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Schlaflos in Norwegen
Wie kann es doch herrlich sein im hohen Norden! Nachdem wir im Sommer 2023 erstmals in Norwegen unterwegs waren und dabei in unschöner Regelmäßigkeit von andauerndem Regen oder hartnäckigem Grau in Grau begleitet wurden, sind wir trotzdem im Sommer 2024 wieder zurückgekehrt. Und allein das sagt bereits einiges über die Landschaft, die Tierwelt und die wunderbar entspannte Art aus, dort unterwegs zu sein. Norwegen hat durchaus Suchtpotential – auch für den Afrikaliebhaber. In diesem Sommer war uns das Wetter glücklicherweise hold – eine faire Geste von Petrus: Den größten Teil von knapp vier Wochen konnten wir Norwegen bei Sonnenschein erleben und dieser strahlte über dem Polarkreis jahreszeitengemäß knapp 24 Stunden am Tag. Wenig verwunderlich, dass wir neben vielen wunderbaren Erlebnissen auch ein beträchtliches Schlafdefizit mit nach Hause gebracht haben. Und weil das Ganze trotz tiefer Augenringbildung so schön war, wir tatsächlich schon wieder etwas Sehnsucht nach dem hohen Norden verspüren und ich einfach Lust habe, mal wieder einen RB zu schreiben, möchte ich nach langem Zögern einen weiteren Reisebericht zu einem skandinavischen Land starten – als Ergänzung zu den aktuellen Schwedenimpressionen von Papa Kenia und Casimodos wunderbarem Lofoten/Vesteralen-Erlebnissen hier im Forum. Im Mittelpunkt der Reise, die wir als vierköpfige Familie mit dem eigenen Auto bestritten und damit die Dimensionen Norwegens im wahrsten Sinne des Wortes „erfahren“ haben, standen Besuche der Metropolen Bergen, Ålesund, Trondheim und Oslo, vielmehr aber noch die grandiosen Landschaften mit Fjord und Fjell, als Highlight schließlich eine Woche auf den sommerlichen Lofoten und naturgemäß die nordische Säuger- und Vogelwelt. Über ein wohlbekanntes Buchungsportal haben wir frühzeitig unsere Unterkünfte gebucht, so dass die Reise trotz Hochpreisdestination und Hauptsaison bezahlbar blieb. Herausgekommen ist dabei die folgende Tour: 1. Mit der Fähre von Hirtshals nach Bergen (1N) 2. Bergen, die regenreichste Stadt Europas (1N) 3. Lunde Turiststasjon als Zwischenhalt mit Fjord, Gletscher und Hottub (1N) 4. Die Insel Runde mit Papageitauchern und Co (3 N) 5. Ålesund mit seinen Jugendstilhäusern (1 N) 6. Trondheim mit seiner Kathedrale und seinem Wildlife (!) (2N) 7. Yttervik als Zwischenhalt in den hohen Norden (1N) 8. Å und die westlichen Lofoten (3N) 9. Kalle und die östlichen Lofoten (4N) 10. Fauske als unspektakulärer Zwischenhalt gen Süden (1N) 11. Grong (fast genauso unspektakulär) als weiterer Zwischenhalt (1N) 12. Das Dovrefjell mit seinen Moschusochsen und Fokstumyra mit seinen Elchen (3N) 13. Oslo (2N) 14. Mit der Color Line nach Kiel – die Kinder sind echte Fans (1N) Ich werde versuchen, mich – so gut ich es kann – kurz zu halten und dabei Erfahrungen teilen, in Erinnerungen schwelgen und ein paar Fotos zeigen. Und wie immer zu Beginn: Einige Impressionen als Appetithäppchen Über euer Interesse an dieser gänzlich unafrikanischen Tour würde ich mich freuen. Herzlich Sascha |
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1. Station: Anreise und Bergen
Nachdem wir einige wunderbar sonnige und bis zum Rand mit Kulturprogramm gefüllte Tage im schönen Hamburg verbracht haben, geht für uns die Reise weiter nach Hirtshals in Dänemark, von wo unsere Fähre gen Bergen in See stechen wird. Uns war es wichtig, möglichst weit nördlich in Norwegen mit dem Auto zu starten, um den wirklich langen Weg hinauf auf die Lofoten nicht noch länger werden zu lassen. Die Anfahrt nach Hirtshals zieht sich jedoch über eine gefühlt schnurgerade Autobahn ganz schön in die Länge und bei windigem Wolkenwetter erreichen wir am späten Nachmittag zuerst den rauen Nordseestrand, an dem wir uns ein wenig die Beine vertreten, und schließlich den Fähranleger. Nun ist leider langes Warten angesagt: Ein LKW mit Anhänger ist auf einem der Fahrzeugdecks liegengeblieben, er lässt sich nicht mehr starten. Das Riesengefährt aus dem Bauch der Fähre zu entfernen, stellt sich als Herausforderung heraus, die unsere Abfahrt um einige Stunden nach hinten schieben wird. Und so stehen wir uns gemeinsam mit vielen anderen Menschen die Beine in den Bauch, bis irgendwann schweres Abschleppgerät herbeigeschafft ist und Erfolg vermeldet werden kann. Immerhin gab es Toiletten im Fährhafen, wenn auch nichts Anderes… Erschöpft von dem Fahr- und Herumstehtag befahren wir schließlich die Fähre, die im Vergleich mit den „Kreuzfahrtfähren“ aus Kiel eher überschaubare Ausmaße hat. Das Auto ist zum Glück schnell geparkt und wir können unsere Doppelstockbett-Viererkabine beziehen. Im schwindenden Licht des Tages heißt es schließlich „Auf Wiedersehen, Dänemark!“ Die Fahrt verläuft zum Glück ruhig. Den Abend verbringen wir mit Deckspaziergängen, bei mittelmäßiger Pizza und – was meine Person betrifft – einer leichten Migräne. Daher freue ich mich sehr auf die Koje. Alles in allem ist diese Art zu reisen auch mit Kopfschmerzen viel schöner als ein Langstrecken-Nachtflug. Am nächsten Morgen geht es mir wieder besser. Leider sind aber auf dieser Linie die Kabinen arg früh zu räumen und so müssen sich alle Passagiere irgendwo in den Aufenthaltsräumen der Fähre einen Platz suchen, um die letzten Stunden bis Bergen zu verbringen. Das ist bei einem beschränkt vorhandenen Sitzangebot gar nicht so einfach und bleibt auch, wenn man sein Plätzchen gefunden hat, eher beengt. Zum Glück zeigt sich das Wetter so, dass man sich auch an Deck aufhalten kann. Es ist zwar ziemlich wolkig, aber die Fahrt entlang der norwegischen Küste ist es wert, sich die frische Brise um die Nase wehen zu lassen. Als dann irgendwann noch eine große Schule Delfine die Fähre begleitet und immer wieder durch Sprünge und Spiralen zu unterhalten weiß, ist die Anfahrt eine beinahe rundum gelungene. Wäre nicht bloß das Teleobjektiv gut verschlossen im Kofferraum auf dem Fahrzeugdeck… Schließlich kommt Bergen in Sicht und bereits vom Wasser aus bietet die Stadt ein schönes Bild. Eine Nacht werden wir hier verbringen. Damit haben wir eineinhalb Tage Zeit, um einen Ersteindruck von der Stadt zu bekommen. Unsere Ferienwohnung liegt etwas außerhalb des Zentrums, man kann vor Ort nicht wirklich parken und so stellen wir unser Auto für heute und morgen in einer (teuren!) Tiefgarage ab und schleppen das nötige Gepäck samt sperriger Fotoausrüstung zur Herberge. Der Weg dorthin sah auf der Karte gar nicht so weit aus... Da Bergen aber ziemlich hügelig daherkommt, ist dies am Ende eine anstrengende Aktion – da hätten wir bei der Unterkunftswahl umsichtiger planen müssen. Aber wer es nicht im Kopf hat, hat es in den Beinen. Überdies ist die Wohnung noch nicht einmal wirklich schön. Aber für eine Nacht solls reichen. Trotzdem lädt der heutige Tag noch zu einem ausgedehnten Stadtrundgang ein. Es ist trocken, aber eben ziemlich bewölkt. Ob sich das Grau in Grau von 2023 wiederholen wird? Schließlich regnet es in Bergen durchschnittlich an 19 Tagen im Monat… Ein Blick auf die Wetter-APP - wir vertrauen auch zuhause gern der Kompetenz von yr.no – lässt aufatmen. Kein Regen in Sicht und blauer Himmel für den kommenden Tag. Welch schöne (und unerwartete) Perspektive! Wir besuchen am Ankunftstag den Hafen mit dem Blick auf das malerische Hanseviertel Bryggen. Die alten Holzhäuser und so manches dort festgemachte Schiff lassen uns unvermittelt an den Skandinavienbereich im Europapark denken. Eigentlich alles zu malerisch, um echt zu sein. Einen Spaziergang durch die kleinen Gassen des Gebäudeensembles von Bryggen empfinden wir als sehr lohnend. Seit 1979 steht das Hanseviertel mit seinen etwa 60 Gebäuden auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO und gilt als bedeutendste historische Sehenswürdigkeit Bergens. Ein Abstecher zum nahen Rosenkrantzturm rundet den schönen Altstadtspaziergang ab. Überall gibt es hier nette Läden und Cafés, die zum Verweilen einladen. Wenn da nicht das norwegische Preisniveau wäre – aber für eine (leider mittelprächtige) heiße Schokolade wird es noch reichen. Auch gibt es am Hafen eine recht hippe Markthalle mit allerlei Speis und Trank – aber hier siegt dann doch am Ende die Sparsamkeit… Der zweite Bergen-Morgen empfängt uns tatsächlich mit strahlendem Sonnenschein. Also nichts wie raus aus den Federn! Der frühe Spaziergang lässt die Stadt im schönen Morgenlicht nochmal ganz anders wirken als am Vortag. Hier z.B. das Jugendstiltheater mit der Ibsen-Statue, bei der wir uns gefragt haben, ob sich der Dramatiker wohl so gefallen hätte. Am Hafenbecken werden wir vom Morgennebel über dem Wasser empfangen. Das sorgt für eine ganz besondere Stimmung. Und nun zur Fløibanen spaziert! Diese Standseilbahn zählt zu den Attraktionen Bergens. In etwa fünf Minuten bringt sie uns rund 300 Meter nach oben auf den 320 Meter hohen Fløyen. (Tipp: Man kann Fahrkarten entweder am Schalter oder am Automaten kaufen. Am Schalter kommt es oft zu Schlangenbildung, am Automaten nicht…) Die Fahrt ist nett. Viel mehr als das – nämlich wirklich spektakulär – ist der Blick, der einen an der Bergstation erwartet – der Nebel tut dabei sein Übriges. Man kann sich gar nicht satt sehen. Wir spazieren etwas auf dem Berg herum. Hier gibt es Wanderwege, einen schönen Spielplatz und Ziegen, an denen sich die Kinder erstmal feststreicheln. Ein beneidenswert schönes Naherholungsgebiet. Die Lebensqualität in Bergen scheint schon immens zu sein – 19 Tage Regen im Monat hin oder her. Als wir zurück zur Bergstation kommen, hat sich der Nebel gänzlich aufgelöst. Toll ist der Blick noch immer. Nach dem Runterfahren wird ausgiebig in einer bezahlbaren Bäckerei gefrühstückt und dann ruft auch schon die Weiterreise. Kurzum: Bergen war für uns ein wunderbarer Ausgangspunkt für eine Reise durch Norwegen. Nach der Zeit in der Stadt freuen wir uns aber jetzt auf die großartige Natur Westnorwegens. |
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2. Station: Lunde Turiststasjon, Bøyabreen und Jølstravatnet
Als wir am Vormittag Bergen gen Norden verlassen, liegen 230 Kilometer Wegstrecke vor uns, auf die wir uns freuen. In Norwegen fährt man im Vergleich zu unserer Heimat so herrlich entspannt und die Landschaft weiß einen auch durch das Autofenster sehr oft gut zu unterhalten. Und für den Fall der Fälle sind die Akkus von Switch und Tablet gut geladen – damit Spotify und Co einspringen können, wenn der Blick aus dem Fenster für die Kids mal an Reiz verlieren sollte. Für die Strecke weist Google Maps eine Fahrzeit von knapp vier Stunden aus. Auf das langsame Vorankommen waren wir eingestellt und wir verlängern die Zeit noch gern durch regelmäßige Stopps am Wegesrand zum Beinevertreten und „Ah und Oh“-Sagen. Immer wieder gibt es Gelegenheit an kleinen Bachläufen zu halten, um die Füße ins kühle Nass zu halten oder um auf Felsbrocken herumzuklettern. So wird die Fahrt auch für die Kinder nicht zu lang. Das schöne Wetter tut sein Übriges: Wir haben richtig gute Laune. Die Landschaft ist von Wasser und Bergen geprägt. Quasi im Minutentakt gibt es schöne Aussichten. Bald steht auch eine kleine Fährfahrt über den Sognefjord an. Wir finden es immer wieder bemerkenswert, wie Straßen hier einfach an einem Fährkai enden. Auch diese Fähre ist eine willkommene Abwechslung auf der Fahrt. Aussteigen, an Deck stehen, den Wind und die vorbeiziehende Landschaft genießen und dabei vielleicht Pølse essen: Das ist schon alles sehr fein. Nachdem wir wieder an Land gefahren sind, setzen wir die Fahrt bis zum Huldefossen fort und erleben einen Wasserfall, der unbedingt einen Abstecher wert ist. Von einem kleinen Parkplatz läuft man etwa 500 Meter zum Wasserfall. 92 Meter fallen die Wassermassen hier laut rauschend in die Tiefe. Ein lohnender Anblick! Unser heutiges Etappenziel – die Lunde Turiststasjon – liegt am südwestlichen Rand des Jostedalsbre, dem größten europäischen Festlandgletscher. In Nord-Ost-Richtung hat er eine Länge von etwa 40 Kilometern und ist in südwestlicher Richtung etwa 15 Kilometer breit. Seine Eisschicht ist bis zu 500 m dick. Auf der weiteren Fahrt eröffnen sich erste Blicke auf die Ränder dieser gigantischen Eismassen. Unser Quartier kennen wir bereits von unserer Reise im Vorjahr – trotz des grauen Wetters hatte uns es dort damals so gut gefallen, dass wir unbedingt wiederkommen wollten. Das liegt vor allem an der Lage der kleinen Unterkunft in einem recht engen Gletschertal. Zur einen Seite öffnet sich das Tal malerisch zum Jølstravatnet, einem großen See, zur anderen wird es von schroffen Felswänden abgeschlossen. Oben thront der Jostedalsbre. Lunde ist eine Ansammlung weniger Häuser. In der Hauptsache besteht es aus einem Bauernhof, zu dem auch der Gastbetrieb gehört. Dieser umfasst einige Zimmer im Haupthaus und eine Handvoll Blockhütten. Alles recht einfach mit (sauberem) Gemeinschaftsbad und rein auf Selbstversorgung ausgelegt. Aber hier zählt Lage, Lage, Lage: Vor unserem Häuschen ein rauschender Wildbach, darüber Gletscherkante und Wasserfälle. Norwegen aus dem Bilderbuch. (Blick vor unserem Häuschen) (Teleobjektivblick von unserer Terrasse zum Jostedalsbre) Dieses Jahr spielt das Wetter sehr gut mit und wir erleben die Schönheit der Umgebung bei strahlendem Sonnenschein. Eine wunderbare Kontrasterfahrung zu 2023. Schnell sind die Betten mit der mitgebrachten Bettwäsche bezogen und wir beschließen, die Gunst der Stunde zu nutzen, um Bøyabreen einen Besuch abzustatten. Dieser Auslassgletscher des Jostedalsbre liegt nur etwa 9 Kilometer von unserer Unterkunft entfernt – den größten Teil davon fährt man durch einen nicht enden wollenden Tunnel. Der Bøyabre wird als Hauptzunge des Jostedalsbre angesehen. Seinen höchsten Punkt hat er bei 1700 Metern, der untere Zungenrand befindet sich derzeit auf etwa 300 Metern Höhe. Vom Parkplatz ist es ein kurzer Spaziergang bis zum See, der sich unterhalb der Gletscherzunge gebildet hat. Von dort bieten sich ganz wunderbare Blicke auf den Gletscher und die steilen Felswände mit ihren Wasserfällen. Das war auch 2023 bei starker Bewölkung schon beeindruckend. Jetzt aber, wo das Eis in schönem Kontrast zum Blau des Himmels steht, ist es nochmal um Einiges besser. Die weiteren Nachmittagsstunden verbringen wir am nahen Ufer des Jølstravatnet östlich von Lunde. Hier sind wir ganz allein und können die Ruhe und die Landschaft in vollen Zügen genießen. Ich selbst bin ja das Gegenteil einer Wasserratte. Der Rest der Familie aber nutzt den schönen - und dank Gletscherwasser gehörig kalten - See und das wunderbare Sommerwetter dazu, um ausgiebig zu schwimmen. So stellt sich der Nachwuchs einen gelungenen Sommerurlaub vor. Wir bereiten ein einfaches Abendessen in unserer Hütte und nutzen dann die frühen Abendstunden für einen Spaziergang in Richtung See. Letztes Jahr konnten wir hier viel Rotwild beobachten, das sich in diesem Sommer leider nicht zeigen mag. Wir müssen uns also mit dem abendlichen Blick auf den Jølstravatnet begnügen. Der Tag wird von einem weiteren echten Höhepunkt abgeschlossen. Bei unserem ersten Aufenthalt 2023 haben wir entdeckt, dass Lunde einen Hot Tub anbietet. Unter freiem Himmel und mit Premiumblick auf die zauberhafte Landschaft kann man hier im warmen Wasser vor sich hin sprudeln und dümpeln. Dieses Familienerlebnis, das wir beim ersten Mal im kühlen Nieselregen genießen durften, wollten wir unbedingt wiederholen und haben deshalb den Whirlpool direkt bei unserer Buchung für uns reserviert. Und auch heute ist es wieder eine großartige Sache, wenn auch die Außentemperatur so ist, dass man das Wasser des Hot Tubs gar nicht zum Aufwärmen nötig hat. Aber allein der Blick und das gemeinsame Erleben – einfach wunderbar. Den morgigen Tag, das nehmen wir uns vor, wollen wir mit einem Frühstück am Bøyabre beginnen. Nun sind wir richtig angekommen. |
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Station 3.1: Die Insel Runde, der südlichste Vogelfelsen Norwegens
Auch heute ist es trocken und so können wir unseren Plan in die Tat umsetzen. Wir packen ein Picknick, fahren zum nahen Bøyabre, besetzen eine der Bänke am Gletschersee und genießen ein ausgiebiges Frühstück. Die Kinder wünschen sich auf jeden Fall noch Zeit am See, bevor wir die Weiterfahrt antreten, und natürlich kommen wir als gute Eltern diesem Wunsch gern nach. Dann heißt es Abschied nehmen von Lunde. Schön war es, diesen Ort bei Sonnenschein erleben zu dürfen. Falls wir mal wieder in der Gegend sein sollten, wäre ein Zwischenstopp in Lunde immer gesetzt. Heute wird uns der Weg wieder gen Küste führen. Die „Vogelinsel“ Runde ist unser Ziel für die nächsten zwei Tage. Die Etappe ist mit etwa 160 Kilometern überschaubar – trotzdem sind wir gut drei Stunden unterwegs. Am Nordfjord entlang geht es ein ganzes Stück nach Nordwesten, um in Küstennähe dann stracks nach Norden zu fahren. Dabei bieten sich landestypisch immer wieder schöne Ausblicke. Runde ist der mit Abstand am einfachsten zu erreichende Ort in Norwegen, wenn es darum geht, Papageitaucher und andere Seevögel zu beobachten. Die Insel ist über eine Brücke mit dem Festland verbunden. Auch auf den Lofoten kann man auf den Inseln Værøy und Røst Puffins beobachten – aber das Hinkommen gestaltet sich umständlich und ist ohne eine Übernachtung vor Ort wohl auch wenig sinnvoll. Daher sind wir rückblickend sehr froh, Runde auf dem Weg in den höheren Norden als Etappenziel eingebaut zu haben. Wir haben für die nächsten Tage eine Ferienwohnung im Runde Miljøsenter gebucht. Es ist eine von acht Wohnungen, die angeschlossen sind an ein Umweltzentrum mit Café und kleiner Naturkundeausstellung. Auch werden hier abendliche Puffin-Safaris angeboten. Über den Sinn dieser geführten Aktivität haben wir gegrübelt, denn das Auffinden der Papageitaucher stellt nicht die größte Herausforderung auf Runde dar. Abgesehen von dem Miljøsenter gibt es nur wenige Betten auf der kleinen Insel. Unterkunft findet man vor allem auf dem Campingplatz. Früher konnte man auf Runde Bootstouren zu den Vogelfelsen unternehmen, das kleine Ausflugsboot „Aquila“ liegt noch im Hafen. Als wir dort waren, wurde uns jedoch gesagt, dass diese Touren nur noch Campingplatzgästen vorbehalten sind und eigentlich gar nicht mehr so richtig angeboten werden. Ich denke, dies mag daran liegen, dass der Bootsführer nicht mehr der jüngste ist. Ich finde es bemerkenswert, dass Bootsausflüge, die sicher eine gute Einnahmequelle während der Brutsaison wären, hier nicht mehr regelmäßig durchgeführt werden. Vielleicht sollten wir saisonal auswandern? Und so kommt man nur zur Fuß zu den Vögeln. Und das kostet auf Runde tatsächlich einige Mühe. Der Weg, der gleich hinter dem Campingplatz abzweigt, zieht sich steil (!) hinauf auf den Felsen, der die Insel dominiert. Der Anstieg ist wirklich kräftezehrend. Unermüdlich stapfen wir am späten Nachmittag hinauf. Viel früher lohnt sich der Aufstieg für die Papageitaucherbeobachtung auch nicht, denn die kleinen Vögel kehren erst in den Abendstunden in großer Zahl von der Nahrungssuche auf dem offenen Meer zu ihrem Brutfelsen zurück. Brutsaison ist von April bis etwa Anfang August. Herrscht auf Meereshöhe am Saum der Insel noch recht klare Sicht, so begeben wir uns, je höher wir steigen, in die tiefhängenden Wolken, die vom frischen Wind über die Küste getragen werden und sich dabei gern zäh am gigantischen Felsblock Rundes festsetzen. Nach all der Anstrengung des Aufstiegs haben wir Sorge, durch den Wolkennebel kaum einen Vogel entdecken zu können. Das Plateau des Felsens wird von niedriger Vegetation dominiert, die von einigen Bohlenwegen durchzogen wird. Es zeigen sich Schafe im Nebel. Von Fernsicht kann heute Nachmittag wahrlich keine Rede sein, da ist es ein schöner Moment, als wir eine Bekassine direkt neben dem Bohlenweg entdecken können, die mit zwei Küken unterwegs ist. Immerhin ein vernünftiges Portrait des Altvogels entsteht im dichten Bodenbewuchs, bevor die Schnepfen sich unseren Blicken entziehen. Lundeura, der Brutfelsen der Puffins, ist durch Holzwegweiser gut ausgeschildert. Und so erreichen wir den schroffen Ort nach einem guten Fußmarsch, der am Ende an der Steilküste Rundes entlangführt. Schon hier lichtet sich die lästige Wolkenwand und wir sind guter Dinge, dass wir gleich den ein oder anderen Papageitaucher entdecken werden können. Am Puffinfelsen ist man wahrscheinlich selten allein. Trotz der Beliebtheit dieser Beobachtungsstelle ist sie erstaunlich unwegsam. Um gute Beobachtungspositionen zu finden, muss man durchaus über nass-glatte Felsbrocken und Schlammpfützen kraxeln. Dann aber kann man das muntere Treiben der Papageitaucher so richtig genießen. Oft sieht man die Vögel von oben herab an den Felswänden hocken – keine schöne Fotoposition. Immer wieder aber sitzen die Puffins jedoch auch auf Augenhöhe und teilweise in erstaunlicher Nahdistanz. So gelingen uns einige Portraits dieser Charaktervögel des Nordens. In ein paar hundert Metern Entfernung kann man vom Lundeura den Rundebranden erspähen. An diesem Felsen brütet eine große Kolonie von Basstölpeln. Leider lag der Felsen aber bei jedem unserer Annäherungsversuche in dichten Wolken verborgen. Wir haben das lautstarke Gezänk der Tölpel gut hören können, Blicke waren uns kaum vergönnt. Irgendwann beginnt es zu nieseln und die Kinder haben aus nachvollziehbaren Gründen auch keine rechte Lust mehr. Und so machen wir uns auf den Rückweg. Auf dem Plateau brüten einige Paare der Großen Raubmöwe (Skua), die wir beim Aufstieg noch nicht entdecken konnten. Trotz des Nieselregens hat sich die Weitsicht nun eher verbessert und so können wir noch einen Vertreter dieser enorm großen Vögel im Flug erwischen. Das freut den Birder. Ziemlich erschöpft erreichen wir zu fortgeschrittener Stunde unsere Unterkunft und legen uns erstmal hin. Der Regen hat aufgehört und was nun folgt, gehört zu den „Magic Moments“ dieser Reise. Die untergehende Sonne präsentiert uns ein Farbenspiel, das wir in dieser Intensität kaum je erlebt haben. Dunkelrot leuchtet die Festlandküste. Eine Stimmung, die unsere Fotos nur unvollständig wiedergeben können. Wir sind absolut verzaubert. Hundemüde geht es dann – wieder einmal viel zu spät – in unsere Betten. Morgen steht zum Glück nochmal ein ganzer Tag auf der Insel Runde an. Wir freuen uns darauf. |
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Station 3.2: Noch eine Runde auf Runde
Ich werde vor den anderen wach, schaue aus dem Fenster, sehe strahlenden Sonnenschein und nutze die frühen Morgenstunden für einen Spaziergang an der Inselküste. Niemand ist zu dieser Zeit unterwegs. Alles ist herrlich ruhig. Mein Weg führt mich auf die Hafenmole. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf die Insel. Nach einem gemeinsamen Frühstück teilen wir uns heute auf. Die Kinder haben keine Lust, schon wieder auf den Inselberg zu steigen und möchten gern in der Wohnung „chillen“. Also machen sich nur die Erwachsenen auf den Weg. Wieder ist das Wetter am Saum des Bergs gut. Nach dem Aufstieg stellt sich jedoch alsbald wieder die Wolken-Nebel-Situation von gestern ein. Zumeist sind wir also Wanderer im Nebelmeer. Das hat auch seinen Reiz. Fernsicht wäre uns aber lieber gewesen. So stapfen wir durch das milchige Weiß an der Steilküste Rundes entlang. Wenn der Nebel aufreißt, haben wir ein wenig Blick und man ahnt das Potential eines klaren Tages. Absurd finden wir die Hinweisschilder auf ein Wanderverbot an der Steilküste während der Brutzeit. Auch außerhalb dieser Monate würden wir nicht im Traum daran denken, hier weiterzugehen… Viele Vögel sehen wir wetterbedingt auf unserer Runde nicht. Wir erhaschen einen kurzen Blick auf einen vorbeifliegenden Seeadler, der aber ruckzuck hinter einer Feldkante verschwindet. Einzig ein Strandpieper im Nebel lässt sich verewigen. Am Aussichtspunkt zum Rundebranden starren wir leider nur auf eine undurchdringliche weiße Wand. Wir hören das Kreischen von Basstölpeln, Trottellummen und Co. Aber ein Blick auf die Brutfelsen ist uns leider nicht vergönnt. Wie gern hätte ich hier einen Eissturmvogel gesehen. Weiter geht es durch das feuchte Weiß. Wir müssen immer wieder ob der Absurdität dieser Blindwanderung lachen. Sobald man vom Felsen herabsteigt, wird die Sicht wieder weiter und wir kommen gut durchgelüftet in der Ferienwohnung an. Nachdem wir den weiteren Nachmittag mit Spielen und Büchern verbracht haben, brechen wir am frühen Abend zu viert erneut zu einer Wanderung auf den Vogelfelsen auf. Der dichte Nebel hat sich gelichtet. Nur einige Wolkenfetzen streifen über das Gipfelplateau und sorgen für schöne Stimmungen. Auf unserem Weg kommen wir an einem Brutplatz einer großen Skua vorbei. Der Abstand ist zum Glück so groß, dass die Raubmöwe sich nicht zu einer Attacke veranlasst sieht. Wir steuern erneut Lundeura an. Heute haben wir definitiv besseres Licht. Die Steilküste zeigt sich von ihrer atmosphärischen Seite. Der Blick vom Puffinfelsen ist heute viel schöner als gestern. Malerisch öffnet sich die schroffe Küste Rundes unseren Blicken. Das allein wäre den Aufstieg wert. Die eigentlichen Stars sind aber natürlich auch heute die drolligen Papageitaucher. Das warme Licht der Abendsonne lässt die Schnäbel nochmal farbenfroher wirken. Für die Kinder haben wir eine Picknickdecke mitgebracht. Sie machen es sich gemütlich und hören irgendwann ein Hörspiel über ihre Kopfhörer, während die Erwachsenen die Vögel beobachten. Im Sitzen. Beim Stretching. In der Nahaufnahme. Die besondere Herausforderung ist jedoch, die flinken Winzlinge im Flug zu erwischen. Das ist mit Blick auf das Meer gar nicht so einfach, da die Tiere immer wieder plötzlich von schräg unten oder aus dem Gegenlicht erscheinen und dabei sehr schnell unterwegs sind. Also versuche ich zu verstehen, mit welchem Verhalten die Puffins ihren baldigen Start ankündigen, um auf diese Weise ein paar Flugaufnahmen aus relativer Nähe zu bekommen. Das misslingt öfter, als es gelingen will und das Objektiv wiegt schwer in meinem Arm. Am Ende ist viel Ausschuss produziert, aber immerhin auch einige wenige scharfe Flugaufnahmen, mit denen ich ganz zufrieden bin. Nach ausgiebiger Beobachtung setzen wir unsere abendliche Wanderung fort. Auch einige Puffins sind augenscheinlich müde. Der Basstölpelfelsen liegt nun in nebligem Gegenlicht. Während wir an der Steilküste entlang zurückwandern, können wir ein paar Meter unter der Kante einige Tordalken entdecken. Was für ein schöner Bonus! Diese Vögel konnte ich bisher erst einmal in Schottland auf dem Bass Rock (übrigens eine absolute Empfehlung!) beobachten und das aus weiter Entfernung. Daher sind diese Nahaufnahmen von schräg oben eine willkommene Ergänzung unserer Sammlung. Wir beschließen trotz der späten Stunde – es ist bereits etwa 21 Uhr – noch eine Runde auf dem Plateau zu drehen. Zu schön ist die Lichtstimmung. Aber dann zieht wiederum dichter Nebel auf und wir stapfen erschöpft erneut durch die weiße Suppe. Und wieder zeigen sich Schafe im Nebel. Einem mutigen Bock passt unsere Anwesenheit dabei augenscheinlich gar nicht. Er fixiert uns und stampft energisch mit dem Vorderhuf auf. Die Kinder beeindruckt das sehr und auch ich bin davon überrascht, dass mich der kleine Kerl mit seinen zierlichen Widderhörnern durchaus einzuschüchtern weiß. Also machen wir einen kleinen Bogen und stellen bald fest, dass nicht alle Wege auf dem Plateau so gut markiert sind, dass man sie ohne Problem im dichten Nebel verfolgen kann. Eine von Google-Maps behauptete Verbindung zum Abstieg stellt sich als Sackgasse heraus, die im dichten Bewuchs endet und uns eine gute Strecke zurückgehen lässt. Das wird zunehmend anstrengend. So langsam kommt zum Nebel die einsetzende Dunkelheit hinzu. Und durchaus eben auch die Erschöpfung. Und so sind wir froh, als wir weit nach 22 Uhr den Abstiegspfad endlich erreicht haben und mit einem schönen Sonnenuntergang belohnt werden. Mit letzter Kraft erreichen wir einige Zeit später schließlich unsere Wohnung und fallen müde in die Betten. Morgen werden wir Runde wieder verlassen. Unsere Reise führt uns dann ins nahe gelegene Ålesund. |
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4. Station: Ålesund
Als wir am Morgen erwachen, hat sich leichter Nieselregen eingestellt. Da fällt die Entscheidung leicht, nicht noch einmal auf den Inselberg zu steigen. Heute trennen uns nur 80 Kilometer Wegstrecke und eine Fährfahrt von unserem nächsten Etappenziel Ålesund. Wir lassen es also ruhig angehen, denn so richtig will das Wetter uns nicht nach draußen locken. Gegen 10 Uhr ist schließlich das Gepäck im Auto verstaut und wir verlassen Runde bei dichter und tiefhängender Bewölkung. Diese graue Stimmung motiviert kaum zu Zwischenhalten und so entstehen auf der Fahrt entlang der Küste keine Fotos oder bleibende Erinnerungen. In Hareid müssen wir wieder einmal eine Fähre nutzen. Eine wie immer willkommene Abwechslung, auch wenn man sich heute nicht auf Deck aufhalten mag. Und so sitzen wir im Aufenthaltsraum der Fähre und gönnen uns die typischen norwegischen Hotdogs oder alternativ Eiscreme. Am anderen Ufer angekommen, ist es nur noch eine halbstündige Fahrt bis zum Ziel. Als wir Ålesund erreichen, reißt die Bewölkung zu unserer Freude mehr und mehr auf und der Rest des Tages verspricht recht schön zu werden. Wir haben eine kleine Ferienwohnung auf dem Aksla für die nächste Nacht gemietet. Der Aksla ist der Hausberg der Stadt und bietet mit seinen 189 Metern einen sehr schönen Ausblick auf die Altstadt Ålesunds, die jedoch am Nachmittag ein wenig zu sehr im Gegenlicht liegt. Trotzdem: Die Lage der 60.000-Einwohner-Stadt am Meer mit den vorgelagerten Inseln ist wirklich herrlich! Um in die Altstadt hinabzusteigen, muss man eine Treppe mit 418 Stufen überwinden. Nach unten ist das kein nennenswertes Problem und der Abstieg wird immer wieder von schönen Ausblicken begleitet. Wenn man aber dann einen ausgedehnten Stadtbummel hinter sich hat, muss man eben auch wieder hinauf… Kaum unten angekommen, verziehen sich die tiefhängenden Wolken vollends und wir können einige sonnige Stunden in der Innenstadt verbringen. Und diese ist tatsächlich einen Besuch wert. Bei einem Stadtbrand wurde in der Nacht zum 23. Januar 1904 fast die komplette Innenstadt zerstört. Sie wurde dann unter anderem mit Hilfe des Deutschen Kaiserreichs wieder aufgebaut und ist dadurch von zahlreichen Gebäuden im Jugendstil geprägt, die für Norwegen ziemlich untypisch sind. Wir spazieren also durch die Straßen der Stadt und erfreuen uns immer wieder an schönen Fassaden. Ich fotografiere aber definitiv lieber Wildlife und Landschaften und so schaffen es nur recht wenige Aufnahmen in die Auswahl. Es ist wieder warm genug, um draußen zu sitzen und ein Eis mit Ausblick auf den Ålesundet macht den Nachmittag für uns alle vier ziemlich rund. Als wir uns am frühen Abend nach einem Bummel durch diverse Läden – den Kindern hat es aus Gründen vor allem der „Normal“, eine Art Drogeriemarkt, angetan – schließlich an den Aufstieg des Aksla machen, wird es schnell bedrohlich dunkel am Himmel und zusätzlich zu den 418 Stufen versüßt uns einsetzender Regen den Weg zurück in die Ferienwohnung. Wir nutzen den Rest des Tages ganz unspektakulär für Einkäufe und lassen den Abend nach einem schnellen Abendessen lesend und spielend ausklingen. Morgen geht es für uns schon weiter nach Trondheim. Bestimmt könnte man in Ålesund noch mehr Zeit verbringen, uns aber hat der schöne Blick vom Aksla und der ausgedehnte Spaziergang durch die Innenstadt für einen Eindruck der Stadt genügt. |
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