Freitag 14. Februar
Frühstücksfernsehen
Uwe wacht mit erhöhter Temperatur auf. Er fühlt sich entsprechend elend und verzichtet aufs Frühstück. Für mich gibt’s erst mal einen Kaffee der Marke „Glückseligkeit“ und einen Joghurt mit Früchten. Ich ziehe mir einen Stuhl in die Sonne und befreie ihn von einer kleinen Pfütze auf der Sitzfläche. Während ich es mir gut gehen lasse, kommen die Gnus wieder anmarschiert. Ich hab sie zwar nicht gezählt, kann also nicht sagen, ob eines womöglich doch nach Botswana geflogen ist. Aber ich höre ihr Schnauben und das Schlagen der Hufe auf dem Boden- und es sind viele.
Mr. Obermacker und sein Rivale haben wieder Clinch miteinander. Einer gibt Fersengeld, der andere jagt ihm hinterher. Wenn der Herausforderer so weitermacht, lebt er auch bald in einer einsamen Wohngemeinschaft mit einem Springbocki. Es sieht nicht danach aus, als wäre er dem Boss gewachsen, hat aber Glück, dass es wieder nur bei der Verfolgungsjagd bleibt.
Während ich Gnu-Kino schaue, nimmt Uwe eine Ibu und hofft, dass sie bald wirkt. Wir haben eine lange Fahrt vor uns, denn es geht heute über die Dünen nach Nossob.
Outfit des Grauens
Zeit zum Aufbruch:
Mich plagen seit drei Tagen nachts Krämpfe und ein schmerzhaftes Ziehen in den Beinen – da hilft leider auch Magnesium nichts. Ich vermute, es liegt am stundenlangen Sitzen im Auto. Deshalb werde ich heute auf der langen Fahrt meine Kompressionsstrümpfe anziehen. Beim Flug haben sie jedenfalls gute Dienste geleistet. Vielleicht hilfts.
Sehen darf mich mit meinem "Outfit des Grauens" allerdings niemand. Ich überlege ernsthaft, wie groß die Gefahr ist, dass Uwe bei meinem Anblick spontan erblindet. Hoffentlich brennt sich dieses Bild nicht tief in sein Gedächtnis ein; aber vielleicht habe ich ja Glück und er hält es später für einen wilden Fieberwahn.
Jedenfalls trage ich heute schicke kurze Hosen, kombiniert mit dicken schwarzen Kniestrümpfen und klobigen Wanderstiefeln.
Vorsichtshalber ziehe ich die Strümpfe erst im Auto an und bevor wir in Nossob ankommen, wieder aus. Nicht dass mich doch jemand sieht. Sonst bin ich am Ende noch diejenige, die von der Sittenpolizei zu einer Wohngemeinschaft mit dem aufmüpfigen Gnu gezwungen wird – die passenden schwarzen Füße hätte ich ja schon!
Revierwechsel
Während der Fahrt sehen wir keine Tiere, die wir nicht schon kennen – außer vier... ja, was eigentlich? Auf den ersten Blick denken wir, es seien Schakale. Aber die Körperform stimmt irgendwie nicht; sie fällt nach hinten ab und die Ohren sind eher rund als spitz. Ich tippe auf Bat-eared Foxes, die aber schneller im Gras untertauchen, als wir schauen können. Soooo schade! Über ein Foto hätte ich mich tierisch gefreut, vielleicht hätte es meine Vermutung ja bestätigt. Stattdessen gibt es aber ein schönes Landschaftsfoto. Solche Strecken begeistern mich doch immer wieder.
Das Vogel-Veto und die Spielzeughupe
An einem Wasserloch steht ein Fahrzeug. Bei uns: Sofort Halbacht-Stellung und aktivierter Rundumblick. Was gibt es da zu sehen? Am Boden und in wahrnehmbarer Entfernung erst mal nichts. Dann entdecken wir den Tele-Rüssel, der aus dem Fenster hängt, mit fokussiertem Blick in den nächsten Baum. Ahh, das sind Flattervieh- Stalker. Alles klar.
Da wir beim besten Willen nichts als Blätter erkennen können, würden wir gerne diskret vorbeiziehen. Aber die Fahrerin parkt so breit auf der Pad, dass wir weder links noch rechts ohne Blechkontakt vorbeikommen. Wir halten also geduldig hinter ihr an, um den heiligen Moment nicht zu stören. Doch die Dame bemerkt uns in ihrem opiumartigen Vogelrausch überhaupt nicht.
Plötzlich leuchten die Rückfahrlichter auf und sie gibt Gas! Im Rückwärtsgang steuert sie zielsicher auf unsere Motorhaube zu. Nur ein beherzter Schlag auf die Hupe rettet uns vor einer unfreiwilligen Kontaktaufnahme. Zum Glück findet sie so den Weg in die Realität zurück.
Eigentlich ein Wunder, denn wir hören selbst zum ersten Mal unsere Hupe, und sie klingt kläglich wie ein Kinderspielzeug. Nachdem der erste Schreck verflogen ist, wird dieses „Hübchen“ sofort zu unserem Running-Witz des Tages.
Dem Vogel hat unser kurzes Signal allerdings schon gereicht – er verabschiedet sich schneller, als sein Voyeur den Auslöser drücken kann. Tja, nun müssen wir auch nicht länger stehen bleiben. Beim Zurücksetzen wurde das Fahrzeug ein wenig zur Seite bewegt, so dass wir nun ohne Kuschelkurs daran vorbeikommen.
Wir rollen langsam an ihrem geöffneten Fenster vorbei und blicken in ein Gesicht, das uns augenblicklich in frisches Hyänenfutter verwandeln möchte. Wenn Blicke töten könnten, wäre die Fahrt für uns hier beendet.
Wie können wir es auch wagen, diesen heiligen Moment zu stören und ihren Vogel zu verscheuchen? Nur wegen eines möglicherweise winzigen Blechschadens am Fahrzeug... Ist doch nicht mal unser eigenes – wen hätte das also schon gejuckt?
Rushhour am Bohrloch 13
Wir lassen die pantomimische Drama-Queen hinter uns und erreichen Bohrloch 13. Hier herrscht Rushhour! Eine beachtliche Gnu-Herde hat sich zum kollektiven Umtrunk versammelt. Wir stehen nah dran und beobachten die tiefenentspannten Tiere, wie sie trinken und sich ihre Köpfe im Wasser spiegeln. Ein toller Moment!
Rumpelstilzchen schafft das schon
Doch die Stars des Tages sind die Strauße. Zuerst eine Großfamilie mit winzigen Flauschbällen auf Stelzen – ein echter Kindergarten, bei dem zum Glück auch der Papa bei der Erziehung mithilft. Später sehen wir ein Vater-Sohn-Gespann: Der Junior: halbwüchsig, voll im Teenie-Alter nach dem Motto: „Lass mich, ich bin selber groß!“
Aber das Highlight wartet auf der Dünenquerung nach Nossob. Mama, Papa und sieben Federlinge marschieren auf der Pad. Die Küken müssen ordentlich rennen um nicht abgehängt zu werden. Meine Güte sieht das herzig aus, wie sie da im Galopp versuchen mitzuhalten. Die Eltern biegen schließlich ab ins Gras. Die Küken interessiert das nicht. Die watscheln fröhlich vor uns her, während wir im Standgas hinterher rollen. Irgendwann wagt das erste den Aufstieg über den Sandwall am Straßenrand und die anderen wie Profi-Athleten hinter ihm her. Eines der Kleinen humpelt. Es hat sichtlich Mühe mitzuhalten. Während die Geschwister null Komma nix das schützende Gras erreichen, bildet der Wall für unser Rumpelstilzchen den reinsten Mount Everest. Es stolpert, fällt hin, rudert mit den Flügeln und schaufelt sich mit den Füßen über den Gipfel. Geschafft! Jetzt kommt es auch wieder auf die Beine.
Während ich diesen „Kampf“ mit ansehe, läuft ihm mein Herz mit einem Rollstuhl und Trost-Pflaster hinterher.
Ein zutiefst bewegender Moment – ein echter kleiner Kämpfer!
Unsere gute Fee ist heute Morgen sichtlich bemüht, uns wieder milde zu stimmen. Scheinbar hat sie den Rausch von Konnis ‚Sichtungswilli‘ endgültig ausgeschlafen und konzentriert sich wieder voll auf ihre Kernaufgaben.
Nur für uns setzt sie ein paar majestätische Oryxe in die malerische Landschaft – direkt wie für eine Postkarte arrangiert. Und als kleinen Bonus gibt es eine Gruppe Red Hartebeeste obendrauf Die haben doch nach dem Sonnenbad glatt vergessen, ihre Badebuxen wieder anzuziehen.
Keinen Bock
Zwischen Vaalplan und Morevet läuft uns ein Steinböckchen über den Weg. Erstaunlicherweise verzichtet der Kleine auf die übliche panische Flucht, entscheidet sich aber für die sofortige Tarnung im hohen Gras. Er appelliert offenbar lautstark an sein Recht am eigenen Bild und verweigert uns konsequent die Genehmigung zur visuellen Dokumentation dieser Sichtung. Ohne unterschriebene Einverständniserklärung läuft hier gar nichts – das Böckchen bleibt bockig und das Foto reiner Wunschgedanke.
Wasserlochidylle
Auch während der Dünenquerung zeigen sich einige Oryxe am Wasserloch. Insgesamt bleibt die Ausbeute dieser Fahrt allerdings überschaubar – wir sind eben außerhalb der tierischen ‚Kernarbeitszeit‘ unterwegs. Wobei wir ja inzwischen wissen, dass die Tierwelt hier eh aufs Verhaltensprotokoll pfeift.
Privatsphäre – Bitte nicht stören
Die restliche Strecke nach Nossob entpuppt sich als massive Mauer. Der üppige Pflanzenwuchs sorgt für blickdichte Privatatmosphäre im Flussbett. Um diese absolute Diskretion zu gewährleisten, liegt die Pad auch noch einen halben Meter zu tief.
Unsere Sichtungschancen dürften hier bei null liegen, sofern sich nicht ein Tier mit Suizidabsichten direkt vor unsere Kühlerhaube wirft. Diese Erkenntnis deprimiert mich zutiefst, so dass ich mich direkt von meinen Hoffnungen verabschiede, hier im Nossobtal eine anständige Löwen – Leo oder Hyänensichtung zu erleben. Dabei hatte ich hier die höchsten Erwartungen an die Raubtierwelt. Sollte ich eine Hyäne Gaggern hören, steht sie vermutlich direkt neben uns im Gras und lacht uns aus.
Mal ein freier Blick dazwischen
Begrüßungsperformance im Geäst
Wir rollen auf den Parkplatz; Uwe füttert direkt unser Autochen, während ich uns im Shop ein Luxus-Eis organisiere. Da wir eine Stunde zu früh für den Check-in sind, setzen wir uns in den Schatten unter einen Baum.
Dort erschleicht sich sofort ein Rotbauchvogel meine volle Aufmerksamkeit – so einen habe ich noch nie gesehen. Wir beobachten ihn gespannt, doch der Gute hat ordentlich Hummeln im Hintern. Er turnt so ruhelos und flink im Geäst herum, dass mir beim Versuch, ihn im Blick zu behalten, schon fast die Augen flattern. Eine echte Hochgeschwindigkeits-Begrüßung, während wir gegen den Drehwurm ankämpfen.
Luxus-Bude
Uwe fühlt sich nach wie vor nicht sonderlich gut. In seinem unerschütterlichen Optimismus denkt er, dass er nach einer ordentlichen Siesta wieder Bäume ausreißen kann. Ich kann ihn aber davon überzeugen, dass es besser für ihn ist, heut nicht mehr selbst am Steuer zu sitzen. Wir buchen also beim Check-in einen Night Drive – so kann er sich wenigstens entspannt zurücklehnen ohne Verantwortung zu tragen.
Im Shop bestellen wir Brot und ich entdecke eher zufällig ein paar Eier. Planänderung: Statt Fleisch gibt es heute ganz bodenständig Bratkartoffeln mit Spiegelei und Salat. Praktisch, lecker und für Uwes Frühstück bleibt sogar noch ein „Glücks-Ei-chen“ übrig. Passt.
Dann beziehen wir unser River View Chalet. Und was soll ich sagen? Wow! Im Vergleich zu unseren bisherigen KTP-Unterkünften ist das hier der pure Luxus. Alles wirkt unerwartet modern und gepflegt, die Küche ist top ausgestattet, es gibt einen hübschen Wohnbereich und die Terrasse ist riesig. Der Ausblick umwerfend!
Während Uwe sofort tief in die Federn sinkt, koche ich mir ein Käffchen und mache es mir auf der Terrasse gemütlich. Dieser Ausblick ist fantastisch – mehr brauche ich gerade nicht zum Glücklichsein. Wäre da nicht die Sorge um Uwe; dieses Fieber ohne Erkältungssymptome kann ich einfach nicht einordnen.
Beim Abendessen hängt er dann wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Die Vernunft siegt: Wir stornieren den Drive – was glücklicherweise noch akzeptiert wird. Uwe ist sichtlich erleichtert, sich wieder aufs Ohr hauen zu können. Nach dem Abwasch wandere ich zurück auf meinen privaten Logenplatz.
Der Himmel zieht sich zu, ein kurzer Regenschauer fegt vorbei und dann zucken Blitze durch die Wolken. Eine traumhafte Himmelsstimmung! Zwar völlig tierfrei, aber wunderschön anzusehen. Erst als es fast dunkel ist, schaut ein junger Schakal zum Gute-Nacht-Sagen vorbei.
Light - Show
sorry für die vielen Bilder, aber die Farben begeistern mich einfach
Schließlich zieht es auch mich in die Heia. Bevor ich die Matratze unter mir spüre, öffne ich die Vorhänge. Das Gewitter hat sich in die Ferne verzogen und erleuchtet dort noch im Sekundentakt den Nachthimmel. Hier bei uns haben sich die Wolken inzwischen gelichtet: Abermillionen helle, riesige Sterne funkeln über mir. Ein atemberaubender Anblick, den ich versuche, so lange wie möglich zu genießen und die Augen offen zu halten. Das laute „Schnarchen“ der Klimaanlage hilft mir anfangs dabei, doch auch ihre akustische Atemfrequenz entfernt sich immer weiter, bis meine Rollos endgültig runterklappen.
Mein „Outfit des Schreckens“ hat sich übrigens gelohnt – ich schlafe seit Nächten endlich wieder schmerzfrei. Im Halbschlaf höre ich noch fernes Hyänengemecker und das vertraute Bellen und Jaulen der nächtlichen Krawallos, die es wohl überall gibt. Aber vielleicht träume ich es auch nur ...