THEMA: Reisebericht: Mit Fahrrad, Bus und Zug durch Kuba
31 Jul 2020 13:58 #592893
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  • Gu-ko am 31 Jul 2020 13:58
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picco schrieb:
Hoi Guko

Auch wenn Kuba bisher noch nicht auf meiner ToDo-Liste war bin ich gern dabei!
Strampel mal los! B)

Was nicht ist, kann ja noch werden. ;) Kuba ist tatsächlich ein tolles Land und ein bisschen Afrikaflair findet man dort auch.
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31 Jul 2020 14:26 #592894
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Ankunft in Holguin und Fahrt nach Santiago


Internationaler Flughafen "Frank País" in Holguin

Die meisten Touristen, die nach Ostkuba fliegen, landen auf dem internationalen Flughafen "Frank País" in Holguin. Holguin liegt etwa 60km von dem Feriengebiet Guardalavaca entfernt, dessen Sandstrände vor allem von Pauschalurlaubern besucht werden. Mein Ziel, Santiago de Cuba, liegt in der entgegengesetzten Richtung, etwa 170 km südlich von Holguin.

Wie schon bei früheren Einreisen werde ich an der Passkontrolle zunächst fotografiert, dann muss ich ein paar Fragen nach dem Grund meines Aufenthaltes beantworten und meistens wollen sie noch wissen, wo man zu wohnen gedenkt. Verboten ist das Übernachten bei Privatpersonen, Freunden oder Bekannten. Man muss also entweder ein Hotel angeben, oder eine Casa Particular, eine staatlich lizenzierte Privatunterkunft.

Nachdem ich alle Fragen beantwortet habe, komme ich ohne größere Verzögerungen durch die weiteren Zollformalitäten. Vielleicht liegt es daran, dass ich nur ein einziges Gepäckstück dabeihabe. Die Zöllner konzentrieren sich auf die Reisenden, die mit Bergen von Koffern, Kartons und Reisetaschen ankommen. So wie z.B. die Kubanerinnen auf Heimaturlaub, die Gepäckwagen vor sich herschieben, auf denen sie ihre Habe zu mehreren Metern hohen Türmen gestapelt haben. Sie werden zu den seitlich stehenden Tischen gewunken und nach gründlicher Inspektion geht das Gefeilsche um die Höhe des zu entrichtenden Zolls los... ;)

Vom Flughafen bringt mich ein Sammeltaxi nach Santiago. Es ist ein gigantischen US-Oldtimer aus vorrevolutionären Zeiten, eine "Maquina", wie die Kubaner diese Gefährte nennen. Der Wagen ist so breit, dass auf den Sitzbänken locker fünf Personen nebeneinander Platz hätten. In einer Maquina nach Santiago zu fahren vermittelt gleich zu Beginn Kubafeeling. Kubafeeling vermitteln allerdings auch die stinkenden Camiones (LKWs), hinter denen wir herfahren und die den Innenraum zeitweise in eine Gaskammer verwandeln, bis der Fahrer endlich überholt.


Zuckerrohr

Ich sitze am offenen Fenster und lasse mir den warmen Fahrtwind um die Ohren streichen. Dunkle Gebäude huschen vorbei, später Dörfer mit kleinen Häusern, staubigen Straßen und spinnennetzartig gespannten Stromleitungen. Dann, bis zum Horizont, Weideland und Zuckerrohrfelder. Das weiche Licht der Abendsonne lässt die Gegend schöner aussehen, als sie tatsächlich ist.

Als wir nach etwa zweieinhalb Stunden Fahrt die ersten Häuser Santiagos sehen, ist es längst dunkel.


Es ist dunkel, als wir in Santiago ankommen


Santiago

Schließlich setzt mich der Fahrer des Sammeltaxis vor einem unscheinbaren Haus unweit des Zentrums ab. Das Haus, die Casa Tita, ist eine Casa Particular, also eine private Zimmervermietung. Die Casas Particulares sind eine preisgünstige Alternative zu den staatlichen Hotels und da man direkt bei Kubanern zuhause wohnt, ergeben sich oft interessante und hilfreiche Kontakte. In der Regel bekommt man ein sauberes Zimmer mit Doppelbett, Dusche und WC, Aircondition, oft auch Kühlschrank und TV. Das kostet je nach Saison und Ort zwischen 12 - 25 CUC. (1 CUC, oder Peso Convertible genannt, entspricht 1 USD)

Ich habe mein Zimmer in der Casa Tita für die ersten drei Nächte über Airbnb reserviert. Ich plane drei Tage in Santiago zu bleiben. Übermorgen bekomme ich mein Fahrrad, das ich von Deutschland aus bei „Profil-Cuba-Reisen“ gemietet habe. Ich hätte, wie schon auf früheren Touren, mein eigenes Rad mitbringen können, aber diesmal habe ich mich entschieden eins zu mieten, hauptsächlich aus Bequemlichkeit, so spare ich die Mühen der Verpackung und des Transports.


Santiago de Cuba


Santiago de Cuba

Trotz der späten Stunde werde ich herzlich begrüßt. Mein Zimmer ist klein, fensterlos, fast ein bisschen düster, aber es hat einen Zugang zu einer Terrasse mit Tischchen und Stühlchen und üppigen tropischen Pflanzen, die aus rostigen Dosen und Plastikbehältern wachsen.

Aber das einzige, was ich heute noch brauche, sind eine Dusche und ein Bett.
Letzte Änderung: 31 Jul 2020 14:32 von Gu-ko.
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02 Aug 2020 19:52 #593015
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In Santiago de Cuba


Santiago de Cuba

Es ist noch dunkel, als der Hahn des Nachbarn zu krähen beginnt. Befreundete Hähne antworten aus allen Himmelsrichtungen, dann ist es für ein paar Minuten ruhig, aber sobald ich wieder eingeschlafen bin, geht die Kräherei von vorne los.
Das ist grausam. Bald gebe ich es auf schlafen zu wollen, setze mich auf meine kleine Terrasse und warte auf den Morgen.

Ab etwa 6 Uhr tauchen Händler auf der Straße auf. Man hört ihre singenden Rufe lange bevor man sie sieht:

„Huevos, el huevo, pan, mantequilla“. („Eier, Brot, Butter!)

Manche haben eine Trillerpfeife dabei um auch noch die letzten Schlafmützen zu wecken. An die kubanische Geräuschkulisse werde ich mich erst noch gewöhnen müssen.

Inzwischen knurrt mein Magen gewaltig. Meine letzte Mahlzeit war das dürftige Abendessen im Condor-Flugzeug. In den meisten Casas Particulares kann man Frühstück bekommen, aber Zadis, die außer Zimmervermieterin auch noch Ärztin ist, ist im Krankenhaus bei ihrer Arbeit. Also muss ich mir selbst etwas organisieren.

Als ich im Jahre 2001 das erste Mal nach Kuba kam, war es außerhalb der Touristenresorts manchmal schwierig, etwas Anständiges zu essen zu finden. Es gab nur staatliche Geschäfte und Restaurants und deren Angebot war oft von schlechter Qualität, oder schlichtweg ausverkauft. Vor ein paar Jahren wurde den Kubanern erlaubt, private Kleinunternehmen zu gründen. Daraufhin entstanden überall Cafeterias, Pizzerias und kleine Restaurants, sodass die Verpflegung heute kein Problem mehr ist. Und auch die Qualität ist deutlich gestiegen.


Cafeteria Kenia

Es dauert nicht lange, bis ich eine Cafeteria entdecke. Durch ein vergittertes Fenster kann man von der Straße aus Bocaditos (belegte Brötchen), Tortilla, Sandwiches, Café, Pizza und Getränke bestellen. In den Cafeterias bezahlt man in Moneda Nacional (CUP), nicht zu verwechseln mit dem Peso Convertible, dem CUC.

Zu den Besonderheiten Kubas gehört das Zweiwährungssystem. Zum einen gibt es die „Moneda Nacional“ (MN), auch „CUP“ genannt und parallel dazu den „Peso Convertible“ auch „CUC“, oder „Devisa“ genannt. Für Ausländer ist es am Anfang recht verwirrend, da man oft nicht weiß, ob die Preise in CUC oder CUP ausgezeichnet sind.

Umgerechnet wird wie folgt: 1 CUC = 24 CUP = 1USD = ca. 0,85 €

Mein Frühstück, Brötchen mit Rührei, 4 Cafecitos und ein Batido de Guayaba (Guaven-Smoothie) kostet gerade mal 20 Pesos MN, also etwa 0,75€. Ich frage mich, wie die Leute bei solchen Preisen Gewinn erwirtschaften können.


Santiago – Im Morgenlicht ist Santiago am schönsten (zum Fotografieren)


Geiler Oldtimer vor meiner Casa in der Calle Santo Tomás


Santiago wurde auf vielen Hügeln erbaut
Letzte Änderung: 02 Aug 2020 20:00 von Gu-ko.
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02 Aug 2020 19:55 #593017
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Santiago Sightseeing


Revolutionäres Santiago

Da ich mein Fahrrad erst morgen bekomme, habe ich einen Tag Zeit, durch Santiago zu streifen. Santiago ist eine lebhafte und auch eine hübsche Stadt. Ich verliere mich gerne in den schmalen, bisweilen steilen Sträßchen und Gassen der auf Hügeln gebauten Altstadt. Man kann stundenlang umherbummeln, historischen Gebäude und Kolonialhäuser bewundern und Musikkneipen besuchen, die die Straßen nach Sonnenuntergang mit den Rhythmen der Live-Bands erfüllen.

Mit den Motorradtaxis kommt man überall hin, und das schnell und für wenig Geld. Allerdings braucht man gute Nerven, wenn sie mit hoher Geschwindigkeit durch die löchrigen und verkehrsreichen Straßen brettern. Die engen Straßen der Innenstadt sind mehr oder weniger schachbrettartig angeordnet, die Kreuzungen unübersichtlich. Die Fahrer scheinen sich darauf zu verlassen, dass alle Verkehrsteilnehmer die Vorfahrtsregeln einhalten und rasen, ohne die Geschwindigkeit zu reduzieren, über nicht einsehbare Kreuzungen. Das ist manchmal gruselig.


Parque Cespedes - Kathedrale Nuestra Señora de la Asunción

Der zentrale Platz von Santiago ist der Parque Cespedes. An seiner Südseite steht die Kathedrale Nuestra Señora de la Asunción, an seiner Nordseite das Ayuntamiento (Rathaus), von dessen Balkon aus Fidel Castro einst den Sieg der kubanischen Revolution verkündete. Leider fegte Hurrican Sandy im Jahre 2012 fast alle Bäume des Parks weg, sodass man dort kaum noch ein schattiges Plätzchen findet.


Parque Cespedes - Ayuntamiento

Den besten Blick über den Parque Cespedes, und über weite Teile der Altstadt bis hinunter zum Hafen, hat man von der Dachterrasse des Hotels Casa Granda.

Ich lasse jetzt, ohne viel zu kommentieren, ein paar Fotos folgen, die auf meinen Streifzügen durch Santiago entstanden:


Santiago - Palacio Provincial


Santiago – Motorrad-Taxis


Santiago


Santiago


Santiago


Santiago


Kubaner sind leidenschaftliche Dominospieler


Santiago


Santiago


Enramadas – Die zentrale Einkaufsstraße Santiagos


Santiago
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Santiago – Ich bekomme mein Fahrrad


Santiago - Hafen

Am nächsten Tag bringen die kubanischen Angestellten von Profil-Cuba-Reisen mein Fahrrad in die Casa. Leider erst nachmittags, sodass der erste bezahlte Tag für meine Tour verloren ist.

Das Fahrrad ist technisch in Ordnung und macht den Eindruck, als würde es die geplante Strecke durchhalten. Ich mache gleich eine Testrunde, die Schaltung schaltet perfekt, die Bremsen tun auch was sie sollen. Lediglich die Reifen hätte ich mit etwas dicker gewünscht. Noch ein Kritikpunkt ist der Flaschenhalter, er ist zu klein für die kubanischen 1,5 Liter Wasserflaschen.

Im Eingangsbereich der Casa, zwischen Topfpflanzen und Schaukelstühlen, bereite ich das Fahrrad für meine Tour vor. Sattel- und Lenkertaschen, Werk- und Flickzeug habe ich aus Deutschland mitgebracht. Die Lenkertasche macht etwas Probleme, weil die Maße der Halterung nicht mit den Maßen des Lenkers übereinstimmen. Aber nach einigem hin- und her passt auch das.

Ich werde nur das Nötigste mitnehmen. Alles was ich nicht direkt für die Tour brauche, kann ich in der Casa zur Aufbewahrung zurücklassen.

La Abuela (die Oma) sitzt wie gewohnt in ihrem Schaukelstuhl neben der Eingangstür und beobachtet mein Tun. Natürlich will sie wissen, was ich vorhabe. Als ich ihr erzähle, dass ich alleine mit dem Fahrrad die Sierra Maestra umrunden will, sagt sie kopfschüttelnd:

„Ay, ay, madre mia, que cosa“. („Meine Güte, was für eine Sache“)

Dann schlurft sie in eines der hinteren Zimmer und kommt mit einem alten Hut zurück. Er erinnert an einen dieser Fischer- oder Anglerhüte, mit einer breiten Krempe ringsherum. Sie reicht mir den Hut mit den Worten:

„Pa‘que el sol no te queme“. („Damit dich die Sonne nicht verbrennt.“)

Und damit keine Missverständnisse aufkommen fügt sie noch hinzu:

„Prestado, no regalado“ („Nur geliehen, nicht geschenkt.“)

Der Hut ist alt, hässlich und fleckig, aber ich nehme ihn gerne. Ein Sonnenschutz für den Kopf fehlt mir tatsächlich noch.

Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht, dass dieser Hut für eine dramatische Wendung meiner Radtour verantwortlich sein wird.


Sanriago - Catedral Basílica de Nuestra Señora de la Asunción

Einen letzten Sundowner nehme ich auf der Dachterrasse des Hotels „Casa Granda“ ein. Der Blick über den Parque Cespedes bis zum Hafen ist immer wieder schön, vor allem abends, wenn das Licht der untergehenden Sonne den Himmel und die Stadt golden färbt. Während es langsam dunkel wird, kann ich einen ersten Blick auf die Ausläufer der Sierra Maestra werfen, die in der Ferne im Dunst versinken.

Morgen kann es losgehen. :)

Hasta Mañana.
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02 Aug 2020 22:16 #593025
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Hallo Guko,

ich bin begeistert. Du hast es tatsächlich geschafft, mit ein paar Fotos Santiago de Cuba und seine Bewohner treffend zu beschreiben. Die Menschen sind bitterarm, aber immer gerne bereit zu teilen, und ich bin mir sicher, dass, wenn du dein Fahrrad nicht in Eigenregie hättest für die Tour vorbereiten können, mindestens 10 Männer sich angeboten hätten zu helfen. Und mit allerlei Sammelsurium hätte man das auch sicher hinbekommen. Wir waren 4 Nächte in Santiago und keine Nacht vor 3.00 Uhr im Bett: zum einen wegen der fast unerträglichen Hitze, zum anderen wegen der Musikkneipen, in denen die wahnsinnigsten Rhythmen a la "Buena Vista Social Club" gespielt werden. In dieser Stadt wohnen überwiegend Farbige, die sich wirklich auf "anständige" Musik verstehen. Lebensfreude pur!
Ich bin schon gespannt auf die Fotos, wie du auf einem Fahrrad inmitten von alten Fahrzeugen und Ochsenkarren :whistle: über die Autobahn radelst. Sehr gewöhnungsbedürftig, aber ist nicht in Guantánamo Schluss mit der "Herrlichkeit" :unsure: ?

Ich freue mich auf die Fortsetzung!
Beate
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Letzte Änderung: 02 Aug 2020 22:17 von Old Women.
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