Tag 10
Farbenwechsel: Aus Rot wird Weiß
Die Nacht war kurz, aber das Aufstehen fällt in Anbetracht des heutigen Zieles leicht. Im lichtdurchfluteten Innenhof des zauberhaften La Petite Porte frühstücken wir, bevor zwei Toyota Landcruiser vorfahren, die uns vier heute über den Salar de Uyuni fahren werden.
Unser erster Stopp gilt dem Ort Colchani, 22 Kilometer nördlich von Uyuni gelegen. Colchani ist das Eingangstor zum Salar. Entlang der Hauptstraße des kleinen Ortes bieten Händler ihre Waren für Touristen an. Hier steht auch der mobile Verkaufswagen einer Frau, deren kleines Kind, ein Mädchen, daneben sitzt.
Ich spreche die Frau und die Kleine an. So erfahre ich ihren Namen und dass sie drei Jahre alt ist. Sie sitzt hier den ganzen Tag, während ihre Mutter Geld verdient. Es muss furchtbar langweilig für das Kind sein. Wir schenken ihr ein Malbuch und ein Set Buntstifte. Die Mutter freut sich so sehr und die Kleine weiß tatsächlich nicht, was sie da in der Hand hält. Später werden wir sehen, wie die Mutter ihr gezeigt haben muss, was sie damit machen kann und so sitzt die Kleine nun auf ihrem Stein und ist tief versunken in ihrem Malbuch.
In Colchani wird noch immer das Salz vom Salar per Hand in Tüten verpackt. M. führt uns in ein Haus, wo ein Mann dieser Tätigkeit nachgeht. Wir erfahren, dass nur Familien, die aus dem Ort stammen, auf dem Salar Salz ernten dürfen.
Wie das bolivianische Salz in die Tüten gelangt, wissen wir jetzt, nun sehen wir mit eigenen Augen, woher dieses kommt. Wir fahren auf den Salzsee. Nur einige Monate im Jahr ist der Salar großflächig befahrbar. Während des bolivianischen Winters und der sich anschließenden Wochen steht eine mehrere Zentimeter hohe Wasserschicht auf dem weißen See.
Wir fahren zu den Ojos, die sich auch zu unserer Reisezeit noch am Rande des Sees halten. Unsere Fahrer wissen genau, wie weit sie fahren können, ohne das Risiko einzugehen, in dieser Wüste aus Salz einzubrechen. Aus diesen Augen sprudelt das Wasser in braunen Farbtönen und rundherum ist das Salz eingefärbt. Farblich erinnert mich diese Region ein wenig an den Salar de Atacama mit seinen Pastelltönen.
Je mehr wir uns in unseren Landcruisern von den Ojos entfernen, umso weißer wird der Salar. Längst haben die Bolivianer erkannt, welcher monetäre Schatz unter diesem Naturschatz verborgen liegt. Bolivien gilt als eines der Länder mit den größten Lithiumvorkommen weltweit.
Wir fahren in den Norden des Salzsees. Diese Region wird bisher noch wenig von Touristen besucht und bald sind wir ganz alleine unterwegs. Es ist eigentlich kaum zu fassen, dass es dennoch immer wieder zu tragischen Verkehrsunfällen auf dem Salar de Uyuni kommt. Wenige Jahre zuvor stießen zwei Touristenfahrzeuge frontal zusammen und es gab viele Todesopfer.
Wir fahren durch eine surreale Welt, aber eine so schöne und absolut beeindruckende. Es ist kaum zu fassen. 90 Kilometer von Colchani entfernt liegt der kleine Weiler Coqueza zu Füßen des 5.435 Meter hohen Vulkans Thunupa. Hier ist es wundervoll, das Weiß des Salars, das Tiefblau des Himmels, das Blau des Wassers am Rand der riesigen Salzfläche, in dem Flamingos nach Fressbarem suchen, das Grün, auf dem Lamas und Esel grasen, bis hin zu den Braun- und Rottönen des Vulkans Thunupa.
Wir machen einen kleinen Spaziergang durch den sehr ärmlich wirkenden Ort und begegnen keinen weiteren Touristen. Ein kleines Mädchen kommt auf uns zu. Sie ist neugierig und erzählt und erzählt. Auch wenn ich längst nicht alles verstehe, so ist dies eine wundervolle Begegnung für, so hoffe ich, beide Seiten.