Station 3.1: Die Insel Runde, der südlichste Vogelfelsen Norwegens
Auch heute ist es trocken und so können wir unseren Plan in die Tat umsetzen. Wir packen ein Picknick, fahren zum nahen Bøyabre, besetzen eine der Bänke am Gletschersee und genießen ein ausgiebiges Frühstück.
Die Kinder wünschen sich auf jeden Fall noch Zeit am See, bevor wir die Weiterfahrt antreten, und natürlich kommen wir als gute Eltern diesem Wunsch gern nach.
Dann heißt es Abschied nehmen von Lunde. Schön war es, diesen Ort bei Sonnenschein erleben zu dürfen. Falls wir mal wieder in der Gegend sein sollten, wäre ein Zwischenstopp in Lunde immer gesetzt.
Heute wird uns der Weg wieder gen Küste führen. Die „Vogelinsel“ Runde ist unser Ziel für die nächsten zwei Tage. Die Etappe ist mit etwa 160 Kilometern überschaubar – trotzdem sind wir gut drei Stunden unterwegs. Am Nordfjord entlang geht es ein ganzes Stück nach Nordwesten, um in Küstennähe dann stracks nach Norden zu fahren. Dabei bieten sich landestypisch immer wieder schöne Ausblicke.
Runde ist der mit Abstand am einfachsten zu erreichende Ort in Norwegen, wenn es darum geht, Papageitaucher und andere Seevögel zu beobachten. Die Insel ist über eine Brücke mit dem Festland verbunden. Auch auf den Lofoten kann man auf den Inseln Værøy und Røst Puffins beobachten – aber das Hinkommen gestaltet sich umständlich und ist ohne eine Übernachtung vor Ort wohl auch wenig sinnvoll. Daher sind wir rückblickend sehr froh, Runde auf dem Weg in den höheren Norden als Etappenziel eingebaut zu haben.
Wir haben für die nächsten Tage eine Ferienwohnung im Runde Miljøsenter gebucht. Es ist eine von acht Wohnungen, die angeschlossen sind an ein Umweltzentrum mit Café und kleiner Naturkundeausstellung. Auch werden hier abendliche Puffin-Safaris angeboten. Über den Sinn dieser geführten Aktivität haben wir gegrübelt, denn das Auffinden der Papageitaucher stellt nicht die größte Herausforderung auf Runde dar.
Abgesehen von dem Miljøsenter gibt es nur wenige Betten auf der kleinen Insel. Unterkunft findet man vor allem auf dem Campingplatz. Früher konnte man auf Runde Bootstouren zu den Vogelfelsen unternehmen, das kleine Ausflugsboot „Aquila“ liegt noch im Hafen. Als wir dort waren, wurde uns jedoch gesagt, dass diese Touren nur noch Campingplatzgästen vorbehalten sind und eigentlich gar nicht mehr so richtig angeboten werden. Ich denke, dies mag daran liegen, dass der Bootsführer nicht mehr der jüngste ist. Ich finde es bemerkenswert, dass Bootsausflüge, die sicher eine gute Einnahmequelle während der Brutsaison wären, hier nicht mehr regelmäßig durchgeführt werden. Vielleicht sollten wir saisonal auswandern?
Und so kommt man nur zur Fuß zu den Vögeln. Und das kostet auf Runde tatsächlich einige Mühe. Der Weg, der gleich hinter dem Campingplatz abzweigt, zieht sich steil (!) hinauf auf den Felsen, der die Insel dominiert. Der Anstieg ist wirklich kräftezehrend. Unermüdlich stapfen wir am späten Nachmittag hinauf. Viel früher lohnt sich der Aufstieg für die Papageitaucherbeobachtung auch nicht, denn die kleinen Vögel kehren erst in den Abendstunden in großer Zahl von der Nahrungssuche auf dem offenen Meer zu ihrem Brutfelsen zurück. Brutsaison ist von April bis etwa Anfang August.
Herrscht auf Meereshöhe am Saum der Insel noch recht klare Sicht, so begeben wir uns, je höher wir steigen, in die tiefhängenden Wolken, die vom frischen Wind über die Küste getragen werden und sich dabei gern zäh am gigantischen Felsblock Rundes festsetzen. Nach all der Anstrengung des Aufstiegs haben wir Sorge, durch den Wolkennebel kaum einen Vogel entdecken zu können.
Das Plateau des Felsens wird von niedriger Vegetation dominiert, die von einigen Bohlenwegen durchzogen wird. Es zeigen sich Schafe im Nebel.
Von Fernsicht kann heute Nachmittag wahrlich keine Rede sein, da ist es ein schöner Moment, als wir eine Bekassine direkt neben dem Bohlenweg entdecken können, die mit zwei Küken unterwegs ist. Immerhin ein vernünftiges Portrait des Altvogels entsteht im dichten Bodenbewuchs, bevor die Schnepfen sich unseren Blicken entziehen.
Lundeura, der Brutfelsen der Puffins, ist durch Holzwegweiser gut ausgeschildert. Und so erreichen wir den schroffen Ort nach einem guten Fußmarsch, der am Ende an der Steilküste Rundes entlangführt. Schon hier lichtet sich die lästige Wolkenwand und wir sind guter Dinge, dass wir gleich den ein oder anderen Papageitaucher entdecken werden können.
Am Puffinfelsen ist man wahrscheinlich selten allein. Trotz der Beliebtheit dieser Beobachtungsstelle ist sie erstaunlich unwegsam. Um gute Beobachtungspositionen zu finden, muss man durchaus über nass-glatte Felsbrocken und Schlammpfützen kraxeln. Dann aber kann man das muntere Treiben der Papageitaucher so richtig genießen.
Oft sieht man die Vögel von oben herab an den Felswänden hocken – keine schöne Fotoposition. Immer wieder aber sitzen die Puffins jedoch auch auf Augenhöhe und teilweise in erstaunlicher Nahdistanz. So gelingen uns einige Portraits dieser Charaktervögel des Nordens.
In ein paar hundert Metern Entfernung kann man vom Lundeura den Rundebranden erspähen. An diesem Felsen brütet eine große Kolonie von Basstölpeln. Leider lag der Felsen aber bei jedem unserer Annäherungsversuche in dichten Wolken verborgen. Wir haben das lautstarke Gezänk der Tölpel gut hören können, Blicke waren uns kaum vergönnt.
Irgendwann beginnt es zu nieseln und die Kinder haben aus nachvollziehbaren Gründen auch keine rechte Lust mehr. Und so machen wir uns auf den Rückweg. Auf dem Plateau brüten einige Paare der Großen Raubmöwe (Skua), die wir beim Aufstieg noch nicht entdecken konnten. Trotz des Nieselregens hat sich die Weitsicht nun eher verbessert und so können wir noch einen Vertreter dieser enorm großen Vögel im Flug erwischen. Das freut den Birder.
Ziemlich erschöpft erreichen wir zu fortgeschrittener Stunde unsere Unterkunft und legen uns erstmal hin. Der Regen hat aufgehört und was nun folgt, gehört zu den „Magic Moments“ dieser Reise. Die untergehende Sonne präsentiert uns ein Farbenspiel, das wir in dieser Intensität kaum je erlebt haben. Dunkelrot leuchtet die Festlandküste. Eine Stimmung, die unsere Fotos nur unvollständig wiedergeben können. Wir sind absolut verzaubert.
Hundemüde geht es dann – wieder einmal viel zu spät – in unsere Betten. Morgen steht zum Glück nochmal ein ganzer Tag auf der Insel Runde an. Wir freuen uns darauf.