Während wir uns einrichten und den Blick übers Tal genießen, zieht ein Gewitter auf – allerdings sehr schüchtern. Es kühlt die Hitze dennoch runter auf angenehme 28 Grad.
Egal wie groß die Enttäuschung bei einem Drive ist, oder der Frust – vor jedem Neuen steigt der Adrenalinspiegel und die Hoffnung, dass wir doch noch die Sichtung des Jahrhunderts machen könnten. Ich glaube, so fühlen sich Lottospieler vor jeder neuen Ziehung.
Jetzt wo sich die Luft so spürbar abgekühlt hat, können wir den Gedanken nicht abwehren, dass die durstigen Löwen vielleicht früher aufstehen und sich eine Bar suchen.
Glücksfee serviert Or-döwre
Uwe dreht den Zündschlüssel, wir rollen in Schrittgeschwindigkeit an den Zelten vorbei. Da kommt uns John entgegen, der Camp-Attendant. Er fuchtelt wild mit den Armen. Wir stoppen die Kiste und hören: Nur einen Kilometer weiter Richtung Mata Mata soll ein Löwe unterwegs sein. Na, da schießt der Puls doch gleich in den roten Bereich! Wir malen uns schon aus, wie uns der stolze König der Kalahari majestätisch entgegenläuft.
Schnell ist der Kilometer gefressen und tatsächlich: Da ist er – allerdings nicht unterwegs, sondern im Pausenmodus – er hat es sich unter einem mickrigen Bäumchen gemütlich gemacht. Dieses spendet vermutlich so viel Schatten wie ein Zahnstocher. Ein bescheidener King.
Wir reihen uns als drittes Fahrzeug in die Warteschlange vor seiner Nase ein. Nach ein paar Minuten räumt der Erste das Feld, wir rücken auf und haben die Pole-Position. Aber der feine Herr hat heute wohl seinen faulen Tag. Er hebt maximal alle fünf Minuten zur Bestandsaufnahme seines Publikums den Kopf.
Nach einer Viertelstunde im ereignislosen Löwen-Kino geben wir unseren Platz für die Nachzügler frei – Glücksfee, ein bisschen mehr Action hätte es schon sein dürfen. Diese Sichtung ist ja selbst für ein
Or-döwre ein bisschen mickrig (oder wie auch immer man dieses Wort für eine homöopathische Vorspeisen-Portion schreibt.)
Wilderness mit allem Drum und daran
Wir klappern ein Bohrloch nach dem anderen ab: einsame Oryxe, Gnus, Strauße, Springbockis, Schakal
Das Standardprogramm. Ab und zu flattert mal ein Vogel vorbei, aber ganz ehrlich: Vogelfotografie ist eine Disziplin für Leute, die mehr Geduld haben als wir und die anstelle eines Handys schweres Geschütz auffahren können.
Ansonsten? Gähnende Leere. Sind wir hier tatsächlich in einem Nationalpark oder in einem Zoo, in dem die Tiere nur stundenweise Auslauf bekommen und ansonsten hinter Gittern leben?
Zurück im Camp wird es kulinarisch-abenteuerlich. Während ich nach dem Essen den Abwasch erledige, fällt mein Blick auf das Regal über der Arbeitsplatte. Und was entdecke ich? Ein exklusiv eingerichtetes Mäuse-Klo! Na, Mahlzeit. Wildlife in der Küche anstatt draußen auf dem Feld. Wir fackeln nicht lange: Alles, was essbar ist, wandert in Töpfe, Deckel drauf und ab ins Schlafgemach. Die Ameisen-Armee vom Vormittag war ja noch zu wuppen. Aber bei Mäuse-Pub im Mehl hört die Freundschaft zum lieben Tier auf.
Kann ich meine Glücksfee umtauschen?
Draußen wird es derweil gemütlich. Ein lauschiger Wind weht uns um die Nase, während wir vor der Rest-Glut unseres Grills hocken. Am Horizont braut sich ein Gewitter zusammen – Blitze zucken in der Ferne und schneiden sich horizontal wie Laserstrahlen durch die Wolkendecke. Im Sekundentakt verändert der Himmel seine Farben.
Die Nacht bricht an und verschluckt das letzte bisschen Tageslicht. Aber immer wieder findet der Mond eine Lücke zwischen den Wolken und sorgt für eine beeindruckende Mystik. Sein Nachtlicht hat durchaus Power.
Plötzlich zischt Uwe: „Schau mal, da am Wasserloch!“ Mit bloßem Auge erkenne ich nur einen grauen Fleck, der sich bewegt. Ich reiße das Fernglas hoch – und es fällt mir beinahe aus der Hand. Das darf nicht wahr sein – das glaub ich jetzt nicht: Ein Leo!!! Er wendet sich gerade vom Wasserloch ab und macht sich auf den Weg ins Gehölz. Ich täusche mich nicht: Das ist wirklich einer! Ich könnte heulen, aber nicht vor Glück.
Einmal einen Leo ohne Fernglas gut erkennen zu können, steht ganz oben auf meiner Wunschliste.
Und was bekomme ich jetzt?
Der Heilige Gral der Safari wird mir als Schattenspiel im Abgang serviert. Ehrlich jetzt? Nach dem mickrigen
Or-döwre von heute Nachmittag hätte ich mich über einen ordentlichen Hauptgang schon gefreut.
Aber nein, die Glücksfee mag heut nicht, dafür serviert sie eine Rechnung für grottenschlechten Service. Ich steh hungrig vom Tisch auf. Danke liebe Fee, danke für nichts! Kann ich dich umtauschen?
Liebe Leserschaft: „Wenn ihr jetzt tröstende Worte für mich habt, so nach dem Motto: ‚Der KTP ist nun mal kein Zoo! Da kann man nicht jeden Tag volles Programm erwarten. Vieles ist auch mit dem Glück verbunden, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein‘ – dann will ich’s nicht hören. Ich bin maximal frustriert und will jetzt einfach nur jammern und meine Wunden lecken. Ein bisschen Mitleid wäre schon okay – aber bitte das von der stillen Sorte.
Licht aus und Schotten dicht
Mir reicht’s – Licht aus! Ich geh jetzt ins Bett. Das Wasserloch ist sowieso grottenschlecht beleuchtet; die Funzel ist es nicht mal wert, Funzel genannt zu werden. Es lohnt sich also nicht, auf Halbacht-Stellung zu schlafen, nur um ja nichts zu verpassen. Heute Nacht will ich ins Koma fallen.
Aber die Geräuschkulisse ist beachtlich. Draußen stürmt es mittlerweile so stark, dass ich mich frage, wie die Tiere da noch Bodenhaftung behalten, ohne per Aerodynamik direkt in der Speisekammer eines Leos zu landen. Während der Wind heftig am Zelt reißt, setzt auch noch Regen ein. Irgendwann finden wir dann doch die Tür zum Land der Träume.
Die tierische Wohngemeinschaft
Trotz des Wetters höre ich immer wieder ein leises Trippeln – eine Hausmaus ist zu Gast. Kein Wunder, dass sie bei dem Sturm Obdach sucht. Unsere Lebensmittel lagern zum Glück im Hochsicherheitstrakt diverser Töpfe; an den Klamotten macht sie sich hoffentlich nicht zu schaffen. Soll sie es sich ruhig unter dem Gästefußboden gemütlich machen.
Auch Uwe hört in der Nacht ein leises Wusch-Wusch oder Plopp und Kratzen im Gebälk. Er kontrolliert die Lage und entdeckt eine Fledermaus. Na gut, auch die darf bleiben. Da ich von unzähligen Mückenstichen mittlerweile aussehe wie ein Streuselkuchen, soll sie sich heute Nacht ruhig richtig satt fressen – wir zwei könnten beste Freunde werden. Ob ich sie mitnehmen kann?
Krawallbrüder im Busch
Im Morgengrauen gibt es draußen richtig Zoff. Löffelhunde? Schakale? Hyänen? Keine Ahnung, welche Krawallbrüder sich da gerade nicht leiden können, aber sie sorgen dafür, dass ich aufwache. Der Streit dauert vielleicht fünf Minuten, dann ist Ruhe und ich schlafe wieder ein – bis es noch einmal losgeht. Es ist so aufregend und spannend; ich wüsste zu gern, wer sich da draußen Respekt verschafft. Aber es bleibt das Geheimnis der Nacht.