Klärungsbedarf im Gnu-Revier
Während mich der Kaffee auf Betriebstemperatur bringt, bevölkert eine Herde Gnus das Flussbett. Wie so oft haben sie eine Alarmanlage der Firma Springbocki im Schlepptau. Sie sind wohl auch auf dem Weg zum Hallo-Wach-Brunnen.
Plötzlich gibt es Action im Feld: Herr Obermacker jagt einen Aufmüpfigen mit wehender Staubfahne über den Acker. Sie drehen mehrere Runden, bis beide erschöpft wirken. Einen Kampf liefern sie sich nicht – es bleibt bei der Verfolgungsjagd. Die scheint den nötigen Respekt zu wecken. Mr. „Ich geb mich geschlagen“ bleibt schließlich eine Weile in demütiger Haltung als Randerscheinung im Abseits stehen, bis er sich vorsichtig und ungestraft wieder der Herde nähern darf.
Wenn der mal nicht versucht hat, seine Gene in die Erbfolge zu schmuggeln!
Liebe oder Lieferservice?
Während wir noch über den Gnu-Zoff schmunzeln, geht das Frühstücksfernsehen direkt auf der Mauer neben unserem Grill in die nächste Runde. Zwei Glanzstare landen dort und werfen mit ihrem Verhalten Fragen auf. Einer der beiden hebt ab, kommt kurz darauf mit Beute zurück und füttert den anderen ganz hingebungsvoll.
Was ist das denn bitte? Hat einer eine Sehschwäche und findet das Buffet nicht? Oder haben wir es hier mit einem ‚Riesenbaby‘ im glänzenden Erwachsenenkostüm zu tun, das das Hotel Mama noch nicht verlassen will? Wir tippen auf Brautwerbung – Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Aber die Prüfung zum Vogelexperten hab ich vermasselt, also ist meine Vermutung nicht allzu viel wert.
Krimi -Sender tutti kaputti?
Nach dem Abwasch lässt sich das Thermometer nicht ausbremsen und steigt angriffslustig auf 38 Grad. Kaum zu glauben, wie ich heute Morgen gefroren habe – jetzt zerlaufe ich wie Schokolade in der Sonne.
Wir sind müde und versuchen es mit einem Mittagsschlaf, aber keine Chance: Im Zelt bleibt uns schlicht die Luft weg. Ich greife zur transportablen Klimaanlage alias nasses Handtuch und setze mich raus. Der Wind bläst mir wie ein riesiger Föhn heiße Luft um die Ohren. Ach, da mache ich mir doch erst mal ein Käffchen (Hitze mit Hitze bekämpfen hat doch einen homöopathischen Ansatz, oder nicht?).
Es ist Zeit zum Aufbruch. Mein Kopfkino ist auf Blockbuster eingestellt: Ich hoffe auf Hyänen-Action, auf Staub, Zähnefletschen und echte Krimiszenen. Der KTP muss doch mal abliefern!
Die Realität? Ein Squirrel mit massivem Übergewicht (oder Braten in der Röhre) lässt sich nicht bei seiner Umfangsvermehrung stören.
Unterwegs entdecken wir noch zwei Bienenfresser, die dekorativ im Gebüsch hocken. Die freuen mich ganz besonders. Ich finde, es sind wunderschöne Vögel.
Sagen wir mal so: Um daraus einen Bestseller-Krimi zu stricken, müsste ich schon zaubern können. Die dramaturgische Messlatte für heute liegt also noch ziemlich stabil am Boden.
Blockbuster: Nop – Liebesschnulze: Yepp
Und dann: Zwar kein Blockbuster, aber vielleicht eine Liebesschnulze?
Zwei Giraffen, die für uns hier im KTP durchaus relativen Seltenheitswert haben und deshalb zum Hingucker werden. Sie stehen am Wasserloch. Der Größenunterschied lässt mich vermuten, dass es ein Fräulein mit ihrem Lover Boy ist. Ladys first: Sie geht in die Grätsche und senkt im Zeitlupentempo den Kopf, um zu trinken – oder um ihr hübsches Spiegelbild zu betrachten. Hinter ihr steht ihr Begleiter wie ein Bodyguard Schmiere. Aufmerksam scannt er die Umgebung. Dann Schichtwechsel: Sie tritt zurück, er rückt vor, und während sie jetzt ihm Rückendeckung gibt, gönnt er sich auch einen Schluck Wasser. Tolle Beobachtung! Dieses Verhalten haben wir vorher noch nie gesehen. Teamwork im afrikanischen Busch.
Dann wieder gähnende Leere. Ich konzentriere mich auf die Landschaft.
Uwe muss mal stoppen, weil ich etwas fotografieren möchte, und da entdecke ich fast nur nebenbei, wie eine braune Manguste auf der Bildfläche erscheint – auch eine Erstsichtung, zumindest ohne Fernglas.
Vielleicht ist es mein Selbst-Tröster-Modus, aber ich stelle fest, dass wir schon einige Tiere zum ersten Mal gesehen haben, und das freut mich jetzt doch.
Kurz vor Schluss spendet uns der KTP sogar noch eine weitere Besonderheit, wenn auch nur für ein paar Sekunden und viel zu kurz für ein Foto: Während wir die Pad entlangrollen, sehe ich seitlich eine Bewegung und erkenne eine kleine Wildkatze. Ich rufe: „Stopp!“ Uwe steigt in die Eisen und fährt ein Stück zurück. Die Katze ist leider nicht nur wild, sondern auch extrem scheu. Unser Rückwärtsgang passt ihr gar nicht. Sie dreht sofort um und sprintet zurück ins schützende Gebüsch. Seeeehr schade!
Klar, mit Zähnefletschen und Blockbuster war es heute nix, aber „nix“ war es auch nicht. Wollen wir mal dankbar sein: Erstsichtung Bienenfresser, Erstsichtung Wildkatze, Erstsichtung Türsteher-Giraffen... kein Krimi, aber fürs Tagebuch reicht es doch.
Wir kommen gerade noch pünktlich zurück ins Camp. Auf Grillen haben wir heute keine Lust. Wir rösten uns Knoblauchbrot und essen Salat dazu.
Abendstimmung und mindestens 10 wohlgenährte Geckos beim Abendmahl.
Die Hitze des Tages drückt sich mit Gewalt in unser Zelt und sorgt dafür, dass wir sämtliche Kalorien des Tages aus allen Poren schwitzen.
Draußen ziehen wieder Gewitter auf. Auch der Wind demonstriert wieder seine Muckis. Ja, er schafft es, mich zu beeindrucken – ich finde ihn tatsächlich schon fast beängstigend. Die Ranger müssen Nachtschicht schieben und die Wildtiere mit einem Hering am Boden verankern, sonst wachen sie morgen in Botswana auf.
Ein spektakuläres Feuerwerk über die ganze Breite des Dünenkamms wird uns geboten, hell genug, um einen ganzen Flughafen auszuleuchten. Aber kein Grollen, kein Grummeln – der Donner hat heute Nacht seine Stimme verloren. Was bin ich dankbar, nicht in einem Dachzelt schlafen zu müssen! Und jetzt öffnet der Himmel alle Schleusen.
Irgendwann hat sich das Wetter ausgetobt, und ich finde endlich Schlaf – allerdings mit kurzem Haltbarkeitsdatum. Die Kalahari-Krawallbrüder sind zurück. Was auch immer gestern geklärt wurde: Es war nicht von langer Dauer. Ich höre eindeutig Bellen und Jaulen. Das geht ein paar Minuten und Zack - Ruhe im Pott. Die Meute zieht weiter. Zu gern würde ich die Szene dazu sehen. Aber die stockfinstere Nacht erlaubt keinen Blick auf das Spektakel.
Ich döse wieder weg. Der Wind scheint allerdings einen Umweg über den Nordpol gemacht zu haben, denn es kühlt brutal ab. Ich liege im Bett und mache eine mentale Inventur meines Koffers. Aber die fünf Meter bis zum Gepäck gleichen einer Gletscherwanderung – und zwar barfuß. Mein Entschluss steht: Ich erfriere lieber im Bett als heldenhaft auf dem Weg zum Koffer.
Na dann - vielleicht bis Morgen