1.1.2024: Vogel in Not
An Neujahr frühstückten wir in Ruhe auf der Gartenterrasse und harrten der Dinge, die da vielleicht kommen würden. Um halb neun rief Peter an, er sei demnächst da, um uns abzuholen. Er hatte tatsächlich einen Anruf der Guides in Mabamba bekommen, ein Schuhschnabel sei soeben eingeflogen.
Nach meinen dilettantenhaften Berechnungen waren es von unserem Frühstückstisch bis in den Sumpf fast 90 Minuten netto. Ich fragte mich also, wie es möglich sein sollte, dass der Vogel so lange dort verharren würde. Aber ich hatte natürlich Vertrauen in die Profis und so packte ich einfach nur schnell meine Siebensachen zusammen.
Es war wieder ein grau-verhangener Morgen, und als ich am Parkplatz bei den Booten aus dem Wagen ins Gras hinunterhüpfte, stand ich plötzlich bis über beide Knöchel im Wasser. So durchnässt wie sie waren, zog ich Schuhe und Socken aus und setzte mich barfuß ins Boot, sehr kühl war es ja nicht.
Peter hatte vorgesorgt und diesmal nach einem schnelleren Boot gefragt, wir durchbrachen zwar nicht gerade die Schallmauer, waren aber immerhin doppelt so flott unterwegs wie am Vortag. Die Pied Kingfisher waren wieder treue Begleiter.
Nach knapp 40 Minuten wechselten wir beim Sumpf in eins der kleineren Boot, das diesmal in den Händen von Ismael war, dem Vater des jungen Guides am Vortag.
Ismael ist eine Instanz bei den Shoebill-Touren in Mabamba, genau genommen ist er sogar einer der Gründerväter. Die Dorfbewohner, die vom Fischfang leb(t)en, hatten einst Jagd gemacht auf den riesigen Storch, denn sie konkurrierten mit dem Vogel um sein Leibgericht Lungfish, der in Uganda Mamba heißt. Schließlich aber erkannten die Einheimischen nicht zuletzt den wirtschaftlichen Nutzen des Schuhschnabel und boten touristische Touren an, die eine wichtige Einnahmequelle für die Community sind - und dem Vogel wohl das Überleben sicherten.
Zielgerichtet ließ Ismael den Bootsführer eine bestimmte Stelle im Sumpf ansteuern, und dann sahen wir das große Tier einfach so in der Landschaft herumstehen. Wahnsinn, da war er also, der Schuhschnabel. Ich konnte es kaum fassen und schaute vorsorglich dreimal hin.
Wir hielten großen Abstand, Ismael war sehr erpicht darauf. Nun wurde mir klar, weshalb wir uns nicht sonderlich hatten beeilen müssen: Hat sich der Shoebill erst einmal eine Stelle für sein Tagwerk ausgesucht, kann er stundenlang praktisch bewegungslos verharren. Nur die Lider klimperten ab und zu wie in Zeitlupe. Genau wie in der Augsburger Puppenkiste.
Wir blieben eine gute halbe Stunde, die Ismael auch dafür nutzte, seine Autorität stumm zum Ausdruck zu bringen. Fuhr eins der nachkommenden Boote für sein Gefühl zu nah an das Tier heran, rief er die Guides mit einer leisen Handbewegung zurück. Es war aber spürbar, dass sie mit den Hufen scharrten und die unsichtbare Barriere eigentlich gern überwinden wollten.
Als wir den Schuhschnabel verließen, fuhren wir auf direktem Weg zum größeren Boot zurück. Keine Fahrt durch den Sumpf an diesem Tag, wir hatten die Tour nicht extra gebucht und mussten auch nicht dafür bezahlen, weil sie eher als Ausgleich für den Vortag zu verstehen war. Wir hatten nichts davon geahnt, freuten uns über die unverhoffte zusätzliche Gelegenheit und drückten Ismael ein dickes Trinkgeld in die Hand. Der Abschied von Mabamba fiel uns leicht, denn schon am nächsten Tag würden wir wiederkommen. Und am Ende der Reise sogar noch einmal.
Auf dem Rückweg zum Anleger in Entebbe dösten wir ein wenig vor uns hin, so richtig spannend war die Überfahrt auf Dauer eher nicht. Thomas zeigte auf einen Egret auf einer der vielen im Wasser treibenden Pflanzen, die eingeschleppt worden sind und regelmäßig von Booten eingesammelt werden müssen, damit sie nicht den gesamten See zuwuchern. Eine echte Plage.
Meine Augen blieben allerdings eher an einer Bewegung auf einem Pflanzen-Inselchen direkt (von uns aus) links daneben hängen. Dort bewegte sich etwas in relativ regelmäßigen Abständen auf und ab und mir schwante nichts Gutes. Ich machte Peter darauf aufmerksam, wir steuerten dorthin und sahen schnell, es war ein Vogel in größter Not.
Wir hielten neben dem Graureiher, der sich verzweifelt aus etwas zu befreien versuchte, und Peter und der Bootsführer hievten den Vogel ins Boot. Unglaublich, wie groß so ein Reiher aus nächster Nähe ist - wenn auch in jämmerlicher Verfassung. Das arme Tier hatte sich nicht nur hoffnungslos in einer ganzen Reihe von Angelschnüren verstrickt, die wir nun vorsichtig mit Peters Messer lösten, sondern auch noch einen Fisch samt Haken verschluckt, der sich durch seine Zunge und seinen Schlund gebohrt hatte. Ein schrecklicher Anblick, und während sich meine Gedanken noch jagten, löste Peter gemeinsam mit dem Bootsführer in einer komplizierten OP den Haken heraus.
Dann reichte er mir das Messer und ich fischte das verhängnisvolle und von Schnüren umwickelte Grünzeug aus dem See. Ich wunderte mich, wie schwer das war und sah gleich darauf, warum: Ich hob nicht nur die wenigen Pflanzen an, sondern auch hunderte Meter von Nylonschnur mitsamt an Haken befestigten glitzernden Fischen, kreuz und quer durch den See gespannt. Alles Lockmittel, um größere Fische zu fangen, tatsächlich aber hatte der Vogel nach einem der Köder geschnappt und damit sein Schicksal fast besiegelt.
Ich blickte einmal kurz zu Peter und kappte dann die Leinen, die mitsamt den Ködern langsam auf den Grund sanken. Irgendein Fischer würde sich in den nächsten Tagen maßlos ärgern, aber wir konnten das Wirrwarr an Pflanzen und Schnüren so nicht lassen, eine tödliche Falle für die vielen Seevögel am Lake Victoria.
Der Reiher war komplett durchweicht und geschwächt, hatte vielleicht schon tagelang einen aussichtslosen Kampf gegen einen unüberwindlichen Feind geführt. Er blutete am Schnabel und am Hals, konnte aber stehen. Immerhin war nichts gebrochen, kein Bein und kein Flügel, und als die Männer ihn losließen, huschte er panisch erst unter unserer Sitzbank hindurch zum anderen Ende des Bootes und schaffte es dann mit einem wackeligen Sprung auf die Reling.
Von dort beäugte er uns skeptisch und wich so weit wie möglich vor uns davon, startete aber keinen Flugversuch. Es hätte auch nicht geklappt. Die Menschen am Ufer staunten nicht schlecht, als wir mit dem Graureiher als Galionsfigur auf den Strand zu- und dann daraufsausten.
Der Vogel versuchte von Bord zu fliegen, landete aber auf der Nase, er rappelte sich auf und suchte Schutz hinter den parkenden Autos. Mich nahm das alles ziemlich mit und wir rätselten, ob das Tier mit dem malträtierten Hals wohl eine Überlebenschance hätte. Wir ließen einen Fisch zurück und hofften das Beste, Peter war einigermaßen zuversichtlich.
Gedankenverloren fuhren wir zurück zur Unterkunft, wo wir den Nachmittag wieder in Ruhe am Pool verbrachten. Mein Bedarf an Aufregung war gedeckt. Wie schon am Vortag setzte sich mittags die Sonne durch.
Black-headed Gonolek
Ein junges Paar war angekommen, sie waren schon am Ende ihrer Reise und erzählten begeistert vom Gorillatrekking. Die netten Gespräche brachten uns auf andere Gedanken, doch ich fand schlecht in den Schlaf - und war damit nicht alleine, wie sich am nächsten Tag herausstellen sollte.