Hallo Ngala,
ich bereise nun seit über 40 Jahren Südwest bzw. Namibia. Ich habe viele Himbafamilien in dieser Zeit kennengelernt. Eine Gemeinschaft besuche ich auch regelmäßig, eine andere bei Epupa nur wenn ich vorbei komme (zuletzt Anfang September). Letztere schickt die Kinder zur Schule, diese tragen Schuluniformen bzw. teilweise westliche Kleidung während die Eltern traditionell gekleidet sind. Die Dorfvorsteherin ist eine sehr stolze Frau und sich ihrer Traditionen sehr bewußt. Der Spagat zwischen Schulbildung und westlichen Verlockungen und der Beibehaltung traditionellen Lebens ist sehr groß.
Die andere Gemeinschaft lebt vollständig traditionell. Ein Schulbesuch der Kinder wird abgelehnt. Sie müßten die Gemeinschaft verlassen, die den Bewohnern aber fast alles bietet, was sie zum traditionellen Leben brauchen. Ich habe mehrfach dort übernachtet (das Angebot in der Hütte zu schlafen aber immer abgelehnt und statt dessen mein Zelt aufgebaut). Die Gespräche am Feuer haben mit tieferen Einblick in den Stolz und die feste Überzeugung der Überlegenheit der eigenen Traditionen gegenüber dem "modernen" Leben mit den Verführungen von Alkohol Cell Phone und Drogen gegeben. Seit einigen Jahren schickt die zuständige Primary School eine Hererolehrerin in die Gemeinschaft, die unter einem Ahnenbaum die Kinder unterrichtet. Viele älter Schwestern und Mütter sitzen dann in etwas Abstand dabei und verfolgen den Unterricht mit. Es ist aber der einzige Fall, bei dem ich diese Lösung bisher gesehen habe. Ansonsten werden die Kinder gezwungen einen teilweise weiten Schulweg auf sich zu nehmen. Meist wird auch auf Schuluniformen bestanden, was die Schwelle zum Schulbesuch nochmal erhöht.
Dass die Kinder zur Schule gehen (sofern die Eltern das Schulgeld bezahlen können) haben wir mit eigenen Augen gesehen,
Da Ngala im zweiten Post auf die Schulgebühren abhebt, hat mir seinen Sachverstand nochmal verdeutlicht. Immerhin wurden die Schulgebühren der Primary Schools 2013 (zumindest auf dem Papier) abgeschafft. Lokal werden Materialien wie workbooks aber weiterhin nur gegen Bezahlung ausgegeben. Die eigentlichen Kosten entstehen durch die Notwendigkeit einer Unterbringung im Internatsbereich der Schulen, weil ein täglicher Schulweg auf Grund der Entfernungen nicht realisierbar ist.
In all dieser Zeit habe ich viele Bedarfe bei den von mir besuchten Himba-Familien feststellen können. Einen Bedarf an Solarlichtern habe ich dabei aber nie, auch nicht ansatzweise feststellen können. Das lesende Schulmädchen im Himbadorf halte ich für absolut weltfremd, allenfalls im urbanen Randbereich vorstellbar.
Hier werden mal wieder westliche Lebensvorstellungen einer naturnah leben Ethnität übergestülpt, ohne jede Rücksicht auf wirkliche Lebensbedingungen. Es gibt sicher viele Möglichkeiten traditionell lebenden Himbas zu helfen. Der Ankauf traditionellen Schmucks wäre einer davon. Ein sensibler und akzeptierender Umgang mit den Lebensvorstellungen ein anderer. Aber ein Übertragen westlicher Vorstellungen in eine traditionelle Gemeinschaft tut mir im Herzen weh.
Ich will da keine Polemik rein bringen, deshalb habe ich auch nicht auf Reiseklaus reagiert. Aber Hilfe ohne Verständnis für diese Ethnität ist leider keine Hilfe. Es geht nicht darum, wie wir Deutsche oder Schweizer Bürger uns besser fühlen sondern darum, was es vor Ort anrichtet oder verändert.
Viele Grüße
jaw