattys wendet und behutsam meine Mehlklumpen auf dem Rost platziert, geschieht das Unfassbare. Nach ein paar Minuten ruft er: „Schatz, jetzt tut sich was!“
Tatsächlich: Die Dinger entwickeln plötzlich Eigenleben und nehmen Volumen an. Sie gehen auf wie Brötchen! In diesem Moment dämmert es mir: Auf der Packung steht Self-raising flour. Tja, wer Englisch beherrscht, ist klar im Vorteil. Mit meiner Interpretation „Hefe“ statt „Backpulver“ lag ich ein kleines bisschen daneben. Die erste Kostprobe? Naja, hat Ähnlichkeit mit einem Gummiball. Ob das morgen noch genießbar ist? Ich wage es zu bezweifeln. Spoiler: Die Dinger entfalten über Nacht ihr volles Potenzial und taugen durchaus als Nutellaträger.
Noch bevor wir die Teller leer haben, bekommen wir unerwarteten Besuch. Uwe flüstert: „Schau mal, dort steht ein Erdmännchen!“ In der Dämmerung, ein Stück entfernt, streckt sich eine schlanke Silhouette in die Höh und scannt die Umgebung – genau die typische Erdmännchen-Statur. Doch als sich das Tier auf alle Viere begibt, erkenne ich eine andere Körperform und vor allem einen deutlich buschigeren Schwanz. Wir beobachten die kleinen Hausbesucher voller Freude. Nach einer Weile kommt sogar ein zweites Tier dazu. Die sind einfach nur goldig.
Wenn sie nicht so hell wären und wie magersüchtige Miniatur-Füchse aussehen würden, wäre meine Vermutung, dass es Mangusten sind. Ein Blick ins schlaue Buch bestätigt: Es sind tatsächlich welche und zwar gelbe Mangusten. Eine Erstsichtung – und das direkt auf unserer Terrasse! Im Laufe des Abends verlieren sie jegliche Scheu und kommen bis auf drei Meter heran. Wie süß ist das denn bitte?
Und mit solchen fantastischen Farben verabschiedet sich dieser wunderbare Tag voller Eindrücke und Glücksmomente
Teil 2205. Apr. 2026
Dienstag 10. Februar
Haben die Löwen verschlafen?
Aufstehen geht heute ganz leicht. Es ist noch dunkel und wir brauchen keine Zehn Minuten, um startklar zu sein. Auf zum Tor: Den heiligen Wisch in der Tasche. Ein paar andere waren sogar noch schneller als wir. Aber die Abfertigung dauert nicht lang, dann haben wir grünes Licht und rollen gemächlich Richtung Kij,Kij. Einige Fahrzeuge überholen uns direkt, sie sind aber so flott unterwegs, dass auch der Staub, den sie aufwirbeln schnell verpufft. Unsere erste Entdeckung sind Red Hartebeests. Nicht an den Wasserlöchern – das überrascht uns nicht, sondern neben der Pad.
Auch heute sind wieder jede Menge Gnus unterwegs. Man könnte fast meinen, das wäre die Gnu-Wanderung in der Serengeti – nur queren sie hier nicht den Mara, sondern die Pad direkt vor unserer Kühlerhaube. Das ist ein tolles Gefühl. Wir sind ja sonst eher in Privatreservaten unterwegs gewesen.
Das hier fühlt sich ganz anders an; man kommt sich fast wie ein Oberkäpsele vor, wenn man ein Gnu entdeckt – auch wenn eigentlich das Gnu uns zuerst entdeckt und sich ganz frech das Vorfahrtsrecht genehmigt hat. Aber wollen wir mal nicht so kleinlich sein und den unverdienten Stolz des Entdeckers zulassen.
Gefühlt ist jeder Schattenplatz belegt. Großzügig wird zusammengerückt oder geschoben, was noch nicht mit Körperkontakt den Platz im Schatten beansprucht. Was unser Herz wirklich höherschlagen lässt, sind die vielen Jungtiere. Egal ob Gnus, Oryx oder Springbock. Alle freuen sich über Nachwuchs.
Da sollten doch die Löwen nicht allzu weit weg sein, wenn der Tisch so reich gedeckt ist. Aber wo sind sie nur? Also wirklich, wir sind mindestens schon zwanzig Minuten unterwegs und haben immer noch keine Samtpfote gesehen. Nach so langer Zeit darf man doch wohl die Begegnung mit einer Katze erwarten. Ich erinnere mich an Fotos im Forum mit einem wahren Überangebot an Löwen. Wir sind extra früh aufgestanden, dann zeigt euch jetzt gefälligst mal!
Lektion: Nimm, was du kriegst!
Tja, die Löwen haben wohl heute verschlafen. Aber wir sind leicht zu trösten. Unser Timer zeigt Minute 23, als wir vier Schakale beim „Joggen“ sehen. Leider sehr weit weg – zu weit fürs Handy. Einige ihrer Kollegen sind etwas später geselliger und genehmigen uns einen Schnappschuss.
Die Glücksfee schnallt’s und liefert ab
Noch bevor wir Kij Kij erreichen, treffen wir auf eine Blech-Armada. Die Pad ist dicht. Das erste Fahrzeug in der Reihe hat sich direkt quer über die Piste gelegt und sich ohne Rücksicht auf Verluste die perfekte Perspektive gesichert. Ob der Rest der Welt auch was sehen möchte? Wen juckt's!
Wir stehen auf dem billigsten Platz in der Reihe, ganz hinten, und spielen das frustrierende Spiel des Sichtungs-Lottos: Sekunde 1: Die verstaubte Stoßstange des Vordermanns. Sekunde 2: Ein flüchtiger Blick auf ein zartes, gepunktetes Popöchen. Sekunde 3: Der Hinterkopf eines passionierten Fotografen inklusive seines „Ofenrohrs“ von Objektiv. Sekunde 4: Wowww, da laufen vier Cheetahs! Bingo! Sekunde 5 wieder nur Blech vor der Linse.
Die Fotos mögen täuschen, ich hab natürlich die Blechkisten-Fotos weggelassen.
Das Kleeblatt
Möchte man dem Begriff „Ästhetik“ ein Bild geben, passt nichts besser als eine Cheetah. Vier dieser bildhübschen Katzen schreiten anmutig im Gänsemarsch über die Schotterpiste. Was soll ich sagen? Seeehr skinny, Beine bis zum Hals, gertenschlank und ein eleganter Gang wie auf dem Laufsteg. Es sind wahre Schönheiten und sie wirken vollkommen tiefenentspannt. Wir dagegen: Schnappatmung, Puls am Anschlag, Aufregung pur!
Magischer Abgang
Die Cheetah-Mama und ihre Teenager entscheiden schließlich, dass die Straße genug Aufmerksamkeit bekommen hat. Der „Querparker“ an der Spitze scheint erfahren genug zu sein, um zu ahnen, wohin sie ihren Weg einschlagen werden. Er rangiert sein Gefährt endlich um und macht – man glaubt es kaum – den Blick frei für ein paar Sekunden Fotoglück ohne fremdes Blech im Bild.
Zwischen dem ersten und zweiten Fahrzeug biegt das Quartett ab in die Pampa. Im hohen Gras setzen sie sich noch einmal für einen Moment hin. Mit erhobenem Haupt wird die Umgebung gescannt – Alles Bestens.
Gemütlich spazieren sie weiter und vergrößern mit jedem Schritt die Distanz zwischen uns, bis sie vom hohen Gras verschluckt werden und sich ihre Silhouetten auflösen. Wo vor einer Sekunde noch vier majestätische Raubkatzen saßen, sehen wir nur noch ein goldenes Landschaftsbild.
Wir brauchen noch einen Augenblick, um diesen magischen Moment sacken zu lassen.
Teil 2305. Apr. 2026
Auf zu neuen Abenteuern
Ein Blick auf die Uhr sagt uns: Es ist Zeit ins Camp zurückzufahren. Wir möchten ja noch frühstücken bevor wir Twee Rivieren verlassen. Unser Gummiball-Frühstück schmeckt besser als erwartet. Wir sitzen bei herrlichen Temperaturen in der Sonne und schwärmen von unserem fantastischen Sichtungsglück.
Um 10.00 Uhr checken wir aus und machen uns auf den Weg nach Urikaruus. Wir haben also viel Zeit und viel ungünstiges Licht – bin gespannt, ob wir nur Staub aufwirbeln oder auch etwas Interessantes entdecken werden.
Straußeninvasion
Eine Straußenfarm muss heute den kompletten Verlust ihres Federviehs erlitten haben, denn auf der Höhe von Dikeith sehen wir so unglaublich viele Strauße auf einem Haufen, dass wir unseren Augen kaum trauen. Das sind weit mehr als 20 erwachsene Tiere und dazu ein ganzes Kinderdorf.
Tut Liebe weh?
Kaum ein paar Minuten später stehen zwei Giraffen im Acker und scheinen eine Auseinandersetzung auszutragen. Aber irgendwie sieht das seltsam aus. Fast als würde jemand zum Schlag ausholen, um denn nur die Wange seines Kontrahenten zu streicheln. Wir sehen uns das mal mit dem Fernglas an und erkennen jetzt, dass es Männlein und Weiblein sind. Scheint so eine Art Liebestanz zu sein. Balzende Giraffen haben wir auch noch nie gesehen.
Stau am Wasserloch
Amtsträger in der Mittagspause
Am Wasserloch landet ein Sekretär, aber er scheint nervös zu uns rüberzuschielen und kann sich nicht überwinden, seinen Schnabel ins Wasser zu tauchen. Während er uns fixiert, flattert ein zweiter an, stellt sich auf den „Tellerrand“ und lüftet ausgiebig sein Gefieder – vielleicht hat er Sand im Getriebe. Und dann noch ein dritter – er fackelt nicht lange und steigt direkt in den „Whirlpool“.
Löwen gesichtet – Glücksfee doch noch nicht im Mittagsschlaf
Noch während wir die drei Sekretäre beobachten, kommt uns ein Fahrzeug entgegen. Der Fahrer lässt die Scheibe runter und erzählt uns, dass er auf Höhe der Abzweigung nach Nossob unter einem Baum einige Löwen gesehen habe.
Wow – und tschüss, ihr drei schrägen Vögel! Wir beeilen uns, die besagte Stelle zu erreichen, und würdigen die Landschaft um uns herum keines Blickes mehr. Doch vor Ort angekommen, ist guter Rat teuer: Bäume gibt es viele, und die „Stellenbeschreibung“ war dann doch recht vage. Wir fahren mehrmals hin und her, erkennen aber absolut nichts.
Ein anderes Fahrzeug hält neben uns: „Wo sind die Löwen?“ – „Keine Ahnung, wir suchen auch!“ Wir fahren zurück bis nach Kamqua. Dann… da vorne steht doch jemand. Wir versuchen unser Glück und stellen uns daneben. Hier gibt es für mehrere Fahrzeuge gute Sicht.
Uwe erspäht sie sogar ohne Feldstecher! Vier stattliche Damen liegen flach wie eine Flunder im tiefen Schatten auf der faulen Haut. Sie rühren sich nicht. Mit bloßem Auge sind sie kaum von einem Erdhaufen zu unterscheiden.
Für mich persönlich zählt das nicht als echte Sichtung. Wir warten zwanzig Minuten, aber vor dem frühen Abend werden die Damen kaum mit der Wimper zucken. Schlafende Löwen sind jetzt auch nicht das Spannendste auf der Welt. Wir belassen es dabei, ihre Anwesenheit zur Kenntnis genommen zu haben, und fahren jetzt weiter nach Urikaruus.
Unterwegs
Camp mit Wow-Effekt
Vorsichtig steigen wir aus dem Wagen – das hier ist schließlich ein echtes Wilderness Camp, und wir sind echte Frischlinge bezüglich angemessenem Sicherheitsverhalten. Wir machen auf uns aufmerksam, und schon kommt Chack, der Attendant, und begrüßt uns mit dem typisch sympathisch- afrikanischen Smalltalk.
Er begleitet uns zu unserem Chalet und zeigt uns alles. Ich bin restlos begeistert, wie gepflegt und durchdacht hier alles ist. Das Ambiente vermittelt sofort das passende Abenteuer-Gefühl: Schlafzimmer mit Bad oben, Küche und Balkon unten – quasi Wohnen auf zwei Etagen mitten in der Wildnis. Hach, das gefällt mir schon saugut!
Draußen hat es 38 Grad im Schatten. Wir kommen direkt ins Schwitzen und flüchten uns vielleicht einen Ticken zu früh für die Abend-Pirsch ins klimatisierte Auto. Im Großen und Ganzen bleibt unser Ausflug leider eine reine Naturfahrt – wie schade. Gerade hier hätte ich fest mit Löwen gerechnet oder mir gewünscht – mit ganz viel Glück- einen Leo zu sehen, oder eine Hyäne. Doch die Glücksfee liefert heute nicht mehr ab; außer einigen einsamen Gesellen der üblichen Verdächtigen begegnen wir keinem Tier.
Gegen 18:00 Uhr fahren wir noch einmal zurück zum nachmittäglichen Löwen-Spot. Die Damen liegen allerdings immer noch wie gemalt und festgeklebt auf ihrem Siesta-Platz. Wir warten… und warten… nix, nada. Sie rühren keine Pfote. Da die Uhr tickt, wird es für uns Zeit, ins Camp zurückzufahren. Vielleicht tut sich ja am hauseigenen Wasserloch noch was? Die Hoffnung habe ich durchaus. Unsere Sicht vom Balkon ist allerdings nicht die beste, und für Handyaufnahmen ist es schlicht zu weit weg. Macht aber nichts, denn das Wasserloch bleibt an diesem Abend ohnehin verwaist.
Wir feuern den Grill an, schmeißen einen ordentlichen Bollern Fleisch drauf und genießen dieses absolut herrliche Wilderness-Gefühl. Heute weiß ich ja zum Glück, wie das mit dem Brotbacken funktioniert, und so liegt bald der Duft von frisch gegrilltem Teig in der Luft.
Tut sich was am Wasserloch?
Wir sitzen draußen, bis uns die ersten Mücken anvisieren. Bevor wir hier noch zu unfreiwilligen Blutspendern werden, bringen wir uns in die Sicherheit der geschlossenen Räume.
Die Bettenlotterie ist schnell entschieden: Ich darf am Fenster liegen. Allerdings haben sich lästige Tierchen zum Tanz in der Nacht an meinem Kopfende verabredet. Sie schwirren mir ums Gesicht. Ich versuche auszuweichen und lege mich verkehrt herum ins Bett. Ein bisschen hilfts. So kann ich auch das Wasserloch besser im Blick behalten, falls sich in der Nacht doch noch etwas tut – vorausgesetzt, ich wache rechtzeitig auf.
Unser Schlafgemach fühlt sich an wie ein Brutkasten. Es wirkt, als hätte sich die Hitze des Tages zum Warmhalten in unsere Behausung geschlichen, um uns im eigenen Saft schmoren zu lassen. Da hilft auch der „Venti“ nichts. Es ist kaum auszuhalten. Ich greife schließlich zum nassen Handtuch – und empfehle Uwe, sich auch einen erfrischenden Überwurf zu gönnen. Aber er ist ein stolzer Macker und braucht so etwas natürlich nicht.
Kurz nach Mitternacht wachen wir beide auf und jammern gemeinsam über die Hitze. Jetzt ist auch er „weichgekocht“ genug, um zuzugeben, dass meine Erfrischungs-Idee doch nicht so verkehrt ist. Ich werfe noch einen prüfenden Blick aus dem Fenster: Wasserloch weiterhin verwaist! Wir schlafen wieder ein – ich gleite allerdings nur in den Dämmerschlaf, denn ich möchte es auf gar keinen Fall verpassen, falls draußen ein Löwe brüllt oder eine Hyäne am Wasserloch vorbeischaut.
Ich träume, ich höre Kojoten heulen oder Hunde, die sich kabbeln. Ich schrecke auf – nein, das war kein Traum! Da draußen tut sich was. Im Dunkeln erkenne ich erst einmal nichts. Ich taste nach meiner Brille und werfe dabei die Wasserflasche um, die polternd auf den Boden fällt. Aber Uwe schläft den Schlaf des Gerechten. Ich muss kurz prüfen, ob er überhaupt noch atmet – er tut es.
Selbst mit Brille ist die Sicht bescheiden. Ich brauche das Fernglas. Wieder poltert es: Uwe träumt weiter. Ich starre durch den Feldstecher und erkenne nur ein unscharfes Schwarz-Weiß-Bild. Ja, was ist das? Schakale? Wildhunde? Oder Löffelhunde? Wildhunde schließe ich aus, ich tippe auf Löffelhunde – vermutlich, weil hier der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Es sind: Eins, zwei, drei, vier.. sage und schreibe fünf Tiere, die kann ich Uwe nicht vorenthalten. Ganz aufgeregt wecke ich ihn. Er erschrickt heftig. Grummelig schaut er wenig interessiert für drei Sekunden aus dem Fenster und lässt sich dann wieder zurück ins Kissen fallen – Zack – pennt er wieder weg. Gibt’s denn sowas? Wie kann der so desinteressiert sein? Das grenzt ja fast schon an Safari-Hochverrat. Die sehen aus wie Löffelhunde …LÖFFELHUNDE!!! Hallo???
Wasserloch-Krimi im Mondschein
Seis drum! Ich bin jetzt auf „Speed“. Rumpelnd und polternd bahne ich mir den Weg zur Balkontür und tappe hinaus. Barfuß – hier oben rechne ich nicht mit Skorpionen oder Schlangen. Aber mein Sichtungsglück bleibt bescheiden. Ich kann beim besten Willen nicht sicher sagen, was sich da unten am Wasserloch tummelt. Es sieht aus, als würden die „Was-auch-immer“ hüpfen, um etwas zu fangen. Das spricht meiner Meinung nach sehr für Löffelhunde auf Insektenjagd. Aber wer weiß das schon so genau…? Hier draußen ist die Luft deutlich angenehmer als in der Hütte. Ich beobachte das Treiben. Es sieht so lustig aus wie die „Was auch immer“ hin und her hüpfen. Dann sehe ich, wie sich ziemlich sicher ein Schakal nähert. Er will zum Wasser, schleicht sich Schritt für Schritt vorsichtig an, nur um von einem der fünf wieder verjagt zu werden. Er gibt nach, zieht sich zurück. Der Arme scheint aber echt Durst zu haben und versucht erneut sein Glück – wieder wird er vom heiligen Wasserloch verbannt. Hach – das ist spannend wie ein Krimi, so interessant, das zu beobachten! Mir tut der Schakal echt leid. Einer gegen fünf. Dabei interessieren sich die anderen gar nicht fürs Wasser, die sind voll im Jagdmodus. Beim dritten Anlauf ignorieren ihn die Foxes – wenn es denn welche sind. Endlich erreicht er die Saftbar und trinkt eilig ein paar Schluck, bevor er wieder das Weite sucht.
Ich weiß nicht, wie lange ich die Tiere schon beobachte. Aber die scheinen so schnell nicht satt zu werden, wie ich müde. Na, denn Gute Nacht Freunde, weiterhin viel Erfolg. Ich widme mich jetzt wieder dem Matratzen-Horch-Dienst. Und Zack – bin ich auch weg.
Teil 2408. Apr. 2026
Mittwoch 11. Februar
Glücksfee in Dienstverweigerung?
Die nassen Handtücher waren ein Segen. Wir stehen im Morgengrauen auf – ich zugegebenermaßen noch ein bisschen unausgeruht. Doch die Kalahari ruft! Frühstück gibt es später; jetzt bin zumindest ich voll im Abenteuermodus. Uwe ist, wie immer, wenn er so früh aufstehen muss, noch nicht besonders ansprechbar. Aber macht nichts – ich kann auch wunderbar schweigen, während ich mich dem Staunen hingebe.
Wir visieren sofort den Schlafplatz der vier Löwinnen an. Vielleicht haben sie jetzt Durst oder gar Hunger und bewegen endlich ihren hübschen Arsch? Doch wir kommen zu spät: Ihr Schlafplatz ist leer. Wie bedauerlich! Ich hätte fest damit gerechnet, dass sie hier irgendwo unterwegs sind. Blöd nur, dass sie sich einfach nicht ans Protokoll halten.
Statt Löwinnen im Morgenlicht bieten sich uns hübsche Landschaftsszenen in der aufgehenden Sonne – auch nicht von schlechten Eltern! Sogar die eine oder andere „Landschaftsskulptur“ lässt sich entdecken.
Alles in allem scheint das Auob-Tal heute jedoch nicht mit der Nossob-Ebene mithalten zu können. Irgendwie befinden wir uns auf dieser Seite im „Tal der ausgestoßenen Eremiten“. Mal ein Oryx, mal ein Gnu oder ein einsamer Springbock. Ab und zu suchen sie – vielleicht aus Mangel an Artgenossen – Synergien mit anderen Spezies. Da teilen sich dann zum Beispiel ein Gnu und drei Schakale friedlich den Schatten unter einem Baum.
Unterm Strich war der Morning Drive gar nicht so übel – aber nach dem gestrigen Glücksrausch liegt die Messlatte eben ziemlich hoch. Sogar die Sonne präsentiert sich heute im Energiesparmodus - von wegen wunderbares Morgenlicht. Also, liebe Glücksfee: Du hast doch meinen Wunschzettel! Ich hatte Löwen bestellt, und ich präzisiere: keine Schlafmützen, sondern Action, bitte. Mach mal hinne!
So schnell geben wir nicht auf
In Luft können sich die vier Damen ja nicht aufgelöst haben. Vielleicht laufen sie uns doch noch über den Weg. Wir fahren einfach mal Richtung Süden.
Weit vor uns sieht Uwe zwei unidentifizierbare Gestalten im Acker liegen. Gnus? Zu hell! Oryx zu klein! Strauße? Nö, irgendwie auch nicht passend. Was liegt dort im Staub? Es ist so elend weit weg vom Weg. Fernglas her! Wow…das sind zwei Tüpfelhyänen. Aber auch sie liegen flach wie Pfannkuchen im Dreck und zucken nicht Mal mit den Öhrchen. Dabei ist es gerade mal 7.00 Uhr!
Foto lohnt nicht! Leute, ist das nicht Action-Time? Haben wir die Spotting-Zeiten falsch verstanden?
Pfff, die sind genauso agil wie die Löwen gestern. Wir warten und haben dabei das Gefühl Zeit zu verschwenden und woanders was zu verpassen. Das gibt’s doch schlicht weg nicht, dass die Tierwelt zu den besten Safari-Zeiten nur pennt. Unsere Entdeckung verliert nach ein bisschen Warten ihren Reiz. Wir versuchen woanders unser Glück. Die Betonung liegt auf: Versuchen! Unsere Ausbeute: Ein Schakal und eine Gruppe Giraffen. Vor dem Check Out wollen wir noch gemütlich frühstücken und drehen rechtzeitig um.
Forensik am Frühstückstisch
Bald duftet unsere kleine Küche herrlich nach Kaffee. Der schafft es immer, mich wieder in meine Mitte zu führen. Ich wickle unsere Grill- Brötchen von gestern aus der Alufolie und überrasche eine ganze Kolonie von Ameisen die schneller waren als wir und schon angefangen haben zu frühstücken. Igitt – ich bin raus, für mich heute nur Joghurt mit Früchten. In der Not schmeckt der Käs auch ohne Brot. Aber Uwe trifft es hart. Er braucht was unter`s Nutella. Ohne seine Schokocreme kann der Tag einfach nicht gut werden. Was jetzt?
Er inspiziert sein kontaminiertes Land der Glückseligkeit, mit einer forensischen Präzision, die ihres Gleichen sucht. streift ein paar Mal drüber, schüttelt es, pustet, zerstückelt es ein bisschen, um die porentiefe Reinheit zu prüfen und sagt dann: Ach, halb so schlimm, wenn ich keine mehr sehe, geht’s. Ich schmiere die Löcher mit Butter und Nutella zu – sprachs und aß.
Umzug ins Honeymoon-Zelt
Um zehn Uhr verabschieden wir uns von Chack und weil wir jetzt schon merken, dass wir zu viel Fleisch gekauft haben, überlassen wir ihm eine Protion Tiefgefrorene Steaks. Sein breites Grinsen sagt mehr als tausend Worte. Passt!
Unsere nächste Station ist das Kalahari Tented Camp. Der Weg ist nicht allzu weit und vor 14.00 Uhr können wir nicht einchecken. Deswegen rollen wir unserem Ziel im Schritttempo entgegen. …und täglich grüßt das Murmeltier – oder Gnu, Oryx, Springbock und Mr. Strauß.
Dafür machen mich einige Landschaftsmotive glücklich. Gegen 13:00 Uhr erreichen wir Mata Mata, gönnen uns im Shop wieder ein überteuertes Eis und setzen uns ein bisschen in den Schatten. Ein wunderschöner Glanzstar leistet uns Gesellschaft und kommt bis direkt an unsere Füße.
Schließlich fahren wir ins Tented Camp. Auch hier ist alles Basic, aber sauber und mit einem fantastischen Ausblick über das Flussbett. Wir beziehen das „Honeymoon Tent“ – es liegt ganz am Ende, am weitesten entfernt vom Wasserloch, hat dafür aber nur auf einer Seite Nachbarn.
Natürlich hätte ich mir etwas mehr Nähe zum Wasserloch gewünscht. Aber es ist trotzdem okay; die Aussicht ist wirklich der Knaller.
Teil 2509. Apr. 2026
Während wir uns einrichten und den Blick übers Tal genießen, zieht ein Gewitter auf – allerdings sehr schüchtern. Es kühlt die Hitze dennoch runter auf angenehme 28 Grad.
Egal wie groß die Enttäuschung bei einem Drive ist, oder der Frust – vor jedem Neuen steigt der Adrenalinspiegel und die Hoffnung, dass wir doch noch die Sichtung des Jahrhunderts machen könnten. Ich glaube, so fühlen sich Lottospieler vor jeder neuen Ziehung. Jetzt wo sich die Luft so spürbar abgekühlt hat, können wir den Gedanken nicht abwehren, dass die durstigen Löwen vielleicht früher aufstehen und sich eine Bar suchen.
Glücksfee serviert Or-döwre 😉
Uwe dreht den Zündschlüssel, wir rollen in Schrittgeschwindigkeit an den Zelten vorbei. Da kommt uns John entgegen, der Camp-Attendant. Er fuchtelt wild mit den Armen. Wir stoppen die Kiste und hören: Nur einen Kilometer weiter Richtung Mata Mata soll ein Löwe unterwegs sein. Na, da schießt der Puls doch gleich in den roten Bereich! Wir malen uns schon aus, wie uns der stolze König der Kalahari majestätisch entgegenläuft.
Schnell ist der Kilometer gefressen und tatsächlich: Da ist er – allerdings nicht unterwegs, sondern im Pausenmodus – er hat es sich unter einem mickrigen Bäumchen gemütlich gemacht. Dieses spendet vermutlich so viel Schatten wie ein Zahnstocher. Ein bescheidener King.
Wir reihen uns als drittes Fahrzeug in die Warteschlange vor seiner Nase ein. Nach ein paar Minuten räumt der Erste das Feld, wir rücken auf und haben die Pole-Position. Aber der feine Herr hat heute wohl seinen faulen Tag. Er hebt maximal alle fünf Minuten zur Bestandsaufnahme seines Publikums den Kopf. Nach einer Viertelstunde im ereignislosen Löwen-Kino geben wir unseren Platz für die Nachzügler frei – Glücksfee, ein bisschen mehr Action hätte es schon sein dürfen. Diese Sichtung ist ja selbst für ein Or-döwre ein bisschen mickrig (oder wie auch immer man dieses Wort für eine homöopathische Vorspeisen-Portion schreibt.)
Wilderness mit allem Drum und daran
Wir klappern ein Bohrloch nach dem anderen ab: einsame Oryxe, Gnus, Strauße, Springbockis, Schakal
Das Standardprogramm. Ab und zu flattert mal ein Vogel vorbei, aber ganz ehrlich: Vogelfotografie ist eine Disziplin für Leute, die mehr Geduld haben als wir und die anstelle eines Handys schweres Geschütz auffahren können.
Ansonsten? Gähnende Leere. Sind wir hier tatsächlich in einem Nationalpark oder in einem Zoo, in dem die Tiere nur stundenweise Auslauf bekommen und ansonsten hinter Gittern leben?
Zurück im Camp wird es kulinarisch-abenteuerlich. Während ich nach dem Essen den Abwasch erledige, fällt mein Blick auf das Regal über der Arbeitsplatte. Und was entdecke ich? Ein exklusiv eingerichtetes Mäuse-Klo! Na, Mahlzeit. Wildlife in der Küche anstatt draußen auf dem Feld. Wir fackeln nicht lange: Alles, was essbar ist, wandert in Töpfe, Deckel drauf und ab ins Schlafgemach. Die Ameisen-Armee vom Vormittag war ja noch zu wuppen. Aber bei Mäuse-Pub im Mehl hört die Freundschaft zum lieben Tier auf.
Kann ich meine Glücksfee umtauschen?
Draußen wird es derweil gemütlich. Ein lauschiger Wind weht uns um die Nase, während wir vor der Rest-Glut unseres Grills hocken. Am Horizont braut sich ein Gewitter zusammen – Blitze zucken in der Ferne und schneiden sich horizontal wie Laserstrahlen durch die Wolkendecke. Im Sekundentakt verändert der Himmel seine Farben. Die Nacht bricht an und verschluckt das letzte bisschen Tageslicht. Aber immer wieder findet der Mond eine Lücke zwischen den Wolken und sorgt für eine beeindruckende Mystik. Sein Nachtlicht hat durchaus Power.
Plötzlich zischt Uwe: „Schau mal, da am Wasserloch!“ Mit bloßem Auge erkenne ich nur einen grauen Fleck, der sich bewegt. Ich reiße das Fernglas hoch – und es fällt mir beinahe aus der Hand. Das darf nicht wahr sein – das glaub ich jetzt nicht: Ein Leo!!! Er wendet sich gerade vom Wasserloch ab und macht sich auf den Weg ins Gehölz. Ich täusche mich nicht: Das ist wirklich einer! Ich könnte heulen, aber nicht vor Glück.
Einmal einen Leo ohne Fernglas gut erkennen zu können, steht ganz oben auf meiner Wunschliste. Und was bekomme ich jetzt? Der Heilige Gral der Safari wird mir als Schattenspiel im Abgang serviert. Ehrlich jetzt? Nach dem mickrigen Or-döwre von heute Nachmittag hätte ich mich über einen ordentlichen Hauptgang schon gefreut. Aber nein, die Glücksfee mag heut nicht, dafür serviert sie eine Rechnung für grottenschlechten Service. Ich steh hungrig vom Tisch auf. Danke liebe Fee, danke für nichts! Kann ich dich umtauschen?
Liebe Leserschaft: „Wenn ihr jetzt tröstende Worte für mich habt, so nach dem Motto: ‚Der KTP ist nun mal kein Zoo! Da kann man nicht jeden Tag volles Programm erwarten. Vieles ist auch mit dem Glück verbunden, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein‘ – dann will ich’s nicht hören. Ich bin maximal frustriert und will jetzt einfach nur jammern und meine Wunden lecken. Ein bisschen Mitleid wäre schon okay – aber bitte das von der stillen Sorte.
Licht aus und Schotten dicht
Mir reicht’s – Licht aus! Ich geh jetzt ins Bett. Das Wasserloch ist sowieso grottenschlecht beleuchtet; die Funzel ist es nicht mal wert, Funzel genannt zu werden. Es lohnt sich also nicht, auf Halbacht-Stellung zu schlafen, nur um ja nichts zu verpassen. Heute Nacht will ich ins Koma fallen.
Aber die Geräuschkulisse ist beachtlich. Draußen stürmt es mittlerweile so stark, dass ich mich frage, wie die Tiere da noch Bodenhaftung behalten, ohne per Aerodynamik direkt in der Speisekammer eines Leos zu landen. Während der Wind heftig am Zelt reißt, setzt auch noch Regen ein. Irgendwann finden wir dann doch die Tür zum Land der Träume.
Die tierische Wohngemeinschaft
Trotz des Wetters höre ich immer wieder ein leises Trippeln – eine Hausmaus ist zu Gast. Kein Wunder, dass sie bei dem Sturm Obdach sucht. Unsere Lebensmittel lagern zum Glück im Hochsicherheitstrakt diverser Töpfe; an den Klamotten macht sie sich hoffentlich nicht zu schaffen. Soll sie es sich ruhig unter dem Gästefußboden gemütlich machen. Auch Uwe hört in der Nacht ein leises Wusch-Wusch oder Plopp und Kratzen im Gebälk. Er kontrolliert die Lage und entdeckt eine Fledermaus. Na gut, auch die darf bleiben. Da ich von unzähligen Mückenstichen mittlerweile aussehe wie ein Streuselkuchen, soll sie sich heute Nacht ruhig richtig satt fressen – wir zwei könnten beste Freunde werden. Ob ich sie mitnehmen kann?
Krawallbrüder im Busch
Im Morgengrauen gibt es draußen richtig Zoff. Löffelhunde? Schakale? Hyänen? Keine Ahnung, welche Krawallbrüder sich da gerade nicht leiden können, aber sie sorgen dafür, dass ich aufwache. Der Streit dauert vielleicht fünf Minuten, dann ist Ruhe und ich schlafe wieder ein – bis es noch einmal losgeht. Es ist so aufregend und spannend; ich wüsste zu gern, wer sich da draußen Respekt verschafft. Aber es bleibt das Geheimnis der Nacht.
Teil 2612. Apr. 2026
13. Februar
Falscher Alarm
Gegen fünf Uhr meint dann ein durchgeknallter früher Vogel, die Alarmanlage unseres Autos imitieren zu müssen. Spinnt der? Was hat der denn für Tabletten geschluckt? Jetzt bin ich jedenfalls wach!
Einhorn und Affen-Theater
Natürlich starten wir auch heute wieder bei Tagesanbruch ins Abenteuer – zumindest ist das der Plan. Die Realität sieht eher nach „Land unter“ aus: Pfützen im Zelt, Pfützen vor der Tür und irgendwie Matsch in meiner Birne. Mein Schlafdefizit meldet sich. Es ist empfindlich kühler geworden, fast schon zu kühl für mein Gemüt, aber vielleicht bin ich auch einfach nur massiv unterkoffeiniert. Ich werfe mir eine zusätzliche Schicht Klamotten über – jetzt geht’s, die Zähne hören auf zu klappern. Wir schwingen uns in unser Wägelchen und schauen mal, wie weit wir kommen. Tote Hose, soweit das Auge reicht. An jedem Bohrloch und auch dazwischen.
Beim dreizehnten, beschließen wir umzukehren. Auf dem Rückweg wendet sich dann das Blatt: Plötzlich scheint die gesamte Savanne einen Umzugstermin zu haben. Riesige Oryx-Herden beeindrucken uns mit einer Bevölkerungsdichte, die locker mit den Springböcken mithalten kann. Leider sehr weit weg, daher nur Fotos von ein paar einzelnen Tieren die näher sind. Mitten in der Herde entdecken wir sogar unser erstes Kalahari-Einhorn.
Während zwei Springböcke ihre Köpfe zusammenschlagen und eine Meinungsverschiedenheit klären, sorgt ein junger Schakal für den „Niedlichkeits-Faktor“, indem er vertrauensvoll direkt auf unser Auto zumarschiert. Meine Glücksfee und ich sind wieder versöhnt.
Ornithologen Prüfung
Kurz darauf wird es ornithologisch knifflig. In einem großen Baum thronen zwei mächtige Greifvögel. Mr. KI – unser Experte für tierische Angelegenheiten, doziert im Tonfall eines Oxford-Professors und bietet mir alles an, was Federn hat – und nur für den Fall, dass die Pixel für eine klare Identifikation nicht ausreichen, wirft er als Alternative noch Primaten ein. Wow, das nenne ich treffsichere Beobachtung.
Dann noch ein Vogel mit Startschwierigkeiten
Uuuund noch ein Schakal – die sind uns hier erstaunlich wohlgesonnen und von allen Vierbeinern fast am zuverlässigsten anzutreffen.
Und nochmal Oryx mit Vorfahrtsrecht
Hallo Wach!
Gerade als meine Augenlider schwer wie Blei werden und die Müdigkeit mich fast besiegt, ruft Uwe: „Löwen!!!“ Sofort sitze ich aufrecht und bin wieder hellwach. Oh ja, das sind zwei Löwinnen. Leider wieder mal auf große Distanz zur Piste. Sie liegen ein paar Meter voneinander entfernt mit aufrechtem Kopf im Feld, was uns hoffen lässt, dass sie nicht gleich in den nächsten zwei Minuten ins Löwenkoma fallen.
Wir stellen den Motor ab. Eine hebt ihren Oberkörper an, lässt sich aber wieder plumpsen. Ein paar Sekunden später ein zweiter Versuch. Träge – sehr träge – schafft sie es auf alle vier Pfoten und schlendert müde oder gelangweilt zu ihrer Freundin, um sich neben ihr gleich wieder fallen zu lassen. Vielleicht hatte sie eine anstrengende Nachtschicht. Irgendwie hat sie aber doch keine Ruhe und entscheidet sich für einen anderen Schlafplatz. Sie läuft Richtung Dünen und schon bald fühlt sich die andere verlassen und folgt ihr.
Für meine Handy-Reichweite ist die Distanz die reinste Beleidigung. Das gibt nur ein mickriges Beweisfoto ohne Detailerkennung. Hinter uns steht das nächste Fahrzeug, und mich packt der Neid auf das Equipment der Konkurrenz. Bei dem hängt ein monströses Vergrößerungsdings aus dem Fenster. Während der Besitzer tiefenentspannt bei den Katzen eine professionelle Karies-Prophylaxe durchführt, schimpfe ich wie ein Rohrspatz, weil mein popliges Smartphone nicht mithalten kann. Aber gut, mit so viel Wildnis war ja schließlich nicht zu rechnen, als wir entschieden haben, im Urlaub auf das schwere Foto-Gepäck zu verzichten und keinen ‚Foti‘ mitzuschleppen. Aber ich verspreche: Was mir an Brennweite fehlt, werde ich mit Bla Bla wettmachen.
Das Thermometer lügt doch
Nach den Löwinnen ist wieder kollektive Sendepause in der Savanne, und bei mir klappt der Rollladen endgültig runter. Ich penne ein und werde erst wieder wach, als Uwe unseren fahrbaren Untersatz mit Schwung auf den Parkplatz rangiert. Es ist 09:00 Uhr. Das Thermometer behauptet frech, es seien 25 Grad, aber mein Körper ist da anderer Meinung: Ich friere erbärmlich. Wir schieben den Tisch in die Sonne, richten das Frühstück, und mit jedem Schluck Koffein kehren meine Lebensgeister zurück.
Dann der kulinarische Höhepunkt: Unsere Grill-Brötchen. Sagen wir mal so: Sie haben ein Aroma, das man bei keinem Bäcker findet. Uwe hat sie gestern Abend zielsicher dort platziert, wo vorher das Fleisch gebrutzelt hat. Ergebnis? Die Dinger haben jetzt ein intensives „Gschmäckle“ nach Grillsteak und Röstaromen. Mir macht das nix, mit einer dicken Scheibe Käse obendrauf geht das als „herzhaftes Designer Food“ durch. Aber Uwe?
An alle, die den Bericht ohne Kommentare lesen: Für Picco, unseren italienischen Gourmet unter den Fomis, ist das Thema Nutella eine heilige Angelegenheit. Butter drunter? Ein Frevel der das Todesurteil verdient.
Uwe dagegen ist hart im Nehmen – er bedient sich zur statischen Stabilisierung des Nutellaträgers grundsätzlich reichlich an der Butter. Heute kommt noch das Holzkohle-Steak-Aroma als Fundament dazu. Eine wahre Geschmacksexplosion, die Picco vermutlich mit Herzkammerflimmern ins Krankenhaus befördern würde.
Mein Mann genießt sein Gourmet-Schnittchen, ohne mit der Wimper zu zucken. Keine Ahnung, in welchem Baumarkt er seine Geschmacksnerven erstanden hat ...Schüttel…
Teil 2712. Apr. 2026
Klärungsbedarf im Gnu-Revier
Während mich der Kaffee auf Betriebstemperatur bringt, bevölkert eine Herde Gnus das Flussbett. Wie so oft haben sie eine Alarmanlage der Firma Springbocki im Schlepptau. Sie sind wohl auch auf dem Weg zum Hallo-Wach-Brunnen.
Plötzlich gibt es Action im Feld: Herr Obermacker jagt einen Aufmüpfigen mit wehender Staubfahne über den Acker. Sie drehen mehrere Runden, bis beide erschöpft wirken. Einen Kampf liefern sie sich nicht – es bleibt bei der Verfolgungsjagd. Die scheint den nötigen Respekt zu wecken. Mr. „Ich geb mich geschlagen“ bleibt schließlich eine Weile in demütiger Haltung als Randerscheinung im Abseits stehen, bis er sich vorsichtig und ungestraft wieder der Herde nähern darf. Wenn der mal nicht versucht hat, seine Gene in die Erbfolge zu schmuggeln!
Liebe oder Lieferservice?
Während wir noch über den Gnu-Zoff schmunzeln, geht das Frühstücksfernsehen direkt auf der Mauer neben unserem Grill in die nächste Runde. Zwei Glanzstare landen dort und werfen mit ihrem Verhalten Fragen auf. Einer der beiden hebt ab, kommt kurz darauf mit Beute zurück und füttert den anderen ganz hingebungsvoll. Was ist das denn bitte? Hat einer eine Sehschwäche und findet das Buffet nicht? Oder haben wir es hier mit einem ‚Riesenbaby‘ im glänzenden Erwachsenenkostüm zu tun, das das Hotel Mama noch nicht verlassen will? Wir tippen auf Brautwerbung – Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Aber die Prüfung zum Vogelexperten hab ich vermasselt, also ist meine Vermutung nicht allzu viel wert.
Krimi -Sender tutti kaputti?
Nach dem Abwasch lässt sich das Thermometer nicht ausbremsen und steigt angriffslustig auf 38 Grad. Kaum zu glauben, wie ich heute Morgen gefroren habe – jetzt zerlaufe ich wie Schokolade in der Sonne.
Wir sind müde und versuchen es mit einem Mittagsschlaf, aber keine Chance: Im Zelt bleibt uns schlicht die Luft weg. Ich greife zur transportablen Klimaanlage alias nasses Handtuch und setze mich raus. Der Wind bläst mir wie ein riesiger Föhn heiße Luft um die Ohren. Ach, da mache ich mir doch erst mal ein Käffchen (Hitze mit Hitze bekämpfen hat doch einen homöopathischen Ansatz, oder nicht?).
Es ist Zeit zum Aufbruch. Mein Kopfkino ist auf Blockbuster eingestellt: Ich hoffe auf Hyänen-Action, auf Staub, Zähnefletschen und echte Krimiszenen. Der KTP muss doch mal abliefern! Die Realität? Ein Squirrel mit massivem Übergewicht (oder Braten in der Röhre) lässt sich nicht bei seiner Umfangsvermehrung stören.
Unterwegs entdecken wir noch zwei Bienenfresser, die dekorativ im Gebüsch hocken. Die freuen mich ganz besonders. Ich finde, es sind wunderschöne Vögel.
Sagen wir mal so: Um daraus einen Bestseller-Krimi zu stricken, müsste ich schon zaubern können. Die dramaturgische Messlatte für heute liegt also noch ziemlich stabil am Boden.
Blockbuster: Nop – Liebesschnulze: Yepp
Und dann: Zwar kein Blockbuster, aber vielleicht eine Liebesschnulze?
Zwei Giraffen, die für uns hier im KTP durchaus relativen Seltenheitswert haben und deshalb zum Hingucker werden. Sie stehen am Wasserloch. Der Größenunterschied lässt mich vermuten, dass es ein Fräulein mit ihrem Lover Boy ist. Ladys first: Sie geht in die Grätsche und senkt im Zeitlupentempo den Kopf, um zu trinken – oder um ihr hübsches Spiegelbild zu betrachten. Hinter ihr steht ihr Begleiter wie ein Bodyguard Schmiere. Aufmerksam scannt er die Umgebung. Dann Schichtwechsel: Sie tritt zurück, er rückt vor, und während sie jetzt ihm Rückendeckung gibt, gönnt er sich auch einen Schluck Wasser. Tolle Beobachtung! Dieses Verhalten haben wir vorher noch nie gesehen. Teamwork im afrikanischen Busch.
Dann wieder gähnende Leere. Ich konzentriere mich auf die Landschaft.
Uwe muss mal stoppen, weil ich etwas fotografieren möchte, und da entdecke ich fast nur nebenbei, wie eine braune Manguste auf der Bildfläche erscheint – auch eine Erstsichtung, zumindest ohne Fernglas.
Vielleicht ist es mein Selbst-Tröster-Modus, aber ich stelle fest, dass wir schon einige Tiere zum ersten Mal gesehen haben, und das freut mich jetzt doch.
Kurz vor Schluss spendet uns der KTP sogar noch eine weitere Besonderheit, wenn auch nur für ein paar Sekunden und viel zu kurz für ein Foto: Während wir die Pad entlangrollen, sehe ich seitlich eine Bewegung und erkenne eine kleine Wildkatze. Ich rufe: „Stopp!“ Uwe steigt in die Eisen und fährt ein Stück zurück. Die Katze ist leider nicht nur wild, sondern auch extrem scheu. Unser Rückwärtsgang passt ihr gar nicht. Sie dreht sofort um und sprintet zurück ins schützende Gebüsch. Seeeehr schade!
Klar, mit Zähnefletschen und Blockbuster war es heute nix, aber „nix“ war es auch nicht. Wollen wir mal dankbar sein: Erstsichtung Bienenfresser, Erstsichtung Wildkatze, Erstsichtung Türsteher-Giraffen... kein Krimi, aber fürs Tagebuch reicht es doch. Wir kommen gerade noch pünktlich zurück ins Camp. Auf Grillen haben wir heute keine Lust. Wir rösten uns Knoblauchbrot und essen Salat dazu.
Abendstimmung und mindestens 10 wohlgenährte Geckos beim Abendmahl.
Die Hitze des Tages drückt sich mit Gewalt in unser Zelt und sorgt dafür, dass wir sämtliche Kalorien des Tages aus allen Poren schwitzen.
Draußen ziehen wieder Gewitter auf. Auch der Wind demonstriert wieder seine Muckis. Ja, er schafft es, mich zu beeindrucken – ich finde ihn tatsächlich schon fast beängstigend. Die Ranger müssen Nachtschicht schieben und die Wildtiere mit einem Hering am Boden verankern, sonst wachen sie morgen in Botswana auf.
Ein spektakuläres Feuerwerk über die ganze Breite des Dünenkamms wird uns geboten, hell genug, um einen ganzen Flughafen auszuleuchten. Aber kein Grollen, kein Grummeln – der Donner hat heute Nacht seine Stimme verloren. Was bin ich dankbar, nicht in einem Dachzelt schlafen zu müssen! Und jetzt öffnet der Himmel alle Schleusen.
Irgendwann hat sich das Wetter ausgetobt, und ich finde endlich Schlaf – allerdings mit kurzem Haltbarkeitsdatum. Die Kalahari-Krawallbrüder sind zurück. Was auch immer gestern geklärt wurde: Es war nicht von langer Dauer. Ich höre eindeutig Bellen und Jaulen. Das geht ein paar Minuten und Zack - Ruhe im Pott. Die Meute zieht weiter. Zu gern würde ich die Szene dazu sehen. Aber die stockfinstere Nacht erlaubt keinen Blick auf das Spektakel.
Ich döse wieder weg. Der Wind scheint allerdings einen Umweg über den Nordpol gemacht zu haben, denn es kühlt brutal ab. Ich liege im Bett und mache eine mentale Inventur meines Koffers. Aber die fünf Meter bis zum Gepäck gleichen einer Gletscherwanderung – und zwar barfuß. Mein Entschluss steht: Ich erfriere lieber im Bett als heldenhaft auf dem Weg zum Koffer.
Na dann - vielleicht bis Morgen 😉
Teil 2815. Apr. 2026
Freitag 14. Februar
Frühstücksfernsehen
Uwe wacht mit erhöhter Temperatur auf. Er fühlt sich entsprechend elend und verzichtet aufs Frühstück. Für mich gibt’s erst mal einen Kaffee der Marke „Glückseligkeit“ und einen Joghurt mit Früchten. Ich ziehe mir einen Stuhl in die Sonne und befreie ihn von einer kleinen Pfütze auf der Sitzfläche. Während ich es mir gut gehen lasse, kommen die Gnus wieder anmarschiert. Ich hab sie zwar nicht gezählt, kann also nicht sagen, ob eines womöglich doch nach Botswana geflogen ist. Aber ich höre ihr Schnauben und das Schlagen der Hufe auf dem Boden- und es sind viele.
Mr. Obermacker und sein Rivale haben wieder Clinch miteinander. Einer gibt Fersengeld, der andere jagt ihm hinterher. Wenn der Herausforderer so weitermacht, lebt er auch bald in einer einsamen Wohngemeinschaft mit einem Springbocki. Es sieht nicht danach aus, als wäre er dem Boss gewachsen, hat aber Glück, dass es wieder nur bei der Verfolgungsjagd bleibt.
Während ich Gnu-Kino schaue, nimmt Uwe eine Ibu und hofft, dass sie bald wirkt. Wir haben eine lange Fahrt vor uns, denn es geht heute über die Dünen nach Nossob.
Outfit des Grauens
Zeit zum Aufbruch: Mich plagen seit drei Tagen nachts Krämpfe und ein schmerzhaftes Ziehen in den Beinen – da hilft leider auch Magnesium nichts. Ich vermute, es liegt am stundenlangen Sitzen im Auto. Deshalb werde ich heute auf der langen Fahrt meine Kompressionsstrümpfe anziehen. Beim Flug haben sie jedenfalls gute Dienste geleistet. Vielleicht hilfts.
Sehen darf mich mit meinem "Outfit des Grauens" allerdings niemand. Ich überlege ernsthaft, wie groß die Gefahr ist, dass Uwe bei meinem Anblick spontan erblindet. Hoffentlich brennt sich dieses Bild nicht tief in sein Gedächtnis ein; aber vielleicht habe ich ja Glück und er hält es später für einen wilden Fieberwahn.
Jedenfalls trage ich heute schicke kurze Hosen, kombiniert mit dicken schwarzen Kniestrümpfen und klobigen Wanderstiefeln. Vorsichtshalber ziehe ich die Strümpfe erst im Auto an und bevor wir in Nossob ankommen, wieder aus. Nicht dass mich doch jemand sieht. Sonst bin ich am Ende noch diejenige, die von der Sittenpolizei zu einer Wohngemeinschaft mit dem aufmüpfigen Gnu gezwungen wird – die passenden schwarzen Füße hätte ich ja schon!
Revierwechsel
Während der Fahrt sehen wir keine Tiere, die wir nicht schon kennen – außer vier... ja, was eigentlich? Auf den ersten Blick denken wir, es seien Schakale. Aber die Körperform stimmt irgendwie nicht; sie fällt nach hinten ab und die Ohren sind eher rund als spitz. Ich tippe auf Bat-eared Foxes, die aber schneller im Gras untertauchen, als wir schauen können. Soooo schade! Über ein Foto hätte ich mich tierisch gefreut, vielleicht hätte es meine Vermutung ja bestätigt. Stattdessen gibt es aber ein schönes Landschaftsfoto. Solche Strecken begeistern mich doch immer wieder.
Das Vogel-Veto und die Spielzeughupe
An einem Wasserloch steht ein Fahrzeug. Bei uns: Sofort Halbacht-Stellung und aktivierter Rundumblick. Was gibt es da zu sehen? Am Boden und in wahrnehmbarer Entfernung erst mal nichts. Dann entdecken wir den Tele-Rüssel, der aus dem Fenster hängt, mit fokussiertem Blick in den nächsten Baum. Ahh, das sind Flattervieh- Stalker. Alles klar.
Da wir beim besten Willen nichts als Blätter erkennen können, würden wir gerne diskret vorbeiziehen. Aber die Fahrerin parkt so breit auf der Pad, dass wir weder links noch rechts ohne Blechkontakt vorbeikommen. Wir halten also geduldig hinter ihr an, um den heiligen Moment nicht zu stören. Doch die Dame bemerkt uns in ihrem opiumartigen Vogelrausch überhaupt nicht.
Plötzlich leuchten die Rückfahrlichter auf und sie gibt Gas! Im Rückwärtsgang steuert sie zielsicher auf unsere Motorhaube zu. Nur ein beherzter Schlag auf die Hupe rettet uns vor einer unfreiwilligen Kontaktaufnahme. Zum Glück findet sie so den Weg in die Realität zurück. Eigentlich ein Wunder, denn wir hören selbst zum ersten Mal unsere Hupe, und sie klingt kläglich wie ein Kinderspielzeug. Nachdem der erste Schreck verflogen ist, wird dieses „Hübchen“ sofort zu unserem Running-Witz des Tages.
Dem Vogel hat unser kurzes Signal allerdings schon gereicht – er verabschiedet sich schneller, als sein Voyeur den Auslöser drücken kann. Tja, nun müssen wir auch nicht länger stehen bleiben. Beim Zurücksetzen wurde das Fahrzeug ein wenig zur Seite bewegt, so dass wir nun ohne Kuschelkurs daran vorbeikommen.
Wir rollen langsam an ihrem geöffneten Fenster vorbei und blicken in ein Gesicht, das uns augenblicklich in frisches Hyänenfutter verwandeln möchte. Wenn Blicke töten könnten, wäre die Fahrt für uns hier beendet.
Wie können wir es auch wagen, diesen heiligen Moment zu stören und ihren Vogel zu verscheuchen? Nur wegen eines möglicherweise winzigen Blechschadens am Fahrzeug... Ist doch nicht mal unser eigenes – wen hätte das also schon gejuckt?
Rushhour am Bohrloch 13
Wir lassen die pantomimische Drama-Queen hinter uns und erreichen Bohrloch 13. Hier herrscht Rushhour! Eine beachtliche Gnu-Herde hat sich zum kollektiven Umtrunk versammelt. Wir stehen nah dran und beobachten die tiefenentspannten Tiere, wie sie trinken und sich ihre Köpfe im Wasser spiegeln. Ein toller Moment!
Rumpelstilzchen schafft das schon
Doch die Stars des Tages sind die Strauße. Zuerst eine Großfamilie mit winzigen Flauschbällen auf Stelzen – ein echter Kindergarten, bei dem zum Glück auch der Papa bei der Erziehung mithilft. Später sehen wir ein Vater-Sohn-Gespann: Der Junior: halbwüchsig, voll im Teenie-Alter nach dem Motto: „Lass mich, ich bin selber groß!“
Aber das Highlight wartet auf der Dünenquerung nach Nossob. Mama, Papa und sieben Federlinge marschieren auf der Pad. Die Küken müssen ordentlich rennen um nicht abgehängt zu werden. Meine Güte sieht das herzig aus, wie sie da im Galopp versuchen mitzuhalten. Die Eltern biegen schließlich ab ins Gras. Die Küken interessiert das nicht. Die watscheln fröhlich vor uns her, während wir im Standgas hinterher rollen. Irgendwann wagt das erste den Aufstieg über den Sandwall am Straßenrand und die anderen wie Profi-Athleten hinter ihm her. Eines der Kleinen humpelt. Es hat sichtlich Mühe mitzuhalten. Während die Geschwister null Komma nix das schützende Gras erreichen, bildet der Wall für unser Rumpelstilzchen den reinsten Mount Everest. Es stolpert, fällt hin, rudert mit den Flügeln und schaufelt sich mit den Füßen über den Gipfel. Geschafft! Jetzt kommt es auch wieder auf die Beine. Während ich diesen „Kampf“ mit ansehe, läuft ihm mein Herz mit einem Rollstuhl und Trost-Pflaster hinterher. Ein zutiefst bewegender Moment – ein echter kleiner Kämpfer!
Unsere gute Fee ist heute Morgen sichtlich bemüht, uns wieder milde zu stimmen. Scheinbar hat sie den Rausch von Konnis ‚Sichtungswilli‘ endgültig ausgeschlafen und konzentriert sich wieder voll auf ihre Kernaufgaben.
Nur für uns setzt sie ein paar majestätische Oryxe in die malerische Landschaft – direkt wie für eine Postkarte arrangiert. Und als kleinen Bonus gibt es eine Gruppe Red Hartebeeste obendrauf Die haben doch nach dem Sonnenbad glatt vergessen, ihre Badebuxen wieder anzuziehen.
Keinen Bock
Zwischen Vaalplan und Morevet läuft uns ein Steinböckchen über den Weg. Erstaunlicherweise verzichtet der Kleine auf die übliche panische Flucht, entscheidet sich aber für die sofortige Tarnung im hohen Gras. Er appelliert offenbar lautstark an sein Recht am eigenen Bild und verweigert uns konsequent die Genehmigung zur visuellen Dokumentation dieser Sichtung. Ohne unterschriebene Einverständniserklärung läuft hier gar nichts – das Böckchen bleibt bockig und das Foto reiner Wunschgedanke.
Wasserlochidylle
Auch während der Dünenquerung zeigen sich einige Oryxe am Wasserloch. Insgesamt bleibt die Ausbeute dieser Fahrt allerdings überschaubar – wir sind eben außerhalb der tierischen ‚Kernarbeitszeit‘ unterwegs. Wobei wir ja inzwischen wissen, dass die Tierwelt hier eh aufs Verhaltensprotokoll pfeift.
Privatsphäre – Bitte nicht stören
Die restliche Strecke nach Nossob entpuppt sich als massive Mauer. Der üppige Pflanzenwuchs sorgt für blickdichte Privatatmosphäre im Flussbett. Um diese absolute Diskretion zu gewährleisten, liegt die Pad auch noch einen halben Meter zu tief. Unsere Sichtungschancen dürften hier bei null liegen, sofern sich nicht ein Tier mit Suizidabsichten direkt vor unsere Kühlerhaube wirft. Diese Erkenntnis deprimiert mich zutiefst, so dass ich mich direkt von meinen Hoffnungen verabschiede, hier im Nossobtal eine anständige Löwen – Leo oder Hyänensichtung zu erleben. Dabei hatte ich hier die höchsten Erwartungen an die Raubtierwelt. Sollte ich eine Hyäne Gaggern hören, steht sie vermutlich direkt neben uns im Gras und lacht uns aus.
Mal ein freier Blick dazwischen
Begrüßungsperformance im Geäst
Wir rollen auf den Parkplatz; Uwe füttert direkt unser Autochen, während ich uns im Shop ein Luxus-Eis organisiere. Da wir eine Stunde zu früh für den Check-in sind, setzen wir uns in den Schatten unter einen Baum. Dort erschleicht sich sofort ein Rotbauchvogel meine volle Aufmerksamkeit – so einen habe ich noch nie gesehen. Wir beobachten ihn gespannt, doch der Gute hat ordentlich Hummeln im Hintern. Er turnt so ruhelos und flink im Geäst herum, dass mir beim Versuch, ihn im Blick zu behalten, schon fast die Augen flattern. Eine echte Hochgeschwindigkeits-Begrüßung, während wir gegen den Drehwurm ankämpfen.
Luxus-Bude
Uwe fühlt sich nach wie vor nicht sonderlich gut. In seinem unerschütterlichen Optimismus denkt er, dass er nach einer ordentlichen Siesta wieder Bäume ausreißen kann. Ich kann ihn aber davon überzeugen, dass es besser für ihn ist, heut nicht mehr selbst am Steuer zu sitzen. Wir buchen also beim Check-in einen Night Drive – so kann er sich wenigstens entspannt zurücklehnen ohne Verantwortung zu tragen.
Im Shop bestellen wir Brot und ich entdecke eher zufällig ein paar Eier. Planänderung: Statt Fleisch gibt es heute ganz bodenständig Bratkartoffeln mit Spiegelei und Salat. Praktisch, lecker und für Uwes Frühstück bleibt sogar noch ein „Glücks-Ei-chen“ übrig. Passt. Dann beziehen wir unser River View Chalet. Und was soll ich sagen? Wow! Im Vergleich zu unseren bisherigen KTP-Unterkünften ist das hier der pure Luxus. Alles wirkt unerwartet modern und gepflegt, die Küche ist top ausgestattet, es gibt einen hübschen Wohnbereich und die Terrasse ist riesig. Der Ausblick umwerfend!
Während Uwe sofort tief in die Federn sinkt, koche ich mir ein Käffchen und mache es mir auf der Terrasse gemütlich. Dieser Ausblick ist fantastisch – mehr brauche ich gerade nicht zum Glücklichsein. Wäre da nicht die Sorge um Uwe; dieses Fieber ohne Erkältungssymptome kann ich einfach nicht einordnen.
Beim Abendessen hängt er dann wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Die Vernunft siegt: Wir stornieren den Drive – was glücklicherweise noch akzeptiert wird. Uwe ist sichtlich erleichtert, sich wieder aufs Ohr hauen zu können. Nach dem Abwasch wandere ich zurück auf meinen privaten Logenplatz.
Der Himmel zieht sich zu, ein kurzer Regenschauer fegt vorbei und dann zucken Blitze durch die Wolken. Eine traumhafte Himmelsstimmung! Zwar völlig tierfrei, aber wunderschön anzusehen. Erst als es fast dunkel ist, schaut ein junger Schakal zum Gute-Nacht-Sagen vorbei.
Light - Show sorry für die vielen Bilder, aber die Farben begeistern mich einfach 🤩
Schließlich zieht es auch mich in die Heia. Bevor ich die Matratze unter mir spüre, öffne ich die Vorhänge. Das Gewitter hat sich in die Ferne verzogen und erleuchtet dort noch im Sekundentakt den Nachthimmel. Hier bei uns haben sich die Wolken inzwischen gelichtet: Abermillionen helle, riesige Sterne funkeln über mir. Ein atemberaubender Anblick, den ich versuche, so lange wie möglich zu genießen und die Augen offen zu halten. Das laute „Schnarchen“ der Klimaanlage hilft mir anfangs dabei, doch auch ihre akustische Atemfrequenz entfernt sich immer weiter, bis meine Rollos endgültig runterklappen.
Mein „Outfit des Schreckens“ hat sich übrigens gelohnt – ich schlafe seit Nächten endlich wieder schmerzfrei. Im Halbschlaf höre ich noch fernes Hyänengemecker und das vertraute Bellen und Jaulen der nächtlichen Krawallos, die es wohl überall gibt. Aber vielleicht träume ich es auch nur ...
Teil 2918. Apr. 2026
15. Februar
Um halb sechs starten wir in den Tag und selbst Uwe kann sich nicht über Schlafmangel beklagen. Er fühlt sich glücklicherweise zu 80% wieder fit – bereit, das Steuer für unseren Morning Drive zu lenken.
Bevor wir uns zur Abholung des Laufzettels in die Schlange der anderen Frühaufsteher einreihen, werfen wir noch einen Blick auf die Infotafel. So wie es aussieht, wurden zwischen Bedingt und Lamgklaas Löwen gesehen. Also ist klar in welche Richtung wir fahren werden – Richtung Norden. Glück gehabt, denn Richtung Süden hätten wir ja die blickdichte Strecke, wo wir eine Drohne bräuchten, um über den hohen Sandwall und das üppige gewachsene Gras ins Flusstal sehen zu können.
Es ist noch fast dunkel. Wir nehmen unser „Einreisepapier“ für den Park entgegen. Uwe rollt langsam an, und in diesem Moment landet nur ein paar Meter vor unserem Auto ein Fleckenuhu am Boden – der erste, den ich ohne Fernglas zu sehen bekomme. Ich erkenne mit bloßem Auge, dass es kein Huhn, sondern wirklich ein Uhu ist.
Begeisterung macht sich breit. Ich verrenke mich ein bisschen, um aus dem Fenster heraus ein Foto zu machen. Da landet doch glatt noch ein zweiter, größerer neben ihm. Ein Pärchen – wie schön! Uwe drängelt, weil hinter uns schon die nächsten „Ausreiser“ stehen. Ich schimpfe, weil er drängelt, und drücke auf die Schnelle ein paar Mal den Auslöser. Keine Ahnung, ob die Fotos verwackelt sind, denn der Motor lässt das Auto vibrieren.
Tiefpunkt im Paradies
Dem Strom der anderen Fahrzeuge folgend, fahren wir also Richtung Norden- unsere Gefühle gesteuert von einem Hormoncocktail, der uns zwischen Wunschdenken und Erfahrungswerten hin und her wirft. Bis zum Anschlag angespannt vor Erwartung, liegt mein Handy einsatzbereit auf meinem Schoß.
Jeder Schatten unter einer Akazie wird mit dem Fernglas einer Generalinspektion unterzogen. Wir schleichen förmlich über die Piste. Die Fahrzeuge vor uns sind bald aus unserem Blickfeld verschwunden und die hinter uns überholen alle. Sollen sie ruhig. Wir finden heute den König der Kalahari, falls er irgendwo unter einer Akazie im Schatten liegen sollte.
Die Kulisse: Ein Traum. Das Licht? Oscar-verdächtig. Die Piste schmückt sich mit langen Pfützen, in denen sich der Himmel und das Licht spiegeln.
Wunderschön – aber nicht typisch Kalahari. Statt staubig und rot präsentiert sich alles üppig grün, mehr wie im Kruger Park. Das war zwar zu erwarten, aber im Fotobuch sind das nicht die Bilder, die mich primär an den KTP erinnern sollen. Wenn schon nicht rot, dann doch bitte grün mit Löwen und Leos und Hyänen als Kontrast.
Während wir Kilometer um Kilometer runterspulen, passiert am Boden: Nichts. Absolut gar nichts. Keine Löwenmähne, kein Schwanzwedeln, nicht mal ein gelangweiltes Erdhörnchen.
Die Eulen-Euphorie der frühen Stunde packt ihre Koffer und verzieht sich frustriert in die Kelleretage. Morgen fahren wir nach Bitterpan – dort sind keine spannenden Tiere zu erwarten und übermorgen geht es zurück nach Twee Rivieren, die Fahrt wird sich in der Ruhephase der Tiere so lang hinziehen, dass wir am Abend keine Energie mehr für einen Drive haben werden. Also wenn heute nichts mehr geht, geht gar nichts mehr mit Raubtieren.
Meine Hochrechnung für die nächsten Tage sieht also düster aus: Es gibt nur zwei Straßen hier im Park und die fahren wir seit Tagen rauf und runter. Da ist so langsam auch mal jeder Baum von allen Seiten abgelichtet. Ich schließe mit der Erwartung ab, hier noch was anderes als schöne Landschaften zu sehen.
Krisenstimmung
Zu der tierlosen Leere gesellt sich nun auch noch schlechte Stimmung im Cockpit. Uwe motzt rum, weil er immer so früh aufstehen muss – und das seiner Meinung nach für nichts, was nicht auch später noch da wäre. Und damit hat er in diesem Urlaub ja nicht ganz unrecht – mal abgesehen vom Licht.
Mich nervt diese tägliche Diskussion um die Notwendigkeit des frühen Aufstehens allmählich gewaltig. Ich bin nun mal meist schon um 5:00 Uhr hellwach und weiß schlicht nicht, was ich machen soll, ohne ihn zu wecken. Eine Stunde kann ich mit Lesen totschlagen, aber drei Stunden sind schwierig zu füllen.
Bevor wir den nächsten Urlaub buchen, müssen wir definitiv unsere Erwartungen und Wünsche klarer definieren. Wenn Uwe die aktive Phase der Tiere verschlafen möchte, ist Afrika schlichtweg nicht mehr der richtige Urlaubsort für uns. Für mich hingegen ist nirgends auf der Welt der richtige Ort, wenn ich keine Tiere sehe und das gute Licht verpasse. Was ist nur los mit uns? Das ist eine ganz fremde Erfahrung.
Oh weh, ob dies dann unsere vorletzte Afrika-Reise ist? Die nächste haben wir zum Glück schon gebucht, und sie enthält sogar ein paar Lodge-Übernachtungen mit dem für Uwe heiligen Frühstücksbuffet. Da könnte ich zur Not auch ohne ihn einen Morning Drive mitmachen.
Dieser Diskrepanz unserer Urlaubserwartungen müssen wir uns auf jeden Fall stellen und einen Weg finden, der sich für uns beide nach Urlaub anfühlt. Oh KTP, was hast du da für eine Krise losgetreten? Ich glaube, wir zwei werden keine Freunde mehr!
Plan B: Die Profis ranlassen
Wir fahren ein Stück hinter einem Game-Drive-Fahrzeug her und beobachten, wie der Guide zielsicher auf eine der Pads abbiegt, die für uns Selbstfahrer verboten sind. Neidvoll schauen wir hinterher. Vielleicht gibt es dort tatsächlich bessere Sichtungsmöglichkeiten, die nur den Guides vorbehalten sind. Womöglich liegt auf deren exklusiven Strecken ein Hyänenbau, was das Sichtungsglück deutlich steigern würde.
Mitten in unserer Krisenstimmung keimt ein letzter Funke Hoffnung auf. Wir beschließen spontan, für heute Abend einen geführten Drive zu buchen. Wenn wir allein kein Glück haben, dann vielleicht mit einem Profi am Steuer. Vielleicht …
Was für ein Morgen...
Ein ganzes Stück vor uns reflektieren plötzlich weißes Blech und Bremslichter – ein „Stau“ mitten auf der Kalahari-Autobahn. Mein Herz macht einen gewaltigen Satz aus der tiefst möglichen Etage direkt nach ganz oben. Das kann schließlich nur eines bedeuten! Wir holen auf. Drei, vier Fahrzeuge stehen links an der Fahrbahn, ganz vorne ein riesiges Wohnmobil. Rechts ist im hohen Gras erst einmal nichts zu sehen, also rollen wir ganz langsam (Rechtsverkehr) an der Schlange vorbei. Wir gehen davon aus, dass irgendwo seitlich im Gebüsch etwas zu entdecken ist. Doch als wir auf Höhe des Wohnmobils sind: Die Überraschung!
Direkt vor dessen Cockpit kommt ein braunes Öhrchen zum Vorschein, dann ein zweites, Schnurrhaare, schließlich der Kopf, der bestätigt, was wir vermuten – und schließlich die ganze Katze! Eine Löwin. Sie läuft quasi direkt vor unserem Auto auf die andere Seite und hinter ihr kommt eine zweite … und dann noch eins, zwei, drei … insgesamt sechs Cubs!
Wir bekommen Schnappatmung und Herzkammerflimmern. Eine der Löwinnen setzt sich direkt vor Uwes Fahrzeugtür. Vor Aufregung macht er spontan das Fenster zu. Ich: „Nein, nicht zumachen, lass offen! Die ist ganz friedlich und entspannt.“ Er: „Ja, du hast leicht reden, du hockst ja nicht auf meiner Seite …“
Aber dann siegt die Abenteuerlust und er lässt die Scheibe wieder runter. Die Löwin macht ein Gesicht, als würde sie uns anlächeln und freundlich „Hallo“ sagen. Die zweite Löwin legt sich zwei, drei Meter vor uns neben die Straße, sehr gut sichtbar ins Gras, und genießt die Morgensonne.
Die Jungtiere tapsen vor uns auf der Straße rum, dann legen sich zwei in den Sand und chillen. Die anderen spielen Fangen, springen übereinander, knabbern sich gegenseitig an den Öhrchen – das ist herzallerliebst anzusehen.
Blöderweise für diejenigen hinter uns, spielt sich das Löwen-Theater rund um unser Fahrzeug ab. Wir können nicht ausweichen und versperren damit den anderen komplett die Sicht. Aber wir können es gerade nicht ändern, also freuen wir uns an dem Tumult direkt vor unserer Nase. Die Löwen bieten uns eine Show der Extraklasse.
gleich geht's weiter...
Teil 3018. Apr. 2026
Sie bewegen sich natürlich vorwärts, bleiben aber auf der Fahrbahn. Die Blechkolonne –wir allen voran, folgt ihnen vorsichtig.
Irgendwann hätten wir Platz um uns wie die anderen auf die linke Seite zu stellen bzw. links zu fahren. Aber wir sind komplett im Tunnel. In unserem Glücksrausch nehmen wir die Möglichkeit gar nicht wahr. Wir vergessen, dass wir nicht allein hier sind – genau wie die Vogel-Tante, die uns in ihrem „Foto-Rausch“ fast ins Auto gefahren wäre.
Schließlich bittet uns einer der anderen Autofahrer, Platz zu machen, damit auch die anderen mal was sehen. Die Bitte ist vollkommen berechtigt. Für uns aber sehr, sehr peinlich, dass uns erst jemand drauf aufmerksam machen muss. Tief beschämt über unsere eigene Rücksichtslosigkeit lenken wir unser Autochen sofort nach links. Es behindert uns nicht einmal die Sicht auf die Katzen. Was für ein unglaublicher Höhenflug nach unserem absoluten Krisentiefpunkt.
Irgendwann holen noch mehr Fahrzeuge auf, aber alle nehmen Rücksicht aufeinander. Wir wenden als sich die Katzen anfangen ins hohe Gras zu verabschieden und fahren zurück nach Nossob.
Versöhnung mit der Kalahari
Beseelt von den Löwen machen wir uns langsam auf den Rückweg. Heute lässt es die Sichtungsfee echt krachen! An einer Wasserpfütze treffen wir auf eine Gruppe Red Hartebeests. Eines der Tiere trinkt gerade, und zwar mitten auf der Piste. Ein wunderschöner Anblick – ich erkenne sogar die Spiegelung im Wasser.
In der Antilopen-Gruppe beobachten wir unter anderem auch eine Kuh, die mit hoch erhobenem Schwanz durch die Gegend läuft. Ist sie nur angespannt, ist das ein Alarmsignal oder ist sie paarungsbereit? Falls Letzteres der Fall ist, scheint der Bock heute nicht für Liebesdinge zur Verfügung zu stehen – er ignoriert das Signal jedenfalls beharrlich. Dabei sehen sie alle aus als hätten sie die Hosen runtergelassen.
Applaus für den Chef-Späher Uwe bitte
Ein Stück weiter treffen wir wieder auf ein einsames Gnu, das sich unter eine Gruppe Red Hartebeests gemischt hat. Es ist doch wirklich nett von den Antilopen, dem Gnu in seiner Diaspora so bereitwillig Zuflucht zu gewähren. Ob es dem Obermacker-Gnu vom Kalahari Tented Camp am Ende zu viel geworden ist mit dem aufmüpfigen Rivalen? Wurde er jetzt doch noch ins Exil geschickt?
Wir fahren weiter. Dann höre ich Uwe plötzlich rufen: „Ein Löwe!“ Ha, ha – darauf falle ich nicht rein! Er: „Doch, da ist wirklich einer!“ Ich: „Kann nicht sein, wir hatten heute schon welche, du willst mich nur auf den Arm nehmen.“ Aber Uwe bleibt dabei: „Nein, ich sehe ihn eindeutig! Es ist eine Löwin, sie liegt dort im Gebüsch.“
Er deutet mir die Richtung und tatsächlich: Da liegt sie! Ich kann sie ohne Fernglas sehen, was diese Entdeckung zu einer „echten“, einer lupenreinen Sichtung macht. Ich fasse es nicht. „Zwick mich mal, ich glaube, ich halluziniere!“
Und wie hübsch sie aussieht! Sie macht uns sogar den Gefallen, den Kopf zu drehen und uns direkt anzuschauen. Jetzt muss ich fast weinen, so glücklich bin ich. An einem einzigen Tag von der emotionalen Gruft in den siebten Himmel! Dieser Spotter-Erfolg geht auf Uwes Konto, und das nicht zum ersten Mal. Wenn das keine Therapie gegen die Langschläfer-Krankheit ist, dann weiß ich auch nicht.
Die Eulen-Suche
Zurück in Nossob kehrt die Routine ein, aber mit deutlich besserer Laune. Während Uwe tankt, melde ich uns für den geführten Drive an und hole im Shop unser vorbestelltes Brot. Ich nutze die Gelegenheit und frage den Tankwart nach den Eulen in den Bäumen. Er nickt wissend – „Ja, dort im Baum“, antwortet er, oder so verstehe ich es zumindest.
Es sind mehrere Bäume, die infrage kommen, aber da hilft der bewährte Safari-Trick weiter: Ich suche am Boden nach „Vogelschiss“ und werde fündig – reichlich sogar! Vorsichtshalber stelle ich mich nicht direkt an diese Stelle, man muss sein Glück ja nicht herausfordern. Ein gezielter Blick nach oben in das dichte Geäst, und tatsächlich: Da sitzt sie. Eine wunderschöne Schleiereule.
Frühstück für Champions
Mittlerweile ist es kurz vor 10:00 Uhr und höchste Zeit für unser Frühstück. Zur Feier des Tages haue ich ein paar Eier in die Pfanne – neben Nutella ist das Uwes absolute Frühstücksglückseligkeit. Da wir sogar das frische Brot aus dem Shop haben, würde ich sagen: Es fehlt an nichts, was er sich nicht auch am Buffet holen würde.
Das Wetter ist herrlich und lädt dazu ein, draußen zu essen. Während wir unser „Kalahari-Gourmet-Mahl“ genießen, steht uns beiden ein Grinsen von einem Ohr zum anderen im Gesicht. Wir schwelgen in den Erinnerungen an die Löwenbande, den Chef-Späher-Moment und alles andere, was diesen Vormittag am Ende so besonders gemacht hat.
Den kurzen Gefühls-Abrutscher von heute Morgen klammern wir ganz bewusst aus. Dieses Gespräch wird auf den Zeitpunkt vertagt, an dem wir den ganzen Urlaub rückblickend betrachten. Jetzt ist nicht die Zeit für Grundsatzdiskussionen – jetzt ist die Zeit der Freude.
Ist heute der Gedenktag der Red Hartebeester?
Man könnte fast glauben, heute sei der offizielle Gedenktag der Red Hartebeests. Ihre Präsenz verfolgt uns seit dem Aufstehen. Weit hinten im Gebüsch teilen sich zwei hübsche rothaarige Antilopen den Platz an der Sonne. Eine dritte möchte sich der exklusiven Runde anschließen, ist allerdings unerwünscht und wird kurzerhand ziemlich unfreundlich und gemein verjagt – ganz schön zickig, die roten Schönheiten.
Uwe hat sich nach dem Frühstück gleich wieder dem Matratzenhorchdienst gewidmet. Er verpennt den ganzen Tag, was mir sagt, dass er noch weit weg ist von „Es geht mir gut“. Soll er schlafen. Ich halte draußen die Stellung. Erst hole ich mir ein Eis, dann wird Kaffee gekocht, gelesen, geschrieben und ab und zu der Kopf gehoben, um bloß nichts zu verpassen, falls sich hier noch mehr Tiere rumtreiben als die langbeinigen Rothaarigen.
Ah, eine Riesentrappe – naja, von dieser Spezies haben wir auch schon etliche gesehen. Die treiben meinen Blutdruck nicht in die Höhe. Aber dann: Bewegung im Augenwinkel! Eine Yellow Mongoose flitzt vorbei. Die kleine Rakete ist allerdings schneller weg, als ich „Foto“ denken kann. Macht nichts, wir sind ja seit Twee Rivieren quasi per Du mit diesen possierlichen Rackern.
Teil 3119. Apr. 2026
Hab Erbarmen mit dem Armen
Zum Abendessen gibt es Schmalspurkost: Nudeln mit Pfeffersoße. Gefühlt haben wir uns in diesem Urlaub schon eine halbe Kuh einverleibt – das ist mehr, als ich zu Hause über das ganze Jahr verteilt esse. Uwes Appetit hält sich ohnehin in Grenzen, von ihm kommt also kein Protest gegen die fleischlose Kost.
Beim anschließenden „Freilicht-Kino“ auf der Terrasse bekommen wir Besuch von einem echten Profi. Ein junger Schakal tritt auf und zieht die ganz große Show ab. Er setzt sich direkt vor uns hin und serviert uns den „Ich-bin-kurz-vor-dem-Verhungern“-Blick. Die Distanz ist so gering, dass ich ihm fast die Flöhe aus dem Fell holen könnte.
Als er merkt, dass wir nicht die Softi-Touristen sind, die sofort ihren Proviant über den Zaun schmeißen, wechselt er die Strategie: Er rollt sich zusammen, seufzt lautlos und hält dabei intensiven Augenkontakt. Es zerreißt mir fast das Herz – der Kerl hätte einen Oscar verdient! Doch wir sind uns bewusst, dass wir ihm langfristig keinen Gefallen erweisen, wenn wir uns weichkochen lassen. Es tut uns aufrichtig leid, kleiner Freund, aber wer keine Maus fängt, geht mit leerem Magen ins Bett.
Als es nebenan auf der Terrasse raschelt, gibt er uns sofort den Laufpass und trottet hoffnungsvoll zu den Nachbarn. Sein freundschaftlicher Schmachtblick war ja ganz schön geheuchelt. Der kleine Gauner hat gnadenlos versucht, uns emotional zu erpressen. Aber Pech gehabt: Die da drüben sind genauso erbarmungslos wie wir.
Eulenparadies
Unser gebuchter Night-Drive beginnt um 18:30 Uhr und wird – wie wir später merken – deutlich länger dauern als angekündigt. Noch ist es sehr warm, aber ich weiß genau, wie schnell ich im offenen Fahrzeug zum Eiszapfen mutiere, sobald die Sonne weg ist. Also: lange Hosen angezogen und die warme Jacke um die Hüften gebunden. Alle anderen, Uwe eingeschlossen, belassen es bei kurzen Hosen und Kurzarm-Shirt. Ich komme mir mit meiner „Winterausrüstung“ augenblicklich total dämlich vor.
Das Fahrzeug steht bereit. Bevor es losgeht, beobachte ich die Guide, wie sie mit einem Paar an einem der Eulenbäume steht. Dieser Baum ist als Einziger weiträumig mit Absperrband gesichert. Keine Ahnung warum – vielleicht besteht Ast-Bruch-Gefahr, oder es thront dort eine Eule, die mehr Ruhe braucht als der Rest der Nachbarschaft?
Ich bin mal so frei und nähere mich der kleinen Gruppe unauffällig. Mein Plan funktioniert und ich bekomme die gewünschte Aufmerksamkeit. Mir wird gezeigt, wo ich suchen muss. Ahhh, da sitzt ein Fleckenuhu. Leider stören Laub und Äste für ein schönes Foto. Das Portrait will mir leider nicht so gut gelingen.
Doch dann folgt die Überraschung, die mich komplett umhaut. Die Frau des Paares spricht Englisch mit mir; ich verstehe kaum etwas, sie versteht, dass ich nichts verstehe – und zieht mich kurzerhand am Arm um den Baum herum. Und dann erkenne ich was sie sagen wollte: Knapp einen Meter über dem Boden, in einer tiefen Astgabel, hocken zwei Fleckenuhu -Nestlinge.
Sie sind vielleicht 15 Zentimeter groß, kugelrund, fett und unfassbar plüschig. Ich kanns nicht glauben, ich bin zwei Mal dran vorbeigelaufen und hab sie nicht gesehen. Dabei sitzen sie förmlich auf einem Präsentierteller und jetzt erklärt sich auch das Absperrband.
Ich bin völlig überwältigt. Uhu-Frischlinge so nah und quasi auf Augenhöhe zu sehen – wem ist das schon vergönnt? Mein Herz schlägt einen doppelten Salto. Ich stelle fest: Hier ist das reinste Eulenparadies. Dieser Drive fängt schon grandios an, bevor wir auch nur einen Meter gefahren sind. Meine Erwartungshaltung steigt steil an...
Geckos, Sterne und Schüttelfrost
Wir steigen zu viert ins Auto und die obligatorische Frage fällt: „Habt ihr Wünsche?“ Stille. Also ergreife ich die Initiative: „Wie wäre es mit Hyänen? Vielleicht? Wenn das nicht zu viel verlangt ist?“ Das Ehepaar möchte dann doch auch gerne einen Wunsch äußern: Löffelhunde! Unsere Guide entscheidet sich daraufhin für die Route Richtung Süden. Ich hoffe inständig, dass sie auf eine der Pisten abbiegt, die für Selbstfahrer gesperrt sind – sonst sehe ich schwarz. Ich erinnere mich nämlich noch lebhaft an die tiefliegende Piste mit dem blickdichten Wildwuchs am Straßenrand.
Wir fahren lange. Und wir sehen: nichts. Dann noch mehr nichts. Ich hoffe immer noch darauf, dass wir einen verbotenen Weg einschlagen – aber nix, nada! Hier wird strikt nach Vorschrift gearbeitet. Offenbar gibt es doch keine Sonderrechte für Guides … Böser Bub, der andere Fahrer!
Irgendwann tauchen in der Ferne einige Red Hartebeests auf. Die Herrschaften in ihrem „Badehosen-Look“ habe ich aber heute wirklich im Überfluss gesehen. Das wird langsam ein bisschen einseitig. Unsere Guide scheint das genauso zu sehen und fährt, ohne anzuhalten weiter. Immerhin sehen wir zwischen dem Nichts wenigstens schöne Landschaft.
Am Wasserloch Dikbaardskolk verabschiedet sich die Sonne endgültig. Wir warten zehn Minuten in der Stille, aber außer gähnender Leere tut sich nichts. Um uns überhaupt etwas zu bieten, beginnt unsere Rangerin, uns die Welt der Geckos zu erklären, deren Klicken wir überall hören. Das Problem: Uwe und ich sitzen hinten und verstehen akustisch so gut wie gar nichts. Als sie dann anfängt, Geckos im Gebüsch zu suchen, zieht sich die Sache wie Kaugummi. Mal ehrlich – Geckos standen für heute Abend nicht unbedingt auf unserer Wunschliste.
Da sie keinen Gecko findet, wechselt sie zu Skorpionen. Auch das zieht sich ewig hin. Inzwischen ist es stockfinster und über uns funkelt die Milchstraße mit Abermillionen Sternen. Ein wahrlich beeindruckender Anblick! Doch leider folgt darauf eine ausführliche Sternenkunde. Da aber akustisch nichts bei uns ankommt, wird die Zeit lang und länger – es wird kalt, und mit jeder Minute frieren wir mehr.
Während ich in meine Jacke schlüpfe und trotzdem an den Beinen friere, erwischt es Uwe richtig heftig. Frieren ist für ihn normalerweise ein Fremdwort. Aber jetzt schlottert er regelrecht; das sieht schon fast nach Schüttelfrost aus. Rettung verspricht eine Decke, die vorne über dem Beifahrersitz hängt. Uwe fragt danach und bekommt sie auch – es ist allerdings die einzige an Bord. Während Uwe sich einwickelt, friert das Paar vor uns in seinen kurzen Hosen und Shirts erbärmlich vor sich hin. Ich weiß zwar, dass unsere Guide keine Tiere herzaubern kann und sich wirklich bemüht, uns zu unterhalten, aber für uns ohne „Audio-Empfang“ zieht sich dieser Drive gerade wie Kaugummi durch die kalte Nacht.
Kängurus in Afrika?
Ab dem Wasserloch hat sich das Licht verabschiedet und mit ihm die Möglichkeit, eventuelle Sichtungen zu fotografieren. Sollten wir doch noch eine Hyäne finden, hätte ich wieder so ein trauriges Schattenspiel wie beim Leo im Tented Camp. Das ist zwar schade, lässt sich aber jetzt nicht ändern, also konzentrieren wir uns ganz auf das Beobachten im Schein des Spotlights.
Plötzlich rennt was über die Straße. Unser erster Tipp: Schakal. Doch als das Tier näherkommt, erkennen wir die riesigen Ohren – ein Bat-Eared Fox! Wie cool ist das denn? Ich erkenne sogar seine Ninja-Maske im Gesicht! Wie ein huschender Schatten gönnt er uns nur einen Augenblick, um sofort wieder im schützenden Buschland abzutauchen. Na, zumindest für einen Gast erfüllt sich damit schon mal der Sichtungswunsch.
Wenig später leuchten wieder Augen: Noch ein Löffelhund, der von einem merkwürdigen „Känguru-Hasen“ beobachtet wird. Solche Tiere habe ich noch nie gesehen. Es sind Springhasen, die für mich in Haltung, Fortbewegung und Statur mehr Ähnlichkeit mit einem Beuteltier haben als mit einem Hasen. Und dann traue ich meinen Augen kaum: Das Miniatur-Känguru setzt plötzlich zur Jagd auf den Löffelhund an! Frei nach dem Motto: „Weg da – mein Revier!“ Ob der Hase vielleicht irgendwo Jungtiere im Bau schützen will, oder ob es eher ein unbeholfener freundschaftlicher Annäherungsversuch ist? Jedenfalls ist es ein höchst amüsanter Anblick, wie der kleine Fox vor dem hüpfenden Hasen Fersengeld gibt.
Im Königreich der Eulen
Ein Stück weiter kommt uns eine tiefentspannte Wildkatze entgegen - sozusagen ein Schrumpflöwe 😄 . Sie ist direkt neben unserem Auto auf Futtersuche. Das sind zwei, drei Minuten reinstes Sichtungsglück für uns, bevor auch sie im Gebüsch verschwindet.
Wann immer danach noch Augen im Gehölz leuchten, sind es meist die Springhasen. Außer ihnen bereichern lediglich noch zwei Steinböckchen unser nächtliches Sichtungsglück sowie viele Eulen. Die sitzen vor allem am Boden und warten darauf, dass ihnen ein Mäuse-Sandwich serviert wird. Überall sitzen sie: vor, hinter, neben uns und auf den Bäumen. Es sind viele. Wirklich viele. Wir befinden uns ganz offensichtlich im Königreich der Eulen.
Alles in allem können wir zumindest den Känguru-Hasen als Erstsichtung verbuchen – und die Wildkatze sowie den Löffelhund als Tiere, die wir nur sehr selten zu Gesicht bekommen. Und wenn man es ganz genau nimmt, haben wir auf diesem Drive zwar keinen Riss, aber immerhin eine Verfolgungsjagd gesehen 😄 .
Schlafmützensolidarität
Gegen halb zehn sind wir zurück und sehen in unserem Chalet zu, dass wir wieder auf die Körpertemperatur eines lebenden Wesens kommen. Uwe ist eindeutig noch nicht fit. Zwar hätten wir morgen früh vor unserer Weiterreise noch reichlich Zeit für einen Drive und würden vielleicht noch einmal die Löwen finden, aber Uwe ist doch noch sichtlich angeschlagen. In dem Fall darf er sich morgen eine extra Mütze Schlaf gönnen.
In mir kommt durchaus kurz der Gedanke auf, für morgen früh einfach einen Drive ohne Uwe zu buchen. Aber ganz ehrlich: Mit meinem nicht vorhandenen Orientierungssinn gehe ich womöglich noch zwischen Chalet und Rezeption verloren. „Ehefrau verschollen in der Kalahari“ – ich weiß nicht, ob ich das Uwe wirklich antun will. Nein, diesen Verlust möchte ich ihm doch nicht zumuten, dafür bin ich vieeel zu solidarisch.
Teil 3222. Apr. 2026
Sonntag 16.Februar
Eulen-Drama
Ich wache mit den ersten Vogelstimmen auf, schleiche mich in die Küche, koche mir einen Kaffee und setze mich im Schlafi raus auf die Terrasse. Es ist noch ziemlich Dunkel, aber die ersten Sonnenstrahlen lassen nicht mehr lange auf sich warten. Der Sonnenaufgang taucht das Land in wunderschönes Licht. Ehrfürchtig und tief beschenkt ziehen die Bilder des gestrigen Tages an meinem inneren Auge vorbei – ich bin einfach nur dankbar.
Irgendwann ist auch Uwe wach und gesellt sich zu mir. Wir frühstücken im schönsten Morgenlicht. Unser Zeugs ist schnell zusammengepackt und im Auto verfrachtet. Die heutige Etappe nach Bitterpan ist ja fast nur ein Katzensprung. Das bedeutet, wir können ganz nach dem Motto „Hakuna Matata“ in den Tag starten. Diese Gemütlichkeit schreit förmlich danach, Uwe noch die Uhu-Plüschtiere zu zeigen – ich möchte sie auch gerne noch einmal sehen.
Wir schlendern also zum Owl-Village und steuern zielstrebig den Baum an, der mit dem „Tatort-Absperrband“ gesichert ist. Da sitzt er, der Wonneproppen, und schaut uns an. So ein süßes Kerlchen! Aber wo ist das zweite? Da sitzt nur noch eins im Nest! Mein Kopfkino startet sofort: Hat sich etwa der Schakal den Kleinen geholt? Das Nest befindet sich ja gerade mal einen Meter über dem Boden. Mir zieht es das Herz zusammen. Es tut mir so unendlich leid. Ich ärgere mich über die Elterntiere: Warum in aller Welt bauen die ihr Nest so tief, dass die Brut den Fleischfressern förmlich auf dem Silbertablett serviert wird? Haben sie keine Lust auf Kindererziehung?
Mit schwerem Herzen umrunden wir den Baum, um nach den Alten zu sehen. Wir schauen nach oben – und – ich glaub`s ja nicht: da hockt es! Etwa einen Meter über unseren Köpfen starrt uns das vermisste „Kuscheltier“ munter an. Was für eine Freude! Echt jetzt, der KTP verpasst meinen Gefühlen an jedem einzelnen Tag eine 60-Grad-Wäsche inklusive Dauer-Schleudergang!
Ciao Owl-valley und Löwenparadies
Es ist halb zehn. Wir verabschieden uns von Nossob und rollen durch das Bitterpan-Tor. Vor uns entfaltet sich eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch: Die Sandpiste leuchtet im satten, typischen Kalahari-Rot. Der Ritt über die Dünen kann beginnen. Besonders schön finde ich die Aussicht, dass uns hier kein Fahrzeug entgegenkommen wird und uns auch von hinten keines auf die Pelle rückt.
Abschiedskomitee
In einer Akazie sitzt ein Gelbbauchgirlitz oder zumindest ein very gelber Vogel😊 und sein Nachbar in schwarzer Feder-Robe könnte ein Trauerdrongo sein.
Foto nix gut!
Wir sind noch keine zehn Minuten auf der Piste, begegnen wir einem ziemlich neugierigen und taffen Schakal, der erst stehen bleibt und dann sogar ein Stück auf uns zukommt. Vielleicht versucht heute der Bruder unseres gestrigen Besuchers, uns ein Abschiedssandwich abzuschwatzen?
Die Kalahari legt noch eine Schippe drauf: keinen Kilometer weiter streift ein junger Kudu Bulle durch die Pampa. Seinen noch recht kurzen Hörnern nach zu urteilen, ist er wohl noch ein Teeny. Aber echt kein Pickelgesicht, sondern die pure Ästhetik auf vier Beinen. Mit seinem wunderschönen Körperbau und diesen Ohrwatscheln zum Verlieben ist er ein echtes schöpferisches Kunstwerk.
Botanik-Wunder im roten Sand
Auch botanisch hat die Wüste echt was drauf. Neben den üblichen Hülsenfrucht-Pflanzen entdecke ich ein kurzes Liliengewächs – und zwar kein zartes Blümelein, das mit zwei Tropfen Wasser im Jahr klarkommen muss, sondern eine kräftige, fleischige Pflanze mit trompetenförmigen Blüten wie frisch aus der Gärtnerei. Wie ist es nur möglich, dass so ein üppiges Gewächs in diesem trockenen Wüstenklima so gedeihen kann? Ich bin maximal begeistert. Mit so einer Pflanze habe ich hier nicht im Geringsten gerechnet.
Ansonsten tuckern wir gemütlich an klassischen Akazien und eher kleinen Kameldornbäumen vorbei, während hier und da mal ein bunter Bodendecker meine Aufmerksamkeit fordert. Oder auch mal eine Horngurke
Kalahari-Idylle pur
Überhaupt gleicht diese Fahrt einer Postkarten-Idylle: Der tiefrote Sandweg bildet den perfekten Kontrast zum strahlend blauen Himmel, an dem dekorative Wattebausch-Wölkchen hängen. Landschaftlich ist das Naturgenuss pur. Das Sahnehäubchen liefern schließlich zwei Steinböckchen, die für ein kurzes Fotoshooting posieren, bevor sie wieder im üppigen Wildwuchs verschwinden.
Bitterpan - mitten im Nirgendwo
Nach der staubigen Anreise liegt sie vor uns: die Bitterpan-Siedlung. Vier Chalets, eine Gemeinschaftsküche und die Residenz des Campwarts – ein exklusiver Club mitten im Nirgendwo. Claudius, Verwalter der Nachtlagerparzellen, weißt uns Gemach Nr. 3 zu.
Teil 3322. Apr. 2026
Erster Eindruck:
Grandioser Blick aufs Wasserloch und die dahinterliegende Salzpfanne.
Das Zimmer selbst? Das reinste Raumwunder auf 9 qm! Zwei schmale Betten, dahinter eine kleine Ablagefläche und gerade genug Platz für die Siebenmeilenstiefel und ein Köfferchen mit dem Nötigsten für zwei Tage. Zugegeben – mit Yoga im Zimmer wird es schwierig, es sei denn, man beherrscht den „sterbenden Schwan“ auf der Bettkante.
Aber das Zimmer hat ja noch die Balkonerweiterung – das sind noch mal großzügige 3 qm. Wer braucht schon mehr, sofern er nicht vorhat, auf seinem Balkon zu joggen? Für zwei Stühle reicht der Platz locker. Ein paar Stufen runter und du stehst in deiner privaten Braai-Area. Mein Fazit: Kompakt, schnuckelig, effizient.
Sollte jemand für ein Fünf-Gänge-Menü mehr Töpfe und Flammen benötigen, steht eine gut ausgestattete Gemeinschaftsküche zur Verfügung. Jede Wohneinheit hat dort einen eigenen Kühlschrank mit Gefrierkombination, und am langen Tisch finden alle Gäste gleichzeitig Platz.
Ein Badezimmer gibt es auch: Man muss nicht „auf dem Bengel“ sitzen, wenn die Verdauung zum Schlussakt aufruft, und man muss sich auch nicht am Wasserloch waschen. Nur aus dem Zimmer raus, zwei Schritte über den Steg und du stehst in deinem Busch-Paradies-Wellness-Tempel. Der hat alles, was man braucht: Waschbecken, Schleudersitz und Dusche – was will man mehr? Verlaufen werde ich mich hier nicht. Schlafanzug und Zahnbürste finden schnell ihren Platz.
Genauso schnell nähert sich unser Körper bei den 38 Grad, die heute in Bitterpan regieren, der Kernschmelze. Auf der Terrasse findet im Moment nur ein Stuhl Schatten, und so sitzen wir abwechselnd in der Heißluftfritteuse. Da hilft wieder nur das nasse Handtuch, aber es zischt nur kurz und ist sofort wieder trocken. So überleben wir diesen Tag wahrscheinlich nicht – wir fühlen uns wie zwei gedünstete Forellen. Unsere Überlebensstrategie: Ab ins klimatisierte Auto! Nach kurzer Rücksprache mit Claudius dürfen wir bis zum Wasserloch Moravet fahren.
Erfrischungsfahrt
Wir erwarten auf dieser Tour keine besonderen Tiersichtungen, sondern hoffen auf schöne Dünenlandschaften – und diesbezüglich werden wir nicht enttäuscht. Doch die Kalahari meint es gut mit uns: Überraschenderweise begegnen uns einige Steinböckchen, Oryxe und Strauße, die die Hitze offenbar besser wegstecken als wir. Wir genießen das Fahren im tiefen Sand und über die Dünenkämme. Dabei sind wir so entschleunigt unterwegs, dass man meinen könnte, wir wären mit Rückwärtsgang unterwegs.
Küchen-Chaos
Wieder zurück im Camp, bereiten wir uns auf das Abendessen vor. Auf unserer Speisekarte steht heute minimalistisch: Salat und geröstetes Brot. Wir halten uns für genial und denken: Wenn wir schon um fünf unser Abendbrot richten, umgehen wir den großen Küchenstau. Claudius hat uns erzählt, dass alle Zimmer belegt sind. Gleichzeitiges Kochen läuft hier zwangsläufig auf Tuchfühlung und intensiven Körperkontakt hinaus– Nein danke!
Ich nehme also Kurs auf die Küche und stelle fest: Alle anderen hatten exakt denselben Gedanken. In der Gemeinschaftsküche herrscht ein Stau wie zum Ferienbeginn im Gotthardtunnel. Dumm gelaufen.
Zu meinem Ärger beansprucht ein Paar sämtliche Töpfe, Pfannen und Schneidebretter sowie den Großteil der Arbeitsfläche für sich. Und wer nun denkt, wir müssten für unser Salätchen nur warten, bis sie mit dem Kochen fertig sind – weit gefehlt! Die Herrschaften servieren ihr Festmahl direkt in den Töpfen und Pfannen auf dem Gemeinschaftstisch.
Da wir keine Lust haben, erst nach deren Verdauungsschläfchen an eine Pfanne zu kommen, essen wir unser Brot eben ungeröstet. Also echt – mit so viel kulinarischer Ignoranz mitten in der Wildnis habe ich nicht gerechnet.
Wir überleben es aber. Zwei der drei anderen Paare kennen wir bereits aus Nossob. Unser Wiedersehen führt dann sogar trotz meiner anfänglichen Konsternation zu einem netten Gespräch am Tisch. So wird aus dem „Küchen-Krieg“ am Ende doch noch ein geselliges Miteinander unter Gleichgesinnten.
Verschmähtes Gammelfleisch
Der Sonnenuntergang ist so magisch, dass mein Gehirn kurzzeitig in den Stand-by-Modus schaltet. Ich denke überhaupt nicht daran, dass ich in einem Wilderness Camp bin, und marschiere ein Stück um die Pfanne, weil ich Fotos machen möchte. Erst als der Auslöser klickt, dämmert es mir: Wie dumm kann man eigentlich sein? Ich stehe hier quasi als „Snack-to-go“ mitten in der Arena. Ich hab mal gelesen, eine Hyäne kann ein Festmahl bis auf 10 km riechen. Wow, da war wohl tatsächlich keine unterwegs, denn 61 Jahre altes Gammelfleisch hätte sie durchaus anziehen können. Glück gehabt! Nachdem sich mein Verstand zurückgemeldet hat, bringe ich mich sofort wieder in Sicherheit.
Neun Quadratmeter, aber endlose Weite
Zurück in unserem 9-qm-Traumfänger-Häuschen setze ich mich zu Uwe auf die Terrasse. Die Hitze verzieht sich endlich, und es wird angenehm kühl. Wir beobachten ein paar Täubchen und hören den Geckos beim regen Nachbarschaftsplausch zu. Schließlich landet noch eine Eule im Baum am Wasserloch und sagt uns Gute Nacht. Jetzt wird es gänzlich dunkel, und Abermillionen Sterne funkeln um die Wette. Was für ein Traum!
Doch mein Hyänen-Sichtungs-Wunsch dominiert wieder mein Gehirn. Ich will diesen Park nicht verlassen, ohne eine gesehen zu haben! Während Uwe es vorzieht, sich „aufs Ohr zu hauen“, starte ich meine Mission Nachtwache. Das Wasserloch ist so nah, dass ich sie – sollte eine kommen – vielleicht sogar fotografieren könnte.
Ich sitze … und warte … und warte. Das Einzige, was ich sehe, ist das Spotlight unserer Nachbarn, die ebenfalls vorhaben, die Nacht durchzumachen. Sie haben erzählt, dass sie hier mal eine unglaubliche Leoparden-Sichtung hatten. Das motiviert! Aber ich unterschätze immer wieder, wie schwer es ist, wach zu bleiben, wenn um mich herum alles still und dunkel ist. Die Müdigkeit schlägt gnadenlos zu. Das ist vielleicht eine Quälerei! Irgendwann muss ich kapitulieren. Ich muss schlafen, nur ein bisschen. Vorsichtshalber stelle ich mir den Wecker auf 3 Uhr.
Irgendwann höre ich das vertraute Bellen der nächtlichen Krawallos. Jetzt habe ich die Chance zu erkennen, welche Spezies sich hier immer so zankt! Ich stehe auf – Brrrr, ist das kalt geworden! Meine Winterjacke liegt natürlich im Auto. In meiner Not wickle ich mir das Bettlaken um wie eine römische Toga. Dank des kurzen Weges in unserem Zimmer reicht ein Stolperer, und ich stehe draußen auf dem Balkon.
Ahhh ja, wie vermutet: Es sind Schakale. Zwei, drei Tiere. Sie kommen und gehen. Ich halte als frierendes Bettlaken-Gespenst die Stellung, aber nicht lange, bis mich die Müdigkeit wieder überwältigt. Ich schaffe es weder wach zu bleiben noch vernünftig zu schlafen – ich könnte ja was verpassen! In mehreren Intervallen sitze, friere und warte ich oder schlafe ein halbes Stündchen.
Das Durchhaltevermögen unserer Nachbarn ist unglaublich. Wann immer ich draußen bin, sehe ich ihr Spotlight. Ich sitze wieder da und sehe nichts als den Baum und das Wasserloch.
Wisst ihr was? Mir reichts: Es ist mir sowas von Scheiß egal, wer oder was sich heute Nacht noch hier blicken lässt. Ich will nur noch schlafen und hau mich augenblicklich ins Bett. Durchgefroren wie ich bin, dauert es eine Weile, bis ich meine Hyänen endlich sehe: Zwar nur im Traum, aber dort sind sie wenigstens scharfgestellt.
Teil 3425. Apr. 2026
Montag 16. Februar
Koffeinparty
Wir sind um halb Sieben die ersten, die sich in der Küche zu schaffen machen. Während wir schon unseren Kaffee schlürfen, kommen nach und nach auch die anderen, um sich ebenfalls ihren Muntermacher zu brühen. Ich bin sehr erstaunt, dass unsere „Nachtwächter“ überhaupt schon auf den Beinen sind. Am Tisch entsteht wieder eine gepflegte Plauderei und Frau „Spot-Light“ berichtet von ihrer Sichtungs-Ausbeute: Die Krawallbrüder, die ich auch gesehen habe und ein paar afrikanische „Busch-Kängurus“. Na, da habe ich ja sogar im Traum mehr gesehen.
Ab in die Dünen
Ich bin heilfroh, dass ich mich gestern Abend trotz eventueller schwerwiegender Sichtungsverluste ins Bett gehauen habe. Die heutige Etappe durch die Dünen ist eines unserer Highlights, auf das ich mich schon lange freue – das wollte ich auf keinen Fall im Halbschlaf erleben. Kurz vor acht Uhr verabschieden wir uns von allen, einschließlich Claudius und fragen ihn, ob er unsere restlichen tiefgefrorenen Steaks haben möchte – er will, und wie er will 😄 . Unsere Kartoffeln lehnt er allerdings dankend ab. Er gehört wohl eindeutig zur Spezies „Fleischfresser“ – Kartoffeln wären nur unnötige Deko auf dem Teller.
4x4 Surfen
Der weiche Sand unter unseren Schlappen fährt sich absolut abenteuerlich. An manchen Stellen fühlt es sich eher nach „Surfen“ als nach Fahren an. Es gibt aber durchaus auch Etappen, in denen der Sand durch den letzten Regen schön verdichtet ist und wir gut Grip unter den Rädern haben.
Dann eine Düne der Marke „Riesig“. Drei Fahrspuren führen nach oben – und die mittlere sieht echt grauenhaft übel aus. Uwe steht der Sinn nach Experimenten (oder einer Überdosis Nervenkitzel). Er will wissen, was die Kiste ohne Schickimicki-Technik kann, und wählt die Hardcore-Spur.
Versuch 1: Ohne technische Unterstützung: Nach einem Drittel der Distanz ist Schicht im Schacht. Wir bleiben stecken und rollen im Rückwärtsgang wieder runter.
Versuch 2: Jetzt mit Untersetzung. Der Hilux pflügt sich tapfer rein, kommt vielleicht zwei Meter weiter... Ende Gelände und zurück auf Start.
Versuch 3: Jetzt wird das schwere Geschütz aufgefahren – Untersetzung plus Differentialsperre. Der Hilux schuftet und gibt alles. Im absoluten Zeitlupentempo kriechen wir dem Gipfel entgegen. Zentimeter um Zentimeter siegt die Technik über den Sand, bis wir den Kamm schließlich bezwingen und einen Moment stehen bleiben, um diese umwerfende Gipfelaussicht zu genießen.
Blind-Date
So ein Dünenkamm ist echtes Blind-Date-Fahren: Geht’s dahinter schnurgerade weiter? Kommt die fiese Kurve? Oder entscheidet sich ausgerechnet jetzt ein Springbock für den spontanen Spurwechsel? Spätestens jetzt wird klar, warum die Strecke eine Einbahnstraße ist – Gegenverkehr würde hier direkt zu einer „spontanen Umarmung“ der Stoßstangen führen.
Gute Laune garantiert
Diese Fahrt ist ein einziger Endorphin-Booster und macht einfach nur gute Laune. Während fast schon unverschämt üppiges Grün die Dünen tarnt, liegt der rote Sandweg wie eine Schleife in der Landschaft. Die Kalahari wird uns quasi mit Geschenkband präsentiert.
Kleine farbenprächtige Flugobjekte flattern um unser Autochen herum, während die größeren Vögel als rennendes Bodenpersonal unterwegs sind und sich Riesentrappen oder Strauße nennen. Letzteren kleben auch gerne mal die halbwüchsigen Azubis an der Hacke. Ab und zu sehen wir ein Oryx oder ein Steenböckchen.
...und ich glaub, ich bin im Himmel: Ein Vogel mit Heiligenschein 😄
Eine Frage brennt mir dennoch unter den Nägeln. Wo ist denn eigentlich die Erdmännchen-Mafia? Von denen hab ich ja noch gar nichts zu sehen bekommen. Haben sie kollektiv Urlaub eingereicht oder mussten sie untertauchen? Spoiler: Dieses Geheimnis lüftet sich auch bis zum Ende unseres Urlaubs nicht.
Alles in allem ist die Strecke also eine Naturfahrt – aber was für eine! Der Himmel ist mal mehr, mal weniger bewölkt und lässt die Landschaft wie ein Gemälde aussehen. Je näher wir uns der Hauptpiste im Auobtal nähern, desto mehr Bäume und Büsche behaupten sich in der roten Wüste.
Übrigens gibt es hier auch ein Tal der Melonen. Sie sehen aus wie bei uns die Honigmelonen und sind auch in etwa so groß. Es gibt weit mehr als wir zählen könnten. Für Schakale, Stachelschweine oder Nager sind die Tsamma-Melonen wertvolle Überlebenscocktails. Viele liegen ausgehöhlt und schrumpelig wie Rosinen am Boden, und wir rätseln, warum sie ohne sichtbaren äußeren Schaden so implodiert aussehen. Wo ist die Öffnung für den Strohhalm?
Klein-Okavango im Auob-Tal
Ehe wir uns versehen, ist der Dünenritt auch schon wieder vorbei. Wir rollen zurück auf die Auob-Piste und trauen unseren Augen kaum: Hier muss es ordentlich geschüttet haben! Stellenweise stehen die Pisten unter Wasser, was den Fahrspaß direkt noch mal in die Verlängerung schickt. In den Auen haben sich tatsächlich kleine Seen gebildet – die Kalahari spielt heute „Okavango-Delta“. Ein wunderschöner Anblick!
Möglicherweise hat sich letzte Nacht tatsächlich eine Kaltfront über Bitterpan ausgebreitet, sie jetzt ins Auob Tal zieht. Das Thermometer zeigt mittags immer noch schüchterne 25 Grad an - für verwöhnte Wüstenreisende wie mich eigentlich schon fast Frostbeulen-Territorium. Aber ich habe Glück und es wird mit jedem Kilometer Richtung Süden ein kleines bisschen wärmer.
Gipfel-Treffen
In Rooibrak erwartet uns ein Überraschungskomitee mit locker 20 Giraffen! Dass man im KTP mal eben so einer riesigen Herde begegnet, ist fast schon surreal. Ich glaube, wir haben überhaupt noch nie so einen Giraffen-Massen-Tourismus gesehen.
Da gibt es natürlich kein Halten mehr – Motor aus, Augen auf. Wir beobachten die Damen und Herren eine gefühlte Ewigkeit dabei, wie sie anmutig flanieren oder sich zum Trinken in ihre akrobatischen Posen begeben.
Auf der Zielgeraden
Auch der Rest der Strecke lässt sich nicht lumpen: Greifvögel, Oryxe, Gnus und Springböcke geben sich quasi die Klinke in die Hand. Wir bewegen uns im Schmidtchen-Schleicher-Gang über die Piste und genießen jede Sekunde, bis wir nach insgesamt ungefähr sechseinhalb Stunden Fahrt, in Twee Rivieren das Tor passieren.
Teil 3525. Apr. 2026
Abgas-Hölle
Bei der Chalet-Zuweisung endet unsere Glückssträhne für heute mit einem harten Aufprall. Wir ziehen die „Niete“ des Parks: Chalet Nr.16 (oder 15, die nehmen sich beide nichts). Die Lage ist eine absolute Frechheit. Es liegt direkt an der Einfahrt oberhalb der Tankstelle. Jeder, der den Shop besucht oder zur Rezeption will, parkt direkt neben unserem Schlafzimmer-Fenster. Die Aussicht von der Terrasse? Ein Logenplatz mit Blick auf den Kreisverkehr und die Tanke.
Wir parken und steigen aus: Puuh, hier riecht es aber sehr streng, um es mal nett auszudrücken. Wir flüchten ins Chalet: Aber drinnen riecht es auch so, als würde man seine Nase in einen Auspuff stecken. Wir befürchten Gasaustritt und checken die Lage – nein, kein Gas! Ist die Klimaanlage der Übeltäter? Wir schalten sie ab, aber es wird nicht besser. Ich reiße instinktiv die Fenster auf, aber draußen stinkt es genauso. Der Geruch ist allgegenwärtig.
Draußen sitzen ist eine Qual, drinnen bleiben ebenso. Es gibt kein Entkommen. Wir bekommen die volle Dröhnung: Schwere Fahrzeuge und Bagger walzen fast pausenlos an uns vorbei und spendieren uns eine Geräuschkulisse, die eher an eine Baustelle als an einen Nationalpark erinnert. Und als wäre der Lärm nicht schon genug, kriecht uns der beißende Abgas-Gestank in jede Pore.
Kampf oder Kapitulation?
Ich spüre, wie die Wut in mir hochkocht. Am liebsten würde ich zur Rezeption stürmen, mit der Faust auf den Tresen hämmern und gnadenlos ein anderes Quartier einfordern. Dieses Zimmer zu vermieten, ist eine bodenlose Unverschämtheit. Doch Uwe bremst mich aus: Diese Diskussion würde vermutlich schneller enden als begonnen. Die müssen nur argumentieren: „We are full.“ Schätzelein: Das ist pure Energieverschwendung. Schluck’s runter – wir sind nur eine Nacht hier.
Recht hat er, das sehe ich im Grunde genauso. Aber Kleinbeigeben? Nur widerwillig. Ich würde am liebsten sofort den Zündschlüssel umdrehen und flüchten. Auch das versteht mein Schatz, aber nach sechseinhalb Stunden Fahrt ist er durch und braucht jetzt seine Pause-das verstehe wiederum ich. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich durch den Rest des Tages zu quälen – und nein, das ist leider nicht im Geringsten übertrieben.
Wendung des Tages
Im Laufe des Nachmittags bekomme ich Kopfschmerzen – ob von den Abgasen oder von meiner flachen Atmung, kann ich nicht sagen – aber wir überleben die den Tag ohne Sauerstoffmaske.
Zum Torschluss verlassen die Tagesgäste den Park und die „Häuslebesitzer“ kehren auch heim. Autos und Bagger beziehen ihr Nachtquartier und die schlechte Luft kann sich ohne Nachschub verduften. Endlich können wir wieder Durchatmen.
Mit dem Sonnenuntergang kehrt Leben ein, wir bekommen Besuch. Fünf herzallerliebst goldige Mangusten fühlen sich auf unserer Terrasse daheim und das schöne ist, sie akzeptieren uns in ihrer Mitte. Sie sind sehr neugierig und alles andere als schüchtern. Sie flitzen hin und her, spielen miteinander, legen sich hin und kommen fast bis an unsere Füße. Eine hat prompt vor, mit uns in der Hütte einzuziehen. Ich kann gerade noch die Tür zu machen, bevor sie sich ein Bett aussucht.
Natürlich erschrickt sie, als ich vom Stuhl hochspringe und zur Tür hechte. Jetzt hockt sie in der Ecke und schaut mich mit einem Blick an, der sagt: „Ich dachte, ich bin eingeladen, warum knallst du mir jetzt die Tür vor der Nase zu“? Der Gesichtsausdruck wirkt fast ein bisschen verletzt – was man nicht alles in einen Tierblick hineininterpretieren kann.
Ganz ehrlich: Die Mangusten machen uns total glücklich. Vergessen sind die Abgase und der Ärger über unser Quartier. Die Tierchen sind für uns was ganz Besonderes und quasi eine Hautnah-Begegnung. Was hätte uns ein Drive heute Abend mehr bieten können? Das versöhnt uns jetzt wieder ein bisschen mit unserer A-Karten-Wohnsituation.
Nachdem sie sich ausreichend ausgetobt und uns bespaßt haben, verziehen sie sich und wir uns auch. Während wir uns bettfertig machen, beschließen wir, morgen vor dem Frühstück eine letzte Runde durch den Park zu fahren – vielleicht finden wir ja die Ceethas wieder.
Also dann, bis Morgen – Gute Nacht.
Teil 3629. Apr. 2026
Dienstag 18. Februar
Gnadenloser Pupsi-Weckruf
Schweres Gerät rollt an – Benzinnachschub im Anmarsch. Der Dieselmotor brummt, bis der Fahrer die Parkbremse zieht und die Druckluftanlage ihren zischenden Pups entlässt. Dann wird dem Motor der Saft abgedreht. Stille!
Zwei Minuten später dringt das helle, monotone Singen der Benzinpumpe an mein Ohr. Es ist noch stockdunkel und gerade mal 5.00 Uhr. Ich bin wach, aber das ist ja nicht ungewöhnlich und heute auch gar nicht schlimm; in vierzig Minuten ist die Nacht sowieso vorbei. Während Uwe den Schlaf des Gerechten schläft, vertreibe ich mir die Zeit bis zum geplanten Weckruf mit Lesen und Schreiben.
Auf zum Stempel-Tempel
Ein paar Spritzer Wasser ins Gesicht, einmal mit der Zahnbürste im Schnellwaschgang übers Gebiss geschruppt – fertig ist die Expeditionstauglichkeit. Auf geht’s zur letzten Runde durch den Park. Meine Erwartungshaltung hat absolut nichts dazugelernt. Die Wunschliste an meine gute Fee bleibt unverändert unbescheiden und ambitioniert.
Aber bevor wir Richtung Norden durch das Tor in die Freiheit rollen dürfen, verlangt die Bürokratie ihr Opfer: Wir brauchen den Stempel für unser Tiersichtungs-Berechtigungs-Formular. Also einreihen in die Schlange der Gleichgesinnten, die alle denselben „Ich-will-jetzt-einen-Leoparden-sehen“-Blick draufhaben – okay, ein paar stehen auch mehr auf Vögel – die sind schon Leo-satt. Meine Geduld wird herausgefordert, obwohl die Konkurrenz überschaubar ist.
Während wir uns die Beine in den Bauch stehen, werden wir unfreiwillig zu Ohrenzeugen des „Busch-Funks“. Ein Ehepaar berichtet von fünf Zwangs-Nächten in Twee Rivieren, weil ihre Camps wegen Hochwasser dichtgemacht wurden. Man stelle sich das vor: Man fährt in die Wüste, um Staub zu fressen, und wird dann von einer Flutwelle überrascht. Das nenne ich Galgenhumor.
Letzte Runde
Mal sehen, was der KTP heute im Sortiment hat. In den Auen herrscht jedenfalls Partystimmung. Einige Wassertropfen haben sich zum Festival verabredet und in Rekordgeschwindigkeit ein paar Seenlandschaften gegründet. Die Wege bieten stellenweise dreißig Meter lange Furten; ganz nach unserem Geschmack.
Die Tierwelt ist auf Wanderschaft – Kneipp-Kur für alle! In einer Au weidet eine riesige Herde Springböcke. Ihr Motto: Nicht nur grasen, sondern ackern und den Boden einmal komplett umpflügen.
Auch Gnus sind auf Völkerwanderung. Sie warten konsequent bis wir nah genug herangekommen sind, bevor sie dann die Spur wechseln. Ein sehr junges ist noch gar nicht fertig mit Frühstück, als die Alten das Kommando zur Straßenquerung geben. Dem hängt noch der Salat aus dem Maul – so nach dem Motto: Ist für unterwegs.
Heute Morgen müssen anscheinend alle irgendwo hin. Uns freut`s. Allerdings haben wir heute nicht so große Lust zum Fotografieren, sondern genießen es, einfach mal nur zu beobachten. Nachteil: Ich hab zu wenig Fotos für meinen Bericht.
Zwei Schakale balgen sich übermütig, messen ihre Kräfte oder üben für den Ernstfall.
Diverses Federvieh bedient sich an der Saftbar, wo sie schon mal hier sind, und die Wasservögel freuen sich am Naturschwimmbad.
Audienz beim Meditations-Meister
Finale: Weit vor uns, zwei Fahrzeuge quer auf der Straße. Ein Unfall ist es zum Glück nicht. Neein, da gibt es wohl was Interessantes zu sehen. Ich hoffe, unsere Glücksfee hat sich was einfallen lassen. Zuerst können wir nicht an den Blechbüchsen vorbeischauen. Aber wir schließen auf. Da! Etwas undefinierbar Schwarzes versteckt sich in der Botanik.
Für ein im Gras liegendes Gnu würden die Fahrer sicher nicht die Straße blockieren, es sei denn, da nagen ein paar Hyänen dran rum. Aber nein, Gnu und Hyänen kann ich sicher ausschließen. Dann öffnet sich das Bild und wir haben ungehinderten Blick auf das Tier. Bingo: Hier fläzt ein prächtiger Mähnenlöwe im Gras. Und was für ein imposantes Tier.
Seine Majestät hat bereits mit der täglichen Meditation begonnen. Das Ziel: Absolute Tiefenentspannung. Der Weg dorthin: Ein paar Mal die müden Augen öffnen und schließen, zwei - drei Mal den Kopf heben und die Gaffer mustern – das wars auch schon mit Action. Die Entspannung nimmt ihren Lauf. Wir warten noch ein Viertel Stündchen, vielleicht sticht ihm ja eine Hummel in den Hintern und weckt ihn aus seiner Trance. Aber nein, kein Insekt in Sicht, keine neue Energie im Löwen.
Zwar ist davon auszugehen, dass sich der der King bald einen Schattenplatz für seine Siesta sucht, aber uns sitzt jetzt leider die Zeit im Nacken. Also können wir seinen Abgang nicht abwarten und müssen uns verabschieden.
Und Tschüß Haus Nr. 16
Zurück im Chalet geht eigentlich alles ganz fix: Kaffee kochen, Frühstück richten und in Rekordgeschwindigkeit das Brötchen in den Rachen schieben, denn die Abgaswolke nebelt uns schon wieder ein, jeder Bissen hat Auspuff-Aroma. So macht das keinen Spaß, also nichts wie weg hier.
Während Uwe im Akkord das Gepäck verlädt, nehme ich mir im Turbogang den Abwasch vor. Dann machen wir uns schleunigst vom Acker. Häuschen Nr.16 bemüht sich nicht darum, uns den Abschied schwer zu machen. Dafür aber durchaus die zwei Mangusten, die uns noch einmal Guten Tag sagen.
Auf nach Upington
Nach den unzähligen Kilometern im Park und der chronischen Bewegungsarmut klopft bei mir sowas wie eine Fahr-Müdigkeit an. Die Lust auf ländliche Umwege ist erst einmal gesättigt. Wir wählen die direkte Linie nach Upington. Ein kurzer Boxenstopp im Supermarkt, um den Getränkepegel wieder auf Kurs zu bringen, und dann steuern wir zielstrebig das River Place Manor an.
Fast wie Heimkommen
Die Begrüßung ist genauso herzlich wie vor acht Tagen. Und das Beste: Wir bekommen exakt dasselbe Zimmer – ein heimlicher Wunsch, der prompt in Erfüllung geht. Die Schmutzwäsche der letzten Tage wird direkt zur „Kur“ abgegeben, während wir uns in unserem Badezimmer-Tempel eine Wellnessdusche gönnen. Danach: Kaffee kochen und ab auf unseren schönen Balkon. Der Blick ins Vogelparadies ist einfach unschlagbar.
Nach acht Tagen „Schmalspurkost“ und Kochlöffelschwingen, genießen wir es heute in vollen Zügen, uns wieder nur an den gedeckten Tisch zu setzen und uns bedienen zu lassen- Herrlich!
Zurück im Zimmer zeigt der Himmel sein dramatisches Gesicht. Ein Gewitter zieht auf und die Schleusen öffnen sich. Aber unser Balkon ist überdacht. So sitzen wir gemütlich im Trockenen, lauschen dem Regen und Genießen die kühle Luft, bis wir schließlich in die weichen Kissen fallen und wunderbar schlafen.
Teil 3701. Mai 2026
Fazit zum KTP
Twee Rivieren: Erste Nacht im Chalet Nr.16 hat uns richtig gut gefallen. Haus Nr.1, am Ende unserer KTP-Zeit, war eine Zumutung wegen der Abgase. Auf der Nossob-Seite sahen wir viele Tiere.
Aussicht
Urikaruus: Absolut charmante Wohnsituation auf zwei Etagen, heiß, Venti vorhanden – bringt nur nichts. Herrliche Aussicht. Tiersichtung war bei uns leider gleich Null. Aber das ist Glücksache, geht auch anders. Aussicht
Kalahari Tented Camp: Super schöne Aussicht, Wasserloch zu weit weg (vom Honeymoon Chalet) und sehr schlecht beleuchtet. Wohnsituation okay. Drives fast nur Richtung Süden möglich, weil man ja schon am Ende des Parks ist. Aussicht
Nossob - Eulenparadies Hatte fast schon den Charakter einer normalen Wohnung und eine sehr schöne Aussicht. Fahrten Richtung Süden waren wegen tiefliegender Piste und üppigem Grün „sehbehindert“. Aussicht
Bitterpan: Sehr urig, eng, heiß ohne Venti oder Klimaanlage, aber alles da, was man braucht, klasse Aussicht. Gemeinschaftsküche ist nun mal so, geht aber für kurze Zeit und ist gemeinschaftsfördernd. Tiersichtung wie erwartet bescheiden, aber landschaftlich ein Traum und die Dünen bieten reinen Fahrspaß Aussicht
Allgemein: Die Camps waren für uns allesamt besser als erwartet. Tiersichtungen ohne technische Unterstützung sind aufgrund der Distanzen schwierig. Fernglas und Ofenrohr-Objektive sind durchaus sinnvoll.
Der Februar ist nicht unbedingt die beste Zeit viele Tiere zu finden. Eine gute Taktik wäre es, mit den Sichtungswünschen bescheiden bleiben – (wer es kann), und sich positiv überraschen zu lassen.
Kleiner Wermutstropfen: Man fährt im Grunde immer dieselbe Piste auf und ab, keine Loops. Die Wasserlöcher sind zudem deutlich weiter von der Piste entfernt als etwa im Etosha-Park, und der Platz für Beobachtungen ist oft auf nur wenige Fahrzeuge begrenzt. Die Vorstellung in der Hauptsaison an letzter Stelle zu stehen und nichts zu sehen, bis der Spektakel ganz vorne vorbei ist, gefällt mir nicht. Wir kommen wieder – und zwar in der gleichen Saison, aber hoffentlich mit bescheideneren Erwartungen 😄
Mittwoch 19. Februar
Der frühe Vogel…
Es blitzt und donnert die ganze Nacht. Wir schlafen trotzdem gut. Gegen fünf weckt mich der erste Vogelgesang. Jetzt hält es mich nicht mehr im Bett. Ich setze mich raus auf den Balkon. Mystisch liegt eine Nebelschwade über dem Fluss. Aber ich höre die Vögel gar nicht mehr. Warum ist es plötzlich so still?
Wir hatten über Nacht das Fenster zur Parkplatzseite auf Kipp. Die Frühsänger hocken wohl alle auf der anderen Seite des Hauses, ihre Kammer-Musik kommt hier auf der Flussseite gar nicht an. Zudem ist es empfindlich frisch geworden. Nach zwanzig Minuten bin ich durchgefroren und kuschele mich lieber wieder ins warme Bett.
Stau am Frühstücksbuffet
Um halb acht gehen wir mit der Überzeugung ins Restaurant, dass wir früh dran sind. Aber denkste: Es ist bumsvoll. Nur noch in der hintersten Ecke ist ein Zweier-Tisch frei. Für ein sonst so exzellentes Haus fällt das Frühstücksbuffet allerdings recht bescheiden aus – aber verhungern müssen wir trotzdem nicht.
Bis 10:00 Uhr vertrödeln wir noch gepflegt die Zeit, denn wie bereits erwähnt, wird mir die Fahrerei mit zeitaufwändigen Umwegen zu viel. Wir holen unsere Wäsche, packen zusammen und brechen auf. Die direkte Route nach Sweetfontein über die N10 ist mit etwas mehr als drei Stunden Fahrtzeit angegeben.
Auf in die große Karoo
Hinter Upington zeigt sich wieder eine Hollywood-Landschaft. Hügel, Weingärten und Obstplantagen bilden ein märchenhaftes Panorama. Ich würde zu gerne ein paar Fotos machen, aber der Verkehr lässt uns keine Chance. Ständig klebt uns jemand im Nacken, sodass das gewohnte „Halt mal kurz an“ flachfällt. Wirklich schade, den Anblick hätte ich euch gerne serviert!
Stattdessen gibt es ein landschaftliches Wechselbad: Ein paar Kilometer staubtrockene Einöde, dann plötzlich wieder grüne Flusstäler und sogar eine Brücke über einen idyllischen, riesigen See. Und dann? Vorbei mit der grünen Herrlichkeit. Willkommen in der großen Karoo!
Ab jetzt spulen wir nur noch Kilometer um Kilometer ab und wirbeln Staubfahnen auf. Die Fahrt zieht sich sehr zäh durch den Tag. Ab und zu sieht man Schafe, Ziegen oder Pferde in ihren Koppeln stehen, es gibt kaum einen Grashalm, der diesen Namen noch verdient hätte.
Beunruhigende Wetterprognosen
Sanparks hat vor ein paar Wochen gemeldet, dass in der Karoo extreme Dürre herrscht und wir uns drauf einstellen müssten, viele abgemagerte und tote Tiere zu sehen. Bei der Vorstellung hab schon gar keine Lust mehr auf diese Etappe unserer Reise.
Unterwegs hänge ich meinen Gedanken nach. Neben dem aktuellen Wetter in der Karoo, interessiere ich mich auch für die Wettermeldungen zum Kruger, zu Botswana und Namibia. Sie sind dramatisch – es wird von unvorstellbaren Wassermassen und Schäden berichtet.
Der Gedanke an unsere eigene gebuchte Caprivi-Botswana-Reise für März nächstes Jahr, beunruhigt mich extrem. Ich fühle mich gar nicht mehr wohl mit dem Gedanken und der Vorstellung womöglich mit ähnlichen Wassermassen konfrontiert zu werden.
Wir sprechen darüber. Uwe sieht es ein wenig entspannter, was dieses Jahr ist, kann im nächsten ganz anders kommen. Da hat er schon recht, aber meine Bedenken lösen sich nicht in Luft auf und ich kann ihn davon überzeugen, die Reise zu stornieren, wenn wir wieder daheim sind. In meiner Schublade gibt es eine ganze Auswahl an fast fertig ausgearbeiteten Alternativen. Da wird sich was cooles finden.
Zurück ins Hier und Jetzt
Welcome mit Verzögerung
Die Sweetfontein Boutique Farm Lodge finden wir leicht, aber das Tor ist geschlossen, auf unser Klingeln reagiert niemand. Wir versuchen es nochmal, Stille. Dann noch ein paar Mal, es tut sich nichts. Telefonisch ebenfalls Funkstille! Da stehen wir nun- ratlos, sicher zwanzig Minuten. Auf eine Distanz von schätzungsweise 2-3 Kilometer erkennen wir die Lodge. Wir sehen schon vor uns, wie wir uns über den Zaun schmeißen und hechelnd zur Rezeption traben. Grausame Vorstellung bei dieser Affenhitze in der prallen Sonne. Toll – ich fühl mich so willkommen.
Komm, einmal versuchen wir es noch mit Klingeln – Nichts. Unsere Füße sind mit der Idee zur Rezeption zu wandern nicht einverstanden und nötigen uns zu einem letzten Anruf. Glück gehabt: Jemand nimmt ab und öffnet uns sofort das Tor.
Beim Check-in erfahren wir, dass es technische Probleme gab. Man hörte weder das Klingeln noch das Telefon und niemand wusste, wann wir kämen. Okay, ich nehme meinen ersten Eindruck zurück. Jetzt sind alle sehr freundlich und bemüht.
Teil 3801. Mai 2026
Nichts erwartet und Volltreffer gelandet
Uns wird erklärt, wie wir zu unserer Suite fahren müssen. Doch da unser beiderseitiges Englisch nicht besonders „very well“ ist, merkt der junge Mitarbeiter sofort, dass Taten mehr sagen als Worte: Er sprintet einfach los! Während er Abkürzungen durch die Gärten nimmt, fahren wir außen herum. Und tatsächlich – genau da, wo es knifflig wird, kommt er plötzlich wieder aus dem Gebüsch gesprungen und weist uns den restlichen Weg. Na, wenn das kein ehrenwerter Einsatz ist? Das nenne ich Arbeiten mit echter Hingabe. Wir parken unser Wägelchen und laufen die letzten Schritte hinter ihm her zum Chalet.
Der Garten ist wie aus einem Hochglanzmagazin: geschmackvoll, kreativ und so hochgradig gepflegt, dass er mich sofort an Babylonstoren erinnert. Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf, ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinsehen soll. Hier blühen Pflanzen, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Leute, macht euch auf eine Flut von Fotos gefasst!
Dann betreten wir die Veranda unseres Chalets mit Blick auf diesen traumhaften Garten. Der Mitarbeiter öffnet die Tür und ich bin schlichtweg geflasht. Was für eine geschmackvoll gestaltete Suite! Im Badezimmer könnte man fast spazieren gehen. Einzig mit der Klimaanlage hat man es ein bisschen zu gut gemeint – drinnen herrscht echtes Frostbeulenklima. Aber das lässt sich schnell regeln: Anlage aus, Tür auf, Wohlfühltemperatur an.
Ich koche mir erst mal einen Kaffee und setze mich mit meinem Pott raus auf die Veranda. Vor mir erstreckt sich eine riesige Rabatte mit blühenden Kakteen. Dazwischen stolzieren Pfauen, die an den Fruchtständen picken, während Hühner den Boden von Käfern befreien und die Erde auflockern. Für ihre Freiheit bedankt sich dieses fleißige „Bodenpersonal“ mit frischen Eiern, die wir vermutlich morgen zum Frühstück serviert bekommen.
Das ist ein Genussmoment der Superlative. Ein Paradies im Nirgendwo. Anschließend genieße ich die herrliche Dusche und dann muss ich unbedingt die Gärten erkunden und Fotos machen. Die Bewegung tut mir gut. Ich weiß gar nicht wo ich zuerst hinschauen soll. Für mich ist das hier das höchste der Gefühle.
Hinter jeder Ecke eine neue Entdeckung
Auf meiner Entdeckungstour finde ich sogar eine Kapelle, einen Festsaal, der sicher 250 Leute aufnimmt, und eine gigantische überdachte Terrasse. Der Saal wurde gerade dekoriert – dieses Ausmaß an Decken-Deko kann ich gar nicht in Worte fassen. Leider kann ich kein Foto machen. Sowas habe ich noch nie gesehen. Die überdimensionale Terrasse bietet einen unglaublich schönen Ausblick in die Karoo, und im Feld stehen überall mit großem Abstand zueinander Stühle, um den Sundowner angemessen zelebrieren zu können. Im Übrigen ist hier von der Dürre noch nichts zu sehen.
Der Tag vergeht viel zu schnell. Während wir aufs Dinner warten, gibt es ein kurzes Gewitter mit Schauer und gleich drauf einen wunderschönen Regenbogen.
Dann wird das Essen gebracht: Jetzt haut es mir den Nucki raus! Das Menü ist eine Hommage an die Natur, garniert wie ein kleiner Garten, und der Geschmack steht der Optik in nichts nach. Ich bin echt geflasht. Außer uns sind nur wenige andere Gäste da. Aber an einem Tisch sitzt eine kleine Gruppe und die haben Spaß – leider unangemessen laut. Das lässt sich auch gar nicht so leicht ausblenden
Teil 3901. Mai 2026
Dafür sind einige Mäusefänger auf vier Pfoten unterwegs. Sie lassen sich sogar kurz streicheln, spielen und toben aber viel lieber miteinander. Meine Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen. So schade, dass wir nur für eine Nacht hier sind. Im Dunkeln schlendern wir bei lauschigen Temperaturen in unser Chalet zurück und schlafen wunderbar.
Teil 4007. Mai 2026
Donnerstag 19. Februar
Himmlisches Vergnügen
Die Höhe unseres Betts, sicher 80 cm, ist beachtlich, – eine kleine Person bräuchte fast schon eine Himmelsleiter, um die kuscheligen Kissen zu erreichen. Ich hingegen kann mich quasi aus dem Stand in die Federn fallen lassen. Hat man die Höhenmeter erst mal überwunden, schläft es sich förmlich wie im Himmel.
Im Land der Träume höre ich, wie in der realen Welt ein Gewitter tobt. Ich liebe es, wenn es blitzt und grollt – und ich schlafe wie ein Baby.
Auferstehung des Caruso
Würde ich an Reinkarnation glauben, wäre ich davon überzeugt, Caruso hätte sich in einen Gockel verwandelt. Es ist gerade mal vier Uhr morgens, als das unverschämte Federvieh anfängt zu singen wie auf der Opernbühne. Er jodelt seinen Gockelsong ins Morgengrauen, bis er sicher sein kann, dass auch der letzte Bewohner des afrikanischen Kontinents seine Stimme gehört hat – dann: Stille!
Er scheint wieder eingeschlafen zu sein, und auch ich finde, nachdem ich eine Runde senkrecht im Bett gesessen habe, wieder in den Schlaf. Bis … er anscheinend erneut wach wird und wohl panisch denkt, er hätte verschlafen. Vorhang auf für die zweite Arie! Ich finde, er überschätzt sein Talent maßlos. Uwe ist genauso begeistert wie ich. Wir sind uns einig: Der geht uns heute besser aus dem Weg.
Als wir die Tür öffnen, um zum Frühstück aufzubrechen, begrüßen uns vorbildlich und ohne jegliche Lärmbelästigung die Pfauen. Und wer schon mal Pfauen gehört hat, weiß, dass die auch ganz anders können. Doch im Moment flanieren sie nur friedlich auf unserer Terrasse oder sind zwischen den Kakteen unterwegs.
Wir laufen querfeldein über angelegte Wege zwischen den Rabatten zum Restaurant. Und dann steht er plötzlich vor uns der Störenfried. Wir müssen zugeben, dass er sehr hübsch aussieht, dennoch hat er Glück, dass wir gerade keinen passenden Bräter zur Hand haben.
Gruß aus der Küchen-Gärtnerei
Die Tische auf der Terrasse sind einladend eingedeckt, und die Atmosphäre ist wie im Märchen. Nach dem gestrigen Dinner ist unsere Erwartungshaltung entsprechend hoch, doch heute fällt das Angebot eher bescheiden aus. Uwe bestellt sich Eier – was auch sonst – und Toast mit Marmelade.
So geht Frühstücks-Floristik
Ich entscheide mich für eine Waffel mit Obst. Man denkt im ersten Moment: „Das klingt doch lecker“, und angerichtet ist es wieder wie von einem Food-Floristen. Doch meine Waffel hat die Konsistenz der „Wüste Gobi“, und auch die Äpfel und Orangen, die darauf dekoriert sind, machen das Ganze nicht rutschiger im Abgang. Man kann es essen, aber ich habe wieder einmal zu viel erwartet.
Auch beim Saft werden wir enttäuscht: Statt der erhofften frisch gepressten Vitamine werden uns zwei Flaschen Nektar auf den Tisch gestellt. Für mich ist Nektar nicht viel mehr als gepanschtes Zuckerwasser und so schmeckt er leider auch. Wir öffnen erst mal nur eine Flasche und lassen die zweite unangetastet stehen.
Der Service hingegen ist sehr herzlich. Wir unterhalten uns ein wenig mit dem jungen Mann, der uns bedient. Uwe kann es nicht lassen: Er spricht das Thema „Gockel“ an und meint trocken, der gehöre eigentlich in die Pfanne. Der junge Mann findet die Bemerkung allerdings überhaupt nicht lustig und verteidigt „Maestro Caruso“ wie eine Mutter ihr Kind.
Trotz Gockel-Kontroverse bleibt der Service herausragend. Wir lassen die zweite Flasche Saft – die wir natürlich brav bezahlen – sozusagen als Gastgeschenk auf dem Tisch stehen. Sie ist ja noch jungfräulich unangetastet. Dann begleichen wir unsere Rechnung, verladen unser Gepäck – und gerade, als wir Gas geben möchten, springt uns besagter Mitarbeiter vor den Kühler, überglücklich darüber, dass er uns noch erwischt hat. In der Hand schwenkt er triumphierend die Saftflasche: Wir hätten sie vergessen! Ach, wie aufmerksam, wie rührend – und wie tragisch: Jetzt haben wir eine Flasche Zuckerwasser an Bord, die keiner von uns trinken möchte. 🤩
Planung und Umsetzung- zwei linke Schuhe
Dieses schöne Fleckchen Erde hätte, trotz des rabiaten Gockel-Weckrufs, durchaus zwei Nächte verdient. Bedauerlicherweise müssen wir aber schon wieder weiter; unsere Reise führt uns nach Graaff-Reinet.
Durch die unglücklichen Umstände bei unserer Buchung verbringen wir dort leider die fünfte Einzelnacht in Folge. Das ist wirklich dumm gelaufen und macht was mit mir: Ich empfinde heute so etwas wie Reisemüdigkeit. Dieses ständige ‚Hop-on‘ ist mir zu unruhig.
Unterwegs
Während der heutigen Fahrt wechseln sich die Landschaftsbilder ab. Mal üppiges Grün, Pfützen, Seen, oder Bäche gesäumt von beeindruckenden Trauerweiden, dann wieder „nur“ die Karoo-Berge und staubtrockene Gegenden. Aber gerade diese Kontraste machen die Strecke abwechslungsreich und interessant.
Sobald man aber den Blick wieder auf die Straße richtet, ist es vorbei mit der Idylle. Auffällig viele LKWs stehen mit Pannen auf dem Standstreifen. Man mag sich gar nicht vorstellen, mit welchen technischen Mängeln manch ein Fahrer hier unterwegs ist – oft wohl ohne eine andere Wahl, als den Job trotzdem durchzuziehen und zu hoffen, am Abend unversehrt nach Hause zu kommen.
In manchen Buchten stehen „Mini-Mac“-Foodtrucks, die versuchen, die Arbeiter am Steuer mit ihrem kulinarischen Angebot am Leben zu halten. Leider liegen auch einige Fahrzeugwracks am Straßenrand; vielleicht wurden sie zur Abschreckung liegengelassen.
Überraschender Heiratsantrag
Nachdem wir drei Pässe überquert haben, erwartet uns ein gewaltiges Aufgebot: Eine Verkehrskontrolle mit sicher zehn Beamten und einer ganzen Flotte an Fahrzeugen. Auch wir werden herausgewunken. Eine Beamtin nimmt sich uns vor – und sobald Uwe das Fenster herunterlässt, werden wir mit einer Theatralik begrüßt, die einen Oscar verdient.
„Hello, my Sweetheart!“, schnurrt sie ihn an und beginnt ein charmantes Scharmützel. Ich suche instinktiv nach der versteckten Kamera. Uwe steigt natürlich sofort darauf ein, und wir amüsieren uns königlich. Dann der Höhepunkt: Sie macht ihm kurzerhand einen Heiratsantrag! In diesem Moment ist Uwe dann doch nicht ganz so schlagfertig wie sie; er wird unsicher und weiß nicht mehr recht, wie er reagieren soll. Also springe ich ein und sage trocken: „You can have him, but let me go!“
Mein Herzblatt hatte sich meine Unterstützung vielleicht etwas anders vorgestellt. Er überlegt wahrscheinlich kurz, ob seine Nörgelei wegen des frühen Aufstehens doch einen Knacks in unserer Ehe hinterlassen hat und ob wir jetzt eine Paartherapie brauchen. Selbst die Beamtin ist für einen Sekundenbruchteil sprachlos. Am Ende wollte sie meinen Angetrauten aber doch nicht behalten und ließ uns lachend weiterfahren. Da habe ich nochmal Glück gehabt.
Bitte keine Umstände
Ein Knopfdruck, und die Tore zum Drostdy Hotel öffnen sich. Wir parken und laufen zur Rezeption. Davor steht ein Mitarbeiter. Seine Aufgabe: den Gästen die Tür öffnen und sie nach dem Check-in zu ihrem Zimmer bringen. Seine Ausstrahlung: „Bitte nicht stören, hab heute keine Lust“. Ich möchte mich fast schon für unser Ankommen entschuldigen.
Unsere Suite braucht noch ein paar Streicheleinheiten, also wird uns vorgeschlagen, im Restaurant nebenan etwas zu trinken. Man würde uns holen, sobald das Zimmer fertig sei. Die Gartenanlage wirkt durchaus einladend und schreit uns förmlich an: „Hinsetzen und Eis essen!“ Einem solchen Befehl beugen wir uns natürlich sofort. Auf der Terrasse ist auch ein schöner Schattenplatz frei, doch die Hitze ist gnadenlos: Beton und Pflastersteine haben sich ordentlich aufgeheizt. Wir fühlen uns wie eine Pizza im Steinofen.
Die Zeit zieht sich. Eine Stunde später sehne ich mich nach einer Dusche und einer Klimaanlage. Während Uwe fürs Aussitzen plädiert – „die haben ja gesagt, sie holen uns“ – bin ich fürs Nachhaken und trabe allein zur Rezeption. Die Mitarbeiterin greift umgehend zum Hörer und gibt grünes Licht.
Ich hole Uwe, er holt die Koffer, und der besagte Mitarbeiter eskortiert uns zum Zimmer. Während sich die Hotelanlage von der schönsten Seite zeigt, bemüht er sich gar nicht erst, seine Lustlosigkeit zu verbergen – vielleicht ist die Aufgabe auch schlicht unter seiner Würde. Kein Wort bringt er über die Lippen. Doch als ein paar hübsche Frauen an ihm vorbeilaufen, verändert sich seine Haltung. Er strahlt plötzlich – na geht doch! – und verdreht sich fast den Hals, und das nicht nur einmal. Tja, ein „Mc Schöni“ ist er durchaus – aber sein Charme ist streng limitiert und nur auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet. Er scheint Casanova-Gene im Blut zu haben.
Erst Suit-seeing – dann Sightseeing
Unsere Suite ist hübsch und man kann es hier gut aushalten. Die Klimaanlage kommt ihrer Pflicht hervorragend nach. Das Zimmer hat eine schöne Größe und auch das Badezimmer erfüllt alle Wünsche – wir gönnen unserem Körper eine Hitze-Verschnaufpause.
Die kleine Terrasse gefällt mir weniger: Ein paar Steinchen auf den Boden gekippt, zwei unbequeme Stühle drauf und fertig.
Ganz in der Nähe soll es eine gute Bäckerei geben. Wir machen uns auf die Suche, denn dort möchten wir uns morgen frisches Brot holen, bevor wir zum Karoo NP weiterfahren. Wir laufen und laufen, finden sie aber nicht. Dafür entdecken wir eine imposante Kirche. Sie sieht zwar beeindruckend aus: Unser Ansinnen war heute allerdings nicht der Kirchgang, sondern das Aufspüren einer Handwerks-Bäckerei.
Wir schlendern weiter durch die Gassen, bis uns schließlich der Duft von frischem Brot verrät, dass wir fündig geworden sind. Jetzt sind wir schon mal hier und können nicht ignorieren, wie uns die kleinen Kuchen verführerisch anlachen. Ach, da nehmen wir doch für jeden ein kleines Küchlein mit. Während Uwe bezahlt, mache ich ein paar Fotos – diese kleinen Shops haben einfach ihr ganz eigenes Flair.
Teil 4107. Mai 2026
So, Kaffeepäuschen beendet - weiter geh`s
Wettbewerb: Quasselstrippe gegen Vogel-Symphonie
Gegen 17:00 Uhr zieht es uns ins Valley of Desolation. Mit unserem Autochen ist es nur ein Rutsch, und wir sind am Tor. Die schmale Teerstraße schlängelt sich kurvenreich den Berg hinauf. Oben auf dem Parkplatz stehen bereits zwei Fahrzeuge. Der Aufstieg ist kurz und moderat.
Eine kleine Gruppe Asiaten mit Reiseleiter und Kühlbox kommt uns entgegen. Nanu? Die sind schon auf dem Rückweg? Jetzt, wo das Licht am schönsten ist? Aber uns soll ihr früher Abgang recht sein.
Während des Aufstiegs lesen wir auf einem Schild: „Bitte sei eine Minute still und höre!“ Das muss man mir zwar nicht sagen, aber ich bleibe einen Moment stehen und schließe die Augen, um der Akustik ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Das Vogelkonzert ist majestätisch. Während wir weiter aufsteigen, dringen allerdings auch menschliche Stimmen an unser Ohr. Hat dort etwa jemand eine Telefonkonferenz? Ich liebe es ja, wenn Leute überall, wo sie sind, ihr Handy auf laut stellen und jeden im Umkreis von einem Kilometer an ihrem Leben teilhaben lassen.
Noch ein paar Schritte, dann ist es geschafft. Kurz vor dem Aussichtsplateau der Kulturschock: Da sitzt ein junges Fräulein wie die Lorelei auf einem Stein und lackiert sich die Fußnägel. Echt jetzt? Was ist schon eine schnöde Schlucht gegen perfekt lackierte Fußnägel.
Die menschlichen Stimmen, die wir schon von weitem hörten, übertönen inzwischen das Vogelkonzert. Auf der Plattform hat es sich eine dreiköpfige Familie bequem gemacht – ich vermute „Lorelei“ gehört dazu. Die Frau quatscht ohne Punkt und Komma in einer nervtötenden Lautstärke. Ich hatte mich so auf den Natursound hier oben gefreut. Aber diese wichtige Persönlichkeit gönnt uns keine Minute Stille. Keiner der Anwesenden ist auch nur im Geringsten an der idyllischen Kulisse interessiert.
Der penetrante Redeschwall regt mich richtig auf. Warum muss die ganze Welt dieses Palaver mitanhören? Ich kann nicht anders, drehe mich um und frage mit aller Höflichkeit, die ich in mir zusammenkratzen kann, ob es ihnen wohl möglich wäre, eine Minute still zu sein – ich würde gerne den Vogelsound aufnehmen. Die Frau springt sofort hilfsbereit auf und will mir das Handy abnehmen: „Oh, you want a picture?“
Nein, ich will kein Foto, ich will, dass du die Klappe hältst, denke ich – und Uwe spricht es aus.
Betreten weicht sie zurück. Plötzlich ist es mucks-mäuschenstill. Ich mache meine Aufnahme und bedanke mich knapp. Wir haben auf dem Herweg gesehen, dass man noch ein Stück höher gehen kann, und beschließen, Distanz aufzubauen.
Tatsächlich ist die Aussicht von dort nicht weniger atemberaubend. Die Vogelsymphonie ist Balsam für Herz und Seele – leider trotz Distanz nicht frei von einer weiblichen Stimme, die das gesamte Tal beschallt. Wirklich: Solchen Leuten sollte der Zutritt hier verboten werden. Ob die Asiaten wegen der Quassel-Tussi schon Ohrenschmerzen hatten und daher so früh den Rückweg angetreten sind?
Achtung Raser
Auf dem Rückweg zum Parkplatz entdecke ich auf der gegenüberliegenden Seite einen Hügel, den man über einige Stufen erreicht. Dort steht auch einer dieser gelben Bilderrahmen – für die Insta-Fotografen, die ohne dieses Hilfsmittel nicht die ideale Perspektive finden. Ich nehme die Stufen in Angriff und habe von ganz oben eine wunderbare Sicht auf den „Hut“, der mich sehr an die Three Rondavels auf der Panorama-Route erinnert. Uwe hatte keine Lust mit hochzukommen und wartet im Auto. Ich genieße hier oben den Moment der menschlichen Stille und höre tatsächlich nur die Vögel. Herrlich.
Als wir den Berg wieder runterrollen, meint eine Schildi, genau jetzt die Straße überqueren zu müssen. Sie hat richtig Glück, dass sie ihre Reise unbeschadet übersteht.
Teil 4211. Mai 2026
Freitag 20. Februar
Kleine Dinge mit großer Wirkung
Obwohl wir gar nicht so schlecht geschlafen haben, begrüßt mich der Morgen mit Nackenverspannungen – der Anfang von Migräne. Gar nicht gut! Auf dem Weg zum Frühstück kündigt sich bereits die Übelkeit an. So ein Mist. Und wie sollte es auch anders sein: Ausgerechnet heute ist das Frühstücksbuffet eine Gourmet-Meile. In der Hoffnung, dass der Kaffee zum Retter in der Not wird – manchmal wirkt er ja Wunder – zwinge ich mich eine Tasse von meiner "Lieblings- Medizin“ zu trinken und hoffe, dass sie drinbleibt.
Pünktlich zum Check-out bin ich tatsächlich wiederhergestellt. Was ein Glück, denn ich kann mir Schöneres vorstellen, als mit flauem Magen und Kopfschmerzen im Auto zu sitzen. Unser erster Weg führt uns in die Bäckerei von gestern, um frisches Brot zu holen. Mmmmh, hier riecht es vielleicht gut! Da liegen Zimtkrapfen, gegen deren lieblichen Gesang „Nimm mich miiiit…“ wir machtlos sind. Zwei der Kalorienbomben verlassen den Laden mit uns.
Direkt an der Straße gibt es einen Supermarkt, in dem wir noch mal Getränke und Schokolade holen. Letztere ist unsere Lebensversicherung, falls mir im Karoo NP das Wasser im Topf anbrennt und wir eine kulinarische Alternative brauchen.
Draußen patrouilliert ein Parkplatzwächter, der auf ein gutes Tagesgeschäft hofft. Wir schmieden einen Plan zum Lastenabwurf: Da sind doch noch die staubtrockenen Wüste-Gobi-Kekse im Auto, eine unangetastete Packung Chips und das anhängliche Zuckerwasser von Sweetfontein.
Wir verladen unseren Einkauf und suchen den ‚Ballast‘ zusammen. Während ich dem Blech-Bodyguard seinen Lohn übergebe, frage ich ihn, ob er unser ‚Care-Paket‘ gebrauchen kann. Er strahlt über das ganze Gesicht. Wir freuen uns über seine Reaktion und treten mit einem breiten Grinsen und guter Laune die Weiterreise an. Im Rückspiegel sehen wir, wie er sich bereits die ersten Chips in den Mund schiebt. Wer hätte gedacht, dass wir heute jemanden so einfach glücklich machen können? Das ist ein richtiges kleines Highlight.
Glaub nicht alles, was du hörst
Vor einigen Wochen hat SanParks darüber informiert, dass eine langanhaltende Dürre den Tieren in der Karoo arg zugesetzt hat. Besucher sollen sich darauf einstellen, großes Leid und abgemagerte oder tote Tiere zu sehen. Wenn so eine Info von SanParks kommt, nehme ich die natürlich ernst. Deshalb graut es mir mehr vor den nächsten beiden Tagen, als dass ich mich freuen kann. Ich erwarte im Grunde einen Tierfriedhof und möchte den noch lebenden, abgemagerten Kreaturen nicht beim Sterben zusehen. Vermutlich – so meine Befürchtung – sehen wir hauptsächlich wohlgenährte Geier.
Die Strecke zieht sich. Kilometer um Kilometer rollen wir über die langweilige, schnurgerade Teerstraße. Auch der Himmel bläst heute Trübsal; die Berge in der Ferne werden von diesigem Licht vernebelt. Nur für einen kurzen Moment sehen wir im Augenwinkel auf einem Rastplatz ein paar lebhafte Meerkatzen. Das war es dann aber auch mit dem Transfer-Entertainment
Erst auf dem letzten Drittel unserer Etappe wird es „animalischer“. Offensichtlich gibt es hier Farmen, die Schafe und Angoraziegen züchten. Diese sehen ganz und gar nicht leidend aus. Sie stehen im Veld und ernten das junge, frische Gras. Hier und da wachsen sogar Blümchen.
Je näher wir unserem Ziel kommen, desto mehr schwindet meine Albtraumvorstellung. In den letzten Tagen, oder Wochen, müssen doch einige Regentropfen vor dem Verdunsten auf dem Boden angekommen sein: Überall ist es grün, und an manchen Stellen sehen wir sogar beachtliche Wasserpfützen.
Sind wir schon da?
Ja, sind wir – und zwar früher als geplant, weil wir die schnellere Route gewählt haben. Wir melden uns im Rest Camp an, müssen allerdings noch etwas Zeit totschlagen. Was machen wir jetzt, bis wir unser Chalet beziehen können?
An der Rezeption lassen wir uns eine Karte geben. Da ist ein Klipspringer Pass eingezeichnet. Sieht doch gut aus! Das sind sechs Kilometer bis zu einem Aussichtspunkt und zurück – zeitlich perfekt. Wer allerdings im Park mit einer guten Beschilderung rechnet – so wie wir –, der dreht erst mal ein paar Ehrenrunden, bis er zufällig den richtigen Weg findet.
Die Landschaft ist auf „Karoo-Weise“ sehr schön, aber das harte Mittagslicht lässt die Fotos nicht so dolle aussehen. Die Realität ist um einiges ansprechender, als es die Bildchen vermuten lassen.
Es dauert nicht lange, da sehen wir einen stattlichen Strauß im schwarzen Frack. Vielleicht denkt ihr jetzt: „Na ja, ein Strauß in der Karoo ist jetzt auch nichts, was mich vom Hocker haut.“ Doch, tut es! Weil wir nicht damit gerechnet haben, überhaupt Tiere zu sehen – und dann auch noch so agile und gesunde. Das ist sehr wohl ein Grund zur Freude.
Ein paar Minuten später erkennen wir weit weg und zunächst nur mit dem Fernglas Red Hartebeests und – man höre und staune – mit Jungtieren! Wir können unser Glück kaum fassen. Auch diese Familie scheint wohlauf zu sein. Wir sehen keine Rippen, keine Lethargie.
Kaum einen Kilometer weiter überqueren Zebras die Piste,
Oryx-Antilopen stehen ein Stück abseits im Gehölz– und auch sie haben Nachwuchs.
Wir fahren noch bis zur Aussichtsplattform, dann kehren wir um.
Teil 4311. Mai 2026
Unser Sweet Home
Für ein Rest Camp ist unser Chalet wirklich nett eingerichtet, es wirkt gepflegt und bietet eine tolle Aussicht. Im Moment sind die Nachbarhäuschen nicht bewohnt, also genießen wir absolute Ruhe und Privatsphäre.
Jetzt ist es Zeit für einen Kaffee und die Zimtkrapfen, die uns heute Morgen so angelacht haben. Wir machen es uns auf unserer Terrasse gemütlich und beobachten Rote und Gelbe Webervögel (die bestimmt noch andere sehr melodisch klingende Namen haben).
Am späten Nachmittag verspürt Uwe noch einmal Lust, das Gaspedal zu bedienen. In unserer Lagerkarte ist der elf Kilometer lange Lammertjiesleegte Loop eingezeichnet, für den etwa 45 Minuten Fahrtzeit angegeben werden. Wir gurken wieder ein bisschen planlos im Park herum. Entweder gibt es gar keine Schilder oder wir übersehen sie schlichtweg, bis wir schließlich unseren Weg finden. Wie immer schleichen wir in Schrittgeschwindigkeit durch die Gegend und suchen das Veld nach Tieren ab.
Uwe entwickelt richtig gute „Spotter-Fähigkeiten“: Etwas Kleines, Rotes fliegt vor unserer Windschutzscheibe vorbei und landet am Boden. Uwe bremst und setzt ein paar Meter zurück. Da hockt eine ca. 5 cm große Harlekin-Heuschrecke. Sie präsentiert uns ihre Flügel und posiert für ein Foto – oder droht sie etwa unserer Blechkiste? Wie auch immer, sie ist ein wunderschönes Exemplar – wir haben bisher erst einmal eine gesehen.
Natürlich ist es wieder Spotter-Profi Uwe, der in der Ferne einen Strauß entdeckt. Dafür sehe ich die „Schildi“, die direkt neben der Pad auf dem Heimweg ist.
Dann Uwe wieder: Kudus, Zebras, Red Hartebeests und Eland-Antilopen – und nicht nur eine Handvoll, nein, es sind überraschend große Herden! Allein die Elande schaffen es auf über 70 Tiere. Der Hammer – und kein einziges Tier sieht mager aus. Jungtiere springen zwischen den Alten herum wie ganze Schulklassen. Unser Herz schlägt Purzelbäume.
Die Herden sind aber leider für Fotos zu weit weg, daher knipsen wir nur Einzeltiere
Am Ende unserer Abendrunde darf ich dann noch einmal mit der Sichtung einer Schildi und eines Silbersinghabichtes glänzen.
Nach ungefähr eineinhalb Stunden sind wir wieder zurück am Chalet und widmen uns hochzufrieden der Zubereitung unseres Abendbrotes. Auf der Speisekarte: Nudeln an Grill-Patties von Pick n Pay auf Salatblättchen. Das wäre zu Hause zwar nicht meine bevorzugte Speisen-Komposition, aber wenn wir im Urlaub selbst kochen müssen, mutieren wir schnell zum Gourmet-Banausen.
Das heutige Geschmackserlebnis: Die Konsistenz einer Gummisohle und ein Aroma, das man besser mit einem Glas Wein – wegen der desinfizierenden Wirkung, versteht sich – wegspült. Der Rebsaft sorgt gleichzeitig dafür, dass es besser flutscht. Ein Hoch auf unseren Schokoladenvorrat! Ich hätte nicht gedacht, dass die Tafeln so schnell zur Ersatzmahlzeit werden.
Der Duft von gegrillter Gummisohle scheint jedoch durch die Luft zu schweben und in weiter Ferne für Aufruhr zu sorgen, denn plötzlich dringt von den Bergen kommend ein dumpfes Bellen und Jaulen an unser Ohr. Der erhoffte Besuch in unserem ‚Vorgarten‘ bleibt allerdings aus – nicht mal die haben Lust auf unsere Patties.
Naja, für einen Tag haben wir genug gesehen und erlebt. Gute Nacht, wildes Afrika!
Teil 4414. Mai 2026
Samstag 21. Februar
Auf ins Abenteuer
Der Tag beginnt mit Katzenwäsche. Um 6:45 Uhr sitzen wir bereits im Auto. Unser Ziel heute: der Nuweveld 4x4 Loop. Die offizielle Zeitangabe liegt bei drei bis vier Stunden. Aber wir sind echte Genussfahrer und werden sicher länger brauchen.
Eine volle Stunde rollen wir durch die lichtdurchflutete Morgenatmosphäre des Parks, bis wir überhaupt den Startpunkt des Trails erreichen. Dann beginnt die eigentliche Herausforderung für Uwe und unser Wägelchen. Den Teer lassen wir endgültig hinter uns; es wird holpriger, die Spannung steigt.
Nennenswerte Tiersichtungen erwarten wir nicht. Uns geht es heute ums Offroad-Feeling und das raue Herz der Karoo – dorthin, wo man der Seele des Parks viel näherkommt, als es die Randgebiete erlauben.
Damit es nicht untergeht: Wir sind so begeistert von diesem Drive, dass wir uns spontan entscheiden, noch über den Doomhoek Pass zu fahren und den Potlekkertjie Loop anzuhängen. Dafür werden weitere 2,5 Std. angegeben. Hier schraubt sich die Piste durch die Berge und bietet Ausblicke, die uns immer wieder zum Anhalten und Staunen animieren.
Stau am Grasbüschel
Doch zurück zum Anfang – zur ersten Etappe bis zum eigentlichen Start:
Unsere Fahrt verwandelt sich in pures Stopp-and-Go. Erst ein Zebra, dann überall Springböcke: Die einen nervös im Fluchtmodus, die anderen so tiefenentspannt, als wären wir gar nicht da. Sie haben ohnehin Wichtigeres zu tun – ‚Umfangsvermehrung‘ steht ganz oben auf der To-do-Liste. Nach dem Motto: Friss, was du kannst, solange du kannst! Man muss Prioritäten setzen - da wird einer rollenden Blechkiste nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt.
Eines der Böckchen ist zudem schwer mit seiner Hornpflege beschäftigt: Das stolze Besteck braucht dringend ein Peeling und wird ordentlich durch den Acker gepflügt. Sogar Oryx-Antilopen, Zebras, Impalas und Steenbocks mit ihren riesigen Ohren lassen sich blicken. Die kleinen ‚Grashüpfer‘ sind allerdings extrem scheu.
Am Himmel ziehen derweil drei winzige Wölkchen auf, ein Hauch von Nichts. Scherzhaft sage ich zu Uwe: ‚Schau mal, da braut sich ein Unwetter zusammen!‘ Dass daraus bis zum Spätnachmittag tatsächlich eine echte Sturmwarnung werden wird, ahnen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Momentan ist der Himmel einfach nur strahlend blau und die Luft riecht nach Karoo. Kein Witz: Es duftet überall nach frischer Kräutermischung.
Äh Schatz, was steht da vorn auf 13 Uhr?
Wir verlassen den Teer und lassen unser Wägelchen über Schotter und Stein hüpfen. Mei, da hüpft meine Blase direkt mit. Der Frühstückskaffee wird zum Coffee-Shake und fordert seine Freilassung. "Uwe, halt mal an, ich muss mal!" Uwe tut, worum ich ihn bitte, ich tue, was ich muss, und dann schaukeln wir weiter.
Gefühlt nur drei Minuten später geht es über eine Bergkuppe und Uwe sagt mehr fragend als wissend: ‚Äh... Schatz? Da vorne steht ein Nashorn!‘ Ich, die Belesene: ‚Schatz, wir sind in der Karoo. In den für Touris zugelassenen Arealen, gibt es keine Nashörner. Ja, es wurden welche angesiedelt, aber so tief im Park, dass wohl kaum ein Gast je eines zu Gesicht bekommt. Der Park ist schließlich 750 Quadratkilometer groß!‘ Uwe: ‚Okay, das magst du gelesen haben... aber was ist dann das da vorne?‘ Ich: ‚Wo?‘ Er: ‚Auf 13 Uhr, etwa 200 Meter vor uns!‘
Ich greife zum Fernglas und tatsächlich: Jetzt kann ich es lokalisieren und erkenne sogar ohne Linsen, dass da wahrhaftig ein Spitzmaulnashorn steht. Es hat uns längst bemerkt und fixiert uns. Seine Ohren spielen Windrad, es scharrt mit den Hufen und senkt drohend den Kopf, bleibt aber noch einen Moment reglos stehen. Dann setzt es sich in Bewegung und tänzelt ein paar Schritte in unsere Richtung. Scheinangriff!
Wir verstehen die Ansage sofort. Uwe legt den Rückwärtsgang ein und wir weichen zurück, bis wir sehen, dass das Tier sich etwas entspannt. Wir warten. Es fängt an, uns zu ignorieren. Uwe gibt ganz vorsichtig wieder Gas – sofort erstarrt es erneut, rudert mit den Ohren und setzt wieder zum Marsch auf uns zu an. Dieses Prozedere wiederholen wir drei, vier Mal. Schließlich beschließen wir, eine längere Zwangspause einzulegen. Das Rhino verliert das Interesse, dreht ab, läuft über den nächsten Kamm und – weg ist es.
Unser Herzklopfen ist beinahe akustisch wahrnehmbar. Wir sind angespannt und aufgeregt bis in die Haarspitzen. Nicht zu fassen! In der festen Annahme, hier keinem größeren Tier als einem Klippspringer zu begegnen, habe ich vorhin noch seelenruhig den Kaffee direkt neben dem Auto in die Freiheit geschickt. Vermutlich hat uns das Rhino schon gerochen, bevor es uns sah. Für den restlichen Trail haben wir nun im Hinterkopf: Hinter jeder Kurve könnte ein weiteres ‚Nasi‘ stehen. Unser Respekt vor diesem Offroad-Abenteuer, bei dem wir völlig auf uns allein gestellt sind, hat sich gerade schlagartig verdoppelt.
Müssen“ muss nicht unbedingt
Ich fürchte, dass es heute nicht bei einer einzigen Pinkelpause bleiben wird. Und ganz ehrlich: Wenn Rhinos hier unterwegs sind, warum dann nicht auch Löwen? Ich weiß, dass es sie hier gibt, ich hab nur nicht damit gerechnet, hier etwas Größeres zu sehen als einen Strauß oder einen Klippspringer. Aber jetzt halte ich alles für möglich. Es könnte durchaus ein Löwe keine drei Meter neben unserem Fahrzeug flach im Gras liegen, seine Siesta halten und es unangebracht finden, wenn ich so nah neben seinem Schlafgemach den Rasen sprenge. Ich werde wohl versuchen müssen, ein weiteres derartiges Bedürfnis zurückzuhalten, bis es sich über den Tränenkanal von selbst erledigt.
Eine Zeitlang begegnen wir keinem weiteren Tier. Ich konzentriere mich auf die traumhafte Landschaft und Uwe aufs Fahren. Die Pisten sind zum Teil mit Feldwegen vergleichbar; ausgewaschen und mit Steinbrocken übersät, zwingen sie uns zur Slalomfahrt. Im feuchten Boden zeugen unsere deutlich sichtbaren Reifenspuren davon, dass wir wirklich hier waren.
Teil 4514. Mai 2026
Echtes Offroad-Feeling
An manchen Stellen überwinden wir stufenartige Felsplatten. Dann kommen enge Kurven mit schlechter Sicht – und wir haben immer im Kopf: Hinter jeder Kurve, hinter jedem Kamm könnte ein Rhino stehen und uns als unerwünschte Eindringlinge betrachten. Das Abenteuerfeeling ist also dauerhaft präsent. Auch „Rhino Poop“ säumt unseren Weg, was uns bestätigt, dass unsere Alarmbereitschaft durchaus angemessen ist. Aber die Haufen dampfen nicht mehr. Das lässt uns annehmen, dass deren Duftspender nicht mehr unbedingt in der direkten Nähe unterwegs sind.
Der Nuweveld hält auch einige sandige Senken und Flussquerungen für uns bereit. Jawoll, so macht Offroad-Fahren echt Spaß! Wir sehen leuchtend gelb blühende Akazien, viele saftig grüne Büsche und Bäume sowie gelbe und rosafarbene Blumenkissen, die die Karoo aussehen lassen, als würde der Frühling einkehren. Es gibt Wasserpfützen, die groß genug wären, um als Elefantenpool zu dienen. Wir sind begeistert bis zum Anschlag. Dieser Trail bietet uns um ein Vielfaches mehr, als wir erwartet hätten – ach was heißt dieser Trail? Der ganze Park haut uns von den Socken. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir dachten, nur Dürre und Tod in der Karoo vorzufinden. Stattdessen sehen wir überall das blühende Leben.
In einem ausgetrockneten, aber noch feuchten Flussbett begegnen wir einem wunderschönen, stattlichen Eland. Was für ein Prachtexemplar! Das Tier hält Distanz, bleibt aber ganz entspannt stehen und beobachtet neugierig, was wir in seinem Revier zu suchen haben. Wenn man Zeit hat, sieht man auch mal einen Baboon zwischen den Büschen flitzen oder einen Strauß, der die Botanik dekoriert.
Badetag in der Karoo
Kurz vor dem Ende des Nuweveld-Abschnitts sehen wir eine Gruppe männlicher Strauße. Mindestens acht oder mehr. Die rennen, als ginge es um Kopf und Kragen. Wir sehen die Ursache für ihre Panik leider nicht, nur die Staubfahne, die ihnen hinterherweht. In kürzester Zeit sind sie nur noch als schwarze Punkte am Berghang zu erkennen.
Auf dem Pass lassen sich einige Red Hartebeests blicken. Die sind in der Karoo echt reichlich vertreten und unser Spiegelbild erinnert uns mittlerweile auch an ihren „Badehosen-Look“: Bei uns sieht man inzwischen ebenfalls sehr deutlich, wo die Shorts aufhören, und die Socken anfangen.
Unser Ausflug neigt sich schon dem Ende zu, als eine kleine Herde Zebras vor uns die Pad überquert. Sie begibt sich ins Veld und lässt sich eines nach dem anderen umfallen. Die Familienbadewanne scheint groß genug zu sein, dass alle auf einmal reinpassen – was für ein Bild! Sie rudern mit ihren Beinen in der Luft und rollen von einer auf die andere Seite.
Eines – vielleicht ein bisschen übergewichtig oder schwanger – schafft kaum eine Viertel-Drehung. Ich möchte fast aussteigen und nachhelfen. Mit so viel Bauch zwischen den Füßen braucht es mehrere Versuche, bis der Schwung für die ganze Drehung reicht. Elegant sieht anders aus, aber so hat die Szene eindeutig mehr Unterhaltungswert. Wir bleiben stehen, bis das große Baden beendet ist.
Fazit zu diesem Trail - für Interessierte ohne Offroaderfahrung:
Ein Hilux kann was. Er macht die Arbeit. Aber der Fahrer gibt die Befehle. Es reicht nicht aus, zu wissen, dass man Bodenfreiheit hat. Der Fahrer muss dafür Verständnis haben, wie und wann man das Autochen machen lässt, was es machen soll. Spaß macht so ein Trail nur wenn man ohne Platten, Kratzer und Beulen wieder nach Hause kommt. Konzentration über mehrere Stunden und Besonnenheit gehören mit ins Gepäck. Ein bisschen Vorbereitung wie und wann man die Technik einsetzen sollte, wäre durchaus empfehlenswert. Dann steht dem Fahrspaß nichts im Weg.
Ungläubiges Staunen
Gegen 13:00 Uhr rollen wir auf den Parkplatz des Rest-Camps. Uns steht der Sinn nach einem Eis, und wir laufen Richtung Shop an der Rezeption vorbei. Uwe verwickelt eine Mitarbeiterin ins Gespräch – er würde vermutlich platzen, dürfte er unser Erlebnis nicht sofort teilen.
Die Mitarbeiterin schenkt uns jedoch nur ein mitleidiges Lächeln, so nach dem Motto: „Tut mir leid, alter Mann. Vermutlich hast du zu viel Sonne abbekommen. In unserer Region bekommt niemand ein Nashorn zu sehen.“ Dieser Blick sagt mehr als tausend Worte, und das lässt mein Uwe nicht auf sich sitzen. Er zückt sein Fahndungsfoto als Beweis und hält es ihr unter die Nase.
Sie reißt die Augen auf, ihr Futterladen klappt runter. Sie bekommt Schnappatmung und ruft sofort ihre Kolleginnen her. Alle starren fassungslos auf das Foto und können es nicht glauben. Uwe genießt seinen Triumph. Draußen möchte er unser Glück dokumentieren und einen Magneten fürs Nashorn auf die Sichtungstafel setzen, aber dafür ist schlichtweg kein Magnet vorgesehen. Unter den aufgelisteten Karoo-Tieren wird das Nashorn nicht einmal erwähnt. Das macht uns einmal mehr deutlich, was wir für ein unfassbares Glück hatten.
Genug für einen Tag
Überglücklich zurück im Chalet, ziehen wir die Schuhe aus und essen eine Kleinigkeit. Dann überfällt uns bleischwere Müdigkeit. – ein Nickerchen ist jetzt Pflicht. Ein später Kaffee weckt die Lebensgeister wieder, und bis etwa 17:00 Uhr ist reines Hakuna Matata angesagt.
Immer noch beseelt von diesem grandiosen Vormittag, haben wir Lust auf eine weitere kleine Runde durch den Park. Wir fahren die gleiche Strecke wie gestern Abend, vielleicht trifft sich die Tierwelt erneut zum Fress-Festival. Wir hätten gegen eine Wiederholung nichts einzuwenden.
Doch für heute haben wir den guten Willen unserer Fee schon aufgebraucht. Sie ist bereits im Feierabendmodus. Ein paar der üblichen Verdächtigen können wir mit dem Fernglas beobachten, und vier Schildis auf dem Heimweg. Der Himmel hat sich zugezogen, das Licht ist schlecht, leuchtende Abendstimmung? Nada.
Wir kehren um und lassen den Tag bei lauschigen Temperaturen auf der Veranda ausklingen. Der angekündigte Sturm bleibt zum Glück aus. Doch in der Nacht öffnet der Himmel seine Schleusen und spendet der Karoo eine weitere Dosis lebensspendendes Wasser.
Teil 4620. Mai 2026
Sonntag 22. Februar
Guten Morgen Afrika.
Nach dem Regen in der Nacht, hat die Sonne jetzt wieder gute Laune und strahlt übers ganze Gesicht. Was könnte da schöner sein als den Tag mit einem Frühstückchen draußen auf der Veranda zu beginnen und dabei dem Vogelkino zuzuschauen.
Nebenher müssen wir klären, ob wir heute nach Oudtshoorn den schnellen Weg nehmen, oder über den Swartberg Pass fahren. Letzterer würde unsere Fahrtzeit fast verdoppeln. Hmmm – der Pass ist ein Traum, wir sind ihn schon mal gefahren, aber wollen wir heute so lange unterwegs sein? Wir sind uns schnell einig: Ja wir wollen! Es ist sowieso nichts anderes mehr geplant. Die Cango Caves wären noch eine Option, aber beides wird uns zeitlich zu eng und wenn wir uns entscheiden müssen, gewinnt der Pass. Auch wenn die Caves ein echtes Highlight sind – wer Oudtshoorn besucht, sollte sie unbedingt einplanen.
Hier mal ein Foto von unserem Besuch vor ein paar Jahren.
Ein Zaun - zwei Seiten
Wir umgehen die verkehrsreichen Nationalstraßen großzügig und rollen stattdessen über gut gepflegte Schotterpisten durch eine Landschaft, die schöner kaum sein könnte. An manchen Stellen haben die Regenfälle Furten in die Piste gefräst und manche Flüsschen sind noch feucht, führen aber kein Wasser mehr. Alles mehr „Spaß am Steuer als Drama im Busch“. Die meiste Zeit begegnet uns kein einziges anderes Fahrzeug. Genau so mögen wir das.
Wo du hinschaust Berge – mal karg, mal üppig grün. Dazwischen goldgelbe Grasflächen, große Pfützen, kleine Seen. Links und rechts eingezäuntes Farmland: Rinder, Ziegen, Schafe, Strauße. Ein abgemagerter Gaul grast außerhalb des Zauns – vermutlich ohne Zugang zu Wasser. Er sieht erbärmlich aus. Und leider liegt auch ein totes Pferd am Straßenrand. Ein echter Gruselschocker, so ein großes Tier dort liegen zu sehen. Es scheint noch nicht lange das zeitliche gesegnet zu haben, sonst hätte es vermutlich schon deutlich mehr Luft im Bauch. Im Leben entscheidet man leider oft nicht selbst auf welcher Seite des Zauns man lebt.
Swartberg - immer wieder gerne!
Die Zeit und die Kilometer fliegen dahin, ohne dass wir auch nur ansatzweise das Gefühl hätten, die Fahrerei könnte uns irgendwann zu viel werden. Dann taucht Prinz Albert auf – ohne Zepter und ohne Krone, aber immerhin mit einem Ortsschild. Wir rollen leider nur durch, doch das Städtchen wirkt so einladend, dass es eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.
Kurz darauf erreichen wir den Fuß des Swartberg Passes. Wir lieben ihn. Für uns ist er der schönste Pass, den wir bisher entdeckt haben – und wir haben inzwischen schon einige gesehen.
Ich weiß kaum, wohin ich zuerst schauen soll: auf die Felsen, die Farben, die kleinen Mäuerchen, die gurgelnden Bächlein oder die Mini-Wasserfälle, die leise vor sich hin rauschen. Auch die Pflanzenvielfalt überrascht mich, und der starke Kontrast zum tiefblauen Himmel ist zum Verlieben. Hier und da blüht sogar mal eine Protea, ein Blombos oder das zarte „Frolein Erika“.
Die Wege sind schmal, teils bumpy und an manchen Stellen deutlich mitgenommen. Manchmal gibt es ein Mäuerchen als Kante, manchmal geht es einfach ungebremst steil bergab, wenn man mehr Fahrbahnbreite braucht, als vorgesehen ist.
Wir staunen, welche Mini-Rutscher uns hier entgegenkommen – und beobachten auch einen Fahrer, der ungewollten Unterbodenkontakt hat. Ein bisschen mehr Bodenfreiheit, als es ein Rollschuh hergibt, wäre für die Fahrzeugwahl definitiv nicht verkehrt. Mit Gegenverkehr muss man sich arrangieren: Oft kann man weit genug voraussehen und Staubfahnen in der Luft sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache bezüglich des Gegenverkehrs, so dass man rechtzeitig in eine Bucht ausweichen kann.
Für einen kurzen Moment haben wir sogar das Glück, einem Klippspringer zuzusehen, wie er flink und akrobatisch präzise über die Felsen turnt, ohne sich die Beine zu verknoten oder abzustürzen.
Oben angekommen gibt es eine kurze Pause. Die Aussicht ist fantastisch. Der Wind hat allerdings ordentlich Power und ist alles andere als lauschig warm. Nix für fröstelnde Weicheier wie mich. Also steigen wir wieder ins Autochen und schlängeln uns den Berg runter.
Teil 4720. Mai 2026
Heiß, staubig – Oudtshoorn
Unten angekommen, Richtung Oudtshoorn, haben wir zwar den grandiosen Pass hinter uns, aber das Gebirge begleitet uns noch ein gutes Stück bis zum Ziel unserer heutigen Fahrt.
Auf einigen Etappen entlang der Felswände ist die Straße halbseitig gesperrt. Riesige Gesteinsbrocken mit einem Durchmesser von bis zu zwei Meter haben den Abgang gemacht und parken unerlaubt auf dem Asphalt. Ein warnender Gruß der Natur: „Fahr vorsichtig, Liebling!“
Je näher wir der Stadt kommen, desto öder wird die Landschaft. Es wirkt, als würde der Fynbos sein letztes Leben aushauchen. Hm… nach dem saftig grünen Karoo-Nationalpark hatte ich mir Oudtshoorn doch nicht ganz so „scheintot“ vorgestellt. Es ist 15.00 Uhr, Planet Sonne schafft es, die Luft auf 39 Grad zu erhitzen, und hat wohl vor, die Straußeneier direkt ohne Wasser zu garen. Der bewölkte Himmel liefert uns dazu ein depressives Einheitsgrau. Das Licht ist diffus und schickt meine Laune endgültig in den Keller bei dem Gedanken, zwei Tage hier stationiert zu sein. Alles wirkt müde, ausgezehrt, erschöpft – hässlich. „Scheintot“ trifft es einfach perfekt.
Wir logieren im Raw Karoo Guesthouse. Das liegt zumindest in einem etwas schöneren Viertel der Stadt. Die Besitzerin begrüßt uns sehr herzlich. Aber gleich nach dem Begrüßungs-Small-Talk kommt sie: die Stressfrage. Was möchtet ihr morgen frühstücken? Es gibt ein Buffet und diverse Optionen zum Bestellen. Ernsthaft? Wir versuchen im Augenblick nur, unsere Lungen beim Atmen nicht zu verbrennen, unser Hirn ist eh schon ein bisschen weichgekocht – und da soll ich jetzt wissen, was ich morgen früh – in 16 Stunden?! – essen will? Sie drückt uns die Speisekarte in die Hand. Auf die Schnelle sticht mir absolut nichts ins Auge, was ich unbedingt auf dem Frühstücksteller haben muss. Daher bestelle ich einfach gar nichts und verlasse mich auf das restliche Buffet.
Unser an sich schönes Apartment liegt leider direkt am Parkplatz. Zwar ist es vorteilhaft, dass unsere Koffer keinen weiten Weg haben und quasi direkt durchs Fenster ins Zimmer geworfen werden könnten. Dafür haben wir aber einen wunderbaren Blick auf eine Auswahl an verschiedenfarbige Blechkisten und auf die Straße. Nix mit Romantik und Idylle. Den Ausblick müssen wir uns also ein bisschen schöntrinken. Prost!
Schokolade mit bitterem Beigeschmack
So schön die Fahrt heute auch war – jetzt sind wir ein bisschen kaputt. Eine Dusche weckt neue Lebensgeister, und es gelüstet uns nach Kaffee und Kuchen. Kaffee können wir uns ja selbst kochen, aber ein Stück Kuchen würde die Gaumenfreude erheblich steigern. Also befragen wir Mr. Google nach einer Bäckerei. Fehlanzeige. Dann eben ein Café – Bingo, das scheint es zu geben. Also hopp hopp ins Autochen und dem Navi hinterher.
Wir finden sogar einen Parkplatz in der Nähe. Perfekt. Doch als wir das Café betreten, merken wir schnell, dass es eher ein Bistro ist. In der Theke liegen zwei belegte Schnitten, schön in Zellophan eingepackt, die uns aber absolut nicht anlachen. Nö, Schnittchen, die aussehen, als hätten wir sie schon den ganzen Tag im Rucksack, sind heute keine Option. Wir wollen Kuchen und gehen wieder. Wir gurken noch ein bisschen durch die Stadt und finden tatsächlich ein weiteres Café – gleiches Spiel. Also echt jetzt… enttäuscht geben wir uns geschlagen und fahren ohne Kuchen zurück ins Guesthouse. Kaffee gibt es trotzdem, und als Kuchenersatz wartet in der Kühlbox noch unsere Glücks Schokolade. Könnte also schlimmer sein.
Da sitzen wir nun auf unserer Veranda und lassen es uns gut gehen. Wie bereits erwähnt, haben wir eine wunderbare Aussicht auf die die parkenden Autos und die Straße.
Am Tor steht plötzlich ein Teenager und ruft uns zu: „Mann, Frau – hast du was zu essen für mich?“ Mir zieht es das Herz zusammen. Wir sagen nein und wenden uns ab. Doch er bleibt hartnäckig, wiederholt seine Frage immer wieder, mit kleinen Pausen dazwischen. Mir schmeckt die Schokolade schon nicht mehr.
Im Auto hätten wir noch eine Packung Kräcker. Vielleicht ist er ein Schulschwänzer, der glaubt, Betteln sei einfacher als Lernen. Vielleicht finden aber weder seine Eltern noch er einen Job, obwohl sie es versucht haben. Den Niedlichkeitsfaktor hat er allerdings schon längst verloren – und damit ist diese Form der Lebensmittelbeschaffung deutlich weniger erfolgsversprechend als noch vor ein paar Jahren.
Vielleicht… vielleicht… vielleicht. Immer wieder habe ich diese Gewissenskonflikte. Wir geben ihm nichts. Er bettelt sicher 15 Minuten lang, bevor er kapituliert. Und ich fühle mich schrecklich. Es hätte mich nichts gekostet, ihm die Kräcker zu geben.
Kleiner Charmeur bevorzugt Strauß statt Maus
Scheint, als hätte der Himmel Erbarmen mit dem ausgetrockneten Land. Er öffnet seine Schleusen und spendet phasenweise immer wieder ein wenig Wasser. Oh weh – das sieht gar nicht gut aus für unsere Meerkat Tour morgen früh. Ob sie überhaupt stattfinden wird? Wäre echt blöd, wenn wir uns mitten in der Nacht aus dem Bett schälen und zum Treffpunkt quälen, nur um dann zu erfahren: Sorry, heute nicht.
Wir haben Klärungsbedarf und zum Glück im De Zeekoe einen Tisch fürs Dinner reserviert. Der Parkplatz vor dem Restaurant verlangt einen kleinen Slalomlauf um die Pfützen herum. An der Rezeption fragen wir noch einmal nach. Die Mitarbeiterin ist sehr freundlich und wirklich bemüht. Im Moment sieht es so aus, als würde die Tour morgen stattfinden. Sie druckt uns sogar einen Plan mit der Wegbeschreibung zum Treffpunkt aus.
Dann werden wir an unseren Tisch gebracht. Hier bekomme ich endlich mein erstes Straußensteak dieser Reise – und es schmeckt hervorragend. Auch das Ambiente gefällt mir sehr, und die Angestellten sind ausgesprochen herzlich.
Ein Katerchen besucht uns am Tisch und sucht schmachtend Blickkontakt. Ganz eindeutig: Diese Augen können sprechen. Ich biete ihm eine Portion Streicheleinheiten an, aber die will er nicht. Es gibt ja noch mehr Gäste. Also zeigt er mir sein Popöchen und stolz erhobenen Schwanzes marschiert er zum Nachbartisch, wo er sich brav hinsetzt und denselben Trick anwendet wie bei mir. Und siehe da – es dauert nicht lange, bis das erste Stückchen Fleisch „versehentlich“ zu Boden fällt. Wozu Mäuse jagen, wenn es hier bestes Straußensteak gibt.
Ich bedauere ein bisschen, dass wir nicht hier unser Zimmer gebucht haben. Die ländliche Atmosphäre wäre mehr nach meinem Geschmack und die Aussicht deutlich ansprechender.
Mission: Findet die Erdmännchen!
Nachdem wir unsere Rechnung beglichen haben, beschließen wir, sicherheitshalber gleich mal einen Abstecher zum Treffpunkt zu machen. Wenn es um Hinweisschilder geht, sind wir nämlich gerne mal auf beiden Augen blind. Bevor wir also morgen früh im stockdunklen Nirgendwo über staubige Feldwege rumpeln und am Ende vor einem Kaninchenbau auf Erdmännchen warten, möchten wir den Weg lieber im Kasten wissen.
Und tatsächlich: Die Unsicherheit fährt prompt als blinder Passagier mit. Wir fahren und fahren, kehren um, fahren wieder zurück. Haben wir schon wieder das Schild übersehen? Es soll doch groß sein! Soweit kann es doch unmöglich sein... Gefühlt zieht sich die Strecke gute 15 bis 20 Minuten. Eigentlich dachten wir, der Treffpunkt läge direkt bei De Zeekoe um die Ecke.
Irgendwann sind wir uns absolut sicher, dass wir längst daran vorbeigebrettert sein müssen. Doch genau in dem Moment taucht es auf: das absolut unübersehbare Erdmännchen-Schild.
Was für eine Erleichterung! Morgen früh wären wir garantiert nervös hin und her gefahren, weil wir davon ausgegangen wären, dass wir den Treffpunkt übersehen hätten. Das hätte unseren Zeitplan komplett gesprengt und das Nervenkostüm schon vor dem ersten Kaffee ruiniert.
Mission erfüllt. Wir drehen um, steuern zurück ins Guesthouse und fallen mit der perfekten Bettschwere in die Federn. Gefühlt fünf Minuten später schrillt auch schon der Wecker – denn diese Touren starten unbarmherzig früh…
Teil 4824. Mai 2026
Montag 23. Februar
Aua
Um exakt 4:45 Uhr überrollt mich plötzlich mit lautem Getöse ein Zug – so fühlt es sich zumindest an, als zu dieser unmenschlichen Zeit unbarmherzig unser Wecker schrillt. Knallhart, ohne jedes Mitleid. Und die große Frage des Morgens lautet: Sind wir eigentlich noch ganz backen?!
Ein Zimmer im De Zeekoe wäre also gleich aus mehreren Gründen die bessere Wahl gewesen: Erstens wären wir nicht in der Stadt, sondern hätten es schön ländlich gehabt, vermutlich keinen Ausblick auf den Parkplatz und wir hätten nicht ganz so früh aufstehen müssen. Tja, jetzt ist es, wie es ist. Wir quälen uns aus dem Bett und machen uns startklar.
Aus den gestrigen 39 Grad ist ein echtes Kontrastprogramm geworden, denn es ist ordentlich frisch da draußen. Ich brauche eine lange Hose, einen warmen Pulli und die Steppjacke. Wir springen ins Auto und fahren hinein in die stockdunkle Nacht.
Die Stadt ist um diese Uhrzeit bereits erstaunlich belebt. Ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung ist auf dem Weg in ihre persönliche Moneten-Beschaffungs-Manufaktur. Die Leute geistern wie Schatten über die Straße und sind vorzugsweise dunkel gekleidet. Angestrengt versuchen wir unsere noch müden Linsen zu schärfen, damit uns keiner von ihnen unter die Räder kommt.
Heute wissen wir ja zum Glück, wie sehr sich die Strecke zum Treffpunkt zieht, und sind darauf eingestellt. Wir erreichen unser Ziel ohne orientierungsloses Hin und Her und vor allem ohne die Angst, das Schild verpasst zu haben.
Die Spannung steigt...
Schließlich stehen wir als Allererste vor dem verschlossenen Tor. Motor aus. Warten. Jetzt bloß nicht wieder einschlafen… Kurz darauf rollen zwei weitere Fahrzeuge an. Es sind die Veranstalter, die uns erst mal überrascht mustern und sich sichtlich wundern, warum wir eigentlich so exorbitant früh dran sind. Tja, wir haben schlichtweg vergessen, unsere Fahrzeit zu revidieren nachdem wir den Weg gestern schon gefunden haben und deshalb heute nicht mehr suchen müssen. Ich wundere mich selbst über unsere Schmerzresistenz, wenn es um Tiersichtungen geht.
Die Mitarbeiter fahren uns noch ein Stück voraus, dann heißt es aussteigen. Uwe muss ein wenig rangieren, um zwischen den Pfützen eine Stelle zu finden, an der ich aussteigen kann, ohne dass mir ein Zentner Matsch an den Schuhen kleben bleibt. Dann rollen auch schon die nächsten Erdmännchen-Stalker an.
In Rekordgeschwindigkeit steht ein Tisch mit dampfendem Kaffee für uns bereit. Es kommen erstaunlich viele selbsternannte Meerkat-Verhaltensforscher. Ich habe nicht mit so einer großen Gruppe gerechnet. Das fühlt sich direkt nach Massenveranstaltung an – ein erster Dämpfer für meine Vorfreude. Smalltalk-Künste sind wieder gefragt. Für mich ist das immer eine soziale Überforderung – Auf Englisch ist das eine verbal akrobatische Meisterdisziplin.
Dann kommt die Anweisung: Aufteilen in zwei Gruppen – Gott sei Dank! Erleichterung. Wir fahren unserem zugeteilten Guide sicher noch einmal zehn Minuten hinterher. Am Ziel bekommt jeder einen Klappstuhl in die Hand gedrückt und wir watscheln ihm im Gänsemarsch querfeldein hinterher.
Dann – vor einem riesigen Erdloch – hält er an und stellt seinen Stuhl direkt davor ab. Häääää??? Das soll der Meerkat-Bau sein? Ich würde das Loch eher für den Landsitz eines Schakals halten. Aber gut, man beugt sich dem Experten. Ich stelle meinen Stuhl also auch ab und bin wirklich überrascht, wie dicht wir davor hocken. Das fühlt sich extrem bedrängend an – als säßen wir den Tieren bereits mit im Wohnzimmer!
Nachdem sich auch die anderen positioniert haben, fängt der Guide an zu lachen und fragt uns schelmisch, zu welchem Tier dieser Bau wohl wirklich passen könnte. Aha! Ich hätte schwören können, dass das kein Meerkat-Bau ist. Und doch schafft es jemand, von dem ich fachliche Überlegenheit erwarte, mich derart zu verunsichern – so ein Schlitzohr! Wir einigen uns schließlich auf die ehemalige Residenz eines Erdwolfs oder Erdferkels. Es ist ein verlassener Bau; wer wirklich in dieser Ruine gehaust hat, wird wohl das Geheimnis des Tages bleiben.
Ja wo sind sie denn….
Weiter geht’s. Wir laufen noch ein ganzes Stück durch die Prärie und dann sind wir wirklich da. Wir stellen unsere Stühle der Reihe nach auf. Ich sehe keinen Bau, nur Veld und Büsche. Der Himmel ist besorgniserregend bedeckt. Es ist kalt, ab und zu tröpfelt es sogar. Wir warten – und warten… Unser Guide füttert uns derweil mit allerlei Informationen zur Lebensweise der Tiere und meint nebenbei, dass sie sich heute Zeit lassen, weil es so kühl ist.
Dann plötzlich ist die erste Nasenspitze zu sehen. Zugegeben, recht weit weg. Dazu noch die schlechten Lichtverhältnisse – da kommt mein Handy gewaltig an seine Grenzen, was man den Fotos leider auch ansieht. Erst einmal lässt uns das Tier nicht mehr als seine Nasenspitze sehen. Es scheint ihm noch zu frisch zu sein und es taucht wieder ab in die wärmeren Gefilde. Wir warten erneut… Dann überwindet sich das Kerlchen doch, den ganzen Kopf zu zeigen. Ein Blick in alle Richtungen und es kriecht komplett an die frische Luft. Sofort nimmt es Männchen-Stellung ein und dann kommt eines nach dem anderen heraus.
Ich möchte behaupten, dass sie deutlich kleiner ausfallen als in der Kalahari. Offensichtlich frösteln sie, denn sie rücken eng zusammen. Die maximale Bewegungsbereitschaft beschränkt sich für eine gefühlte Ewigkeit auf das Drehen des Kopfes. Dann löst sich die Gruppe mal kurz auf, sucht ein bisschen im näheren Umfeld den Boden ab – aber buhhhh, heute ist es einfach zu kalt! Also schnell wieder zur Familie zurück und Gruppenkuscheln Deluxe. Ah, so lässt es sich besser aushalten.
Tja, heute ist nicht ihr Tag. Viel mehr als diese eine Pose bekommen wir nicht zu sehen. Ihr Entertainment-Programm ist weder abwechslungsreich noch spannend. Sie kuscheln lieber, als sich zu bewegen. Das ist halt Wildlife – heute haben wir einfach Pech gehabt. Bei dem miesen Licht und dem eigenen Frösteln macht das Ganze hier auch nicht sonderlich viel Spaß
Ein Guide mit Leib und Seele
Unser Guide ist noch jung und ein sehr sympathischer Typ. Sein Herz brennt für die Tiere. Er weiß alles über sie und möchte uns heute nicht wieder gehen lassen, bevor wir nicht genauso viel über sie wissen wie er. Ohne Punkt und Komma werden wir von der ersten bis zur letzten Minute mit einem Fakten-Feuerwerk beschossen. Mir bluten schon die Ohren – ich bin drauf und dran, ihn zu bitten, einen Moment mal nichts zu sagen und uns die Stille zu gönnen. Aber ich will ihn weder verletzen noch irgendjemandem auf den Schlips treten. Einige der anderen Besucher, die nicht meine Sprachbarriere haben, scheinen seine Unterhaltung – oder Aufmerksamkeit durchaus zu genießen. Ich ertrage die „Ohrenschmerzen“ heldenhaft – bin aber wirklich froh, als sich das erste Tier dazu entschließt, dass es jetzt Zeit fürs Frühstück ist.
Es begibt sich in die Vierfüßler-Stellung und folgt einer Spur. In Sekundenschnelle verschwindet es zwischen dem Fynbos und ward nicht mehr gesehen. Die anderen folgen ihm und machen sich ebenfalls vom Acker. Innerhalb von drei Atemzügen ist die Show – die keine war – vorbei.
Auf ans schlanke Buffet
Jetzt, wo sich die Erdmännchen ihrem Frühstück widmen, meldet sich auch mein Magen und verlangt nach einer angemessenen Portion Kalorien. Während wir zurück zum Auto laufen, sagt Uwe zu mir: ‚Riechst du das?‘ Ja, ich würde sagen, es duftet nach Thymian und anderen Wildkräutern. Ich habe den Gedanken noch nicht ganz zu Ende gedacht, da pflückt unser Guide schon ein Büschel, reicht es uns zum Schnuppern und bestätigt: ‚Das ist Thymian.‘ Die Karoo ist tatsächlich wie ein riesiger Kräutergarten.
Am Parkplatz bekommt der Guide sein Trinkgeld von uns – wir sind seltsamerweise die Einzigen, die ihm etwas geben, was mich wirklich schockiert. Das tut mir fast schon physisch weh. Er hat sich so leidenschaftlich bemüht, uns zu unterhalten, und gerade die anderen zeigten doch so großes Interesse an seiner ‚Vorlesung‘. Wie kann es sein, dass jetzt die Wertschätzung ausbleibt?
Wir fahren zügig zurück zum Guesthouse. Eine halbe Stunde bleibt uns noch, bevor die offizielle Frühstückszeit endet. Mein Blick fällt im Speisesaal aufs Buffet – oder dorthin, wo ich eines erwartet hätte. Da stehen einsam Toast und Butter, Joghurt, Früchte und Säfte. Ein bisschen mehr hätte ich schon erwartet. Zum Glück mag ich Joghurt und Früchte und esse mich daran satt. Uwe hat sich Eier bestellt und geht somit auch nicht leer aus.
In Anbetracht der eher puristischen Auswahl halte ich mich bei der Bestellung für morgen nicht zurück: Ich ordere eine Wurst-Käse-Platte, Uwe entscheidet sich für die süße Variante. Am Nebentisch kommen wir mit einem deutschen Paar kurz ins Gespräch. Es sind nette Leute, aber ich habe an diesem Morgen bereits mehr Worte gehört, als ich für einen ganzen Tag verkraften kann. Ich bin in diesem Moment eher im Modus „stiller Beobachter“ und halte mich daher dezent zurück.
Viel spannender ist die Familie mit zwei süßen kleinen Mädchen am anderen Tisch. Die Mitarbeiterin vom Frühstücksservice fragt das ältere der beiden, ob es gut geschlafen habe. Das Mädel bejaht strahlend. Als die Dame sich wieder ihrer Arbeit zuwendet, bricht für das kleinere Mädchen eine Welt zusammen. Es macht ein Gesicht, als wäre sie gerade geschlagen worden und flüstert mit Tränen in den Augen: „Ich habe auch gut geschlafen“. Ich ganzer Körper nimmt eine mitleiderregende Haltung an und sie ist auch mit viel gutem Zureden nicht mehr zum Essen zu bewegen. Ich spüre einen Stich im Herzen.
Doch dann eilt Rettung herbei: Die Hauskatze wird zur Tröster-Katze! Ich habe gleich zwei Fellnasen daheim – ich weiß schon, warum. Hattest du einen Sch...-Tag, hilft ein bisschen Katzenfell so gut wie immer. 😊 Bei dem kleinen Mädchen funktioniert es jedenfalls perfekt.
Nachdem die Fell -Nase ihren Job erledigt hat, kommt sie zu mir. Wir sind schon fertig mit dem Frühstück. Sie macht Männchen, legt mir ihre Vorderpfoten auf den Schoß, schaut mich an und wartet auf die Einladung – die sie natürlich prompt bekommt. Sie springt hoch, legt sich augenblicklich hin, rollt sich ein und pennt innerhalb kürzester Zeit weg.
Uwe geht schon vor aufs Zimmer, die anderen Gäste verabschieden sich ebenfalls. Aber ich kann das Fellknäuel einfach noch nicht ablegen. Ich gönne uns beiden ein viertel Stündchen pures Katzen-Glück, bevor auch ich den Raum verlasse.
gleich geht es weiter...
Teil 4924. Mai 2026
Märchenwaldidylle
Am späten Vormittag machen wir uns auf den Weg zum Rust and Vrede Wasserfall. Das Navi schickt uns durch einsames Hinterland, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Ab und zu taucht ein Haus auf – und überall hängt Wäsche draußen. Offenbar ist heute internationaler Waschtag. Ob die Sachen trocken sind, bevor die regenschwangeren Wolken undicht werden?
Ein paar Frauen winken uns sogar zu. Vermutlich sind wir das Spannendste, was es heute Abend am Küchentisch zu erzählen gibt – naja, spannend genug, um es in meinen RB zu schaffen 😄 . Mitten in der Pampa, wo vielleicht zehn Häuser zusammenkommen, steht tatsächlich ein Schulgebäude. Schafe und Olivenhaine zeigen, dass hier draußen mit Ackerbau und Viehzucht das täglich Brot verdient wird. Die Natur ist traumhaft schön: kleine bunte Blümchen, ein See, wolkenverhangene Bergspitzen – alles wie aus einem Naturkalender
Natürlich haben wir die Distanz wieder einmal unterschätzt. Aber die Landschaft ist so großartig. Wir genießen jeden Augenblick. Auf einer Weide entdecke ich zwei Vögel, die ich noch nie gesehen habe. Die App behauptet, es seien Wollhalsstörche. Wenn die App das sagt, dann stimmt’s… oder halt nicht. Die KI sagt, es sind Hornraben. Sucht euch was aus oder erfindet eine neue Spezies. Wir sind ja auf dem Weg in einen „Märchen-Wald“. Das passt dann schon.
Am Permit Häuschen sitzt ein junger Mann, der vielleicht den einsamsten Job der Welt hat. Den ganzen Tag allein rumhocken und hoffen, dass im besten Fall drei Autos vorbeikommen – Respekt. Reich wird er von unseren vier Euro fünfzig jedenfalls nicht. Hinter dem Tor geht es über einen Feldweg weiter, bis wir am eigentlichen Pfad ankommen. Links und rechts sieht man noch deutlich die Spuren des letzten Brandes.
Wir parken unser Autochen – und sind die einzigen hier. Perfekt. Ich freu mich. Der Naturpfad wirkt wie direkt aus einem Märchenbuch: vermooste Felsen, Farne, verwitterte Natursteintreppen, die aussehen, als würden gleich ein paar Zwerge vorbeihuschen.
Bäume ragen übers Wasser, große Steine liegen darin und laden zum Herumspringen ein. Im Wasser spiegelt sich die Kulisse der hohen Felsen und Pflanzen. Magisch! Der ganze Ort hat so viel Märchenwald Flair, dass man fast erwartet, dass gleich Feen über das Wasser schweben und ihren heiligen Tempel suchen. Über Stege und Brücken gelangen wir schließlich zum Wasserfall.
Teil 5024. Mai 2026
Es ist unfassbar schön. Wir sind allein. Und wir sind still. Jedes Wort wäre hier fehl am Platz. Die großen Steine bieten sich an, es sich drauf gemütlich zu machen und das tun wir auch. Einfach dasitzen, die Schönheit der Natur inhalieren und die Vögel zwitschern hören – Nahrung für die Seele.
Erst auf dem Rückweg, fast am Ende des Zauberwaldes, kommt uns ein junges Pärchen entgegen – in Flipflops. Flipflops! Naja, im weitesten Sinn sind das ja Badelatschen. Dann sind sie schon passend angezogen, falls sie abrutschen und im Wasser landen.
Bitte versuchen Sie es später noch einmal…
Wo wir schon mal in der Nähe sind: Auf nach Meiringspoort zum nächsten Wasserfall! Die Strecke führt am Swartberg entlang, und schon der Weg an sich ist es wert, dorthin zu fahren. Wir überqueren einige Brücken, deren Flüsse darunter gerade kein – oder fast kein – Wasser führen. Von den Wassermassen, die in einigen Wochen hier schockierende Zerstörung anrichten werden, ahnen wir heute noch nichts. Manche Flüsse haben herrlich witzige Namen; so überqueren wir zum Beispiel einen „Dubbele“.
Vor uns schlängelt sich ein LKW mit Anhänger zwischen den Felsen den Berg hinauf. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir die blinden Passagiere, die da zwischen den Ladeflächen mitfahren. Mir haut es den Nucki raus! Ist das echt deren Ernst? Fahren die freiwillig so mit oder sichern sie die Ladung? Wir fassen es einfach nicht. In Afrika sieht man ja viel Wagemut, aber das übersteigt alles, was wir bisher gesehen haben. Die beiden Männer, die sich da zwischen die Anhänger klemmen, sehen allerdings nicht halb so angespannt aus wie ich gerade. Hakuna Matata- Mentalität eben!
Leider können die Wolken das Wasser jetzt nicht mehr halten. Es fängt erst an zu tröpfeln, dann zu regnen. Wir biegen auf den Parkplatz ein und überlegen kurz, ob wir falsch abgebogen sind. Außer uns stehen hier nur zwei Fahrzeuge – das ist wohl dem Wetter geschuldet.
Ich steige mutig aus, doch schon die ersten Regentropfen lassen Frostbeulen auf meiner Haut entstehen. Mein Drang, den Wasserfall zu sehen, ist dann doch nicht groß genug, um mich diesem Eisregen auszusetzen.
Uwe läuft also allein zum Pförtnerhäuschen, um herauszufinden, ob der Wasserfall überhaupt etwas zu bieten hat. Ich bleibe im Trockenen und beauftrage ihn pragmatisch, einfach ein paar Fotos für mich zu machen. Er ist jedoch blitzschnell zurück und grinst: Wegen Wartungsarbeiten geschlossen! Hach – was ein Glück, dass ich gleich im Auto geblieben bin!
Na dann, eben kein zweiter Wasserfall mehr für heute. Aber das macht überhaupt gar nichts. Der Weg durch die Swartberge ist schließlich schon für sich allein ein Erlebnis.
Professionelles Nichtstun
Wir fahren zurück zum Guesthouse, kochen uns erst mal einen heißen Kaffee und machen es uns auf unserer überdachten Veranda gemütlich. Während der Regen sanft auf das Dach prasselt, lassen wir uns ganz entspannt in einen wunderbaren Zen-Zustand versetzen.
Regen und trockene Phasen wechseln sich ab. Während wir mit Nichts-tun beschäftigt sind, sehen wir wie die Besitzerin des Hauses mit dem Katzentransporter über den Parkplatz läuft. Ich frage, ob es dem Katerchen nicht gut geht. Nein, es geht ihm nicht gut. Er hat eine genetischbedingte schmerzhafte Krankheit und sie muss ihm eine OP zumuten. Sie wirkt mitgenommen und den Tränen nah. Ich vermute, dass der Kater nicht ihre einzige Sorge ist. Wir lassen sie reden, so viel sie sagen möchte und stellen keine Fragen.
Dinner mit Kuschelfaktor
Fürs Dinner haben wir einen Tisch im Nostalgie Restaurant reserviert, weil die einen schönen Garten haben. Aber heute sieht es schlecht aus mit draußen sitzen. Naja, die werden schon auch drinnen Tische haben. Wir parken ganz in der Nähe. Der Garten ist wirklich ein Idyll. Sämtliche Tische die wohl im Garten reserviert waren, wurden auf die zwar langgezogene, aber schmale Veranda gequetscht. Sie stehen so dicht beieinander, dass es sich fast anfühlt, als würde man seinem Tischnachbarn auf dem Schoß sitzen – sehr unangenehm. Wir bekommen unseren Tisch zugewiesen und bemerken, dass das Ehepaar von heute Morgen direkt neben uns sitzt.
Okay, nach dem entspannten, ruhigen Nachmittag, bin ich jetzt wieder williger mich auf ein Gespräch einzulassen. Die beiden erzählen uns, ihr woher und wohin und auch ihr wie lange und sie klagen, dass sie vom schlechten Wetter verfolgt werden. Wir hatten bisher Glück mit dem Wetter. Die paar gelegentlichen Tropfen, finden wir nicht schlimm. Natürlich werden wir auch nach unserem Woher und Wohin gefragt und in diesem Zusammenhang erwähnen wir unsere letzten beiden Tage in Kapstadt und unsere geplante Pässe -Tour. Fehler!!!
Jetzt hagelt es Hotelempfehlungen, obwohl wir erwähnt haben, dass wir bereits eine Unterkunft gebucht haben. Schlimmer noch empfinde ich es, dass sie uns unsere geplante Pässe-Tour madig machen. Wir werden mit einer wahren Flut an Empfehlungen bedacht, was man in Kapstadt alles großartiges unternehmen kann. Da hilft es auch nicht zu sagen, dass wir Stadt Flüchter sind. Insgesamt sind mir die gut gemeinten Ratschläge entschieden zu viel und zu dominant.
Sie haben es geschafft – ich bin unsicher ob die Pässe Tour so ist, wie ich sie mir vorgestellt habe. Sie haben uns Bettys Bay empfohlen und den Clarence Drive. Da waren wir tatsächlich noch nicht und die Pinguine sind durchaus eine reizvolle Alternative. Hmmm- wir müssen unser Vorhaben überdenken. Aber nicht jetzt. Diese unerbetene Hilfsbereitschaft ist mir schon wieder zu viel. Meine Lösung: Stiller Rückzug. Da kommt es doch sehr gelegen, dass jetzt unser Essen serviert wird, und diesem widmen wir uns hingebungsvoll. Es schmeckt auch wunderbar.
Trotz der kulinarischen Entschädigung fühlen wir uns in diesem beengten Ambiente einfach nicht wohl und belassen es daher beim Hauptgang. Zurück im Guesthouse packen wir unseren Krempel zusammen, damit wir morgen nach dem Frühstück zügig die Weiterfahrt antreten können. Dann wird noch ein bisschen gelesen und geschrieben bis wir ins Land der Träume gleiten und von Märchenwäldern träumen.
Teil 5128. Mai 2026
Dienstag 24. Februar
Tapetenwechsel
Um 7:30 Uhr sitzen wir beim Frühstück. Die Wurst-Käse-Platte, die ich gestern geordert habe, ist eine echte Kampfansage, die ich verliere. Der Kaffee schmeckt mir hier besonders gut. In der Vorfreude auf einsame Pässe und viel raue Natur, die wir heute fahren möchten, gehe ich naiverweise davon aus, dass ich später alle paar Minuten diskret hinter einem Busch verschwinden kann. Also trinke ich gleich drei Tassen von meinem Lieblingsgebräu, bei dem Freud und Leid bekanntlich sehr dicht beieinanderliegen.
Guter Dinge verlassen wir heute die Wüstenstadt und damit auch die Karoo. Unser Ziel ist Swellendam, genauer gesagt das Rothman Manor. Der Himmel ist wolkenverhangen. Es sieht ganz danach aus, als bekäme das durstige Land heute eine weitere Wasserspende. Laut unserem Guide von gestern hat diese Gegend seit einem halben Jahr keinen Tropfen mehr gesehen. Der Regen ist ein Segen für alle die hier leben.
Wir bleiben bei unserer geplanten Strecke: über Calitzdorp, den sensationellen Gysmanshoek Pass und Suurbraak nach Swellendam – auch wenn wir mangels Verkehrsschilder erst mal wieder ein bisschen hin und her fahren.
Ja, wo sind wir denn hier gelandet? Ich dachte Solitaire ist in Namibia? 😄
Ich hätte besser vor den drei Tassen Kaffee noch mal auf die Karte geschaut und mir bewusst gemacht, wie lange wir unterwegs sein werden, bis ich wirklich in der Einsamkeit abtauchen kann. Ich frage mich echt, wo Uwe seine ganzen Getränke lässt. Wir fahren gute 90 Minuten auf asphaltierten Straßen und durch Ortschaften, bis es überhaupt die Möglichkeit gibt, sich ohne Publikum zu erleichtern – für mein Körpervolumen ist meine Blase einfach viiiiieeeeel zu unterernährt.
Und das Wissen, dass ich absolut keine Privatsphäre habe, scheint den Flüssigkeitsdurchgang nur noch mehr zu beschleunigen. Drei Mal muss ich mir die Blöße geben und zwischen zwei geöffneten Fahrzeugtüren abtauchen, während der Verkehr wie in der Rushhour an uns vorbeibrettert. Aber mittlerweile ist meine Hemmschwelle sowieso gesunken. Wat mutt, dat mutt. Wir haben schließlich alle den gleichen Notausgang.
Wüstenstadt Ade
Unsere erste Etappe führt uns über Teerstraßen vorbei an zahllosen, üppig grünen Weinbergen. In den Reben hängen schwere blaue Traubenrispen. Anstelle von Zäunen markieren Blumenrabatten mit großen blühenden Sträuchern die Grundstücksgrenzen – vermutlich, um Insekten anzulocken. Wunderschön sieht das aus, aber eben auch sehr kultiviert.
Nach 90 Minuten auf Asphalt verlassen wir die von Menschenhand gestaltete Kulisse. Wir biegen ab – weg von Teer und LKWs, jetzt kommt endlich Schotter unter unsere Räder! Was bin ich froh. Und wie willkommen ist mir der erste Busch, den ich mir aus der Froschperspektive ansehen kann, ohne selbst gesehen zu werden! Da fühle ich mich doch gleich doppelt so gut.
Dicke Luft
Im wahrsten Sinne des Wortes erleichtert suchen wir die Abfahrt zum Gysmanshoek Pass. Doch die Beschilderung ist alles andere als eindeutig. Plötzlich stehen wir vor einem einspurigen, tief ausgewaschenen und holprigen Feldweg, der sich in die absolute Wildnis frisst. Wir haben massive Zweifel: Das kann doch unmöglich ein offizieller Pass sein! Sind wir hier auf Privatland geraten?
Im Cockpit brennt die Luft. Uwe ist felsenfest davon überzeugt, dass wir hier illegal unterwegs sind, ich halte vehement dagegen: Es gab keine Alternative, wir müssen hier richtig sein. Ich bin genervt, weil es Uwes Aufgabe war, die Routen ins Navi einzupflegen. Aber auf das ist halt auch nicht immer Verlass.
Um des lieben Friedens willen gibt Uwe klein bei und willigt ein, noch ein Stück weiterzufahren. Und siehe da: Mit jeder Kurve verlieren sich die Zweifel und es wird klarer – mein innerer Kompass hatte recht und das Navi auch. Irgendwann stoßen wir auf ein Schild mit dem Hinweis: „Blumen pflücken verboten“. Spätestens jetzt ist klar, dass wir hier fahren dürfen. Aber ganz ehrlich: Es fühlt sich überhaupt nicht an wie ein Pass, sondern wie eine Fahrt durch einen wilden, botanischen Garten
Pure Natur
Was sich uns hier offenbart, ist ein absolutes Kleinod für Natur-Enthusiasten. Man kann förmlich vor sich sehen, wie sich hier früher die schweren Ochsenkarren durch den Staub gequält haben. Wir landen in einem unberührten Fynbos-Paradies. Ich bin mir sicher: In der Hauptblütezeit würde selbst die Blumeninsel Mainau dagegen abstinken. Aber auch jetzt, außerhalb der Saison, entdecken wir die eine oder andere blühende Schönheit. Ich bin ohnehin schon am Limit meiner Begeisterungsfähigkeit – noch mehr blühendes Wunder würde mich emotional komplett überfordern.
Je tiefer uns die Piste ins Nirgendwo führt, desto ursprünglich wild und natürlich wird es. Die Zivilisation scheint in einer anderen Galaxie zu sein, obwohl der Pass gerade mal 13 km lang ist. Die Einsamkeit und die Schönheit dieser Strecke sind schlicht unbeschreiblich. Nur eine Frage lässt uns nicht ganz los, während wir uns an den Berghängen entlangtasten: Wie viele Kilometer müssten wir im Ernstfall eigentlich rückwärtsfahren, wenn uns hier Gegenverkehr begegnet? Ausweichen ist hier definitiv nicht möglich.
Doch das Glück ist auf unserer Seite. Erst ganz am Ende des Passes, als der Weg sich bereits wieder öffnet, kommt uns das erste und einzige Auto entgegen. An einer breiten Stelle kommen wir problemlos aneinander vorbei – und atmen insgeheim beide durch.
Genussmodus an!
Wir lassen die Fenster herunter und schalten in den Genussmodus. Bei Schrittgeschwindigkeit verfallen wir in einen regelrechten Naturrausch. Wir schalten die Musik ab und lassen uns ein auf die Naturakustik, die sich uns bietet. Die Vögel zwitschern sich die Seele aus dem Leib. Ansonsten Stille – keine Stimmen, keine Motoren, nichts außer Vögeln, brummende Insekten und uns.
Uwe muss gefühlt alle paar Meter anhalten, weil ich schon wieder aussteigen und ein neues Blümchen fotografieren möchte. Manche der filigranen Blüten sind nicht größer als ein Fingernagel. Wohin das Auge auch blickt: mannshohe Proteenbüsche. Was für eine Pracht muss das erst sein, wenn die alle gleichzeitig in voller Blüte stehen! Teilweise ragen die Pflanzen links und rechts des Weges so hoch, dass wir uns wie in einem grünen Dschungel fühlen.
Das Schild mit dem Hinweis, dass Blumenpflücken verboten ist, hat sicher seine Berechtigung. Denn ich kann mir lebhaft vorstellen, wie groß die Versuchung für so manchen Amateur-Botaniker sein muss, die heimische Pflanzenvielfalt im eigenen Garten, um ein solches Juwel zu ergänzen. Aber hier, wo sie hingehören, sind sie einfach am schönsten. Afrika und diese Pflanzen gehören einfach zusammen – was hier die Sinne berührt, lässt sich nicht nach Europa transportieren.
Abschied vom Schotterglück
Ich wünschte, der Pass wäre doppelt so lang. Hier geht mir das Herz auf. Wir holpern über Feld- und Waldwege, über Stock und Stein und haben diese atemberaubende Kulisse ganz für uns allein. Wo gibt es das noch? Ein gutes Stück vor uns zeigt sich sogar ein Schakal, der aber schnell scheu im Gebüsch verschwindet.
Erst nachdem wir die Passhöhe überquert haben und sich der Weg wieder nach unten schlängelt, öffnet sich das enge Tal zu den weiten Ausläufern des Overberg-Gebietes. Die ersten Weidezäune markieren das langsame, aber unaufhaltsame Zurückkehren der Zivilisation. Auf den Koppeln entdecken wir sehr außergewöhnliche Rinder.
Jetzt durchfahren wir auch ein paar kleine Flusssenken, die ein bisschen Wasser führen – gerade so viel, dass unserem Autochen die Füße gewaschen werden. An einer Senke, direkt neben unserem Weg, geht eine Schar Helmperlhühner emsig ihrem Tagesgeschäft nach: der unermüdlichen Futtersuche!
Am Ende des Passes verabschiedet sich der Schotter. Wir biegen Richtung Swellendam ab und haben nun noch gut 55 Kilometer schnöde Teerstraße vor uns. Macht aber nichts: Wir sind beide noch während der gesamten restlichen Fahrt völlig geflasht von diesem traumhaften Naturerlebnis. Ganz klar gehört dieser Pass zu unseren schönsten Highlights auf dieser Reise.
Teil 5228. Mai 2026
Luxus neu interprätiert
Im Rothman Manor Guesthouse werden wir sehr freundlich begrüßt und bekommen alles gezeigt. Wir haben das Loft gebucht. Wir finden es superschön und es bietet sehr viel Platz. Einzig der Balkon könnte etwas fantasievoller gestaltet sein.
Der Garten ist riesig. Es gibt einen kleinen Seerosenteich, eine Art Bassin und eine Aussichtsterrasse, von der aus man ein Hauszebra und ein paar Springböcke beobachten kann
Doch dann wird es Zeit für die erste körperliche Grundreinigung. Im Badezimmer steht ein Eimer in der Dusche – das kennt man ja aus Südafrika zwecks Wassersparen. Aaaaaber die Wassertemperatur lässt sich einfach nicht regeln. Entweder regnet es Eiswürfel oder du verschiebst den Regler nur um einen Millimeter und wirst gnadenlos gebrüht wie ein Hummer. Boah, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, welche Geräuschkulisse aus dem Badezimmer dringt, während ich versuche, im Duschkampf zu überleben!
Abenteuerspielplatz Küche
Eine defekte Mischbatterie geht gar nicht – und dann noch in der Luxus-Suite des Hauses. Aber hey, wir sind im Urlaub. Chill your base, Silvia! Okay, ich beruhige mich ja schon wieder. Aber mein Nervensystem schreit jetzt ganz dringend nach einem Kaffee.
Die Küche ist ein echter Hingucker und hat eigentlich alles, was man so braucht. Ich nehme den Wasserkocher, halte ihn unter den Wasserhahn und betätige den Hebel für „Wasser marsch!“. Um den hochzuziehen, muss ich direkt ein bisschen Kraft anwenden. Der lässt sich echt schwer bewegen – nur um festzustellen: Huch, der Hahn ist ja komplett lose!
Während ich die eine Hand brauche, um den schwerfälligen Hebel überhaupt zu bedienen, brauche ich die andere Hand, um nicht die gesamte Armatur aus der Halterung zu reißen. Das ist mir definitiv zu heikel – nachher schießt hier eine Wasserfontäne heraus, die ich nicht mehr stoppen kann. Also gut, Hahnenwasser ist gestrichen. Dann halt aus der Flasche.
Ich fülle den Kocher und drücke den Einschaltknopf. Nichts. Oh, da muss ich wahrscheinlich erst den Schalter an der Steckdose umlegen. Aber nö, der liegt schon, wo er soll. Also: Wasserkocher ist auch tutti kaputti.
Aber so schnell gebe ich nicht auf! Dann wird das Wasser eben ganz altmodisch im Topf gekocht – na bitte, geht doch! Ich brühe meinen Kaffee auf, dessen Duft mich schon ganz betört.
Dann öffne ich den Kühlschrank, um die Milch herauszunehmen. Nächstes Entsetzen: Das Eisfach hat keine Tür mehr und ist stattdessen ein einziger, gigantischer Eisblock. Die Milch steht aber zum Glück ganz unten und ist immerhin noch flüssig. Da wurde die Minibar wohl zuletzt mit geschlossenen Augen aufgefüllt. So abenteuerlich habe ich jedenfalls auch noch nie Kaffee gekocht!
Der Blick hinter die Fassade
Wir setzen uns aufs Balkönchen – das Sonnenschirmchen eignet sich bestenfalls als Deko. Schatten suchen wir jedenfalls vergeblich. Der Stoff an der Umrandung versprüht den schmuddeligen Charme einer vielgebrauchten Camping-Ausrüstung. Die Stühle hätten ein Pölsterchen gut vertragen können und direkt neben uns, dominiert der monströse Kasten der Klimaanlage das Ambiente. Den hätte man im Sinne von „Schöner Wohnen“ vielleicht ein bisschen verkleiden oder verstecken können.
Der Sanierungsstau allein im Loft ist jedenfalls enorm. Das ist echt schade, denn eigentlich verbindet man mit einer gehobenen Unterkunft ja ein anderes Erlebnis als das Gefühl in einer edel möblierten Ruine zu sitzen, deren Fassade lediglich Make-up ist.
Auf Safari im Vorgarten
Unser Balkönchen gewinnt heute definitiv keinen Gemütlichkeitspreis mehr. Dafür lädt aber der wirklich schöne und riesige Garten zu einer Entdeckertour ein – die Natur bekommt das mit dem passenden Ambiente eben deutlich besser hin als das hauseigene Handwerker-Team.
Erste Station: Der Seerosenteich, ein bisschen zugewuchert, aber trotzdem sehr schön. Einige der schönen Wasserblumen blühen sogar gerade. Ich hoffe ja inständig auf Glockenfrösche, die uns heute Nacht romantisch in den Schlaf bimmeln. Bitte bloß keine ordinären Quakfrösche, die einen auf Heavy Metal machen und die ganze Nacht durchrocken!
Weiter unten stoßen wir auf ein Gehege, das gefühlt bis zum Horizont reicht. Erst herrscht gähnende Leere, doch es dauert nicht lange, da trottet ein Esel ins Bild – ach nee, warte mal, das ist ja ein Zebra! Wie süß! Also, für das Zebra vermutlich weniger, aber immerhin hat es hier deutlich mehr Auslauf als in jedem Zoo.
Das Tier kommt direkt bis an den Zaun. Ich könnte es theoretisch streicheln und schätze, es würde die Zärtlichkeit sogar genießen. Aber es gilt die eiserne Regel: Keine Wildtiere knuddeln! Wobei ich das mit dem Streichelbedürfnis vermutlich falsch interpretiert habe. Jetzt sieht es nämlich ganz danach aus, als ob es eine Kariesprophylaxe von mir erwarten würde. Ja, Zahnseide und ein bisschen Plaque-Entfernung würden tatsächlich nicht schaden. Gern geschehen – macht fünf Euro bitte!
Ein paar Minuten später bekommt unser Streifenpferd Gesellschaft: Hinter einer Busch-Insel taucht eine Truppe Springböcke auf. Einer von ihnen wurde wohl mit „Weißer Riese“ gewaschen – ein echter Albino! Die anderen haben offensichtlich nicht mehr mit in die Waschmaschine gepasst. Wie die wohl alle hier gelandet sind? Echt schade, dass ich damals nicht nach der Gründungsgeschichte dieser royalen Wohngemeinschaft gefragt habe. Jetzt im Nachhinein würde mich das brennend interessieren.
Teil 5329. Mai 2026
Schockverliebt in Swellendam
Wir schlendern ein bisschen durch die Stadt und ich bin restlos begeistert. Alles ist so unglaublich grün; die Straßen werden von riesigen, alten Bäumen flankiert und die Häuser im touristischen Viertel sind einfach nur zum Dahinschmelzen. Hier gibt es herzige kleine Cafés, Bäckereien, eine Gelateria, eine Pizzeria... ich glaube, Swellendam muss ich bei einer weiteren Reise unbedingt länger einplanen. Ich bin regelrecht schockverliebt!
Die Gelateria sieht aus, als würde sie Barbie persönlich gehören – ein verspielter Vintage- oder Mädchen Traum, den man eher in einem Hochglanzmagazin vermuten würde. Unser Eis schmeckt fantastisch, wunderbar fruchtig und cremig. Für das Museum ist es leider schon zu spät, also lassen wir uns weiter treiben.
Auch die Bäckerei muss ich mir von innen ansehen. Was für ein liebevoll gestaltetes Lädchen! Es gibt zwei winzige Nebenräume mit Tischen, und in einem scheint direkt ein Blumenladen integriert zu sein. Wie schade, dass wir kein Brot brauchen – aber für den kleinen Hunger zwischendurch holen wir uns auf jeden Fall morgen früh noch eine Kleinigkeit.
Sogar die Boutiquen sind hier echte Hingucker. Es fühlt sich alles nicht wie eine typische Stadt an, sondern eher wie ein verträumtes Dorf aus den Fünfzigern.
Allerdings fällt uns auf, wie viele dieser historischen Häuser zum Verkauf stehen. Vermutlich ist der Sanierungsaufwand für diese alten Schätze nicht mehr finanzierbar. Wir haben auch gesehen, dass das Rothman Manor zum Verkauf steht – das erklärt natürlich einiges. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die Mängel in unserem Loft nicht mehr behoben werden. Trotzdem schade, denn vieles davon wären eigentlich nur Kleinigkeiten, die man mit wenig Aufwand richten könnte. Aber so bleibt es wohl vorerst bei mehr Schein als Sein und Fassaden- Make-up.
Ein Abend mit Niveau
Fürs Dinner haben wir im Field & Fork reserviert. Wir sind fast eine Stunde zu früh dran, stehen aber nach unserem Sightseeing-Spaziergang schon vor der Tür und fragen einfach, ob wir früher kommen dürfen. „Kein Problem, wenn ihr zehn Minuten warten könnt.“ Na, das machen wir doch liebend gerne!
Das Restaurant empfängt uns mit schlichter Eleganz. Der Raum ist relativ klein. Ein Sprossenfenster mit tiefer Fensterbank erinnert uns sofort wieder daran, dass wir uns in einem historischen Gebäude befinden. Ein alter Holzofen, viele grüne Pflanzen und Holztische, die ohne unnötigen Schnickschnack, aber sehr edel eingedeckt sind – das alles hat echtes Niveau. Es ist der passende Rahmen für ein Dinner, das in Sachen Geschmack und Präsentation in der oberen Liga spielt. Hier lässt es sich aushalten, und deshalb gönne ich mir heute mal ein Weinchen – und für ein Dessert sind wir natürlich auch zu haben
Vor dem Menü wird uns frisches Brot aus der Bäckerei nebenan serviert – genau die Bäckerei, in die ich mich heute Mittag schon verliebt hatte. Es schmeckt wie aus einer richtig guten, alten Handwerksbäckerei in Deutschland. Ich könnte einen ganzen Laib davon verdrücken! Auch das Personal verdient höchstes Lob: Sie verstehen ihren Job, sind extrem aufmerksam und dabei herrlich unaufdringlich. So macht Essengehen wirklich Spaß.
Am Nebentisch sitzt ein junges, sympathisches Paar. Wir kommen ins Gespräch und stellen fest: Die beiden haben genau die richtige Dosis Kommunikation drauf – nicht zu viel und nicht zu wenig.
Das Field & Fork fügt sich perfekt in den Eindruck ein, den Swellendam heute bei mir hinterlassen hat. Ich möchte wirklich gerne noch einmal hierher zurückkommen, Ausflugsmöglichkeiten gibt es in der Umgebung mehr als genug.
Ein bisschen überfressen und leicht angedüdelt – letzteres trifft fairerweise nur auf mich zu – machen wir uns nach einem wunderbaren Abend auf den Rückweg.
Unser Bett ist bequem, das Zimmer angenehm klimatisiert und mit dem weihnachtlichen Frosch-Jingle-Bells im Ohr schlafen wir glücklich über all das Schöne ein, was wir heute erleben durften.
Teil 5431. Mai 2026
Mittwoch 25. Februar
Guten Morgen Herr oder Frau Zesel
Während Uwe die Zeit bis zum Frühstück für maximalen Schönheitsschlaf nutzt, setze ich auf die Schönheit von innen und brüh mir einen Kaffee. Dann mach ich mich auf die Socken, bzw. mit den Socken in die Schuhe, und auf den Weg in den hoteleigenen „botanischen Garten“. Es hat in der Nacht geregnet. Alles ist nass, aber die Sonne macht sich schon an die Arbeit, um die Kulisse in goldenes Morgenlicht zu tauchen. Ich liebe diese Momente.
Mal sehen, ob der Esel mit Identitätskrise auch schon seine Morgenrunde dreht. Er wollte wohl ganz doll ein Pferd werden – und ist getreu dem Motto „Du kannst alles sein, wenn du nur fest daran glaubst“ beim „Zesel“ hängengeblieben. Och ja – er steht schon am Zaun und sucht Unterhaltung. Er begrüßt mich - scheinbar hat er Halsschmerzen, denn diese Stimme kann unmöglich gesund sein.
Eine Stunde ist schneller rum, als man bis drei zählen kann. Ruckzuck ist es 8:00 Uhr und ich mache mich vom Acker. Uwe kommt mir auch schon direkt entgegen, bereit für sein Frühstücks-Ei-chen (falls es hier eierlegende Hühner gibt).
Ein Fall für Knigge
Der Garten ist wirklich ein Träumchen. Die Terrasse wird fast vollständig von einem riesigen Baum beschattet. Es sind auch schon einige Tische draußen eingedeckt, und weil wir wie immer die Ersten sind, können wir uns den schönsten Tisch aussuchen.
Mein Blick bleibt tiefbeeindruckt am Besteck kleben. Wozu in aller Welt braucht man zum Frühstück derart viel Werkzeug? Wollten die einfach mal zeigen, was sie alles in der Schublade haben? Ich glaube, ich muss schnell noch im Knigge blättern. Also, bei diesem Aufgebot erwarte ich ein Frühstücksbuffet, das mich aus den Socken haut.
Wo ist es denn? Wir schleichen uns mal durch die Räume, die nach öffentlichem Bereich aussehen, und ja: Da ist ein Raum, beidseitig mit Tischen bestückt und mit einer Auswahl, die mich erst mal überfordert. Da gibt es erstaunlich viel, was ich kosten möchte, aber alles wird nicht gehen. Mein Ich und mein Über-Ich diskutieren, wie wir am besten die Prioritäten setzen. Irgendwie werden wir uns einig und es kann losgehen.
Der Service ist sehr freundlich und es gibt nicht nur schnöden Kaffee, sondern auch Latte oder Cappuccino. Also, in dieser Kategorie gibt es hier keinen Punktabzug von mir – eher ein extra Sternchen. Saulecker war’s!
Off-Road-Gondel gegen Neuwagen vom Fließband?
Die Zeit schreitet aber unaufhaltsam voran und wir möchten ja heute noch ins De Hoop Nature Reserve fahren. Spät frühstücken, dann noch eine gute Stunde Anfahrt bis zum Gate und noch mal 40 Minuten vom Gate bis zu den Dünen – das bedeutet: Die beste Lichtzeit hat sich schon läääängst verabschiedet.
Ein richtiger, langer Aufenthalt hat leider nicht mehr in unsere Planung gepasst. Aber mal reinschnuppern und die Lage abchecken ist besser als nix – denken wir uns. Also schnüren wir erst mal die Wanderschuhe – zumindest ich –, biegen noch mal kurz ins Badezimmer ab und dann kann es auch schon losgehen!
Während wir ins Gespräch vertieft die Treppe herabsteigen – mit festem Blick auf unser Autochen –, erkennen wir mit absolutem Entsetzen, einen Mitarbeiter des Hauses, wie er bewaffnet mit mehreren Gießkannen, dem Dreck an unserem Wagen eine Kampfansage macht. Also – wir reden hier nicht von einer netten, gut gemeinten Autowäsche. Nein! Hier geht es um unseren wochenlangen Ritt durch den allerfeinsten Off-Road-Dreck. Den unumstößlichen Beweis dafür, dass wir uns tatsächlich auf abenteuerliche Weise, nervengekitzelt und stolz durch die Wildnis geschlagen haben. Wir sind am Boden zerstört. Wollten wir doch am letzten Urlaubstag ein finales Beweisfoto machen, wenn unser heiliges Blechle maximal pigmentiert aussieht! Und jetzt? Ach Mensch – das strahlende Weiß der Kiste blendet beinahe. Unser Wägelchen sieht aus wie frisch vom Fließband gerollt. Wir bemühen uns nach Kräften um eine freundliche Gesichtsfassade, die den Fleiß des Mitarbeiters würdigt, und bedanken uns wie anständige Leute. Unser seelisches Gleichgewicht braucht danach allerdings ein paar Kilometer, bis es sich wieder erholt und ins Lot kommt.
Sandsturm-Idylle und die verpatzte Image-Rettung
Aber bevor wir endgültig aus der Stadt rausfahren, biegen wir noch schnell zur schnuckeligen kleinen Bäckerei von gestern ab. Die Auswahl ist bescheiden, aber der Charme dieser Backwerk-Boutique macht das locker wieder wett. Uwe entscheidet sich für ein herzhaftes Schnittchen und ich mich für eine süße Variante. Ich mache noch schnell ein Foto, und dann geht es wirklich Richtung De Hoop.
Schade nur, dass der Fahrtwind unser Chassis schon getrocknet hat. Wir fahren nun auf einer Staubpiste, die man getrost als „Vom Winde verweht“ bezeichnen könnte. Eine echte Sandsturm-Idylle – allerdings nicht verursacht durch die Natur, sondern von unzähligen Lkw, die uns gnadenlos einpudern, und ebenso vielen Baustellen. Dieser feine Staub könnte unseren verlorenen Off-Road-Look theoretisch im Rekordtempo wiederherstellen – wenn er denn wenigstens kleben bleiben würde! Da das Blech aber trocken ist, küsst das Puder nur die Oberfläche und vernebelt uns im nächsten Moment lediglich die Sicht- Frechheit!
Süßer Lockruf mit Hinterlist
Irgendwann stehen wir aber doch am Pförtnerhäuschen von De Hoop und zahlen unser Permit. Die Vegetation ist superschön: Fynbos, soweit das Auge reicht.
Die Dünen sind auch schnell gefunden. Wir parken und spazieren erst mal über die Sandhügel Richtung Meer. Die Aussicht ist ein Traum! Nach so vielen Tagen Wüste und Staub bieten die strahlend weißen Puderzuckersand-Dünen einen wunderbaren visuellen Kontrast. Das leuchtend smaragdgrüne Meer rauscht im Rhythmus und die Wellen befeuchten den Sand am Ufer. Wir schwelgen in Glückseligkeit.
Wir latschen ein bisschen in den Dünen herum. Oben angekommen genießen wir den Blick aufs Wasser, dessen Oberfläche glitzert, als würden Millionen winzige Spiegelchen darauf schwimmen. Eine leichte Prise wirbelt feine Sandkörnchen auf – Aua, Au… Au… Hey, was soll das? Die Körner schmirgeln uns über die Haut und verpassen uns ein Hochgeschwindigkeits-Peeling. Wir müssen uns ein bisschen im Kreis drehen, damit unsere Haut nicht nur einseitig abgetragen wird. Aber das halten wir nicht sehr lange aus und flüchten in weniger windige Gefilde.
Teil 5531. Mai 2026
Privatbesitz – Betreten verboten?
Da ist ein schöner Busch mitten im Sand, wie eine kleine grüne Insel, und im Hintergrund das Meer. Ein schönes Fotomotiv. Doch genau in dem Moment taucht ein vielleicht vierjähriges Mädchen auf und macht mich rotzfrech an. Das Gesicht grimmig verzogen, die Augen zusammengekniffen, die Hände aggressiv zu Fäusten geballt – wie eine kleine, ferngesteuerte Kampfmaschine stampft sie wild entschlossen auf mich zu. Und faucht: „This is my House!“
Was ist denn bei der bitteschön schiefgelaufen? Hat das Kind zum Frühstück irgendwelche illegalen Aufputschmittel erwischt? Ich weiß tatsächlich im ersten Moment überhaupt nicht, wie ich reagieren soll, und denke mir nur insgeheim, dass ich dieser Furie lieber nicht begegnen möchte, wenn sie erst mal 14 oder 15 ist. Im Geiste rechne ich schon fest damit, dass sie mir gleich einen Gong verpassen will. Doch dann dreht sie plötzlich ab und umrundet demonstrativ ihren Busch, ganz so, als wollte sie damit ihre Grundstücksgrenze markieren. Währenddessen wiederholt sie ununterbrochen ihr Mantra: „This is my House! This is my House!“
Wow, das war jetzt aber mal eine Nummer! Ich knipse mein Foto und beende damit offiziell den Hausfriedensbruch. Und die Mutter oder Begleitperson? Die läuft locker 50 Meter weiter vorne am Strand entlang und interessiert sich nicht im Geringsten für ihren Mini-Terminator.
Gestrandet im Paradies – aber was ist das?
Wir spazieren weiter und finden einen schönen Pfad, der uns ganz runter zum Strand führt. Immer wieder bleiben wir stehen und freuen uns an diesem wunderschönen Ausblick aufs Meer.
Es sind glücklicherweise nicht allzu viele Menschen da. Im Sand, am Rand der Wasserzunge, liegen viele kleine blaue Dinger. Sie sehen aus wie aufgeblasene Tütchen. Was ist das? Wir haben keine Ahnung. Aber von dem Zeug liegt hier echt viel rum. Also Fotochen gemacht und die KI gefragt. Die sagt, es seien Segelquallen. Aha – wieder eine Erstsichtung! 🤩
Wir genießen unseren Strandspaziergang eine ganze Weile, doch als immer mehr Badegäste ankommen und sich jeweils zwei Quadratmeter Sand mit ihrem Handtuch als „My House“ markieren, kommt Großstadt-Feeling auf. Nix wie weg hier. Uns steht jetzt der Sinn nach einem kühlen Getränk im Café – oder noch besser: nach einem Eis. Es hat mittlerweile schweißtreibende 35 °C im Schatten, da ist uns jede Erfrischung mehr als willkommen.
Auf der tollen Terrasse des Park-Restaurants sitzend, haben wir einen wunderbaren Ausblick. Hier lässt es sich echt aushalten! Aber wir möchten unbedingt noch die Lagune sehen und bleiben daher nicht allzu lange sitzen.
Busch-Invasion
Für die Vogelbeobachtung ist es jetzt zwar nicht die richtige Tageszeit, aber ein Spaziergang an der Lagune muss trotzdem drin sein. Wir fahren Richtung De Hoop Collection, weil laut unseren Infos der Weg dort startet.
Doch sehr weit kommen wir erst gar nicht. Hier geht es plötzlich zu wie im Zoo! Damit haben wir nicht einmal ansatzweise gerechnet. Ist das hier immer so? Ich dachte, dass wir vielleicht mit ganz viel Glück auf Fernglas-Entfernung mal ein Zebra oder einen Strauß sehen. Aber das hier…? Das übertrifft bei Weitem alles, was ich mir gewünscht habe.
Zuerst betreten mehrere Strauße die Bühne. Na ja, die sind nach den letzten Wochen jetzt vielleicht nicht mehr sooooo wahnsinnig spannend, aber sie verschönern dennoch das Landschaftsbild und sie gehören ja schließlich auch irgendwie dazu.
Es dauert allerdings nicht lange, bis wir weiter hinten etwas in Bodennähe entdecken. Wir brauchen zuerst das Fernglas, um genau zu erkennen, um welche Tiere es sich handelt: Aha – Bontebokke! Sie machen gerade Siesta. Bald sind wir nah genug um sie auch gut ohne Fernrohr beobachten zu können. Gleich darauf steht sogar eine gemischte Herde mit riesigen Eland-Antilopen und Bontebokke mitten im Veld. Wir können unser Glück kaum fassen und freuen uns unglaublich.
Wenn der Bär steppt
Aber da ist noch etwas ganz weit weg, was unsere Aufmerksamkeit fesselt. Diese Tiere sind deutlich kleiner als Antilopen, dafür aber überaus kompakt gebaut. Sie bewegen sich eindeutig wie Affen, sehen von der Statur her aber eher aus wie kleine Grizzlybären. Das Fernglas muss als Detektiv herhalten und löst das Rätsel schließlich auf: Es sind tatsächlich Paviane – aber was für Riesenexemplare! Solche stattlichen Affen haben wir noch nie gesehen. Schon wieder eine Erstsichtung!
Unsere spätere Recherche bestätigt: Das sind Bärenpaviane. Die herrschaftlichen Tiere können eine Kopf-Rumpf-Länge von bis zu 1,15 Metern erreichen und verteidigen stolz den Titel der größten und schwersten Pavianart der Welt. Und sie kommen unaufhaltsam näher. Der unbestrittene Boss der Truppe überquert direkt hinter uns die Pad. Wir wenden das Auto und warten auf den Rest der Gesellschaft, die erst mal Buschpause macht und sich stärkt. Dann schließen sie auf und überqueren ebenfalls im Gänsemarsch die Straße – jetzt natürlich direkt vor unserem Auto. Sooo cool! Trotz ihrer beeindruckenden Statur sehen sie irgendwie flauschig-plüschig aus. Tolle Tiere!
Teil 5631. Mai 2026
Kaum sind die Plüsch-Bären im Gebüsch verschwunden, trabt schon das nächste Spektakel an: Eine riesige Herde Eland-Antilopen überquert die Piste. Eine davon hat ein ziemlich windschief gestyltes, krummes Horn – was macht man nicht alles, um ein bisschen aufzufallen.
Das Spannende ist: Die Herde wird auf Schritt und Tritt massiv bedrängt. Aber nein, nicht von aufdringlichen Touristen-Autos, sondern von einer Schar weißer Kuhreiher! Die Vögel kleben den Antilopen förmlich wie Leibwächter am Heck. Nicht aus reiner Zuneigung, sondern aus purem Eigennutz: Hungrig lauern sie darauf, dass die vielen Hufe das Insekten-Buffet im Gras aufscheuchen, um die flüchtenden Flugakrobaten zu eliminieren. Ein genialer, fliegender Catering-Service – hocheffizient, wenn auch extrem distanzlos! Da kann’s schon mal passieren, dass dem weißen Vogel auf den Kopf geschissen wird. Dann ist das ein Vogel mit Sonnenhut. Die Beweisfotos sind leider unscharf geworden.
Zwei Bratheringe auf Wanderschaft
Kurz vor dem Parkplatz beim Restaurant vervollständigt eine Handvoll Zebras unser heutiges Safari-Glück.
Wir steigen aus, bewaffnen uns mit Wasser und Sonnenhut und laufen los, immer schön auf dem Pfad entlang der Abbruchkante. Leider sind wir hier der prallen Sonne ausgesetzt. Nur ab und zu beschattet uns ein kleiner Busch oder Baum. Zwar weht uns permanent ein leichtes Lüftchen um die Ohren, doch es hat den Effekt eines Heißluftherdes und gibt uns bei jedem Atemzug das Gefühl, wir würden Feuer schlucken. Die 35 °C fühlen sich locker zehn Grad heißer an.
Wir schwitzen uns den Wolf. Aber ich will diesen Trail unbedingt noch ein Stück laufen. Es ist echt schön hier und meine Leidensbereitschaft ist heute erstaunlich gut drauf. Uwe jammert auch nicht, der guckt nur immer, dass ich genug trinke. Das passt schon. Der Weg, die Felsen, das Wasser glitzernd im Sonnenlicht und wir ganz allein – schließlich ist nicht jeder so bekloppt wie wir und läuft diesen Trail in der Mittagshitze. Aber wir finden es einfach nur schön hier. Irgendwann drehen wir dann um und laufen nach Luft hechelnd zurück.
Am Ende des Weges steht ein beachtlicher Milchholzbaum direkt an der Wasserkante. Darunter ein paar Bänke und Tische. Da plumpsen wir erst mal ab, lassen uns einen Liter Wasser in den Schlund laufen und schnaufen durch. Am Auto müssen wir auch erst mal die Türen öffnen und warten, bevor wir einsteigen können. Lenkrad und Sitze sind heiß genug, um darauf frischen Fisch braten zu können.
Feuer und Eis
Es ist schon früher Abend, als wir uns auf den Rückweg nach Swellendam machen. In der Ferne erkennen wir Rauchschwaden in den Bergen hinter der Stadt – oder zumindest grob in dieser Richtung. Wir sehen zwar keine Flammen, aber der Rauch trägt eindeutig die Signatur eines Brandes. Uns wird flau im Magen. Ich informiere mich im Netz und finde einen Bericht, dass es auf der Farm Kleinbegin in der Langeberg-Region brennt. Hoffentlich ist das kein Feuer, das uns gefährlich werden kann. Wenn es nur 25 km Luftlinie von unserer Unterkunft entfernt kokelt, könnten die Flammen bei ungünstigen Bedingungen im Laufe der Nacht Swellendam erreichen. Erst spät am Abend lese ich, dass das Feuer unter Kontrolle gebracht wurde. Das beruhigt mich wenigstens ein klein bisschen.
Zurück in der Unterkunft stellen wir uns wieder dem Kampf mit der Dusche. Wir entscheiden uns beide für das Wellness-Eiswürfel-Paket anstatt für den Brühvorgang für frischen Hummer. Dann ist es auch schon Zeit fürs Dinner – das bestätigt uns auch unser schlechtgelaunter Grummel - Magen. Heute fällt die Wahl aufs Koornland Restaurant. Auch hier gibt es wieder einen schönen Garten mit Terrasse. Wir sitzen draußen.
Der Service ist sehr freundlich. Wir bestellen erst mal die Getränke, dann wird uns die Speisekarte an den Tisch geschoben. Sie hat nicht gerade Pocket-Format – eine urige Idee, wenn auch ein bisschen unhandlich. Dafür kann man sie nicht so einfach unbemerkt mitgehen lassen. 😄
Das Essen wird uns sehr ansprechend präsentiert und schmeckt hervorragend. Die Küchenchefin kommt sogar persönlich an den Tisch, um zu fragen, wie es uns schmeckt. Es würde mich wundern, wenn sie nicht wüsste, was sie auf dem Kasten hat. Aber sie verdient ein großes Lob und bekommt es auch von uns.
Das späte Essen gibt uns heute nach diesem kompakten Tag mit den vielen Eindrücken den Rest. Wir sind platt. Der Wein setzt vielleicht auch noch ein bisschen Bettschwere-Gefühl obendrauf. Wir schleichen uns zurück in unser Guesthouse, wo wir uns mit letzter Kraft die Treppen hochschleppen, noch schnell unsere Zahnreihen aufpolieren und anschließend in die Federn fallen.
Licht aus – und zack, sind wir im Land der Träume. Gute Nacht, ihr Lieben!
Teil 5704. Juni 2026
Donnerstag 26. Febraur
Sommerpause oder Winteranfang?
Die Nacht ist vorbei, die Akkus sind voll. Es ist wieder Abreisetag. Ahnungslos setze ich einen Fuß vor die Tür – und werde augenblicklich schockgefrostet. Minus 16 °C im Vergleich zu gestern! Was ist das denn bitte? Mein Körper legt automatisch den Rückwärtsgang ein, und ich überrenne dabei fast Uwe, der ahnungslos hinter mir steht. Er guckt mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle – doch dann trifft ihn ebenfalls die erste Kaltluftwelle. Alles klar, er weiß Bescheid.
Ich überfalle den Koffer, der eigentlich schon ordentlich gepackt zum Verladen bereitsteht – das war dann wohl ein Satz mit X. Im Rekordtempo durchwühle ich die Klamottenstapel und ziehe einfach alles an, was der Stoffmarkt hergibt. Der neue Look: augenkrebsverdächtig.
Der Himmel über uns sieht extrem schlecht gelaunt aus. Er macht kein Geheimnis daraus, dass er jeden Moment die Schleusen öffnen wird. Die Frage, ob wir drinnen oder draußen sitzen möchten, stellt sich heute also nicht. Es ist allerdings auch im Inneren sehr gemütlich. Wir platzieren uns und starten gleich darauf die Inspektion am Buffet. Genau wie gestern: eine absolute Schlemmermeile! Während wir das fürstliche Speisenangebot testen, geht draußen die Post ab. Wir hoffen, dass es nur ein kurzes Intermezzo ist.
Stoßstangen-Kuscheln oder Gemüse zählen?
Wir haben heute außer der Fahrt nach Kapstadt keine weiteren Pläne und daher alle Zeit der Welt. Zwischen Joghurt und Spiegelei diskutieren wir über die Route, die wir heute nehmen sollen. Kürzester Weg? Nö, keine Lust auf Stoßstangen-Kuscheln. Lieber auf Umwegen entspannt durchs Gemüse gurken. Machen wir doch die Fahrt zum Tagesausflug! Okay die Entscheidung fällt: Wir fahren über Robertson, Worcester und Paarl. Koffer rein in unseren blitzblank geputzten Wagen – dessen Motorhaube dank des Hotelservices so sauber ist, dass man eine OP am offenen Herzen darauf durchführen könnte – und los geht’s!
Über Land, aber leider dennoch auf vielbefahrenen Teerstraßen steuern wir also unsere letzte Unterkunft für diese Reise an. Zumindest denken wir das. Denn von der Überraschung, die noch auf uns wartet, ahnen wir zu diesem Zeitpunkt noch absolut nichts...
Der Verkehr hier auf den Landstraßen ist ein anderer als in den vergangenen Wochen. Einsame Pisten sind jetzt die Ausnahme. Wir spüren, wie uns die Zivilisation einholt, wie es lauter, voller und umtriebiger wird. Auf unserer Rückbank hat es sich die Wehmut bequem gemacht und jammert uns die Ohren voll, weil sich der Urlaub dem Ende zu neigt.
Die Aussichten sind zum Teil aber wirklich sehr schön. Wir fahren an Weinbergen und Obstplantagen vorbei. Sonne und Regen wechseln sich ab und zeichnen uns einen wunderschönen Regenbogen über einen ganzen Ort. Auf einer Weide stehen ein paar Maulesel mit besonders schöner Fellzeichnung.
Plötzlich kommt mir der Gedankenblitz: Warum nicht einen Abstecher nach Babylonstoren machen, wenn wir eh schon durch Paarl fahren? Wir haben ja heut nichts anders mehr vor. Ja, das würde mir doch sehr gefallen. Uwe ist einverstanden.
Welcome back in Babylonstoren
Zeitsprung: 2023 waren wir schon einmal hier. Damals teilten wir uns das IDYLL mit gefühlt drei anderen Menschen. Schnitt zu heute: Hui, hier ist aber ganz schön was los! Nach der zweiten Ehrenrunde auf dem Parkplatz keimt kurz der Fluchtinstinkt auf. Wollen wir uns diese Rummelplatz-Atmosphäre wirklich antun? Aber wir kennen ja die Dimensionen des Landguts – die Menschenmassen werden sich schon irgendwo zwischen den Themengärten verlaufen.
Umgerechnet zahlen wir etwa 8 Euro pro Person für die Eintrittskarte. Klingt im ersten Moment viel, nur um ein bisschen Grünzeug anzuschauen. Aber so ein XXL-Garten macht eben auch extrem viel Arbeit. Zumal die Bereiche für uns Tagesgäste primär fürs Auge designt wurden und weniger der Agrar-Produktion dienen. Es ist halt ein wirtschaftlicher Betrieb und kein Naturreservat. Insofern hat der Eintritt schon seine Berechtigung.
Die herzige Scheunen-Boutique sticht zuerst ins Auge und zieht mich magisch an. Einmal kurz stöbern! Das Sortiment ist erlesen, vollgepackt mit Produkten aus eigener Herstellung. Aber puh – mir ist das hier drin eindeutig zu viel Mensch auf zu wenig Raum. Nichts wie raus.
Draußen spenden einige uralte Baum-Giganten reichlich Schatten unter ihren ausladenden Ästen. Darunter wuselt das gefiederte Bodenpersonal: Die Hühner kümmern sich hier pflichtbewusst um die Auflockerung der Erde und die Beseitigung von kriechendem Ungeziefer – zumindest so lange, bis sie von kleinen, sehr jungen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes auf Trab gehalten werden.
Es ist ein herrlicher Anblick: Erwischt so ein Mini-Erdenbürger ein "Hühnchen", wird es stolz und voller Liebe hochgehoben und ans Herz gedrückt. Dass dabei mal ein Flügel klemmt oder die Henne mehr am Hals als am Rumpf baumelt, wird mit einem empörten Gackern quittiert. Andere Hühner sitzen einfach tiefenentspannt im Staub und genießen die zärtlichen Streicheleinheiten der Nachwuchs-Tierpfleger. Selbst der Gockel lässt die teils recht aufdringlichen Liebkosungen mit bewundernswerter Gelassenheit über sich ergehen. Ich habe selten so tiefenentspannte Hühner gesehen.
Gleich nebenan auf der Eselkoppel herrscht derselbe Trubel; über mangelnde Aufmerksamkeit kann sich hier kein Vierbeiner beschweren. Wir setzen uns auf eine Bank und schauen dem unterhaltsamen Schauspiel erst mal eine Weile zu.
Dann wird es aber Zeit für die botanische Hauptattraktion. Wir passieren ein weiteres Tor und ich entdecke Seerosen! Ich kann mich an den Blüten kaum sattsehen. Uwe wartet mit Engelsgeduld, bis ich mich losreisen kann.
Teil 5804. Juni 2026
Mal wandert man unter schattigen Pergolen, mal durch diese fantastischen, halbrunden Pflanzentunnel. In der Luft liegt ein intensiver Duft-Cocktail aus Rosmarin, Thymian anderen Kräutern. Wir landen im Staudengarten, zwischen den Rabatten wurden Spazierwege angelegt. Das aktuelle Gartenbild wird ganz klar von den Herbstblühern dominiert: Astern, Dahlien, Zinnien leuchten um die Wette. Mein absolutes Highlight ist jedoch eine Bananenpalme, die gleichzeitig Früchte und Blüten trägt. Was für ein Bild! Ich glaube, ich habe noch nie eine blühende Banane gesehen.
Ein Stück weiter gibt es ein Insektenhotel, das architektonisch auch als Luxus-Resort durchgehen würde – ein echter Hingucker. Überhaupt ist alles von einem fast schon unverschämten Grün aus Sträuchern, Bäumen und Reben überzogen. Der blaue Himmel schickt ein paar fotogene Postkarten-Wolken über das Land, und im Hintergrund setzen sich die Berge in Szene. Ab und zu hockt auch mal ein „Hühnchen“ im Gebüsch. Das ist Bilderbuch- Atmosphäre schlechthin!
Die Besucherströme verlaufen sich zwar tatsächlich recht gut, zwischen Geißblatt, Quittenstrauch-Einfassungen oder Rosen, aber die Illusion der Einsamkeit fliegt spätestens dann auf, wenn du etwas fotografieren willst, denn dann latscht dir garantiert jemand ins Bild.
Unsere Runde führt uns schließlich an der Hof-Bäckerei vorbei. Ein neugieriger Blick von außen – und ohne es zu merken, bin ich auch schon drin. Augenblicklich habe ich für alles ein Auge, nur nicht für den Kuchen. Der Laden-Style ist eine Mischung aus historischem kapholländischen Gemäuer und modernem Industrielook. Ich liebe diesen Chic. Typisch Touri mache ich ein paar Fotos. Dann fällt mir wieder ein, warum ich überhaupt rein bin. Noch bevor ich mir die Kuchenauswahl ansehe, fällt mein Blick allerdings auf die Warteschlange an der Kasse – und schon ist mein Appetit auf Kuchen eliminiert. Ich verlasse ohne Leckerli den Laden.
Aber Rettung naht! Direkt gegenüber liegt die Gelateria. Mein Gehirn schafft es binnen Sekunden, die Erinnerung an den Geschmack vor drei Jahren wiederherzustellen. Ich muss Uwe nicht zweimal bitten: Komm, wir holen uns ein Eis. Bewaffnet mit zwei Kugeln finden wir ein Plätzchen auf der „Esels-Bank“ und besetzen diese, bevor andere die gleiche Idee haben.
Während unser Gaumen fruchtig gekitzelt wird, beobachten wir noch ein bisschen die Mini-Menschen, die hier fleißig für ihren späteren Traumberuf „Tierpfleger“ üben. Das war – als unsere Kinder klein waren – bei fast jedem Kind im Kindergartenalter der Wunsch, wenn wir sie nach ihrem Traumberuf gefragt haben. Sieht so aus, als hätte sich daran nicht viel geändert.
Dann ist das Eis weg – und wir sind es auch.
Kapstadt: Ende gut, nicht alles gut
Das letzte Stück nach Kapstadt fahren wir über die Autobahn. Unser Navi spinnt mal wieder, und Uwe ist vor allem vom Großstadtverkehr genervt – kein Wunder nach vier Wochen überwiegend einsamen Fahrens durchs Gehölz.
Im Parker Cottage werden wir sehr herzlich begrüßt. Das ist ein wunderschönes Guesthouse, und ich freue mich total, die letzten zwei Tage hier zu verbringen. Auch der Garten ist sehr hübsch gestaltet. In meinen Augen ist das Ganze ohnehin eher eine Villa als ein Cottage, aber egal – es ist eine tolle Unterkunft. Uuuund: Das Wasser in der Dusche lässt sich präzise temperieren!
Teil 5904. Juni 2026
Wir richten uns gemütlich ein. Für mich gibt es erst mal ein Tässchen Kaffee, dann setzen wir uns auf die Terrasse und lassen es uns einfach gut gehen.
Überraschung des Tages
Für heute Abend haben wir einen Tisch im „Hussar Grill“ reserviert. Vorab mussten wir für die Reservierung sogar umgerechnet 20 Euro anzahlen, was später mit der Rechnung ausgeglichen werden soll. Verstehen kann ich diese Vorgehensweise absolut – es kommt sicher nicht selten vor, dass Leute reservieren und dann einfach nicht auftauchen. Allerdings habe ich vor dem Aufbruch nicht mehr in meine Notizen gesehen und die Bestätigung nicht eingepackt. Als wir schließlich vor dem Platzanweiser stehen, heißt es: „Wir haben keine Reservierung auf Ihren Namen.“ Ich glaube, ich höre nicht richtig! Man möchte unsere Reservierungsbestätigung sehen. Die liegt aber fein abgeheftet im Koffer.
Bei meinem Hinweis, dass wir eine Gebühr bezahlt haben, werden wir nur ziemlich irritiert angeschaut. Nein, hier liegt keine Reservierung vor und das Restaurant ist restlos ausgebucht.
Wir sind wie vor den Kopf gestoßen und wollen uns so einfach nicht abweisen lassen – zumal ich die 20 Euro Anzahlung auch nicht gerade wenig finde. Man bemüht sich schließlich sichtlich, uns noch irgendwo unterzubekommen, und findet einen extrem ungemütlichen Zweiertisch im Gang. Ich bin ganz schön angepisst. Zu allem Überfluss schmeckt das Essen nicht mal. Wir verzichten dankend auf das Dessert und vergessen beim Bezahlen vor lauter Empörung über diesen furchtbar platzierten Tisch und die schlechte Qualität der Steaks sogar noch, die Anzahlung einzufordern.
Ziemlich frustriert machen wir uns auf den Rückweg ins Cottage. Da hilft jetzt nur noch: Abhaken und bloß nicht die restliche Zeit vermiesen lassen!
Zurück im Zimmer schaue ich erst mal in den Unterlagen nach, ob ich mich bei der Uhrzeit vertan habe. Und dann kommt der absolute Knaller: Wir haben die Reservierungen von heute und morgen vertauscht! Für heute hatten wir eigentlich einen Tisch im Cattle Baron De Waterkant reserviert – und genau dort lagen auch unsere 20 Euro Anzahlung. Das bedeutet, wir haben im Hussar Grill die Leute völlig umsonst rundgemacht, die Anzahlung im Cattle Baron in den Sand gesetzt und zu allem Überfluss auch noch ein gutes Essen verpasst. Na, Prost. Darauf trinken wir erst mal einen.
Teil 6007. Juni 2026
Freitag 28. Februar
Langschläferfrühstück
Uwe hat sich in der Nacht übergeben. Das Essen im Steak House hat offensichtlich nicht nur nicht geschmeckt, sondern war auch nicht mehr so ganz in Ordnung.
Das Frühstück wird wieder zur Längschläfer-Zeit serviert. Wir sitzen in einer gemütlichen und begrünten Nische im Garten und bestellen Kaffee und ein a La Card – Frühstück. Getränke und Joghurt werden schnell geliefert. Aber der Rest lässt 20 bis 30 Minuten auf sich warten – steht auch so in der Karte, ist nur blöd, wenn man nicht früher frühstücken kann und eigentlich am liebsten schon unterwegs wäre. So wird es halb neun, bis wir im Auto sitzen.
Die wahren Chefs der Straße
Unser heutiges Ziel: Betty’s Bay. Wir fragen Dr. Google nach einer schönen Strecke. Und siehe da: Der Clarence Drive ploppt auf. War das nicht genau die Route, die uns in Oudtshoorn so enthusiastisch ans Herz gelegt wurde? Klingt nach einem Plan. Also, Adresse ins Navi gehackt und Schlüssel umgedreht.
Doch bevor wir die Postkarten-Idylle genießen dürfen, müssen wir irgendwie die Flucht aus der Stadt überleben. Der Verkehr ist mörderisch. Flucht passt ganz gut, denn was da auf der Straße abgeht, ist der reinste Kleinkrieg: Der Stärkere und Mutigere gewinnt. Und wie die Kopf und Kragen riskieren, da haut`s mir echt den Nucki raus.
Am schlimmsten sind die Minibus-Taxis. Diese Jungs sind wie die Henker unterwegs. Verkehrsregeln gelten für die nicht. Die haben alle eine Sondergenehmigung. Ganz nach dem Motto: „Weg da, jetzt komm ich!“, wird permanent gedrängelt, geschnitten und möglichst nah an unserem Auspuff gerochen. Sie überholen links und rechts, und falls wir bremsen müssen – einfach die Abkürzung mitten durch oder über uns drüber. Das Sahnehäubchen bekommen wir dann, wenn einer nach seinem waghalsigen Überholmanöver eine spontane Vollbremsung direkt vor unserer Nase einlegt. Unsere Nerven liegen blank. Also Leute, falls ihr mal Lust habt, in so einen Bus einzusteigen: Windel anziehen!
Dass diese Fahrweise ein Ablaufdatum hat, zeigt sich prompt ein paar Kilometer weiter: Da hat es auch schon einen der „Straßen-Chefs“ erwischt – klassischer Auffahrunfall, die Polizei ist schon da und die Koffer der Fahrgäste stehen auf der Straße. Scheint zum Glück nur ein Blechschaden zu sein. Wir schlängeln uns am Drama vorbei und lassen den urbanen Straßenkrieg hinter uns.
Bühne frei für den Clarence Drive
Langsam nähern wir uns dem Clarence Drive und landen in einer völlig anderen Welt. Und mein lieber Scholli, die Strecke hält nicht nur, was man uns versprochen hat – sie setzt noch einen drauf! Der Ausblick auf das tiefblaue Meer ist so sagenhaft schön, dass mein Herz augenblicklich dahinschmilzt. Alle paar Meter halten wir an, diese Aussicht muss genossen und bis zum Abwinken fotografiert werden.
Ich lehne mich jetzt mal weit aus dem Fenster und behaupte: Der legendäre Chapman’s Peak Drive kann einpacken. Das hier ist das wahre Juwel unter den schönsten Küstenstraßen!
Wir haben natürlich auch das unverschämte Glück, dass wir das schlechte Wetter und die Trübsalwolken von gestern hinter uns gelassen haben. Heute strahlt der Himmel im royalen Blau und lässt ab und zu ein Wölkchen tanzen. Die Sonne scheint, das Wasser glitzert, die Wellen zeichnen mit ihren Schaumkronen Muster, wenn sie aufs Land treffen, und lassen die Strände lebendig wirken. Dazu die Berge, die die Buchten einrahmen... Es ist eine fantastische Strecke, die könnte ich den ganzen Tag hin und her fahren.
In einer Bucht steht sogar ein Food-Mobil und bietet Kaffee und Kuchen an – ich möchte allerdings nicht wissen, was der kostet, falls die schöne Aussicht mitberechnet wird.
Guckst du – dann siehst du
Wir finden den Stony Point in Betty’s Bay ohne unnötige Umwege und biegen voller Vorfreude auf den Parkplatz ein. Und – Mist, wie blöd – da steht ein großer Reisebus. Unsere Vorfreude macht den Abgang.
Aber wer braucht schon den offiziellen Steg? Wir sehen, dass man auch nach links am Strand entlanglaufen kann. Und das Beste: Dieser Abschnitt kostet nicht mal Eintritt! In netten Abständen laden Bänke dazu ein, das Gehirn auf Stand-by zu schalten und mit dem Wellenrauschen in den Zen-Zustand zu fallen.
Aber wir wollen uns erst mal ein bisschen die Beine vertreten. Obwohl – weit kommen wir gar nicht. Auf dieser Seite des Strandes liegt jede Menge Schwemmholz und Algen-Salat herum. Dazwischen gibt es Felsen, die von flachen Wellen umspült werden, und ein paar vereinzelte Büsche. Wir verschaffen uns gerade einen ersten Überblick, als wir plötzlich wie aus dem Nichts die ersten Frackträger entdecken – und zwar nur, weil einer im feinsten Watschelgang direkt auf uns zukommt. Kaum schärft man den Blick, sieht man sie plötzlich überall: Sie stehen, sitzen oder schwimmen herum und sind Meister der Tarnung. Ein einfaches Seil trennt den Weg vom Ufer und soll den Pinguinen die nötige Komfortzone verschaffen. Spoiler: Die Pinguine halten sich nicht an das Seil.
Wir sind maßlos überrascht, hier am Gratis-Strand so viele Tiere zu sehen – gefühlt weit mehr als damals am Boulders Beach. Und vor allem haben sie keinerlei Berührungsängste. Der watschelnde Kollege von eben drückt sich gerade durch eine Mulde unter einem Busch durch und steht – schwupps! – plötzlich einen knappen Meter vor uns.
Der kleine Kerl mustert erst Uwe, dann mich, schaut völlig unschlüssig, wen von uns beiden er cooler findet, und bleibt einfach mit seinem herzerwärmenden Niedlichkeitsfaktor zwischen uns stehen. Was für ein unglaublicher Moment! Uns geht so das Herz auf. Ich hatte ja gehofft, den Tieren wenigstens so nah zu kommen, dass man sie auf dem Handyfoto nicht mit einer Möwe verwechselt. Aber der hier ist so nah, ich könnte ihn fast am Bauch kraulen. Besser kann es echt nicht mehr werden – und das in den ersten Minuten!
Mr. Neugierig verabschiedet sich irgendwann und wir erobern eine Bank, um dem restlichen Pinguin-Clan beim Planschen, Putzen und Kuscheln zuzusehen. Auch ein paar Enten haben sich auf den Steinen im seichten Wasser im Wellness-Modus niedergelassen. Allerdings haben sie die Rechnung ohne die Flut gemacht. Das Wasser steigt, die Steine versinken und die Enten bekommen im Minutentakt ein nasses Popöchen, was zu einer allgemeinen Umsiedlung auf höhere Steinbrocken führt.
Das Wellenrauschen entfaltet langsam seine hypnotische Wirkung. Wir sind uns einig: Wenn wir jetzt nicht aufstehen, fallen wir ins Koma.
Auf dem Rückweg zum Auto die Überraschung: Der Reisebus ist weg! Die Luft ist rein. Also beschließen wir kurzerhand, doch noch den Eintritt zu blechen und die Runde über den offiziellen Holzsteg zu drehen. Beste Entscheidung!
Teil 6107. Juni 2026
Gleich am Anfang entdecke ich zwei Dassies in den Felsen. Beglückt beobachten wir die goldigen „Riesenmeerschweinchen“ oder „Mini-Elefanten“ mit ihren süßen Gesichtern und den runden Knopfaugen. Natürlich watscheln auch hier Pinguine herum, oder brüten in ihren Höhlen. Aber am anderen Ufer waren sie uns deutlich näher.
Wir laufen weiter und beobachten einen Kormoran, der auf dem Geländer sitzt und seine Flügel in den Wind hängt wie ein Handtuch zum Trocknen. Je weiter wir auf den Steg vordringen, desto mehr mutiert die Kulisse zum Hitchcock-Film: Unzählige Seevögel versammeln sich auf den riesigen Felsen im Wasser. Mächtige Wellenbrecher donnern dagegen, spritzen meterhoch in den Himmel, bevor sie sich schäumend über die flacheren Steine ergießen. Die Kraft des Wassers ist absolut respekteinflößend und faszinierend zugleich. Wir lassen uns eine ganze Weile von diesem gigantischen Rhythmus berauschen. In immer kürzeren Abständen ballern die Wellen gegen die Felsen und schießen ihre Fontänen gen Himmel. Was für ein Tag!
Ich dachte wirklich, der Clarence Drive wäre heute nicht mehr zu toppen – aber dieses Pinguin- und Naturwunder hier kann locker Schritt halten. Gleich zwei Erlebnisse an einem einzigen Tag, die meine Begeisterungsfähigkeit komplett an den Anschlag bringen! Das muss man erst mal verkraften und dabei ist das heute noch längst nicht alles, was mich umhauen wird.
Verlegenes Wine Estate – oder wie hieß das nochmal?
Am frühen Nachmittag bekomme ich den Clarence Drive also von der anderen Seite zu sehen. Aber unser eigentliches Ziel ist ein Weingut, bei dessen Namen ich eine Verlegenheits-Eselsbrücke brauchte. „Vergelegen“ – wer denkt sich denn so einen komischen Namen aus? Anscheinend soll er so viel bedeuten wie: „gelegen – weit weg – entlegen“.
Wir fahren also zum Wine Estate – ganz weit weg und, man mag es kaum glauben, nicht wegen des Weines. Ich habe mal Fotos gesehen und seither steht das Gut ganz oben auf meiner Wunschliste. Meine Fotos und auch meine Worte können wirklich nicht wiedergeben, wie unbeschreiblich schön es dort tatsächlich ist.
Vielleicht habt ihr Anfang März mitbekommen, dass es auf dem Gut gebrannt hat. Betroffen war zum Glück nur das Restaurant. Es wurden keine Menschen verletzt, keines der historischen Gebäude beschädigt und die 300 Jahre alten Bäume sind auch verschont geblieben. Der Wiederaufbau des Restaurants wird noch dauern, aber der Rest ist nach wie vor einen Besuch wert.
Bei der Einfahrt bekommt unser Autochen erst einmal eine Fußwaschung. Dann finden wir problemlos einen Parkplatz und betreten zunächst das Hauptgebäude – nur um es auf der anderen Seite über die Terrasse wieder zu verlassen. Hier kann man ein Wine-Tasting buchen. Das Ambiente ist sehr einladend, aber wie gesagt, gehören wir heute zu den Rebsaft-Verweigerern. Uns steht eher der Sinn nach einer kleinen Mahlzeit oder Kaffee und Kuchen, oder am besten beides.
Schon die ersten Meter im Garten haben den absoluten Wow-Faktor. Das ist eine Botanik, ein Flair, den man schwer beschreiben kann. Für mich sind diese ehrwürdig alten Bäume das A und O des ganzen Anwesens. Die haben Kriege überlebt, Brände, Stürme, und sie stehen trotz allem noch hier, kräftig und imposant.
Teil 6207. Juni 2026
Auf den riesigen Wiesen, die von den mächtigen Bäumen eingerahmt sind, finden sich in großen Abständen Stühle und andere Sitzgelegenheiten. Hier könnte man absolut ungestört sein eigenes Picknick ausbreiten und einfach den lieben langen Tag vor sich hinträumen. Oder arbeiten. Oder lernen. Oder was auch immer man tut, wenn man an einem der schönsten Orte der Welt sitzt und die Seele baumeln lässt.
Rosenpracht überall
Dann kommen die ersten Bassins mit Seerosen. Vor meinem inneren Auge sehe ich wie vor weit mehr als 100 Jahren die Damen in ihren langen Roben, mit Sonnenschirmchen hier herumflaniert sind.
Wir flanieren ohne Sonnenschutz auf direktem Weg zum Rosengarten. Dort gibt es ein Kaffee. Obwohl bereits viele Gäste auf der Terrasse sitzen, finden auch wir noch einen letzten Platz unter einem Schirm. Wir bestellen uns ein leichtes Mittagessen und gönnen uns danach noch einen Cappuccino. Der Service arbeitet zackig und der Preis ist total okay. Gegenüber der Terrasse wurde ein riesiger Rosengarten angelegt, wir haben sogar das Glück, dass sie in Blüte stehen. Hinter den Rosenrabatten lockt sogar eine Gelateria.
Während Uwe ein bisschen am Handy „rumtöckelt“, muss ich mal einen Blick in den Shop werfen und die sanitären Anlagen aufsuchen. Der Laden hat wieder diesen wunderschönen Landhaus-Charme. Da würde mir so manches gefallen. Allerdings wäre die Beförderung nach Hause ein bisschen umständlich, also belasse ich es beim Schauen und Schwärmen.
Teil 6307. Juni 2026
Träum weiter…
Das Wetter könnte nicht schöner sein. Wir spazieren durch die Gartenanlagen, flanieren zwischen den historischen Gebäuden und verlieren uns in einem verträumten Waldstück. Überall laden Bänke zum Verweilen und Genießen ein. Am Ufer eines schmalen Flusses, den man über eine kleine Hängebrücke überquert, wachsen Farne und uralte Bäume. In ihren Zweigen herrscht ein ständiges Wuseln, Flattern und fröhliches Gezwitscher.
Das Beste daran: Wir begegnen zwar anderen Besuchern, aber immer auf angenehme Distanz. Es fühlt sich herrlich exklusiv und entspannt an – genau mein Ding.
Kann ich hier einziehen?
Auch dem Herrenhaus statten wir einen Besuch ab. Ein paar Räume darf man einsehen, und eine Angestellte sorgt dafür, dass sich die Besucher angemessen benehmen. Wir kommen mit ihr ins Gespräch und freuen uns, hier im Haus diesen Spirit vergangener Zeiten zu spüren.
Das Foyer ist wie ein Durchgang: auf einer Seite rein, auf der anderen raus. Und schon stehen wir im nächsten weitläufigen Garten. Es ist so unglaublich schön. Ich mag hier gar nicht mehr weg. Aber leider hat alles irgendwann ein Ende.
Hackfleisch – Ibisse, oder wie heißen die?
Auf dem Weg zum Parkplatz sitzen zwei Hagedasch-Ibisse auf einer tiefen Baumgabel, dicht über unseren Köpfen. Was für ein schöner letzter Moment vor unserer Weiterfahrt.
Mittlerweile ist es früher Abend geworden. Wir machen uns auf den Weg zum Cottage und nehmen die Strecke über den Baden Powell Drive, Muizenberg und Noordhoek, um so auf den Chapman’s Peak zu gelangen. Allerdings ist ausnahmslos jeder Aussichtsplatz zugeparkt. Das ist so schade, und sich irgendwo reinzuquetschen – danach steht uns gar nicht der Sinn, Sonnenuntergang hin oder her. Aber so ist das leider mit den Hotspots.
Nun stellt sich die Frage, wie wir es heute Abend mit unserer Reservierung halten. Unsere Reservierung im Steakhouse war ja eigentlich für heute vorgesehen, aber allein der Gedanke an gestern reicht, um uns bewusst zu machen, dass wir vom Mittagessen noch bestens gesättigt sind. Wir schenken uns also das Steakhouse und lassen den Abend lieber im „Parker Haus“ ausklingen.
Kleiner Wermutstropfen: Was mich hier stört – und was in solchen alten Gemäuern keine Seltenheit ist –, ist die Hellhörigkeit. Über dir hörst du jeden Schritt, jede Tür, jedes Gespräch. Auf unserer Flurebene wohnen Gäste, die ständig sehr laut die Türen zuknallen. Aber vielleicht sind diese auch verzogen und lassen sich gar nicht leise schließen. Laut und unangenehm ist es trotzdem.
Dieser Tag war ganz sicher einer der schönsten im ganzen Urlaub - aber wenn ich ehrlich bin, gab es dann doch mehrere schönste Tage. Noch einmal Schlafen und dann trifft uns der Schlag! Bis dann liebe Leserschaft
Teil 6410. Juni 2026
Samstag 28. Februar - Uns trifft der Schlag!
Unser Early Breakfast besteht aus Joghurt, Kaffee und Saft, das reicht auch. Wir haben am Flughafen mehr als genug Zeit, um uns einen Nachschub zu gönnen. Danach läuft alles erstaunlich glatt: Tanken, Auto abgeben, Transfer zum Flughafen, Koffer aufs Band schmeißen und ein paar Kilo leichter ein Bistro suchen.
Dreißig Minuten warten wir auf unsere Bestellung, obwohl gähnende Leere herrscht. Ich nehme einen Bissen und finde: Schmeckt seltsam. Okay, vielleicht muss ich mich an die Würze erst gewöhnen. Zweiter Versuch – nein, schmeckt immer noch irgendwie komisch. Eine Chance bekommt der Wrap noch: Ich bleibe dabei, ich würde sagen, der ist nicht mehr ganz einwandfrei. Ich gehe auf Nummer sicher und lege das Besteck ab, nicht dass ich mir hier noch was einfange. Das wäre ja was: Auf einem Langstreckenflug mit Durchfall und Erbrechen…
Eine halbe Stunde später, oh weh: unheilvolle Prognose – mein Magen drückt. Ich schiebe Panik bei der Vorstellung, dass während des Fluges die Toilette besetzt sein könnte, wenn ich sie brauche. Jetzt wäre ein Valium nicht verkehrt. Meine Angst vor einem Supergau verstärkt vermutlich die Symptome. Die Schmerzen werden penetranter und Übelkeit kommt dazu. Nach Rumlaufen ist mir nicht mehr zumute. Wir laufen direkt zum Boarding-Gate und setzen uns in die leere Reihe mit Blick aufs Rollfeld – oder besser auf unsere Maschine. Da gibt es wenigstens etwas zu sehen.
Was geht denn da ab?
Wir haben unsere Maschine fest im Blick und beobachten, wie Gepäck und Bordverpflegung eingeladen werden. Die Zeit verstreicht, und wir sind bereits deutlich über der geplanten Abflugzeit. Es gab noch keine offizielle Durchsage, aber das Bodenpersonal wirkt sichtlich angespannt und gestresst. Dann beobachten wir, wie Koffer und Bordverpflegung wieder ausgeladen werden. Schließlich die Durchsage: Wir verspäten uns – in zwei Stunden gibt es weitere Informationen.
Inzwischen liest Uwe die Nachricht, dass der Iran angegriffen wurde und der Luftraum über Doha gesperrt werden soll. Oh weh! Während wir das Hin und Her beim Beladen des Flugzeuges verfolgen, erreicht mein Magendrücken die Stufe „Elend“. Ich sage zu Uwe: „Komm, lass uns ein Hotel für die Nacht suchen und einen anderen Flug buchen.“ Er entgegnet: „Warten wir erst einmal ab, was die sagen.“ Ehrlich gesagt wissen wir auch gar nicht, wie das mit einer Stornierung ablaufen würde: Bekommen wir unser Geld zurück oder nur einen Gutschein? Und wenn Letzteres – müssten wir den dann innerhalb des laufenden Jahres einlösen? Das hatten wir während Corona schon einmal mit der Lufthansa, das wäre nicht in unserem Interesse.
Sieh selbst zu wie du Land gewinnst
Tatsächlich wäre es mir angesichts der politischen Anspannung lieber, der Flug würde annulliert werden. Die Probleme lösen sich ja nicht in zwei Stunden in Luft auf. Die Fluggesellschaft muss abwägen, wie viel Risiko sie bereit ist einzugehen – ich für meinen Teil möchte am liebsten gar keines eingehen. Uwe hofft, dass wir fliegen; ich hoffe inständig, dass wir am Boden bleiben. Meine Intuition sagt mir, dass das heute nichts mehr wird.
Sicherheitshalber google ich schon mal nach einem Hotel und einer Flugalternative. Aber huch, was ist das? Die Preise explodieren förmlich. Zum einen findet sich kaum noch ein Flug mit vernünftigen Verbindungen, zum anderen sind die Preise jenseits von Gut und Böse: bis zu dreimal teurer und mit Reisezeiten von 36 Stunden. Natürlich ahnen nun Hunderte von Touristen, dass sie eine Alternative brauchen – und die Nachfrage bestimmt den Preis. Bei den Hotels sieht es ähnlich aus: In den mittleren Preislagen ist nichts mehr zu finden. Ich suche und suche und entdecke schließlich eine günstige Unterkunft in einem ruhigen Wohnviertel. Uwe sage ich erst einmal nichts davon; er will fest daran glauben, dass wir heute noch in die Luft gehen.
Dann, zwei Stunden später, die Durchsage: Der Flug nach Doha wurde annulliert. Der Geräuschpegel wird augenblicklich doppelt so hoch; man versteht keine Durchsage mehr, was die allgemeine Unsicherheit nur noch verstärkt. Es herrscht Panikstimmung. Keiner weiß, ob wir von der Airline umgebucht werden, ob wir uns selbst kümmern müssen oder wo unsere Koffer abgeblieben sind. Ein anderer Fluggast erzählt uns, er hätte eine Mitarbeiterin gefragt, wie er jetzt vorgehen solle. Ihre Antwort war lapidar: „Sie müssen sich um alles selbst kümmern, das geht uns nichts an, das ist höhere Gewalt.“
Irgendwie geht es immer
Das Netz ist überlastet, Chaos pur. Wir suchen auf gut Glück die Gepäckbänder. Ich kann kaum noch aufrecht laufen, so elend ist mir inzwischen. Deshalb bleibe ich mit dem Handgepäck in einer ruhigen Ecke stehen, während Uwe versucht, unsere Koffer zu finden. Mein Kreislauf schlägt Alarm. Bevor es mich unkontrolliert umhaut, lege ich mich freiwillig auf den Boden. Unzählige Menschen laufen an mir vorbei, als wäre ich Luft. Das ist eine schockierende Erfahrung: Niemand kommt auf die Idee, dass da jemand liegt, der vielleicht Hilfe bräuchte. Ich denke zwar nicht, dass ich einen Arzt brauche, aber diese Mentalität – „geht mich nichts an“ – ist dennoch schockierend.
Uwe findet unsere Koffer, kommt zurück und erschrickt natürlich, mich auf dem Boden liegen zu sehen. Er ist sichtlich besorgt – und bis zum Anschlag gestresst. So kenne ich ihn gar nicht; sonst ist er immer mein Fels in der Brandung. Er holt mir Wasser, und die Flüssigkeitszufuhr hilft tatsächlich ein bisschen.
Die ganze Zeit versucht er verzweifelt, einen Flug zu finden. Dann fällt ihm ein, dass wir für heute Nacht noch keine Bleibe haben. Ich gebe ihm die Daten von dem Hotel, das ich vorhin gegoogelt habe, und er bucht sofort ein Zimmer. Wir laufen zum Ausgang, doch weit und breit ist kein Taxi mehr zu finden. Wir gehen noch ein Stück weiter, da kommt uns ein Mann entgegen und fragt, ob wir ein Taxi bräuchten – wir denken beide: „Dich schickt der Himmel.“ Uwe fragt nach dem Preis, der scheint in Ordnung zu sein, und wir lassen uns zum Hotel fahren.
Ich brauch ein Bett
Es ist kalt und stark bewölkt. Ich habe inzwischen Schüttelfrost. Die Begrüßung im Hotel ist sehr freundlich. Wir bekommen schnell ein Zimmer – als „schön“ kann ich es nicht bezeichnen, aber es hat ein Bett, und da haue ich mich auch gleich samt Klamotten rein und ziehe mir die dicke Bettdecke bis unter die Nasenspitze. Ich friere erbärmlich, irgendwo zieht es. Uwe hat für nichts einen Nerv und ist nur auf Flugsuche programmiert.
Es beginnt heftig zu regnen und plötzlich tropft es in unser Zimmer. Uwe läuft zur Rezeption, um das zu melden, und kommt mit dem Manager zurück. Der entschuldigt sich vielmals und bringt uns sofort in ein anderes Zimmer – auch das ist nicht schön, aber zweckmäßig und sauber.
Ich kann nicht mehr; Uwes Hysterie stresst mich. Ich will einfach nur ein bisschen schlafen und empfehle ihm das Gleiche – was er natürlich nicht kann. Als ich wieder aufwache, sagt er: „Ich habe einen Flug gebucht, aber erst für übermorgen. Wir müssen noch eine Nacht verlängern. Leider müssen wir in Johannesburg und London zwischenlanden. Wir werden von Tür zu Tür mindestens 26 Stunden unterwegs sein.“
Im Moment ist mir alles egal. Uwe ist erleichtert, eine Lösung gefunden zu haben. Natürlich können wir nicht beliebig lange in Kapstadt bleiben, um auf eine bessere Flugverbindung zu hoffen. Insofern bin ich auch froh, dass unser Rückflug organisiert ist – egal wie.
Lange Nacht
In der Nacht verengt sich mein Brustkorb durch die ganze Anspannung. Das habe ich ab und zu, und es erschwert leider das Atmen. Dann kommt Panik dazu; das dauert in der Regel mehrere Stunden. Dazu das Magendrücken und die Übelkeit. Ich gehe ins Bad und sorge dafür, dass ich mich übergeben kann. Danach lässt der Druck nach. Aber mir tut jeder Knochen weh, ich weiß nicht mehr, wie ich noch liegen soll. Das ist die reine Qual, bis es endlich Zeit ist aufzustehen. Dem Magen geht es danach wieder einigermaßen gut.
Ich dusche und hoffe, meinen Kreislauf damit ein wenig auf die Beine zu bringen. Im Atrium ist das Frühstück für uns gerichtet. Wir staunen nicht schlecht über das Angebot, obwohl wir die einzigen Gäste sind. Ich muss wirklich sagen: Das Personal arbeitet hier 1A. Alle Gemeinschaftsräume sehen sehr ansprechend aus, besonders das Atrium mit dem Pool. Aber leider nagt der Zahn der Zeit doch sehr offensichtlich an diesem alten Gemäuer.
Der Kaffee tut mir gut. Gleich nach dem Frühstück fragen wir den Manager, ob wir eine Nacht verlängern können – das ist kein Problem.
Das Wetter bleibt trocken, aber kühl und bedeckt. Wir schlagen die Zeit mit drei Spaziergängen tot, die wir über den Tag verteilen. Zum Essen gehen haben wir am Abend keine Lust mehr. Es gibt in fußläufiger Nähe einen Supermarkt; dort holen wir uns etwas und essen im Zimmer. Nun versuchen wir, so gut es geht zu entspannen und uns mental auf den morgigen Mammutflug einzustellen.
So ein langer Flug lässt sich nicht schönreden. Aber wir kommen ohne weitere Zwischenfälle zwei Tage später als geplant und ziemlich geschlaucht nach Hause. Die Zusatzkosten sind bitter, aber wir sind zutiefst dankbar dafür, dass wir nicht in Doha steckengeblieben sind.
Fazit:
Unsere Route hat uns tief berührt. Jede Landschaft, jeder Ort hatte seinen eigenen Zauber. Nur die Augrabies Falls Lodge würden wir wohl nicht noch einmal wählen, und im Rothman Manor gab es einfach zu viele Mängel im Zimmer – vielleicht ändert sich das ja, wenn irgendwann ein neuer Besitzer übernimmt. Alle anderen Unterkünfte waren großartig.
Erlebnistechnisch wurden wir reich beschenkt. Meer, Wüste, Berge, Wasserfälle, Botanik, Offroad Feeling, Wildlife… es war, als hätte die Reise uns einmal alles geboten, was Afrika zu bieten hat.
Zwar haben wir im KTP zwischendurch Frust geschoben, weil sich die gute Fee bei Conny offenbar überanstrengt und uns dafür ein bisschen vernachlässigt hat – aber unterm Strich hatten wir dennoch unglaublich viele Sichtungen, die unser Herz berührt haben. Es war eine fantastische, abwechslungsreiche, lebendige und intensive Zeit.
Nur die vielen Einzelnächte habe ich bedauert – aber das war ja der kurzfristigen Urlaubskürzung geschuldet und ursprünglich anders gebucht.
Beim Flug hatten wir einfach Pech. Nur wenige Tage nach unserer Buchung berichteten die Medien über die Eskalation des Konflikts zwischen Israel und dem Iran.
Und Tschüß
Liebe Leserschaft,
ich danke euch von Herzen für euer Interesse, euer Dabeisein und das fleißige Dankebutton Drücken – genauso wie für die vielen lieben Kommentare. Es hat mir Freude gemacht, diese Reise noch einmal nachzufühlen, in Worte zu fassen und mit euch zu teilen. Jetzt ist aber auch die Luft raus.
Ich hoffe, im Dezember noch meinen alten Urlaub verbraten zu können. Dann geht es vielleicht nochmal für zwei Wochen nach Südafrika. Mal sehen, ob wir dem Massentourismus ausweichen können. Falls jemand ganz schnell Ideen liefern kann, dann her damit. Ich muss ziemlich schnell buchen - sofern ich grünes Urlaubslicht bekomme 😄