11. Station Dovrefjell (Teil 3)
Der heutige Tag ähnelt vom Ablauf her dem gestrigen. Aber der war ja auch sehr schön.
Bereits kurz vor Sonnenaufgang hält mich nichts mehr im Bett und einmal mehr unternehme ich einen frühmorgendlichen Ausflug. Heute möchte ich die ersten Stunden des Tages im Fokstumyra verbringen – in der Hoffnung, dort auf Elche zu treffen.
Und so steige ich ins Auto und fahre die wenigen Kilometer bis zum Wanderparkplatz. Bereits unterwegs kommt es zur ersten Elchsichtung des Tages direkt neben der E6. Hier sind zwei Bullen und eine Kuh unterwegs, die sich jedoch bald zurückziehen, als ich das Auto zum Stillstand bringe. Immerhin würdigt mich vorher einer der Bullen noch eines Blickes. Von den anderen zwei Tieren habe ich nur Bilder der Kategorie „Norwegen von hinte(r)n.“
Weiter geht’s auf dem Holzweg durch das Moor. Zuerst fliegt eine Bekassine vor mir auf. Dann flüchten einige Kraniche vor meiner Anwesenheit. Im dichten Bodenbewuchs kann ich aber auch hier bald einen ruhenden Elchbullen ausmachen, der, als er mich entdeckt, langsam aufsteht und mich aufmerksam beäugt.
Es vergehen einige Momente, bis auch er sich entscheidet, mehr Abstand zwischen sich und seinen Beobachter zu bringen. Dabei quert er vor mir den Weg (welch ein riesiges Tier!) und posiert dann im schönsten Morgenlicht im hohen Gras des Moors. So habe ich mir das erträumt.
Der weitere Weg hält keinen Elch mehr für mich bereit. Jedoch lässt sich ein Singschwan entdecken. Oder wenigstens sein Kopf.
Außerdem freue mich über die Fernglassichtung eines Prachttauchers. Ein vorzeigbares Bild von dieser Erstsichtung entsteht leider nicht. (Aber darum geht es dem echten Birder ja schließlich nicht, gell Bele?)
Die letzte Sichtung meines Solo-Ausflugs ist ein Kranich, dem ich auf der Rückfahrt zu unserer Hütte begegne. Durch das Autofenster gelingen ein paar nette Nahaufnahmen. Ganz anders als bei den Kranichen zu Beginn des Spaziergangs.
Der gemeinsame Teil des Tages führt uns wieder hoch ins Dovrefjell. Heute nehmen wir den Nationalparkbus, der uns vom nahen Hjerkinn aus in ca. dreißig Minuten zur Snøheim Hütte inmitten des Nationalparks fährt. Bereits unterwegs haben wir das Glück einen Moschusochsen seines Weges ziehen zu sehen.
Eigentlich wollten wir zwei Nächte in dieser Hütte verbringen, die am Fuße des der Snøhetta liegt. Dieser Berg ist mit 2286 m der höchste Berg Norwegens außerhalb Jotunheimens. Leider waren die Preise für ein einfaches Familien-Stockbettzimmer in Regionen angesiedelt, die uns die letztendliche Entscheidung für die Dovrefjell Lodge leicht gemacht haben…
Nach dem Aussteigen entdecken die Kinder sofort ein nahes Schneefeld und so ist als erster Programmpunkt Schneespaß im Hochsommer angesagt.
Von der Hütte aus kann man sehr schön übers Fjell wandern. Das haben wir im Vorjahr von hier aus bereits gemacht und dabei z.B. eine schöne Begegnung mit Mornellregenpfeifer samt Nachwuchs gehabt.
2023
2023
Heute marschieren wir auf diesen altbekannten Pfaden (leider ohne Mornellbegegnungen) zu einem Flusstal, in dem sich in den Morgenstunden mit hoher Wahrscheinlichkeit Moschusochsenherden aufhalten.
Fleißig wird auch heute die Umgebung gescannt.
Und schließlich werden wir fündig. Über Stock und Stein, immer wieder durch morastige Stellen balancierend, suchen wir unseren Weg ins Tal.
Nach einiger Zeit finden wir erst eine Herde am gegenüberliegenden Flussufer, die nur aus großer Distanz und im besten Gegenlicht zu beobachten ist. Als wir weitergehen, werden wir jedoch auf eine weitere Herde aufmerksam, die sich auf unserer Flussseite befindet. Wir nähern uns vorsichtig und lassen uns mit Sicherheitsabstand auf den weichen Flechten nieder.
Die Herde ist groß. Zwei alte Bullen, einige Kühe und Kälber. Zuerst liegen die Fellberge flach auf dem Boden. Wer will es ihnen verübeln? Heute gibt es große Flächen blauen Himmels und die Sonne scheint mit großer Intensität. Unter dem Moschusochsenpelz muss es wirklich warm sein…
Irgendwann stehen die Tiere eines nach dem anderen auf und wir beobachten sie beim Grasen. Leider ist die Wärmeeinstrahlung der Sonne so groß, dass die klare Bergluft gehörig flimmert und so sind die meisten Fotos, die im Rahmen dieser schönen Beobachtung entstehen, ärgerlicherweise Ausschuss. Das harte Licht des späten Vormittags hilft da auch nicht weiter. Zum Glück hatten wir gestern bessere Bedingungen… Einige Aufnahmen sind aber doch ganz okay.
Nach langer Zeit bei den Moschusochsen ziehen wir uns mehr oder weniger wehmütig zurück und suchen unseren Weg nach Snøheim. Das stellt sich als durchaus herausfordernd heraus, denn die Steigungen, die wir talwärts ohne große Anstrengung hinter uns bringen konnten, halten uns nun ganz schön in Atem. Auch fällt das Finden eines brauchbaren Pfades immer schwerer und so sind wir die nächste Zeit gut damit beschäftigt, voranzukommen, die Kinder bei Laune zu halten und uns nicht anmerken zu lassen, dass wir auch nur die grobe Richtung kennen… Wenn man dann glaubt, ein Plateau erreicht zu haben, aber hinter der Kuppe nur der Anstieg zu einer neuen Kuppe sichtbar wird, ist das durchaus frustrierend…
Unterwegs treffen wir auf eine weibliche Spornammer. Das motiviert mich mehr als die Kinder.
Als wir nach anstrengendem Marsch schließlich ganz schön erschöpft die Hütte erreichen, will gerade ein Shuttlebus abfahren. Im letzten Jahr mussten wir eine Ewigkeit (bei sündhaft teurem Kakao) in der Berghütte auf den Bus warten und so sind wir froh, ihn gerade noch zu erwischen und können daher alsbald nach weitgehend schöner und schweißtreibender Wanderung in unserer Hütte regenerieren.
Genau wie am Vortag verbringen wir die frühen Abendstunden im Fokstumyra. Heute jedoch nur zu zweit – die Kinder wollen lieber in der Hütte bleiben. Wir spazieren auf dem Holzweg, genießen Landschaft und Licht und beobachten einmal mehr die Kornweihe mit ihrem Nachwuchs.
Die weitere Vogelwelt hat sich weitgehend ins Gebüsch zurückgezogen. Nur Fitis und Rotdrossel können wir dokumentieren.
Dann aber huscht etwas am Boden ins Gebüsch und unsere Sinne sind alarmiert. Die Schwanzspitze des Flüchtenden haben wir gerade noch erspähen können: Vielleicht ein Hermelin? Der Fotografenpuls geht hoch.
Wir beschließen zu warten und werden tatsächlich belohnt. Nur wenige Minuten später wagt sich das kleine Tier – es ist tatsächlich ein Hermelin! – aus der Deckung und wieselt in hoher Geschwindigkeit hin und her. Als es für ganz kurze Momente mal innehält, entstehen die ersten Hermelinfotos unserer Sammlung.
Glücklich mit dieser Sichtung unseres einzigen norwegischen Landraubtiers (

) ziehen wir weiter. Elche verstecken sich heute Abend gut vor unseren Blicken. Jedoch erfahren wir von zwei anderen Vogelbeobachtern, dass sich am Bahnhofsgebäude am Rand der Sümpfe zwei Merline aufhalten sollen.
Da wollen wir unbedingt nachsehen, denn einen Merlin haben wir noch nie gesehen. Bevor wir uns aber so richtig in Bahnhofsnähe auf die Suche begeben können, kreuzen zwei junge Elche die Schienen. Und so gehen wir auch heute Abend doch nicht elchleer aus.
Die Merline finden wir wenig später tatsächlich auch. Es ist ein Paar. Das Männchen sitzt völlig unfotogen auf einer Stromleitung – ein Scherenschnitt vor dem sich eindunkelnden Himmel. Das Weibchen aber hat jüngst Beute geschlagen und sitzt am Boden. Auch kein Hammermotiv in der Schienenumgebung, aber immerhin unser erstes Foto eines Merlins.
Zufrieden treten wir die kurze Heimfahrt an und lassen den letzten Abend im Dovrefjell gemeinsam gemütlich ausklingen.
Morgen in der Frühe geht’s nochmal auf Abschiedstour ins Fokstumyra – und dann leider auch bereits weiter zur letzten Station. Oslo wartet.