THEMA: Reisebericht: Drei Wochen Äthiopien mit dem Rotel
20 Jan 2020 17:49 #577908
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Danach geht die Fahrt weiter nach Norden. Wir kommen jetzt ins Hochland auf 2.800 Meter. Wieder gibt es Regenschauer.



Unsere Reiseleiterin ist seit 13 Jahren in Äthiopien zu dieser Jahreszeit unterwegs und hat noch NIE Regen erlebt. Langsam machen sie und der Fahrer sich Sorgen. Wenn es weiter regnet, bekommen wir im Norden Probleme. Eine Tagesetappe führt uns auf einer nicht asphaltierten Piste nach Mekele. Bei Regen ist die Strecke nicht zu fahren.
Hoffen wir also auf ein Ende des Regens. Auch die Bauern können diesen gerade gar nicht brauchen. Überall läuft die Teff-Ernte. Dazu ist trockenes Wetter notwendig.
Um den langen Fahrtag etwas zu verkürzen, erzählt uns unsere Reiseleiterin unter anderem eine schöne Legende aus Äthiopien: Die orthodoxen Äthiopier glauben, zur Geburt kommt ein Engel zu jedem Baby und erzählt ihm alles über das Leben. Das Baby schreie in dem Moment zum ersten Mal, wo der Engel ihm vom Sterben berichtet.
Hier im Hochland nördlich von Addis Abeba sehen wir viele neu gebaute chinesische Fabriken. Alle meterhoch eingezäunt. Die Chinesen sind in Äthiopien überall präsent.
Sie bauen viele Straßen. Aber leider nicht besonders gut. Einfache Teerdecke auf Schotter. Fertig. Geht schnell, ist aber spätestens nach 10 Jahren komplett kaputt und nicht mehr befahrbar. Die Äthiopier haben einen eigenen, spöttischen Namen dafür: Ghiro Road. (Ghiro = Kichererbenbrei).
Auch die neue Hochbahn in Addis Abeba stammt von den Chinesen. Dafür erhalten Sie aber auch alle Einnahmen aus den Fahrkartenverkauf.
Auch sehen wir viele oft rote LKWs „Made in China“ auf Äthiopiens Straßen. Die Äthiopier nennen diese LKWs „Roter Terror“.



Denn die Bauart ist veraltet. Die LKWs sind noch mit uralter Plattenfedern-Technik ausgestattet.



Was für eine sehr schlechte Kurvenlage sorgt. Zusammen mit der mangelhaften bis gar nicht vorhandenen Fahrausbildung der äthiopischen Fahrer und der verbreiteten Neigung, die LKW hoffnungslos zu überladen, sorgt dies für viele verheerende LKW-Unfälle. Wir kommen auf unserer Reise täglich an solchen Unfällen vorbei. Teilweise schaut es aus wie im Krieg.
Die Dörfer der hier ansässigen Amharen und Oromo (hier sind auch die Oromo meist christlich) liegen alle auf Anhöhen und sind durch Mauern mit Toren als Durchlass eingefasst. Richtige Wehrdörfer also.



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20 Jan 2020 18:44 #577913
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Am späten Nachmittag erreichen wir Debre Berhan. Nachdem die bis 1974 in Äthiopien herrschende salomonische Dynastie (die sich auf die alten axumitische Könige berief) im Jahr 1270 der Zwage-Dynastie (Lalibela) die Macht entrissen hatte, wurde Debre Berhan unter dem neuen König Yakunno Amlak (1270-85) zur ersten Hauptstadt dieser Herrscherlinie. Die nächsten 300 Jahre bevorzugten es die salomonischen Herrschen dann allerdings, keine feste Residenzstadt zu haben, sondern wie unsere mittelalterlichen Kaiser von Pfalz zu Pfalz zu ziehen. Ein riesiger Hofstaat zog mit und so wurden die Regierungsgeschäfte jeweils direkt vor Ort erledigt. Erst Kaiser Fasilidas (1632-1667) baute dann in Gondar eine neue, ständige Hauptstadt. Aber dazu jeweils mehr, wenn wir auf unserer weiteren Reise Lalibela, Axum und Gondar erreichen werden.

Am Stadtrand kommen wir auch an den hier ansässigen Brauereien Habesha und Dashen vorbei.
Beim Hotel Getva direkt an der Hauptstraße bauen wir auf. Das Hotel gehört der bekannten Läuferin Gete Wami. Sie war Weltmeisterin und zweifache Medaillengewinnerin bei Olympia. Von ihren Preisgeldern hat sie das Hotel für ihre Familie gebaut.
Da wir etwas Zeit haben und heute ja ein kirchlicher Feiertag ist, laufen wir noch ein Stück durch die Stadt zu Kirche des Lichts Debre Birhan Selassie. Laut der Überlieferung soll der Kaiser Zara Yaqob an der Stelle ein übernatürliches Licht gesehen haben und daraufhin den Bau der Kirche angeordnet haben. Historiker vermuten, das dies 1456 stattfand und der Kaiser den Hally´schen Kometen gesehen hat.
Auf dem Weg dorthin sehen wir bereits viele Menschen in weißen Festtagsgewändern (Netala). Vor dem Gelände der Kirche halten wir wieder einen Moment. Wir sehen, das die Frauen rechts durch ein Tor auf das Gelände gehen, Männer links. Wir machen es genauso. Niemand hindert uns. Ich laufe bis vor zur Kirche. Hier sind Stühle aufgestellt. Viele junge Männer sitzen hier und beobachten mich etwas skeptisch, wie mir scheint. Nach einiger Zeit kommt ein alter Würdenträger aus einer Seitentür der Kirche und läuft quer über den Platz nahe an mir vorbei. Ich grüße ihn mit erhobener Hand und „Salam“. Er spricht mich sofort auf englisch an, fragt wie es mir geht. Ich frage ihn, ob es in Ordnung ist, wenn ich hier stehe. Er bejaht dies. Natürlich, gar kein Problem. Ich zeige auf meine Kamera, ob ich ein Foto der Kirche machen dürfe. Aber ja, meint er, ich könne sehr gerne hier fotografieren. Er verabschiedet sich von mir und geht weiter. Da die jungen Männer alle gesehen haben, wie der Würdenträger mit mir gesprochen hat und meine Anwesenheit legitimiert hat, beobachten sie mich jetzt auch nicht mehr. Jedenfalls kommt es mir so vor. Ich mache dezent 1-2 Fotos der Kirche, um die Andacht der Gläubigen , die zumeist im gartenartigen Kirchengelände hinter mir stehen, nicht zu stören.



Ich laufe ein Stück weiter, treffe dort meine Frau, welche die Kirche umrundet hat und möchte aus dieser Position noch ein Foto machen. Sofort ist ein ungepflegter Mann mit fanatischem Blick, (der kein Festtagsgewand trägt), zur Stelle und bedeutet mir, keine Fotos zu machen.
Ich lasse es. Mit solchen Menschen kann man nicht reden. Später erzählt mir meine Frau, das dieser wohl selbsternannter „Religionswächter“ ihr bereits argwöhnisch um die gesamte Kirche gefolgt ist.
Innerhalb kürzester Zeit erlebe ich hier also die die beiden Extreme des Glaubens:
Zum einen die menschenfreundliche Toleranz, ja Nächstenliebe des alten Würdenträgers, der Verständnis und Nachsicht mit mir neugierigen Touristen hat. Und dann die extreme Intoleranz des selbsternannten Religionswächters.
Wir laufen zügig zurück, da erneut dunkle Wolken aufziehen. Es regnet wieder die ganze Nacht.

Was wir während der Reise noch nicht ahnen: Es handelt sich bei den ungewöhnlichen Regenfällen möglicherweise um die ersten Vorboten eines besonders starken "Indischen Ozean Dipol", das Gegenstück zum El Nino im Pazifik.
Diese Wetteranomalie sorgt durch ungewöhnlich kaltes Wasser vor Australien für eine langanhaltende Trockenheit, was dort zu den starken Bränden geführt hat.
Vor Ostafrika dagegen führt ungewöhnlich warmes Wasser zu verstärkten Regenfällen - und diese Regenfälle haben dort mittlerweile eine riesige Heuschreckenplage in Äthiopien, Somalia, Tansania, Uganda ausgelöst. Die sich leider nach verstärken könnte, wenn dort im März die regulären Regenfälle beginnen. :(
Die Menschen dort treffen diese durch den Klimawandel verstärkten natürlichen Phänomene mal wieder besonders hart. :(

Indischer Ozean Dipol:
www.dwd.de/DE/wetter...tages/2020/1/13.html

Heuschreckenplage in Ostafrika:
www.msn.com/de-de/na...2ULf?ocid=spartanntp
www.sueddeutsche.de/...020-afrika-1.4784106
Letzte Änderung: 17 Feb 2020 18:19 von CrocV.
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20 Jan 2020 19:01 #577918
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3.11.2019 Durchs äthiopische Hochland
Nach dem Frühstück habe ich am Hotel eine kurze Unterhaltung mit einem äthiopischen Mitarbeiter der deutschen Botschaft, der in Leipzig studiert hat: Ja, die Lage in Harar ist immer noch problematisch. Mehr wisse er aber auch nicht.
Wir fahren weiter auf der A2 nach Norden. Es beginnt wieder zu regnen.



Über Serpentinen geht es hoch auf über 3.100 Meter in Richtung Tarmaber Pass und dann durch einen 1938 durch die Italiener während der Besatzungszeit erbauten Tunnel in Richtung Debre Sina. Direkt hinter dem Tunnel sehen wir einige Dschelada (Blutbrustpaviane) am Straßenrand sitzen.



Blicke kurz hinter der Passhöhe ins Land:







In der Umgebung von Debre Sina lebt das Volk der Argobba. Muslime, die der Überlieferung nach von arabischen Einwanderern aus dem Stamm des Propheten Mohammed abstammen, die den Islam nach Äthiopien brachten. Tatsächlich gibt es historische Quellen, die belegen, das Mohammed 614 und 615 mehrere gefährdete Familien seiner engsten Anhänger, darunter auch seine beiden späteren Ehefrauen Umm Habiba und Umm Salama heimlich aus Mekka nach Äthiopien in Sicherheit bringen ließ. Dies wird als die erste Hidschra (Flucht) aus Mekka bezeichnet. Der in Mekka herrschende Stamm der Quraisch, der enge Handelsbeziehungen nach Äthiopien unterhielt, verlangte darauf am Hof in Axum die Auslieferung dieser Flüchtlinge. Der König von Axum lehnte dies jedoch ab und gewährte den Moslems sichere Zuflucht. Dies soll Mohammed später veranlasst haben zu verkünden, dass das christliche Äthiopien von der gewaltsamen Verbreitung des Islam mit Feuer und Schwert ausgenommen bleiben soll.
Aufgrund der jahreszeitlich sehr ungewöhnlichen Regenfälle der letzten Tage überqueren wir einen reißenden Fluss bei Jewaha.







Mittagspause in Ataya. Wir laufen die Hauptstraße entlang. Schon bei der Einfahrt ist uns ein Militärposten aufgefallen. Jetzt sehen wir in kurzem Abstand im Ort zwei weitere Militärposten. Auch einige bewaffnete Zivilisten sind unterwegs. Wir kehren um und setzen uns doch ins Lokal und trinken etwas. Wir erfahren, dass es die letzte Tage auch in Ataya Unruhen gegeben hat. Daher die hohe Militärpräsenz.
Während wir so mit Blick auf die Straße dasitzen hält vor dem Lokal ein alter Mercedes-LKW. Den nehmen wir natürlich genauer unter die Lupe. Mit viel Kreativität wurde der Laster immer wieder repariert.



Am Nachmittag fahren wir weiter bis Kombolcha und bauen unser Rotel beim Hotel Sunnyside auf.





Nachts regnet es schon wieder.
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20 Jan 2020 19:28 #577926
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24.11.2019 Auf nach Lalibela
Am Morgen geht es nach Kombolcha sofort steile Serpentinen nach oben. Zunächst haben wir noch einen tollen Blick zurück ins sonnige Tal. Aber als wir höher kommen, tauchen wir in die tiefhängenden Wolken ein.



Immer wieder gibt es kurze Regenschauer.











Bei einer Buschpause am Vormittag kommen vom Berghang einige Bauern mit ihren Kühen und einem Dromedar zu uns herunter, während wir noch unsere Blase erleichtern.
Ich blicke zu einem der Bauern und zucke lachend mit den Schultern. Er lacht zurück. Ja, auch die Ferenji (Fremden) müssen mal pinkeln. Das Eis ist gebrochen. Meine Bitte um ein Foto wird freudig bejaht.









Danach stellen wir noch fest, das ich viel weniger Haare auf dem Kopf haben als einer der Bauern. Wer den Schaden hat, braucht nicht für den Spott zu sorgen.



Zwei junge Frauen unterhalb auf einem Feld winken uns zu. Auch sie lassen sich gerne fotografieren.





Wir sind jetzt im Gebiet der christlichen Amharen. Und was soll ich sagen: Uns kommen die Menschen hier viel entspannter und fröhlicher vor.
Wir bleiben bis Weldiya auf der A2 und machen dort im Lal-Hotel Mittagspause.



Wieder laufen wir etwas die Straße auf und ab. Wir möchten geröstetes Sorghum (die größte Hirseart) kaufen, das geschmacklich an Popcorn erinnert. In einem kleinen Laden versuchen wir uns mit Händen und Füßen verständlich zu machen, da wir leider die Bezeichnung des „Popcorns“ nicht kennen. Irgendwie begreift der Inhaber, was wir wollen, hat es aber nicht. Er nimmt uns am Arm und führt uns in den Nachbarladen. Dort liegt das Objekt unserer Begierde in der Auslage. Danach kaufen wir noch Wasser und nahe am Hotel an einem Straßenstand Bananen zum Ferenji-Preis. Trotz hartnäckigen Handeln unsererseits zahlen wir letztlich zu viel (wie wir durch ähnliche Käufe an anderen Tagen merken). Wir zahlen für 6 Bananen nicht die geforderten 50, sondern nur 35 Birr. 1 Euro entspricht etwas 32 Birr. Später zahlen wir für 4 Bananen ehrlichere 15 Birr. Letztlich tun uns die Ferenji-Preise nicht wirklich weh. Es geht immer nur um Cent-Beträge für uns. Der Birr hat in den letzten 10 Jahren unglaublich an Kaufkraft gegenüber dem Euro verloren. Vor 10 Jahren bekam man für 1 Euro etwas 12 Birr, heute rund 33 Birr !

Anhang:
Letzte Änderung: 02 Feb 2020 17:28 von CrocV.
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20 Jan 2020 19:37 #577930
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Wir biegen nach der Mittagspause auf die B52 ab. Diese führt gen Westen und würde uns bis zum Tana-See bringen. Wir biegen aber in Gashena auf eine unbefestigte Sandpiste ab. Ehrlich gesagt, bei uns würde man sagen: Ein schmaler Feldweg. Das ist die Straße nach Lalibela ! Auf einer kurvenreichen Piste geht es jetzt mit teils spektakulären Ausblicken auf einer steilen Serpentinenstraße am Hang eines langen Bergtals immer höher hinauf. Die Hänge des Tals sind mit terrassierten Teff-Feldern überzogen. Ein atemberaubender Anblick.



















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20 Jan 2020 19:49 #577933
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Oben sind wir einige Zeit auf einer Hochebene mit vielen Rundhütten und Gehöften unterwegs.

















Dann geht es wieder in steilen Serpentinen bergab.
Dunkle Wolken ziehen auf. Wir fahren durch einen doppelten Regenbogen und erreichen gerade noch rechtzeitig den bereits asphaltierten Teil der Straße, bevor wieder ein starker Regenschauer einsetzt.









Als es schon dunkel wird, erreichen wir das Seven Olives Hotel in Lalibela. Hier werden wir 3 Nächte verbringen. Nach der langen Anreise gönnen wir uns 2 volle Tage in Lalibela. Und hier werden wir auch jeweils im Hotel frühstücken. Die Rotelküche bleibt also auch morgens zu.
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